Archiv für März, 2008

Die Semmel

Frage

Ich hätte eine Frage und zwar: Schreibt man 1 Paar Wienerle im Semmel oder 1 Paar Wienerle in der Semmel?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

im Standarddeutschen ist Semmel weiblich: die Semmel. Sehen Sie hierzu die Angaben auf Canoo.net. Richtig ist somit: 1 Paar Wienerle in der Semmel. Falls Sie es noch etwas hochdeutscher formulieren wollen, lautet die Formulierung: 1 Paar Wiener Würstchen in der Semmel. Wienerle gilt nämlich als umgangssprachlich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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So weit die „offizielle“ Antwort. Mit der Semmel bewegen wir uns aber im Bereich des Essens und der Küche. Es gibt wohl keinen anderen Bereich – mit Ausnahme vielleicht der Namen für einheimische Blumen und andere Pflanzen – in dem Bezeichnungen so viele regionale Varianten kennen. Es ist deshalb nicht unmöglich, dass es Regionen gibt, in denen man mundartlich oder umgangssprachlich die Wiener Würstchen nicht in die, sondern in das Semmel klemmt. Irgendwie kann ich mir in den Semmel nicht vorstellen, denn das klingt nicht mehr so lecker. Bei uns zu Hause war es das Semmeli, aber das heißt nicht viel, denn alles auf -li ist dort eine sächliche Verkleinerungsform (wie im Hochdeutschen alles auf -lein und -chen). Eine nicht verkleinerte Form kenne ich im Zürichdeutschen nicht.

Das ist aber noch nicht alles. Die „Übersetzung“ des vor allem im süddeutschen Sprachraum verwendeten Wortes Semmel ins Allgemeindeutsche lautet Brötchen. Aber was für ein Brötchen? Um gleich wieder in die Schweiz zurückzukehren: Gemäß vielen Quellen soll die Semmel in der Schweiz Weggli heißen. Nein! In einem Land, in dem sich die über zwanzig Kantone erst vor einigen Jahren auf einen gemeinsamen Schuljahresbeginn einigen konnten, ist diese Aussage nur schon wegen des Teils „in der Schweiz“ nicht haltbar. Es gibt wohl beinahe so viele Bezeichnungen für die verschiedenen Arten von Brötchen, wie es Kantone gibt, in denen man Deutsch spricht. Was in Zürich ein Semmeli ist, ist im Apenzellerland ein Bürli. Das Wort Bürli verwenden die Zürcher auch (es ist dunkler und knuspriger als ein Semmeli), aber was der Zürcher einfach ein Bürli nennt, ist beim Appenzell ein St. Galler Bürli. In der Zentralschweiz, aber auch in anderen Gebieten, nennt man ein Semmeli ein Mutschli (das ist allerdings auch noch ein Käse, sonst wäre es ja viel zu einfach …). Weggli bezeichnet übrigens nur eine Brötchenart, die man andernorts Milchbrötchen nennt.

Dieser Exkurs sollte nur dazu dienen, anzuzeigen, dass das Wort Semmel an verschiedenen Orten verschieden verwendet wird und unterschiedliche Arten von Brötchen bezeichnen kann. Machen Sie einmal einen Test. Sie kennen wahrscheinlich verschiedene Arten von Brötchen mit unterschiedlichen Namen. Fragen Sie nun ein paar andere Leute, wie sie diese Brötchen nennen. Tun Sie dies vielleicht nicht gerade bei Ihren Geschwistern oder der alten Schulfreundin, die Sie schon seit vor dem Kindergarten kennen, sondern am besten bei Menschen, die in einem anderen Dorf aufgewachsen sind. Es würde mich nicht wundern, wenn Sie sich dann über die Antwort wundern.

So haben sich auch einmal ein paar niederländische Freunde in einem Kölner Restaurant darüber gewundert, dass der „studierte“ Deutschsprachige ihnen die Antwort schuldig bleiben musste, als sie wissen wollten, was die auf der Menükarte stehenden Röggelchen denn seien. Davon hatte ich noch nie gehört. Wissen Sie es? Da es in diesem Beitrag um Brötchen geht, ist die Lösung des Rätsels nicht gar so schwierig: ein Röggelchen ist ein Roggenbrötchen („aus zwei zusammengebackenen Hälften bestehend“ präzisiert mein Wörterbuch).

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Jeder Onkel und jede Tante hat/haben nette Verwandte?

Frage

Nach mehrtägigem „Streit“ an meiner Schule und einer Wette um eine Flasche Champagner wende ich mich nun an Sie in der Hoffnung, dass Sie bei folgenden Sätzen weiterhelfen können. Es geht in den Beispielsätzen um die Verbbildung (Singular oder Plural):

Vater und Mutter geht/gehen ins Kino.
Fritz und Hans läuft/laufen Marathon.
Der Turner und die Turnerin übt/üben ihre Kür.
Jeder Schüler und jede Schülerin hat/haben ein Recht auf Unterricht.
Jede Frau und jeder Mann läuft/laufen lange Strecken.
Jeder Onkel und jede Tante hat/haben nette Verwandte.

Diese Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Mir geht es darum: Gibt es bei solchen Satzbildungen feste Regeln (welche?) oder kann man die Singular- oder Pluralform nach eigenem Ermessen bzw. Empfinden ausdrücken.

Antwort

Sehr geehter Herr M.,

in Ihren Beispielsätzen geht es immer um ein mehrteiliges Subjekt, dessen Teile mit und verbunden sind. Die Grundregel lautet, dass das Verb dann im Plural steht:

Vater und Mutter gehen ins Kino.
Fritz und Hans laufen Marathon.
Der Turner und die Turnerin üben ihre Kür.

Es gibt allerdings Ausnahmen, bei denen von dieser Regel abgewichen wird. Eine Ausnahmeregel lautet, dass das Verb im Singular steht, wenn beide Subjektteile in der Einzahl stehen und kein, jeder oder mancher vor ihnen steht.

Jeder Schüler und jede Schülerin hat Recht auf Unterricht.
Jede Pflanze und jedes Tier ist schützenswert.
Jeder Onkel und jede Tante hat nette Verwandte.
Kein Onkel und keine Tante hat nette Verwandte.
Mancher Onkel und manche Tante hat nette Verwandte.

Ebenso:

Jede und jeder hat Recht auf Unterricht.

Weshalb wird hier der Singular gewählt? Im Gegensatz zu alle, das sich auf sämtliche Individuen einer Gruppe bezieht, gibt jeder an, dass immer jeweils ein einzelnes Individuum aus einer Gruppe gemeint ist. Deshalb steht das Verb in der Einzahl:

Jede Schülerin hat …
= Jedes Individuum aus der Gruppe “Schülerinnen” hat …

Bei jedes A und jedes B fasst das und die beiden Gruppen A und B zusammen. Obwohl jedes zweimal vorkommt, ist der Nachdruck auf einzelnes Individuum aus der Gesamtgruppe A und B so stark, dass das Verb in der Einzahl bleibt:

Jeder Schüler und jede Schülerin hat
= Jedes Individuum aus der Gesamtgruppe “Schüler und Schülerinnen” hat

Wenn Sie mich zum Schiedsrichter machen würden, hätten also diejenigen, die auf den Plural in allen Beispielsätzen gewettet haben, die Flasche Champagner – so leid es mir tut – verloren. Mögen die Sieger den Verlierern auch ein Gläschen gönnen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ich fahre zu oder nach …?

Sagt man nach oder zu? Das ist eine Frage, die schon an verschiedenen Orten behandelt worden ist. Da sie aber immer wieder auftaucht, kann ich es nicht lassen, hier auch einmal meine Antwort zu veröffentlichen.

Frage

Wir streiten uns ob es heissen muss:

Ich fahre zu OBI oder
Ich fahre nach OBI

(OBI ist ein Baumarkt)

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

es lohnt sich meistens nicht, über Sprachfragen zu streiten. Sehr oft haben nämlich beide Seiten irgendwie recht. So auch in diesem Fall.

Im Standarddeutschen sagt man:

Ich fahre zu Obi.

Man verwendet nach in diesem Zusammenhang nur bei geographischen Namen (Länder, Regionen, Ortschaften, Inseln), die keinen Artikel haben:

Ich fahre nach Österreich.
Ich fahre nach Bayern.
Ich fahre nach Barcelona.
Ich fliege nach Hawaii.

Außerdem verwendet man nach noch in nach Hause und bei den Himmelsrichtungen (zum Beispiel nach Norden).

Bei geographischen Namen mit Artikel verwendet man in – außer bei Inseln:

Ich fahre in den Schwarzwald.
Ich fahre in die Tschechische Republik.
Ich fliege in die Vereinigten Staaten.
Ich fliege auf die Hawaii-Inseln.

Sonst verwendet man meistens zu:

Ich fahre zum Bäcker.
Ich fahre zum Bahnhof.
Ich fahre zum Standesamt.
Ich fahre zur Kirche.

Bei Personen- und Firmennamen:

Ich fahre zu meiner Schwester.
Ich fahre zu Herrn G.
Ich fahre zu Bauhaus/Globus/Hellweg/Hornbach/Toom/…
Ich fahre zu Obi.

Soweit die Standardsprache. In der Umgangssprache hält man sich nicht überall an diese Regeln. So verwendet man zum Beispiel im nördlichen/nordwestlichen deutschen Sprachraum oft nach statt zu: Ich fahre nach Obi. Und im süddeutschen Sprachraum, wo ich herkomme und wo man Namen meisten mit Artikel verwendet, wundert sich niemand, wenn Sie sagen: Ich fahre zum Obi.

Standardsprachlich korrekt ist nur Ich fahre zu Obi. Zu Obi fährt man aber meistens in einer Situation, in der man sich in der Umgangssprache unterhält. Wenn Sie also in Norddeutschland sind oder norddeutsche Wurzeln haben, können Sie ohne Weiteres auch Ich fahre nach Obi sagen. In einer informellen Situation kann Ihnen das niemand übelnehmen. Wenn Sie allerdings zum Beispiel einen formellen Brief schreiben, ein offizielles Interview geben oder einen Prospekt für Obi gestalten, sollten Sie nur das im der Standardsprache übliche zu verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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