Archiv für April, 2008

Mindestens und wenigstens

Frage

Meine ausländischen Freunde fragten mich, wann im Deutschen das Adverb wenigstens und wann mindestens benutzt wird. Ich muss zugeben, dass ich ein wenig gestutzt habe und dann meine Inkompetenz eingestehen musste.

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

bei dieser Frage ist auch meine Kompetenz auf Anhieb überfordert. Ein Blick in die Wörterbücher zeigt, dass die beiden Wörter mehr oder weniger die gleiche Bedeutung haben:

1) nicht weniger als oder mehr

Für das nächste Level braucht man mindestens 1000 Punkte.
Für das nächste Level braucht man wenigstens 1000 Punkte.
Die letzte Mahlzeit sollte mindestens drei Stunden zurückliegen.
Die letzte Mahlzeit sollte wenigstens drei Stunden zurückliegen.

2) zumindest; immerhin

Du hättest mir wenigstens beim Abwaschen helfen können.
Du hättest mir mindestens beim Abwaschen helfen können.
Viel ist es nicht, aber es ist wenigstens etwas.
Viel ist es nicht, aber es ist mindestens etwas.

Meine und vielleicht auch Ihre Unsicherheit rührt daher, dass für die erste Bedeutung häufiger mindestens als wenigstens verwendet wird. So liest man zum Beispiel bei den Haltbarkeitsangaben verderblicher Produkte fast nur mindestens haltbar bis und nicht wenigstens haltbar bis. Umgekehrt wird für die zweite Bedeutung häufiger wenigstens verwendet. Ich persönlich würde sogar nur Viel ist es nicht, aber es ist wenigstens etwas und nicht Viel ist es nicht, aber es ist mindestens etwas sagen. Aber wie gesagt, nach den Angaben der Wörterbücher soll beides möglich sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn der Bus im anhaltenden Regen anhält

Vielleicht weil es gerade aufgehört hat zu regnen, kommt mir etwas Kurioses in den Sinn, das mir letzthin aufgefallen ist: Es ist nicht das Gleiche, ob ein Bus anhält oder der Regen anhält. Das eine Anhalten ist sogar ziemlich genau das Gegenteil des anderen! Wenn ein Bus anhält, dann stoppt er. Wenn der Regen anhält, dann stoppt er eben gerade nicht. Wer soll das noch verstehen? Das muss ja zu grauenvollsten Missverständnissen führen!

Das Schöne an der Sprache ist, dass es in der Regel nicht zu solchen Missverständnissen kommt. Zum Ersten bietet der Satzzusammenhang in solchen Fällen meistens genügend Informationen, um ein mehrdeutiges Wort eindeutig zu verstehen. Natürlich gibt es Fälle wie Du solltest die Absperrung umfahren (darum herum oder voll drüber?), aber sie kommen nur selten vor und lassen sich einfach vermeiden.

Im Fall von anhalten kommt als Zweites hinzu, dass dieses Verb nur in Verbindung mit einer bestimmten Art von Wörtern stoppen bedeutet und nur mit einer bestimmten anderen Art von Wörtern fortdauern. Nur wenn Menschen und von Menschen gesteuerte oder bediente konkreten Sachen wie Fahrzeuge, Maschinen und Ähnliches anhalten, bedeutet das Verb stoppen. Bei Abstrakterem oder nicht unter unserer Kontrolle Stehendem wie zum Beispiel guter Laune, Applaus, Kritik, Kopfschmerzen, Nervosität, Trockenheit, Herzenskälte oder eben Regen bedeutet es fortdauern.

Diese beiden Gruppen verdienten natürliche eine genauere Umschreibung. Die Beispiele sollen nur zeigen, weshalb es hier praktisch nie zu Missverständnissen kommt. Ich habe in meiner Laufbahn als Sprachler“ und meiner noch längeren Laufbahn als Deutschsprechender dann auch erst vor kurzem bemerkt, dass dieses Verb zwei so unterschiedliche Bedeutungen hat. Eigentlich fällt es einem erst bei ungewöhnlichen (und im letzten Fall nicht korrekten) Konstruktionen wie den folgenden auf:

Der Bus hält im anhaltenden Regen an.
Der Automobilist hielt an, weil seine Kopfschmerzen anhielten.
Die Kritik an seinem Fahrstil hielt an, er aber nicht.

Und dann haben wir noch nicht davon geredet, dass man jemanden zur Arbeit anhalten und um jemandes Hand anhalten kann …

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Aristoteles und der Apostroph: Eigennamen im Genitiv

Frage

Für die nützliche Information auf Ihrer Webseite möchte ich mich bedanken. Allerdings hätte ich eine Frage bzgl. des Genitivs. Sie führen zwei Möglichkeiten an:

die Regeln des Aristoteles
Aristoteles’ Regeln

Wie aber steht es nun mit dem nachgestellten Genitiv ohne Artikel, so wie in das Zimmer Karins? Darf man die Regeln Aristoteles’ schreiben oder ist es die Regeln Aristoteles – ohne Apostroph?

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

die folgenden Wortstellungen sind im Standarddeutschen möglich:

a) Karins Zimmer
b) das Zimmer Karins
c) das Zimmer der Karin

Wenn ein Name auf s, x oder z endet, steht anstelle des Genitiv-s ein Apostroph:

a) Aristoteles’ Regeln

Nachgestellt ohne Artikel muss ebenfalls ein Apostroph stehen, weil auch hier ein s wegfällt:

b) die Regeln Aristoteles’

Diese Form wird aber nicht verwendet, da sie wegen des Wegfallens des Genitv-s ziemlich undeutlich sein könnte. Diese Undeutlichkeit ist der Grund dafür, dass gerade bei diesen Namen im Genitiv der Artikel häufiger verwendet wird als bei anderen Namen:

c) die Regeln des Aristoteles

Mehr Informationen zum Apostroph bei Eigennamen – zum Beispiel ob nun Carlos Pizzapardies oder Carlo’s Pizzaparadies oder gar beides richtig geschrieben ist – finden Sie hier. Auf keinen Fall den amtlichen Rechtschreibregeln entspricht:

Carlo’s Pizza Paradies

Das hat aber nichts mit dem Apostroph und noch weniger mit Aristoteles zu tun und gehört deshalb nicht hierher.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Monatsname April

Draußen sehe ich schönstes Frühlingswetter mit frühblühenden Bäumen im Sonnenschein, während meine Kollegen am anderen Ende des Landes Aussicht auf strömenden Regen haben; so richtig schön wie sich das für den April gehört. Und wie mir das öfter passiert, fragte ich mich plötzlich, wo denn der Monatsname herkommt. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich weiß es immer noch nicht genau.

Die deutschen, kaum oder nicht mehr verwendeten Namen wie zum Beipiel Ostermond oder Launing erklären sich fast von selbst: Ostern fällt anders als in diesem Jahr oft in den April und den launischen Charakter des Aprilwetters habe ich ja schon angetönt. Aber woher kommt der Name April?

Alle Quellen sind sich einig, dass April vom lateinischen Namen für diesen Monat, nämlich aprilis stammt. Dann aber wird es undeutlich. Der Fremdwörterduden meint dazu einfach „weitere Herkunft unbekannt“. Wikipedia weiß da schon mehr zu berichten: „Wird abgeleitet von lat. aperire „öffnen“, der Monat der Öffnung bzw. des Aufblühens.“

Damit sind aber nicht alle Quellen einverstanden. Eigentlich gar keine. Es zeigt sich hier wieder einmal, dass man die zu Recht vielgepriesene Wikipedia immer mit Vorsicht genießen sollte und dass man, wenn es wirklich wichtig ist, auch noch andere Quellen hinzuziehen sollte. So nennt ein französisches Wörterbuch die Erklärung, aprilis komme von aperire, „reine Phantasie“. Es gibt aber leider wie die meisten Wörterbücher keine weiteren Angaben zur Herkunft des Namens.

Ein italienisches Wörterbuch führt uns auf eine andere Spur: eine etruskische Gottheit. Jacob Grimm verweist in seiner Geschichte der deutschen Sprache, Kapitel „Monate“, auf einen hypothetischen etruskischen Gott Aper oder Aprus. Andere Forscher meinen – und jetzt wird es etwas komplizierter –, dass der Name April auf die etruskische Göttin Apru zurückzuführen sei. Diese wiederum verdanke ihren Namen der griechischen Göttin Aphrodite. Und Aphrodite entspricht der römischen Göttin Venus, der Göttin also, der der Monat April geweiht war. Der Kreis ist geschlossen! Aber ob es auch wirklich stimmt?

Ganz gleich ob der Monat seinen Namen nun einem hypothetischen etruskischen Gott, auf Umwegen oder direkt der Aphrodite oder vielleicht doch dem Verb aperire (öffnen) zu verdanken hat, er ist schon bald wieder vorbei. Möge er Ihnen noch ein paar schöne Sonnenstunden bringen!

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Die Callas und die Huber: der Artikel bei Eigennamen

Frage

Warum heißt es: „Der Ball rollt zu Jakob“? Kann man nicht auch sagen: „Der Ball rollt zum Jakob“?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

im Standarddeutschen werden Vornamen ohne Artikel verwendet. Deshalb sagt man zu Jakob und nicht zum Jakob (= zu dem Jakob). Andere standarddeutsche Sätze sind:

Das hat Susanne gesagt
Hast du Jakob gesehen?
Ich habe die Geschichte Jakob und Susanne erzählt.

Es ist allerdings so, dass vor allem im südlichen deutschen Sprachraum in der Umgangssprache Vornamen häufig mit dem Artikel verwendet werden. Zum Beispiel:

Das hat die Susanne gesagt.
Hast du den Jakob gesehen?
Ich habe die Geschichte dem Jakob und der Susanne erzählt.

Diese Formen gelten aber wie gesagt als umgangssprachlich.

Der Artikel wird aber auch in der Standardsprache manchmal bei Namen verwendet. Das geschieht vor allem bei Familiennamen von Frauen, denen man so den Status einer Diva zuspricht:

Mit dem „Blauen Engel“ gelang der Dietrich der internationale Durchbruch.
Die Callas brillierte unter anderem in Verdis „Traviata“ und Bellinis „Norma“.
Doch einen Oscar bekam die Lollobrigida im Gegensatz zur „Busenfeindin“ Sophia Loren nie.

Bei weniger bekannten Frauen und Männern hat die Verwendung des Artikels beim Familiennamen interessanterweise den gegenteiligen Effekt. Der Artikel gilt hier wieder als umgangssprachlich und er zeugt oft von einer – gelinde gesagt – nicht allzu ehrfurchtsvollen Haltung gegenüber der Person, über die man spricht:

Hast du gehört, was die Huber gemacht haben soll!?
Das ist wohl wieder so ein Hirngespinst vom Schröder.

So kann also die gleiche sprachliche Strategie, nämlich die Verwendung des bestimmten Artikels vor einem Familiennamen, ganz unterschiedliche Bedeutungen haben, je nachdem ob man von Stars oder Nachbarn spricht.

Mehr zum Thema Artikel bei Eigennamen finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie schreibt man zurzeit zur Zeit?

Frage

Ich sehe immer wieder gerne in Ihre Website. In letzter Zeit bin ich aber immer öfter verunsichert, da ich zum Beispiel zur Zeit im „Beobachter“ so geschrieben sehe und auf Ihrer Website zurzeit! Was stimmt nun? Haben Sie Ihre Website länger nicht mehr aktualisiert?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

Ihre Zweifel haben vielleicht damit zu tun, dass zurzeit und zur Zeit nicht das Gleiche bedeuten. Das zusammengeschriebene zurzeit ist ein Adverb und bedeutet jetzt, gegenwärtig (Dieses Produkt ist zurzeit nicht lieferbar). Seit der Rechtschreibreform ist dies die einzig zulässige amtliche Schreibung. Das nach wie vor getrenntgeschriebene zur Zeit ist eine Präposition mit der Bedeutung während der Epoche von, zu Lebzeiten von.

Ich interessiere mich zurzeit dafür, wie man zur Zeit Karls des Großen lebte.

Für weitere Beispiele verweise ich Sie auf die entsprechenden Rechtschreibangaben in Canoo.net.

Unsere Angaben zur Rechtschreibung stützen sich übrigens auf die seit dem 1. August 2006 geltende „definitive“ Reform der deutschen Rechtschreibung und sollten somit auf dem neuesten Stand sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie wird Canoo ausgesprochen?

Frage

Eine Sache ist mir unklar: Wie spricht man Canoo aus? Englische oder deutsche Aussprache?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

der Name unserer Firma, die noch viel anderes als „nur“ Canoo.net anbietet (siehe Canoo.com), wird im Prinzip englisch ausgesprochen: [kanu:]. Er hat aber trotzdem nicht viel mit einem Kanu zu tun, denn das schreibt man im Englischen mit einem e am Schluss: canoe. Und wenn jemand den Namen unserer Sprachdienste mit o statt u ausspricht, finden wir das auch nicht schlimm.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Es wäre ganz interessant zu wissen, wie die Besucher und Besucherinnen von Canoo.net den Namen unserer Sprachdienste bis jetzt ausgesprochen haben. Ich habe bis heute gar nie darüber nachgedacht, dass unsere Seiten tatsächlich nirgendwo Aufschluss darüber geben, wie Canoo ausgesprochen wird.

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Soll man sich auf oder über etwas freuen?

Es ist vielleicht keine besonders originelle Frage, aber sie wird oft von Deutschlernenden gestellt. Und als Muttersprachige haben wir dann spontan ein kleines Problem: Es gibt eindeutig einen Unterschied, aber wie erkäre ich ihn?

Frage

Wie heißt es richtig: Wir freuen uns über Ihre Nachricht oder Wir freuen uns auf Ihre Nachricht?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

ob man sich auf etwas oder über etwas freut, hängt davon ab, was gemeint ist. Der Unterschied zwischen sich freuen über und sich freuen auf lässt sich relativ einfach mit dem Zeitpunkt erklären, zu dem das Sichfreuen stattfindet. Das klingt relativ kompliziert, aber mit Hilfe einiger Beispiele sollte es einfacher werden:

Wenn man sich auf etwas freut, dann weiß man, dass es geschehen wird, aber es hat zum Zeitpunkt, an dem man sich freut, noch nicht stattgefunden. Man empfindet Vorfreude:

  • Ich freue mich auf deinen Besuch.
    Der Besuch ist angekündigt, muss aber noch stattfinden.
  • Ich freue mich auf die Geburtstagsgeschenke.
    Ich habe die Geschenke noch nicht erhalten.

Wenn man sich über etwas freut, dann hat es zum Zeitpunkt, an dem man sich freut, bereits stattgefunden oder findet dann gerade statt:

  • Ich freue mich über deinen Besuch.
    Der Besuch findet gerade statt.
  • Ich freue mich über die Geburtstagsgeschenke.
    Ich habe die Geschenke bereits erhalten.

Für Ihre Beispielsätze bedeutet dies:

  • Wir freuen uns auf Ihre Nachricht.
    Wir habe die Nachricht noch nicht erhalten, nehmen aber an, dass wir sie erhalten werden. Wir empfinden Vorfreude.
  • Wir freuen uns über Ihre Nachricht.
    Wir haben die Nachricht bereits erhalten. Sie bereitet uns Freude.

Für die Liebhaber der gehobenen Sprache hält das Deutsche noch eine dritte Variante bereit: Neben sich über etwas freuen kann man auch sich einer Sache freuen sagen. Zum Beispiel:

Wir freuen uns des sonnigen Wetters.
Ich freue mich Ihres Besuches, meine liebe Komtess.
Freut euch des Lebens!
(ein Volkslied)

Auch wenn das Deutsche nicht des Genitivs verlustig gehen sollte, empfehle ich Deutschlernenden und eigentlich auch Muttersprachigen diese Form nur dann zu verwenden, wenn man höhere literarische Ambitionen hat, regelmäßigen Umgang mit Komtessen und Grafen der alten Schule pflegt oder das erwähnte Volkslied singt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der wegfallende Schlusspunkt

Heute schreibe ich vorsichtshalber etwas über die Rechtschreibung, nämlich über das Wegfallen des Punktes. Wir erhalten immer wieder Anfragen dazu, wie man bei mit einem Punkt geschriebenen Abkürzungen am Satzende oder vor Kommas vorzugehen hat.

Vorausschickend sei gesagt, dass der Punkt eigentlich das einzige Satzzeichen ist, das manchmal weggelassen werden MUSS. Auch ein Komma kann an gewissen Stellen weggelassen werden, aber das liegt dann meistens im Ermessen der Schreibenden. Es KANN weggelassen werden. Das Komma lasse ich aber heute absichtlich links liegen, denn dieses Thema ist auch nach der Reform noch ziemlich komplex. (Man nennt ja manchmal im Deutschen nicht ganz korrekt, aber gefühlsmäßig sehr treffend alle Regeln zur Zeichensetzung „die Kommaregeln“.)

Der Punkt ist also das einzige Satzzeichen, das manchmal wegfallen muss, auch wenn es eigentlich stehen müsste. Um es noch präziser zu sagen: Nur der Punkt am Ende eines Satzes muss manchmal weggelassen werden. Das ist der Fall, wenn am Satzende bereits ein Punkt steht:

  • nach einer Abkürzung mit Punkt:
    Man verkauft dort Lebensmittel wie Brot, Milch, Eier, Teigwaren, Reis usw.
    Die Kosten übersteigen 15 Mio.
    Sie wohnt in Freiburg i. Breisg.
  • nach einer Ordnungszahl mit Punkt:
    Katharina von Aragonien war die erste Frau Heinrichs VIII.
    Wir treffen uns nicht am 18. März, sondern bereits am 15.
  • nach Auslassungspunkten:
    Und dann sagte er nur noch

Für das Ausrufezeichen und Fragezeichen gilt dies nicht. Diese beiden Zeichen sind hartnäckig. Sie stehen immer und überall:

  • Wohnen Sie in Freiburg i. Breisg.?
    Das ist eine Kostenüberschreitung von über 12 Mio.!
  • Wann lebte Heinrich VIII.?
    Kommt nicht erst am 18. März, sondern schon am 15.!
  • Verd…!

Hartnäckig sind auch die Punkte bei Abkürzungen und Ordnungszahlen. Wie die Beispiele oben schon zeigen, weichen sie nicht vor Frage- und Ausrufezeichen. Auch ein Komma lässt sie völlig unbeeindruckt:

  • Sie hat in Freiburg i. Breisg., Bonn und Saarbrücken gewohnt.
    Wir brauchen Brot, Milch, Kaffee, Orangensaft usw., wenn wir morgen hier frühstücken wollen.
  • Wir haben am 15., am 18. und am 19. April freie Termine.
  • Lady ..., die inkognito bleiben will, saß auch im Salon.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Satzzeichen ziemlich zäh sind. Mit Ausnahme des Punktes am Satzende fallen sie eigentlich nie weg. Das kann, wenn man sich ein bisschen Mühe gibt, zu recht eindrücklichen, aber unübersichtlichen Anhäufungen von Satzzeichen führen. Sehen Sie hierzu einen früheren Blogeintrag.

Ganz so einfach wird es uns dann aber doch nicht gemacht: Der Vollständigkeit halber muss ich nämlich noch erwähnen, dass der Schlusspunkt auch bei wörtlichen Zitaten und bei eingeschobenen Zusätzen wegfällt. Doch darüber vielleicht ein anderes Mal mehr. Und hier noch die Hinweise auf die Regeln:

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Ein Redaktor redigiert, ein Korrektor korrigiert, ein Lektor …?

Frage

Wie lautet die Verbentsprechung zum Beruf Lektor? Ein Lektor …?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

hier gibt es leider keine schnittige „Einwortantwort“. Ursprünglich konnte man sagen: Ein Lektor liest. Das Wort geht auf das lateinische lector zurück, das Leser, Vorleser bedeutete. Das entsprechende Verb war legere (u.a. lesen), das es – soweit ich weiß – nicht als fremdes Verb ins Deutsche geschafft hat. Auf legere gehen aber direkt oder indirekt auch Wörter wie Legende, Lektion und Lektüre zurück. Obwohl es verdächtig ähnlich klingt, hat das Wort legieren im Sinne von binden (von z.B. Saucen), miteinander verschmelzen (vgl. Legierung) einen anderen Ursprung: Es geht über italienisch legare auf lateinisch ligare (binden, festbinden, verbinden) zurück.

Im modernen deutschen Sprachgebrauch hängt es vom Beruf oder der Funktion ab, was Lektoren und Lektorinnen genau tun. Es hat allerdings immer irgendetwas mit Lesen zu tun. An einer Universität geben sie Kurse oder leiten sie praktische Übungen. In einem Verlagshaus lesen, prüfen und bearbeiten sie Manuskripte. In Gottesdiensten lesen sie Texte vor. In evangelischen Kirchen können sie auch anstelle des Pfarrers Lesegottesdienste halten.

Es gibt also für Lektor nicht eine so schöne Entsprechung wie zum Beispiel bei ein Redaktor redigiert, ein Korrektor korrigiert oder ein Revisor revidiert. Das kommt auch bei anderen alten Verbableitungen vor (zum Beispiel Aggressor, Autor, Professor). Und selbst wenn es das Verb, von dem ein Nomen ursprünglich abgeleitet worden ist, im modernen Deutschen noch gibt, ist die direkte Entsprechung manchmal nicht mehr gegeben: Heutzutage ist es üblich, dass eine Direktorin ihr Unternehmen führt und ein Rektor sein Bildungsinstitut leitet. Dirigiert und regiert wird meist an anderen Orten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Berichtigung

In der Zwischenzeit hat eine aufmerksame Blogleserin mich unten in einem Kommentar darauf aufmerksam gemacht, dass es doch eine Einwortantwort gibt: lektoriert. Man sagt: Ein Lektor lektoriert (das Wort steht sogar in Canoo.net!). Dies gilt jedenfalls, wenn der Lektor oder die Lektorin für einen Verlag tätig ist. Dieser Kommentar zeigt zwei Dinge, nämlich erstens dass man nicht nur in eine Richtung schauen soll und zweitens dass die Sprache so flexibel ist, dass es meistens keine Lücken gibt, wenn man etwas wirklich braucht.

Ich habe beim Verfassen dieses Beitrags den Fehler gemacht, in Analogie mit den anderen Beispielen auch bei Lektor nur nach hinten zu schauen, nämlich dorthin, wo das Wort herkommt. Ich hätte auch vorwärtsschauen müssen. Wörter haben nicht nur einen Ursprung, sondern sie können selber auch wieder Ursprung sein. Man kann nämlich mit -ieren von Fremdwörtern neue Verben bilden, also lektorieren von Lektor ableiten.

Das Verb lektorieren zeigt auch sehr schön, dass wenn es in der Sprache Lücken gibt, diese oft sehr effizient aufgefüllt werden. Wie ich oben so umständlich dargestellt habe, fehlt im heutigen Deutsch die moderne Variante des Verbs, von dem Lektor abgeleitet ist. Davon lassen sich die Menschen der Verlagsbranche aber nicht beeindrucken. Sie haben ganz korrekt ein neues Verb gebildet, damit sie ein Wort haben, mit dem sie ihre Tätigkeit benennen können. Das nennt man dann Sprachwandel und gehört für mich zu den faszinierendsten Aspekten der Sprache.

Ich bedanke mich herzlich bei Marion K. für ihren Hinweis und bitte Frau M. für meine gelinde gesagt unvollständigen Recherchen um Entschuldigung.

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