Kurzurlaub

Bis zum 4. November bin ich im Urlaub und erlaube mir dabei den Luxus der (relativen) Unerreichbarkeit. Zögern Sie aber nicht, allfällige Kommentare oder Fragen trotzdem zu schicken. Vom 5. November an werde ich versuchen, sie so schnell wie möglich zu beantworten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Für sich selbst oder für einen selbst?

Frage

Wie wird am besten und vor allem richtig formuliert?

Als Kissen ist es ein wunderbares Geschenk für andere oder für einen selbst.

oder

Als Kissen ist es ein wunderbares Geschenk für andere oder für sich selbst.

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

richtig ist hier einen:

Als Kissen ist es ein wunderbares Geschenk für andere oder für einen selbst.

Das Reflexivpronomen sich wird dann verwendet, wenn es mit dem Subjekt des Satzes identisch ist. Das Subjekt ist hier aber nicht man, sondern es (das Kissen). Deshalb steht nicht das Reflexivpronomen sich, sondern das Indefinitpronomen einen. Der Akkusativ einen vertritt hier man, das ja nur im Nominativ verwendet werden kann.

Das heißt jetzt aber nicht, dass unpersönliches für sich selbst immer vermieden werden sollte. Ganz im Gegenteil! Man verwendet in unpersönlichen Formulierungen dann sich selbst, wenn auch bei persönlichen Formulierungen sich selbst steht, also wenn es mit dem Subjekt identisch ist:

Er kauft das Kissen für sich selbst.
Sie kauft das Kissen für sich selbst.
Man kauft das Kissen für sich selbst.

In unpersönlichen Formulierungen steht dann einen selbst (oder im Dativ einem selbst) wenn in persönlichen Formulierungen das Personlapronomen steht:

Es ist ein wunderbares Geschenk für andere oder für ihn selbst.
Es ist ein wunderbares Geschenk für andere oder für sie selbst.
Es ist ein wunderbares Geschenk für andere oder für einen selbst.

Er behält es, weil es ihm selbst so gut gefällt …
Sie behält es, weil es ihr selbst so gut gefällt …
Man behält es, weil es einem selbst so gut gefällt …

… und weil er/sie/man sich selbst ja sonst nichts gönnt.

Zum Schluss noch eine Bemerkung ganz anderer Art: Es ist im Rahmen einer geschlechtergerechteren Formulierung immer wieder überlegenswert, ob es nicht auch anders als mit den männlichen Formen einen und einem gesagt werden kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Zweideutigkeiten

Frage

Ich habe folgenden Satz:

Ich freue mich, weil ich Ihre Arbeit als Ärztin kennenlernen durfte.

Ist dieser Satz zweideutig zu verstehen? Einmal so, dass „Arbeit“ zum Substantiv „Ärztin“ gehört und einmal so, dass das „Ich“ im Satz Ärztin ist? Ist dieser Satz stilistisch falsch gewählt?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

der Satz, den Sie zitieren, ist ohne weiteren Kontext tatsächlich nicht eindeutig. Die als-Gruppe als Ärztin kann sich sowohl auf ihre Arbeit als auch auf ich beziehen.

Der Satz muss deswegen aber nicht als stilistisch schlecht angesehen werden. Im Normalfall ist aus dem weiteren Kontext eindeutig ersichtlich, was genau gemeint ist. Je nachdem ob zum Beispiel eine Ärztin eine Jugendarbeiterin besucht oder ob eine Journalistin mit einer Ärztin gesprochen hat, ist klar, ob die Ich-Person oder die andere Person Ärztin ist.

Wirklich zweideutig ist der Satz also nur dann, wenn in einem bestimmten Kontext beide Personen Ärztinnen sind oder sein können. Dann empfiehlt es sich, anders zu formulieren. In allen anderen Fällen gibt es nichts gegen diese Formulierung einzuwenden.

Zweideutigkeit kommt in der Sprache an allen Ecken und Enden vor. In den meisten Fällen gibt der Satzzusammenhang oder unsere Kenntnis der Welt problemlos an, was gemeint ist. Wenn wir immer eindeutig formulieren wollten oder müssten, wäre ein normales Gespräch oder ein normal lesbarer Text nicht möglich (siehe juristische Texte, die versuchen, möglichst eindeutig zu formulieren …).

Hier zur Veranschaulichung ein paar ungeordnete Beispiele:

Ich bleibe ein Weilchen auf der Bank liegen.
Ich habe mein Geld auf der Bank liegen.

Es ist eindeutig, wo die Sitzbank und wo das Geldinstitut gemeint ist.

Der Schlüssel steckt im Schloss.
Es wohnt niemand mehr im Schloss.

Auch hier ist sofort deutlich, von welcher Art Schloss die Rede ist. Im folgenden Satz ist etwas mehr Kontext notwendig, um genau zu verstehen:

Sie sprengten das Schloss.

Normalerweise ist aus dem weiteren Zusammenhang sofort ersichtlich, ob eine Tür gewaltsam geöffnet oder ein Gebäude zerstört wurde. Manchmal muss man allerdings umformulieren, um Klarheit zu schaffen. Ein klassisches Beispiel:

Du sollst das Hindernis nicht umfahren, sondern es umfahren.

Auch bei den Komposita muss uns unsere Weltkenntnis immer wieder helfen, die genaue Art der Verbindung zu verstehen:

Geburtstagskuchen = Kuchen zur Gelegenheit eines Geburtstages
Zwetschgenkuchen = mit Zwetschgen gemachter Kuchen
Marmorkuchen = Kuchen, der wie Marmor aussieht
Hundekuchen = Kuchen(?) für Hunde

Hier noch eine eindeutige und eine weniger eindeutige Aussage:

Sie verfolgt den Wagen mit dem Fahrrad.
Sie verfolgt den Dieb mit dem Fahrrad.

Vor allem beim zweiten Satz muss der weitere Kontext angeben, wer nun auf dem Fahrrad sitzt.

Auch die Possessivpronomen können oft uneindeutig sein:

Der Mann steigt aus dem Wagen und grüßt seinen Nachbarn.

Hier ist sofort klar, um wessen Nachbarn es sich handelt, weil Wagen in der Regel keine Nachbarn haben. Aber um wessen Haus handelt es sich hier:

Die Frau grüßt die Nachbarin und geht in ihr Haus.
Er verkrachte sich mit seinem Freund und verkaufte sein Haus.

Doch selbst hier ergibt sich meist aus dem Rest der Erzählung, um wessen Haus es sich handeln muss. (Hilfreich kann hier manchmal auch die Verwendung von deren und dessen sein.)

Dies sind nur ein paar Beispiele für ein sehr häufig vorkommendes Phänomen. Vieles, was für sich allein betrachtet zweideutig sein kann, ist es im weiteren Kontext nicht. Wir formulieren in der Regel nicht auf der Ebene einzelner Wörter oder eines einzelnen Satzes, sondern in einem größeren Zusammenhang.

Mehrdeutige Aussagen gibt es auch noch auf einer ganz anderen Ebene:

Ist dieser Artikel nicht lang genug?

Hiermit könnte wörtlich gefragt werden, ob der Artikel nicht zu kurz ist. Je nach Ton ist es aber nicht ganz unwahrscheinlich, dass etwas ganz anderes gemeint ist. Und bevor Sie nun wirklich dieses andere meinen, höre ich auf.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Dasselbe ist meist auch das Gleiche

Vor allem aus dem Bereich Deutsch als Fremdsprache erreichen mich immer wieder Fragen zu demselben / zum gleichen Thema. Das liegt aus meiner Sicht vor allem daran, dass einige hier etwas zu einer strengen Regel erheben, was in Wirklichkeit gar nicht so streng gehandhabt wird. Ich werde versuchen, hier anhand einer schon etwas älteren Frage „ein für allemal“ Klarheit zu verschaffen (was mir natürlich nicht gelingen wird):

Frage

Sprechen Rumänen und Moldawier die gleiche oder dieselbe Sprache? Gibt es einen Unterschied zwischen “das Gleiche” und “dasselbe”?

Antwort

Sehr geehrte Frau A.,

mit der/die/das gleiche drückt man Identität aus:

Er trägt das gleiche T-Shirt wie gestern.
Sie haben beide das gleiche T-Shirt gekauft.
Sie geht in die gleiche Schule wie Maria.
Ich kaufe das gleiche Smartphone wie du.
Rumänen und Moldawier sprechen die gleiche Sprache.

Mit derselbe/dieselbe/dasselbe drückt man ebenfalls Identität aus, aber meist „nur“ Identität des Einzelnen, also wenn es um ein und dasselbe geht:

Er trägt dasselbe T-Shirt wie gestern.
Sie geht in dieselbe Schule wie Maria.
Rumänen und Moldawier sprechen dieselbe Sprache.

Man verwendet derselbe/dieselbe/dasselbe eher nicht, wenn es um Identität der Art geht:

besser nicht: Sie haben beide dasselbe T-Shirt gekauft.
sondern: Sie haben beide das gleiche T-Shirt gekauft.

besser nicht: Ich habe dasselbe Smartphone in Weiß.
sondern: Ich habe das gleiche Smartphpone in Weiß.

Faustregel: Der/die/das gleiche X geht immer, derselbe/dieselbe/dasselbe X bei Identität des Einzelnen. Wenn Sie unsicher sind, was Sie nehmen sollen, wählen Sie besser der/die/das gleiche X, das ist fast immer richtig.

Das ist aber nicht ganz alles: Wenn es zu Missverständnissen kommen kann, drückt der/die/das gleiche besser die Identität der Art und derselbe/dieselbe/dasselbe besser die Identität des Einzelnen aus:

Sie fahren beide denselben Wagen (= ein Auto, in dem beide fahren)
Sie fahren beide den gleichen Wagen (= zwei Autos der gleichen Marke)

Da in Ihrem Beispiel kein solches Missverständnis entstehen kann, können Sie sowohl dieselbe Sprache also auch die gleiche Sprache verwenden:

Rumänen und Moldawier sprechen dieselbe / die gleiche Sprache.

So und ähnlich sehen dies u. a. Canoonet, DWDS und die Dudengrammatik (8. Aufl., 2009, Randnr. 382).

ABER: Es gibt auch Grammatiken, die den Sonderfall zur allgemeinen Regel erheben und behaupten, dass man immer unterscheiden müsse, das heißt, dass man das gleiche X ausschließlich bei Identität der Art verwenden dürfe. Nach diesen Grammatiken, die noch häufig im Fremdsprachenunterricht verwendet werden, dürfte man also nur dieselbe Sprache sagen.

Die strenge Unterscheidung zwischen dasselbe und das gleiche kann noch relativ gut bei Kleidern und Autos, also den Standardbeispielen angewandt werden. Bei abstrakten Begriffen wie zum Beispiel Gefühlen, Gedanken und Vorstellungen grenzt es aber oft ans Philosophische, diese Unterscheidung machen zu wollen. Bei den folgenden Beispielen ist der Unterschied nur nach längerer Denkarbeit oder gar nicht zu erklären:

im selben Moment
im gleichen Moment

Ich habe dieselbe Geschichte schon einmal gehört.
Ich habe die gleiche Geschichte schon einmal gehört.

Sie hatten beide dieselbe Idee.
Sie hatten beide die gleiche Idee.

Wir sind zu derselben Schlussfolgerung gekommen.
Wir sind zur gleichen Schlussfolgerung gekommen.

Du sagst jeden Tag dasselbe.
Du sagst jeden Tag das Gleiche.

Die strenge Unterscheidung dasselbe – das gleiche ist künstlich und in vielen Bereichen auch sehr unpraktisch. Statt dasselbe X kann – auch im Standarddeutschen – das gleiche X stehen. Das kommt auf dasselbe oder eben aufs Gleiche heraus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Es steht schwarz auf weiß: ganz in Weiß

Frage

Meine Frage betrifft die Groß- und Kleinschreibung von Farbadjektiven. Mir ist nämlich rätselhaft, weshalb es heißt „Sie heiratet in Weiß“, aber andererseits geschrieben werden muss: es steht hier schwarz auf weiß“ [...]. Weshalb die unterschiedliche Schreibung?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

im Prinzip ist es ja ganz einfach: Großgeschrieben werden Substantive, kleingeschrieben werden Adverbien und Adjektive. Wie so oft, wenn man mit im Prinzip anfängt, folgt nun das Aber: Die Wendungen, um die es hier geht, können in beide Gruppen eingeteilt werden und in keine wirklich eindeutig.

Man schreibt groß:

Sie heiratet ganz in Weiß.

Ebenso zum Beispiel:

Die Ampel springt auf Rot.
etwas auf Deutsch sagen
in Französisch geschrieben sein

Die Begründung ist folgende: Nicht deklinierte Substantivierungen, die auch ohne Präposition üblich sind, fallen nach § 58 E2 der amtlichen Rechtschreibregelung unter die allgemeine Regel für Substantivierungen und werden auch dann großgeschrieben, wenn sie mit einer Präposition verbunden werden.

Farben und Sprachbezeichnungen werden oft substantivisch verwendet:

die Farbe Weiß
Wenn Rot mit Gelb gemischt wird, erhält man Orange.
Früher war Französisch die Sprache der Eliten.

Die Wendungen „in + Farbbezeichnung“ und „auf/in + Sprachbezeichnung“ fallen demnach einfach unter die allgemeine Regel für Substantivierungen und werden großgeschrieben:

in Weiß
auf Französisch

Klein schreibt man hingegen:

Es steht hier schwarz auf weiß.

Ebenso zum Beispiel

blau in blau
durch dick und dünn
von früh auf, von früh bis spät
von klein auf
über kurz oder lang
mit links erledigen
von nah (und fern)

Hier greift – damit es auch ja nicht zu einfach wird – eine Ausnahmeregel (§ 58 3.1): Feste Verbindungen, die aus einer Präposition und einem nicht deklinierten Adjektiv bestehen, werden kleingeschrieben. Die Verbindung wird als Ganzes als adverbiale Bestimmung behandelt und deshalb kleingeschrieben.

Man hätte diese Ausnahmeregel für feste Verbindungen natürlich auch weglassen und „schwarz auf weiß“ wie “in Weiß” als normale Wortgruppe behandeln können:

*Es steht hier schwarz auf Weiß.
*von Früh bis Spät

Dies wollten die Macher und Macherinnen der Regelung aber offensichtlich nicht und sie haben deshalb die (Ausnahme-)Regel für diese Art von festen adverbialen Wendungen bestimmt.

Es ist schwierig, die Grenze zwischen kleinzuschreibenden festen Wendungen (schwarz auf weiß) und „normalen“, großzuschreibenden Substantivierungen (in Weiß) exakt zu bestimmen. Deshalb kann es zu solchen recht unlogisch erscheinenden Unterschieden kommen. Einfacher kann ich es leider auch nicht machen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Name der Pünktchen (2)

Heute geht es einmal um etwas, das es im Deutschen gar nicht gibt: das Trema in Anaïs und Citroën.

Frage

Das Wort „Trema“ kommt aus dem Griechischen. Ist bekannt, ob diese Bezeichnung schon antik ist? Wann tritt dieser Begriff in der Sprachgeschichte zum ersten Mal auf? In welcher Sprache kommt er zum ersten Mal vor?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Zeichen Trema stammt wie das Wort Trema aus dem Griechischen. Es bedeutet wörtlich Loch, Öffnug, dann auch Punkte, Löcher des Würfels. Es erhielt seinen Namen also durch seine Form, nicht wegen seiner Funktion. Es wurde schon im Altgriechischen verwendet, um die getrennte Aussprache zweier nebeneinanderstehender Vokale zu kennzeichnen. Das kam damals relativ häufig vor, weil man sich der scriptio continua bediente: In den antiken Texten trennte man die einzelnen Wörter nicht durch Zwischenräume voneinander, wasdaslesennichtgeradeeinfachermachte. Die Wortzwischenräume, die das Lesen stark vereinfachen, wurden im 7. Jahrhundert zuerst von irischen Mönchen verwendet und verbreitete sich in den folgenden Jahrhunderten in ganz Europa.

Zurück zu den Griechen. Sie verwendeten das Trema also, um die getrennte Aussprache von zwei nebeneinanderstehenden Vokalen anzugeben. Dies geschah, bedingt durch die scriptio continua, zwischen zwei Wörtern, aber auch im Wortinnern (wie immer noch im Neugriechischen). Das Trema wurde dann mit derselben Funktion in verschiedene europäische Sprachen übernommen. Heute unterscheidet es im Französischen zum Beispiel das einsilbige mais = aber vom zweisilbigen maïs = Mais. Im Niederländischen kommt es relativ häufig vor (zum Beispiel: coöperatie, geïnteresseerd). Im Spanischen gibt es unter anderem an, dass das u zwischen g und e oder i nicht stumm bleibt, sondern ausgesprochen wird (zum Beispiel: antigüedad, pingüino) und auch im Katalanischen verhindert es, dass zwei Vokale als Diphthong gelesen werden (zum Beispiel: ruïna, diürn).

Im Deutschen kommt das Trema nicht vor, außer in Eigennamen aus anderen Sprachen: Anaïs, Joël, Citroën. Auch die Inselgruppe Aleuten wird gelegentlich noch mit Trema geschrieben: Alëuten. Wenn als Diphthong lesbare Vokale aufeinanderstoßen, kommen wir also ohne Trema aus. Das ist meistens kein Problem, da auch ohne die beiden Punkte deutlich ist, wo die Silbengrenze liegen muss:

geimpft
Seineufer
beurteilen

Und auch bei

beinhalten

ist es in der Regel klar, dass zum Inhalt haben und nicht das Bein halten gemeint sein muss.

Es gibt aber mindestens einen Fall, bei dem das Trema vor allem auch für Deutschlernende nicht unpraktisch wäre: weibliche Substantive, die auf -ie enden:

Bakterie
Batterie

Das Schriftbild verrät hier nicht, dass der Wortausgang beim ersten Wort aus zwei Vokalen und beim zweiten Wort aus einem langen Vokal besteht. Hier könnte das Trema Abhilfe schaffen:

Bakterië
Batterie

Aber so weit wird es wohl nicht kommen, denn wirklich große Schwierigkeiten bereitet der Wortausgang -ie nun auch wieder nicht. (Die Deutschlernenden mögen mir diese Relativierung verzeihen!)

Zum Schluss sei noch erwähnt, dass die Umlautpunkte, mit denen wir im Deutschen gar nicht sparsam umgehen, zwar gleich aussehen wie das Trema, aber eine ganz andere Entstehungsgeschichte haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (10)

Eine Unabhängigkeit?

Frage

Habe eben im Radio folgenden Satz gehört:

Die Katalanen sollen über eine Unabhängigkeit abstimmen.

Ich empfinde den unbestimmten Artikel als grammatikalisch falsch. Was ist Ihre Meinung?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

wenn man diesen Satz isoliert betrachtet, ist der unbestimmte Artikel eine stilistisch unschön. (Es könnte sich um typische Journalistensprache handeln.) Gemeint ist die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien. Dann ist der bestimmte Artikel üblich:

Die Katalanen sollen über die Unabhängigkeit (von Spanien) abstimmen.
Die Schotten haben sich gegen die Unabhängigkeit entschieden.

Es ist aber keineswegs ausgeschlossen, Unabhängigkeit mit dem unbestimmten Artikel zu verwenden. Hier zwei (deutlich soeben von mir erfundene) Beispiele:

Die Katalanen sollen über eine Unabhängigkeit abstimmen, die die Zugehörigkeit zur EU in Frage stellt.
Die Katalanen sollen über eine Unabhängigkeit abstimmen, welche die Einheit von Spanien weniger gefährdet.

Mit eine Unabhängigkeit ist dann eine Art von Unabhängigkeit gemeint. Das Wort Unabhängigkeit kann zwar als abstrakter Allgemeinbegriff nicht mit dem unbestimmten Artikel (und nicht im Plural) stehen, aber wenn eine von anderen abgrenzbare Art der Unabhängigkeit gemeint ist, kann man auch von einer Unabhängigkeit reden.

Wenn im Radiobericht nicht, wie ich vermute, allgemein von der Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien die Rede war, sondern von einer Art, die Unabhängigkeit zu gestalten, die sich von anderen möglichen Arten der Unabhängigkeit unterscheidet, dann könnte eine also doch die richtige Artikelwahl gewesen sein. Ohne Kontext lässt sich das aber nicht entscheiden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Genitiv lebt dank Analogie

Frage

Vielleicht  können sie mir auch heute helfen. Steht „dank“ mit Dativ oder Genitiv. Hier ist eine Diskussion entstanden, richtig ist ja wohl  beides, aber was ist geläufiger? Zum Beispiel:

Feuchtigkeitsschutz dank innovativen Sensors
Feuchtigkeitsschutz dank innovativem Sensor

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

im Standarddeutschen kann die Präposition dank sowohl mit dem Dativ als auch mit dem Genitiv stehen:

Feuchtigkeitsschutz dank innovativem Sensor
Feuchtigkeitsschutz dank innovativen Sensors

Der Genitiv kommt vor allem im Plural häufiger vor:

Feuchtigkeitsschutz dank innovativer Sensoren
auch: Feuchtigkeitsschutz dank innovativen Sensoren

Der Dativ lässt sich durch die Herkunft der Präposition erklären. Sie ist eigentlich eine Verkürzung der Wendung Dank sei:

Dank sei ihrem Einfluss → dank ihrem Einfluss

Der Genitiv ist hier aber dabei, den Dativ zu verdrängen. Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass bei anderen Präpositionen dieser Art der Genitiv üblich ist. Zum Beispiel:

kraft ihres Amtes
statt schöner Worte
zeit seines Lebens

Bei diesen Wendungen lässt sich der Genitiv ebenfalls durch die jeweils zugrundeliegende Wendung erklären (durch die Kraft ihres Amtes; an der Statt schöner Worte; in der Zeit seines Lebens). All diese Präpositionen haben sich aber stark von der ursprünglichen Formulierung gelöst, was unter anderem an der Kleinschreibung zu sehen ist. Das gab dem Genitiv die Möglichkeit, sich auch nach dank einzunisten, und zwar so gründlich, dass er heute auch standardsprachlich als korrekt (oder sogar als Vorzugsvariante) gilt.

Richtig ist also beides. Wenn es darum geht, ob die Verfechter des Genitivs oder die dem Dativ treu Gebliebenen recht haben, ist das Resultat ein Unentschieden. Siehe auch hier.

Eine eindeutige, fundierte Antwort auf die Frage, was geläufiger ist, kann ich hier leider nicht geben. Seit es üblich ist, den Untergang des Genitivs heraufzubeschwören (oder hat sich das schon wieder gelegt?) neigen viele dazu, den Dativ zu vermeiden, wenn sich auch nur der leiseste Zweifel meldet. Das dürfte stark zur weiteren Verbreitung des Genitivs nach dank beitragen. Etwas Ähnliches ist übrigens der Präposition trotz geschehen: Mittlerweile steht trotz sehr häufig mit dem Genitiv, obwohl es ursprünglich den heute standardsprachlich gerade noch tolerierten Dativ verlangte.

Wie man sieht, kommt man mit logischen und historischen Argumenten nicht immer sehr weit. Was ist richtig(er): der „historische“ Dativ oder der „analoge“ Genitiv? Richtig ist letzlich, was üblich ist. Das ist nach „dank“ (vorläufig noch?) beides.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Eine Stunde hochnotpeinlichen Verhörs

Frage

Wie schreibt man korrekt: „nach einer Stunde hochnotpeinlichem Verhör“ oder „nach einer Stunde hochnotpeinlichen Verhörs“?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

beides ist möglich. Es handelt sich hier um eine Maß- oder Mengenangabe im weiteren Sinne. Wenn das Gemessene wie hier ein Singular ist, steht es im heutigen Deutschen in der Regel im gleichen Fall wie die Maß- oder Mengenangabe. Das ist hier der von nach geforderte Dativ:

eine Stunde hochnotpeinliches Verhör
nach einer Stunde hochnotpeinlichem Verhör

Es ist ebenfalls möglich, den sogenannten partitiven Genitiv zu verwenden:

eine Stunde hochnotpeinlichen Verhörs
nach einer Stunde hochnotpeinlichen Verhörs

Der Genitiv gilt hier allerdings als veraltet. In diesem Fall passt er stilistisch aber recht gut zum ebenfalls altertümlich anmutenden Wort hochnotpeinlich. Siehe auch die Angaben in der Canoonet-Grammatik.

Mir stellt sich hier noch eine ganz andere Frage. Woher kommt hochnotpeinlich? Bei der heutigen, in der Regel scherzhaft gemeinten Verwendung bedeutet es so viel wie sehr streng. Ein hochnotpeinliches Verhör ist ein sehr strenges Verhör, hochnotpeinliche Fragen sind sehr strenge Fragen.

Historisch gesehen war  hochnotpeinlich aber noch viel strenger als das, was wir heute unter sehr streng verstehen: Ein hochnotpeinliches Gericht war ein Gericht, das über schwere Verbrechen urteilte und die Todesstrafe verhängen konnte.

Wie kam das Gericht zu dieser Beifügung? Das Adjektiv peinlich gehört zu Pein (Strafe, Qual, Schmerz). Etwas Peinliches hatte mit Strafe und Schmerz zu tun. Das Adjektiv kam insbesondere in der Rechtssprache vor, wo es die Bedeutung mit Folterschmerzen verbunden hatte. Peinliche Fragen sind auch heutzutage unangenehm, aber im 16. Jahrhundert waren sie zweifellos noch viel unangenehmer: Peinliche Fragen waren nämlich Fragen, die unter Androhung oder Anwendung der Folter gestellt wurden.

Peinlich war also mit Folter verbunden. Die Verstärkung hochpeinlich oder notpeinlich bezog sich auf verschärfte Folter und eine Steigerungsstufe weiter sind wir bei hochnotpeinlich angelangt. Es war also eindeutig vorzuziehen, nicht vor einem hochnotpeinlichen Gerichte erscheinen zu müssen! Deshalb schrieb Gottfried August Bürger in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Ballade „Der Kaiser und der Abt“, wenn auch bereits eher scherzhaft  (von ihm stammt auch eine der bekanntesten Fassungen der „Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen“):

Kein armer Verbrecher fühlt mehr Schwulität [Beklemmung],
Der vor hochnotpeinlichem Halsgericht steht.

Ein hochnotpeinliches Verhör im 16. Jahrhundert war also um einiges schmerzhafter als das, was man heute scherzhaft als ein hochnotpeinliches Verhör bezeichnet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (1)

Trotz der langen Adverbialbestimmung am Satzanfang steht vor »steht« kein Komma!

Konkrete Zahlen und Beweise habe ich nicht, aber ich nehme an, dass dies eine der Kommahürden ist, die am häufigsten streichende Eingriffe von Korrektor und Lektorin erfordern: Adverbialbestimmungen am Satzanfang.

Frage

Wir sind uns nicht einig, ob hier jeweils das erste Komma stehen muss:

Nicht anders als heute, war es üblich, dass sich Firmen auf Ausstellungen präsentierten.
Auf Vermittlung von A. M., kam im Sommer 1979 Herr K. als Geschäftsführer ins Unternehmen.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

Erläuterungen und Ergänzungen müssen resp. können durch Kommas abgetrennt werden, wenn sie eingeschoben oder nachgestellt sind:

Es war üblich, nicht anders als heute, dass Firmen sich auf Ausstellungen präsentierten.
Firmen präsentierten sich damals auf Ausstellungen, nicht anders als heute.

Im Sommer 1979 kam[,] auf Vermittlung von A.M.[,] Herr K. als Geschäftsführer ins Unternehmen.
Im Sommer 1979 kam Herr K. als Geschäftsführer ins Unternehmen, dies auf Vermittlung von A.M.

Siehe zum Beispiel hier.

Aber: Wenn solche Satzteile nicht eingeschoben oder nachgestellt sind, sondern am Satzanfang vor der konjugierten Verbform stehen, werden sie nicht durch ein Komma abgetrennt. Also nur ohne Komma:

Nicht anders als heute war es üblich, dass sich Firmen auf Ausstellungen präsentierten.
Auf Vermittlung von A. M. kam im Sommer 1979 Herr K. als Geschäftsführer ins Unternehmen.

Es geht hier meist um Adverbialbestimmungen, die im Satz an erster Stelle stehen. Anders als zum Beispiel im Englischen oder Französischen werden sie im Deutschen nicht durch ein Komma abgetrennt. Weitere Beispiele, bei denen kein Komma stehen darf:

Trotz des außergewöhnlich schönen Herbstwetters ging der Umsatz zurück.
Einschließlich Mehrwertsteuer und Versandkosten liegt der Jahresbezugspreis bei 140 Euro.
Wie jeden Morgen um halb sieben riss der Wecker sie auch an diesem Tag aus dem Tiefschlaf.
Vor allem in den ersten Monaten nach dem Kriegsende war die Versorgungslage in der Stadt katastrophal.

Das letzte Beispiel fasst das oben Gesagte schön zusammen:

Anders als zum Beispiel im Englischen oder Französischen werden Adverbialbestimmungen am Satzanfang nicht durch ein Komma abgetrennt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

—–

PS: Am einfachsten wäre es natürlich, wenn man sagen könnte, dass es nie Satzteile gibt, die vor der gebeugten Verbform durch ein Komma abgetrennt werden. So einfach ist es leider wieder einmal nicht. Bekannte Ausnahmen sind Nebensätze, die mit einem Komma abgetrennt werden müssen:

Nicht anders als es heute üblich ist, präsentierten Firmen sich auch damals auf Ausstellungen
Wir er es jeden Morgen um halb sieben tat, riss der Wecker sie auch an diesem Tag aus dem Tiefschlaf.

Eine weitere Ausnahme sind die Partizipgruppen, die durch ein Komma abgetrennt werden können:

Durch A.M. vermittelt[,] kam Herr K. im Sommer 1979 als Geschäftsführer ins Unternehmen.
Das außergewöhnlich schöne Herbstwetter genießend[,] waren viele mit dem Fahrrad unterwegs.

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