Jemanden oder jemandem das Leben kosten?

Frage

Ich bin irritiert. Ich habe mir vor einigen Tagen ein Magazin gekauft. Die Artikel sind toll, leider habe ich einige grammatische Fehler gefunden. Ein Beispiel:

Dass die Archäologen etwas übersehen hatten, kam erst Monate später ans Licht, als es mehrere Menschen das Leben kostete.

Muss es nicht vielmehr folgendermaßen lauten:

Dass die Archäologen etwas übersehen hatten, kam erst Monate später ans Licht, als es mehreren Menschen das Leben kostete.

Google findet zum Suchbegriff „mehrere Menschen das Leben kostete“ vier Ergebnisse und zum Suchbegriff „mehreren Menschen das Leben kostete“ vierundzwanzig Ergebnisse. Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Mehrheit ist für „mehreren Menschen das Leben kostete“.

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

ich weiß nicht, ob Ihr Magazin an anderer Stelle grammatikalische Fehler enthält, aber in diesem Fall stimmt die Formulierung. Das Verb kosten gehört zu den wenigen Verben, die mit einem doppelten Akkusativ stehen:

Das kostet dich einen Euro.
Das kostet mich nur eine kleine Mühe.
Die Umfrage kostet Sie höchstens fünf Minuten Zeit.

In diesen Fällen kann die Bedeutung von kosten wie folgt umschrieben werden: „von jemandem einen bestimmten Preis fordern“. Das Verb kosten kann auch „jemanden um etwas bringen“ bedeuten. Auch dann steht es mit zwei Akkusativen:

Es kostete mehrere Menschen das Leben.
Das kostete das Team den Sieg.

In dieser zweiten Bedeutung wird aber – wie Sie ja auch festgestellt haben – häufig auch der Dativ verwendet:

Es kostet mehreren Menschen das Leben.
Das kostete dem Team den Sieg.

Achtung: Strengere Grammatiker behaupten, diese Konstruktion sei falsch. Sie kommt aber recht häufig vor und wird zum Beispiel auch im Duden und im DWDS erwähnt. Ich finde deshalb, dass auch die Formulierungen mit dem Dativ als korrekt anzuschauen sind. Sehen Sie hierzu auch die entsprechende Grammatikseite auf Canoo.net.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

6 Kommentare

  1. pohling schreibt:

    Dezember 4, 2008 um 11:34

    Werter Herr Dr. Bopp
    die persönliche Anrede in dem Satz “ Das kostet ….. 20 Minuten Zeit.“ verlangt den Dativ. Wem kostet es 20 Minuten? Also lautet meiner Meinung nach der Satz – Das kostet Ihnen 20 Minuten Zeit.
    Mit freundlichem Gruß
    M. Pohling

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Dezember 4, 2008 um 12:21

    Sehr geehrter Herr Poling,

    im Standarddeutschen verlangt die Formulierung „Das kostet … 20 Minuten Zeit“ gemäß allen mir zur Verfügung stehenden Grammatiken und Wörterbüchern den Akkusativ: „Wen kostet es 20 Minuten Zeit?“. Es heißt also „Es kostet Sie 20 Minuten Zeit.“ Die Formulierung „Es kostet Ihnen 20 Minuten Zeit“ hört man zwar häufiger, aber sie gilt im Standarddeutschen (noch?) als falsch. Wie ich im obenstehenden Blogeintrag zu erklären versuche, KANN in gewissen Fällen auch der Dativ stehen: „Das könnte Ihnen das Leben kosten“ neben „Das könnte Sie das Leben kosten“. Hierbei gilt aber, dass

    – strenge Grammatiker den Dativ auch in diesen Fällen für falsch halten;
    – der Akkusativ immer (auch) korrekt ist.

    Sehen Sie auch:
    http://www.duden.de/deutsche_sprache/newsletter/archiv.php?id=19

  3. Halbwissender Mensch schreibt:

    Mai 14, 2009 um 01:40

    Lieber Herr Dr. Bopp,

    um mich kurz zu fassen möchte ich lediglich einen kurzen Kommentar auf ihren lezten Beitrag geben, um so eine kleine Diskusion aufrechtzuerhalten.

    Dank unseren Legastenikern und der Faulheit des Deutschen ist es in der Tat lediglich eine Frage der Zeit, bis „Sätze“ wie diese grammatikalisch vollkommen „eingedeutscht“ werden: „Ey bleibst Du krass, ey!“

    Sie halten das für einen Scherz meinerseits?
    Dann schauen Sie sich einmal den Duden an, wir besitzen bereits Wörter, wie „cool“ (engl. kühl)

    Und den eigentlich Beweis findet man auf solch Seiten, die unserem guten alten Duden die Stirn bieten:
    http://szenesprachenwiki.de/
    In dnen Wörter, wie „Pfosten“ folgendermaßen beschrieben werden:
    „Ein Ausdruck, der eine Person tituliert, die eben nicht mehr kann als ein Pfosten. Die Steigerungsform findet sich im Vollpfosten.“

    oder auch schön:
    „Stuff
    – Neudeutsch für Kram, Krempel, Zeugs, Plunder “
    Wobei man im Duden das Wort „Stuff“ nicht findet, noch nicht.. es ist ja neudeutsch

    Was ich Ihnen damit, ganz nebenbei, sagen möchte ist: vergessen Sie google, den Duden und Pipapo – Demnächst besteht der Duden aus einer Seite mit dem Inhalt „Ach macht doch was ihr wollt!“

    *kopfschüttelnd zu Bett geht*

  4. Dr. Bopp schreibt:

    Mai 14, 2009 um 10:21

    Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin nicht der Meinung, dass das Deutsche verkommt oder gar in irgendeiner Weise bedroht ist. Fremdeinflüsse gab es schon früher. Jugend- und Szenensprachen gab es zu allen Zeiten. Im Unterschied zu früher sind diese Sprachäußerungen heute über das Internet usw. auffindbar. Was sich durchsetzt, bleibt, was nur modisches Geplänkel ist, verschwindet. Die meisten jungen Leute sind nämlich bestens in der Lage, zwischen Szenensprache und „Normalsprache“ zu unterscheiden. Natürlich gibt es immer wieder solche, die das nicht können, aber sie werden schon nicht gleich den Untergang des Deutschen bewirken. Sie sind höchstens ein Beweis dafür, das der Deutschunterricht (und das ist dann unbedingt verbesserungswürdig) nicht bei allen den gewünschten Effekt hat.

    Emoticons wie *ganz fest gähn* werden mit Sternchen gekennzeichnet, damit man sie als solche erkennt. Aus dem Englischen übernommen Verben müssen deutsch konjugiert werden. Verwendet man englische Substantive, muss man sich entscheiden, ob sie männlich, weiblich oder sächlich sind. So stark lebt das Deutsche! Selbst wenn man sich lächerlich vieler Anglizismen bedient, muss man sich also an die Grammatik des Deutschen halten.

    Glauben Sie wirklich, dass früher alle mit Sicherheit wussten, wie man etwas korrekt schreibt und sagt? Früher schrieb außer der Elite kaum jemand etwas. Änderung ist von allen Zeiten. Wenn die alten Germanen alles in Stein gemeißelt hätten und sich dann alle immer daran gehalten hätten, klänge Goethes „Faust“ nicht nur ganz anders, sondern er stünde auch in Runen geschrieben. Verzeihen Sie mir bitte diesen etwas gar grob gestrickten Scherz. Die Frage verdient natürlich eine subtilere Behandlung, aber die Diskussion über den in meinen Augen vermeintlichen Verfall der deutschen Sprache will ich hier nicht führen. Das geschieht schon an vielen anderen Stellen.

    Ich möchte Sie aber noch auf einen Blog hinweisen, der gut und sachlich unterbaut eine andere Meinung vertritt, als die von Ihnen angeführten Foren:
    http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/

  5. Matthias Pott schreibt:

    August 27, 2009 um 13:05

    Sehr geehrter Herr Dr. Bopp,

    durch Zufall bin ich zur Ihrer Seite geleitet worden und habe mit Interesse ein paar Beiträge gelesen. Der zum Thema \

  6. Ansei schreibt:

    Januar 26, 2010 um 13:06

    Der Duden ist ein wichtiges Mittel gemeinsame Richtlinien in der Sprache einzusehen. Wer Sprache aber nicht nur als banales Werkzeug im gegenseitigen Austausch betrachtet, sondern auch als Medium der Kunst, der Kreativität, der Poesie, usw., der könnte nie akzeptieren, dass die Grammatik zu einem konservativen Diktator wird, der die Lebendigkeit und Wandelbarkeit der Sprache gewaltsam unterdrückt – unter dem Vorwand der Funktionalität. Sprache geschieht, wenn ich mich verständlich machen kann und andere verstehe.

    Danke also, für die letzte Erklärung, Dr. Bopp.