Wenn »hinzu kommen« korrekt getrennt geschrieben wird

Wenn ein trennbares Verb wie hinzukommen in einem Hauptsatz steht, wird der abtrennbare Teil hinter das Verb an den Schluss des Satzes gestellt. Sonst schreibt man zusammen. So weit die Grundregel. Wie Herrn L.s Frage zeigt, gibt es aber noch einen seltenen dritten Fall.

Frage

Muss „Hinzu komme“ in diesem Satz getrennt geschrieben werden? (Indirekte Rede: Präsens Konjunktiv)

Hinzukomme, dass davon auch die regionale Wirtschaft profitiere.

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

das Verb hinzukommen wird im Prinzip zusammengeschrieben. In Ihrem Satz schreibt man hinzu aber trotzdem vom Verb getrennt:

Hinzu komme, dass davon auch die regionale Wirtschaft profitiere.

Das hat nichts damit zu tun, dass es sich um den Konjunktiv der indirekten Rede handelt. Die Getrenntschreibung gilt auch zum Beispiel in der Vergangangenheit und im Indikativ:

Hinzu kommt/kam/käme/, dass davon auch die Wirtschaft …

Die Getrenntschreibung hinzu komme hat vielmehr mit der etwas sonderbaren Satzstellung zu tun. Dafür muss ich ein bisschen ausholen. Wir haben es hier mit einem einleitenden Hauptsatz (Hinzu kommt) und einem dass-Satz zu tun. In einem deutschen Hauptsatz (Aussagesatz) steht die gebeugte Verbform immer an zweiter Stelle. Vor ihr, im sogenannten Vorfeld, steht nicht mehr und nicht weniger als ein Satzteil:

Peter kommt heute Abend nicht.
Kaum ein Mensch kommt noch zu uns.
Meinen Eltern kommt das gar nicht ungelegen.
Heute Abend kommt wahrscheinlich niemand mehr vorbei.
Wahrscheinlich kommt kein weiterer Gast hinzu.
Es kommt hinzu, dass davon auch die Wirtschaft profitiert.

Wie man sieht, kann das Subjekt, ein Objekt oder eine Adverbialbestimmung an erster Stelle stehen. In seltenen Fällen kann auch der abtrennbare Teil eines trennbaren Verbs (der sonst am Schluss des Satzes steht) diese erste Stelle einnehmen:

Hinzu kommt, dass davon auch die Wirtschaft profitiert.

Der abtrennbare Verbteil wird in solchen Fällen getrennt vom Basisverb geschrieben, obwohl er direkt vor diesem steht. Nur so kann die beinahe unantastbare Zweitstellung der gebeugten Verbform im deutschen Hauptsatz gewährleistet werden. Weitere Beispiele:

Fest steht die Tatsache, dass die gebeugte Verbform an zweiter Stelle steht.
Hinauf ging er über die Treppe, herunter kam er über den Balkon.
Zusammen kam dabei eine erfreulich hohe Summe.

Der letzte Satz zeigt, dass solche Formulierungen nicht immer stilistische Höhepunkte sind. Weiter gilt, dass sie fast nur bei trennbaren Verben möglich sind, deren abtrennbarer Teil und Basis noch eine recht große Eigenbedeutung haben. Nicht möglich sind zum Beispiel:

*Zu gab sie den Fehler nicht.
*An ist zu nehmen, dass alles stimmt.
*Ein lade ich nur, wen ich mag.

Siehe auch hier.

Diese Randerscheinung der deutschen Wortstellung (und Rechtschreibung) illustriert wieder einmal, weshalb man bei der Getrennt- und Zusammenschreibung im Bereich der deutschen Verben manchmal so unsicher werden kann. Es gibt keine exakte Trennlinie zwischen getrennt geschriebenen Verbgruppen und zusammengeschriebenen Verbzusammensetzungen. Obwohl feststehen, hinzukommen und hinaufgehen im Allgemeinen Verbzusammensetzungen sind, können sich fest, hinzu und hinauf manchmal wie selbstständige Adverbien benehmen. Fest steht nur, dass nicht alles immer eindeutig feststeht.

Mir freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn »A und B ist« richtig ist

Die meisten von uns haben auf der Schule gelernt, dass bei einem zweiteiligen Subjekt, bei dem die Subjektteile mit und verbunden sind, das Verb im Plural stehen muss:

Die alte Dame und ihr Sohn gingen jeden Tag im Park spazieren.
Nach der Werbung folgen der TV-Krimi und ein Diskussionsprogramm.

So weit, so einfach. Es gibt aber Ausnahmen. Diese Ausnahmen gleiten meist unbemerkt an uns vorbei, doch Sie können verunsichern, wenn wir darüber nachdenken und uns daran erinnnern, was wir auf der Schule gelernt haben. Hier die Frage von Frau S.:

Frage

Es geht um die korrekte Formulierung des folgenden Satzes:

Natürlich war dafür sehr viel Kleinarbeit und Konzentration notwendig.
Natürlich waren dafür sehr viel Kleinarbeit und Konzentration notwendig.

Selbst denke ich, dass die zweite Version korrekt ist. Mir fehlt jedoch die fachgerechte Begründung.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

beide Sätze sind richtig formuliert.

Das Verb kann nach der allgemeinen Grundregel im Plural stehen, weil das Subjekt aus zwei mit und verbundenen Teilen besteht.

Natürlich waren dafür sehr viel Kleinarbeit und Konzentration notwendig.

Das Verb kann aber auch im Singular stehen, weil die beiden Subjektteile eng miteinander verbunden sind und als eine Einheit aufgefasst werden. Das sieht man daran, dass sie eine gemeinsame Bestimmung haben: sehr viel bezieht sich sowohl auf Kleinarbeit als auch auf Konzentration:

Natürlich war dafür sehr viel Kleinarbeit und Konzentration notwendig.

Weitere Beispiele von Sätzen, in denen ein mehrteiliges Subjekt mit und eine gemeinsame Bestimmung hat und als eine Einheit aufgefasst werden kann:

Viel Glück und Sonnenschein soll dich begleiten.
Viel Glück und Sonnenschein sollen dich begleiten.

Münsters Grund und Boden ist zehn Milliarden Euro wert.
Münsters Grund und Boden sind zehn Milliarden Euro wert.

Ihre totale Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit war unerträglich.
Ihre totale Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit waren unerträglich.

Zum diesem Thema gäbe es noch viel mehr zu sagen. Die Grundregel sowie weitere Ausnahmen und Beispiele finden Sie auf dieser Seite in der Canoonet-Grammatik. Wie so oft sind auch hier die Übergänge zwischen der Grundregel und den Ausnahmen fließend. Als kleiner Trost für nun ganz Verunsicherte kann gelten: Der Plural ist hier (fast) immer richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wird das große Ü zu UE oder zu Ue?

Frage

Wenn man ü mit ue umschreiben muss, was schreibt man dann bei einem großen Ü? UE oder Ue? Beispiel: Uebersetzung/UEbersetzung. Für beides gibt es Argumente. [...] Gibt es dazu einen Konsens oder eine Regel? Oder darf ich das machen wie ich will?

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

wenn der Großbuchstabe Ü nicht zur Verfügung steht, wird er in der Regel durch Ue ersetzt:

Ueber Dr. Oetkers Ruehrkuchen mit Aepfeln wird nicht viel Uebles gesagt.

Siehe auch hier.

Man geht also genau gleich vor, wie bei der Großschreibung von Diphthongen und in der Schrift besonders gekennzeichneten langen Vokalen:

Auge, Äuglein, Eigelb, Eugen
Aachen, Ahle, Ehre, Ohr, Ührchen

Auch bei mit mehreren Buchstaben geschriebenen einfachen Konsonanten ist dies der Fall:

Schule, China

Das Prinzip der Großschreibung des Anfangsbuchstabens ist also rein formal. Man schreibt den ersten Buchstaben groß, egal ob er nun für sich allein einen Laut darstellt oder ob er zusammen mit einem anderen Buchstaben für eine lautliche Einheit steht (oder wie ue einen Einzelbuchstaben vertritt).

Das mag uns aus Gewohnheit ganz normal erscheinen, doch wie Ihre Frage zeigt, ist es das nicht unbedingt. Die meisten Sprachen machen es so wie wir, aber im Niederländischen gibt es tatsächlich eine Buchstabenkombination, die als ein Buchstabe zählt und am Satzanfang oder in Eigennamen als Ganzes großgeschrieben wird: Das kleine ij wird zum großen IJ. Man segelt dort deshalb nicht auf dem *Ijsselmeer und isst sein Eis nicht im *Ijssalon ‘t Hoekje,  sondern auf dem IJsselmeer und im IJsalon ‘t Hoekje. Selten ist in der Rechtschreibung etwas ganz so selbstverständlich, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Substantivierte »Jährige«

Frage

Ich lektoriere gerade einen Text und bin mit der Frage konfrontiert, ob das J in „die 38-jährige“ (ohne nachfolgendes Substantiv) groß- oder kleingeschrieben wird. Meiner Auffassung nach steht die Zahl 38 einfach als Ersatz für das Wort „Achtunddreißig“, an das ich das „jährige“ schlicht anhängen würde. [...]

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

richtig sind hier der Bindestrich und das große J:

die 38-Jährige

Ebenso (wenn mit Ziffern geschrieben):

Ferienlager für 14- bis 18-Jährige
Benimm dich nicht wie ein 7-Jähriger!

Den Bindestrich, den Sie ja auch gesetzt haben, kann ich leicht erklären: Zusammensetzungen mit einer Ziffer werden mit Bindestrich geschrieben (Regel). Bei der Großschreibung des J ist es etwas schwieriger. Im Prinzip gilt, dass man Substantive in Zusammensetzungen mit einem Bindestrich großschreibt (Regel). Wir müssen also davon ausgehen, dass Jährige in der substantivierten Form 38-Jährige als Substantiv gilt und deshalb großgeschrieben wird.

Dass das J in die 38-Jährige großgeschrieben werden muss, kann ich nachvollziehen, aber ich weiß es ehrlich gesagt nicht, weil ich es sofort eindeutig aus den Regeln ableiten kann. Ich weiß es vor allem, weil in Paragraph 40.3 der amtlichen Rechtschreibregelung das Beispiel der 17-Jährige steht und die zur amtlichen Regelung gehörenden Wörterliste beim Stichwort acht angibt: der, die 8-Jährige.

Die genaue Schreibung von die 38-Jährige, der 17-Jährige, die über 100-Jährigen usw. gehört zu den Sachen, die man sich am besten einfach merkt. Wenn Sie trotzdem einmal unsicher sind, schauen Sie einfach in Canoonet nach, zum Beispiel hier oder hier. Und dann gibt es natürlich immer auch die Möglichkeit, keine Ziffern zu verwenden:

die Achtunddreißigjährige

Mit freundlichen Grüßen

Dr.  Bopp

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Meint er die Anschuldigung gegen sich oder gegen ihn?

Frage

Wie heißt es richtig?

- Jede Anschuldigung gegen sich weist er von sich.
- Jede Anschuldigung gegen ihn weist er von sich.

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

die kurze Antwort lautet: Hier ist sowohl sich als auch ihn möglich. Im zweiten Fall ist der Satz eventuell nicht eindeutig, weil mit ihn auch eine andere Person gemeint sein könnte. Es ist allerdings meistens so, dass man aus dem weiteren Satzzusammenhang schließen kann, wer mit ihn gemeint ist.

Und hier die lange Antwort:  Das Reflexivpronomen sich wird dann anstelle des Personalpronomens ihn oder sie verwendet, wenn es mit dem Subjekt des Satzes identisch ist. Das allbekannte Standardbeispiel lautet:

Er wäscht ihn.
= ein andere Person, ein Tier oder eine Sache mit männlichem Genus

Er wäscht sich.
= sich selbst

So weit ist alles recht einfach. Die Unsicherheit entsteht nun, weil Ihr Satz eigentlich zwei Verben enthält, nämlich von sich weisen und anschuldigen. Das zweite Verb erscheint hier in der Form der Substantivierung Anschuldigung.

Das Subjekt des ganzen Satzes und der Angeschuldigte sind identisch, deshalb erwarten wir das Reflexivpronomen sich:

Jede Anschuldigung gegen sich weist er von sich.

Das stimmt allerdings nicht ganz, denn das Pronomen sich ist eigentlich nicht von weisen abhängig, sondern von anschuldigen. Weiter gilt, dass das Subjekt, das man zu anschuldigen ergänzen muss, und der Angeschuldigte nicht identisch sind. Wir müssten also mit ihn auf den Angeschuldigten, das Objekt der Anschuldigung, verweisen:

Er weist von sich, dass man/jemand ihn anschuldigt.
Jede Anschuldigung gegen ihn weist er von sich.

In solchen Fällen wird trotzdem sehr oft sich verwendet. Das Reflexivpronomen verdeutlich hier besser als ihn, wer genau gemeint ist, nämlich das Subjekt des Gesamtsatzes und nicht etwa eine andere Person.

Ganz ohne Kontext wird die Sache aber auch mit sich nicht immer wirklich eindeutig:

Sie konnte sein Gerede über sie nicht ertragen. (über sie oder über eine dritte Person?)
Sie konnte sein Gerede über sich nicht ertragen. (über ihn oder über sie?) 

Es steht Ihnen also frei, in Ihrem Satz ihn oder sich zu verwenden – und wenn man Ihnen vorwirft, Sie hätten einen Fehler gemacht, können Sie diese Anschuldigung gegen sich/Sie zu Recht von sich weisen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Namen der Fälle

Die Fälle gehören sozusagen zu meinem Handwerkszeug. Ich schlage mich fast täglich mit den Begriffen Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ herum. Ich hatte zwar schon eine Ahnung, woher diese Namen kommen und was sie ungefähr bedeuten, aber ich habe es nun endlich einmal für mich herausgesucht – und für Sie.

Die Begriffe Kasus, Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ haben wir wie so viele andere zusammen mit der traditionellen Grammatik von den Lateinern übernommen. Diese wiederum verwendeten für ihre Sprachbeschreibung Lehnübersetzungen aus der griechischen Grammatik.

Fangen wir mit Fall an: Das deutsche Wort ist die wörtliche Entsprechung des lateinischen Wortes casus. Es ist in dieser Bedeutung eine Übersetzung des griechischen Wortes ptõsis (das Fallen, der Fall), das schon von den alten griechischen Grammatikern für die Bezeichnung der grammatischen Fälle verwendet wurde.

Der Nominativ war der (casus) nominativus, der benennende Fall. Bei den Griechen hieß er onomastiké ptõsis, wörtlich namengebender Fall. Es ist der Fall, den man beim Bennennen verwendet. Das gleiche nomin- steht zum Beispiel auch im Fachwort Nominalwert. Nominalwert oder Nennwert ist die Bezeichnung des Wertes, der auf einer Münze, einer Banknote o. Ä. angegeben wird.

Der Genitiv geht über (casus) genitivus auf geniké ptõsis zurück, den die Gattung, Herkunft, Abstammung bezeichnenden Fall. Im Lateinischen wurde er als Fall interpretiert, der die Abhängigkeit eines Substantivs von einem anderen angibt. Dem gen in Genitiv begegnen wir auch zum Beispiel in Generation, genetisch, das Gen usw.

Der Dativ kommt von (casus) dativus und dieser von dotiké ptõsis, zum Geben gehörender Fall. Es ist der Fall, in dem häufig die Person oder Sache steht, die bei einem Verb des Gebens das Gegebene erhält. Das lateinische Adjektiv dativus ist von datum abgeleitet, dem zum Verb dare = geben gehörenden Partizip. Das dat in Dativ finden wir unter anderem auch in dem heute so wichtigen Wort Daten. Die Daten sind eigentlich nichts anderes als das Gegebene. Die Bezeichnung Datum für die Angabe eines bestimmten Tages geht auf den lateinischen Gebrauch zurück, in Briefen anzugeben, wann ein Schriftstück datum, also gegeben oder ausgestellt wurde.

Bleibt noch der Akkusativ. Er kommt von (casus) accusativus, der zur Anklage gehörende Fall (vgl. engl. to accuse, frz. accuser). Hier sind sich viele Gelehrte – aber natürlich nicht alle! – einig, dass den Lateinern bei der Übersetzung des griechischen Begriffes aitiatiké ptõsis ein Fehler unterlaufen sei. Gemeint sei nicht der Fall der Anklage, des Anklagens, sondern der Fall der Ursache, des Grundes. Auf die Details der Diskussion will ich hier nicht weiter eingehen, das könnte Ihre (und nicht zuletzt auch meine) Geduld überstrapazieren.

Bei den Fällen haben wir es also wortgeschichtlich mit dem Nennfall, dem Herkunftsfall, dem Gebefall und dem Anklagefall zu tun. Das ist auf den ersten Blick relativ aussagekräftig, aber ich bezweifle, dass diese Namen viel hilfreicher sind als die üblichen deutschen Bezeichnungen Werfall, Wesfall, Wemfall und Wenfall.

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Wenn Sie bzw. eine andere Person mit dem Auto anreis…

Im Prinzip ist es ja ganz einfach: Das Verb richtet sich in Person und Numerus nach dem Subjekt. Problematisch wird es dann, wenn das Subjekt aus mehreren unterschiedlichen Teilen besteht. Das ist genau das Problem, vor das sich Frau J. gestellt sieht:

Frage

Ich benötige Ihre Hilfe bei folgendem Satz:

Wenn Sie bzw. die von Ihnen genannte Person mit dem Auto anreisen, geben Sie uns Bescheid.

Das Verb „anreisen“ passt ja eigentlich nur für „Sie“, nicht aber bei „wenn die von Ihnen berechtige Person mit dem Auto anreisen“. Wie gehe ich hier vor?

Antwort

Sehr geehrte Frau J.,

eine in Stein gemeißelte Regel zu dieser Frage gibt es nicht. Wenn das Subjekt eines Satzes aus zwei Teilen besteht, die mit oder oder bzw. verbunden sind und unterschiedlichen grammatischen Personen entsprechen, richtet sich das Verb meistens nach der Person, die ihm am nächsten steht.

Für Ihr Beispiel bedeutet diese wortreiche Erklärung, dass das Verb sich nach die von Ihnen genannte Person richtet, weil dieser Teil des Subjekts näher beim Verb steht:

Wenn Sie bzw. die von Ihnen genannte Person mit dem Auto anreist, geben Sie uns Bescheid.

Oder umgekehrt:

Wenn die von Ihnen genannte Person bzw. Sie selbst mit dem Auto anreisen, geben Sie uns Bescheid.

Zwei weitere Beispiele:

Entweder du oder sie kommt jetzt sofort her.
Entweder sie oder du kommst jetzt sofort her.

Ihr oder eure Vertretung wird rechtzeitig informiert werden.
Eure Vertretung oder ihr werdet rechtzeitig informiert werden.

Manche Stirn wird sich beim Lesen dieser Beispielsätze runzeln. Zusammenziehungen dieser Art klingen oft holprig oder gezwungen. Deshalb folgt nun noch ungefragt ein stilistischer Rat: Am besten vermeidet man solche Zusammenziehungen, zum Beispiel durch eine Umschreibung mit einem (unbestimmten) Pronomen:

Du oder sie, eine von euch kommt jetzt sofort her!
Wir werden euch resp. eure Vertretung rechtzeitig informieren.
Wenn jemand, d. h. Sie bzw. die von Ihnen genannte Person, mit dem Auto anreist, geben Sie uns Bescheid.

Oder vielleicht noch besser einfach:

Bei Anreise mit dem Auto geben Sie uns Bescheid.

Siehe auch die entsprechende Beschreibung auf dieser Seite.

Ich finde Fälle wie diesen ein schönes Beispiel dafür, dass man nicht immer versuchen sollte, auf Biegen und Brechen eine grammatisch korrekte Lösung zu finden. Guter Umgang mit Sprache kann sich auch darin zeigen, dass man solche Hürden elegant umgeht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das Fußballfeld als Maßeinheit

Frage

Bei uns ist folgendes Problem aufgetaucht: Welche Schreibung ist richtig?

die 30 fußballfeldergroße Anlage
die 30 fußballfelder-große Anlage
die 30 Fußballfelder große Anlage

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

die korrekte Schreibung ist:

die 30 Fußballfelder große Anlage

Hier wird Fußballfelder als Maßangabe verwendet. Die Größe der Anlage wird mit Hilfe der Maßeinheit »Fußballfeld« angegeben. Sie ist in den exakten Wissenschaften zwar unüblich, aber im Alltagsgebrauch für viele gut verständlich. Man muss nicht unbedingt Fan von Bayern München, Rapid Wien oder des FCB sein, um eine ungefähre Vorstellung der Größe eines Fußballfeldes zu haben. Obwohl Fußballfelder unterschiedlich groß sein können, sind sie für ungefähre Flächenangaben in allgemeinen Texten oft besser geeignet als abstrakte hohe Quadratmeterzahlen. Bei der Angabe 30 Fußballfelder habe ich zwar auch nur eine ungenaue Vorstellung, aber sie ist für mich dennoch um einiges verständlicher als die Angabe ca. 200 000 m². Doch ich schweife wieder einmal ab. Zurück zu Ihrer Frage:

Die Einheit »Fußballfeld« wird in der Rechtschreibung gleich behandelt wie die bekannteren Maßeinheiten:

Der Turm ist 20 Meter hoch.
der 20 Meter hohe Turm

Der Stau ist drei Kilometer lang.
der drei Kilometer lange Stau

Die Anlage ist 25 Jahre alt.
die 25 Jahre alte Anlage

Und genau gleich:

Die Anlage ist 30 Fußballfelder groß.
die 30 Fußballfelder große Anlage

Völlig ausgeschlossen ist die zusammengeschriebene Form fußballfeldergroß übrigens nicht. Genauso wie es meterhohe Barrikaden, kilometerlange Staus und jahrelange Bemühungen gibt, kann es auch

eine fußballfeldergroße Anlage

geben. Gemeint sind hier ungenaue Angaben, nämlich ungefähr einen oder mehrere Meter hohe Barrikaden, mehrere Kilometer lange Staus, mehrere Jahre dauernde Bemühungen und genauso (Regel):

die fußballfeldergroße Anlage = die mehrere Fußballfelder große Anlage

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Spitze! Klasse! Spitzenklasse!

Spitze! Klasse! Spitzenklasse! Ob zur gesprochenen Umgangssprache gehörende Wörter groß- oder kleingeschrieben werden, ist eigentlich nicht so wichtig. Wer aber umgangssprachliche Äußerungen schriftlich wiedergeben will, muss sich trotzdem manchmal mit dieser Rechtschreibfrage beschäftigen.

Frage

Wie wird die Aussage „Das ist spitze“ richtig geschrieben? M. E. handelt es sich hierbei um ein Adjektiv und wird kleingeschrieben. Ich habe es als Überschrift in der Zeitung schon oft großgeschrieben entdeckt.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

Sie haben recht, dass hier spitze als Adjektiv im Sinne von ausgezeichnet, toll kleingeschrieben wird:

Das ist spitze!
Ich finde das spitze!

Auch in diesen Fällen wird spitze kleingeschrieben:

Candy Crush ist ein spitze Spiel!
Sie hat das wieder mal spitze hingekriegt!

Siehe auch spitze im Rechtschreibwörterbuch.

Bei einem verwandten Begriff, nämlich klasse, geht man genau gleich vor:

Das ist klasse!
Ich finde das klasse!
Candy Crush ist vielleicht doch nicht so ein klasse Spiel.
Sie hat das wieder mal klasse gemacht!

Wenn die Wertung klasse! nicht ausreicht und spitze!! auch mit zwei Ausrufezeichen dem Enthusiasmus nicht gerecht wird, gibt es noch eine Steigerungsform:

Spitzenklasse!

Zu meinem Erstaunen sind sich die Wörterbücher einig, dass hier großgeschrieben werden soll:

Das ist Spitzenklasse!
Ich finde das Spitzenklasse!

Ich finde die Großschreibung hier fragwürdig und nicht gerade konsequent. Doch wenn man sich an die Angaben der Wörterbücher halten will oder muss und dies einmal weiß, ist es keine höhere Hexenkunst. Problematisch wird es dann, wenn dieses Wort vor einem Substantiv steht oder als Adverb verwendet wird, also in Fällen wie diesen:

Das ist ein klasse/spitze Spiel.
Sie hat es wieder mal klasse/spitze gemacht.

Da in keinem Wörterbuch Angaben oder Beispiele zu dieser Verwendung zu finden sind, muss ich selbst entscheiden. Und ich bin hier eindeutig für die Kleinschreibung, weil es sich in dieser Stellung um ein Adjektiv resp. ein Adverb handeln muss:

Das ist ein spitzenklasse Spiel!
Sie hat es wieder mal spitzenklasse gemacht.

Ich wünsche Ihnen ein spitze, klasse, nein wunderschönes Wochenende!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Beizug, Beiziehung, Hinzuziehung

Es ist wohl für kaum jemanden neu, dass es im Deutschen auf der Ebene des Wortschatzes regionale Unterschiede gibt. Viele kennen bestimmt auch die Standardbeispiele wie das schweizerische Verb parkieren für parken und das österreichisch die Marille für die Aprikose. Ein weniger bekanntes und weniger auffallendes Beispiel hat Herr M. für uns gefunden: beiziehen und Beizug.

Frage

Weshalb ist das Wort „Beizug“ nicht im Duden enthalten? Gibt es dieses Wort überhaupt, wird es nur umgangssprachlich verwendet? Satzbeispiel: „Auf den Beizug des Brandermittlers wurde verzichtet.“ Oder ist es „besser“ bzw. korrekt, „Beiziehung“ zu verwenden?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

warum das Wort Beizug nicht im Duden steht, müssten Sie die Dudenredaktion fragen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Beizug ein Wort ist, das vor allem in der Schweiz, das heißt in der schweizerischen Variante des Standarddeutschen, verwendet wird.

Im südöstlichen Teil Deutschlands, in Österreich und in der Schweiz kennt man das Verb beiziehen mit der Bedeutung dazunehmen, heranziehen:

Zur Aufklärung des Sachverhalts kann das Gericht externe Akten beiziehen.
Es ist wichtig, einen Tierarzt beizuziehen, um organische Ursachen auszuschließen.

Allgemein wird im Deutschen in diesen Fällen eher das Verb hinzuziehen verwendet:

Zur Aufklärung des Sachverhalts kann das Gericht externe Akten hinzuziehen.
Es ist wichtig, einen Tierarzt hinzuzuziehen, um organische Ursachen auszuschließen.

In Ihrem Satz steht aber nicht das Verb, sondern eine Substantivierung. Dort ist die Situation noch komplexer. Allgemeindeutsch heißt es dann:

unter Hinzuziehung eines/einer Sachverständigen

Im südlichen Deutschland und in Österreich bleibt man hier beim Verb beiziehen:

unter Beiziehung eines/einer Sachverständigen

Auch in der Schweiz bleibt man dem Verb beiziehen treu, es wird aber häufig eine andere Substantivierung verwendet:

unter Beizug eines/einer Sachverständigen

Hinzuziehung, Beiziehung und Beizug: alle Formen sind korrekt gebildet und in einem konkreten Kontext zweifellos überall gut verständlich. Die drei Varianten sind nur nicht überall gleich gebräuchlich.

In der Schweiz können Sie korrekt drei verschiedene Varianten verwenden:

Auf den Beizug des Brandermittlers wurde verzichtet.
Auf die Beiziehung des Brandermittlers wurde verzichtet.
Auf die Hinzuziehung des Brandermittlers wurde verzichtet.

Keine der Varianten ist „korrekter“ als die anderen. Am häufigsten kommt aber in der Schweiz das Wort Beizug vor. Das ist deshalb auch die Form, die ich Ihnen empfehlen würde, wenn Sie in der Schweiz für die Schweiz schreiben. Aber auch jenseits der Grenze wird in Deutschland und Österreich Beizug kaum auf absolutes Unverständnis stoßen.

Diese Angaben habe ich übrigens unter Hinzuziehung/Beiziehung/Beizug des Variantenwörterbuchs des Deutschen* zusammengestellt, das für alle, die regionale Sprachvariation mögen, sehr nützlich und interessant ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Ulrich Ammon, Hans Bickel, Jakob Ebner u. a.: Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Berlin/New York, de Gruyter, 2004.

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