Archiv für April, 2007

siebenhundertachtzigtausend, 780 000, 780-tausend

Frage:

Bei der Korrektur von Studententexten (Deutsch als Fremdsprache) ist mir aufgefallen, dass diese wohl in Analogie zu 3,5 Millionen auch 780 Tausend schreiben. Laut Duden werden Zahlwörter unter einer Million klein geschrieben, jedoch wird auch Zusammenschreibung angegeben: einhunderttausend. Mir scheint es jedoch logisch, bei großen Zahlen das Zahlwort auszuschreiben. Wie schreibt man dann jedoch das nachfolgende Tausend?

Ich würde 780 tausend schreiben, bin mir aber nicht sicher. 780tausend oder 780-tausend ginge auch, da man das Zahlwort als Wort zusammenschreiben würde? Oder ginge auch die Großschreibung, wie im Internet oft gefunden: 780 Tausend (ca. 30 Tausend mal!)?

Antwort:

Sehr geehrte Frau B.

hier zeigt sich wieder einmal, dass nicht alles, was man auf dem Internet findet, auch richtig ist. Die Schreibweise 780 Tausend (wie übrigens auch 30 Tausend mal) ist nämlich nicht korrekt. Es ist nicht einfach, Informationen zu dieser Frage zu finden, weil Ihre Studenten eine nach den Rechtschreibregeln zumindest ungebräuchliche Mischform von Ziffern und Buchstaben verwenden. Ich möchte deshalb die verschiedenen Möglichkeiten kurz erläutern:

  • Schreibung in Worten: siebenhundertachtzigtausend
    Im Allgemeinen gilt tatsächlich, dass Zahlwörter unter einer Million klein- und zusammengeschrieben werden. Siehe Rechtschreibregel.
  • Schreibung in Ziffern: 780 000
    Größere, unübersichtliche Zahlen können auch in nicht wissenschaftlichen Texten in Ziffern geschrieben werden. Siehe hierzu einen früheren Beitrag in unserem Blog. Im Gegensatz zum angelsächsischen Gebrauch werden dabei zur Gliederung der Ziffergruppen üblicherweise keine Kommas, sondern Zwischenräume (Computer: geschützte Leerzeichen, oder auf gut „Neudeutsch“: non-breaking spaces) verwendet: 780 000 (nicht 780,000).
  • „Gemischte“ Schreibung: ungebräuchlich
    Außer bei Zahlen über einer Million (z.B. 3,5 Millionen, 275 Milliarden) ist es nach den Rechtschreibregeln ungebräuchlich, gleichzeitig Ziffern und Zahlen zu verwenden. Falls man es trotzdem tut, müsste das Zahlwort mit einem Bindestrich und kleingeschrieben werden: z.B. 780-tausend Euro. Vgl. Rechtschreibregel.

Zusammenfassend würde ich Ihnen empfehlen, den Studenten die Wahl zwischen
siebenhundertachtzigtausend und 780 000 zu lassen. Von der „gemischten“
Schreibung 780-tausend würde ich abraten, da sie nach den Rechtschreibregeln ungebräuchlich ist (und in meinen Augen stilistisch unschön – aber das ist wieder eine ganz andere Frage …)

Zu guter Letzt noch die korrekte Schreibung des zweiten Beispiels:
dreißigtausendmal / 30 000-mal oder bei besonderer Betonung
dreißigtausend Mal / 30 000 Mal.
Das ist ja schon fast zu viel der Auswahl!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Antwort auf verneinte Fragen

Wir hatten schon einmal eine Frage zur Antwort auf oder-Fragen. Hier nun eine ähnliches Problem, nämlich die Antwort auf eine verneinte Frage:

Frage

Ich liege im Clinch mit Schülern und Kollegen betreffs der Antwort auf verneinte Fragen.

In Ihrer Deutschen Grammatik habe ich (meiner Überzeugung entsprechend) gefunden, dass auf verneinte Fragen die Antwort zur Bestätigung nein lautet, die Antwort zur Verneinung doch. Ich hatte auch keine andere Auskunft erwartet, stehe allerdings mit diesem Regelverständnis bei Schülern und Kollegen weitgehend allein.
Allgemeiner Konsens scheint zu sein, dass man auf die verneinende Frage Hast du keinen Hunger? mit ja antwortet, wenn man tatsächlich keinen Hunger hat.

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

zu Ihrer Frage über die Antwortmöglichkeiten bei verneinten Fragen:

Unbestritten ist die Verwendung von doch wenn Widerspruch ausgedrückt werden soll.

Hast du keinen Hunger? – Doch (= Widerspruch: Ich habe Hunger)

Im Allgemeinen gilt, dass die bestätigende Antwort auf eine verneinte Frage nein ist:

Hast du keinen Hunger? – Nein (= Bestätigung: Ich haben keinen Hunger)

So steht es auch auf unseren Grammatikseiten und in anderen Grammatiken. In der Sprachrealität herrscht aber im letzteren Fall einige Verwirrung. Oft wird hier auch die Antwort ja verwendet:

Hast du keinen Hunger? – Ja (= Bestätigung: Ich haben keinen Hunger)

Hier könnten verschiedene Einflüsse eine Rolle spielen. Zum Beispiel:

  • Das Antwortmuster bei negativen Adjektiven, das sich vom Antwortmuster bei verneinten Sätzen unterscheidet:

Bist du unzufrieden? – Nein (= Widerspruch: Ich bin zufrieden)
Bist du unzufrieden? – Ja (= Bestätigung: Ich bin nicht zufrieden)

Bist du nicht zufrieden? – Doch (= Widerspruch: Ich bin zufrieden)
Bist du nicht zufrieden ? – Nein (= Bestätigung: Ich bin nicht zufrieden)

  • Das Antwortmuster bei Vergewisserungsfragen. Eine Vergewisserungsfrage ist keine eigentliche Frage, sondern eine Bitte um Bestätigung (nicht ist unbetont, gut ist betont):

Hab ich das nicht gùt gemacht? – Nein (= Widerspruch: Du hast das nicht gut gemacht)
Hab ich das nicht gùt gemacht? – Ja (= Bestätigung: Du hast das gut gemacht)

Es gäbe auch noch andere Erklärungsmöglichkeiten. Klar ist in diesem Zusammenhang nur, dass im Deutschen einige Verwirrung herrscht, welche Antwort man als bestätigende Antwort auf eine verneinte Frage geben soll. Nach der Grammatik des Standarddeutschen (und auch meinem Sprachgefühl) sollte man nein verwenden. Da aber viele Leute – wie Ihre Umfrage zeigt – auch ja verwenden, empfiehlt es sich, bei wichtigen Problemen eine verneinte Fragestellung zu vermeiden. Wenn die Frage schon gestellt ist, sollte man bei der Antwort mehr als nur nein oder ja zu sagen:

Hast du keinen Hunger? – Nein, ich habe keinen Hunger

oder, standardsprachlich weniger/nicht? akzeptiert:

Hast du keinen Hunger? – Ja, ich habe keinen Hunger

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Neue Wörter anfragen

Frage:

wo kann man vorschläge oder anträge auf den eintrag eines neuen wortes abgeben?

Antwort:

Sehr geehrter Herr G.,

sie können Vorschläge genauso wie alle Fragen an unsere Feedback-Mailadresse schicken. Wir prüfen dann anhand der uns zur Verfügung stehenden Wörterverzeichnisse und unter anderem auch mit Hilfe von Webbrowsern, ob das vorgeschlagene Wort aufgenommen werden soll.

Ich möchte unbedingt betonen, dass dieses letzte Hilfsmittel, die Suchmaschinen, nur sehr vorsichtig eingesetzt werden. Die Anzahl der Treffer ist NICHT das einzige ausschlaggebende Kriterium. Es gibt zum Beispiel Seiten, Texte, Zitate, Sätze u. Ä., die unter dutzenden oder mehr verschiedenen Adressen gefunden werden. So kann es vorkommen, dass ein Wort zwar nur einmal aufgeschrieben, aber danach vielfach kopiert wird und dann scheinbar häufig vorkommt. Ein paar Hundert Treffer sind also noch keine Garantie, dass ein Wort aufgenommen werden sollte. Aber auch Trefferzahlen in den Tausendern und Zehntausendern wollen überprüft sein. Auch wenn die Suchmaschinen die Möglichkeit bieten, nur deutsch geschriebene Seiten zu berücksichtigen, muss immer nachgegangen werden, ob es sich bei den Resultaten nicht zu oft um ein Wort in einer fremden Sprache handelt. Das gesuchte Wort kann nämlich auch innerhalb von fremdsprachigen Zitaten auftauchen oder die Suchmaschine kann sich beim Feststellen der Sprache irren. Dies sind nur ein paar der zahlreichen Gründe, weshalb die Resultate einer Suche mit einem Webbrowser immer recht genau analysiert werden müssen.

Wir sind auf Ihren Vorschlag gespannt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Karfreitag

Zum heutigen Karfreitag ein paar Worte über die Herkunft des Wortes:

Freitag heißt es natürlich, weil der Karfreitag immer auf einen Freitag fällt. Dieser Name hat übrigens keine christlichen, sondern griechisch-römische Wurzeln. Viele werden jetzt vielleicht die Stirne runzeln, weil sie wie ich gelernt haben, dass der Freitag der germanischen Göttin Freya oder Frigg geweiht war. Das zeigen auch andere Namen aus der germanischen Tradition wie z.B. das englische friday, das schwedische fredag oder das niederländische vrijdag. Das ist auch so, aber die Idee, Wochentage nach Göttern zu benennen, übernahmen die Germanen von den Römern. Diese nannten den Tag dies Veneris, Tag der Venus, ein Name der noch in den romanischen Sprachen fortlebt (z.B. französisch vendredi, italienisch venerdì, spanisch viernes). Die Idee fand man wohl gut, aber man wählte doch lieber eine eigene Göttin und „übersetzte“ Venus mit Freya. Auch die Römer waren nicht die eigentlichen Erfinder: ihr dies Veneris ist eine Übersetzung des griechischen Aphroditès hèmera, Tag der Aphrodite.

Bleibt noch die erste Silbe: Kar-. Sie geht auf das althochdeutsche Wort chara zurück, das so viel wie Wehklage, Trauer bedeutete. Im modernen Deutschen gibt es dieses Wort nicht mehr. Es steckt noch im Adjektiv karg, das auf das althochdeutsche charag (traurig) zurückgeht, aber im Laufe der Zeit eine andere Bedeutung erhalten hat. Das Wort chara findet sich auch noch im englischen care (Sorge, Kummer).

Der Karfreitag ist also der Freitag der Wehklage und Trauer – ein passender Name für den Tag, an dem der Kreuzigung Christi gedacht wird. Auch die Bezeichnung heiliger Freitag in den romanischen Sprachen ist leicht verständlich, wenn man an die große Bedeutung dieses Tages für die christliche Religion denkt (frz. vendredi saint, span. viernes santo, ital venerdì santo). Andere Sprachen wie z.B. Tschechisch, Polnisch, Ungarisch und Griechisch nennen ihn den großen Freitag, was auch noch relativ einfach interpretierbar ist. Die englische Bezeichnung Good Friday (guter Freitag) macht es einem schon etwas schwieriger. Eine der Erklärungen lautet, dass es von der älteren Bezeichnung Godes Friday = Gottes Freitag komme, was ja dann wieder recht gut zu verstehen wäre. Aber vielleicht stimmt ja auch die Erklärung, die im Allgemeinen für den niederländischen Goede Vrijdag (ebenfalls guter Freitag) gegeben wird: Der Freitag ist gut, weil der Kreuztod zum Guten der Menschheit geschah.

So finde ich die meisten Namen für den heutigen Feiertag mehr oder weniger verständlich. Aber nicht ganz alle: in Dänemark, Schweden, Norwegen, Island, auf den Färöern und auch in Finland ist heute nämlich der Lange Freitag. Die Erklärung für diese Bezeichnung muss ich Ihnen leider schuldig bleiben.

Frohe Ostern!

Dr. Bopp.

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Kein e bei „lädt“?

Es folgt eine Frage, die uns Muttersprachler(innen) trotz ihrer Einfachheit in akuten Erklärungsnotstand bringt. Warum? Weil wir in Fällen wie diesen meist gar nicht wissen, dass es ein Problem überhaupt gibt. Ohne in der Grammatik nachzuschlagen hätte ich jedenfalls die Antwort nicht gewusst. Und für die Deutschlernenden mag die Frage ein Trost sein, wenn nicht immer alles ganz perfekt geht: Es gibt einfach viel zu viele Regeln und Ausnahmen.

Frage:

Warum konjugieren wir die er/sie/es-Form von laden als lädt? Der Verbstamm hat ein -d am Ende, dann müsste die Form doch lädet sein.

Antwort:

Sehr geehrte Frau J.,

die allgemeine Regel lautet tatsächlich, dass u.a. in der 3. Person Einzahl Indikativ Präsens bei Verbstämmen, die auf d enden, ein e eingeschoben wird:

baden -> er/sie/es badet (nicht badt)
enden -> er/sie/es endet (nicht endt)
reden -> er/sie/es redet (nicht redt)
usw.

Siehe Grammatik, e-Erweiterung.

So weit, so gut. Diese Regel ist nicht allzu kompliziert. Aber wie so oft geht es natürlich nicht ohne Ausnahmen: Wenn der Verbstamm umgelautet oder abgelautet wird, dann darf kein e eingeschoben werden:

laden -> er/sie/es lädt (nicht: lädet)
treten -> er/sie/es tritt (nicht: trittet)

Siehe Grammatik, Ausnahmen zur e-Erweiterung. Sie finden diese Information u.a. indem sie bei der Flexionsansicht des Verbs laden unter Besonderheiten auf den Link „e-Erweiterung“ klicken.
Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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