Wie man 0,75 Bananen ausdrückt

Um Fruchtfans nicht allzu sehr zu enttäuschen, sei gleich bemerkt, dass hier ausdrücken für formulieren steht und nicht etwa für auspressen.

Frage

Kann man die folgenden Mengenangaben sowohl zusammen- als auch getrennt schreiben?

eine viertel Banane/eine Viertelbanane
eine drei viertel Banane/eine Dreiviertelbanane

ein viertel Glas Milch/ein Viertelglas Milch
ein drei viertel Glas Milch/ein Dreiviertelglas Milch

Antwort

Guten Tag H.,

Bei Angaben mit Vierteln machen wir es uns und der Rechtschreibung nicht einfach. Es gibt nämlich verschiedene Arten, solche Angaben zu formulieren, zu betonen und zu schreiben.

Wenn Sie Banane als Maßeinheit verwenden und ein oder drei Viertel davon angeben wollen, haben Sie diese Möglichkeiten:

eine viertel Banane (Hauptbetonung auf Banane)
eine Viertelbanane (Hauptbetonung auf Viertel-)

drei viertel Bananen
drei Viertelbananen

eine Dreiviertelbanane
(damit könnte aber genau genommen auch eine ganze Banane gemeint sein, die nur 0,75 mal so groß ist wie eine gewöhnliche Banane – wenn es so etwas gibt)

Es ist aber nicht sehr gebräuchlich, Bananen als Maßeinheit zu verwenden. Ich würde deshalb eher sagen:

ein Viertel einer Banane
drei Viertel einer Banane

Das Wort Glas hingegen wird in der Einzahl häufig auch als Maßeinheit verwendet. Entsprechend sind nach der Rechtschreibregelung (siehe hier, hier und hier) diese Schreibweisen möglich:

ein viertel Glas Milch
ein Viertelglas Milch

drei viertel Glas Milch
drei Viertelglas Milch

Auch diese Formulierung ist möglich:

ein Dreiviertelglas Milch (= 0,75 Glas)

Hier ist aber die Verwechslungsgefahr mit

eindreiviertel Glas Milch (= 1,75 Glas)

recht groß! (Nicht so übrigens bei Banane: eine Dreiviertelbanane vs. eindreiviertel Bananen)

Weder mit einem Viertelgruß noch mit einem Dreiviertelgruß oder drei Viertelgrüßen, sondern ganz klassisch mit freundlichen ganzen Grüßen

Dr. Bopp

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Schnürchen, Rübchen und kleine Geschnittene

Pastagerichte gehören zumindest nördlich der Alpen nicht unbedingt zu den Klassikern des Weihnachtsmenüs. Dies ist also (noch?) nicht mein zur Adventszeit passender Blogartikel. Anlass zu diesem Thema war ein sehr gemütliches und sehr gutes Essen mit Freunden in einem ausgezeichneten italienischen Restaurant. Es gab unter anderem Ravioli mit Krebsfüllung an Zitronensauce (lecker!!). Dabei wurde mir spontan eine Frage zu diesem Gericht gestellt. Da ich nun einmal Sprachler bin, wurde ich nicht gefragt, wie ich diese Köstlichkeit zubereiten würde, vielmehr wollte man wissen, woher das Wort Ravioli kommt. Wir wussten alle, dass es das italienische Wort für gefüllte Teigtaschen ist – sie lagen ja vor uns auf dem Teller –, aber woher diese Bezeichnung im Italienischen kommt, wusste ich natürlich nicht. Ich habe es inzwischen herausgesucht und möchte Ihnen heute die Namen von ein paar bekannten und weniger bekannten italienischen Nudelsorten aufzeigen (Auwahlkriterium: Was mir schon einmal auf einer Speisekarte oder auf dem Teller begegnet ist und woran ich mich auch noch gut bis vage erinnern kann). Man soll ja hin und wieder auch einen Blick über die Sprachgrenze werfen.

  • Bucatini = kleine Gelochte (zu bucato – gelocht, durchlöchert)
  • Cannelloni = große Röhrchen (zu cannello – Rörchen, canna – Rohr)
  • Cappelletti = Hütchen (zu capello – Hut)
  • Conchiglie = Muscheln
  • Farfalle = Schmetterlinge (bei uns zu Hause hießen sie Kravättchen)
  • Fettuccine = Bändchen (kleine Bänder, zu fettuccia – Band)
  • Fusilli = Spindelchen (zu fuso – Spindel; hierzulande auch Spiralnudeln genannt)
  • Lasagne = breite Bandnudeln (das Wort geht irgendwie auf lateinisch lasanum – Kochgeschirr zurück)
  • Linguine = Züngelchen (zu lingua – Zunge)
  • Maccheroni = aus dem Süditalienischen, und dort entweder unbekannte Herkunft oder von griechisch makaría – ein mit Gerste zubereitetes Gericht; bei uns Makkaroni oder Hörnchen(nudeln) gennant.
  • Orecchiette = Öhrchen (zu orecchio/orecchia – Ohr)
  • Ravioli = Rübchen? (wahrscheinlich süditalienischer Diminutiv zu rapa – Rübe)
  • Rigatoni = Gestreifte (zu rigato – gestreift)
  • Spaghetti = Schnürchen (zu spago – Schnur)
  • Tagliatelle = kleine Geschnittene (zu tagliato – geschnitten)
  • Tortellini/Tortelloni = kleine/große Törtchen (über tortello zu torta – Torte)

Wie man sieht, lassen sich auch die Italiener bei der Bennennung ihrer Nudeln vor allem durch die Form inspirieren. Mit u. a. -elle, -ette, -etti, -ine, -ini, -oni, -ioli haben sie aber ein viel größeres Arsenal an Diminutivendungen als wir mit unseren -chen und -lein!

Ach ja: Bei den Nudeln im Titel handelt es sich also um Spaghetti, Ravioli und Tagliatelle.

Buon appetito!

Dottor Bopp

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Schifffahrtsgesellschaft und Raumfahrtbehörde: …fahrt und das Fugen-s

Dass das Fugen-s in Zusammensetzungen ein Stolperstein sein kann, wusste ich schon, denn es kommt regelmäßig in Ihren Fragen vor. Heute geht es um einen ganz besonders unsystematische Art der Wortzusammensetzung.

Frage

Warum schreibt man Raumfahrtbehörde ohne Fugenelement s?

Antwort

Sehr geehrte Frau P.,

verzeihen Sie mir bitte diese vielleicht überflüssige und ziemlich pedantische erste Antwort: Man schreibt Raumfahrtbehörde ohne Fugen-s, weil man das Wort auch ohne Fugen-s spricht. Es geht hier also nicht um eine Frage der Rechtschreibung, sondern um eine Frage der Wortbildung. Das ist nicht immer allen klar.

Bei zusammengesetzten Wörtern mit einem Wort der Art ...fahrt als erstem Element kommen sowohl Bildungen mit Fugen-s als auch Bildungen ohne Fugen-s vor. Es gibt keine feste Regel, das heißt, richtig ist, was üblich ist. Zum Beispiel:

In Zusammensetzungen im Sport steht Abfahrt immer mit s:

Abfahrtsrennen, Abfahrtsläuferin, Abfahrtssieger

Bei der Bahn usw. ist die Verwendung freier. Üblich sind Formen sowohl mit als auch ohne Fugen-s:

Abfahrtsgleis/Abfahrtgleis, Abfahrtszeit/Abfahrtzeit

Und hier noch ein paar Beispiele, die wenig zu einer eindeutigen Klärung beitragen:

Immer (oder meistens) mit Fugen-s:

Anfahrt: Anfahrtsweg, Anfahrtskosten
Zufahrt: Zufahrtsstraße, Zufahrtsrampe
Wohlfahrt: Wohlfahrtsamt, Wohlfahrtsempfänger
Schifffahrt: Schifffahrtsgesellschaft, Schifffahrtsweg

Mit oder ohne Fugen-s gebräuchlich:

Einfahrt: Einfahrtsstraße/Einfahrtstraße, Einfahrtserlaubnis/Einfahrterlaubnis
Vorfahrt: Vorfahrtsschild/Vorfahrtschild, Vorfahrtsstraße/Vorfahrtstraße
Seefahrt: Seefahrtsschule/Seefahrtschule, Seefahrtsbuch/Seefahrtbuch

Immer ohne Fugen-s:

Luftfahrt: Luftfahrtgesellschaft, Luftfahrtindustrie
Raumfahrt: Raumfahrtbehörde, Raumfahrttechnik

Zusammensetzungen mit Raumfahrt an erster Stelle gehören also zu den Zusammensetzungen, die ohne Fugen-s gebildet werden.

Zur Frage, warum dies so ist, kann ich höchstens sagen, dass es vielleicht in Analogie mit Luftfahrt geschieht. Warum aber Luftfahrt in Zusammensetzungen ohne Fugen-s steht, während Seefahrt häufig mit und ohne stehen kann und Schifffahrt immer ein Fugen-s verlangt, entzieht sich nicht nur meiner Kenntnis, ich kann es nicht einmal erraten. Ich erkenne weder formal noch inhaltlich einen Unterschied zwischen diesen Wörtern, der dies erklären könnte.

Manchmal ist es einfach erstaunlich, wie unsystematisch die (manchmal um ihre Präzision und Deutlichkeit gerühmte) deutsche Sprache sein kann. Im Fall von Zusammensetzungen der Art …fahrt[s]… ist die Situation ganz besonders unklar: Das Fugen-s kommt häufig, aber nicht immer vor. Es ist dann auch nicht erstaunlich, dass selbst in Wörterbüchern nicht überall die gleichen Formen angegeben werden. Am meisten erstaunt mich aber, dass es mir bis zur Beantwortung dieser Frage gar nie aufgefallen war, wie uneinheitlich wir hier vorgehen. Für Muttersprachige scheint dies also kein allzu großes Problem zu sein (solange sie nicht anfangen, darüber nachzudenken …). Deutschlernende haben es hier bestimmt viel schwerer!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Lächelnde Gastgeber, wartende Patienten, betörende Filme und bestechende Schnelligkeit – Das Präsenspartizip und sein Subjekt

Heute gibt es wieder einmal etwas Grammatisches. Wer solches nicht mag oder zu kompliziert findet, geht einfach ganz nach unten und liest den allerletzten Abschnitt.

Frage

In Canoonet steht auf der Seite zum Partizip Präsens:

Dabei bezieht sich das Subjekt des Hauptverbs immer auch auf das Partizip Präsens:

Er begrüßt die Gäste lächelnd. = Er begrüßt die Gäste und er lächelt.
Nicht: Er begrüßt und die Gäste lächeln

Was ist es aber bei:

Er findet den Film betörend. Er hält die Frau für ätzend. (Bezug auf Objekt?)
Das ist ein überragend guter Einfall. (Bezug auf ?)
Er läuft bestechend schnell? (Bezug auf ?)
Er begrüßte die wartenden Patienten / Wartenden. (Bezug auf ?)

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

die Canoonet-Seite, auf die Sie sich beziehen, ist nur eine vereinfachte Darstellung. Die Situation ist (wie so oft) um einiges komplexer. Sie vereinfachen die Darstellung allerdings noch mehr, indem Sie nur eine einzelne Stelle zitieren. Der zitierte Satz bezieht sich auf die Situation, in der das Präsenspartizip zu einem finiten Verb gehört. Dann ist das Subjekt des finiten Verbs auch das Subjekt der Verbhandlung, die durch das Präsenspartizip ausgedrückt wird:

Er begrüßt die Gäste lächelnd.
= Er begrüßt die Gäste und er lächelt dabei.

Mordend und plündernd zogen sie durch das Land.
= Sie zogen durch das Land und sie mordeten und plünderten dabei.

Für den Fall, dass das Präsenspartizip zu einem Nomen gehört, steht auf derselben Seite Folgendes:

Das Subjekt der durch das Partizip ausgedrückten Verbhandlung ist das Nomen, bei dem es steht.

Dabei müssen wir zwischen verschiedenen Verwendungsarten unterscheiden:

a) Bei attributivem Gebrauch steht das Partizip in gebeugter Form vor einem Nomen. Dieses Nomen ist das Subjekt der durch das Partizip ausgedrückten Verbhandlung:

Sie begrüßt die wartenden Patienten.
= Sie begrüßt die Patienten. Die Patienten warten.

Sie sprangen auf den fahrenden Zug.
Sie sprangen auf den Zug. Der Zug fuhr.

b) Bei prädikativem Gebrauch: Problemlos ist die Zuweisung, wenn das Partizip über Verben wie sein, werden und bleiben das Subjekt des Satzes näher bestimmt, d.h. wenn es Prädikativ zum Subjekt ist:

Der Film ist betörend.
= Der Film betört.

Die Frau war ätzend.
= Die Frau „ätzte“.

Die Verben finden und halten für verbinden das Partizip nicht mit dem Subjekt, sondern mit dem Objekt des Satzes. Das Prädikativ – in diesem Fall das ungebeugte Präsenspartizip – ist Prädikativ zum Objekt, das heißt, es bezieht sich auf das Objekt.

Er findet den Film betörend.
= der Film betört

Er hält die Frau für ätzend.
= die Frau „ätzt“

In diesen Beispielsätzen wird das Präsenspartizip über finden resp. halten für mit dem Objekt des Satzes verbunden (vgl. Er findet den Film gut; Er hält die Frau für nett). Das Subjekt der durch das Partizip ausgedrückten Verbhandlung ist auch hier das Nomen, das es bestimmt, also das Akkusativobjekt Film resp. Frau.

c) Damit sind noch nicht all Ihre Beispiele besprochen. Es gibt noch einen weiteren Fall: den adverbialen Gebrauch, das heißt die Verwendung des Präsenspartizips als Adverbialbestimmung zu einem Adjektiv.

Das ist ein überragend guter Einfall.
Er läuft bestechend schnell?

Bei überragend gut und bestechend schnell wird das Präsenspartizip als Adverbialbestimmung zu einem Adjektiv verwendet (vgl. besonders gut, außerordentlich gut; sehr schnell, unerwartet schnell). Es bestimmt also weder das Verb noch ein Nomen, sondern ein Adjektiv. Das Präsenspartizip hat in dieser Funktion seinen verbalen Charakter teilweise verloren. Wenn dennoch ein Subjekt der Verbhandlung angegeben werden soll, so ist dies entweder die Eigenschaft, die das von ihm bestimmte Adjektiv ausdrückt, oder eventuell das Subjekt des Hauptverbs:

Er singt überragend gut.
= Die Güte überragt / Er überragt durch seine Güte.

Er läuft bestechend schnell
= Die Schnelligkeit besticht / Er besticht durch seine Schnelligkeit.

 —–

Alle Präsenspartizipien können als Adjektiv verwendet werden. Meist geschieht dies (wie in der Darstellung in unserer Grammatik) als attributives Adjektiv. Wie die Beispiele oben zeigen, kommt aber auch prädikativer und adverbialer Gebrauch vor. Bei attributivem (a) und prädikativem (b) Gebrauch ist das von ihm bestimmte Nomen das Subjekt der vom Partizip ausgedrückten Verbhandlung. Bei der Verwendung als Adverbialbestimmung zu einem Adjektiv (c) ist die Bestimmung des Subjekts undeutlicher.

Wieder einmal klingt alles recht kompliziert, wenn man anfängt es etwas genauer zu beschreiben. Das Beruhigende (suche das dazugehörende Subjekt!) und gleichzeitig auch Bewundernswerte ist, dass wir die Präsenspartizipien in der Regel problemlos verwenden und verstehen, ohne dass wir bewusst komplizierte Satzanalysen vornehmen müssen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie sind die Beistriche, sprich Kommas, bei »sprich« zu setzen?

Frage

Ich sitze gerade an der zweiten Runde des Lektorats einer Arbeit und leider hat die Autorin die meisten Vorschläge, die Formulierung „sprich“ zu ersetzen, abgelehnt. Das liest sich dann so:

Genauso findet die Realisation – sprich, die konkrete Ausführung – ausschließlich durch die Individuen selbst statt.

Oder so:

Daraus muss sich ergeben, dass der Andere in seiner Würde anerkannt wird; sprich, dass er sowohl …

Ich werde im Duden nicht fündig, wie man dieses „sprich“ zu behandeln hat. Ich vermute, man kann es so lassen, aber mich würde interessieren, was Sie für den satzzeichenbezogen besten Umgang damit halten?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

wenn Sie dieses sprich stehen lassen müssen (die Kundin ist nun einmal Königin), würde ich gleich vorgehen wie bei das heißt (respektive d.h.). Wie das heißt leitet dieses sprich eine Ergänzung oder Erläuterung ein. Das bedeutet für die Zeichensetzung:

  • Die mit sprich eingeleitete Erläuterung wird durch Kommas abgetrennt (oder evtl. durch Gedankenstriche oder Klammern)
  • Folgt nach sprich ein Wort oder ein Satzteil: kein Komma nach sprich.
  • Folgt nach sprich ein nebengeordneter oder untergeordneter Satz: zusätzliches Komma nach sprich.
    (Vergleiche die Angaben zu heißen in Canoonet.)

Für Ihre Beispielsätze bedeutet dies:

Genauso findet die Realisation – sprich die konkrete Ausführung – ausschließlich durch die Individuen selbst statt.
oder
Genauso findet die Realisation, sprich die konkrete Ausführung, ausschließlich durch die Individuen selbst statt.
vgl.
Genauso findet die Realisation, das heißt die konkrete Ausführung, ausschließlich durch die Individuen selbst statt.

Daraus muss sich ergeben, dass der Andere in seiner Würde anerkannt wird, sprich, dass er sowohl …
vgl.
Daraus muss sich ergeben, dass der Andere in seiner Würde anerkannt wird, das heißt, dass er sowohl …

Und wenn wir schon dabei sind, hier gleich noch zwei Beispiele:

Man zahlt dort nur den Verzehr, sprich nur die Flaschen, die man aufmacht.
Man zahlt dort nur den Verzehr, d.h. nur die Flaschen, die man aufmacht.

Man zahlt dort nur den Verzehr, sprich, auf der Rechnung stehen nur die geöffneten Flaschen.
Man zahlt dort nur den Verzehr, d.h., auf der Rechnung stehen nur die geöffneten Flaschen.

Meine Empfehlung lautet also, dass Sie bei sprich gleich vorgehen wie bei das heißt, sprich, dass Sie die Satzzeichen in gleicher Weise setzen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wir beide haben – wir haben beide

Häufig entdecke ich dank Ihren Fragen Feinheiten der Formulierung, die ich nicht bewusst kannte. Heute geht es um die Verwendung von beide, das mehrdeutiger ist, als ich gemeint hatte.

Frage

Meine Frage bezieht sich auf das Pronomen „beide“. Folgender Satz hat zu unterschiedlichen Meinungen geführt:

Wir haben beide den Film gesehen.

Darf hier „beide“ vom Personalpronomen getrennt stehen? Was ändert sich, wenn ich stattdessen schreibe:

Wir beide haben den Film gesehen.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

beide kann unterschiedliche Bedeutungen haben. Je nach Bedeutung sind verschiedene Satzstellungen üblich.

Unbetontes beide steht in der Regel mit einem Artikelwort oder nach einem Personalpronomen. Es bezieht sich zusammenfassend auf zwei Personen oder Dinge gleichzeitig (vgl. zwei):

Ihre beiden Kinder sind noch jung.
Die beiden Koffer stehen im Keller.
Wir beide haben den Film gesehen. (wir zwei; du und ich)

Betontes beide steht in der Regel ohne Artikelwort. Es gibt einen Gegensatz an, nämlich dass nicht nur eine Person oder ein Ding gemeint ist, sondern auch der/die/das andere (vgl. nicht nur … sondern auch; sowohl … als auch):

Beide Kinder sind noch jung.
Beide Koffer stehen jetzt im Keller.
Beide haben den Film gesehen. (sowohl der/die eine als auch der/die andere)

Es gibt also einerseits das zusammenfassende unbetonte beide, das mit einem Artikelwort oder nach einem Personalpronomen steht, und andererseits das mehr gegenüberstellende betonte beide, das ohne Artikelwort oder Personalpronomen steht.

Und hier sind wir dann endlich wieder beim Beispielsatz in Ihrer Frage. Wenn ich ein Artikelwort oder ein Personalpronomen verwenden will, aber auch mit betontem beide angeben möchte, dass nicht nur eines von zweien gemeint ist, verschiebt sich beide vom Bezugswort weg:

Ihre Kinder sind beide noch jung.
Die Koffer stehen jetzt beide im Keller.
Wir haben beide den Film gesehen. (nicht nur du, sondern auch ich)

Es ist also nicht ganz dasselbe, ob man wir beide haben (du und ich haben) oder wir haben beide (nicht nur du hast, sondern auch ich habe) sagt. Ich hoffe, dass der Unterschied zwischen den beiden beide ein bisschen deutlicher geworden ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Von »guten Mutes« über »jedes/jeden Kommentars« zu »dieses Jahres«

Frage

Heißt es „sich jedes Kommentars enthalten“ oder „sich jeden Kommentars enthalten“?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

Zweifelsfälle sind oft deshalb Zweifelsfälle, weil es mehr als eine korrekte Formulierung gibt. Das ist auch hier so, denn beides ist möglich (vgl. hier):

Sie wurden gebeten, sich jeden Kommentars zu enthalten.
Sie wurden gebeten, sich jedes Kommentars zu enthalten.

Vor männlichen und sächlichen Substantiven kann das Indefinitpronomen jeder sowohl mit der Endung es als auch mit der schwachen Endung en stehen. Dies gilt aber nur dann, wenn das Substantiv die Genitivendung es oder s hat:

sich jedes/jeden Kommentars enthalten
im Leben jedes/jeden Mannes
die Erfüllung jedes/jeden Wunsches

aber nur

im Leben jedes Menschen
das Mandat jeder und jedes Abgeordneten

Nach eines steht dahingegen immer jeden:

im Leben eines jeden Mannes
das Mandat einer und eines jeden Abgeordneten

Hier zeigt sich eine interessante Tendenz in der deutschen Sprache: Bei den Endungen sind wir sparsam. Es reicht im Prinzip, den Genitiv nur einmal anzugeben. Deshalb wird dann, wenn schon ein s-Genitiv (Genitivendung es oder s) steht, häufig auf die schwache Endung en ausgewichen.

im Leben jeden Mannes
im Leben eines jeden Menschen

Der Genitiv muss aber einmal angegeben werden. Wenn sonst kein s-Genitiv vorhanden ist, muss die Endung es verwendet werden:

im Leben jedes Menschen

Dieser Ersatz der Endung es ist bei den Adjektiven am weitesten fortgeschritten: Sie haben die Genitivendung es im heutigen Deutsch aufgegeben. Während man früher noch voll süßes Weines (Luther), gutes Muthes und heutiges Tages sagte, heißt es heute nur noch voll süßen Weines, guten Mutes und heutigen Tages.

Gegenpol sind hier der bestimmte und der unbestimmte Artikel, bei denen der Ersatz von es auch heute noch unmöglich ist:

im Leben des/eines Mannes
sich des/eines Kommentars enthalten.

Zwischen den Adjektiven und den Artikeln stehen die Pronomen. Viele von ihnen haben Merkmale beider Wortklassen, das heißt, manche verhalten sie sich eher wie Artikelwörter und manche eher wie Adjektive. Das zeigt sich auch in diesem Fall: Einige Pronomen lassen wie die Adjektive den Ersatz von es im Genitiv zu, bei anderen ist dies wie bei den Artikeln (noch) nicht möglich. Die folgende Aufstellung soll diese Situation anhand einiger Beispiele aufzeigen:

Adjektive nur mit en

guten Mutes sein
eine Quelle großen Vergnügens

Pronomen nur mit en

die Ursache solchen Unbehagens
im Leben desselben Mannes (das es versteckt sich allerdings in des…)

Pronomen mit en oder es (vgl. hier)

die Ursache allen Übels
das Schicksal alles Menschlichen

Im Leben jedes/jeden Mannes
im Leben jedes Menschen

die Lösung manchen Rätsels
ein großer Wunsch manches Menschen

die Eltern welches/welchen Kindes
die Abenteuer welches Helden

Pronomen nur mit es

am Ende meines Lebens
Anfang dieses Monats
am Ende jenes Sommers

Artikel nur mit es

die Eltern des Kindes
im Leben eines Mannes

Es gibt also eine Tendenz, die Endung es dort aufzugeben, wo bereits ein s-Genitiv steht. Während dies bei den Adjektiven durchgehend der Fall ist, leisten die Artikel noch erfolgreich Widerstand. Die Pronomen stehen irgendwo dazwischen.

Ganz schön zeigt sich diese Entwicklung beim bekannten Beispiel dieses Jahres. Vor allem bei Zeitangaben setzt sich immer mehr diesen und jenen statt dieses und jenes durch:

Anfang diesen Monats wie z. B. Anfang nächsten Monats
am Ende jenen Jahres wie z. B. am Ende manchen Jahres

Statt standardsprachlich richtig:

Anfang dieses Monats
am Ende jenes Jahres

Wie man oben sieht, sind die Formen diesen Monats und jenen Jahres nicht einfach unerklärliche Nachlässigkeiten, sondern die Folge einer Entwicklung, die offenbar noch nicht abgeschlossen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Waise: Elternlose Kinder sind heute alle weiblich

Damit soll nicht etwa gesagt werden, dass heute alle Waisen Mädchen sind. Das Schicksal, keine Eltern mehr zu haben, trifft auch heute noch Mädchen genauso wie Jungen. Es geht hier nur um das grammatische Geschlecht.

Frage

Heute interessiert mich, ob man das Wort „Waise“ mit dem männlichen Artikel „der“ benutzen kann. Gestern hat mich nämlich im Kurs ein Schüler danach gefragt und ich hab spontan geantwortet, dass es möglich sei. Heute Morgen hab ich im Wörterbuch nachgeschlagen und hier sehe ich „die“ Waise. Ist das ein fataler Fehler oder könnte man auch „der Waise“ benutzen – vielleicht, wenn es sich um einen Jungen handelt?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

im heutigen Standarddeutschen ist das Wort Waise immer weiblich, also auch dann, wenn es um männliche Personen geht:

Der Junge ist eine Waise.
Dank der Adoption blieb ihm das Schicksal einer Waise erspart.
Von der Revolution vertrieben und zur Waise geworden, gelangt er über Polen nach Belgien [NZZ über den Maler Nicolas de Staël]
Früh zur Waise geworden, geht der Millionenerbe und Unternehmer mit allerlei Hightechausrüstung nachts auf Verbrecherjagd. [TV Digital über den Superhelden Batman]

Der Fehler ist aber nicht unbegreiflich und schon gar nicht „fatal“. Das Wort gleicht schließlich sehr stark dem substantivierten Adjektiv der/die Weise (der/die Kluge) und bezeichnet ebenfalls eine Person. Die Schreibung mit ai erklärt sich auch dadurch, dass der Unterschied zwischen Waise und Weise in der Schrift gekennzeichnet wurde und auch nach der letzten Rechtschreibreform geblieben ist. Es ist also nicht verwunderlich, dass Waise häufiger wie Weise behandelt wird.

Das ist aber noch nicht alles: Als nicht korrekt gilt die männliche Form der Waise nur in der heutigen Sprache. Die althochdeutsche Form weiso war nur männlich. Auch das mittelhochdeutsche weise war meistens männlich, auch dann, wenn eine weibliche Person bezeichnet wurde. Langsam kam dann auch die weibliche Form auf, aber sie hat sich „erst“ seit dem 18. Jahrhundert ganz durchgesetzt, und zwar so gründlich, dass heute nur noch die Waise als korrekt gilt.

Mich würde auch interessieren, weshalb die weibliche Form die männliche ersetzt hat. Doch dazu habe ich leider keine Angaben gefunden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wann sind Substantive verblasst?

Warnung: Die Antwort ist eher unbefriedigend.

Frage

ich stolperte unlängst über die Regel K54 im Duden, in der von „verblassten Substantiven“ die Rede ist. Ist dieses Erkennen von „verblassten“ Substantiven ein Bauchgefühl, also letztendlich eine Erkennungskompetenz, oder gibt es eine echte Regel, nach der man „verblasste Substantive“ erkennen und identifizieren kann?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

verblasste Substantive sind wahrscheinlich ein Gräuel für diejenigen, die exakte Regeln mögen. Eine eindeutige Regel, wann ein Substantiv als verblasst angesehen und kleingeschrieben resp. mit einem Verb zusammengeschrieben werden muss, gibt es nämlich nicht. Allgemein wird gesagt, dass verblasste Substantive ihre selbstständigen Worteigenschaften verloren haben oder nicht mehr als Substantive erfahren werden. Ein paar (vage) Indizien:

  • Sie stehen immer ohne Artikel oder andere Begleitwörter.
  • Sie haben in bestimmten Wendungen nicht die gleiche Bedeutung, wie bei „normaler“ Verwendung.
  • Die Verbindung mit einem verblassten Substantiv hat eine andere Bedeutung als die „Summe der Bedeutungen ihrer Elemente“.

Zum Beispiel: Mit heimgehen ist nicht das/ein Heim gehen gemeint. Bei teilnehmen ist die Bedeutung nicht den/einen Teil nehmen, sondern (einen) Anteil nehmen (vgl. die Schreibung Anteil nehmen). Wenn man pleite ist, ist man nicht die Pleite, sondern hat man (die) Pleite gemacht.

Andere Beispiele:

kopfrechnen
standhalten – Wie lange halten sie noch stand?
wundernehmen – Es nimmt mich wunder, was genau passiert ist.

Das Buch ist klasse/spitze.
Wer ist schuld daran?
Das ist mir wurst.

Der Gong wird abends um sechs Uhr geläutet.
Es ging anfangs noch ganz gut.
Wer kann mir notfalls helfen?

Sie bereute es zeit ihres Lebens.
dank deiner finanziellen Hilfe

Es waren nur ein paar Leute da.
Ich finde es ein bisschen schwierig.

Vgl. auch hier und hier.

Wie die oben stehenden, wenig präzisen Anhaltspunkte schon vermuten lassen, ist der Übergang von selbstständig zu „verblasst“ fließend. Entsprechend muss auch ich bei solchen Wörtern regelmäßig nachschauen, ob sie nun offiziell groß- oder kleingeschrieben werden. Diesen Übergang gibt es sogar „offiziell“. So sind bei den folgenden Verbindungen beide Schreibungen korrekt, weil sie als Zusammensetzung mit einem verblassten Substantiv, aber auch als Verbindung mit einem selbstständigen Substantiv gesehen werden können:

Acht geben / achtgeben
Acht haben / achthaben
Halt machen / haltmachen
Maß halten / maßhalten

Da es keine eindeutige Regel gibt (und geben kann), bleibt eigentlich nur, auf seine Intuition zu vertrauen, sich die schwierigeren Fälle zu merken und notfalls im Wörterbuch nachzuschlagen. Einfacher kann ich es leider auch nicht machen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Redefluss der Schildkröte und die Anführungszeichen

Frage

Meine 11-jährige Tochter schreibt immer wieder Geschichten, in denen Personen mehrere Sätze hintereinander in wörtlicher Rede sprechen. Kann man das wie folgt schreiben:

„Du musst mir helfen. Sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr“, sagte die Schildkröte.

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

dieser Fall ist unüblich, das heißt, es kommt selten vor, dass der Begleitsatz einer wörtlichen Wiedergabe folgt, die aus mehreren Sätzen besteht. Es ist dann meistens besser, den Begleitsatz vor die wörtliche Wiedergabe zu stellen oder sie nach dem ersten Satz oder einem Teil davon einzufügen. Zum Beispiel:

Begleitsatz vorangestellt:
Die Schildkröte sagte: „Du musst mir helfen. Sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr.“
Die Schildkröte sagte: „Du musst mir helfen, sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr!“

Begleitsatz eingebettet:
„Du musst mir helfen“, sagte die Schildkröte. „Sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr.“
„Du musst mir helfen“, sagte die Schildkröte, „sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr!“

Wenn man aber trotzdem mehr als einen Satz vor den Begleitsatz stellen will (z. B. um zu unterstreichen, wie gehetzt der Redefluss der Schildkröte ist), sollten die Satzzeichen so gesetzt werden, wie Sie es in Ihrem Beispiel tun:

Begleitsatz nachgestellt:
“Du musst mir helfen. Sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr”, sagte die Schildkröte.
“Du musst mir helfen, sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr!”, sagte die Schildkröte.

Man könnte die Beschreibung noch verfeinern, aber das ginge mir hier etwas zu weit. Viel wichtiger als eine auch in Sonderfällen bis ins Detail geregelte Interpunktion finde ich, dass Ihre Tochter Geschichten schreibt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Die allgemeinen Regen für die Anführungszeichen finden Sie hier.

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