Kunstzentrum Karlskaserne im Genitiv – mit oder ohne s?

Schon wieder der Genitiv!

Frage

Welche korrekten Möglichkeiten gibt es, wenn man mehrteilige Namen oder Firmenbezeichnungen wie etwa das Quartier 206, das Labor Wieden, das Kunstzentrum Karlskaserne etc. in den Genitiv setzt?

die Türen des Quartier 206 / des Quartiers 206 / des “Quartier 206″ …
die Errichtung des Kunstzentrum Karlskaserne / des Kunstzentrums Karlskaserne

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

mehrteilige Namen von Firmen, Instituten, Gebäuden usw. werden im Prinzip gleich gebeugt wie „normale” Wortgruppen:

des Bahnhofs Zoo
des Theaters an der Wien
des Hotels Sacher
des Nassauer Hofs
des Nationalparks Hohe Tauern

ebenso:

des Quartiers 206
des Labors Wieden
des Kunstzentrums Karlskaserne

Dies gilt insbesondere auch für längere Namen dieser Art:

des Gustav-Müller-Instituts zur modernen Wissenschaft
des Vereins für Deutsche Schäferhunde
des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft
des Verbundes Schweizer Reinigungsungsunternehmen

Ganz so eindeutig ist die Lage aber nicht. Es gibt im Deutschen eine Tendenz, Eigennamen im Genitiv ungebeugt zu lassen, wenn sie mit einem Artikel o. Ä. stehen. Manchmal werden deshalb kürzere mehrteilige Eigennamen ähnlich wie einteilige Eigennamen mit Artikel nicht gebeugt:

des Bahnhof Zoo
des Theater an der Wien
des Hotel Sacher
des Nassauer Hof
des Nationalpark Hohe Tauern
des Quartier 206
des Labor Wieden
des Kunstzentrum Karlskaserne

Diese Formulierungen sind meist weniger üblich als diejenigen mit einer Genitivendung. Sie kommen aber relativ häufig vor, so dass ich sie nicht als grundsätzlich falsch bezeichnen kann. Ich würde hier allerdings immer die gebeugte Variante als die bessere empfehlen.

Manchmal ist das Vorkommen der endungslosen Form in der geschriebenen Sprache dadurch zu erklären, dass man meint oder gar behauptet, man dürfe Eigennamen nicht verändern. Das ist nicht der Fall! Mehrteilige Eigennamen können resp. sollten (auch in Anführungszeichen) gebeugt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Dativ oder Genitiv: der Nachfolger von MS-DOS, dem klassischen Betriebssystem / des klassischen Betriebssystems?

Manchmal gefällt es mir einfach, sozusagen als Gegenpol zu den feurigen Verteidigern und Verteidigerinnen des Genitivs Fälle aufzuzeigen, in denen der Genitiv gerade fehl am Platz ist. So auch heute:

Frage

Ich wende ich mich wieder einmal mit einer Frage an Sie:

Der Nachfolger von MS-DOS, dem klassischen PC-Betriebssystem, …

oder

Der Nachfolger von MS-DOS, des klassischen PC-Betriebssystems, …

Welche Version würden Sie bevorzugen?

Antwort

Sehr geehrter Herr V.,

richtig ist hier die Übereinstimmung im Fall. Das Bezugswort MS-DOS steht im Dativ, den von verlangt. Eine Apposition (nähere Bestimmung in der Form eines Substantivs) mit Artikel sollte deshalb auch im Dativ stehen:

der Nachfolger von MS-DOS, dem klassischen PC-Betriebssystem
am Beispiel von China, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt
die Lieferung von Reis, diesem wichtigen Grundnahrungsmittel

Die Apposition steht dann im Genitiv, wenn auch das Bezugswort im Genitiv steht:

der Nachfolger des bekannten MS-DOS, des klassischen PC-Betriebssystems
am Beispiel Chinas, des bevölkerungsreichsten Landes der Welt
die Bedeutung des Reises, dieses wichtigen Grundnahrungsmittels

Der Fall der Apposition richtet sich hier also nicht nach dem Fall, der stehen könnte oder eventuell stehen sollte, sondern ganz einfach nach dem Fall, der wirklich verwendet wird.

Mehr Informationen zur Apposition und dem Fall, in dem sie steht, finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Korrupt, bankrott und weitere Verwandte

Aus aktuellem Anlass liest man wieder einmal häufiger die Wörter korrupt und bankrott in einem Satz. Ich maße mir kein Urteil darüber an, ob diese Charakterisierungen zutreffend sind (jedenfalls nicht an dieser Stelle). Es geht mir hier um etwas ganz anderes: Wussten Sie, dass es sich bei diesen beiden Wörtern um entfernte Verwandte handelt? Die Familiengeschichte ist unterschiedlich, aber sie haben einen gemeinsamen Vorfahren.

Der Vorfahre ist wie so oft im Lateinischen zu finden: das Verb rumpere mit der Bedeutung brechen, zerbrechen, zerreißen. Die Ableitung corrumpere bedeutet u. a. verderben, vernichten und in einem nachvollziehbaren übertragenen Sinne auch bestechen. Und schon sind wir ohne Umwege bei unserem Verb korrumpieren. Das Adjektiv korrupt geht auf das zu corrumpere gehörende Partizip Perfekt corruptus zurück, das wir ebenfalls mehr oder weniger direkt aus dem Lateinischen übernommen haben.

Für bankrott müssen wir einen „Zwischenhalt“ beim Italienischen einschalten. Wir haben das Substantiv Bankrott um 1500 aus italienisch banca rotta (o. banco rotto) übernommen, womit eine zahlungsunfähige Bank bezeichnet wurde. Wörtlich war ein zerbrochener Wechseltisch gemeint. Der Wortteil rotto bedeutet also zerbrochen. Er ist – Sie wissen oder ahnen es schon – die italienische Fortsetzung des lateinischen Partizips ruptus von rumpere.

Bankrott und korrupt sind nicht die einzigen Wörter, die auf den gemeinsamen Vorfahren rumpere/ruptus – brechen/gebrochen zurückgehen. Ein paar Beispiele:

abrupt  – plötzlich, jäh; abgerissen
Eruption – Ausbruch
Interruption – Unterbrechung
Coitus interruptus – unterbrochener Geschlechtsverkehr
Ruptur – in der Medizin: die Zerreißung, der Durchbruch

Wenn man es einmal weiß, sind diese lateinischen Lehnwörter gar nicht mehr so schwierig! Weniger durchsichtig sind zwei weitere Nachfahren von rumpere: Route und Rotte.

Die Route ist natürlich nichts anderes als ein französisches Wort für Straße, das im 17. Jahrhundert ins Deutsche übernommen wurde. Seinen Ursprung findet es über ein paar Schritte bei lateinisch (via) rupta = durch den Wald geschlagener (gebrochener) Pfad.

Die Rotte ist eine Bezeichnung für verschiedenartige Gruppen, von zügellosen Menschenscharen über Gruppen von Wölfen und Wildschweinen bis hin zu zusammen operierenden Militärflugzeugen. Es ist eine viel ältere Entlehnung (ca. 11. Jh.?) aus dem Altfranzösischen. Dort hatte rote die Bedeutung Trupp, Schar, Abteilung und – so ein schönes Wort! – Räuberhaufen. Auch dieses Wort geht letztlich auf das Partizip rupta von rumpere zurück, wahrscheinlich im Sinne von abgesprengte Gruppe, Schar.

Dass Interruption, Eruption und korrupt miteinander zu tun haben, wusste ich (die Bemühungen meines Lateinlehrers waren also doch nicht ganz vergeblich), bei bankrott ahnte ich es, doch dass auch Route zur Familie gehört, hätte ich nie gedacht!

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Der Gedankenstrich und die anderen – nur das Wichtigste

Es folgt keine erschöpfende Darstellung aller orthografischen und typografischen Fragen, die sich im Zusammenhang mit dem Gedankenstrich ergeben können. Ich möchte nur kurz das Wichtigste bei der Verwendung des einfachen und des paarigen Gedankenstrichs innerhalb des Satzes aufzeigen.

Frage

Da ich Verfechterin der schönen deutschen Sprache bin, möchte ich meinem Kollegen gern mit Ihrer Hilfe seine Frage beantworten:

Im wissenschaftlichen Text hat er einige Gedanken seinerseits in Gedankenstrichen gesetzt und weiß nicht, ob sich das Komma dann generell aufheben muss oder je nach Satzbau gesetzt werden darf?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

ein einfacher Gedankenstrich in einem Satz trennt stärker als ein Komma oder ein Doppelpunkt. Er kann anstelle eines Kommas oder eines Doppelpunktes verwendet werden und ersetzt diese:

Du darfst nicht mitkommen – leider.
Sie hat es wieder getan – schon zum x-ten Mal!
Auf die Plätze – fertig – los!
Ich sah nur noch eine Möglichkeit – sofort wegrennen.

Manchmal steht der Gedankenstrich als „Pausenzeichen“ auch dort, wo sonst kein Satzzeichen steht:

Er machte mit seiner Freundin Schluss und ging – zurück zu seiner Frau.

Mit paarigen Gedankenstrichen werden Einschübe markiert.

Die Satzzeichen des Gesamtsatzes werden genau gleich gesetzt, wie wenn der Einschub nicht stehen würde. Zum Beispiel:

Das Problem war – wie immer –, dass jemand den Schlüssel nicht zurückgelegt hatte.
Der Kunde, den sie schon gut kannte – ein Stammkunde sozusagen –, begann wieder einmal sich lauthals zu beschweren.
Dann behauptete er – niemand glaubte ihm –: „Ich habe die Frau noch nie gesehen.“

Als Probe kann man hier einfach den ganzen Einschub mit den Gedankenstrichen wegdenken, die Satzzeichen setzen und dann den Einschub wieder einschieben.

Wie sieht es mit den Satzzeichen des Einschubes aus? Wenn ein ganzer Satz eingeschoben wird, fährt man nach dem ersten Gedankenstrich klein weiter. Der Schlusspunkt des Einschubs entfällt:

Du darfst – so ist es nun einmal – nicht mitkommen.
Dann behauptete er – niemand glaubte ihm –, dass er die Frau nicht kenne.

Ein Fragezeichen oder Ausrufezeichen, das zum Einschub gehört, wird aber geschrieben, und zwar vor dem abschließenden Gedankenstrich:

Du darfst – leider! – nicht mitkommen.
Ich sage dir jetzt – hör mir gut zu! –, was du tun sollst.
Unser Geheimnis – du weißt doch noch welches? – bleibt unter uns.
Dann traf Julia sich mit dieser Frau – wie hieß sie auch wieder? –,  von der ich dir gestern schon erzählt habe.

Auch die Kommas innerhalb eines Einschubes müssen gesetzt werden. Ein abschließendes Komma vor dem Gedankenstrich fällt aber weg:

Viele Leute – zum Beispiel unsere Nachbarn, die Familie Müller – fahren jeden Sommer ans Meer.
Der Kunde, den sie schon gut kannte – viel besser, als ihr lieb war –, begann wieder einmal sich lauthals zu beschweren.
Du darfst – leider, leider! – nicht mitkommen.

Die Regeln zum Nachlesen finden Sie hier.

Es gäbe noch weitere Detailfragen zu klären – das erspare ich Ihnen und mir aber an dieser Stelle – und die Verteidiger und Verfechterinnen der Verwendung des Halbgeviertstrichs bitte ich, mir seine Nichterwähnung zu verzeihen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Umfahren und mit der Zeit gehen – die Betonung in der Schrift

Dass die gesprochene und die geschriebene Sprache zwei unterschiedliche Systeme sind, zeigt sich unter anderem darin, dass sich die eine nicht immer problemlos in die andere umsetzen lässt.

Frage

Wie kann man Betonung in einem normalen Text ausdrücken. Manche Sätze haben je nach Betonung eine vollkommen unterschiedliche Bedeutung. Zum Beispiel „Du sollst den Polizisten umfahren“ oder „Die Merkel geht mit der Zeit“.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

man kann die Betonung im Allgemeinen nicht in der Schrift angeben. Wenn ein Satz je nach Betonung unterschiedlich verstanden werden kann, muss sich in der Schrift aus dem weiteren Zusammenhang ergeben, welche Bedeutung gemeint ist.

Mit Smartphone und Tablet ist sie vertraut. Frau Merkel geht mit der Zeit.
Niemand bleibt für immer. Wie alle vor ihr geht auch Frau Merkel mit der Zeit.

Wenn der Satz auch im weiteren Zusammenhang missverständlich ist, sollte man umformulieren. Zum Beispiel:

Frau Merkel ist auf der Höhe der Zeit.
Frau Merkel geht im Laufe der Zeit.

Ganz ohne Hilfsmittel müssen wir hier aber auch in der geschriebenen Sprache nicht auskommen. Bei der Strukturierung von Sätzen übernimmt die Zeichensetzung bis zu einem gewissen Grad die Rolle der Betonung. Auch bei der Klärung von eventuell Missverständlichem kann sie nützlich sein. Mit dem Fragezeichen und dem Ausrufezeichen kann man zum Beispiel angeben, dass eine Äußerung als Frage beziehungsweise als Ausruf oder Befehl betont werden soll:

Du kommst auch mit. Natürlich nur, wenn du willst.
Du kommst auch mit? Das wusste ich gar nicht.
Du kommst auch mit! Keine Wiederrede Widerrede!

Dort, wo in der gesprochenen Sprache eine Pause Bedeutungsunterschiede angibt, kann oder muss in der geschriebenen Sprache oft ein klärendes Komma gesetzt werden:

Das ärgerte ihn so, dass er nicht mehr mitmachen wollte.
Das ärgerte ihn, so dass (o. sodass) er nicht mehr mitmachen wollte.

Sie empfahl ihrer Freundin, nichts zu erzählen.
Sie empfahl, ihrer Freundin nichts zu erzählen.

Im letzten Beispiel sagt das Komma viel über die Nettigkeit der einen Leute aus:

mit anderen netten Leuten
mit anderen, netten Leuten

Oft hilft hier der Kontext, in gewissen Fällen auch die Zeichensetzung. Manchmal muss man aber in der Schrift ein bisschen umformulieren. Und wenn es darum geht, ob Polizisten umfahren oder umgefahren werden sollen, ist es ohnehin empfehlenswert, sich sehr unmissverständlich auszudrücken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie wenn, als wenn, als ob

Fragen entstehen dort, wo Unsicherheit herrscht. Unsicherheit herrscht oft dort, wo mehrere Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Deshalb steht in den Antworten hier oft, dass sowohl die eine als auch die andere Formulierung möglich und richtig ist (oder eben auch: richtig sind). Eher selten sind die Fälle, in denen es so viele Möglichkeiten gibt wie beim heutigen Thema:

Frage

Ich lese oft die Formulierung „wie wenn“ oder gar „als wie wenn“. Ich bin mir sicher gelernt zu haben, dass das falsch ist und zum Beispiel „als ob“ eingesetzt werden muss. Nun habe ich sogar auf Deutschlandradio die Formulierung „wie wenn“ gehört. Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

es ist mir nicht bekannt, dass man wie wenn nicht verwenden sollte, wenn man es durch als ob ersetzen kann. Beide Nebensatzeinleitungen sind auch standardsprachlich korrekt. Weiter kann man auch als wenn oder nur als (direkt gefolgt vom gebeugten Verb) verwenden. Ganz alles ist aber doch nicht erlaubt: Kombinierte Formen wie als wie wenn oder wie wenn als ob werden standardsprachlich höchstens bewusst scherzhaft verwendet.

Hier dann endlich ein paar Beispiele:

Sie fühlte sich, wie wenn sie seit Tagen nicht geschlafen hätte.
Sie fühlte sich, als wenn sie seit Tagen nicht geschlafen hätte.
Sie fühlte sich, als ob sie seit Tagen nicht geschlafen hätte.
Sie fühlte sich, als hätte sie seit Tagen nicht geschlafen.

Er tut so, wie wenn er uns nicht kennen würde.
Er tut so, als wenn er uns nicht kennen würde.
Er tut so, als ob er er uns nicht kennen würde.
Er tut so, als würde uns nicht kennen.

Und um es noch „schlimmer“ zu machen: In den Beispielsätzen habe ich überall den Konjunktiv II verwendet. In dieser Art von Sätzen, den sogenannten irrealen Vergleichssätzen, ist er auch die am meisten verwendete Form. Es ist aber auch möglich, hier den Konjunktiv I zu verwenden:

Sie fühlte sich, wie wenn / als wenn / als ob sie seit Tagen nicht geschlafen habe.
Sie fühlte sich, als habe sie seit Tagen nicht geschlafen.

Er tut so, wie wenn / als wenn / als ob er uns nicht kenne.
Er tut so, als kenne er uns nicht.

Manchmal steht vor allem in der gesprochenen Sprache sogar der Indikativ. Für mich klingt dies vor allem mit als ob vertretbar, wenn das im Nebensatz Ausgedrückte sehr wahrscheinlich zutrifft:

Es sieht so aus, als ob alles wieder funktioniert.
Es klingt, als ob du beleidigt bist.

Der Indikativ ist übrigens nicht möglich, wenn der Nebensatz nur mit als eingeleitet wird. Diese Einschränkung hat zur Folge, dass die Gesamtzahl der theoretisch möglichen Formulierungen eines irrealen Vergleichssatzes doch nicht ganz ein volles Dutzend ist!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Deutsch und wie andere es nennen

Frage

Zum Wochenende eine Frage aus meinem Bekanntenkreis: Welche Bezeichnungen gibt es in anderen Sprachen für deutsch?

Antwort

Die Bezeichnungen für deutsch lassen sich in verschiedene Gruppen einteilen. Beginnen wir einmal ganz unbescheiden mit unserem eigenen Wort. Das Adjektiv deutsch geht auf das althochdeutsche Wort thiutisk, diutisk zurück. Es war eine Ableitung von thiota, diot = Volk und bedeutete zum Volk gehörend. (Die mittelhochdeutsche Form diet interessiert wahrscheinlich vor allem Leute mit dem Namen Dietrich, Dieter, Dietmar oder Dietwald. In ihrem Namen begegnet man noch heute dem alten Wort für Volk.)

Die Bezeichnung deutsch findet sich – als Geschwister mit gemeinsamem Vorfahren oder als übernommenes Wort –  auch in anderen Sprachen. Zum Beispiel:

niederländisch: Duits
friesisch: Dútsk
dänisch/norwegisch/schwedisch: tysk
isländisch: þýskur
italienisch tedesco

Auch die Engländer haben im Laufe der Wortgeschichte einen Vorläufer von deutsch übernommen: Dutch – dies jedoch zur Bezeichnung des Niederländischen. Das führt, wie vor allem Holländer auf Reisen bestätigen können, immer wieder zu Missverständnissen und Verwechslungen zwischen deutsch und Dutch.

Das Wort deutsch geht also nicht, wie viele glauben, auf die Teutonen zurück. Auch wenn die Wortschöpfung Teutonengrill (ein von vielen Deutschen besuchter Urlaubsstrand) sehr treffend klingt, ist sie es rein wortgeschichtlich nicht.

Andere Sprachen greifen auf die Bezeichnung für die Germanen zurück, um deutsch zu sagen. Zum Beispiel:

englisch: German
bulgarisch: germanski (германски; in Bezug auf Deutschland)
neugriechisch: Jermaniká (Γερμανικά)
neuhebräisch: germaní (גרמני)

Das ist insofern nicht ganz ehrlich, als natürlich nicht alle Nachkommen der Germanen Deutsch sprechen. Man könnte es somit als ausgleichende Gerechtigkeit verstehen, dass andere Sprachen für deutsch eine Bezeichnung verwenden, die nur für die Vorfahren eines Teils der heute Deutschsprechenden zutrifft. Bekannt ist das französische allemand, das sich eigentlich nur auf die germanische Bevölkerungsgruppe der Alemannen bezieht:

französisch: allemand
spanisch: alemán
portugiesisch: alemão
türkisch: Alman
arabisch: almāniyy (الألمانية)

Und in einem Teil der nordöstlichen Ecke Europas ist deutsch sozusagen sächsisch:

finnisch: Saksa
estnisch: saksa

Man hatte es dort im Laufe der Geschichte wohl vor allem mit sächsischen Vertretern des Deutschen zu tun.

Eine große Gruppe fehlt nun noch: In den slawischen Sprachen geht die Bezeichnung für deutsch auf ein Wort zurück, das Fremder bedeutete. Es bezeichnet zuerst alle Fremdsprachigen, die man nicht verstand, und wurde später spezifisch für die Deutschsprachigen verwendet. Zum Beispiel:

bulgarisch: nemski (немски; in Bezug auf die deutsche Sprache)
polnisch: niemiecki
russisch: njemjezki (немецкий)
tschechisch: německý

Es gibt also recht unterschiedliche Bezeichnungen für deutsch. Ihre Ursprünge gehen von der althochdeutschen Zugehörigkeit zum Volk (deutsch) über die Germanen (German) oder einen Teil von ihnen (allemand, saksa) bis hin zu den Fremden, die man nicht versteht (niemiecki).

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Direkte Rede innerhalb der indirekten Rede

Frage

Wenn ich den Satz:

An einer Mauer liest man: ,,Geld macht böse”.

in die indirekte Rede setzen muss, würde dieser dann wie folgt lauten?

 Sie haben gesagt, an einer Mauer läse man: „Geld mache böse.“

Liege ich richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

es geht hier um ein Zitat innerhalb einer indirekten Rede. Der Ausgangssatz enthält ein Zitat in direkter Rede, nämlich einen Spruch an einer Mauer:

An einer Mauer liest man: ,,Geld macht böse.“

Wenn Sie diesen ganzen Satz in indirekte Rede umwandeln, haben Sie zwei Möglichkeiten. Sie können den Spruch in der direkten Rede lassen:

Sie haben gesagt, an einer Mauer lese man: „Geld macht böse.“

Sie können den Spruch aber ebenfalls in die indirekte Rede umwandeln. Anführungszeichen werden dann nicht gesetzt:

Sie haben gesagt, dass man an einer Mauer lese, Geld mache böse.

Weitere Beispiele:

Sie sagten, an der Mauer stehe: „Manches ist zu schön, um wahr zu sein.“
Sie sagten, an der Mauer stehe, manches sei zu schön, um wahr zu sein.

Er erzählte, er habe gelesen: „Wer nicht genießt, wird ungenießbar.“
Er erzählte, er habe gelesen, wer nicht genieße, werde ungenießbar.

Sie lachte, sie habe irgendwo gelesen: „Der Kreis ist eine geometrische Figur, bei der an allen Ecken gespart wurde.“
Sie lachte, sie habe irgendwo gelesen, der Kreis sei eine geometrische Figur, bei der an allen Ecken gespart worden sei.

Wie die Beispiele zeigen, kann von indirekter Rede abhängige Rede sowohl direkt als auch indirekt wiedergegeben werden.

Die Beispiele zeigen weiter, dass der indirekten Rede gewisse Grenzen gesetzt sind. Prägnante Sprüche sollten nämlich besser in direkter Rede belassen werden, weil sie in der indirekten Rede vieles an Deutlichkeit, Witz und Prägnanz verlieren. Dies gilt noch mehr, wenn kompliziertere Konjunktivkonstruktionen das Verständnis erschweren, wie der Spruch im Original genau lautet. Zum Beispiel:

Ich habe gelesen, manche würden sogar gegen Mauern anrennen, wo gar keine seien.
Auf der Mauer stand, alle wollten zurück zur Natur, aber keiner zu Fuß.

Viel deutlicher ist es, wenn man den Spruch im Original belässt:

Ich habe gelesen: „Manche rennen sogar gegen Mauern an, wo gar keine sind.“
Auf der Mauer stand: „Alle wollen zurück zur Natur, aber keiner zu Fuß.“

Dies gilt erst recht, wenn ein solcher Spruch in der ersten oder zweiten Person verfasst ist. Da man den Urheber oder die Urheberin in der Regel nicht kennt, ist es kaum oder nicht möglich, die indirekte Rede zu verwenden:

Wir sind zu allem fähig, aber zu nichts zu gebrauchen

Währen man beim diesem Spruch notfalls noch das sie der dritten Person Plural verwenden kann (Dort stand, sie seien zu allem fähig …), lassen sich ein ich und ein du eines Graffiti-Spruchs nicht in die indirekte Rede umwandeln.

Ohne mich kann ich nicht leben
So blöd wie du bin ich schon lange
STEFFI, ICH LIEBE DICH

Versuchen Sie gar nicht erst, diese Sprüche in indirekter Rede wiederzugeben!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

 

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Anglizismus des Jahres 2014

Über Wörterwahlen zu berichten überlasse ich normalerweise anderen. Wer sich dafür interessiert, findet zum Beispiel in der guten alten Wikipedia Übersichten der jeweiligen Wörter und Unwörter des Jahres in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein.

Anglizismus2104

(Wörterwolke von Anglizismus des Jahres)

Wie jedes Jahr sei hier aber trotzdem auf den Anglizismus des Jahres hingewiesen, der traditionell den Wörterwahlreigen abschließt. Gewonnen hat den Titel „Anglizismus des Jahres 2014“:

Blackfacing

Mehr dazu lesen Sie auf der Website Anglizismus des Jahres und im Sprachlog.

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Gemüseextrakt und Sojaeiweiß

Frage

Heißt es korrekt: „Gemüseextrakt“, „Gemüse-Extrakt“ oder „Gemüse Extrakt“? Dasselbe gilt für „Sojaeiweiß“, „Soja-Eiweiß“ oder „Soja-Eiweiß“. Wie schreibt man solche Wörter auf korrekte Art und Weise?

Antwort

Guten Tag D.,

richtig ist hier die Zusammenschreibung:

Gemüseextrakt
Sojaeiweiß

Ebenso zum Beispiel:

Gemüseauflauf, Gemüseeintopf, Gemüseernte
Sojaanbau, Sojaöl, Sojaerzeugnis,

Die Schreibung mit einem „verdeutlichenden“ Bindestrich (Gemüse-Extrakt, Soja-Eiweiß) ist im Prinzip bei allen Zusammensetzungen möglich, grundsätzlich wird aber zusammengeschrieben. (Die Getrenntschreibung Gemüse Extrakt und Soja Eiweiß ist falsch.) Das gilt auch für Fälle wie die oben stehenden, in denen an der Wortfuge ein paar Vokale aufeinandertreffen. Die Rechtschreibregelung § 45.4 erwähnt hier nur diese „berühmte“ Ausnahme: Wenn drei gleiche Buchstaben aufeinandertreffen, kann ein Bindestrich gesetzt werden (siehe auch hier):

Kaffeeernte o. Kaffee-Ernte
Seeelefant o. See-Elefant
Hawaiiinseln o. Hawaii-Inseln (vgl. auch hier)

Jeder hat so seine Marotten. Auf dem Gebiet der Rechtschreibung (anderswo habe ich natürlich keinerlei Marotten) ist dies bei mir der „verdeutlichende“ Bindestrich oder besser mein Widerstand gegen seine allzu häufige Verwendung. Meine Grundeinstellung lässt sich so zusammenfassen: Man kann der durchschnittlichen Leserschaft viel längere Wörter zumuten, als häufig angenommen wird, und viele Bindestriche verderben das Schriftbild. Ich empfehle deshalb auch bei drei aufeinanderfolgenden Buchstaben die Zusammenschreibung. Auch Wörter wie die folgenden fließen mir nie (na ja, fast nie) mit Bindestrich aus der Tastatur:

Maiausgabe, Gartenbauausstellung, blauäugig, Blaueisenerz, Polizeiauto, Parteieintritt, zweiäugig, Neuauflage, Neueinwanderer, Neueinwanderin, Treueeid, Energieaufwand, Energieeinsparung

Und weil man nie nie sagen soll, muss ich ein bisschen relativieren: Auch ich verwende gelegentlich verdeutlichende Bindestriche. Stilistisch viel schöner finde ich aber meist die Vermeidung von Wortungetümen, die wirklich einen verdeutlichenden Bindestrich nötig haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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