Anglizismus des Jahres 2014

Über Wörterwahlen zu berichten überlasse ich normalerweise anderen. Wer sich dafür interessiert, findet zum Beispiel in der guten alten Wikipedia Übersichten der jeweiligen Wörter und Unwörter des Jahres in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein.

Anglizismus2104

(Wörterwolke von Anglizismus des Jahres)

Wie jedes Jahr sei hier aber trotzdem auf den Anglizismus des Jahres hingewiesen, der traditionell den Wörterwahlreigen abschließt. Gewonnen hat den Titel „Anglizismus des Jahres 2014“:

Blackfacing

Mehr dazu lesen Sie auf der Website Anglizismus des Jahres und im Sprachlog.

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Gemüseextrakt und Sojaeiweiß

Frage

Heißt es korrekt: „Gemüseextrakt“, „Gemüse-Extrakt“ oder „Gemüse Extrakt“? Dasselbe gilt für „Sojaeiweiß“, „Soja-Eiweiß“ oder „Soja-Eiweiß“. Wie schreibt man solche Wörter auf korrekte Art und Weise?

Antwort

Guten Tag D.,

richtig ist hier die Zusammenschreibung:

Gemüseextrakt
Sojaeiweiß

Ebenso zum Beispiel:

Gemüseauflauf, Gemüseeintopf, Gemüseernte
Sojaanbau, Sojaöl, Sojaerzeugnis,

Die Schreibung mit einem „verdeutlichenden“ Bindestrich (Gemüse-Extrakt, Soja-Eiweiß) ist im Prinzip bei allen Zusammensetzungen möglich, grundsätzlich wird aber zusammengeschrieben. (Die Getrenntschreibung Gemüse Extrakt und Soja Eiweiß ist falsch.) Das gilt auch für Fälle wie die oben stehenden, in denen an der Wortfuge ein paar Vokale aufeinandertreffen. Die Rechtschreibregelung § 45.4 erwähnt hier nur diese „berühmte“ Ausnahme: Wenn drei gleiche Buchstaben aufeinandertreffen, kann ein Bindestrich gesetzt werden (siehe auch hier):

Kaffeeernte o. Kaffee-Ernte
Seeelefant o. See-Elefant
Hawaiiinseln o. Hawaii-Inseln (vgl. auch hier)

Jeder hat so seine Marotten. Auf dem Gebiet der Rechtschreibung (anderswo habe ich natürlich keinerlei Marotten) ist dies bei mir der „verdeutlichende“ Bindestrich oder besser mein Widerstand gegen seine allzu häufige Verwendung. Meine Grundeinstellung lässt sich so zusammenfassen: Man kann der durchschnittlichen Leserschaft viel längere Wörter zumuten, als häufig angenommen wird, und viele Bindestriche verderben das Schriftbild. Ich empfehle deshalb auch bei drei aufeinanderfolgenden Buchstaben die Zusammenschreibung. Auch Wörter wie die folgenden fließen mir nie (na ja, fast nie) mit Bindestrich aus der Tastatur:

Maiausgabe, Gartenbauausstellung, blauäugig, Blaueisenerz, Polizeiauto, Parteieintritt, zweiäugig, Neuauflage, Neueinwanderer, Neueinwanderin, Treueeid, Energieaufwand, Energieeinsparung

Und weil man nie nie sagen soll, muss ich ein bisschen relativieren: Auch ich verwende gelegentlich verdeutlichende Bindestriche. Stilistisch viel schöner finde ich aber meist die Vermeidung von Wortungetümen, die wirklich einen verdeutlichenden Bindestrich nötig haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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250 g Rote Bete(n)

Herr T.s Frage löst das Problem, was ich heute Abend u. a. kochen soll. Es gibt etwas, das ich schon länger nicht mehr gegessen habe, obwohl es mir sehr gut schmeckt: Rote Bete (die ich von zu Hause aus allerdings Randen nenne). Herr T. wollte mir jedoch keine Kochtipps geben, sondern etwas ganz anderes wissen:

Frage

Heißt es „250 g Rote Bete“ oder „250 g Rote Beten“ – also mit „Bete“ im Plural, so wie es ja auch heißen würde „250 g Möhren“ o. Ä.?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

beide Formulierungen kommen vor:

a) 250 g Rote Beten (wie z. B. 250 g Möhren, Kartoffeln)
b) 250 g Rote Bete (wie z. B. 250 g Lauch/Porree, Brot)

a) Die Roten Beten kochen, schälen und in Würfel schneiden.
b) Die Rote Bete kochen, schälen und in Würfel schneiden.

Beide Varianten sind auch grammatisch vertretbar. Bei a) bezeichnet Rote Bete eine Wurzelknolle, d. h., es ist eine Gattungsbezeichnung. Man verwendet dann wie bei zum Beispiel Möhren und Kartoffeln den Plural. Bei b) bezeichnet Rote Bete eine Gemüsesorte, d. h., es ist eine Stoffbezeichnung. Als solche steht es wie zum Beispiel Lauch/Porree oder Brot im Singular.

Ein ganz schneller Blick ins Internet zeigt, dass zumindest in online verfügbaren Rezepten die Verwendung als Stoffbezeichnung im Singular häufiger vorzukommen scheint. Es ist also üblicher, Rote Bete sprachlich als eine Gemüsesorte wie Lauch zu behandeln und nicht wie bei den Kartoffeln die einzelnen Knollen vor sich zu sehen. Aber weit wichtiger ist: Hauptsache, es schmeckt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Vater und Mutters Auto, Hänsel und Gretels Eltern, Heidi und Vitos Liebe

Frage

Heißt es Vater und Mutters Auto oder Vaters und Mutters Auto, wenn das Auto den beiden gehört?

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

im Allgemeinen werden bei mit und verbundenen Substantiven beide gebeugt:

die Renovation des Rathauses und des Bahnhofgebäudes
nach dem Verlust ihres Vaters und ihres Bruders
die Werke des Dichters und Pastors Johann Rist

Wie immer gibt es auch Ausnahmen: Bei geläufigen Wortpaaren mit und sowie bei mit und verbundenen Personenamen kann die Genitivendung des ersten Wortes gelegentlich wegfallen. Man behandelt dann die ganze Verbindung als eine zusammengehörende Einheit die als Ganzes gebeugt wird. Zum Beispiel:

ein Dichter des Sturm und Drangs
die Verbannung seines eigenen Fleisch und Blutes
Hänsel und Gretels Eltern
der Sündenfall Adam und Evas

Oder etwas „aktueller“:

William und Kates Baby
Heidi und Vitos geheime Liebe

Entsprechend kann man auch sagen:

Vater und Mutters Auto

Hier ist allerdings immer auch die Beugung beider Substantive resp. Namen möglich:

ein Dichter des Sturms und Drangs
die Verbannung seines eigenen Fleisches und Blutes
Hänsels und Gretels Eltern
der Sündenfall Adams und Evas
Williams und Kates Baby
Heidis und Vitos geheime Liebe

Vaters und Mutters Auto

Im Zweifelsfall sollten Sie beide mit und verbundenen Nomen beugen. Das ist immer richtig.

—–

Dann noch ein Exkurs für Liebhaber und Liebhaberinnen von Logik und Eindeutigkeit: Auch wenn man es vielleicht gerne hätte, ist keine der Formulierungen ohne Kontext eindeutig. Zum Beispiel:

Heidi und Vitos geheime Liebe

Das ist entweder die geheime Liebe von Heidi und Vito zueinander oder aber Heidis Einstellung zu Vitos geheimer Liebe.

Heidis und Vitos geheime Liebe

Das kann ebenfalls die geheime Liebe von Heidi und Vito zueinander sein, aber auch Heidis geheime Liebe für jemand und Vitos geheime Liebe für jemand (anders).

Wie man sieht, bringt die Beugung und Nichtbeugung des ersten Namens keine eindeutige Bedeutungsunterscheidung mit sich. Nur der weitere Zusammenhang kann klären, was genau gemeint ist. Das gilt auch für

Vater und Mutters Auto
= das Auto von Vater und Mutter oder
= Vater und das Auto von Mutter

Vaters und Mutters Auto
= das Auto von Vater und Mutter (ein Auto) oder
= das Auto von Vater und das Auto von Mutter (zwei Autos)

Beide Formulierungen könne das Auto bezeichnen, das Vater und Mutter zusammen gehört. Beide könne ohne Kontext aber auch anders interpretiert werden.

Schon wieder so eine uneindeutige Antwort! Manche wünschen sich wohl, Dr. Bopp würde sich etwas mehr des Wenn[s] und Abers enthalten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Einwandererinnen und Einwanderinnen

Frage

Im Zusammenhang mit der Mahnwache in Berlin und nachfolgenden Sendebeiträgen auf ARD ist mir der Begriff „Einwandererin“ aufgefallen. Oft schon bemerkte ich, dass bei dieser Form weiblicher Nennung das „er“ vor dem „in“ nicht mehr genannt wird. Frau gewöhnt sich dran, keine Frage. Was mich aber erstaunt, dass […] Canoo-Net dazu meint: Begriff unbekannt. Erstaunlich an sich – frau gibts längst nicht immer – stellt sich mir nun die Frage, was denn nun „richtig“ ist: Enwandererin oder Einwanderin?

Antwort

Sehr geehrte Frau Z.,

wir können mehr, als Sie uns zutrauen! Wenn die weibliche Endung –in zu einem männlichen Nomen der Form -erer tritt, fällt im Standarddeutschen ein er weg (vgl. hier und hier). Zum Beispiel:

Zauberer – Zauberin
Ruderer – Ruderin
Bewunderer – Bewunderin

Und ebenso:

Einwanderer – Einwanderin
Zuwanderer – Zuwanderin

Sie finden das Wort Einwandererin deshalb nicht in Canoonet, weil es (zumindest standardsprachlich) Einwanderin heißt. Wenn Sie nach Einwanderin oder z. B. der Wortbildungsgeschichte von Einwanderer gesucht hätten, hätten Sie den Eintrag gefunden (Einwanderin, Einwander…, Einwanderer). Wir bemühen uns nämlich, immer auch die weiblichen Personenbezeichnungen anzugeben. Dass wirklich keine einzige fehlt, kann ich natürlich nicht garantieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Mitzunehmen ist zusammenzuschreiben

Eine Frage, die eigentlich ganz einfach zu beantworten ist, die aber trotzdem immer wieder Anlass zu Zweifeln gibt. Sie kommt jedenfalls regelmäßig vorbei:

Frage

Ich hätte gerne gewusst, wie man Folgendes richtig schreibt und warum: „Denkt daran dies und das mit zu nehmen!“ – oder doch „mitzunehmen“?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

richtig ist hier die Zusammenschreibung:

Denkt daran, dies und das mitzunehmen!

Man schreibt den mit zu erweiterten mehrteiligen Infinitiv dann in einem Wort, wenn man auch den entsprechenden nicht erweiterten Infinitiv in einem Wort schreibt:

Denkt daran, dass ihr dies und das mitnehmen solltet!

Das zu wird sozusagen in die bestehende Wortform eingeschoben. Siehe die Angaben zum Infinitiv beim Eintrag mitnehmen in Canoonet und allgemein hier.

Man schreibt also auch zum Beispiel:

Sie versuchten aufzustehen. (vgl. aufstehen)
Hör auf, den ganzen Tag herumzutelefonieren (vgl. herumtelefonieren)
Es fällt dir schwer, Fehler zuzugeben. (vgl. zugeben)
Es scheint noch etwas hinzuzukommen.  (vgl. hinzukommen)

Getrennt wird aber zum Beispiel hier geschrieben:

Hört auf, den ganzen Tag miteinander zu telefonieren (vgl. miteinander telefonieren)
Es ist erlaubt, anders zu denken (vgl. anders denken)
Sie versuchte, immer für ihn da zu sein (da sein)

Und hier noch etwas Spitzfindigeres:

Die Richterin zögerte, den Angeklagten freizusprechen (jemanden freisprechen)
Die Vortragenden sollten versuchen frei zu sprechen (frei sprechen)
Es ist nicht immer einfach, dich liebzuhaben o. dich lieb zu haben (liebhaben o. lieb haben)

Im Prinzip ist es also nicht einfacher oder komplizierter, als die Getrennt- und Zusammenschreibung bei Verben ohnehin ist.

Dann noch zu Frage nach dem Warum: Die Antwort ist ebenso einfach wie sie für manche unbefriedigend sein wird: Weil die Schreibtradition und die Rechtschreibregeln es so wollen.

Ganz so selbstverständlich ist die Zusammenschreibung nämlich nicht. Das Wörtchen zu hat hier weder die Bedeutung noch die Betonung eines selbstständigen Wortes. Es ist fast ein Teil der Wortform. Deshalb schreibt man mitzunehmen, aufzustehen und zuzugeben zusammen. Es wird aber anders als zum Beispiel das ge des Partizips (genommen) doch nicht ganz als Teil der Wortform angesehen. Deshalb schreibt man es bei untrennbaren Verben vom Verb getrennt: zu nehmen, zu stehen, zu übergeben.

Dies ist natürlich bei Weitem keine umfassende Analyse. Ich möchte nur aufzeigen, dass es bei der Schreibung von Infinitiven mit zu Widersprüchlichkeiten gibt. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass man hier recht häufig getrennt geschriebenen Formen begegnet. Dass die Zusammenschreibung nicht der Weisheit einziger Schluss ist, zeigt die Orthografie des Niederländischen, das wie das Deutsche trennbare Verben kennt. Dort schreibt man nämlich:

meenemen – mee te nemen
opstaan – op te staan
toegeven – toe te geven
(mitnehmen – mitzunehmen, aufstehen – aufzustehen, zugeben – zuzugeben)

Wie dem auch sei, die deutsche Rechtschreibregelung ist hier deutlich: Man schreibt mitzunehmen, aufzustehen und zuzugeben zusammen wie mitnehmen, aufstehen und zugeben. Wirklich schwierig ist das zum Glück nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Was würdest du tun, wenn du alles …?

Frage

Ein bekannter Mobilfunkanbieter warb Ende des vergangenen Jahres mit der Frage „Was würdest du tun, wenn du alles kannst?“. Ist hier nicht Konjunktiv II anzuwenden („Was würdest du tun, wenn du alles könntest?“)?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

in der Standardsprache steht in der Regel in beiden Sätzen eines Bedingungsgefüges der gleiche Modus. Anders gesagt: Bei Satzgefügen mit einem Bedingungssatz mit wenn und einem Hauptsatz steht in der Regel in beiden Sätzen der Indikativ oder in beiden Sätzen der Konjunktiv. Ein paar Beispiele mit dem Indikativ:

Wenn der Zug verspätet ist, warten wir im Restaurant auf euch.
Das Fest findet im Garten statt, wenn es die Wetterverhältnisse zulassen.
Was geschieht, wenn jemand alle Zahlen errät?
Wenn du alle Zahlen errätst, gewinnst du den Hauptpreis.

Der Konjunktiv steht bei einem irrealen Bedingungssatz. Ein irrealer Bedingungssatz beschreibt einen Sachverhalt, der möglich oder wahrscheinlich ist, der aber nur in Gedanken konstruiert wird. Dabei formuliert der Nebensatz eine Bedingung, die – wenn sie erfüllt wäre – eine bestimmte Folge hätte.

Es wäre gut für sie, wenn sie bald eine neue Stelle fänden.
Wenn ich genug Zeit gehabt hätte, hätte ich euch besucht.
Was würde geschehen, wenn jemand alle Zahlen erraten würde?
Du würdest den Hauptpreis gewinnen, wenn du alle Zahlen erraten würdest.

Standardsprachlich heißt es entsprechend auch besser:

Was würdest du tun, wenn du alles könntest?
Was würdest du tun, wenn du alles tun könntest?

Der Satz, der in der Werbung benutzt wird, ist allerdings nicht einfach völlig falsch. Er ist umgangssprachlich. Wir sind nicht nur bei Lidl und Aldi gerne sparsam, sondern oft auch bei sprachlichen Äußerungen. Oft geben wir im Deutschen nur einmal an, was genau gemeint ist. Bei einem Bedingungsgefüge reicht es im Prinzip, wenn nur in einem der Teilsätze mit einem Konjunktiv angegeben wird, dass es sich um ein „irreales“ Gefüge handelt:

Was würdest du tun, wenn du alles kannst?
Was tust du, wenn du alles könntest?

Diese standardsprachlich besser zu vermeidenden Formulierungen gefallen mir persönlich auch stilistisch nicht. Man kann aber nicht sagen, dass die umgangssprachlichen Äußerungen unverständlich sind. Man versteht genau, was gemeint ist.

Der Mobilfunkanbieter hat sich vielleicht für die umgangssprachliche Variante entschieden, um „eine größere Nähe“ zur potenziellen Kundschaft bewirken. Vielleicht schwebte der Marktetingabteilung auch eine andere implizite Botschaft vor. Wie dem auch sei, einen Werbespruch der Art „Was wäre, wenn …“ halte ich mit und ohne standardsprachliche Verwendung des Konjunktivs für riskant. Es ist für Konkurrenz und unzufriedene Kundschaft wirklich zu einfach, ihm eine ganz andere Wendung zu geben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Geschmeichelt oder nicht geschmeichelt?

Frage

Bei Ihnen wird „geschmeichelt“ als Adjektiv ausgewiesen, ich bin aber der Meinung, dass es sich immer um ein Verb „schmeicheln“ oder ein Partizip oder eine Passivform „geschmeichelt“ handelt. Eine adjektivische Nutzung ist mir nicht bewusst.

Antwort

Guten Tag D.,

in den folgenden Beispielen ist geschmeichelt als Adjektiv (oder adjektivisch verwendetes Partizip) anzusehen:

ein geschmeicheltes Bild (ein sehr günstiges, zu günstiges Bild)
eine geschmeichelte Darstellung der Ereignisse (eine zu positive Darstellung)

Aus heutiger Sicht könnte geschmeichelt streng genommen auch in den folgenden Formulierungen als Adjektiv bezeichnet werden:

geschmeichelt sein
sich geschmeichelt fühlen

wie

zufrieden sein
sich zufrieden fühlen

Das Verb schmeicheln ist nämlich ein intransitives Verb (jemandem schmeicheln) und intransitive Verben können kein Zustandspassiv bilden. Zum Beispiel:

jemandem danken
nicht: *gedankt sein
nicht: *sich gedankt fühlen

Aber zum Beispiel:

jemanden ehren
geehrt sein
sich geehrt fühlen

Diese für ein intransitives Verb untypischen Verwendungen des Partizips geschmeichelt sind wahrscheinlich ein Überbleibsel aus einer Zeit, als schmeicheln nicht nur mit dem Dativ, sondern auch mit dem Akkusativ verwendet wurde. Ein paar Beispiele:

Bey meiner Treu, ich sag es ohne sie zu schmeicheln, sie sind ein Kerl, der es, hohl mich der Teuffel, mit manchem Cantor annehmen könnte.
[G. E. Lessing, Weiber sind Weiber, 5. Auftritt, 1749]

Ich danke Gott mit Saitenspiel, 
dass ich kein König worden. Ich wär geschmeichelt worden viel, 
und wär vielleicht verdorben.
[Matthias Claudius, Täglich zu singen, 1777]

Dolon, schmeichle dich nicht mit der Hoffnung, dein Leben zu retten
[Ilias, 10, 435, übers. von F. L. Graf zu Stolbert, 1781]

Im heutigen Deutschen ist schmeicheln, wie bereits gesagt, ein intransitives Verb, das heißt, es wird nicht mehr mit dem Akkusativ verwendet:

jemandem schmeicheln
Sie schmeichelte dem Grafen mit schönen Worten.
Die Hose schmeichelt Ihrer Figur.

Außer in Formulierungen der eingangs genannten Art sollte geschmeichelt deshalb genauso wenig adjektivisch verwendet werden wie gedankt oder geholfen. Es heißt also nicht:

*die gedankten Helferinnen und Helfer
*die geholfene Kundschaft
*der geschmeichelte Graf

Fazit: Man kann geschmeichelt als Adjektiv verwenden. Es gibt allerdings nur geschmeichelte (zu günstige) Darstellungen und Bilder, nicht aber *mit schönen Worten geschmeichelte Leute.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Relativität der Bedeutung der Rechtschreibung auf der A 7

Heute einmal etwas Einfaches, bei dem Wahlfreiheit eine größere Rolle spielt als starre Regeln. Möge dieser Nebensatz eines der Mottos für das neue Jahr sein!

Frage

Ich habe eine Frage zu Abkürzungen: Schreibt man A 7 für Autobahn 7 oder ohne Leerstelle, also A7?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

es gibt keine allgemein gültige Regel für die Schreibung von abgekürzten Autobahnbezeichnungen und Ähnlichem. Die Rechtschreibregelung schweigt dazu. Wer nicht an einen Hausstil, interne Schreibrichtlinien usw. gebunden ist, schreibt also nach Belieben. Beide Schreibungen (mit und ohne Leerstelle) kommen vor. Ich würde vor allem in fortlaufenden Texten die Schreibung mit Leerstelle empfehlen:

Staus auf der A 7
Die B 203 ist eine wichtige Verbindungsstraße in Schleswig-Holstein.
Die RN 10 führt von Paris über Bordeaux nach Spanien.
Am Hauptbahnhof auf die S 8 oder die S 10 Richtung … umsteigen.

Die Schreibung ohne Leerstelle ist aber nicht falsch. Sie empfiehlt sich unter anderem dann, wenn keine geschützte Leerstelle verwendet werden kann und dadurch das Risiko besteht, dass die Abkürzung am Zeilenende getrennt wird:

Eine wichtige Nord-Süd-Verbindung ist die
A7, die von der dänischen Grenze bis …
statt
Eine wichtige Nord-Süd-Verbindung ist die A
7, die von der dänischen Grenze bis …

Wichtig ist vor allem, innerhalb eines Textes oder einer Textreihe möglichst konsequent die gleiche Schreibweise zu verwenden.

Mir war übrigens am vergangenen 27. Dezember völlig, aber auch völlig egal, ob wir nun auf der A7 oder auf der A 7 fünf Stunden länger brauchten als geplant! Die Bedeutsamkeit der Rechtschreibung nimmt im Stau rapide ab!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Neujahrswünsche

Immer noch hustend und schnäuzend (ein Virus, den ich nur meinen ärgsten Feinden gönnen würde, wenn ich sie denn hätte!) wünsche ich allen alles Gute und viel Freude, Glück und Gesundheit im neuen Jahr!

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