Archiv für Juli, 2008

Die Sauregurkenzeit

Die Zeit der Sommerferien ist die Zeit der Wiederholungen: alte B-Filme und Serien am Fernsehen, nichts Neues in der Zeitung und ein wiedergekäuter Artikel in diesem Blog: die Sauregurkenzeit. Ich möchte nur noch einmal kurz auf die ungewöhnliche Rechtschreibung dieses Wortes eingehen, damit auch jede Journalistin und jeder Kolumnist es richtig schreiben kann:

die Sauregurkenzeit
in der Sauregurkenzeit
der Höhepunkt der Sauregurkenzeit
die Sauregurkenzeiten

Die Schreibung mit Bindestrich ist ebenfalls möglich:

die Saure-Gurken-Zeit
der Saure-Gurken-Zeit
die Saure-Gurken-Zeiten

Man kann saure auch deklinieren. Dann sollte man Bindestriche setzen:

in der Sauren-Gurken-Zeit
der Höhepunkt der Sauren-Gurken-Zeit
die Sauren-Gurken-Zeiten

Mehr zu diesem Wort und seiner Herkunft lesen Sie, wie sich das in der Sauregurkenzeit (oder Sauren-Gurken-Zeit) gehört, im letztjährigen Beitrag.

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So eine frabannte Ähnlichkeit

Frage

Karl Valentin, ein Münchner Komiker der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts, benutzte in einem seiner Dialoge das Wort frabannt im Satz „So eine frabannte Ähnlichkeit!“ Könnten Sie die Wortbedeutung erforschen?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

das Wort frabannt kenne ich nicht und ich kann es auch nirgendwo finden. Ich vermute allerdings stark, dass Karl Valentins Worte, wenn man sie ins Standarddeutsche „übersetzt“, die folgenden wären: „So eine frappante Ähnlichkeit!“

Das aus dem Französischen stammende Wort frappant bedeutet überraschend, verblüffend. Im Französischen bedeutet frapper eigentlich schlagen, treffen, aber man braucht nicht allzu viel Fantasie, um den Schritt zur übertragenen Bedeutung überraschen, verblüffen zu verstehen. Wenn man sich dabei noch den übersteigerten Gesichtsausdruck eines den Überraschten darstellenden Komikers oder Pantomimen vorstellt, ist es sogar ein sehr passendes und einleuchtendes Bild. Mit dieser Bedeutung gibt es das Verb auch im älteren, gehobenen Deutsch: frappieren.

Das Adjektiv frappant kommt übrigens nicht ausschließlich, aber doch sehr häufig zusammen mit Ähnlichkeit vor:

So eine frappante Ähnlichkeit.
Die Ähnlichkeit war frappant.
Sie gleichen sich in frappanter Weise.

Sehen Sie auch frappant in Canoo.net und DWDS.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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A ticket to Rome/ein Flugschein nach Rom

Zurück aus Rom habe ich mich erst an der den Regen gewöhnen müssen. Am liebsten hätte ich gleich ein Flugticket zurück in den Süden gekauft, aber ich kann Sie ja nicht so lange im Stich lassen. Die Tatsache, dass ich nicht unbegrenzt Ferientage zur Verfügung habe, mag bei der Entscheidung, im feuchtkühlen Raum nördlich der Alpen zu bleiben, auch eine gewisse Rolle gespielt haben.

Für den Flug nach Rom habe ich mein Ticket über den Online-Booking-Service der Airline gekauft. Ich konnte also vor dem Abflug von zu Hause aus in das Online-Check-in einloggen und sowohl einchecken als auch den Boarding-Pass printen. Am Airport musste ich deshalb nicht mehr zum Check-in-Counter, sondern konnte gleich zum Baggage-Drop-off. Danach ging es entlang der Duty-Free-Shops und durch die Security-Control zum Gate.

Für den Flug nach Rom habe ich meinen Flugschein über das Netzbuchungssystem der Fluggesellschaft gekauft. Ich konnte mich also vor dem Abflug von zu Hause aus in die Netzflugabfertigung einwählen und sowohl mich für den Flug anmelden als auch die Einstiegskarte drucken. Am Flughafen musste ich deshalb nicht mehr zum Flugabfertigungsschalter, sondern konnte gleich zur Gepäckabgabestelle. Danach ging es entlang der Zollfreiläden und durch die Sicherheitskontrolle zum Flugsteig.

Sie sehen, es geht um Anglizismen, das heißt aus dem Englischen übernommene Wörter. Wenn es ums Fliegen geht, gibt es deren viele. Ich habe die beiden Texte hier nicht nebeneinandergestellt, damit Sie den einen verurteilen und den anderen begrüßen sollen. Mir wollen sie nämlich beide nicht so recht gefallen. Einerseits klingen in meinen Ohren Online-Booking-Service, Airline und Baggage-Drop-off etwas zu sehr nach „Internationaler-Vielflieger-und-Weltbürger-sein-Wollen“, andererseits haben Netzbuchungssystem, Netzflugabfertigung und Flugsteig für mich irgendwie etwas Forciertes und „Handgestricktes“.

Die beiden Textabschnitte oben sollen nur aufzeigen, dass sowohl die eine als auch die andere „Extremlösung“ einen etwas seltsamen Eindruck hinterlassen kann. Wenn man viele Anglizismen verwendet, riskiert man schnell einmal, den Eindruck einer Möchtegern-Fachfrau oder eines doch nicht ganz so weit gereisten Weltbürgers zu machen — wenn man denn schon von allen verstanden wird. Auf der anderen Seite kann eisernes Festhalten an ausschließlich deutschen Wörtern farblos und etwas sehr verbissen wirken — und manchmal ebenfalls zu Verständnisproblemen führen (wer weiß schon auf Anhieb, was Netzflugabfertigung bedeuten soll?)

Es liegt also an Ihrem Stilgefühl und dem Eindruck, den Sie (nicht) hinterlassen wollen, welche Wahl Sie jeweils zwischen den Anglizismen und deren deutschen Entsprechungen treffen. Oft gibt es sogar auf dem Wortniveau so etwas wie den goldenen Mittelweg. Ein schönes Beispiel dafür finde ich Online-Buchungssystem statt Online-Booking-System oder Netzbuchungssystem. Aber auch dies ist letztlich eine Frage des Geschmackes.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Die meiner Meinung nach ebenso fruchtlose wie uferlose Diskussion zu Sinn und Unsinn von Anglizismen und der Gefahr, die sie für die deutsche Sprache sein sollen, will ich hier bewusst nicht führen.

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Abwesend

Und wieder einmal ist Dr. Bopp für eine Woche abwesend. Dreimal dürfen Sie raten wohin er fährt (wenn Sie auf die Bilder klicken, werden sie größer).

Erster Hinweis zum Land:

Zweiter Hinweis zur Stadt:

Auflösung:

Am 20. Juli bin ich wieder zurück. Tanti saluti!

Dr. Bopp

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Die Berge des Himalaja(s): der Genitiv geographischer Namen

Frage

Setzt man das Genitiv-s bei festen Ortsbezeichnungen ein oder nicht?
die Berge des Himalaja oder die Berge des Himalajas?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

ob man beim Genitiv von geographischen Namen ein s verwendet oder nicht, hängt davon ab, ob sie mit oder ohne Artikel verwendet werden und — wenn sie mit Artikel stehen — welches Geschlecht Sie haben.

Bei geographischen Namen ohne Artikel ist es einfach: Sie werden im Genitiv eigentlich immer mit s verwendet. Zum Beispiel:

Münchens U-Bahn
Salzburgs Bürgermeister
Zürichs Altstadt
der beliebtester Showmaster Deutschlands

Ausnahme: Bei geographischen Namen die auf s, x oder z enden, verwendet man im Prinzip einen Apostroph anstelle des s, aber üblicherweise wird anders formuliert:

Paris Metro
üblicher: die Metro von Paris oder die Pariser Metro

Weibliche geographische Namen mit Artikel haben im Genitiv keine Endung:

die Berge der Schweiz
die Mündung der Donau

Männliche und sächliche geographische Namen mit Artikel bilden den Genitiv normalerweise mit s und/oder es:

die Mündung des Rheins oder des Rheines
die Besteigung des Matterhorns oder des Matterhornes
am Fuße des Brenners
inmitten des Harzes

Viele, vor allem (aber nicht nur) fremde Namen haben daneben auch eine endungslose Variante:

die Quelle des Nils oder des Nil
an den Ufern des Inns oder des Inn
die Geschichte des Balkans oder des Balkan
die Hauptstadt des Irans oder des Iran
und
die Berge des Himalajas oder die Berge des Himalaja

Wenn Sie unsicher sind, welche Variante(n) Sie verwenden können, schauen Sie am besten in einem Wörterbuch nach. Sonst könnte als grobe Faustregel gelten:

Genitiv von geographischen Namen:

  • ohne Artikel: mit s (Ausnahmen: Paris’/von Paris, Florenz’/von Florenz)
  • mit Artikel, weiblich: endungslos
  • mit Artikel, männlich oder sächlich: mit s
    (zum Teil auch mit -es und sehr oft auch endungslos üblich, aber s ist fast immer richtig; Ausnahmen: des Harzes, des Brennerpasses)

Das klingt jetzt alles recht kompliziert. Zu kompliziert eigentlich, denn in den meisten Fällen sagt Ihnen Ihr Sprachgefühl, ob eine Form richtig ist. Man wird oft erst dann unsicher, wenn man anfängt darüber nachzudenken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das Rakentengeschoss

Frage

Darf ich Sie fragen, was ein „Rakentengeschoss“ ist? [Siehe Rechtschreibung.] Diese Entenart ist mir bisher nicht bekannt.

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

kennen Sie das Rakentengeschoss nicht? Bei der Rakente handelt es sich entweder um eine Ente aus dem arabischen Emirat Ra’s al-Chaima (R.A.K.) oder um eine Ente, die vor dem Braten in türkischem Raki mariniert wird. Entsprechend hat auch das Wort Rakentengeschoss zwei Bedeutungen:

  • ein bestimmtes Geschoss mit dem man in der Türkei Enten für das bereits erwähnte Gericht schießt, weil normale Schrotkugeln in Kombination mit Raki den Geschmack der gebratenen Ente verderben können;
  • die Ausscheidung der Ente aus den Arabischen Emiraten, die als eine der wenigen Entenarten sich nur im Flug „erleichtert“, so dass man in der Nähe des Ententeichs von Ra’s al-Chaima Gefahr läuft, von Rakentengeschossen getroffen zu werden.

Wir werden den Fehler natürlich korrigieren und das Rakentengeschoss in ein Raketengeschoss umwandeln. Es könnte aber leider eine Weile dauern, bis diese Korrektur online auf Canoo.net zu sehen sein wird.

Vielen Dank für den Hinweis und freundliche Grüße

Dr. Bopp

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Verwundete retten und Tote bergen

Frage

Neulich habe ich den folgenden Satz in der „Zeit“ gelesen: „Nicht alle verwundeten Amerikaner wurden geborgen.“ Meine Frage ist, ob es so richtig ist. Meiner Meinung nach wäre der Satz mit … wurden gerettet besser. Oder gibt es keine Bedeutungsunterschied zwischen bergen und retten? Ist es nicht so, dass jemand, der nicht mehr am Leben ist, nur geborgen werden kann?

Antwort

Sehr geehrter Herr I.,

nach meinem Sprachempfinden und auch nach den Angaben der mir zur Verfügung stehenden Wörterbücher (z.B. DWDS) bedeutet bergen unter anderem in Sicherheit bringen, retten. Es gibt allerdings Kolumnisten, die sagen, dass bergen und retten nie die gleiche Bedeutung hätten. Gerettet würden nur Lebende, geborgen nur Tote. Damit bin ich teilweise einverstanden, denn es stimmt, dass man Tote nur bergen kann. Für sie kommt jede menschliche Rettung zu spät. Verwundete, Schiffbrüchige und verunglückte Bergsteiger können aber sowohl gerettet als auch geborgen werden. In den Beispielsätzen einiger Wörterbücher und an vielen Stellen im Internet findet man nicht nur Verwundete retten, sondern auch Verwundete bergen.

Wenn Schiffbrüchige gerettet werden, weiß man also sofort, dass sie noch leben, denn wenn sie tot wären, könnten sie nur geborgen werden. Bei bergen ist das nicht immer so eindeutig. Oft gibt die Bezeichnung für die Geborgenen Aufschluss über ihren Zustand: geborgene Verwundete leben noch, geborgene Tote leider nicht mehr. Bei geborgenen Schiffbrüchigen ist es nicht mehr so eindeutig. Deshalb wird in solchen Fällen oft gesagt, dass die Schiffbrüchigen lebend geborgen wurden oder aber leider nur noch tot geborgen werden konnten.

Die Verben retten und bergen sind nicht immer gleichbedeutend. Tote können nur geborgen, aber nicht gerettet werden. Umgekehrt kann man jemanden nur vor einer drohenden Gefahr retten, aber nicht davor bergen. Es gibt noch weitere Unterschiede und Anwendungsbeschränkungen, auf die ich hier leider nicht eingehen kann. Wie so oft in der Sprache überdecken die Bedeutungen der beiden Wörter sich aber doch zum Teil. Der Satz, den Sie in der „Zeit“ gelesen haben, ist also korrekt, denn Verwundete können nicht nur gerettet, sondern eben auch geborgen werden.

Vielleicht hat die obenerwähnte Meinung, bergen und retten könnten niemals gleichbedeutend sein, ihren Ursprung in der bei der Feuerwehr üblichen Definition dieser Wörter. Nach dieser Definition rettet die Feuerwehr verletzte und gefährdete Menschen und birgt sie Sachgüter sowie tote Menschen und Tiere. (Diese Angaben sind „ohne Gewähr“, denn ich übernehme sie aus Wikipedia, ohne sie weiter kontrolliert zu haben.)

Schauen wir uns nun aber einmal die die Definition des Begriffs Bergung an, die man in den „Zentralen Begriffen des Zivil- und Katastrophenschutzes“ der Ständigen Konferenz für Katastrophenvorsorge und Katastrophenschutz findet:

Bergung umfasst Maßnahmen zur Befreiung von Menschen oder Tieren, die durch äußere Einwirkungen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind.

Bei dieser Definition ist es vielleicht nicht unbedingt erforderlich, aber ganz bestimmt nicht ausgeschlossen, dass die Geborgenen noch am Leben sind.

Diese einander widersprechenden Definitionen zeigen, dass man mit der Übertragung solcher fachsprachlicher Definitionen auf die Allgemeinsprache vorsichtig sein sollte. Fachsprachliche Begriffe haben eben oft eine viel engere Definition als die gleichlautenden Wörter der allgemeinen Sprache.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Dem Ralf seine Eltern

Frage

Es gab Diskussionen zu folgendem Satz: Das sind dem Ralf seine Eltern. Mein Opa sagte, dieser Satz sei falsch. Richtig müsse es heißen: Das sind Ralfs Eltern. Ist denn der erste Satz so falsch?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

wenn es um das Hoch- oder Standarddeutsche geht, hat Ihr Opa recht. Man sagt und schreibt:

Das sind Ralfs Eltern.
Das ist Tante Annas Auto.

Formulierungen wie die folgenden gelten im Standarddeutschen als nicht korrekt:

Das sind dem Ralf seine Eltern.
Das ist der Tante Anna ihr Auto

Diese Wendungen gelten als umgangssprachlich oder mundartlich. Woher stammen sie? In vielen Dialekten, vor allem im südlichen deutschen Sprachraum, gibt es (fast) keinen Genitiv. Standardsprachliche Formulierungen wie Ralfs Eltern sind dort also gar nicht möglich, denn Ralfs ist ja eine Genitivform. Besitzverhältnisse im weiteren Sinne werden deshalb mit von+Dativ oder eben dem … sein … bzw. der … ihr … ausgedrückt. Hinzu kommt, dass ebenfalls vor allem in den Dialekten des südlichen deutschen Sprachraums Personennamen in der Regel nur mit Artikel verwendet werden:

der Ralf
die Tante Anna
usw.

Das Fehlen des Genitivs und die Verwendung des Artikels bei Eigennamen führen zu Formulierungen wie dem Ralf seine Eltern. In den jeweiligen Dialekten und Varianten der Umgangssprache sind solche Formulierungen deshalb grammatisch richtig. Sätze mit dem Genitiv wie Wessen Auto ist das? – Das ist Tante Annas Auto (statt Wem sein Auto ist das? – Das ist der Tante Anna ihr Auto) sind dort falsch oder führen zumindest zu hochgezogenen Augenbrauen im Sinne von Was ist denn mit dem/der los? Wenn Sie zum Beispiel bayrisch, schwäbisch oder schweizerdeutsch reden, ist somit gegen dem Ralf seine Eltern gar nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil! Wenn Sie aber danach auf Hochdeutsch umschalten, gilt wie gesagt nur Ralfs Eltern als korrekt.

Sehen Sie hierzu auch diese Grammatikseite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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