Vom tz und vom ck

Frage

Die Buchstabenverbindungen ck respektive tz werden wie Doppelkonsonanten behandelt. Sie gelten als Kürzezeichen und stehen darum nach kurzen Vokalen. In der Fachliteratur steht oft als Begründung, weshalb ck resp. tz geschrieben wird, dies sei historisch begründet. Was für historische Gründe sind das?

Antwort

Liebe Familie S.,

die Schreibungen tz und ck haben eine unterschiedliche Herkunft. Fangen wir mit dem tz an:

Das z steht nicht für einen Laut, sondern für zwei Laute, nämlich t und s. Viele (also nicht alle) z sind sprachgeschichtlich aus einem t entstanden. Man sieht dies heute am besten an Wörtern aus dem Niederländischen, Schwedischen und Englischen, in denen das t ein t geblieben ist. Zum Beispiel:

Hitze: hitte, hetta, heat
schwitzen: zweten, svettas, sweat
Münze: munt, mynt, u.a. mint
zwölf: twaalf, tolv, twelve

Auch aus heutiger Sicht ist die Schreibung tz nach einem kurzen Vokal noch relativ gut zu erklären. Wenn man ein Wort mit tz im Wortinneren trennt, spricht man nicht zwei z (ts-ts), sondern ein t und ein z (o. evtl. ein t und ein s):

Hit – ze, schwit – zen, Fet – zen, put – zen

Die Schreibung tz statt zz erklärt sich also sowohl aus historischer Sicht (z ist aus t entstanden), als auch aus lautlicher Sicht (z steht für ts; bei Worttrennung spricht man t-z nicht ts-ts).

Beim ck ist es einfacher, aber vielleicht weniger überzeugend: Die Buchstaben c und k standen und stehen oft für denselben Laut (früher zum Beispiel Camerad, Canal, Concert und Creatur neben Kamerad, Kanal, Konzert und Kreatur). Bei der Verdoppelung nahm man nicht „unschön“ zweimal den gleichen Buchstaben kk, sondern die „schönere“ Verbindung von zwei verschiedenen Buchstaben mit dem gleichen Wert ck. Diese Schreibtradition, ck statt kk, hat sich bis in die heutige Schrift gehalten.

Das ist natürlich nicht die ganze Geschichte, aber als kurze Erklärung von einem Nicht-„Schriftgelehrten“ dürfte es hoffentlich ausreichend sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn ja und nein unklar werden: „halbverneinte“ Fragen

Frage

Lautet die Antwort auf die folgende Frage „Ja“ oder „Nein“?

– Heißt das, er wurde nicht entlassen?
– Ja. (Ja, das heißt es.)
– Nein. (Nein, er wurde nicht entlassen.)

Antwort

Guten Tag H.,

es ist besser, diese positiv eingeleitete Frage (heißt das?) mit verneintem Inhalt (er wurde nicht entlassen) nicht einfach mit Ja oder Nein zu beantworten. Logisch Veranlagte können Ihnen sicher erklären, warum die eine oder die andere Antwort eindeutig ist, doch für die Normalsterblichen ist nicht immer klar, was mit der einfachen Antwort Ja oder Nein gemeint ist. Man kann ja nicht immer davon ausgehen, dass sowohl die fragende als auch die antwortende Person die Regeln der Logik so gut beherrschen. Und daran, was richtig wäre, hat man nicht viel, wenn man sicher sein will.

Hier ein paar Beispiele, wie eine Antwort verstanden werden kann:

– Heißt das, er wurde nicht entlassen?
– Ja.
= Ja, das heißt, er wurde nicht entlassen.

Eine andere relativ eindeutige Antwort ist „doch“:

– Heißt das, er wurde nicht entlassen?
– Doch.
= Doch, er wurde entlassen.

Bis hierher gibt es nicht viel Zweideutiges zu verzeichnen. Schwieriger wird es bei dieser Antwort:

– Heißt das, er wurde nicht entlassen?
– Nein
= Nein, das heißt, er wurde entlassen.
= Nein, er wurde nicht entlassen.

Wird mit Nein geantwortet, kann man nicht sicher sein, ob diese Antwort den einleitenden Teil Heißt das? negiert oder den eigentlichen Inhalt der Frage er wurde nicht entlassen.

Beide Antwortvorschläge, die Sie in Ihrer Frage machen, sind also möglich:

– Heißt das, er wurde nicht entlassen?
– Ja = Ja, das heißt es.
– Nein = Nein, er wurde nicht entlassen.

Dummerweise kann Nein aber auch bedeuten, dass er sehr wohl entlassen wurde (s. o.).

Die Antworten ja und doch sind hier ziemlich eindeutig. Man muss aber als normalbegabtes Mitglied der Sprachgemeinschaft doch kurz nachdenken, bis man das auch so interpretiert. Bei der Antwort nein ist meiner Meinung ganz einfach unklar, was ausgesagt werden soll. Es ist deshalb zu empfehlen, keine solchen „halbverneinten“ und allgemein keine verneinten Fragen zu stellen, wenn es um etwas Wichtiges geht. Und wenn jemand Ihnen doch eine Frage mit Verneinung stellt, ist es meistens besser, nicht nur mit Ja oder Nein zu antworten (siehe auch hier).

Oder finden Sie, dass ich nicht recht habe?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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In den „Buddenbrooks“, in der „Verwandlung“ und im „Steppenwolf“

Frage

Meine Schüler haben mich gefragt, wie man mit Titeln umgeht, und zwar:

Das Ende des Fausts, des Faust, des „Faust“ oder von Faust?
In „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ oder in den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“?
In „Die Buddenbrooks“ oder in den „Buddenbrooks“?
In „Die Verwandlung“ oder in der „Verwandlung“?
usw.

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

Werktitel sind im Deutschen nicht „unantastbar“. Im Prinzip werden sie innerhalb eines durchlaufenden Textes gleich behandelt wie „normale“ Wortgruppen:

das Ende von „Faust“
in den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“
aus den „Buddenbrooks“
in der „Verwandlung“
in Kafkas „Verwandlung“
der Autor des „Steppenwolfs“
mit der „Unendlichen Geschichte“ von Michael Ende
mit Michael Endes „Unendlicher Geschichte“

Sieh auch hier.

Häufig kommt heute aber auch die unveränderte Übernahme des Titels vor. Dann sollte man unbedingt Anführungszeichen (oder Kursivdruck) verwenden:

in „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“
aus „Die Buddenbrooks“
in „Die Verwandlung“
in Kafkas „Die Verwandlung“
der Autor von „Der Steppenwolf“
mit „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende
mit Michael Endes „Die Unendliche Geschichte“

Wenn man den Titel nicht verändern möchte, ist es allerdings stilistisch häufig besser, zum Beispiel die Art des Werkes einzufügen:

im Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“
aus Manns Werk „Die Buddenbrooks“
in der Erzählung „Die Verwandlung“
der Autor des Romans „Der Steppenwolf“
mit Michael Endes Jugendbuch „Die unendliche Geschichte“

Es gibt hier also wieder einmal mehr als eine Möglichkeit. Anders als viele meinen, darf und sollte man Werktitel u. Ä. in einem Text so abändern, dass sie in die Struktur des Satzes passen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Gier, Begierde, Neugier

Frage

Immer wieder stolpere ich über das „de“ bei Neugierde und Begierde. Während Begier meines Erachtens deutlich seltener verwendet wird als Begierde, sind Neugier und Neugierde vielleicht gleich häufig. Aber eine Gierde gibt es doch gar nicht? Wo kommt denn da das „de“ her?

Antwort

Sehr geehrter Herr N.,

ähnliche Wörter beeinflussen einander häufiger im Laufe der Wortgeschichte, auch wenn ihr Entstehungsgeschichte nicht ganz gleich ist. In diesem Fall haben wir es mit drei Wörtern zu tun, deren Geschichte unterschiedlicher ist, als man auf den ersten Blick annehmen würde.

Das Wort Gier ist eine althochdeutsche Ableitung des Adjektivs gir, ger = begierig. Dieses Adjektiv wiederum wurde später durch die Ableitung gierig abgelöst.

Das Wort Begierde ist keine direkte Ableitung von Gier, sondern eine Ableitung vom mittelhochdeutschen Verb begirn = begehren. Mit dem alten Ableitungssuffix ‑ida, später zu ‑de reduziert, wurden auch andere Wörter gebildet. Heute noch kennen wir neben Begierde zum Beispiel Gebärde, Freude, Beschwerde, Behörde, Zierde. Die suffixlose Form Begier ist dann durch Analogie mit Gier entstanden.

Das Wort Neugier hat eine andere Entstehungsgeschichte: Es ist eine Rückbildung von neugierig. Mit „Rückbildung“ ist Folgendes gemeint: Zuerst entstand das Adjektiv neugierig (16. Jh.). Später bildet man dann ein dazugehörendes Substantiv, von dem dieses Adjektiv hätte abgeleitet sein können: Neugier (17. Jh.). Die Variante Neugierde lässt sich schließlich durch Analogie mit Begierde erklären.

Gier, Begierde, Neugier – drei Wörter mit ähnlicher Form und unterschiedlicher Entstehungsgeschichte, die sich im Lauf der Zeit gegenseitig beeinflusst haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Quellen u. a.:
– Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, De Gruyter, 2002.
– Das Herkunftswörterbuch, Dudenverlag 2007.
DWDS, Etymologisches Wörterbuch nach Pfeifer.

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Blühende Rosen und die Rechtschreibung

Gartentechnisch ist es noch ein bisschen zu früh, denn blühende Rosen dürften hierzulande noch eine große Ausnahme sein, doch orthografisch ist diese Frage ein Dauerbrenner: Getrennt- und Zusammenschreibung bei Partizipien. Diesmal anhand eines blumigen Beispiels:

Frage

Würden Sie mir beipflichten: „früh blühende Rosen“ contra „einmalblühende Rosen“ – einmal getrennt, ein andermal zusammen?

Antwort

Sehrt geehrter Herr L.,

um es gleich vorwegzunehmen: In beiden Fällen sind beide Schreibungen möglich:

früh blühende Rosen / frühblühende Rosen
einmal blühende Rosen / einmalblühende Rosen

Siehe hier.

Spielt dabei eine Rolle, ob die Rose „zufällig“ früh blüht oder einmal blüht oder ob sie zu einer Sorte gehört, die früh blüht resp. nur einmal im Jahr blüht? Diese Unterscheidung wurde früher strenger eingehalten. Das Standardbeispiel ist das folgende: Nach der alten Rechtschreibung waren Fleisch fressende Tiere nur dann Fleisch fressend, wenn sie gerade dabei waren, Fleisch zu fressen. Die fleischfressenden Tiere hingegen waren auch dann fleischfressend, wenn sie jagten, faul herumlagen oder anderweitig beschäftigt waren. Diese Unterscheidung wird tendenziell auch heute noch eingehalten, sie ist aber nicht mehr obligatorisch.

Tendenziell bezeichnen also frühblühende Rosen und einmalblühende Rosen eine Rosensorte, die relativ früh im Jahr oder nur einmal im Jahr blüht. Es spricht aber nach der aktuellen Rechtschreibregelung nichts dagegen, früh blühende Sorten und einmal blühende Sorten zu schreiben. Es empfiehlt sich nur, innerhalb eines Textes oder einer Textreihe möglichst konsequent dieselbe Schreibung zu verwenden. Frühblühend oder früh blühend, einmalblühend oder einmal blühend; Hauptsache, sie blühen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das »Rien ne va plus« des Croupiers und der Großbuchstabe

Frage

In einem Roman, den ich gerade lese, kam folgende Passage vor:

Nach dem „rien ne va plus“ des Croupiers wurde es still.

Müsste hier „rien“ nicht großgeschrieben werden, da es sich doch eigentlich um einen Ganzsatz handelt? Duden verzeichnet “rien ne va plus” genau so.1 Können Sie mir weiterhelfen?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

auch ich halte hier die Großschreibung für richtig:

Nach dem „Rien ne va plus“ des Croupiers wurde es still.

Oder mit einem Ausrufezeichen, das die Bestimmtheit akzentuiert, mit der die Aussage wahrscheinlich getätigt wird:

Nach dem „Rien ne va plus!“ des Croupiers wurde es still.

Die Begründung geben Sie bereits in Ihrer Frage. Es handelt sich bei „Rien ne va plus“, also „Nichts geht mehr“, um einen Ganzsatz und ganze Sätze beginnen mit einem Großbuchstaben, auch wenn sie wie hier in einen anderen Satz eingebettet sind (vgl. § 94.2 der amtl. Rechtschreibregelung).

Weitere Beispiele:

Die Bürokratie nimmt durch die Einstellung „Wir vertrauen niemandem“, die in vielen Amtsstuben herrscht, immer groteskere Formen an.
Ein einfaches „Geht es dir gut?“ hätte genügt.
Das ständig laut schreiend wiederholte „Ich will ein Eis!“ des kleinen Jungen ging mir langsam auf die Nerven.2

Das „Rien ne va plus“ des Croupiers sollte also in Ihrem Roman korrekt mit einem großen Anfangsbuchstaben „erklingen“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 In den Duden-Werken werden Beispiele meist mit kleinem Anfangsbuchstaben geschrieben, auch wenn es sich um Ganzsätze handelt. So findet man zum Beispiel in „Duden, Universalwörterbuch“, 7. Auflage, 2011, unter dem Stichwort etwas u. a. die folgenden Beispiele:

– da klappert doch e.
– hat er e. gesagt?
– e. muss geschehen

Das erklärt auch die Kleinschreibung „rien ne va plus“, die Sie zitieren.

2 Der kleine Junge (weder verwandt noch bekannt, sondern an einem Nebentisch) nervte tatsächlich, als wir letzten Sonntag die nachmittägliche Fahrradtour für eine wohlverdiente Pause unterbrachen. Dies nur als Hinweis, dass manche Beispiele tatsächlich aus dem Leben gegriffen sind.

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Kennen, kennen lernen und die Verbzeiten

Frage

Ich bitte um Hilfe bei folgender Formulierung:

Nach ihrem Eintritt ins Kloster gratulierte Marius ihr zu ihrem kühnen Entschluss.
Er hatte sie von gemeinsamer Zeit am Gymnasium gekannt.

Oder heißt es:

Er kannte sie von gemeinsamer Zeit am Gymnasium.

Grammatisch dürfte Plusquamperfekt richtig sein, es kommt mir hier aber sehr sperrig vor

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

mit dem Plusquamperfekt wird Vorzeitigkeit in Bezug auf etwas Vergangenes ausgedrückt. Ob es in Ihrem Satz die richtige Wahl ist, hängt also davon ab, ob wir es mit Vorzeitigkeit zu tun haben. Das ist nicht der Fall. Deshalb steht hier besser die einfache Vergangenheitsform:

Er kannte sie von gemeinsamer Zeit am Gymnasium.

Zum Zeitpunkt des Gratulierens kennt er sie ja immer noch und zwar immer noch von der Zeit am Gymnasium. Es gibt also keinen Grund, Vorzeitigkeit durch das Plusquamperfekt auszudrücken.

Anders sieht es aus, wenn man kennen lernen statt kennen verwendet. Der Zeitpunkt des Kennenlernens ist vor dem Zeitpunkt des Gratulierens. Die Verwendung des Plusquamperfekts ist dann also gerechtfertigt:

Er hatte sie am Gymnasium kennen gelernt.

Der Unterschied zwischen dem zeitlich begrenzten kennen lernen und dem andauernden kennen kann also manchmal einen Einfluss auf die Wahl der Zeitform haben. Das ist nicht gerade eine sensationelle grammatische Entdeckung. Interessant finde ich aber im Zusammenhang mit kennen, kennen lernen und den Verbzeiten immer wieder den Vergleich mit Sprachen wie dem Französischen und dem Italienischen.

In den romanischen Sprachen geben die Verbzeiten der Vergangenheit anders als im Deutschen an, ob eine Handlung oder ein Zustand zeitlich begrenzt oder andauernd ist. Das hat zur Folge, dass zum Beispiel im Französischen und Italienischen meist ein und dasselbe Verb für kennen und kennen lernen verwendet wird, nämlich connaître/conoscere. Was wir vor allem mit der Wortwahl ausdrücken müssen

kennen vs kennen lernen
a) Ich kannte sie nicht.
b) Ich lernte sie erst später kennen.

wird in diesen Sprachen meist rein grammatisch durch die Verbzeiten ausgedrückt:

imparfait vs passé composé
a) Je ne la connaissais pas.
b) Je l’ai connue seulement plus tard.

imperfetto vs perfetto
a) Non la conoscevo.
b) L’ho conosciuta solo più tardi.

Natürlich ist alles etwas komplexer. So gibt es im Französischen und Italienischen auch Wendungen für das zeitlich begrenzte kennen lernen (faire la connaissance de resp. fare la conoscenza di), dies unter anderem für den Fall, dass die Verbzeiten und/oder der Kontext nicht deutlich genug angeben, was genau gemeint ist. Interessant bleibt aber für mich immer wieder, wie verschiedene Sprachen ganz unterschiedliche Mittel einsetzen können, um dasselbe auszudrücken. Dank der klaren Funktion der Verbzeiten können das Französische und das Italienische hier mit einem Verb ausdrücken, wofür wir zwei verbale Ausdrücke brauchen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Mittel und Ursache: dadurch, dass

Frage

Was ist der Unterschied zwischen einem Nebensatz mit „indem“ und einem mit „dadurch, dass“? Meistens scheinen beide Konnektoren zu funktionieren. Manchmal aber klingt der Satz beim Austauschen komisch und es ist mir nicht klar warum.

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

Austauschbarkeit ist sehr oft nicht „total“, weil sich die Bedeutung und Verwendung von zwei Wörtern, Begriffen oder Wendungen nur ganz selten genau decken. Es ist also nicht erstaunlich, dass Sie den Austausch von indem und dadurch, dass manchmal seltsam finden. Da Sie keine Beispiele angeben, muss ich allerdings raten, wann dies genau der Fall ist.

Es geht wahrscheinlich um den Unterschied zwischen einer bewusst und gezielt eingesetzten Handlung als Mittel und einer (externen) Ursache.

Mittel: Wenn im Nebensatz eine bewusste Handlung als Mittel ausgedrückt wird, kann sowohl dadurch, dass als auch indem stehen:

Man kann dadurch Geld sparen, dass man die Preise vergleicht.
Man kann Geld sparen, indem man die Preise vergleicht.

Preise vergleichen = Mittel

Ursache: Wenn im Nebensatz eine Ursache angegeben wird, kann ebenfalls dadurch, dass stehen. Dieses dadurch, dass kann aber nicht durch indem ersetzt werden. Dafür ist der Austauch durch weil möglich:

Sie haben dadurch Geld gespart, dass der Benzinpreis plötzlich sank.
nicht: Sie haben Geld gespart, *indem der Benzinpreis plötzlich sank.
sondern: Sie haben Geld gespart, weil der Benzinpreis plötzlich sank.

Sinken des Benzinpreises = Ursache

Man kann also dadurch, dass nicht immer durch indem ersetzen, weil dadurch, dass zwei unterschiedliche Bedeutungskomponenten hat: Mittel und Ursache. Im einen Fall lässt es sich durch indem ersetzen, im anderen durch weil. Hier noch ein paar ganz bescheidene Bespielsätze:

Dr. Bopp versucht Sprachinteressierten dadurch zu helfen, dass er Fragen zu Zweifelsfällen beantwortet.
Dr. Bopp versucht Sprachinteressierten zu helfen, indem er Fragen zu Zweifelsfällen beantwortet.

Man kann hier dadurch viel lernen, dass alles so deutlich erklärt wird.
Man kann hier viel lernen, weil alles so deutlich erklärt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Vergönnen war nicht immer gleich vergönnen

Frage

In der NZZ (und in andern Zeitungen) stand zu lesen:

Im Gegensatz zu B. blieb K. und M. in den Finals über 60 Meter der Sprung aufs Podest vergönnt.

Im Walliser Boten und in den Freiburger Nachrichten stand fast dieselbe Nachricht:

Im Gegensatz zu B. blieb K. und M. in den Finals über 60 m der Sprung aufs Podest nicht vergönnt.

War der Sprung nun vergönnt oder nicht vergönnt? Wer hat recht?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

wer recht hat, hängt davon ab, wer tatsächlich auf dem Podest stand und wer nicht. Wenn Sie für vergönnen die fast gleichbedeutenden Verben gewähren oder gönnen einsetzen, wird es vielleicht etwas deutlicher.

Gemäß der NZZ standen K. und M. auf dem Podest. Ihnen blieb im Gegensatz zu B. der Sprung aufs Podest gewährt, gegönnt oder eben vergönnt.

Nach den anderen beiden Zeitungen hingegen stand B. auf dem Podest. Den Konkurrenten K. und M. blieb der Sprung aufs Podium nicht gewährt, nicht gegönnt oder eben nicht vergönnt.

Ich vermute, dass der NZZ eine dialektale Bedeutung von vergönnen in die Tastatur gerutscht ist. In einigen Dialekten bedeutet vergönnen nämlich nicht gönnen, gewähren, sondern im Gegenteil nicht gönnen, missgönnen.

Vielleicht meinten die Autoren aber einfach fälschlich, dass vergönnen das Gegenteil von gönnen sei. Damit haben oder hätten sie nur im heutigen Deutsch falschgelegen. In früheren Zeiten konnte das ver- in vergönnen nämlich neben der heutigen Bedeutung auch eine negative Bedeutung haben: missgönnen. Als Luther in „Colloquia oder Tischreden und andere sehr erbauliche Gespräche“ unter „Sünde in den heiligen Geist“ zitierte:

Seinem Bruder Gottes Gnade vergönnen

war nicht gemein, es sei eine Sünde, seinem Bruder Gottes Gnade zu gönnen. Gemeint war vielmehr, es sei sündig, seinem Mitmenschen Gottes Gnaden zu missgönnen. (Mehr zur Geschichte von vergönnen z. B. in Grimm.)

Im heutigen Deutsch hat aber außer in einigen Dialekten nur vergönnen mit einem verstärkenden ver- überlebt: gönnen, gewähren. Deshalb stehen heute diejenigen auf dem Siegerpodest, denen der Sprung darauf vergönnt war, und diejenigen daneben, denen dieser Sprung nicht vergönnt war.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Möge/möchte/solle – indirekte Bitten und Aufforderungen

Frage

Es geht um folgendes Problem: Ist es möglich, dass Wort „möchten“, wie es in „mögen sie mir bitte folgen“ gebraucht wird, in die Vergangenheit zu setzen? Oder anders ausgedrückt, ist dieser Satz richtig?

Aufgeregt stammelte er irgendetwas von Mord und Totschlag und dass die Herren ihm doch bitte folgen mochten.”

Der höfliche Aspekt des Wortes soll unbedingt erhalten bleiben.

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

die Form möchten eignet sich hier sehr gut, um eine indirekte höfliche Bitte auszudrücken:

Aufgeregt stammelt er irgendetwas von Mord und Totschlag und dass die Herren ihm doch bitte folgen möchten.

Aufgeregt stammelte er irgendetwas von Mord und Totschlag und dass die Herren ihm doch bitte folgen möchten.

Man verwendet also auch in der Vergangenheit die umgelautete Form möchten und nicht mochten, um eine indirekte Bitte auszudrücken.

Im Allgemeinen werden indirekte Bitten mit dem Konjunktiv von mögen und indirekte Aufforderungen mit dem Konjunktiv von sollen ausgedrückt.

Sie begann mit den Worten, dass ich ihre Verspätung bitte verzeihen möge/möchte, meinte dann aber gleich, dass man ihr sofort etwas zu trinken bringen solle.

Die freundlichen Worten der Kellnerin, sie möchten sich bitte noch ein wenig gedulden, beruhigten die ungeduldig werdenden Gäste nur kurz.

Der Polizist herrscht die Neugierigen an, sie sollen/sollten mindestens fünf Meter zurücktreten.

Es gibt dabei keinen Bedeutungsunterschied zwischen dem Konjunktiv I und dem Konjunktiv II. Nur die folgenden starken Tendenzen sind zu beachten: Im Plural steht meistens möchten und in der dritten Person Einzahl meistens solle. Siehe auch hier.

Man begegnet dieser Art der indirekten Bitte oder Aufforderung übrigens nicht allzu häufig, weil sie sehr oft durch eine Infintivkonstruktion ausgedrückt wird:

Sie bat mich, ihre Verspätung zu verzeihen.
Die Kellnerin bat die ungeduldig werdenden Gäste, sich noch ein wenig zu gedulden.
Der Polizist befiehlt den Neugierigen, mindestens fünf Meter zurückzutreten.

Und wenn noch etwas unklar ist, können Sie also

  • mich bitten, ich möge/möchte alles besser erklären.
  • mich auffordern, ich solle/sollte alles besser erklären.
  • mich bitten/auffordern, alles besser zu erklären.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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