Wann sind Substantive verblasst?

Warnung: Die Antwort ist eher unbefriedigend.

Frage

ich stolperte unlängst über die Regel K54 im Duden, in der von „verblassten Substantiven“ die Rede ist. Ist dieses Erkennen von „verblassten“ Substantiven ein Bauchgefühl, also letztendlich eine Erkennungskompetenz, oder gibt es eine echte Regel, nach der man „verblasste Substantive“ erkennen und identifizieren kann?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

verblasste Substantive sind wahrscheinlich ein Gräuel für diejenigen, die exakte Regeln mögen. Eine eindeutige Regel, wann ein Substantiv als verblasst angesehen und kleingeschrieben resp. mit einem Verb zusammengeschrieben werden muss, gibt es nämlich nicht. Allgemein wird gesagt, dass verblasste Substantive ihre selbstständigen Worteigenschaften verloren haben oder nicht mehr als Substantive erfahren werden. Ein paar (vage) Indizien:

  • Sie stehen immer ohne Artikel oder andere Begleitwörter.
  • Sie haben in bestimmten Wendungen nicht die gleiche Bedeutung, wie bei „normaler“ Verwendung.
  • Die Verbindung mit einem verblassten Substantiv hat eine andere Bedeutung als die „Summe der Bedeutungen ihrer Elemente“.

Zum Beispiel: Mit heimgehen ist nicht das/ein Heim gehen gemeint. Bei teilnehmen ist die Bedeutung nicht den/einen Teil nehmen, sondern (einen) Anteil nehmen (vgl. die Schreibung Anteil nehmen). Wenn man pleite ist, ist man nicht die Pleite, sondern hat man (die) Pleite gemacht.

Andere Beispiele:

kopfrechnen
standhalten – Wie lange halten sie noch stand?
wundernehmen – Es nimmt mich wunder, was genau passiert ist.

Das Buch ist klasse/spitze.
Wer ist schuld daran?
Das ist mir wurst.

Der Gong wird abends um sechs Uhr geläutet.
Es ging anfangs noch ganz gut.
Wer kann mir notfalls helfen?

Sie bereute es zeit ihres Lebens.
dank deiner finanziellen Hilfe

Es waren nur ein paar Leute da.
Ich finde es ein bisschen schwierig.

Vgl. auch hier und hier.

Wie die oben stehenden, wenig präzisen Anhaltspunkte schon vermuten lassen, ist der Übergang von selbstständig zu „verblasst“ fließend. Entsprechend muss auch ich bei solchen Wörtern regelmäßig nachschauen, ob sie nun offiziell groß- oder kleingeschrieben werden. Diesen Übergang gibt es sogar „offiziell“. So sind bei den folgenden Verbindungen beide Schreibungen korrekt, weil sie als Zusammensetzung mit einem verblassten Substantiv, aber auch als Verbindung mit einem selbstständigen Substantiv gesehen werden können:

Acht geben / achtgeben
Acht haben / achthaben
Halt machen / haltmachen
Maß halten / maßhalten

Da es keine eindeutige Regel gibt (und geben kann), bleibt eigentlich nur, auf seine Intuition zu vertrauen, sich die schwierigeren Fälle zu merken und notfalls im Wörterbuch nachzuschlagen. Einfacher kann ich es leider auch nicht machen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Redefluss der Schildkröte und die Anführungszeichen

Frage

Meine 11-jährige Tochter schreibt immer wieder Geschichten, in denen Personen mehrere Sätze hintereinander in wörtlicher Rede sprechen. Kann man das wie folgt schreiben:

„Du musst mir helfen. Sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr“, sagte die Schildkröte.

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

dieser Fall ist unüblich, das heißt, es kommt selten vor, dass der Begleitsatz einer wörtlichen Wiedergabe folgt, die aus mehreren Sätzen besteht. Es ist dann meistens besser, den Begleitsatz vor die wörtliche Wiedergabe zu stellen oder sie nach dem ersten Satz oder einem Teil davon einzufügen. Zum Beispiel:

Begleitsatz vorangestellt:
Die Schildkröte sagte: „Du musst mir helfen. Sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr.“
Die Schildkröte sagte: „Du musst mir helfen, sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr!“

Begleitsatz eingebettet:
„Du musst mir helfen“, sagte die Schildkröte. „Sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr.“
„Du musst mir helfen“, sagte die Schildkröte, „sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr!“

Wenn man aber trotzdem mehr als einen Satz vor den Begleitsatz stellen will (z. B. um zu unterstreichen, wie gehetzt der Redefluss der Schildkröte ist), sollten die Satzzeichen so gesetzt werden, wie Sie es in Ihrem Beispiel tun:

Begleitsatz nachgestellt:
“Du musst mir helfen. Sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr”, sagte die Schildkröte.
“Du musst mir helfen, sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr!”, sagte die Schildkröte.

Man könnte die Beschreibung noch verfeinern, aber das ginge mir hier etwas zu weit. Viel wichtiger als eine auch in Sonderfällen bis ins Detail geregelte Interpunktion finde ich, dass Ihre Tochter Geschichten schreibt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Die allgemeinen Regen für die Anführungszeichen finden Sie hier.

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Anglizismus des Jahres und (ausnahmsweise) Wort der Woche

Die Zeit der Wörter des Jahres ist wieder angebrochen. Auch dieses Jahr weise ich nur auf einen dieser Beautycontests hin: Die Wahl des Anglizismus des Jahres ist (schon seit einem Weilchen) eröffnet. Bis zum 21. Dezember können auch Sie Ihre Kandidaten hier vorschlagen.

Bei Canoonet gibt es keine Wörter des Jahres. Ich möchte aber ausnahmsweise einmal mein persönliches Wort der Woche vorstellen, weil ich es so schön finde und weil es zeigt, wie flexibel die deutsche Wortbildung sein kann. Das Wort der Woche ist:

kühlschrankgroß

Überall wurde in den Nachrichten und in den Zeitungen berichtet, dass die kühlschrankgroße Landesonde oder der kühlschrankgroßen Kometenlander Philae auf einem Kometen gelandet ist, der den nur für erfahrene Präsentatoren und Präsentatorinnen nach mehrmaligem vorherigem Üben aussprechbaren Namen Tschurjumow-Gerassimenko trägt (ein guter Kandidat für den Namen der Woche, wenn es den denn gäbe).

Das Wort ist nicht neu – als zum Beispiel die Handys immer kleiner wurden, nannte man ältere Modelle gerne einmal kühlschrankgroß –, aber es zeigt schön die Flexibilität der deutschen Wortbildung. Wenn etwas so groß wie ein Kühlschrank ist, dann ist es kurz gesagt kühlschrankgroß. Und jedes Mal, wenn man den Kühlschrank als Vergleichsgröße benötigt, kann man dieses Wort wieder neu bilden, ganz gleich ob es jemals im Wörterbuch gestanden hat oder stehen wird.

Wenn wir schon dabei sind, hier noch weitere Beispiele:

erbsengroß – so groß wie eine Erbst
bärenstark – so stark wie ein Bär
fingerlang – so lang wie ein Finger
papierdünn – so dünn wie Papier

Der Flexibilität sind übrigens kaum Grenzen gesetzt, denn solche Zusammensetzungen bedeuten bei Weitem nicht immer „so x wie Y“:

schulterlang – lang bis auf die Schultern
ideenreich – reich an Ideen
tränennass – nass von Tränen
wasserdicht – dicht in Bezug auf Wasser
bettreif – reif fürs Bett
idiotensicher – so sicher, dass auch Idioten risikolos damit umgehen können
usw. usw. usw.

Und damit auch der „Dr. Bopp“ in mir noch zum Zuge kommt: Vergessen Sie nicht, dass solche Bildungen klein- und zusammengeschrieben werden!

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So viele Konjunktive!?

Frage

Was hat es mit dem Konjunktiv Plusquamperfekt auf sich? Ich bin da über ein Beispiel gestolpert (der Satz ist nicht von mir):

Hätte ich die Wäsche bügeln können, wenn du sie aufgehängt hättest?

„Hätte ich die Wäsche bügeln können“ wird als Konjunktiv Plusquamperfekt bezeichnet. Für mich ist das nichts anderes als ein ganz normaler Konjunktiv 2 (mit Modalverb in diesem Fall). Ich verstehe nicht, warum das Konjunktiv Plusquamperfekt sein soll.

Antwort

Sehr geehrte Frau I.,

bei den Namen für grammatische Phänomene ist vieles oft nicht ganz so klar, wie wir es gerne hätten. Das ist auch bei etwas – auf den ersten Blick – so Einfachem wie den Namen für die Konjunktivformen des Verbs der Fall: Es werden mehr Namen verwendet, als es Formen gibt.

Einerseits gibt es die „klassischen“ Namen, die sich rein an der Form orientieren und oft wenig bis nichts mit der eigentlichen Verwendung der Formen zu tun haben. Dazu gehört der Name Konjunktiv Plusquamperfekt. Daneben gibt es die Begriffe Konjunktiv I und Konjunktiv II. Sie umfassen jeweils eine bestimmte Gruppe von Verbformen, die in bestimmten Zusammenhängen und Satzarten verwendet werden: der Konjunktiv I zum Beispiel in der indirekten Rede, der Konjunktiv II zum Ausdruck von allerlei „Irrealem“ (siehe hier).

Man kann die „klassischen“ Namen wie folgt über die Begriffe Konjunktiv I und II verteilen:

Konjunktiv I
Konjunktiv (I) Präsens: er gehe / er spreche
Konjunktiv (I) Perfekt: er sei gegangen / er habe gesprochen
Konjunktiv I Futur I: er werde gehen / er werde sprechen
Konjunktiv I Futur II: er werde gegangen sein / er werde geprochen haben

Konjunktiv II
Konjunktiv (II) Präteritum: er ginge / er spräche
Konjunktiv (II) Plusquamperfekt: er wäre gegangen / er hätte gesprochen
würde-Formen

Konjunktiv II Futur I: er würde gehen / er würde sprechen
Konjunktiv II Futur II: er würde gegangen sein / er würde gesprochen haben

Wenn keine weiteren Angaben gemacht werden, ist übrigens mit Konjunktiv I häufig einfach der Konjunktiv Präsens (er gehe) und mit Konjunktiv II einfach der Konjunktiv Präteritum (er ginge) gemeint.

Eine andere Art, die Zeitformen zu benennen, die im Unterricht häufiger verwendet wird, ist diese:

Konjunktiv I Gegenwart: er gehe / er spreche
(= Konjunktiv Präsens)
Konjunktiv I Vergangenheit: er sei gegangen / er habe gesprochen
(= Konjunktiv Perfekt)
Konjunktiv I Zukunft: er werde gehen / er werde sprechen
(= Konjunktiv I Futur I)

Konjunktiv II Gegenwart: er ginge / er spräche
(= Konjunktiv Präteritum)
Konjunktiv II Vergangenheit: er wäre gegangen / er hätte gesprochen
(= Konjunktiv Plusquamperfekt)

Ersatzformen mit “würde”
würde-Form Gegenwart: er würde gehen / er würde sprechen
(= Konjunktiv II Futur I)
würde-Form Vergangenheit: er würde gegangen sein / er würde gesprochen haben
(= Konjunktiv II Futur II)

Die würde-Formen sind meist Ersatzformen für die „eigentlichen“ Konjunktiv-II-Formen. Sie werden im heutigen Deutschen immer häufiger verwendet und einige bezeichnen sie bereits als Konjunktiv III.

So viele Namen und so viele Formen! Viel einfacher kann ich es leider auch nicht machen, aber wenn man sich nicht allzu sehr durch die Vielfalt der Namen beeindrucken lässt, ist es gar nicht so kompliziert. Ein ganz anderes Kapitel ist natürlich die Verwendung des Konjunktivs. Doch davon soll hier nicht auch noch die Rede sein, denn dann wird es wirklich kompliziert!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Von Mauer, Wall und Wand

Das Wort Mauer, das man dieser Tage sehr häufig hört und liest, stammt von den Römern, denn von ihnen lernte man nördlich der Alpen das Mauern mit Steinen. Es ist ein in den (west)europäischen Sprachen weitverbreitetes Wort. In den romanischen Sprachen findet man es fast überall in der Form mur, muro oder muru (z. B. Französisch, Italienisch, Okzitanisch, Portugiesisch, Rätoromanisch, Spanisch). Die meisten germanischen Sprachen haben es in der Form mur, muur, muorre, Mauer o. Ä als Lehnwort übernommen (z. B. Dänisch, Deutsch, Friesisch, Niederländisch, Norwegisch, Schwedisch). Auch außerhalb dieser beiden Sprachfamilien (z. B. Polnisch, Finnisch) hat das Lateinische murus Nachkommen.

Ein auffallender Außenseiter ist hier das Englische. Obwohl es mit den germanischen Sprachen verwandt ist und einen großen Teil seines Wortschatzes aus der romanischen Sprache Französisch übernommen hat, verwendet man jenseits des Ärmelkanals ein anderes Wort für Mauer: wall. Dieses Wort ist natürlich mit unserem Wall verwandt. Bevor Sie nun aber denken, dass hier urgermanische Wortsubstanz überlebt hat: Wall stammt ebenfalls aus dem Lateinischen. Mit vallum wurde die Gesamtheit der Palisaden auf einem Schanzwall bezeichnet, der ein Lager umgab (zu vallus = Pfahl). Während wir im Deutschen vallum in der Form Wall heute für den unteren Teil dieser Konstruktion, die Erdaufschüttung, verwenden, hat das Englischen den Mauercharakter des oberen Teils, der Palisaden, übernommen und weitergeführt.

Bei murus hingegen ist kaum eine Bedeutungsveränderung festzustellen. Die Römer bezeichneten mit diesem Wort eine Mauer aus Steinen und das tun wir in all den genannten Sprachen auch heute noch. In vielen Sprachen hat es auch die Bedeutung Wand im Sinne von „senkrechte Abgrenzung eines Gebäudes oder Gebäudeteils“ erhalten. Das bringt mich zu Wand, dem Wort, das mich hier am meisten erstaunt hat. Ich hatte mich nämlich noch nie gefragt, woher es kommt. Das liegt vielleicht daran, dass die Antwort gleichzeitig so nah und doch ziemlich weit entfernt liegt. Es ist direkt mit dem Verb winden (wand, gewunden) verwandt. So viel zur Nähe. Für die Antwort darauf, wie es mit winden verwandt ist, müssen wir etwas weiter zurückgreifen: In der Zeit, bevor die Germanischsprechenden Mauern bauten, wurden Wände aus Zweigen gewunden oder geflochten und dann mit Lehm bestrichen.

Mauer und Wall stammen also von den Römern, Wand aus dem Germanischen. Wichtiger als die Herkunft dieser Wörter ist aber, dass Wände, Wälle und Mauern vor allem schützen statt einsperren oder ausgrenzen sollten.

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Ein Grenzfall der Konjugation: Wenn ich oder mein Kind krank …

Wenn ein Satz ein mehrteiliges Subjekt hat und die Subjektteile mit oder verbunden sind, wird es oft ziemlich holprig. Das findet auch Frau G.

Frage

Wer kann mir weiterhelfen, wie ich folgenden Nebensatz richtig formuliere?

Wenn ich oder mein Kind krank ist …

Mich stört hier das Verb „ist“, würde in diesem Fall auch „sind“ passen?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

die Form sind ist hier nicht üblich. Sie steht dann, wenn die beiden Teile des Subjekts mit und verbunden sind:

Wenn ich und mein Kind (= wir) krank sind …

Wenn die Subjekteile mit oder verbunden sind, ist diese Zusammenziehung zu wir nicht möglich.

Möglich ist die Form ist:

Wenn ich oder mein Kind krank ist …

Bei einer solchen Verbindung mit oder richtet sich das Verb in der Regel nämlich nach dem Subjektteil, der ihm am nächsten steht. Weitere Beispiele:

Wenn deine Schwester oder du etwas gesagt hättest …
Wenn du oder deine Schwester etwas gesagt hätte …

Sie oder Ihr Rechtsvertreter wird rechtzeitig informiert.
Ihr Rechtsvertreter oder Sie werden rechtzeitig informiert.

Solche Sätze klingen aber oft ziemlich seltsam oder unnatürlich. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Verbform ist des Beispielsatzes in Ihrer Frage Sie stört. Aus diesem Grund ist es oft besser, auf eine andere Formulierung auszuweichen. Zum Beispiel:

Wenn jemand von uns – ich oder mein Kind – krank ist …
Wenn ich krank bin oder mein Kind es ist …

Wenn eine von euch, du oder deine Schwester, etwas gesagt hätte …
Wenn du und deine Schwester nicht geschwiegen hätten …

Man wird Sie oder Ihren Rechtsvertreter rechtzeitig informieren.
Wir informieren Sie oder Ihren Rechtsvertreter rechtzeitig.

Siehe auch diese Seite unter „Zwei verschiedene Personen mit oder“.

Manchmal stößt man in der Grammatik an die Grenzen des Möglichen. Die Regel kennen ist dann gut, flexibel und einfallsreich formulieren aber besser!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Kurzurlaub

Bis zum 4. November bin ich im Urlaub und erlaube mir dabei den Luxus der (relativen) Unerreichbarkeit. Zögern Sie aber nicht, allfällige Kommentare oder Fragen trotzdem zu schicken. Vom 5. November an werde ich versuchen, sie so schnell wie möglich zu beantworten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Für sich selbst oder für einen selbst?

Frage

Wie wird am besten und vor allem richtig formuliert?

Als Kissen ist es ein wunderbares Geschenk für andere oder für einen selbst.

oder

Als Kissen ist es ein wunderbares Geschenk für andere oder für sich selbst.

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

richtig ist hier einen:

Als Kissen ist es ein wunderbares Geschenk für andere oder für einen selbst.

Das Reflexivpronomen sich wird dann verwendet, wenn es mit dem Subjekt des Satzes identisch ist. Das Subjekt ist hier aber nicht man, sondern es (das Kissen). Deshalb steht nicht das Reflexivpronomen sich, sondern das Indefinitpronomen einen. Der Akkusativ einen vertritt hier man, das ja nur im Nominativ verwendet werden kann.

Das heißt jetzt aber nicht, dass unpersönliches für sich selbst immer vermieden werden sollte. Ganz im Gegenteil! Man verwendet in unpersönlichen Formulierungen dann sich selbst, wenn auch bei persönlichen Formulierungen sich selbst steht, also wenn es mit dem Subjekt identisch ist:

Er kauft das Kissen für sich selbst.
Sie kauft das Kissen für sich selbst.
Man kauft das Kissen für sich selbst.

In unpersönlichen Formulierungen steht dann einen selbst (oder im Dativ einem selbst) wenn in persönlichen Formulierungen das Personlapronomen steht:

Es ist ein wunderbares Geschenk für andere oder für ihn selbst.
Es ist ein wunderbares Geschenk für andere oder für sie selbst.
Es ist ein wunderbares Geschenk für andere oder für einen selbst.

Er behält es, weil es ihm selbst so gut gefällt …
Sie behält es, weil es ihr selbst so gut gefällt …
Man behält es, weil es einem selbst so gut gefällt …

… und weil er/sie/man sich selbst ja sonst nichts gönnt.

Zum Schluss noch eine Bemerkung ganz anderer Art: Es ist im Rahmen einer geschlechtergerechteren Formulierung immer wieder überlegenswert, ob es nicht auch anders als mit den männlichen Formen einen und einem gesagt werden kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Zweideutigkeiten

Frage

Ich habe folgenden Satz:

Ich freue mich, weil ich Ihre Arbeit als Ärztin kennenlernen durfte.

Ist dieser Satz zweideutig zu verstehen? Einmal so, dass „Arbeit“ zum Substantiv „Ärztin“ gehört und einmal so, dass das „Ich“ im Satz Ärztin ist? Ist dieser Satz stilistisch falsch gewählt?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

der Satz, den Sie zitieren, ist ohne weiteren Kontext tatsächlich nicht eindeutig. Die als-Gruppe als Ärztin kann sich sowohl auf ihre Arbeit als auch auf ich beziehen.

Der Satz muss deswegen aber nicht als stilistisch schlecht angesehen werden. Im Normalfall ist aus dem weiteren Kontext eindeutig ersichtlich, was genau gemeint ist. Je nachdem ob zum Beispiel eine Ärztin eine Jugendarbeiterin besucht oder ob eine Journalistin mit einer Ärztin gesprochen hat, ist klar, ob die Ich-Person oder die andere Person Ärztin ist.

Wirklich zweideutig ist der Satz also nur dann, wenn in einem bestimmten Kontext beide Personen Ärztinnen sind oder sein können. Dann empfiehlt es sich, anders zu formulieren. In allen anderen Fällen gibt es nichts gegen diese Formulierung einzuwenden.

Zweideutigkeit kommt in der Sprache an allen Ecken und Enden vor. In den meisten Fällen gibt der Satzzusammenhang oder unsere Kenntnis der Welt problemlos an, was gemeint ist. Wenn wir immer eindeutig formulieren wollten oder müssten, wäre ein normales Gespräch oder ein normal lesbarer Text nicht möglich (siehe juristische Texte, die versuchen, möglichst eindeutig zu formulieren …).

Hier zur Veranschaulichung ein paar ungeordnete Beispiele:

Ich bleibe ein Weilchen auf der Bank liegen.
Ich habe mein Geld auf der Bank liegen.

Es ist eindeutig, wo die Sitzbank und wo das Geldinstitut gemeint ist.

Der Schlüssel steckt im Schloss.
Es wohnt niemand mehr im Schloss.

Auch hier ist sofort deutlich, von welcher Art Schloss die Rede ist. Im folgenden Satz ist etwas mehr Kontext notwendig, um genau zu verstehen:

Sie sprengten das Schloss.

Normalerweise ist aus dem weiteren Zusammenhang sofort ersichtlich, ob eine Tür gewaltsam geöffnet oder ein Gebäude zerstört wurde. Manchmal muss man allerdings umformulieren, um Klarheit zu schaffen. Ein klassisches Beispiel:

Du sollst das Hindernis nicht umfahren, sondern es umfahren.

Auch bei den Komposita muss uns unsere Weltkenntnis immer wieder helfen, die genaue Art der Verbindung zu verstehen:

Geburtstagskuchen = Kuchen zur Gelegenheit eines Geburtstages
Zwetschgenkuchen = mit Zwetschgen gemachter Kuchen
Marmorkuchen = Kuchen, der wie Marmor aussieht
Hundekuchen = Kuchen(?) für Hunde

Hier noch eine eindeutige und eine weniger eindeutige Aussage:

Sie verfolgt den Wagen mit dem Fahrrad.
Sie verfolgt den Dieb mit dem Fahrrad.

Vor allem beim zweiten Satz muss der weitere Kontext angeben, wer nun auf dem Fahrrad sitzt.

Auch die Possessivpronomen können oft uneindeutig sein:

Der Mann steigt aus dem Wagen und grüßt seinen Nachbarn.

Hier ist sofort klar, um wessen Nachbarn es sich handelt, weil Wagen in der Regel keine Nachbarn haben. Aber um wessen Haus handelt es sich hier:

Die Frau grüßt die Nachbarin und geht in ihr Haus.
Er verkrachte sich mit seinem Freund und verkaufte sein Haus.

Doch selbst hier ergibt sich meist aus dem Rest der Erzählung, um wessen Haus es sich handeln muss. (Hilfreich kann hier manchmal auch die Verwendung von deren und dessen sein.)

Dies sind nur ein paar Beispiele für ein sehr häufig vorkommendes Phänomen. Vieles, was für sich allein betrachtet zweideutig sein kann, ist es im weiteren Kontext nicht. Wir formulieren in der Regel nicht auf der Ebene einzelner Wörter oder eines einzelnen Satzes, sondern in einem größeren Zusammenhang.

Mehrdeutige Aussagen gibt es auch noch auf einer ganz anderen Ebene:

Ist dieser Artikel nicht lang genug?

Hiermit könnte wörtlich gefragt werden, ob der Artikel nicht zu kurz ist. Je nach Ton ist es aber nicht ganz unwahrscheinlich, dass etwas ganz anderes gemeint ist. Und bevor Sie nun wirklich dieses andere meinen, höre ich auf.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Dasselbe ist meist auch das Gleiche

Vor allem aus dem Bereich Deutsch als Fremdsprache erreichen mich immer wieder Fragen zu demselben / zum gleichen Thema. Das liegt aus meiner Sicht vor allem daran, dass einige hier etwas zu einer strengen Regel erheben, was in Wirklichkeit gar nicht so streng gehandhabt wird. Ich werde versuchen, hier anhand einer schon etwas älteren Frage „ein für allemal“ Klarheit zu verschaffen (was mir natürlich nicht gelingen wird):

Frage

Sprechen Rumänen und Moldawier die gleiche oder dieselbe Sprache? Gibt es einen Unterschied zwischen “das Gleiche” und “dasselbe”?

Antwort

Sehr geehrte Frau A.,

mit der/die/das gleiche drückt man Identität aus:

Er trägt das gleiche T-Shirt wie gestern.
Sie haben beide das gleiche T-Shirt gekauft.
Sie geht in die gleiche Schule wie Maria.
Ich kaufe das gleiche Smartphone wie du.
Rumänen und Moldawier sprechen die gleiche Sprache.

Mit derselbe/dieselbe/dasselbe drückt man ebenfalls Identität aus, aber meist „nur“ Identität des Einzelnen, also wenn es um ein und dasselbe geht:

Er trägt dasselbe T-Shirt wie gestern.
Sie geht in dieselbe Schule wie Maria.
Rumänen und Moldawier sprechen dieselbe Sprache.

Man verwendet derselbe/dieselbe/dasselbe eher nicht, wenn es um Identität der Art geht:

besser nicht: Sie haben beide dasselbe T-Shirt gekauft.
sondern: Sie haben beide das gleiche T-Shirt gekauft.

besser nicht: Ich habe dasselbe Smartphone in Weiß.
sondern: Ich habe das gleiche Smartphpone in Weiß.

Faustregel: Der/die/das gleiche X geht immer, derselbe/dieselbe/dasselbe X bei Identität des Einzelnen. Wenn Sie unsicher sind, was Sie nehmen sollen, wählen Sie besser der/die/das gleiche X, das ist fast immer richtig.

Das ist aber nicht ganz alles: Wenn es zu Missverständnissen kommen kann, drückt der/die/das gleiche besser die Identität der Art und derselbe/dieselbe/dasselbe besser die Identität des Einzelnen aus:

Sie fahren beide denselben Wagen (= ein Auto, in dem beide fahren)
Sie fahren beide den gleichen Wagen (= zwei Autos der gleichen Marke)

Da in Ihrem Beispiel kein solches Missverständnis entstehen kann, können Sie sowohl dieselbe Sprache also auch die gleiche Sprache verwenden:

Rumänen und Moldawier sprechen dieselbe / die gleiche Sprache.

So und ähnlich sehen dies u. a. Canoonet, DWDS und die Dudengrammatik (8. Aufl., 2009, Randnr. 382).

ABER: Es gibt auch Grammatiken, die den Sonderfall zur allgemeinen Regel erheben und behaupten, dass man immer unterscheiden müsse, das heißt, dass man das gleiche X ausschließlich bei Identität der Art verwenden dürfe. Nach diesen Grammatiken, die noch häufig im Fremdsprachenunterricht verwendet werden, dürfte man also nur dieselbe Sprache sagen.

Die strenge Unterscheidung zwischen dasselbe und das gleiche kann noch relativ gut bei Kleidern und Autos, also den Standardbeispielen angewandt werden. Bei abstrakten Begriffen wie zum Beispiel Gefühlen, Gedanken und Vorstellungen grenzt es aber oft ans Philosophische, diese Unterscheidung machen zu wollen. Bei den folgenden Beispielen ist der Unterschied nur nach längerer Denkarbeit oder gar nicht zu erklären:

im selben Moment
im gleichen Moment

Ich habe dieselbe Geschichte schon einmal gehört.
Ich habe die gleiche Geschichte schon einmal gehört.

Sie hatten beide dieselbe Idee.
Sie hatten beide die gleiche Idee.

Wir sind zu derselben Schlussfolgerung gekommen.
Wir sind zur gleichen Schlussfolgerung gekommen.

Du sagst jeden Tag dasselbe.
Du sagst jeden Tag das Gleiche.

Die strenge Unterscheidung dasselbe – das gleiche ist künstlich und in vielen Bereichen auch sehr unpraktisch. Statt dasselbe X kann – auch im Standarddeutschen – das gleiche X stehen. Das kommt auf dasselbe oder eben aufs Gleiche heraus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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