Komplett herstellen und komplettes Herstellen

Frage

Bei uns im Geschäft ist die Frage aufgetaucht, wie man einen Bestelltext bezüglich Groß- und Kleinschreibung richtig formuliert. Es geht darum, ob weitere Bearbeitungen an einem Werkstück, wie zum Beispiel „verzinken“, „versilbern“ und so weiter, groß- oder kleingeschrieben werden.

Komplett herstellen nach Zeichnung, versilbern und montieren nach Zeichnung.
Komplett herstellen nach Zeichnung, Versilbern und Montieren nach Zeichnung.

Momentan sind 5 Personen für die klein geschriebene Version und 2 für die groß geschriebene. Vielleicht können Sie uns helfen, diese Frage endlich zu klären.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

bei den folgenden Formulierungen ist beides möglich. Man kann die Formen sowohl als Verbformen (klein) als auch als Substantivierungen (groß) interpretieren:

herstellen, versilbern und montieren nach Zeichnung
Herstellen, Versilbern und Montieren nach Zeichnung

Geht probieren wirklich über studieren?
Geht Probieren wirklich über Studieren?

Siehe hier.

In Ihrem Beispiel steht aber das Adverb (eigentl. das adverbial verwendete ungebeugte Adjektiv) komplett vor herstellen. Deshalb muss herstellen eine Verbform sein. Vor der Substantivierung müsste nämlich ein gebeugtes Adjektiv stehen. Vgl.

komplett herstellen
das Produkt komplett herstellen

komplettes Herstellen
komplettes Herstellen des Produktes

Auch beim folgenden Beispiel kann man am begleitenden Adverb/Adjektiv sehen, ob es sich um eine kleinzuschreibende Verbform oder eine großzuschreibende Substantivierung handelt:

Geht einfach probieren wirklich über lange studieren?
Geht einfaches Probieren wirklich über langes Studieren?

Sorgfältig arbeiten ist wichtig.
Sorgfältiges Arbeiten ist wichtig.

Das Wort herstellen muss also in Ihrem Text kleingeschrieben werden, weil es durch das adverbial verwendete komplett begleitet wird. Wie sieht es nun endlich mit den anderen Verben aus, um die es Ihnen eigentlich geht? Vor montieren und versilbern steht kein Adverb oder Adjektiv, da sie aber in einer Aufzählung mit der Verbform herstellen stehen, sollten sie ebenfalls als Verbformen kleingeschrieben werden:

Komplett herstellen nach Zeichnung, versilbern und montieren nach Zeichnung.

Oft ist lang erklären / Langes Erklären weniger wirksam als kurz erläutern / kurzes Erläutern. Ich hoffe, dass diese Erklärung trotzdem nicht allzu wortreich ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Von deinem/deinen 50 % Rabatt profitieren

Frage

Ich bin gerade auf folgende Unsicherheit […] gestoßen: Wenn eine Mengenangabe im Plural kombiniert mit einem Substantiv im Singular steht und ein Adjektiv hinzukommt, folgt dessen Deklination dann der Mengenangabe (Plural) oder dem Substantiv (Singular)? Oder geht beides?

Beispiel: „Profitiere von deinen 50 % Rabatt“ oder „von deinem 50 % Rabatt“.

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

in diesem Fall sind beide Formulierungen möglich. Sie werden aber nicht ganz gleich geschrieben:

a) Profitiere von deinen 50 % Rabatt!
b) Profitiere von deinem 50 %-Rabatt!

Oder mit Prozent statt %:

a) Profitiere von deinen 50 Prozent Rabatt!
b) Profitiere von deinem 50-Prozent-Rabatt!

Sie sind wahrscheinlich eher an der Formulierung a) interessiert. Bei einer Mengenangabe im Plural und einem Substantiv im Singular richtet man sich in der Regel nach der Mengenangabe:

Diese 100 Gramm Mehl in die Masse einrühren.
Die Kapseln enthalten die letzten 2 ml Impfstoff.
Wie werde ich meine zwei Kilo Weihnachtsspeck wieder los?
Profitiere von deinen 50 % Rabatt!

Ganz unabhängig davon, wie man es formuliert und schreibt, sind 50 % Rabatt resp. ist ein 50 %-Rabatt ein Preisnachlass, von dem man tatsächlich profitieren sollte (falls man das so Angepriesene auch wirklich will und braucht).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Anhand welches/welchen Beispiels

Frage

Ein Gutachter besteht auf der Änderung von „anhand welches Beispiels“ zu „anhand welchen Beispiels“. Zu Recht?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

der Gutachter hat nur insofern recht, als neben „anhand welches Beispiels“ häufig die Formulierung „anhand welchen Beispiels“ vorkommt. Beide gelten als korrekt. Siehe hier.

Wie kommt es zu dieser Variation? Sie hat mit Unterschieden zwischen der Beugung von Adjektiven und der Beugung von Pronomen zu tun.

Adjektive haben im männlichen und sächlichen Genitiv Singular die Endung en:

wegen schlechten Wetters
ein Sortiment feinsten französischen Käses
der Kauf eines sportlichen Fahrrads

Als typische Pronomenendung im männlichen und sächlichen Genitiv Singular gilt die Endung es:

wegen dieses Wetters
der Verzehr jenes Käses
der Diebstahl meines Fahrrads

Und hier beginnen die Inkonsequenzen. Das Deutsche hat nämlich die sparsame Neigung, gewisse Aspekte nur einmal auszudrücken. Wenn es schon eine Endung [e]s gibt, die eindeutig den Genitiv ausdrückt, reicht das. Das zeigt sich bei der Adjektivbeugung, in der es statt der Genitivendung es nur noch die schwache Endung en gibt (siehe Beispiele oben).

Dieser Tendenz folgen auch die Pronomen: Wenn sie im Genitiv vor einem Substantiv mit der Endung (e)s stehen, haben einige von Ihnen die Neigung, die Adjektivendung en statt der Pronomenendung es anzunehmen. Einmal es reicht ja, um den Genitiv auszudrücken. Bei einigen Pronomen gelten beide Formen standardsprachlich als korrekt:

die Erfüllung jedes/jeden Wunsches
im Leben (manches)/manchen Kindes
anhand welches/welchen Beispiels

Aber vor Substantiven ohne die Endung (e)s nur:

im Leben jedes Menschen
nach der Meinung manches Studenten
mit Hilfe welches Assistenten

Und damit es ja nicht zu einfach wird: Für die Pronomen dieser, jener, mein/dein/etc. und kein gilt das oben Gesagte nicht. Sie folgen zwar auch dieser Tendenz – vor allem in festeren Wendungen –, aber bei ihnen gelten die Genitivformen mit en (vorläufig) noch als falsch. Und somit sind wir bei einem recht bekannten Streitfall: Standardsprachlich besser nicht

Anfang diesen Jahres
Personen Ihren Alters
jemanden keinen Blickes würdigen

sondern

Anfang dieses Jahres
Personen Ihres Alters
jemanden keines Blickes würdigen

Die Endung en verdrängt im Genitiv also langsam die Endung es. Bei den Adjektiven ist es ihr schon vollständig gelungen, bei den Pronomen ist die Übernahme noch nicht ganz vollzogen. Es ist also nicht erstaunlich, dass in einer solchen Übergangsphase viele Unsicherheiten entstehen. Als Trost mag gelten: So komplex es auch scheint, meistens geht es dennoch spontan gut.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Was nach »eine Vielzahl« alles stehen kann

Frage

Soeben bin ich bei einer Formulierung mit dem Wort „Vielzahl“ hängen geblieben, da es hier scheinbar eine Vielzahl an (oder von?) Möglichkeiten gibt, den Satz zu bilden. Damit sind wir auch schon beim Thema. Es geht nämlich um folgenden Ausdruck:

eine Vielzahl interessanter Nachmieter

Nun frage ich mich, ob es nicht auch heißen kann oder muss:

eine Vielzahl an interessanten Nachmietern

oder sogar:

eine Vielzahl von interessanten Nachmietern

Vielleicht können Sie ein wenig Licht ins Dunkel bringen und die Vielzahl an Formulierungen auf eine Einzahl reduzieren.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Wort Vielzahl ist eine ungenaue Mengenangabe, bei der verschiedene Formulierungen möglich sind. Standardsprachlich üblich ist nach Vielzahl bei allein stehenden Substantiven eine Formulierung mit von:

eine Vielzahl von Möglichkeiten
eine Vielzahl von Nachmietern

Mit einem gebeugten Artikelwort oder Adjektiv steht nach Vielzahl standardsprachlich in der Regel der Genitiv:

ein Vielzahl verschiedener Möglichkeiten
eine Vielzahl interessanter Nachmieter

Mit Adjektiven seltener auch von:

ein Vielzahl von verschiedenen Möglichkeiten
eine Vielzahl von interessanten Nachmietern

Das ist aber immer noch nicht alles: Selten kommt auch der direkte Anschluss als Apposition vor, wie dies auch bei zum Beispiel eine [große] Menge üblich ist:

eine Vielzahl Möglichkeiten
eine Vielzahl interessante Nachmieter

Zusammenfassend gibt es also nicht weniger als drei mehr oder weniger übliche Formulierungen für die Wendung in Ihrer Frage:

eine Vielzahl interessanter Nachmieter
eine Vielzahl von interessanten Nachmietern
eine Vielzahl interessante Nachmieter

Nur die Formulierung mit an (eine Vielzahl an [interessanten] Nachmietern) ist nicht üblich.

Mehr zu dieser erstaunlichen Variantenvielfalt finden Sie hier und hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Kommalos: Ich wünsche alles Gute und dass …

Wir beginnen das neue Jahr mit Ihrem „Lieblingsthema“, nämlich einer Kommafrage:

Frage

Würde man in folgendem Satz ein Komma vor „und dass“ einfügen müssen im Sinne eines Nebensatzes (freuen uns, dass …)?

Wir freuen uns über Ihr Interesse und dass wir Ihnen behilflich sein können.

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

wie meistens bei und steht auch vor dem und in Ihrem Satz kein Komma:

Wir freuen uns über Ihr Interesse und dass wir Ihnen behilflich sein können.

Wenn eine Wortgruppe (hier: über Ihr Interesse) und ein Nebensatz (hier: dass wir…) durch und verbunden werden, setzt man kein Komma vor und.

Ich kaufe die Geschenke für die Kinder und was wir für die Reise benötigen.
Was wir für die Reise benötigen und die Geschenke für die Kinder habe ich gestern schon gekauft.

Obwohl noch vier Konzerte geplant waren und trotz des großen Erfolges brach die Sängerin ihre Tournee ab.

Das gilt übrigens auch bei oder:

Wenn es neblig ist oder bei Sturmwind fährt die Bahn nicht.
Die Bahn fährt nicht bei Sturmwind oder wenn es neblig ist.

Vor und und oder steht also kein Komma, wenn sie eine Wortgruppe und einen Nebensatz miteinander verbinden (Regel siehe hier). Damit ist aber noch nicht ganz alles gesagt. Wie steht es nämlich mit der Abgrenzung zwischen dem Nebensatz und dem übergeordneten Satz?

In allen Beispielen, die oben angeführt werden, steht die Wortgruppe zwischen dem übergeordneten Satz und dem Nebensatz. Dann setzt man auch kein Komma zwischen den übergeordneten Satz und die Wortgruppe. Ein solches Satzgefüge kommt also ausnahmsweise ohne Kommas aus, obwohl es einen Nebensatz enthält (vgl. Beispiele oben). Selbst bei der Abgrenzung von Nebensätzen geht es also nicht ganz ohne Ausnahmen!

Wenn nun aber der Nebensatz und der übergeordnete Satz direkt nebeneinanderstehen, muss zwischen sie ein Komma gesetzt werden (jedoch immer noch kein Komma vor und resp. oder):

Ich kaufe, was wir für die Reise benötigen und die Geschenke für die Kinder.
Die Geschenke für die Kinder und was wir für die Reise benötigen, habe ich gestern schon gekauft.

Trotz des großen Erfolges und obwohl noch vier Konzerte geplant waren, brach die Sängerin ihre Tournee ab.

Bei Sturmwind oder wenn es neblig ist, fährt die Bahn nicht.
Die Bahn fährt nicht, wenn es neblig ist oder bei Sturmwind.

Und wenn Ihnen das Ganze etwas zu kompliziert oder „kommamäßig“ irgendwie unbefriedigend vorkommt, vermeiden Sie am besten solche Konstruktionen.

Ich wünschen alles Gute für das neue Jahr und dass 2017 viel Schönes bringen möge!

Dr. Bopp

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Schöne Weihnachtstage

… wünsche ich den regelmäßigen, den gelegentlichen und den zufälligen Besuchern und Besucherinnen dieses Blogs, allen die Canoonet nutzen und natürlich auch dem Rest der Menschheit!

Dr. Bopp

Weihnachtskugeln

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Das fehlende »uns«: Lass uns dann treffen!

Frage

Ist der folgende Satz korrekt?

Lass uns um zwei Uhr treffen.

Eigentlich müsst es doch heißen: „Lass uns uns um zwei Uhr treffen“ (was natürlich nicht geht).

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

der Satz ist nicht korrekt. Es fehlt ihm ein zweites uns. Das erste uns gehört zur Aufforderung Lass uns…:

Lass uns dieses und jenes tun.

Das zweite uns ist das Reflexivpronomen, das zu uns treffen, wir treffen uns gehört. Vgl.:

Wir wollen uns um zwei Uhr treffen.

Keines der beiden uns kann weggelassen werden. Grammatisch richtig ist hier also doch, was Sie in Ihrer Frage als „unmögliche“ Alternative angeben:

Lass uns uns um zwei Uhr treffen.

Ähnliche Formulierungen sind:

Lassen Sie mich mich kurz vorstellen.
Ich bitte dich dich nicht so aufzuregen.

Solche Wiederholungen sind grammatisch korrekt, aber stilistisch unschön. Es gibt keine Grammatikregel, die die Wiederholung identischer Wortformen verbietet. Es empfiehlt sich aber dennoch häufig, eine andere, besser klingende Formulierung zu wählen. Möglich wäre hier zum Beispiel:

Lass uns einander um zwei Uhr treffen.
Sollen wir uns um zwei Uhr treffen?
Ich schlage vor, dass wir uns um zwei Uhr treffen.

Erlauben Sie mir mich kurz vorzustellen.
Reg dich bitte nicht so auf!

Und wenn Ihnen doch einmal bewusst oder unbewusst eine Doppelung wie uns uns aus Mund, Feder oder Tastatur entschlüpft ist: stilistisch weniger schön ist immer noch besser als grammatisch falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Für eventuelle Sprachpuzzler und -humoristinnen: Ja, der Satz „Lass uns um zwei Uhr treffen“ kann theoretisch korrekt sein. Man muss allerdings ziemlich viel Phantasie aufwenden, um einen passenden Kontext zu  konstruieren: Wenn geschossen wird und das Ziel gewollt oder ungewollt nicht getroffen wird, kann jemand mit diesen Worten vorschlagen, um zwei Uhr nicht danebenzuschießen.

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Schon früher und schon später

Frage

[…] Sie hatten bestätigt:

schon = unerwartet früh
erst = unerwartet spät

Nun habe ich Beispielsätze aus dem Buch „Berliner Platz Neu 2.2“:

In Deutschland isst man SCHON [= unerwartet früh] zu Abend, in Spanien ERST [= unerwartet spät] um 21 Uhr.“

Hier passt die Erklärung also. Aber wie wäre folgender Satz zu erklären:

Meine Freundin wollte um drei kommen und jetzt ist es SCHON [=unerwartet SPÄT] Viertel vor vier und sie ist noch nicht da.“

„Schon“ bedeutet im ersten Beispielsatz also „unerwartet FRÜH“, im zweiten Beispielsatz aber „unerwartet SPÄT“. Das sieht ja doch erst mal wie ein Widerspruch aus. Haben Sie eine Idee dazu?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das sieht auf den ersten Blick tatsächlich ziemlich verwirrend aus. Es ist auch gar nicht so einfach, den Unterschied zu erfassen. Ich versuche es trotzdem einmal:

Wenn schon ein Geschehen zeitlich bestimmt, dann bedeutet es früher als erwartet/geplant/vorhergesehen:

Sie wurde schon mit fünf Jahren eingeschult = Sie wurde früher als erwartet eingeschult
Man isst in Deutschland schon vor acht Uhr zu Abend = Man isst früher als erwartet

Hier wird schon als Adverb verwendet, das ein Geschehen näher bestimmt: Das Geschehen tritt früher als erwartet ein. Man fragt mit wann.

Wenn schon eine Menge, eine Anzahl, ein Ausmaß oder eben eine Zeitangabe näher bestimmt, bedeutet es im weitesten Sinne mehr als erwartet/geplant/vorhergesehen:

Sie war schon sieben Jahre alt, als sie eingeschult wurde = mehr Jahre als erwartet.
Es ist schon Viertel vor vier = später als erwartet

Hier bestimmt schon nicht ein Geschehen, sondern einen Zeitpunkt näher. Der mit schon modifizierte Zeitpunkt ist weiter fortgeschritten als erwartet. Man fragt mit wie spät, wie lange, wie alt usw.

Wenn man nun Zeitpunkt und Geschehen miteinander kombiniert, sieht man vielleicht ein bisschen besser, wie schon und erst zueinander stehen:

Es ist SCHON so spät und das Geschehen tritt doch ERST jetzt ein.
Es ist ERST so spät und das Geschehen tritt doch SCHON jetzt ein.

Es geschah SCHON um vier Uhr. Es war also ERST vier Uhr, als es geschah.
Es geschah ERST um fünf Uhr. Es war also SCHON fünf Uhr, als es geschah.

Muttersprachige, aber auch fortgeschrittene Lernende verwenden schon und erst automatisch in dieser Weise, ohne dass sie dabei nachdenken müssen. Erst wenn man es genau erklären soll, wird es schwierig. Eine Eselsbrücke könnte sein: Wenn man mit wann fragen kann, ist schon ein Temporaladverb mit der Bedeutung früher als erwartet, sonst bedeutet es mehr/später als erwartet. (Wirklich einfacher wird es damit aber auch nicht …).

Sie kommt schon um 15.00 Uhr –  Wann kommt sie?
schon = früher als erwartet
Jetzt ist es schon 16.00 Uhr – Wie spät ist es jetzt?
schon = später als erwartet

In Spanien isst man erst um 21.00 Uhr – Wann isst man in Spanien?
erst = später als erwartet
In Spanien ist es schon 21.00 Uhr, wenn man isst – Wie spät ist es, wenn man in Spanien isst?
schon = später als erwartet

Diesen komplex erscheinenden Unterschied zwischen Bestimmungswort eines Geschehens und Bestimmungswort eines Zeitpunktes gibt es auch in anderen Sprachen. So werden zum Beispiel im Englischen already/only, im Französischen déjà/seulement, im Italienischen già/solo und im Niederländischen al/pas gleich verwendet wie im Deutschen schon/erst. Das bringt den Vorteil mit sich, dass man zumindest einem Teil der Deutschlernenden nur beibringen muss, dass es nicht *Es ist nur fünf Uhr, sondern Es ist erst fünf Uhr heißt, dass man ihnen aber nicht den genauen Unterschied zwischen erst = unerwartet spät und erst = unerwartet früh erklären muss.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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20 000 neue Gewerbe. Sind oder ist das 1 Prozent mehr?

Im vorletzten Beitrag ging es um das Subjekt das und die Verbform. Dass das einfache das häufiger für Schwierigkeiten sorgen kann, zeigt die Tatsache, dass es heute schon wieder um das und die Form des Verbs geht.

Frage

Ich stehe vor folgendem Satz:

Im vergangenen Jahr sind 20 000 Gewerbe neu gegründet worden. Das ist ein Prozent weniger als im Vorjahr.

Nun wendet mein Kollege ein, es müsse „Das sind ein Prozent weniger“ heißen.

Ich zweifle, da ich den Singular im zweiten Satz, betrachte ich diesen separat, als richtig erachte. Fasse ich das „Das“ im zweiten Satz als Pronomen auf, das das Subjekt vertritt, scheint mir auch der Plural vertretbar. Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

Sie sind auf dem richtigen Weg. Rein nach der formalen Grammatik ist hier die Einzahl richtig. Der Singular das wird über das Verb sein mit dem Singular 1 Prozent verbunden. Das Verb steht entsprechend auch im Singular:

Das ist 1 Prozent weniger als im Vorjahr.

Dass der Plural nicht wirklich falsch klingt (oder offenbar sogar als die bessere Variante empfunden wird), liegt daran, dass sich das Verb nicht nur nach dem grammatischen Subjekt, sondern auch nach dem inhaltlichen Subjekt richten kann. Das inhaltliche Subjekt ist hier ein Plural: Das Pronomen das steht hier, wie Sie richtig bemerken, stellvertretend für den Plural 20 000 neue Gewerbe.

20 000 neue Gewerbe sind 1 Prozent weniger als im Vorjahr.
Das sind 1 Prozent weniger als im Vorjahr.

Die Wahl für den Plural sind lässt sich also gut erklären. Standardsprachlich können Sie hier dennoch besser die grammatische Übereinstimmung, das heißt die Einzahl ist verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie Aachen anderswo heißt

Heute geht es nicht um Grammatik und nicht um Rechtschreibung. Es geht eigentlich nicht einmal um die deutsche Sprache. Letztes Wochenende waren wir in Aachen. Dort ist mir in den mehrsprachigen Broschüren aufgefallen, dass diese Stadt in anderen Sprachen ganz unterschiedliche Namen trägt.

Namen von Städten sind wie andere geografische Bezeichnungen nicht immer in allen Sprachen gleich. So nennen wir zum Beispiel Napoli und Milano Neapel und Mailand, Warszawa und Praha werden bei uns zu Warschau und Prag, und København und Liège heißen hierzulande Kopenhagen und Lüttich.

Das Umgekehrte kommt natürlich auch vor. Es folgen ein paar mehr oder weniger bekannte Beispiele fremdsprachiger Städtenamen für deutschsprachige Städte:

Bâle (fr), Basilea (it)
Berlijn (nld), Berlim (port), Berlino (it)
Brema (it, poln, sp), Brême (fr), Brémy (tschech), Brimarborg (isl)
Drážďany (tschech), Dresda (it, port, rum), Dresde (fr, sp), Drezda (ung), Drezno (pol)
Getynga (poln), Getynky (tscheck), Gœttingue (fr), Gotinga (sp, port), Gottinga (it)
Amburgo (it), Hamborg (dän), Hambourg (fr), Hamburgo (span, port), Hamburk (tscheck), Hampuri (fin)
Cologne (en, fr), Colonia (it, sp), Keulen (nld), Kolín [nad Rýnem] (tschech), Kolonia [nad Renem] (poln)
Lipcse (ung), Lipsia (it, spa), Lipsk (poln), Lipsko (tschech)
Magonza (it), Maguncia (sp), Mayence (fr), Mogúncia (port), Moguncja (poln),
Mnichov (tschech), Monachium (poln), Monaco [di Baviera] (it), Munich (en, fr), Múnich (Spanisch), Munique (port)
Salisburgo (it), Salzbourg (fr), Salzburgo (sp), Solnohrad (tschech)
Schaffhouse (fr), Sciaffusa (it), Szafuza (poln)
Saint-Gall (fr), San Gallo (it), Svatý Havel (tschech), São Galo (port)
Estugarda (port), Štíhrad (tschech), Stoccarda (it)
Trevír (tschech), Trèves (fr), Treviri (it), Trewir (poln), Tréveris (sp, port)

Spitzenreiter der Variation ist wohl diese Stadt:

Beč (kroat, serb), Bécs (ung), Dunaj (slow), Vídeň (tschech), Viena (port, rum, sp), Vienna (en, it), Vienne (fr), Wenen (nld), Wiedeń (poln)

Gute Zweite ist aber bestimmt die Stadt Aachen:

Aix-la-Chappelle (fr), Aken (nld), Akwisgran (poln), Aquisgrán (sp.), Aquisgrana (it, port, Cáchy (tschech)

Wenn jemand Sie mit französischem Akzent nach Aix-la-Chappelle fragt oder italienische Touristen wissen möchten, wie sie nach Aquisgrana kommen, verstehen Sie nun, was sie meinen. Eine Reise lohnt sich übrigens sowieso, ganz gleich, wie Sie die Stadt nennen. Das gilt selbst dann, wenn Sie Weihnachtmärkte nicht mögen. Der Dom zum Beispiel ist wunderschön.

PS: Die Liste ist in keinerlei Hinsicht vollständig! Sie berücksichtigt auch ausschließlich die Namen in schriftlicher Form.

PPS: Falls Sie eine Stadt nicht erkennen konnten, hier die deutschen Namen in derselben Reihenfolge: Basel, Berlin, Bremen, Dresden, Göttingen, Hamburg, Köln, Leipzig, Mainz, München, Salzburg, Schaffhausen, Sankt Gallen, Stuttgart, Trier, Wien, Aachen

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