„Drei Tage nachdem“ ist nicht „drei Tage, nachdem“

Frage

„Zehn Minuten bevor sie hier eintraf, bin ich fertig geworden.“ Ist das Komma hier korrekt und falls ja, lässt sich das tatsächlich damit begründen, dass es sich bei „bevor“ um eine Konjunktion handelt? Ich würde es streichen.

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

das Komma sollten Sie nicht streichen. Es trennt tatsächlich einen Nebensatz ab, der aber genau genommen nicht mit einem einfachen bevor eingeleitet wird. Die Konjunktion bevor kann nämlich durch zusätzliche Angaben erweitert sein und zusammen mit ihnen eine Einheit bilden, die nicht durch ein Komma unterbrochen wird. Der Nebensatz wird aber immer noch durch ein Komma abgetrennt:

Ich bin fertig geworden, bevor sie hier eintraf.
Ich bin fertig geworden, kurz bevor sie hier eintraf.
Ich bin fertig geworden, zehn Minuten bevor sie hier eintraf.
Kurz bevor sie hier eintraf, bin ich fertig geworden.
Zehn Minuten bevor sie hier eintraf, bin ich fertig geworden.
Erst etwas mehr als zehn Minuten bevor sie hier eintraf, bin ich fertig geworden.

Siehe auch hier. Dasselbe gilt übrigens auch für nachdem:

Er verließ den Raum, kurz nachdem sie hereinkommen war.
Kurz nachdem sie hereingekommen war, verließ er den Raum.
Erst drei Wochen nachdem sie aufgebrochen waren, kamen sie endlich in Rom an.
Fünf uns unendlich lang vorkommende Tage nachdem wir die Anmeldung abgeschickt hatten, lag endlich die Bestätigung in der Mailbox.

Manchmal muss man vielleicht ein bisschen nachdenken, wo das Komma hingehört. So haben die folgenden Sätze jeweils eine recht unterschiedliche Bedeutung:

Er telefonierte noch eine Stunde, bevor er das Haus verließ (eine Stunde lang)
Er telefonierte noch, eine Stunde bevor er das Haus verließ (eine Stunde vorher)

Es regnete drei Tage, nachdem wir in Rom angekommen waren (drei Tage lang)
Es regnete, drei Tage nachdem wir in Rom angekommen waren (drei Tage später)

Und zu guter Letzt sei noch gesagt: Zögern Sie nicht lange, bevor Sie sich an Dr. Bopp wenden! Eine Antwort erhalten Sie in der Regel, kurz nachdem Sie Ihre Frage gestellt haben.

Mit freundlichen Grüße

Dr. Bopp

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Toilette, wie das Tüchlein zum WC wurde

Morgen früh verreise ich für ein paar Tage nach Frankreich. Mehr oder weniger dazu passend habe ich mir heute Morgen auf der Toilette die Frage gestellt, woher das Wort Toilette kommt – aus dem Französischen, das ist klar, aber was bedeutete es ursprünglich?

Das Wort toilette bedeutete ursprünglich Tüchlein. Es ist eine Verkleinerungsform von toile = Tuch. Nun geht es dabei nicht, wie ich vermutete, um eine alte Stoffvariante des Toilettenpapiers oder um ein Tuch oder Tüchlein, das man verhüllend vor den „Ort des Geschehens“ spannte. Verhüllend ist das Wort aber dennoch. Es ist ein Euphemismus, also eine beschönigende oder mildernde Bezeichnung für etwas, das man als anstößig oder unangenehm empfinden könnte. Euphemismen benutzen wir viel und ausgiebig.

Wer an geistiger Umnachtung leidet ist nicht sehr müde im Kopf, sondern wahnsinnig. Ein leichtes Mädchen ist nicht eine junge Frau mit der Figur eines modernen Models, sondern eine Prostituierte. Wer dahingegangen ist, ist nicht einfach weg, sondern tot. Wenn etwas preiswert ist, ist es nicht unbedingt seinen Preis wert, sondern billig. Und wenn die Chefin meine Mitarbeiter sagt, meint sie nicht diejenigen, mit denen sie direkt zusammenarbeitet, sondern ihre Untergebenen.

Was für ein Tüchlein war die toilette? Es war ein Tuch, auf dem die Gegenstände ausgebreitet wurden, die man für die Haar- und Körperpflege benötigte. Danach wurde es im übertragenen Sinne zu Körperpflege, Ankleiden, Frisieren, Sichzurechtmachen (vgl. Toilette machen), zum Namen eines Möbelstücks, an dem man Toilette machte, und auch zu einer Bezeichnung für elegante, festliche Kleidung. Damit sind wir aber immer noch nicht bei der euphemistischen Toilette, die ich eingangs meinte. Über das ebenfalls französische cabinet de toilette = kleiner Raum für die Köperpflege, Waschraum wurde es im Deutschen zuerst ebenfalls in diesem Sinne verwendet. Ab Anfang des zwanzigsten Jahrhundert wurde Toilette dann auch verhüllend für Klosett, Abort verwendet. Über so viele Schritte wurde das Tüchlein zum WC.

Lustig ist übrigens, dass Abort und Klosett auch Euphemismen sind. Abort ist eigentlich nur ein abgelegener Ort und Klosett stammt vom englischen Wort closet = abgeschlossener Raum. So ersetzt ein Euphemismus immer wieder einen anderen, der zu gewöhnlich geworden ist. Toilette, Klosett, WC (water closet), was von weit kommt, klingt offenbar besser.

Ich verabschiede mich nun für eine Woche und bringe Ihnen vielleicht einen schönen neuen Euphemismus aus Frankreich mit.

Dr. Bopp

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Nicht kostenpflichtige und nichtkostenpflichtige Sprachdienste

Frage

Ich lese gerade eine Bachelorarbeit und bin mir wegen des Bindestrichs nach „nicht“ unsicher. Ich würde es so schreiben: „Der zweite Absatz behandelt die nicht-funkbasierten Systeme.“ Ist der Bindestrich korrekt?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

es ist eigentlich ganz einfach: Verbindungen von nicht und einem Adjektiv werden entweder zusammen- oder getrennt geschrieben (vgl. hier). Beides ist korrekt. Richtig sind also diese beiden Schreibungen:

die nichtfunkbasierten Systeme
die nicht funkbasierten Systeme

Ebenso zum Beispiel:

ein nichteheliches / nicht eheliches Kind
nichtrostender / nicht rostender Stahl
die nichtkostenpflichtige / nicht kostenpflichtige Dienstleistung
Bitte Nichtzutreffendes / nicht Zutreffendes streichen

Die  Schreibung mit Bindestrich (die nicht-funkbasierte Systeme) kommt zwar häufig vor, sie ist in der amtlichen Rechtschreibregelung (§ 36 2.3) aber nicht vorgesehen.

Wann verwendet man welche Variante? Das liegt ganz in Ihrem Ermessen. Im Prinzip gibt es nur einen kleinen Unterschied: Bei der zusammengeschriebenen Variante liegt die Hauptbetonung der Verbindung auf nicht. Dabei wird nachdrücklicher angegeben, dass es sich um ein feste Verbindung handelt. Bei der getrennt geschriebenen Variante liegt die Betonung stärker auf dem Adjektiv:

die níchtfunkbasierten / nicht fúnkbasierten Systeme
níchtrostender / nicht róstender Stahl
Níchtzutreffendes / nicht Zútreffendes streichen

Da häufig beide Betonungen möglich sind und der Betonungsunterschied keinen wesentlichen Bedeutungsunterschied mit sich bringt, sind jeweils beide Schreibungen möglich.

Die Zusammenschreibung ist natürlich nur dann möglich, wenn nicht nur das Adjektiv und nicht eine größere Wortgruppe oder den ganzen Satz verneint. Also nur getrennt:

Wir sind nicht ausreichend informiert worden.
Der Garten ist nicht öffentlich zugänglich.

Ich hoffe, dass Sie mit dieser Antwort und mit unseren nichtkostenpflichtigen / nicht kostenpflichtigen Sprachdiensten zufrieden sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Seehecht in der See und die Seerose im See

Frage

Wo liegt der Grund dafür, dass der See männlich ist, die Nordsee und Ostsee aber weiblich? Ich fahre ja auch an die See, wenn ich ans Meer fahre. […] Das Meer ist auch die See. Der See ist ein Binnengewässer. Bin sehr auf Ihre Antwort gespannt.

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

ursprünglich war See ein männliches Wort und bezeichnete eine große Wasserfläche, die sowohl ein Binnensee als auch ein Meer sein konnte. Im Westgermanischen ist daneben schon früh eine weibliche Variante entstanden. Die heutige Bedeutungsunterscheidung zwischen der See = Binnensee und die See = Meer hat sich aber erst im Neuhochdeutschen allgemein voll herausgebildet.

Eine schöne Theorie zu dieser Bedeutungsunterscheidung sagt, dass man in den niederdeutschen Dialekten, also im Norden, die See sagte. Dort kannte man eigentlich nur das Meer und keine Binnenseen. Weiter im Süden, wo man der See sagte, hatte man umgekehrt Binnengewässer, aber kein Meer. Wenn diese Theorie stimmt, könnte man sagen, dass die See im heutigen Standardddeutschen, das auf dem Hochdeutschen basiert, ein Lehnwort aus dem Niederdeutschen ist. In meinem südlichen Dialekt gibt es auch heute noch nur der See und das Meer, die See verwenden wir nicht (außer in »importierten« Namen wie Ostsee und Nordsee).

Die strenge Unterscheidung zwischen der See und die See ist also sprachgeschichtlich relativ jüngeren Datums. Auffallend finde ich in diesem Zusammenhang, dass die meisten Zusammensetzungen mit See an erster Stelle etwas mit Meer zu tun haben: Vom Seehecht über den Seehund und den Seeteufel bis zur Seezunge, sie schwimmen alle im Salzwasser. Seeleute, Seefahrerinnen, Seeräuber und Seejungfrauen, sie alle haben ihren Wirkungsbereich auf dem oder im Meer. Eine Ausnahme ist die Seerose genannte Pflanze, deren Habitat nicht die See, sondern ein See oder ein anderes stilles Binnengewässer ist. Eine Erklärung für diese Verteilung muss ich Ihnen leider schuldig bleiben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Quellen u.a. hier und hier.

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Der um-zu-Satz und sein Subjekt

Keine Regel ohne Ausnahmen. Das gilt auch bei Zwecksätzen mit um zu.

Frage

Heute hörte ich in den Mittagsnachrichten den Satz (leicht gekürzt): „Der Verkehr wird bereits in Amsteg aufgehalten, um die Strecke salzen zu können.“ Wie ist das genau mit den um-zu-Sätzen, und stimmt hier alles?

Antwort 

Sehr geehrter Herr Z.,

Die Antwort auf Ihre Frage ist zweiteilig. Wie so häufig gibt es nämlich eine allgemeine Regel, aber auch Ausnahmen.

Die allgemeine Regel besagt, dass das Subjekt, das man in einem Zwecksatz mit um zu ergänzen kann, mit dem Subjekt des übergeordneten Satzes identisch sein muss:

Ich schreibe alles auf, um es nicht zu vergessen.
= Ich schreibe alles auf, damit ich es nicht vergesse.

Wir fahren in die Stadt, um ins Kino zu gehen.
= Wir fahren in die Stadt, damit wir ins Kino gehen können.

Das zum Infinitiv des um-zu-Satzes gehörende Subjekt kann also nicht mit einem Objekt des übergeordneten Satzes übereinstimmen:

nicht: Der Hauswart rief einen Klempner, um den Abfluss zu reparieren.
nicht: Die Eltern schicken das Kind zur Schule, um etwas zu lernen.

Mit diesen Sätzen würde gesagt, dass der Hauswart den Abfluss reparieren soll und dass die Eltern etwas lernen sollen. Das ist zwar theoretisch nicht ausgeschlossen, aber sehr wahrscheinlich nicht der Sinn dieser Sätze.

Das bisher Gesagte würde bedeuten, dass der Satz, den Sie im Radio gehört haben, nicht korrekt ist. Schließlich soll ja nicht der aufgehaltene Verkehr die Strecke salzen. Er ist dennoch richtig, denn auch in der Standardsprache gibt es Ausnahmen zur allgemeinen Regel:

  • Wenn das Verb im übergeordneten Satz ein Subjekt hat, das gar nicht als Handelnder verstanden werden kann:

Die Situation war günstig, um das Problem zur Sprache zu bringen.
Viel Geduld war nötig, um die Tiere aneinander zu gewöhnen.

  • Wenn der übergeordnete Satz ein Passivsatz mit einem unpersönlichen Agens oder mit einem durch von angefügten Agens ist:

Der Damm wurde gebaut, um Überschwemmungen zu verhindern.
Die Bäume wurden vom Gärtner gefällt, um die Aussicht wieder frei zu machen.

Auch der Satz im Radio ist also so vertretbar:

Der Verkehr wird bereits in Amsteg aufgehalten, um die Strecke salzen zu können.

Wie man sieht, ist selbst eine so starke Regel wie die Subjektgleichheit in um-zu-Sätzen nicht gegen Ausnahmen gefeit (auch wenn sehr strenge Lehrmeister/-innen vielleicht nicht ganz damit einverstanden sind). Wie dem auch sei, hoffentlich hören und lesen wir bald Sätze wie diesen:

Um sich gegen Sonnenbrand zu schützen, wird regelmäßig Sonnencreme aufgetragen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Keynotespeaker, Keynote-Speaker, Keynote Speaker und andere Zusammensetzungen aus dem Englischen

Ein immer wiederkehrendes Problem sind die zusammengesetzten Fremdwörter, insbesondere aus dem Englischen. Da sich die Ursprungssprache und das Deutsche bei den Regeln und Gebräuchen im Bereich der Zusammen-, Getrennt- und Bindestrichschreibung zum Teil beträchtlich unterscheiden, kommt es regelmäßig zu Zweifeln. Im Folgenden wird nicht dargestellt, was häufig vorkommt oder u. a. in Fachsprachen üblich ist, sondern „nur“, wie man nach der amtlichen Regelung vorgehen sollte. Wundern Sie sich also bitte nicht, wenn Sie in Ihren Augen ungewohnte Schreibungen antreffen!

Frage

Gibt es für die Zusammenschreibung von englischen Fremdwörtern Regeln? Wenn das Wort aus einem Verb und einem Partikel besteht, ist der Bindestrich vorzuziehen, sagt der Duden (vgl. Know-how). Wie sieht es aber bei einer Zusammensetzung von Substantiv und Substantiv bzw. Adjektiv und Substantiv aus (Keynote Speaker, Best Practice)?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

wenn Sie zusammengesetzte Fremdwörter aus dem Englischen ins Deutsche integrieren, gilt im Prinzip wie bei einheimischen Zusammensetzung die Zusammenschreibung. So weit wäre es eigentlich ganz einfach. Doch dann kommen natürlich wieder einmal die Ausnahmen:

Bei Zusammensetzungen Substantiv + Substantiv ist neben a) der Zusammenschreibung auch b) der verdeutlichende Bindestrich möglich. Die ebenfalls häufig vorkommende c) Getrenntschreibung ist nach der amtlichen Rechtschreibregelung nicht korrekt (außer bei direkten Zitaten aus der Fremdsprache, z. B. „keynote speaker“):

  1. Keynotespeaker, Taskforce, Junkfood, Realityshow
  2. Keynote-Speaker, Task-Force, Junk-Food, Reality-Show
  3. Keynote Speaker, Task Force, Junk Food, Reality Show (NB: nach amtl. Regelung nicht korrekt)

Bei Zusammensetzungen Adjektiv + Substantiv ist a) die Zusammenschreibung möglich, wenn die Hauptbetonung der Verbindung auf dem Adjektiv liegt. Daneben ist auch b) die Getrenntschreibung möglich, die für alle anderen Adjektiv-Substantiv-Verbindungen aus dem Englischen verbindlich ist:

  1. Smalltalk, Shortstory, Coldcream
  2. Small Talk, Short Story, Cold Cream; Best Practice, Electronic Banking, Direct Mailing

Bei Verb-Partikel-Verbindungen ist neben a) der Zusammenschreibung ebenfalls b) die Schreibung mit Bindestrich möglich. Der Bindestrich ist vorzuziehen, wenn die Zusammenschreibung die Lesbarkeit beeinträchtigen würde. (Eine Duden-Empfehlung ist übrigens nicht weniger und nicht mehr als eine unverbindliche Empfehlung der Duden-Redaktion.)

  1. Knowhow, Backup, Burnout, Stopover
  2. Know-how, Back-up, Burn-out, Stop-over; Make-up, Go-in

Das sind nur die wichtigsten Stolpersteine bei der Schreibung von Fremdwörtern. Auf dieser Seite in Canoonet finden Sie Links auf die Regeln, weitere Informationen und Beispiele.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Von »nicht wahr« über »oder« bis zu »woll«: immer mit Komma

 Frage

Eigentlich sollte ich es wissen aber ich weiß es nicht mehr :-( Kommt in diesen Satz ein Komma oder nicht?

Eigentlich nicht schlecht oder?

Ich freue mich auf Ihre Antwort und evtl. auch eine Erklärung.

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Vor einem abschließenden fragenden oder steht ein Komma:

Eigentlich nicht schlecht, oder?

Siehe auch hier.

Man kann dieses oder als nachgetragene Erläuterung sehen, mit der man um Zustimmung fragt. Solche nachgetragenen Erläuterungen werden durch ein Komma abgetrennt. Das gilt auch für das standardsprachliche Äquivalent dieses eher umgangssprachlichen oder

Das ist gut, nicht wahr?

sowie für seine regionalen, mehr oder weniger umgangssprachlichen Neffen und Nichten wie zum Beispiel diese:

Da staunst du, gelt/gell/gelle?
Du kommst auch mit, ja?
Wir haben schon gezahlt, oder nicht?
Wir haben gewonnen, stimmt’s?
Ihr kommt aus dem Süden, nich(t)?
Sie haben Hunger, ne?
Sie haben schon gegessen, näch?
Du hast sie nicht mehr alle, wa?
Das war teuer, was?
Da biste platt, woll?

Und seien Sie mir bitte nicht böse, wenn die Variante Ihrer Region nicht dabei ist. Die Beispiellisten können ja nicht immer vollständig sein, oder?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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An die Elfenbeinküste, in die Elfenbeinküste oder nach Elfenbeinküste

Es steht zwar nicht ganz oben auf der Liste der am meisten besuchten Urlaubsziele, aber falls Sie Ihren Osterurlaub doch einmal in diesem westafrikanischen Land verbringen möchten, fahren Sie dann an die Elfenbeinküste, in die Elfenbeinküste oder nach Elfenbeinküste? Eine ähnliche Frage hat Frau W. gestellt:

Frage

Heißt es „Addah an der Elfenbeinküste“ oder „Addah in der Elfenbeinküste“?

Persönlich finde ich die erste Lösung besser, allerdings schreibt beispielsweise der Duden: „er ist Staatsbürger von Elfenbeinküste“. Sicher, die Elfenbeinküste ist ein Staat, aber klingt das nicht furchtbar?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

es gibt hier keine eindeutig festgelegte, allgemein verbindliche Formulierung. Im offiziellen Verkehr wird im Deutschen im Prinzip der einzige offiziell von diesem Staat akzeptierte Name Côte d’Ivoire verwendet.

Addah liegt in Côte d’Ivoire
die Bevölkerung von Côte d’Ivoire

Sonst ist die Elfenbeinküste oder seltener Elfenbeinküste ohne Artikel üblich:

die Bevölkerung der Elfenbeinküste
die Bevölkerung von Elfenbeinküste

Wenn man den Namen mit Artikel verwendet, kann bei Ortsangaben an oder in stehen. Mit an verweist man auf die Küste dieses Namens, mit in auf den Staat. Es gibt somit drei Möglichkeiten, von denen keine als falsch bezeichnet werden kann:

Addah liegt in Elfenbeinküste
Addah liegt in der Elfenbeinküste
Addah liegt an der Elfenbeinküste

Am schönsten (und interessantesten) klingt für mich an der Elfenbeinküste. Damit ist allerdings eher die Küste als der Staat gemeint. Bei einem Ort, der nicht wie Addah an der Küste, sondern weiter im Landesinnern liegt, verwendet man besser eine dieser Formulierungen:

Yamoussoukro liegt in der Elfenbeinküste
Yamoussoukro liegt in Elfenbeinküste

Die Einwohner und Einwohnerinnen der Elfenbeinküste heißen übrigens offiziell Ivorer und Ivorerinnen und das Adjektiv lautet ivorisch (vgl. d’Ivoire). Da diese Bezeichnungen nicht allzu bekannt sind, würde ich allerdings empfehlen, X der Elfenbeinküste oder Y von Elfenbeinküste zu verwenden, wenn man gerne auf Anhieb verstanden werden möchte.

Man kann also in die Elfenbeinküste/nach Elfenbeinküste fahren, wenn das Land gemeint ist, oder an die Elfenbeinküste, wenn das Ziel der Reise dort am Meer liegt. Ich verbringe Ostern dieses Jahr übrigens ruhig und ohne jeglichen präpositionalen Zweifel zu Hause.

Frohe Ostern!

Dr. Bopp

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Der Großteil der Frauen und seine/ihre Stellung im Beruf?

Frage

Ich stoße in dem folgenden Satz auf ein Problem mit dem Genus:

Der Großteil der Frauen strebt eine möglichst hohe Stellung in seinem/ihrem (?) Beruf an. Dafür müssen sie/muss er (?) …

Was ist hier erlaubt bzw. gefordert, sofern man nicht auf eine andere Formulierung ausweichen möchte?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

hier konstruiert man besser nicht nach „mathematisch-logischer Präzsision“, sondern nach dem Sinn: Nicht der Großteil hat eine Stellung im Beruf, sondern die Frauen haben eine Stellung im Beruf. Auch im weiteren Text ist es sinnvoller, sich auf Frauen und nicht auf die ungenaue Mengenangabe Großteil zu beziehen. Es ist also nicht so, dass sich alles zwingend nach dem grammatischen Subjekt Großteil richten muss:

Der Großteil der Frauen strebt eine möglichst hohe Stellung in ihrem Beruf an. Dafür müssen sie

Umgekehrt ist aber auch die Übereinstimmung nach dem Sinn nicht zwingend. Man kann häufig auch rein grammatisch konstruieren:

Ein Großteil der Befragten ist zufrieden mit seinem Beruf.
Beim Börsencrash verlor ein großer Teil der Anleger sein gesamtes Vermögen.

Und wenn weder das eine noch das andere wirklich zu überzeugen vermag – was bei solchen Konstruktionen häufiger vorkommt –, könnten Sie vielleicht doch eine Umformulierung dieser Art erwägen:

Der Großteil der Frauen strebt einen möglichst hohe Stellung im (eigenen) Beruf an.
Beim Börsencrash verlor ein großer Teil der Anleger das gesamte Vermögen.

Aus diesem Grund schreibe ich auch lieber nicht, dass eine Teil Ihrer Fragen noch auf seine oder ihre Beantwortung wartet, sondern einfach, dass ein Teil Ihrer Fragen noch auf Beantwortung wartet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Präposition versus Konjunktion: versus

Frage

In einer Zeitschriftenüberschrift lese ich: „Alte Zöpfe versus frischem Wind“. Stimmt der Kasus nach „versus“?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

nach versus steht nicht der Dativ, sondern der Akkusativ:

alte Zöpfe versus frischen Wind
alte Armut versus neuen Reichtum
christliche Dogmentreue versus einen kritischen Geist

So steht es in den Wörterbüchern, auch in Canoonet.

Die Präposition versus stammt direkt aus dem Lateinischen, wo sie ebenfalls mit dem Akkusativ steht. Der Dativ frischem Wind ist vielleicht durch die deutsche Entsprechung gegenüber beeinflusst, die diesen Fall verlangt.

Das ist aber nicht alles, was ich hierzu sagen möchte. Mir kommt nämlich ganz spontan eine andere Formulierung in den Sinn, die ich eigentlich auch nicht als falsch empfinde, obwohl nach versus nicht ein Akkusativ steht:

Alte Zöpfe versus frischer Wind

Der Nominativ „frischer Wind“ nach versus? Ich habe ganz schnell auch noch weitere Beispiele gefunden, in denen nach versus nicht der Akkusativ, sondern ein anderer Fall steht, ohne dass mir das grundsätzlich falsch vorkommt:

neue Form versus neuer Inhalt
die Interaktion Personalchef versus junger Angestellter
Es kam zu einer Auseinandersetzung von Halbstarken versus Erwachsenen**

Es sieht also so aus, wie wenn versus häufig nicht als Präposition mit einem festen Kasus, sondern als Konjunktion verwendet wird. Bei einer Konjunktion stehen die durch die Konjunktion verbundenen Elemente im gleichen Kasus. Der Kasus wird durch ihre Rolle im Satz bestimmt. Die Verwendung von versus als Konjunktion ist nicht ganz abwegig, da es die Elemente, die vor und nach ihm stehen, häufig zu einem Gegensatzpaar verbindet, dessen gleichrangige Elemente auch die Plätze tauschen können:

alte Zöpfe versus frischer Wind = frischer Wind versus alte Zöpfe
vgl.
alte Zöpfe und frischer Wind = frischer Wind und alte Zöpfe
alte Zöpfe oder frischer Wind = frischer Wind oder alte Zöpfe

Die Tatsache, dass versus häufig in dieser Weise „falsch” verwendet wird, und in wesentlich geringerem Maße mein Erstaunen darüber, dass mich das nicht erstaunt, sind Anzeichen dafür, dass die Einteilung von versus als Präposition mit Akkusativ vielleicht nicht die ganze Sprachwirklichkeit beschreibt. Es wäre genauer zu prüfen, ob versus nicht auch in der Standardsprache häufiger die Funktion einer Konjunktion hat: Präposition versus Konjunktion.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

**Akkusativ wäre Erwachsene, vgl. für Erwachsene

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