Ich lasse es dich wissen und du lässt es dir schmecken

Heute wieder einmal der Beweis, dass es häufig kurze Fragen sind, die lange Antworten nach sich ziehen.

Frage

Was ist richtig? „Ich lasse es dich wissen“ oder „Ich lasse es dir wissen“? Und heißt es „Lass es dich schmecken“ oder „Lass es dir schmecken“?

Antwort

Guten Tag N.,

die kurze Antwort ist einfach: Im ersten Satz muss dich stehen, im zweiten dir:

Ich lasse es dich wissen.
Lass es dir schmecken!

Schwieriger wird es bei der Erklärung weshalb. Obwohl die Konstruktionen ganz ähnlich aussehen, steht einmal der Akkusativ und einmal der Dativ. Ich musste ehrlich gesagt ein Weilchen nachdenken, bis ich die Begründung für diesen Unterschied gesehen habe.

Es geht in beiden Sätzen um einen sogenannten Akkusativ mit Infinitiv (AcI, siehe hier). In einer solchen Konstruktion stehen zwei Verben: das Hauptverb (hier: lassen) und ein Infinitiv (hier: wissen resp. schmecken). Das Besondere daran ist, dass der vom Hauptverb abhängige Akkusativ gleichzeitig das zum Infinitiv gehörende Subjekt ist.

Ich lasse es dich wissen.

Hier ist dich ein von lassen abhängiger Akkusativ: Ich lasse dich etwas tun, nämlich es wissen. Gleichzeitig entspricht dich sinngemäß dem Subjekt der Infinitivgruppe. Vgl. Du weißt es.

Du lässt es dir schmecken.

Hier ist es der von lassen abhängige Akkusativ: Du lässt es etwas tun, nämlich dir schmecken. Gleichzeitig entspricht es sinngemäß dem Subjekt der Infinitivgruppe. Vgl. Es schmeckt dir.

Im ersten Satz ist dich vom Hauptverb lassen abhängig und es gehört zum Infinitiv wissen. Beim zweiten Satz ist es vom Hauptverb lassen abhängig und dir gehört zum Infinitiv schmecken. Die Sätze sehen sehr ähnlich aus, aber die Pronomen sind anders über die Verben verteilt. Im ersten Satz steht dich im Akkusativ, der vom Hauptverb lassen verlangt wird, im zweiten Satz steht dir im Dativ, der vom Infinitiv schmecken verlangt wird.

Etwas leichter verständlich wäre die ganze Sache wahrscheinlich dann, wenn die deutsche Wortstellung die folgende Wortfolge zuließe, die eigentlich nach der Satzstruktur zu erwarten wäre:

*Ich lasse dich es wissen.

Üblich ist hier aber die schwierig zu erklärende „verschränkte“ Wortfolge:

Ich lasse es dich wissen.

Bevor Sie nun beim Deutschlernen über solchen Konstruktionen verzweifeln, sei dies gesagt: Solche Sätze zu beherrschen lernt man kaum dadurch, dass man sich komplizierte Regeln einpaukt, sondern durch Zuhören, Lesen, Schreiben und Sprechen. Auch als muttersprachigen „Sprachler“ hat es mich einige Mühe gekostet, die unterschiedlichen Strukturen der beiden Sätze genau zu erkennen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Original Hamburger Kaufleute ohne e

Frage

Beim Schreiben bin ich heute über eine Formulierung gestolpert, bei der ich mir nicht sicher war, ob sie richtig ist. Muss es heißen:

Als original Hamburger Kaufleute legen wir Wert auf Ehrlichkeit.

oder:

Als originale Hamburger Kaufleute legen wir Wert auf Ehrlichkeit.

Grundsätzlich muss das Adjektiv „original“ ja angepasst werden […], mit „originale“ klingt der Satz aber merkwürdig schwerfällig, sodass ich mich frage, ob man das Wort „original“ ohne „e“ nicht ebenso gut verwenden kann.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

die Formulierung ist auch mit einem ungebeugten original korrekt. Einige ungebeugte Adjektive können wie Adverbien andere Adjektiv näher bestimmen (vgl. hier). Dazu gehören Adjektive wie echt, klassisch, typisch und original, die häufig vor geografischen Andeutungen stehen:

die echt britische Lebensart
in klassisch italienischem Stil
original spanische Tapas

Sie können auch vor unveränderlichen geografischen Adjektiven auf er stehen. Das ergibt dann zwar gleich zwei endungslose Adjektive hintereinander, ist aber möglich:

typisch Berliner Altbauten
ein Stück echt Elsässer Gugelhupf
eine rein Wiener Angelegenheit

und ebenso:

original Hamburger Kaufleute

Grammatisch gesehen bestimmt original hier also nicht Kaufleute, sondern das Adjektiv Hamburger näher. Grammatische Struktur hin oder her: Auf dass die original Hamburger Ehrlichkeit noch lange bestehen bleibe!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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In oder im Camp Green Lake

Frage

Heißt es „Interview in Camp Green Lake“ oder „Interview im Camp Green Lake“?

Antwort

Sehr geehrte Frau V.,

ob es in oder im heißt, hängt davon ab, ob Sie Camp Green Lake als Ganzes als Ortsnamen ohne Artikel verwenden (wie zum Beispiel Camp David, den Namen des Landsitzes des amerikanischen Präsidenten) oder ob Sie es als ein Camp mit dem Namen Green Lake sehen und mit Artikel verwenden.

Ohne Artikel:

Camp Green Lake liegt in der Wüste
Die Leitung von Camp Green Lake
Wir fahren nach Camp Green Lake
Interview in Camp Green Lake

Mit Artikel:

Das Camp Green Lake liegt in der Wüste
Die Leitung des Camps Green Lake
Wir fahren ins Camp Green Lake
Interview im Camp Green Lake

Das Erziehungscamp mitten in der Wüste, das aus der Feder des Autors Louis Sachar stammt, ist ein Camp und als Ganzes ein Ort. Deshalb sind beide Sichtweisen möglich und kommen auch beide Formulierungen vor. (Auch im Englischen scheint beides vorzukommen: at Camp Green Lake und at the Camp Green Lake.) Die Wahl liegt also bei Ihnen, ob das Interview in oder im Camp Green Lake stattgefunden hat. Nach dem Titel des Buches (Löcher. Das Geheimnis von Green Lake) zu schließen gibt sogar noch eine dritte Möglichkeit: Interview in Green Lake.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Von Bock und Cabrio

Vor meinen Ferien habe ich mich mit ein bisschen Etymologie verabschiedet, deshalb heute „zum Ausgleich“ gleich wieder ein bisschen Wortgeschichte. Der Titel dieses Artikels bezieht sich also nicht auf eine moderne Fabel oder eine boshafte Bemerkung über gewisse ältere, sich noch einmal jung fühlen wollende Cabrioletfahrer, sondern auf die Herkunft des Wortes Cabriolet (kurz: Cabrio).

Heute ist ein Cabriolet ein Auto, mit einem zurückklappbaren Verdeck, in dem man sich bei schönem Wetter die Sonne auf den Kopf scheinen und den Wind um die Ohren wehen lassen kann. Das Auto ist der Nachfolger der Kutsche, so auch das Cabriolet: Früher war es ein zweirädriger Einspänner mit einem zurückklappbaren Verdeck. Seinen Namen verdankte es der Tatsache, dass es sich um einen leichten Wagen handelte, der beim Fahren Sprünge machte. Und hiermit bewegen wir uns dann langsam in Richtung Bock.

Cabriolet ist französisch und dort eine Ableitung von cabrioler = springen, Luftsprünge machen. Wie so oft stammt das französische Wort aus dem Italienischen, und zwar über das Verb capriolare von capriola = Bocksprung, Reh. Dieses Wort wiederum stammt über zwei, drei Stufen vom lateinischen caper = Ziegenbock. Fast die gleiche Herkunftsgeschichte hat übrigens auch das Wort Kapriole.

Das sommerliche Fahrzeug, das diese Saison in vielen Regionen noch nicht allzu oft voll zu seinem Recht kommen durfte, kann seine Namen also auf den Ziegenbock zurückführen. Ich habe heute wieder ein solches sportliches Gefährt mit geschlossenem, nassem Dach gesehen und mich plötzlich gefragt, woher es denn seinen Namen hat. Am Steuer saß übrigens kein älterer, sich noch einmal jung fühlen wollender Mann, sondern eine blond(iert)e Dame, die einem anderen Klischeebild entsprach.

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Vergissmeinnicht und Urlaub

Vergissmeinnicht

Weil sie im Garten und darum herum gerade so schön geblüht haben und sie einen so speziellen Namen tragen, hier ein paar Worte zum Vergissmeinnicht. Sie finden diese Angaben auch in etymologischen Wörterbüchern und andernorts, aber ich habe es hier einmal für Sie zusammengetragen:

Der ungewöhnliche Name Vergissmeinnicht kommt seit Anfang des 15. Jahrhunderts vor. Er wurde für Blumen verwendet, die nun andere, aber nicht viel weniger fantasievolle Namen tragen: Männertreu, Jelängerjelieber (eine Art Geißblatt) u.a.m. Die genaue Herkunft der Bezeichnung ist unbekannt, aber man nimmt an, dass diese Blumen als Aphrodisiakum angesehen wurden oder als Symbol für Liebende und die Vergänglichkeit der Liebe Verwendung fanden. Mitte des 16. Jahrhunderts (1561) findet man Vergissmeinnicht beim Schweizer Gelehrten Conrad Gesner zum ersten Mal als Name für die Blume mit den kleinen blauen Blüten und den rauhaarigen Blättchen.

Vergissmeinnicht

Ebenfalls im 15. Jahrhundert findet sich im Französischen die gleichbedeutende Bezeichnung ne m’oublie(z) mie (Modernfrz. ne m’oubliez pas). Ein gemeinsamer Vorfahre oder ein direkter Zusammenhang lässt sich offenbar nicht nachweisen. Interessant ist aber, dass sich dieser deutsche und französische Name wahrscheinlich mit Hilfe von botanischen Schriften auch in anderen Sprachen etablieren konnte. Hier ein paar Beispiele:

eng. forget-me-not
nld. vergeet-mij-nietje
schwed. förgätmigej
sp. nomeolvides
it. nontiscordardimé
russ. nezabúdka (незабудка)
poln. niezapominajka

Fast ebenso poetisch finde ich übrigens den botanischen Namen des Blümchens: Myosotis. Dieses griechische Wort bezieht sich auf die Form und die weiche Behaarung der Blättchen: Es bedeutet Mäuseohr.

Urlaub

Vom 25. Mai bis 5. Juni habe ich Urlaub (in einem Land, in dem das Blümchen neben myosotis auch ne m’oubliez pas heißt). Es wird also in den nächsten Tagen keine neuen Blogeinträge geben und auch auf eine Reaktion auf Ihre Fragen und Kommentare müssen Sie leider länger warten. Vom 6. Juni an werde ich versuchen, Ihnen so schnell wie möglich zu antworten. Vergessen Sie mich in der Zwischenzeit bitte nicht!

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… und so wurde sie Sängerin – Komma oder nicht?

Frage

Wird im nachfolgenden Satz vor „und so“ ein Komma gesetzt (analog der Kommasetzung vor „und zwar“/„und das“)?

Sie hatte aber kein Talent für die Automechanik(,) und so wurde sie Sängerin.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

anders als und zwar oder und das leitet dieses und so keine nachgetragene Ergänzung ein. Das und verbindet in Ihrem Satz zwei selbstständige Sätze, von denen der zweite mit so beginnt:

Sie hatte aber kein Talent für die Automechanik.
So wurde sie Sängerin.

Wenn und zwei selbstständige Sätze verbindet, kann man ein Komma setzen (siehe hier). Das Komma ist also fakultativ, das heißt, Sie können hier vor und ein Komma setzen, Sie können es aber auch weglassen:

Sie hatte aber kein Talent für die Automechanik und so wurde sie Sängerin.
Sie hatte aber kein Talent für die Automechanik, und so wurde sie Sängerin.

Ebenso zum Beispiel:

Nach dem Führungstreffer verhielten wir uns zu passiv und so kam es kurze Zeit später zum unglücklichen Ausgleich.
Nach dem Führungstreffer verhielten wir uns zu passiv, und so kam es kurze Zeit später zum unglücklichen Ausgleich.

Ich habe alles gesagt und damit ist die Sache erledigt.
Ich habe alles gesagt, und damit ist die Sache erledigt.

Das Komma kann hier dazu dienen, eine Pause oder einen stärkeren Übergang anzuzeigen. Noch stärker trennen der Punkt oder der Gedankenstrich:

Sie hatte aber kein Talent für die Automechanik. Und so wurde sie Sängerin.
Sie hatte aber kein Talent für die Automechanik – und so wurde sie Sängerin.

Das Komma ist übrigens dann vor und so obligatorisch, wenn es z. B. zu einem Nebensatz gehört. Im folgenden Satz schließt das Komma vor und den dass-Satz ab:

Schnell wurde ihr klar, dass dieser Weg nicht ihren musikalischen Zielen entsprach, und so wurde sie Sängerin einer Pop-Rock-Band.

Weitere Informationen zum häufig wiederkehrenden Thema des Kommas bei und finden Sie in einem älteren Blogeintrag mit dem vielsagenden Titel „Kein Komma vor und?“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Mörderinnen und Vergewaltigerinnen

So vielversprechend der Titel auch klingen mag, es geht weder um Krimis skandinavischer Autorinnen noch um die Netflix-Serie „Orange Is The New Black“. Es geht um einen Fall der geschlechtergerechten Formulierung, den man möglichst sachlich und kontextnah angehen sollte.

Frage

Meine Frage bezieht sich auf das Gendern. Wie soll denn konkret bei den Begriffen „Mörder“ und „Vergewaltiger“ vorgegangen werden? Würden Sie hier gendern, also beispielsweise von „MörderInnen“ und „VergewaltigerInnen“ sprechen? […]

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

bei dieser Frage gibt es kein grammatisches Richtig oder Falsch. Wie viel und wie weit Sie geschlechtsneutrale resp. männliche und weibliche Personenbezeichnungen verwenden, hängt von Ihrem eigenen Stil und eventuell von Richtlinien ab, an die Sie sich halten wollen oder müssen. Am wichtigsten finde ich immer, in welchem Kontext ein Wort verwendet wird.

Wenn Sie normalerweise durchgehend gendern, sollten Sie in einem allgemeinen Zusammenhang auch von Mördern und Mörderinnen sprechen, denn es morden ja nicht nur Männer. Das gilt aber zum Beispiel nicht im Kontext eines Männer- oder Frauengefängnisses. Im Ersteren werden Verbrecher und Mörder eingeschlossen, im Letzteren verbüßen Verbrecherinnen und Mörderinnen ihre Strafe. Bei Vergewaltiger/Vergewaltigerin spielt ebenfalls der Kontext eine wichtige Rolle. Wenn es um die Angst von Frauen vor Vergewaltigung auf dem nächtlichen Heimweg geht oder in Berichten über systematische Vergewaltigungen in Kriegsgebieten kommen Vergewaltigerinnen praktisch nicht vor. Weshalb sollte man sie dann also immer nennen? Wenn es allgemein um Vergewaltigung im Familien- und Bekanntenkreis geht, sollte man die Verwendung der Doppelform erwägen, weil Verbrechen wie Vergewaltigung und Kindesmissbrauch zwar verhältnismäßig seltener, aber doch auch von Frauen verübt werden.

Es ist also eine Frage Ihres Stils und nicht zuletzt auch des Kontextes, wo und wie Sie geschlechtsneutrale resp. männliche und weibliche Formen verwenden. Das Beispiel Mörder und Vergewaltiger wird häufig von Gegnern und Gegnerinnen des geschlechtsneutralen Formulierens angeführt – häufig mit einem hämischen Unterton der Art „dort tut ihr es ja auch nicht“. Kaum jemand verlangt aber „blindes“ Gendern ohne jegliche Rücksicht auf den Zusammenhang.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Groß oder klein: mit Essen/essen beschäftig?

Es gibt immer wieder Fragen zur Großschreibung von Infinitiven. Das Prinzip ist einfach: Man schreibt substantivierte Infinitive groß (siehe hier). Die Praxis ist widerspenstiger: Wann ist ein Infinitiv substantiviert? Einfach ist es, wenn er mit einem Artikel(wort) oder einem Adjektiv steht: das Lesen, beim Essen, dein Schweigen, bequemes Sitzen. Es gibt aber auch allein stehende substantivierte Infinitive. Im Folgenden sollen nicht alle Fälle behandelt werden, sondern nur ein Fall, beim dem es fast so einfach ist wie mit dem Artikel: von einer Präposition abhängige Infinitive.

Frage

Ich bin unsicher bzgl. der Substantivierung von Infinitiven, wenn kein Artikel vorliegt. Laut Duden ist z. B. sowohl „kochen lernen“ als auch „Kochen lernen“ richtig (siehe ja auch hier). […] Wie sieht es aus bei „Er war mit essen/Essen beschäftigt“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

wenn ein Infinitiv von einer fallbestimmenden Präposition abhängig ist, gilt er als substantiviert und wird großgeschrieben. In Ihrem Beispielsatz ist der Infinitiv von der Präposition mit abhängig. Sie sollten ihn also großschreiben:

Sie ist mit Essen beschäftig.

Infinitive werden auch nach anderen Präpositionen großgeschrieben. Zum Beispiel:

Ich interessiere mich sehr für Kochen und Backen.
Sie hielten sich den Bauch vor Lachen.
Wir schwebten zwischen Hoffen und Bangen.
Tod durch Ersticken

Nach den Angaben der Rechtschreibregelung § 57 erkennt man substantivierte Wörter „an ihrer Funktion als kasusbestimmtes Satzglied oder kasusbestimmtes Attribut“. Nun ist ein Infinitiv, der von einer Präposition abhängig ist, nicht gerade der klassische Fall eines Attributs, aber er ist auf jeden Fall durch die Präposition „kasusbestimmt“ und kann somit als substantiviert angesehen werden.

Abgesehen vielleicht von der Erklärung ist es diesem Fall ausnahmsweise einmal ganz einfach: Wenn ein Infinitiv von einer Präposition abhängig ist, schreibt man ihn groß. Wenn man das einmal weiß, kommt man hier also ganz ohne Sinnen und Seufzen aus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der erwartetste Moment?

Frage

Kann man „erwartet“ steigern? Zum Beispiel: „Der Urlaub ist der erwartetste Moment des Jahres.“ Heißt es nicht besser: „Der Urlaub ist der am meisten erwartete Moment des Jahres“?

Antwort

Sehr geehrte Frau F.,

es ist tatsächlich nicht üblich, das adjektivische Partizip erwartet zu steigern. Sie sagen oder schreiben hier besser zum Beispiel:

der am sehnlichsten erwartete Moment des Jahres

Woran liegt das? Als Adjektive verwendete Partizipien haben in der Regel keine Steigerungsformen, wenn ihre Bedeutung noch eng mit der Verbbedeutung verbunden ist:

nicht: das besuchteste Museum – sondern: das meistbesuchte Museum
nicht: ihr wachsenderer Einfluss – sondern: ihr stärker wachsender Einfluss
nicht: die gehörteste Entschuldigung – sondern: die am häufigsten gehörte Entschuldigung

Adjektivische Partizipien können dann gesteigert werden, wenn sie mit einer mehr oder weniger eigenständigen, übertragenen Bedeutung verwendet werden:

die rührendste Geschichte
erfahrenere Fachleute
die verlockendsten Angebote

eine blühendere Phantasie – nicht: eine blühendere Rose
die schreiendsten Farben – nicht: die schreiensten Kinder
der ausgekochteste Kriminelle – nicht: die ausgekochtesten Knochen

Wie immer, wenn es um „übertragene Bedeutung“ geht, sind die Übergänge fließend. Ein Zauberer kann nicht verzaubernder sein als der andere, auch wenn er Menschen und Dinge noch so behände zu verwandeln vermag. Ein Lächeln hingegen kann bezaubernder sein als das andere. Es ist nicht immer einfach zu sagen, wann und warum eine Steigerungsform möglich ist oder nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist oder sind Metallica eine Metal-Band?

Frage

Ein Thema, über das ich leider keine guten, fundierten Hilfen im www finden konnte, ist die Frage, ob auf Bandnamen oder allgemeiner auf Namen von Gruppen bezogene Verben im Singular oder im Plural stehen sollen/dürfen, also zum Beispiel „Metallica sind Headliner“ vs. „Metallica ist Headliner“.

Antwort

Guten Tag S.,

erlaubt ist (mehr oder weniger), was gefällt, denn eine verbindliche Regel gibt es nicht und linguistisch sind häufig beide Varianten vertretbar.

Bei Bandnamen, die eindeutig als Plural empfunden werden, stehen das Verb, die Possessivartikel usw. im Plural. Das gilt insbesondere für Gruppen, die mit dem deutschen Pluralartikel die stehen. Zum Beispiel:

die Beatles / die Rolling Stones / die Beach Boys / die Pointer Sisters sind eine Band/Gruppe

Gruppennamen, die in der Ursprungssprache (meist Englisch) für uns erkennbar pluralisch sind und im Deutschen ohne deutschen Artikel verwendet werden, stehen häufig mit dem Plural, weil sie – wie man annehmen darf – in Anlehnung an die Ursprungssprache als Plural empfunden werden. Der Singular kommt ebenfalls häufig vor, weil es eine Band oder eine Gruppe ist und entsprechend als Singular empfunden wird. Zum Beispiel:

Guns ’n’ Roses / 4 Non Blondes / The Doors / Children of Bodom sind eine Band
Guns ’n’ Roses / 4 Non Blondes / The Doors / Children of Bodom ist eine Band

Bei anderen Gruppennamen steht nach den deutschen Kongruenzregeln der Singular. Ein Gruppenname lässt sich mit einer Sammelbezeichnung (Kollektivum) wie Obst, Herde, Familie, Team, Mannschaft usw. vergleichen. Sammelbezeichnungen stehen im Deutschen immer mit dem Singular.

Metallica, Pink Floyd, Queen, Nirvana ist eine Band

So weit, so gut. Hier kommt aber häufig auch der Plural vor. Ich vermute stark (ohne genauere Untersuchungen kann ich es natürlich nicht mit wissenschaftlich fundierter Genauigkeit sagen), dass dies ein Einfluss des Englischen ist. Bei gewissen singularischen Sammelbezeichnungen, die Personengruppen bezeichnen, ist im Englischen die Kongruenz im Plural möglich (zum Beispiel the familiy are, the crew are, the band are). Das gilt auch für Namen von Musikgruppen u. Ä. Dieser Plural wird bei Bandnamen auch ins Deutsche übernommen

Metallica, Pink Floyd, Queen, Nirvana sind eine Band

Ich würde bei dieser Art von Namen immer die Übereinstimmung im Singular empfehlen. Da die Verwendung des Plurals hier aber häufig und systematisch vorkommt, halte ich den Plural nicht mehr für grundsätzlich falsch. Gerade in einem so stark angelsächsisch dominierten Gebiet wie der Pop- und Rockmusik ist ein Einfluss des Englischen auch auf der sprachlichen Ebene nicht sehr erstaunlich.

Und wer immer noch unsicher ist, kann natürlich einfach auf Wendung wie die Metal-Band Metallica, die britische Rockgruppe Queen oder die Rockband 4 Non Blondes ausweichen. Dann steht immer der Singular.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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