Archiv für November, 2007

Sie müssen mir noch einmal kommen

Frage

Kürzlich überraschte mich eine Äußerung einer Optikerin. Sie passte mir neue Linsen an und da alles problemlos ablief, dachte ich, damit hätte es sich. Sie aber meinte: „Sie müssen mir nochmals kommen!“ Ich fragte sie sogleich, warum ich ihr nochmals kommen müsse, worauf sie für mich nur einen schrägen Blick übrig hatte… Gibt es irgendeine grammatische Erklärung, warum man kommen mit einem Dativ verwenden kann?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

Das ist mir eine schöne Frage! Ihre Optikerin hat einen sogenannten freien Dativ verwendet. Näheres dazu finden Sie hier. Sie hat dabei wohl einen Dativus ethicus verwendet, d.h. einen Dativ, der ausdrückt, dass die Sprecherin nur gefühlsmäßig an der im Satz ausgedrückten Handlung beteiligt ist. Sie müssen ja kommen, nicht die Optikerin, doch diese ist freundlich aber bestimmt auffordernd und besorgt an Ihrem Kommen beteiligt. Ungefähr so könnte das mir gemeint gewesen sein.

Der Satz lässt sich nicht umdrehen, weil Sie der Optikerin eigentlich nicht eine gefühlsmäßige Beteiligung „unterstellen“ können. „Warum muss ich Ihnen noch einmal kommen?“ klingt deshalb verwunderlich und ist eventuell sogar eines schrägen Blickes würdig.

Vielleicht war es auch eher ein höflich gemeinter Dativus commodi, d.h. dass Sie sich der Optikerin zuliebe noch einmal bei ihr melden sollten.

Andere Beispiele für freie Dative sind:

Das ist mir eine schöne Bescherung!
Nehmen Sie mir diese Tabletten bitte regelmäßig ein.
Du musst uns schnell wieder gesund werden.

Die Formulierung Ihrer Optikerin klingt vielleicht etwas gar nach altmodischer Tante Doktor, aber grammatisch ist sie einwandfrei.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Doktor ist nicht gleich Doktor

Irgendwann musste es ja geschehen. Bei einem solchen Blogtitel ist es eigentlich nur verwunderlich, dass es erst jetzt so weit ist.

Frage

Was passiert wenn ich paar harte Schläge auf die Brust, also auf das Herz kriege? Was passiert in diesem Moment ? Was sind die Folgen?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

als Sprachwissenschaftler kann ich leider keine Fragen zur Gesundheit beantworten. Ich empfehle Ihnen deshalb, sich an einen Arzt oder eine medizinische Webseite zu wenden. Auf Canoo.net finden Sie Wörterbücher, Rechtschreibinformationen und Grammatikseiten zur deutschen Sprache.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachtrag

Ich fand die Frage sehr amüsant, und gleich darauf habe ich mich deswegen ein wenig geschämt. Lächeln darf man, aber nur ein Bildungssnob lacht darüber. Ist es denn so erstaunlich, dass einem Doktor Fragen zur Gesundheit gestellt werden? Umgangssprachlich ist Doktor ja gleichbedeutend mit Arzt. Das liegt vielleicht daran, dass man als „Normalverbraucher(in)“ im Alltagsleben vor allem einer Art Doktor begegnet: dem Arzt. Dass dann nur jemand mit dem Titel Dr.med. wirklich Arzt oder Ärztin ist, aber ein Dr.phil. wie ich nicht, das können ja nicht alle wissen.

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Cola Rum oder Rum Cola?

Frage

In der Umgangssprache heißt ein klassischer Longdrink oft Cola-Rum, was ja laut Wortbildungsregeln eigentlich Rum mit Cola wäre. Da es sich aber bei diesem Getränk um Cola gemixt mit einem Schuss Rum handelt, wäre da nicht eher die Bezeichnung Rum-Cola richtig?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

zu dieser Frage lässt sich einiges sagen. Ich möchte aber vorausschicken, dass in einem Bereich wie den Bezeichnungen für Cocktails und Drinks, in dem es nur so von Phantasienamen und Fremdwörtern wimmelt, die Grammatikregeln oft an ihre Grenzen stoßen. Hier dann aber trotzdem ein Erklärungsversuch:

Die Bezeichnung Cola-Rum ist gemäß den Wortbildungsregeln nur dann eine Art Rum, wenn bei neutraler Aussprache die Betonung auf dem ersten Teil, d.h. Cola liegt (vgl. Weizenbier, Colaflasche, Strohrum). Der besagte Longdrink wir aber auf dem zweiten Wort betont: Cola-Rum, ähnlich wie Whisky pur, Forelle blau und Herr Bush senior. Ich würde auch für eine Schreibung ohne Bindestrich plädieren: Cola Rum wie zum Beispiel Gin Tonic und Campari Orange. Hier handelt es sich ja um einen Gin mit Tonic beziehungsweise einen Campari mit Orangensaft. Dann braucht eine Cola mit Rum eigentlich auch keinen Bindestrich.

Im Gegensatz zum Gin Tonic und zum Campari Orange, die wie die Grundwörter Gin und Campari männlich sind, scheint das Geschlecht von Cola Rum nicht ganz festzustehen: Man kann einerseits eine Cola Rum (wie die Cola) oder ein Cola Rum (wie das Cola) und andererseits einen Cola Rum (wie der Rum oder wie der Longdrink?) bestellen. Um die Sache weiter zu komplizieren: Man verwendet auch die Bezeichnung Rum Cola, mit der meines Wissens der gleiche Longdrink gemeint ist.

Ich komme deshalb zu folgendem Schluss:

das/die Cola Rum = Cola mit Rum
der Rum Cola = Rum mit Cola

Bei allen anderen, ebenfalls gebräuchlichen Bezeichnungen „versagen“ die Wortbildungsregeln: Der Cola-Rum, das Rum-Cola und die Rum-Cola sind entweder als falsch anzusehen (aber es liegt mir fern, so etwas zu behaupten) oder sie bezeichnen einfach einen Longdrink mit Cola und Rum. Wirklich wichtig ist dies ohnehin nicht. Hauptsache ist, dass es schmeckt, dass man (sorry, Mädchen und Jungs) die Pubertät schon hinter sich hat und dass man zur Vorbeugung von nachträglich bereuten Worten und Taten sowie im Hinblick auf ein katerloses Erwachen nicht allzu viel davon trinkt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Meine Haarfarbe ist braun/Braun?

Frage

Wie schreibt man den folgenden Satz (Groß- und Kleinschreibung) richtig?

Meine Haarfarbe ist Braun.
Meine Haarfarbe ist braun.

Antwort

Sehr geehrte Frau C.,

beide Schreibungen sind möglich und korrekt, da bei dieser Formulierung zwei verschiedene Interpretationen möglich sind. Die Wörter Haarfarbe und braun/Braun lassen sich nämlich auf zweierlei Weise miteinander kombinieren:

die Haarfarbe Braun (wie die Farbe Blau)
die braune Haarfarbe (wie die blaue Farbe)

Das hat für Ihren Beispielsatz die folgende Konsequenz:

Meine Haarfarbe ist Braun bezieht sich auf Haarfarbe Braun.
Meine Haarfarbe ist braun bezieht sich auf braune Haarfarbe.

Da beide Interpretationen möglich sind und es kaum einen merkbaren Unterschied gibt, können Sie frei wählen, welche Variante Sie bevorzugen. Wie immer gilt aber, dass man innerhalb eines Textes immer die gleiche Variante wählen sollte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (1)

Der Mercedes/die Mercedizes? Plural von Autonamen

Frage

[…] Die allerletzte Frage, die leider auch Canoo nicht beantworten konnte, ist die Frage, ob der Plural von Mercedes in nachfolgendem Beispielsatz korrekt ist:

Sie parkten ihre Mercedizes, um im benachbarten Freizeitpark zu grillieren.

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

Mercedizes klingt zwar ausgesprochen wissenschaftlich und gebildet, lässt sich aber weder durch historische noch durch moderne Wortbeugung erklären.

Der Autoname Mercedes geht auf Mercédès Jellinek, die Tochter des Geschäftsmannes und Autoliebhabers Emil Jellinek, zurück. Er ließ Anfang des letzten Jahrhunderts bei Daimler mehrere Autos bauen und verlangte, dass die Modelle nach dem Kosenamen seiner Tochter Mercedes genannt würden. Gehen wir noch weiter zurück: Der Name Mercedes ist spanisch. Es ist der Plural von merced, das unter anderem Gnade, Gunst bedeutet. Das spanische Wort wiederum geht auf das lateinische merces, mercedis zurück. Etymologisch gesehen handelt es sich also um einen Mädchennamen und weiter zurück um eine spanische Pluralform. Hier findet sich somit keine Begründung für eine Pluralform auf -izes. Im Deutschen kommt diese Pluralform eigentlich nur bei Fremdwörtern vor, die im Lateinischen einen Plural auf -ices haben.

Zurück in die Moderne: Im modernen Sprachgebrauch werden Pluralformen von Autonamen vielfach mit -s gebildet: Audis, BMWs, Smarts, Peugeots, Toyotas, Alfa Romeos usw. Andere wiederum sind endungslos: die Chrysler, die Rover, die Opel. Letzteres ist wohl so, weil männliche Wörter auf unbetontes -el und -er im deutschen meist einen endungslosen Plural haben (vgl. die Bäcker, die Computer, die Esel). Und bei Mercedes wird – wohl in Anlehnung an Busse, Ibisse, Atlasse usw. – häufig die Pluralform Mercedesse verwendet. Diese Form halte ich auch für die beste, da sie sich naht- und mühelos in die Sprachsystematik des Deutschen einordnet. In meinen Augen weniger schön aber ebenfalls recht häufig ist die blässliche, jegliches Risiko scheuende Pluralvariante ohne Endung: die Mercedes.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

In dem Laden, wo …?

Frage

Zumindest umgangssprachlich lässt sich ja zum Beispiel sagen: In dem Laden, wo ich gerade war, … Ist das korrekt oder muss es unbedingt heißen In dem Laden, in dem ich gerade war, …?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

die Unsicherheit bei der Verwendung von wo in solchen Sätzen rührt wahrscheinlich daher, dass im (südlichen) deutschen Sprachraum in vielen Dialekten dort wo steht, wo wo in der Standardsprache nicht stehen darf. Das lernt man in der Schule und traut sich dann gar nicht mehr, wo noch zu verwenden.

Standardsprachlich darf wo nicht verwendet werden, wenn es sich auf ein Nomen bezieht, das nicht als Ortsbezeichnung verwendet wird. Nicht korrekt sind also zum Beispiel:

Der Mann, wo das gesagt hat.
Der Mann, der wo das gesagt hat.
Der Laden, wo Konkurs gemacht hat.
Der Laden, der wo Konkurs gemacht hat.

Das Wörtchen wo darf aber in anderen Fällen auch in der Standardsprache für die Einleitung von Relativsätzen verwendet werden. Dies gilt vor allem in den folgenden Fällen:

wo steht nach da und dort:

Die Schlüssel liegen da/dort, wo du sie hingelegt hast.

wo kann allgemein nach Nomen stehen, die die Funktion einer Ortsbezeichnungen haben:

Sie wohnt in der Stadt, wo sie auch arbeitet.
Das ist der Ort, wo wir uns treffen werden.

Und auch Goethe dichtete über Italien:

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?

Diese Sätze können auch wie folgt eingeleitet werden (Präposition + der/die/das):

Sie wohnt in der Stadt, in der sie auch arbeitet.
Das ist der Ort, an dem wir uns treffen werden.
Kennst du das Land, in dem die Zitronen blühen? (Das ist dann aber nicht mehr von Goethe.)

Ihr Beispiel ist also auch standardsprachlich sowohl mit wo also auch mit in dem korrekt, denn hier ist Laden eine Ortsbezeichnung:

In dem Laden, wo ich gerade war, …
In dem Laden, in dem ich gerade war …

Schließlich kann wo auch nach Zeitangaben stehen:

Ich will dich jetzt, wo du so beschäftigt bist, nicht belästigen.
Ich freue mich auf den Tag, wo wir uns wiedersehen werden.

Sehen Sie hierzu die beiden letzten Abschnitte unter „Wahl des Einleitewortes“ auf dieser Grammatikseite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Drei gleiche Konsonanten vor der Reform

Frage

Gab es schon vor der neuen Rechtschreibreform Wörter, die mit 3 Konsonanten geschrieben wurden, wie z. B. Dampfschifffahrt?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

auch vor der Rechtschreibreform gab es bereits Wörter, die mit drei aufeinanderfolgenden gleichen Konsonanten geschrieben wurden. Die Regel lautete, dass beim Zusammentreffen von drei gleichen Konsonanten ein Konsonant weggelassen wird, wenn ihnen ein Vokal folgt:

Dampfschiffahrt
Kreppapier
Ballettänzer
(Neu: Dampfschifffahrt, Krepppapier, Balletttänzer)

Folgt den drei Konsonanten ein weiterer Konsonant, durfte auch nach der alten Regel keiner wegfallen. Man schrieb also schon vor der Reform zum Beispiel:

Sauerstoffflasche
holzschlifffrei
Stopppreis
Balletttruppe
fetttriefend

Zur Schreibung mit Bindestrich siehe Rechtschreibregel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Urlaub ohne Laptop

Da ich zu der altmodischen Spezies gehöre, die im Urlaub einfach Urlaub machen, hatte ich keinen Laptop dabei. Selbst wenn ich schon vorher gewusst hätte, dass auch im südlichen Afrika viele Hotels einen drahtlosen Zugang zum Internet anbieten, hätte ich den tragbaren Rechner immer noch zu Hause gelassen. Ganz anders machen das sehr viele andere Reisende, zu meinem Erstaunen nicht nur solche, die in Geschäften unterwegs sind. Dabei ist mir aufgefallen, dass je höher der durchschnittliche Zimmerpreis eines Hotels ist, die Anzahl der Laptops auf den Bartischchen zunimmt. Des Weiteren gibt es in teureren Hotels verhältnismäßig viel mehr Apple-Notebooks als in nicht ganz so schicken Etablissements. Ich kann diese Behauptung natürlich hier nicht beweisen, aber wer’s nicht glaubt, der sollte einmal in der Bar des Hotels Polana, des ersten Hauses am Platz in der mosambikanischen Hauptstadt Maputo, bei Sonnenuntergang einen Tee, ein Bierchen oder einen Gin Tonic trinken. Auf mindestens jedem zweiten Tischchen steht mindestens ein aufgeklappter Rechner, und man könnte meinen, dass andere tragbare Computer als diejenigen aus dem Hause Macintosh an der Garderobe abgegeben werden müssten. Damit sich nun niemand ein allzu rosiges Bild von den Einkommensverhältnissen eines Linguisten macht: Ich habe nicht im Hotel Polana übernachtet.

Das hat alles reichlich wenig mit Sprache und Grammatik zu tun. Da in Südafrika Englisch, Afrikaans und Xhosa die wichtigsten Verkehrssprachen sind und man in Mosambik vor allem mit Portugiesisch weiterkommt, hatte ich eben auch Urlaub vom Deutschen. Und eigentlich wollte ich ja nur kurz erklären, weshalb Sie tatsächlich drei Wochen lang rein gar nichts von mir vernommen haben und warum ich keine in diesen Rahmen passende Ferienerinnerungen mit Ihnen teilen kann. Kurzum, ich bin wieder zurück und auf Ihre Fragen angewiesen!

Kommentare (1)