Archiv für April, 2008

Le courriel: die französische Antwort auf die E-Mail

Es ist zwar schon einen Monat her, aber ich habe erst dieses Wochenende etwas darüber gelesen: Am 10. März dieses Jahres hat Christine Albanel, die französische Ministerin für Kultur und Kommunikation, den Netzauftritt (Näheres über dieses Wort folgt) FranceTerme eingeweiht. Dort sind die von der Commission générale de terminologie et de néologie vorgeschlagenen und im Journal officiel veröffentlichten neuen Wörter und Ausdrücke zu finden. Es geht hier um eine Kommission, die neue Ausdrücke für neue Sachen und Konzepte vorschlägt, für die es noch keine französischen Wörter gibt oder gab. Das aus deutschsprachiger Sicht besonders Interessante hieran ist, dass die Vorschläge dieser Kommission nicht einfach Vorschläge sind. Nach einem Dekret vom 3. Juli 1996 gilt nämlich in Frankreich das Folgende: Wenn die genannte Kommission einen neuen Ausdruck im Journal officiel veröffentlicht hat, sind alle staatlichen Instanzen verpflichtet, ihn zu verwenden. So etwas Ähnliches gilt im deutschen Sprachbereich nur für die amtliche Rechtschreibung.

Auch für das Deutsche gibt es Instanzen, die sich um die Eindeutschung neuer Begriffe bemühen. Es geht hierbei wie in Frankreich vor allem um die Übersetzung englischer Ausdrücke. Es gibt aber zwei große Unterschiede: Während das erklärte Ziel der französischen Kommission „die Bereicherung der französischen Sprache“ ist, will zum Beispiel der Verein Deutsche Sprache „der Durchmischung der deutschen Sprache mit Anglizismen entgegenwirken“. Auch wenn das in der heutigen globalisierten Sprachlandschaft ungefähr auf das Gleiche herauskommt, finde ich „bereichern“ doch positiver klingen als „entgegenwirken“. Den zweiten und wichtigsten Unterschied habe ich bereits angetönt: Es gibt für das Deutsche keine staatliche Terminologiekommission, deren Vorschläge für neue Wörter einen verpflichtenden Charakter hätten.

Was schlagen denn die Commission und der Verein Deutsche Sprache (VDS) so vor? Hier einige Beispiele aus dem Bereich, in dem Sie sich gerade bewegen:

Das Web muss im amtlichen Frankreich toile genannt werden. Das bedeutet (Spinnen-)Netz und kommt mit dem Vorschlag des VDS überein: Netz. Eine Website ist ein site (ausgesprochen siet), aber das war einfach, denn das englische site und das französische site bedeuteten schon vor dem Internet-Zeitalter zum Teil das Gleiche. (Das englische Wort ist ohnehin ein altes Lehnwort aus dem Französischen – es ist sozusagen wieder zum Ursprung zurückgekehrt.) Die deutschen Vorschläge für site sind übrigens das eingangs verwendete Wort Netzauftritt sowie Netzstandort oder Netzplatz. Die home page wird zur page d’acueil page d’accueil (Empfangsseite), die etwas einladender, aber nicht unbedingt besser klingt als Startseite oder Hauptseite. Beim Weblog oder Blog trifft je nach Art des Inhaltes das französische bloc-notes (Notizblock) oder das deutsche Netztagebuch den Nagel besser auf den Kopf. Für den Webbrowser kommt man in beiden Sprachen zur gleichen Lösung: navigateur respektive Navigator. Besonders schwierig ist wohl das Chatten zu umschreiben, denn dialogue en ligne (Onlinegespräch) klingt zu förmlich und Netzplaudern nach etwas, was eher die Großeltern der heutigen Chatter getan hätten. Besonders gefällt mir die französische Bezeichnung für Spamming: arrosage. Wörtlich bedeutet es Begießen, Berieselung, Beregnen. So wird Spam ja über das Internet verteilt: einfach mit der größtmöglichen Gießkanne über alles gießen. Allerdings passt der deutsche Vorschlag besser zu dem, was ich wirklich von Spam finde: E-Müll. Dann gibt es im Französischen sogar noch eine Wortneuschöpfung: le courriel. Es ist eine Zusammenziehung von courrier électronique, die e-mail ersetzen soll. Dieses Wort könnte es in die französische Allgemeinsprache schaffen, was den deutschen Pendants E-Brief oder Netzbrief wohl nicht gelingen wird. Dafür klingen sie irgendwie zu handgestrickt.

Hat dieses französische Vorgehen Erfolg? Zum Teil scheint das der Fall zu sein, auch wenn noch andere Einflüsse eine wichtige Rolle spielen. Wörter wie ordinateur für Computer, ordinateur portable für Laptop (VDS: Klapprechner!) und logiciel für Software sind völlig eingebürgert. Es finden sich auf französischen Websites auch häufiger pages d’accueil als Homepages, aber ob der dialogue en ligne (Chatten) und der bloc-notes (Blog) dies auch schaffen werden, weiß ich nicht. Ich vermute, dass sich auch im Französischen letztlich nur das durchsetzt, was die Sprachbenutzer praktisch und treffend finden.

Kommentare (7)

Kaufen Sie ein Eis und genießen es! Das Sie in Aufforderungssätzen.

Frage

Ist die folgende Handlungsanweisung grammatikalisch korrekt?

Kaufen Sie sich ein Eis und genießen es!

Mein Sprachgefühl sagt mir, dass beim zweiten Imperativ ein Sie fehlt: Kaufen Sie sich ein Eis und genießen Sie es! – so stimmt es auf jeden Fall. Bei längeren Anleitungen bedeutet dies zwar eine unschöne Häufung des Pronomens Sie, doch das soll nicht das Thema sein.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

Sie haben recht, es fehlt tatsächlich ein Sie. Die wichtigsten Regeln im Zusammenhang mit Aufforderungen in der Höflichkeitsform lauten:

  • Die Aufforderung wird mit dem Konjunktiv I gebildet (vgl. Seien Sie ruhig!)
  • Das Verb steht an erster Stelle.
  • Das Verb muss von nachgestelltem Sie begleitet sein.

Weiter gilt, dass das Sie auch in zusammengezogenen Sätzen nicht wegfallen darf:

Nicht: Kaufen Sie sich eine Eis und genießen es!
Sondern: Kaufen Sie sich ein Eis und genießen Sie es!

Je nach Qualität des Eises klingt dieser Satz in meinen Ohren viel mehr nach einer Einladung als nach einem Befehl, aber ums Eisessen geht es hier ja (leider!) nicht. Ohne das zweite Sie wird genießen offenbar nicht als Form der Aufforderung aufgefasst. Nur wenn wenn die Verbformen ganz nahe beieinanderstehen und die zusammengezogenen Sätze die gleiche Konstruktion haben, kann eventuell ein Sie weggelassen werden:

Bestellen und bezahlen Sie die Ware vor 10.00 Uhr!

Aber nur:

Bestellen Sie die Ware und bezahlen Sie sie vor 10.00 Uhr!
(eingeschobener Satzteil zwischen den Verbformen)

Kommen Sie und geben Sie mir die Hand!
(unterschiedliche Satzkonstruktion)

Im Aufforderungssatz Kaufen Sie sich ein Eis und genießen Sie es! muss das zweite Sie also wie oben schon gesagt erhalten bleiben. In diesem Sinne ist die deutsche Höflichkeitsform tatsächlich eine höfliche Form. Man kann jemandem zwar sieben Befehle gleichzeitig geben, aber wenn man höflich bleiben will, muss man dabei meistens auch siebenmal die höfliche Anrede verwenden. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann man dann zwar aufs Duzen umschalten, aber das ist dann nicht mehr eine Frage der Grammatik, sondern der Kinderstube.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hier noch zwei Verweise auf Grammatikseiten zu diesem Phänomen:

Kommentare (2)

Das Aggregat ist Probe gelaufen: Hilfsverb bei laufen

Frage

Welcher Satz ist korrekt: Gestern ist das neue Notstrom-Aggregat zur Probe gelaufen oder Gestern hat das neue Notstrom-Aggregat zur Probe gelaufen?

Antwort

Sehr geehrter Herr K., das Verb laufen wird meistens mit sein konjugiert:

Ich bin nach Hause gelaufen.
Ich bin schnell gelaufen.
Ich bin zehn Kilometer weit gelaufen.
Der Schweiß ist mir über das Gesicht gelaufen.

Ausnahmen sind Verwendungen wie zum Beispiel:

Ich habe mich müde gelaufen.
Ich bin oder habe 8 Runden gelaufen.
Ich bin oder habe einen neuen Rekord gelaufen.
Ich bin (selten: habe) Ski gelaufen.

Auch die Wendung Probe laufen steht mit dem Hilfsverb sein:

Gestern ist das neue Notstromaggregat Probe gelaufen.

Wie Sie sehen, lasse ich zur weg. In diesem Sinne sagt man besser einfach Probe laufen als zur Probe laufen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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