Archiv für Juli, 2007

Eintritt ins/im Museum

Frage

Unsere Firma hat eine Rabattkarte im Angebot. Die Besitzer dieser Karte stellen mir oft die Frage: Wo habe ich ermäßigten Eintritt?

Zwar weiß ich, dass es Eintritt ins heißen müsste, aber das Fragewort wo löst bei mir oftmals den Reflex aus, darauf mit z.B. im Museum zu antworten (im Sinne von: Wo existiert dieses Angebot?) Die grammatisch richtige Formulierung dieser Frage wäre also immer: Wohin habe ich ermäßigten Eintritt?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Deutsche und seine Fälle, sie können einem das Leben ganz schön schwer machen – vor allem dann, wenn man (zu) lange darüber nachdenkt. In diesem Fall können Sie nämlich ganz einfach Ihrem „Reflex“ folgen.

Wenn es ausschließlich um die Wortgruppe ermäßigter Eintritt ins Museum geht, ist die richtige Frage am ehesten welcher ermäßigte Eintritt? – der ermäßigte Eintritt ins Museum. In Ihrem Beispiel lautet die Frage aber: Wo habe ich ermäßigten Eintritt? Damit ist dann so etwas gemeint wie Wo gilt der ermäßigte Eintritt? oder Wo gibt es die Möglichkeit zum ermäßigten Eintritt? Die Antwort lautet dann – wie Ihr Sprachgefühl Ihnen ganz spontan eingibt – im Museum.

Je nach Formulierung der Frage und der Antwort können also sowohl ins Museum als auch im Museum richtig sein. Wenn wir den Satzbau betrachten, liegt der Unterschied darin, dass ins Museum den Satzgliedkern Eintritt erweitert (welcher ermäßigte Eintritt? der ermäßigte Eintritt wohin?), während im Museum ein eigenständiges Satzglied ist. Es ist eine Ortsbestimmung zum ganzen Satz (Wo gilt der ermäßigte Eintritt?). Den Unterschied kann man unter anderem daran sehen, dass das eigenständige Satzglied im Museum viel leichter selbstständig im Satz verschoben werden kann als die Satzgliederweiterung ins Museum, die im Prinzip immer direkt hinter freier Eintritt stehen muss:

Sie haben freien Eintritt im Museum.
Im Museum haben Sie freien Eintritt.
Sie haben im Museum freien Eintritt.

Sie haben freien Eintritt ins Museum.
Nicht: Ins Museum haben Sie freien Eintritt.
Nicht: Sie haben ins Museum freien Eintritt.

Vergleichen Sie hierzu die Grammatikseiten zu den Satzgliedern und zum Satzgliedbau.

Die Bedeutungen des Satzgliedes im Museum und der Satzgliederweiterung ins Museum sind nicht identisch, aber sie gleichen einander in diesem Kontext so sehr, dass es nicht einfach ist, die feinen Unterschiede zu entdecken. Sie sehen, dass die Erklärung recht kompliziert wird. Wen wundert es da noch, dass Deutschlernende manchmal über „unseren“ Gebrauch der Fälle klagen! Wir Muttersprachigen haben hier zum Glück den großen Vorteil, dass uns unser Sprachgefühl fast immer um solche Klippen herumführt, ohne dass eine so detaillierte Satzanalyse nötig ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Woher kommen die Canoo.net-Benutzer?

Heute wieder einmal etwas in eigener Sache: Woher kommen eigentlich unsere Besucher. Für solche Fragen gibt es schlaue Programme, die angeben, aus welchen Ländern die Benutzer einer Website kommen. Ganz so einfach ist es dann aber offenbar doch wieder nicht, denn wenn man zwei verschiedene dieser Programme befragt, erhält man recht unterschiedliche Antworten. Das hat vielleicht damit zu tun, dass Internetadressen mit zum Beispiel com und net hinter dem letzten Punkt nicht immer ganz so einfach bestimmten Ländern zugeordnet werden können. Der langen Vorrede kurzer Sinn: Die im Folgenden genannte „Rangliste? ist mit einiger Vorsicht zu genießen. Sie gibt vor allem im hinteren Bereich nur Tendenzen wieder.

Wenn die obenstehende Frage eine Quizfrage gewesen wäre, hätten Sie bestimmt ganz ohne Telefon- und Publikumsjoker die richtige Antwort gefunden: Mit großem Vorsprung an erster Stelle stehen die Benutzer von www.canoo.net aus Deutschland. Mit einigem Abstand auf den Plätzen zwei und drei folgen Österreich und die Schweiz. Dies ist kaum erstaunlich, denn es handelt sich hier ja um die drei Länder mit den meisten deutschsprachigen Einwohnern. Dann ändert sich das Bild aber etwas: Es folgen nicht etwa Belgien, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Luxemburg und andere Länder mit deutschsprachigen Einwohnern, sondern die Vereinigten Staaten. In diesem ohnehin schon bevölkerungsreichen Land gibt es wohl recht viele Deutschstämmige und am Deutschen Interessierte.

Erwähnenswert ist hierbei, dass ungefähr ein Viertel der Benutzer aus den USA uns von einer Adresse mit .edu, d.h. einem Bildungsinstitut aus besucht. Man benutzt also Canoo.net auch an Schulen und Universitäten. Das freut uns, denn diese Institutionen gehören ausdrücklich zu unserem Zielpublikum. Eine solche Aufteilung der Benutzerzahlen ist für andere Länder leider nicht möglich, aber dank Kommentaren von unseren Benutzern wissen wir, dass auch in anderen Ländern viele Schüler und Studenten unsere Sprachdienste benutzen.

Den USA folgen mit einigem Abstand Polen, ein großer Nachbar mit einer kleinen deutschsprachigen Minderheit, und Italien, das Land mit der viertgrößten Anzahl Deutschsprachigen. Dies ergibt die folgende Liste:

1. Deutschland
2. Österreich
3. Schweiz
4. USA (davon ca. 25% von Bildungsinstituten)
5. Polen
6. Italien

Und dann wird die Lage ziemlich unübersichtlich. Die Unterschiede werden zu klein, als dass sich noch eindeutige Tendenzen angeben ließen. Es folgen Länder wie Frankreich, Großbritannien, Spanien, Tschechien, die Niederlande, aber auch Brasilien und Argentinien. Immerhin ein paar Besucher kommen aus zum Beispiel Pakistan, Trinidad und Tobago, Kirgisien, Birma und dem Libanon. Ganz am Schluss stehen Länder wie Simbabwe, Jersey, Bangladesh, São Tomé und Principe, Puerto Rico und Neukaledonien.

Immerhin: Weltweit haben offenbar schon Benutzer aus 168 Ländern auf unsere Webseiten zugegriffen!

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Der erweiterte Realschulabschluss und die mittlere Reife

Frage

Wie wird eigentlich erweiterter Realschulabschluss geschrieben? Versteht man es als Eigenname und schreibt Erweiterter Realschulabschluss oder wird erweitert nur adjektivisch gebraucht und kleingeschrieben?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

nach den amtlichen Rechtschreibregeln schreibt man erweiterter Realschulabschluss. Die Verbindung ist kein Eigenname und deshalb wird das Adjektiv kleingeschrieben. Siehe die entsprechende Rechtschreibregel.

Es kommt jedoch vor, dass der Ausdruck im Bildungsbereich als fachsprachlicher Ausdruck gesehen und doch als Erweiterter Realschulabschluss geschrieben wird. Diese Schreibung finden Sie zum Beispiel auf dem Deutschen Bildungsserver. Das ist gemäß der amtlichen Regelung möglich. Siehe die bereits zitierte Rechtschreibregel.

Wir empfehlen Ihnen aber, bei erweiterter Realschulabschluss wie z.B. bei mittlere Reife oder qualifizierter Hauptschulabschluss das Adjektiv mit Kleinbuchstaben zu schreiben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (1)

Der Buchstabe B/der Buchstabe b

Frage

Heute haben wir in der Schule diskutiert, ob die folgende Aussage korrekt ist:

Das B –> Schreibe ein großes B.

Ich würde mich freuen, wenn Sie uns weiterhelfen könnten.

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

es freut mich, dass ich Ihnen weiterhelfen kann. Buchstaben sind sächlich. Es heißt also richtig:

das B oder das b

Siehe hierzu die Wortformen von B/b.

In dieser Tabelle sehen wir auch, dass alle Formen – also auch der Genitiv und die Mehrzahlformen – ohne s geschrieben werden. In der gesprochenen Umgangssprache sagt man zwar manchmal /des bes/ und /die bes/, die Endung s wird aber nie geschrieben.

Was für ein Wort soll ich denn mit drei B, zwei C und einem Y legen!
Die Rundung des b zeigt nach rechts.

Siehe hierzu die allgemeine Seite zur Beugung von Buchstaben.

Dann noch diese erklärenden Beispiele zur Groß- und Kleinschreibung:

Schreibe ein großes B.
Schreibe ein kleines b.
Das Boot schreibt man mit B.
Ebbe wird mit zwei b geschrieben.
der Buchstabe B oder der Buchstabe b

Im Weiteren gilt, dass als Substantiv verwendete Buchstaben großgeschrieben werden:

Ich habe mir alles von A bis Z erklären lassen, denn Kenntnis der Materie ist das A und O, damit einem niemand ein X für ein U vormachen kann.

Kleingeschrieben wird allerdings, wenn der Kleinbuchstabe gemeint ist. Man denke da zum Beispiel an den berühmten Punkt auf dem i. Siehe die entsprechende Rechtschreibseite.

Mehr Rechtschreibinformationen zum Buchstaben B (oder b) finden Sie hier. Es fehlt allerdings noch die Information, dass im folgenden Fall großgeschrieben wird:

Wer A sagt, muss auch B sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Zusammensetzungen mit E-Mail: Fugen-s und Bindestrich

Frage

Seit langem quält mich folgende Frage: Wie schreibt man das Wort Erinnerungsemail richtig? Dass man E-Mail heute E-Mail schreibt, ist inzwischen bekannt, dass aber nach einem Verbindungs-s kein Bindestrich folgt, auch.

Wie schreibe ich das nun also richtig?

Erinnerungs-E-Mail
Erinnerungse-Mail

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

Dir richtige Schreibweise ist Erinnerungs-E-Mail. In Wortzusammensetzungen, die ein Wort mit Bindestrich enthalten (hier E-Mail), muss zwischen allen Teilen der Zusammensetzung ein Bindestrich geschrieben werden. Siehe die entsprechende Rechtschreibregel. Man schreibt also auch zum Beispiel Bewerbungs-E-Mail, Reklamations-E-Mail und Abwesenheits-E-Mail.

Die Regel, dass man nach einem Verbindungs-s keinen Bindestrich schreiben darf, kenne ich nicht. Ein zugegebenermaßen wenig subtiler Einwand wäre ja, dass der Widerspruch zur Regel bereits in der Regel selbst stünde: Verbindungs-s. Der übrigens gebräuchlichere Ausdruck Fugen-s zeigt, dass auch nach anderen Fugenelementen ein Bindestrich stehen darf oder ggf. muss.

Es ist aber stilistisch gesehen bestimmt richtig, nach einem Fugen-s noch zurückhaltender als sonst zu sein und nur dann einen Bindestrich zu setzen, wenn er wirklich notwendig ist. Im Prinzip gibt ja das s schon an, wo die Grenze zwischen zwei Wortbestandteilen liegt. Deshalb sollte man Wörter wie die folgenden ohne Bindestrich schreiben: Zeitungsartikel, Lieblingsgericht, Eigentumswohnung und Amtsarzt statt Zeitungs-Artikel, Lieblings-Gericht, Eigentums-Wohnung oder gar Amts-Arzt.

In Fällen wie Verbindungs-s und Erinnerungs-E-Mail verlangen aber andere Regeln unbedingt einen Bindestrich. Weiter ist die Verwendung eines Bindestrichs auch in langen, unübersichtlichen Wörtern wie Sozialversicherungsfachangestellte möglich und angebracht: Sozialversicherungs-Fachangestellte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Zitate aus anderen Sprachen

Frage

Wenn ich in einem deutschsprachigen Text einen englischen Satz zitiere (These boots are made for walking), behandle ich dann diesen Satz wie einen deutschen, d.h. schreibe ich dann Boots, oder gilt dann die englische Schreibweise boots?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

wenn sie fremdsprachliche Wörter, Ausdrücke oder Sätze als Zitat in einen deutschen Text aufnehmen, gilt nicht die deutsche, sondern so weit wie möglich die Schreibweise der Ursprungssprache. So schreibt man z. B. Sie werden immer Mamas kleine Babys sein. Aber wenn direkt aus dem Englischen zitiert wird, schreibt man: Sie werden immer „Mama’s little babies“ sein.

Sehen Sie hierzu auch Punkt 3.1 auf dieser Seite der amtlichen Rechtschreibregelung.

Ein Muttersöhnchen ist deshalb – man beachte die Kleinschreibung und die Verwendung von Akzenten und des Apostrophs – in England a mama’s boy, in Frankreich un petit garçon à maman, in Spanien un hijo de mamá, in Italien ein figlio di mamma, und in den Niederlanden een moederskindje.

Beim Zitieren begibt man sich gewissermaßen in eine andere Sprache und da gilt dann das Sprichwort Andere Länder, andere Sitten oder eben zitierenderweise:
When in Rome, do as the Romans do.
Autres pays, autres mœurs.
A donde fueres, haz lo que vieres.
Paese che vai, usanze che trovi.
’s Lands wijs, ’s lands eer.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Neuigkeiten in Canoo.net

Vor meinem Urlaub hatte ich angedeutet, dass Canoo.net mit Neuigkeiten aufwarten würde. Wie Sie vielleicht schon gemerkt haben, sind sie auch tatsächlich eingeführt worden. Worum geht es:

Neue Darstellung der Treffer in den Wörterbüchern

In der neuen Darstellung der allgemeinen Resultatseiten in Canoo.net werden die Treffer in den Wörterbüchern noch übersichtlicher dargestellt. Bei jedem Resultatwort gibt es einen direkten Zugang zu den drei wichtigsten Canoo-Wörterbüchern Rechtschreibung, Flexion (= Wortformen) und Wortbildung. Die Verbindungen zu den weiteren Wörterbüchern sind über einen einfach Klick auf „Mehr“ aufrufbar. Beispieleintrag: liegen.

Es sind dies weiterhin das Canoo-Morphologiewörterbuch, das deutsch-englische Übersetzungswörterbuch von LEO und die Internetenzyklopädie Wikipedia. Neu sind die folgenden Verweisungen hinzugekommen:

  • Einsprachige Wörterbücher:
  • Übersetzungswörterbücher
    • Deutsch-Englisch dict.cc
    • Deutsch-Englisch Beolingus
    • Deutsch-Englisch Pons
    • Deutsch-Französisch LEO
    • Deutsch-Französisch Pons
    • Deutsch-Spanisch LEO
    • Deutsch-Spanisch Pons
    • Deutsch-Spanisch DIX
    • Deutsch-Italienisch Pons
    • Deutsch-Polnisch Pons

Die Canoo.net-Trefferliste wird in dieser Weise zu einem Instrument, mit dem in einfachster Weise direkt viele verschiedene Wörterbücher durchsucht werden können. So können Sie zum Beispiel die englische Übersetzung eines Wortes falls gewünscht nicht mehr nur in einem, sondern in vier verschiedenen Online-Wörterbüchern nachschlagen.

Zusätzliche Rechtschreibinformationen

Bei einigen hundert Einträgen im Rechtschreibwörterbuch werden neu zusätzliche Informationen angegeben. Es geht um Fragen der Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung usw. die vom Satzzusammenhang abhängig sind. So finden Sie zum Beispiel bei den Einträgen Zeit und zurzeit Angaben dazu, wann man zur Zeit und wann zurzeit schreiben muss. Weitere Beispiele sind Abend, bisherig, englisch, Euro, vier, groß, jahrelang, sooft, Stopp.

Zurzeit 😉 gibt es diese Zusatzinformationen für die wichtigsten Problemfälle. Wir hoffen, solche Angaben in Zukunft auch für weitere Wörter zur Verfügung stellen zu können.

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Der untrennbare Igel

Dass die neuen Rechtschreibregeln mehr Unklarheiten geschaffen als beseitigt hätten, darüber wurde schon sehr, sehr viel geschrieben, gebloggt und gesagt, auch gestritten, geseufzt und geklagt. Ich bin damit nicht ganz einverstanden. Auch aus meiner Sicht hätte vielleicht hie und da etwas einfacher oder übersichtlicher geordnet werden können. Wenn man aber bedenkt, wer alles zufriedengestellt sein wollte, ist es nicht erstaunlich, dass das Regelwerk eben lange nicht jeden zufriedenstellen kann. Grammatikprofessoren und Grundschüler, konservative „Verteidiger“ der Sprache Goethes und progressive Anhänger des Neudeutschen, professionelle Schreiber und Menschen, die außer vielleicht der wöchentlichen Einkaufsliste nichts mehr schreiben, sie alle sollten die gleichen Rechtschreibregeln einigermaßen verstehen und sich daran halten können. Wenn man sich diese Aufgabe vor Augen hält, ist das (inzwischen schon gar nicht mehr so) neue Regelwerk ein recht gut gelungener Kompromiss. Und mehr als ein Kompromiss ist eben in nicht diktatorisch geführten Gesellschaften meistens nicht möglich.

Für den Eindruck, alles sei (noch) schwieriger geworden, sind unter anderem zwei Ursachen anzuführen: Die neuen Regeln sind nicht komplizierter, akademischer oder unlogischer als die alten. Vor der Reform wusste wir einfach nicht, dass es SO viele Tücken, Schwierigkeiten und Zweifelsfälle gab. Nach der Reform und der Diskussion über die Regeln, sind wir uns dessen plötzlich viel stärker bewusst. Früher hat man sich nicht so oft gewundert, ob eine Verbindung getrennt oder zusammengeschrieben wird, wie man es heute tut. Das hat aber vor allem damit zu tun, dass wir früher nicht wussten, dass wir die Regeln eigentlich gar nicht so gut kannten, und wir heute wissen, dass wir die Regeln nicht so gut kennen.

Der zweite Grund für zumindest einen Teil der Verunsicherung ist die gestaffelte Einführung der Neuregelung. Und damit sind wir dann endlich beim „untrennbaren Igel“ in der Überschrift:

Die Tochter von Frau S. musste in der Schule Wörter trennen. Eines der Wörter war eben Igel. Auf Canoo.net hat Frau S. die entsprechende Regel gefunden:

Einzelne Vokalbuchstaben werden am Wortanfang und am Wortende nicht
abgetrennt (§107 E1)
Zum Beispiel: aber, Efeu, Echo, Idee, Ofen, Ufer, über

Dass aber die Lehrerin ihrer Tochter den ungetrennten Igel als Fehler angestrichen hat und auch ihr Rechtschreibduden I-gel vorschreibt, fand Frau S. dann zurecht ziemlich verwirrend.

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

wie die bereits von Ihnen zitierte Rechtschreibregel besagt, darf Igel nicht getrennt werden. Siehe die entsprechende Rechtschreibregel (oder den Originaltext der amtlichen Regelung).

Ich vermute, dass Sie das Wort nicht in der aktuellsten Ausgabe des Dudens nachgeschlagen haben. Auch nach dem Rechtschreibduden, Ausgabe 2006, darf das Wort Igel nämlich nicht getrennt werden. Die Verwirrung ist aber nicht so erstaunlich. Einzelne Vokalbuchstaben durften in der alten Rechtschreibung nicht abgetrennt werden. Mit der Reform von 1998 wurde diese Regel aufgehoben, d.h. man durfte I-gel trennen. Dies war auch noch nach der Neuregelung von 2004 möglich. Mit der letzten Reform im Jahre 2006 wurde die genannte Regel aber wieder eingeführt, so dass man also jetzt Igel wie vor 1998 nicht trennen darf. Wahrscheinlich ist die von Ihnen benutzte Dudenversion nach 1998, aber vor 2006 erschienen und deshalb in einigen Punkten nicht mehr aktuell.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachtrag
Wie Frau S. mir freundlicherweise mitteilte, stamm ihr Rechtschreibduden tatsächlich aus dem Jahr 2004 und werden an der Schule ihrer Tochter Rechtschreibunterlagen aus dem Jahr 2000 verwendet. Ein Teil der Verwirrung und des Ärgers über die Reform ließe sich also vermeiden, wenn wir alle immer die aktuellsten Regeln vor Augen hätten. Das kostet zwar wieder einiges (und das ist eine ganz andere Diskussion), aber die Reform von 2006 soll nun für längere Zeit die letzte gewesen sein.

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