Wie Aachen anderswo heißt

Heute geht es nicht um Grammatik und nicht um Rechtschreibung. Es geht eigentlich nicht einmal um die deutsche Sprache. Letztes Wochenende waren wir in Aachen. Dort ist mir in den mehrsprachigen Broschüren aufgefallen, dass diese Stadt in anderen Sprachen ganz unterschiedliche Namen trägt.

Namen von Städten sind wie andere geografische Bezeichnungen nicht immer in allen Sprachen gleich. So nennen wir zum Beispiel Napoli und Milano Neapel und Mailand, Warszawa und Praha werden bei uns zu Warschau und Prag, und København und Liège heißen hierzulande Kopenhagen und Lüttich.

Das Umgekehrte kommt natürlich auch vor. Es folgen ein paar mehr oder weniger bekannte Beispiele fremdsprachiger Städtenamen für deutschsprachige Städte:

Bâle (fr), Basilea (it)
Berlijn (nld), Berlim (port), Berlino (it)
Brema (it, poln, sp), Brême (fr), Brémy (tschech), Brimarborg (isl)
Drážďany (tschech), Dresda (it, port, rum), Dresde (fr, sp), Drezda (ung), Drezno (pol)
Getynga (poln), Getynky (tscheck), Gœttingue (fr), Gotinga (sp, port), Gottinga (it)
Amburgo (it), Hamborg (dän), Hambourg (fr), Hamburgo (span, port), Hamburk (tscheck), Hampuri (fin)
Cologne (en, fr), Colonia (it, sp), Keulen (nld), Kolín [nad Rýnem] (tschech), Kolonia [nad Renem] (poln)
Lipcse (ung), Lipsia (it, spa), Lipsk (poln), Lipsko (tschech)
Magonza (it), Maguncia (sp), Mayence (fr), Mogúncia (port), Moguncja (poln),
Mnichov (tschech), Monachium (poln), Monaco [di Baviera] (it), Munich (en, fr), Múnich (Spanisch), Munique (port)
Salisburgo (it), Salzbourg (fr), Salzburgo (sp), Solnohrad (tschech)
Schaffhouse (fr), Sciaffusa (it), Szafuza (poln)
Saint-Gall (fr), San Gallo (it), Svatý Havel (tschech), São Galo (port)
Estugarda (port), Štíhrad (tschech), Stoccarda (it)
Trevír (tschech), Trèves (fr), Treviri (it), Trewir (poln), Tréveris (sp, port)

Spitzenreiter der Variation ist wohl diese Stadt:

Beč (kroat, serb), Bécs (ung), Dunaj (slow), Vídeň (tschech), Viena (port, rum, sp), Vienna (en, it), Vienne (fr), Wenen (nld), Wiedeń (poln)

Gute Zweite ist aber bestimmt die Stadt Aachen:

Aix-la-Chappelle (fr), Aken (nld), Akwisgran (poln), Aquisgrán (sp.), Aquisgrana (it, port, Cáchy (tschech)

Wenn jemand Sie mit französischem Akzent nach Aix-la-Chappelle fragt oder italienische Touristen wissen möchten, wie sie nach Aquisgrana kommen, verstehen Sie nun, was sie meinen. Eine Reise lohnt sich übrigens sowieso, ganz gleich, wie Sie die Stadt nennen. Das gilt selbst dann, wenn Sie Weihnachtmärkte nicht mögen. Der Dom zum Beispiel ist wunderschön.

PS: Die Liste ist in keinerlei Hinsicht vollständig! Sie berücksichtigt auch ausschließlich die Namen in schriftlicher Form.

PPS: Falls Sie eine Stadt nicht erkennen konnten, hier die deutschen Namen in derselben Reihenfolge: Basel, Berlin, Bremen, Dresden, Göttingen, Hamburg, Köln, Leibzig, Mainz, München, Salzburg, Schaffhausen, Sankt-Gallen, Stuttgart, Trier, Wien, Aachen

Kommentare

Wenn das Verb nicht mit dem Subjekt übereinstimmt: »Das sind …«

Heute wieder einmal etwas Grammatik:

Frage

Ist „das“ [in den folgenden Beispielen] ein Subjekt oder ein Prädikativ? Normalerweise nehmen wir an, dass „das“ Subjekt ist. Aber:

Das ist mein Freund
Das sind meine Freunde

Wenn wir diese Sätze vergleichen, dann weiß ich nicht mehr, was das Subjekt ist. Wenn das finite Verb nur mit dem Subjekt in Kongruenz steht, dann ist das Substantiv das Subjekt, während „das“ nur als Prädikativ fungiert. Oder wenn wir sagen: „Das bin ich“, dann ist das Subjekt natürlich „ich“. Stimmt das?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

es stimmt, dass sich das Verb in der Regel in Numerus und Person nach dem Subjekt richtet.

Mein Freund wohnt in B.
Meine Freunde wohnen in B.
Du wohnst in B.

Zu dieser Grundregel gibt es fast keine Ausnahmen – aber eben nur fast.

Wenn in einem Satz mit dem Verb sein das Subjekt und der Gleichsetzungsnominativ (auch Prädikativ zum Subjekt oder prädikativer Nominativ genannt) nicht beide im Singular oder beide im Plural stehen, wird das Verb in der Regel in den Plural gesetzt:

Diese Sachen sind mein ganzer Besitz.
Die Franzosen sind ein Volk von Genießern.

Bis hierher gibt es keine großen Besonderheiten. In diesen beiden Sätzen steht das Subjekt im Plural und das Verb ebenfalls, also ganz so, wie es auch die allgemeine Regel fordert.

Die Sonderregel wird erst dann zur richtigen Ausnahmeregel, wenn Pronomen wie das, dies und welches Subjekt des Gleichsetzungssatzes sind und mit einem Nomen im Plural verbunden werden. Diese Pronomen sind zwar Singulare, das Verb steht dann aber trotzdem im Plural:

Das sind meine Sachen.
Dies sind meine Eltern.
Welches sind die neuen Aufträge?

Grammatisch gesehen könnte man Ihren Satz also so analysieren:

Das –sind – meine Freunde
Subjekt – Kopulaverb – Prädikativ

Das ist noch nicht alles: In Gleichsetzungssätzen mit das und dies richtet sich das Verb auch in der Person nach dem Prädikativ:

Das bin ich.
Dies seid ihr.

Das – bist – du
Subjekt – Kopulaverb – Prädikativ

Es handelt sich hier also um sehr spezielle Sätze, die sich den „normalen“ Satzstrukturen zum Teil entziehen. Keine Wunder also, dass Sie sie nicht so einfach analysieren konnten!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

An die Falsche geraten

Frage

Ich war der Meinung, dass man Adjektive klein schreibt, wenn sie sich auf den vorherigen Satz beziehen. Beispiel:

Ich mag Brezeln. Bevorzugen tue ich die salzigen.

Trotz des Artikels wird „salzigen“ kleingeschrieben, weil es sich auf die Brezeln im vorherigen Satz bezieht, oder?

Wenn ich nun recht habe, verwirrt mich dann allerdings etwas. Wir hatten vor kurzem im Deutschunterricht eine Art Diktat geschrieben. Dort kamen folgende zwei Sätze vor:

Einer hielt mit einer Pistole am Eingang Wache, der andere, mit einem Schal maskierte Mann packte die Putzfrau und verlangte Geld. Aber da war er an die Falsche geraten.

Ich machte den Fehler und schrieb „an die falsche“. Ich habe „falsche“ kleingeschrieben, weil ich eben dachte, dass man sich weiterhin auf die Putzfrau bezieht, was ja eigentlich auch so ist. […]

Antwort

Guten Tag L.,

in diesem Fall ist tatsächlich die Großschreibung Falsche richtig. Das an die Falsche geraten bezieht sich hier zwar auf die Person der Putzfrau, aber nicht auf das Wort Putzfrau. Der Räuber ist nicht an die falsche Putzfrau geraten, sondern an die falsche Person. Das Wort Person oder Frau kommt nicht im Text vor. Deshalb wird großgeschrieben.

Im Prinzip haben Sie recht: Kleingeschrieben wird ein Adjektiv auch dann, wenn es sich über die Satzgrenze hinaus auf ein vorhergehendes Substantiv bezieht. Zum Beispiel:

Ich mag Brezeln. Ich bevorzuge die salzigen.
(= die salzigen Brezeln)
Siehst du die Putzfrau dort? Sie ist die beste, die je hier gearbeitet hat.
(= die beste Putzfrau)
Sie hat meine Nummer. – Vielleicht hast du ihr aus Versehen die falsche gegeben.
(= die falsche Nummer)

Aber: Wenn das Adjektiv sich zwar inhaltlich auf etwas Vorhergehendes bezieht, aber nicht direkt auf ein vorhergehendes Substantiv, schreibt man groß:

Sie heißt Susanne. Sie ist die Beste der Klasse.
(= die beste Schülerin, nicht *die beste Susanne)
Ich mag Eingemachtes nicht. Das ist das Scheußlichste, was es gibt.
(= das Scheußlichste, was man essen kann; nicht *das scheußlichste Eingemachte)
Er bedrohte die Putzfrau. Da war er aber an die Falsche geraten.
(= die falsche Person, nicht *die falsche Putzfrau)

Die Schreibweise an die falsche war die falsche. Es war aber das Richtige, bei Unsicherheiten nachzufragen – und dafür sind Sie bei mir hoffentlich an den Richtigen geraten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Zur Adventsfeier ins/im Kirchencafé einladen

Meine Lieblingsfragen sind oft diejenigen, bei denen es mehr als eine korrekte Antwort gibt. Sie zeigen, wie schön flexibel die Sprache sein kann. Auch heute gibt es wieder eine Sowohl-als-auch-Antwort.

Frage

Muss es im folgenden Satz „ins Kirchencafé“ heißen oder ist „im Kirchencafé“ auch richtig?

Ich lade alle Jugendlichen zu einer Adventsfeier im Kirchencafé ein.

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

nach Ihrer Fragestellung zu urteilen, vermuten Sie bereits, was hier der Fall ist: Beide Formulierungen sind möglich. Man kann den Satz nämlich unterschiedlich aufbauen. Für diejenigen, die solches mögen, folgt deshalb eine einfachen Bestimmung der Satzteile beider Formulierungen:

Ich lade alle Jugendlichen zu einer Adventsfeier ins Kirchencafé ein.

ich = Subjekt
lade ein = Prädikat
alle Jugendlichen = Akkusativobjekt
zu einer Adventsfeier = Präpositionalobjekt
ins Kirchencafé = Adverbialbestimmung des Ortes, Ortsergänzung

Ein bisschen anders sieht die Satzanalyse hier aus:

Ich lade alle Jugendlichen zu einer Adventsfeier im Kirchencafé ein.

ich = Subjekt
lade ein = Prädikat
alle Jugendlichen = Akkusativobjekt
zu einer Adventsfeier im Kirchencafé = Präpositionalobjekt

Bei der ersten Formulierung ist ins Kirchencafé direkt von einladen abhängig: ins Kirchenkaffe einladen. Im zweiten Satz ist im Kirchencafé eine nähere Bestimmung zu Adventsfeier: eine Adventsfeier im Kirchencafé. Beide Sehensweisen sind hier möglich und richtig. Es gibt noch nicht einmal einen wesentlichen Bedeutungsunterschied.

Eine schöne Adventsfeier wünscht

Dr. Bopp

Kommentare

Schlecht war früher schlicht

Zum Wochenende wieder einmal etwas Wortgeschichte. Ich bin kürzlich auf den Zusammenhang zwischen schlecht und schlicht gestoßen, der mir vorher gar nicht bewusst war.

Das alte Adjektiv sleht bedeutete ursprünglich glatt, geglättet, eben. Es ist unter anderem mit schleichen (ursprünglich = gleiten) verwandt. Später erhielten schlecht und seine abgelautete Variante schlicht auch die Bedeutung einfach, schlicht.

Dann geschah, was häufiger geschieht: Ursprünglich neutral Begriffe können eine negative Bedeutung erhalten. Bekannte Beispiele sind Weib, Dirne, gemein und ordinär, die ursprünglich Frau, Mädchen, allgemein und gewöhnlich bedeuteten (vgl. hier). Und auch gewöhnlich hat ja manchmal schon einen eher negativen Beigeschmack, zum Beispiel wenn es um Design, Schönheit, Essen, Wein u. Ä. geht.

Zurück zu schlecht: Ab dem 15. Jahrhundert wird schlecht als Gegensatzwort zu ausgezeichnet, kostbar, wertvoll verwendet und erhält so langsam die Bedeutung minderwertig, nicht gut. Es hat also einen ähnlichen „Abstieg“ hinter sich, wie die oben erwähnten Wörter. Der leere Platz im Wortschatz, der dadurch hätte entstehen können, wurde durch schlicht aufgefüllt. Schlicht wurde das neue Schlecht – oder so ähnlich.

So kam das Adjektiv schlecht zu seiner negativen Ladung. Seine ursprünglich neutrale Bedeutung überlebt noch in den Adverbien schlechthin und schlechtweg, wenn damit geradezu, einfach gemeint ist. Und schlicht bedeutet schlechtweg immer noch schlicht.

Kommentare

Sagte er Hallo oder »Hallo«?

Frage

Welche Schreibung ist korrekt […]?

Er betrat den Raum und sagte Hallo.
Er betrat den Raum und sagte „Hallo“.
Er betrat den Raum und sagte: „Hallo!“

(Es geht nicht um Groß-/Kleinschreibung von hallo/Hallo.)

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

gewisse Wendungen der Begrüßungen, der Zustimmung und Ablehnung oder des Dankes können in Verbindung mit Verben wie sagen unterschiedlich gemeint sein. Das zeigt sich auch in der Zeichensetzung.

Wenn gesagt wird, dass jemand grüßt, sich verabschiedet, etwas bejaht oder verneint resp. sich bedankt, sind Doppelpunkt und Anführungszeichen nicht notwendig. Das Wort oder die Wendung ist dann ganz in den Satz integriert (und kann groß- oder kleingeschrieben werden):

Er kam in Zimmer und sagte Hallo/hallo.
Ich kommen noch schnell vorbei, um Auf/auf Wiedersehen zu sagen.
Als ich ihn gefragt habe, hat er Ja/ja gesagt.
Warum sagt ihr Nein/nein?
Sie hat nicht einmal Danke/danke gesagt.

Nur wenn angegeben werden soll, welches Wort oder welche Wendung genau verwendet wird, geht man wie bei wörtlichen Zitaten vor. Zum Beispiel:

Was hat er gesagt? – Er hat „Hallo“ gesagt.
Sie sagte nur diese zwei Worte: „Auf Wiedersehen“.
Er schrie laut: „Nein!“
Und dann sagte sie: „Danke!“

Wie so oft, sind auch hier die Übergänge fließend, das heißt, häufig sind beide Schreibweisen möglich.

Und um Ihre Frage nun noch konkret zu beantworten: Alle Schreibungen, die Sie anführen, sind möglich, je nachdem, ob Sie ausdrücken, dass gegrüßt wurde:

Er sagte Hallo.

oder ob Sie betonen, dass das Wort „Hallo“verwendet wurde:

Er sagte: „Hallo!“
Er sagte „Hallo“.

Ich sage nun Danke für Ihre Frage und tue dies, indem ich „Danke“ schreibe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Der Besuch eines/einer der vielen Weihnachtsmärkte

Heute wieder einmal eine Frage zum Genitiv (neben dem Komma einer der Favoriten im Fragebereich), und zwar anhand eines Beispielsatzes mit dem Wort Weihnachtsmärkte – die Weihnachtsmarktsaison steht ja wieder vor der Tür.

Frage

Wir streiten intern über den korrekten Artikel:

Um sich auf die Festtage einzustimmen, lohnt sich der Besuch eines der vielen Weihnachtsmärkte.
Um sich auf die Festtage einzustimmen, lohnt sich der Besuch einer der vielen Weihnachtsmärkte.

Stimmt eines oder einer und wieso?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

gehen wir die Sache einmal schrittweise an und bestimmen zuerst den Fall. Hinter Besuch folgt ein Genitiv, wie zum Beispiel

der Besuch eines Weihnachtsmarktes

zeigt. Das Pronomen (eines/einer ist in Ihrem Beispiel kein Artikel, s. u.) steht also im Genitiv und bezieht sich auf das männliche Wort Weihnachtsmarkt. Wenn wir die Wortgruppe, um die es geht, nun einmal durchdeklinieren, ergibt sich das folgende Bild:

N: Der Markt in Aachen ist einer der vielen Weihnachtsmärkte.
A: Wir besuchen einen der vielen Weihnachtsmärkte.
D: Sie finden unseren Stand bestimmt auf einem der vielen Weihnachtsmärkte.

und schließlich:

G: Der Besuch eines der vielen Weihnachtsmärkte lohnt sich.

Man trifft in Fällen wie diesem übrigens im männlichen Genitiv häufiger die standardsprachlich nicht korrekte Form einer statt eines an. Zum Beispiel:

Nach der Meinung *einer der Kunden war der Service sehr schlecht.
richtig: Nach der Meinung eines der Kunden war der Service sehr schlecht.

Durch Anklicken *einer der Buttons gelangen Sie auf die entsprechende Seite.
richtig: Durch Anklicken eines der Buttons gelangen Sie auf die entsprechende Seite.

Das hat vielleicht damit zu tun, dass ein… hier als Artikelwort angesehen wird, das vor dem Plural Buttons steht. Artikelwörter haben im Genitiv Plural häufig die Endung er:

durch Anklicken dieser/jener/aller Buttons
der Besuch einiger/unserer Weihnachtsmärkte

In diesen Fällen ist ein… aber kein Artikelwort (diese Rolle hat hier der), sondern ein Pronomen, das stellvertretend für eine Wortgruppe steht:

der Besuch eines der vielen Weihnachtmärkte
= der Besuch eines Weihnachtsmarktes der vielen Weihnachtsmärkte

Das Wort eines hat hier also nicht die Pluralendung er eines Artikelwortes, sondern die Singularendung es eines Pronomens.

Aber ob es nun eines oder einer der Weihnachtmärkte heißt: Der Besuch lohnt sich bestimmt – wenn man Weihnachtmärkte mag.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Brachte mein Freund mir oder mir mein Freund eine gute Nachricht?

Frage

Gestern brachte mein Freund mir eine gute Nachricht.
Gestern brachte mir mein Freund eine gute Nachricht.

Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

die Wortfolge im deutschen Satz kann sehr komplex sein. Das liegt daran, dass es nur wenige feste Regeln und viele mehr oder weniger starke Tendenzen gibt. Auch bei Ihrem Satz spielen zwei verschiedene Wortstellungstendenzen eine Rolle.

Die erste Tendenz lautet: Das Subjekt steht im Mittelfeld an erster Stelle. Zum Beispiel:

Wann hat Anton den Hund gebadet? (nicht: den Hund Anton)
Wahrscheinlich musste die Automobilistin dem Lastwagen ausweichen. (nicht: dem Lastwagen die Automobilistin)
Gestern brachte er mir eine gute Nachricht. (nicht: mir er eine gute Nachricht)

Die zweite, ebenfalls starke Tendenz lautet: Pronomen stehen im Mittelfeld vor Nomen. Zum Beispiel:

Anton gab ihm einen Knochen. (nicht: einen Knochen ihm)
Anton gab ihn seinem Hund. (nicht: seinem Hund ihn)
Er hat sie der Nachbarin gestern gebracht. (nicht: der Nachbarin sie gestern)
Er hat ihr die Nachricht gestern gebracht (nicht: die Nachricht ihr gestern)

In Ihrem Beispielsatz ist das Subjekt ein Nomen (mein Freund). Das Dativobjekt ist ein Pronomen (mir). Nach der ersten Tendenz muss das Subjekt mein Freund an erster Stelle stehen. Nach der zweiten Tendenz muss aber das Pronomen mir vor dem Nomen stehen. In diesem Fall „gewinnt“ keine der beiden Tendenzen, so dass beide Wortfolgen möglich sind:

Gestern brachte mein Freund mir eine gute Nachricht.
Gestern brachte mir mein Freund eine gute Nachricht.

So komplex kann die Erklärung der Wortstellung im Deutschen sein! Und wenn Sie einmal ein bisschen mit den Beispielsätzen spielen, merken Sie vielleicht, dass es noch mehr Möglichkeiten geben könnte, die sich nicht mit Hilfe der beiden genannten Tendenzen erklären lassen (z.B. Er hat gestern die Nachricht ihr gebracht). Ich habe dann immer Mitleid mit den armen Deutschlernenden, die sich all diese Regeln und zum Teil widersprüchlichen Tendenzen aneignen müssen! Als Muttersprachige haben wir in der Regel nur dann ein Problem – aber meist ein großes –, wenn wir erklären sollten, warum eine Wortfolge nicht möglich ist oder seltsam klingt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Pro- und Kontra-Diskussion oder Pro-und-Kontra-Diskussion?

Frage

Da ich meine Kursteilnehmer in die Geheimnisse der Pro- und Kontra-Diskussion einweihen soll, stellt sich mir nun die Frage, ob die weit verbreitete Schreibung (Pro- und Kontra-Diskussion) überhaupt richtig ist. Sinnvoller würde mir „die Pro-und-Kontra-Diskussion“ erscheinen, denn es handelt sich ja nur um eine Diskussion und nicht um zwei verschiedene. Was denken Sie?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

im Prinzip sind beide Schreibweisen möglich, aber es gibt dabei einen kleinen Bedeutungsunterschied. Bei der ersten Schreibung steht bei Pro ein Ergänzungsstrich:

Pro- und Kontra-Diskussion = Pro-Diskussion und Kontra-Diskussion

Es geht hier also eigentlich um zwei Diskussionen: um eine Diskussion des Pros und eine Diskussion des Kontras. Eine ähnliche Struktur haben diese Beispiele:

die Apfel- und Birnenernte = die Apfelernte und die Birnenernte
auf Länder- und Gemeindeebene = auf Länderebene und auf Gemeindeebene

Bei der zweiten Schreibung stehen Bindestriche zwischen allen Teilen der Verbindung (vgl. Bindestrich bei Zusammensetzungen mit Wortgruppen):

Pro-und-Kontra-Diskussion = Diskussion von Pro und Kontra

Hier gibt es nur eine Diskussion: die Diskussion über Pro und Kontra. Diese Struktur findet sich auch in Bildungen wie den folgenden:

Berg-und-Tal-Bahn = Bahn über Berg und Tal
Sturm-und-Drang-Dichtung = Dichtung aus dem Sturm und Drang
Fix-und-Foxi-Magazin = Magazin mit Fix und Foxi

Ich würde hier wie Sie die zweite Variante wählen und sie auch empfehlen. Im Gegensatz zu Apfelernte und Gemeindeebene, die allgemein üblich sind, kommen Pro-Diskussion und Kontra-Diskussion allein wenig vor. Es geht in der Regel um eine Diskussion, die sich mit dem Pro und Kontra beschäftigt. Deshalb stimme ich mit Ihnen überein, dass hier die Schreibung Pro-und-Kontra-Diskussion vorzuziehen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Warum schreibe ich „vorzuziehen“ und nicht „die einzig richtige“? – Die Schreibung Pro- und Kontradiskussion ist nicht grundsätzlich falsch. Wenn es zuerst eine Diskussion der Pro-Punkte gibt (eine Pro-Diskussion), der eine Diskussion der Kontra-Punkte folgt (eine Kontra-Diskussion), und wenn man auf diese Trennung der Diskussionen wert legt, ist Pro- und Kontra-Diskussion eine mögliche Schreibung. In der Regel wird aber nicht in dieser streng getrennten Weise über Pro und Kontra diskutiert, weil Pro und Kontra meist innerhalb einer Diskussion gegeneinander abgewogen werden.

Kommentare

Komma vor dem Doppelpunkt?

Frage

Wenn einem Redebegleitsatz noch vor der wörtlichen Rede ein Nebensatz, ein Einschub oder Ähnliches folgt, wird dieser dann mit einem Komma abgeschlossen, sodass ein Komma direkt vor dem Doppelpunkt steht? Beispielsatz:

Er antwortete auf die Bitte, sich zu melden(,): „Danke für den Brief.“

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

spontan lasse ich das Komma vor dem Doppelpunkt weg und ich empfehle Ihnen, dies auch zu tun:

Er antwortet auf die Bitte, sich zu melden: „Danke für den Brief.“

In der amtlichen Rechtschreibregelung kann ich aber keine exakten Angaben dazu finden. Leitet man von bestehenden Regeln ab, kann sowohl für das Komma (wie zum Beispiel beim abschließenden Gedankenstrich eines Einschubes) als auch gegen das Komma (wie zum Beispiel vor dem Schlusspunkt) argumentiert werden. Da das Komma nicht die gleiche Funktion hat wie der Gedankenstrich und der Doppelpunkt nicht die gleiche Funktion wie der Schlusspunkt, lassen sich für beides auch Gegenargumente finden. Die über alle Zweifel erhabene Lösung gibt es also nicht.

Ich gehe davon aus, dass das zweite Komma die Funktion hat, das Ende der Infinitivgruppe anzugeben. Dies ist vor einem Punkt am Satzende und hier vor dem Doppelpunkt nicht notwendig. Der Doppelpunkt gibt an, dass der vorangestellte Begleitsatz, zu dem die Infinitivgruppe gehört, abgeschlossen ist. Ich halte es deshalb für gerechtfertigt, das Komma wegzulassen und damit eine sehr ungewöhnliche Folge von Satzzeichen zu vermeiden:

Er antwortet auf die Bitte, sich zu melden: „Danke für den Brief.“

Ebenso:

Er antwortete auf die Frage, ob er mitkomme: „Danke für die Einladung.“
Er fragte Hans, seinen Bruder: „Kommst du auch mit?“
Sie sagte zu Frau Sieger, d. h. zu ihrer Nachbarin: „Jetzt habe ich genug davon!“

Mit einer ähnlichen Begründung könnte man auch den zweiten Gedankenstrich bei paarigen Gedankenstrichen für „überflüssig“ erklären. Er sollte aber – das ergibt sich aus § 85 der amtl. Regelung – wie die abschließende Klammer auch vor dem Doppelpunkt geschrieben werden:

Er antwortet auf diese Bitte – wie könnte es auch anders sein! –: „Das geht dich nichts an.“

Das ist vielleicht nicht bis in Letzte konsequent, aber Kommas und paarige Gedankenstriche werden ja auch z. B. in Bezug auf die Leerschritte nicht gleich behandelt. Deshalb meine Empfehlung: kein Komma vor dem Doppelpunkt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)