Dem Ralf seine Eltern

Frage

Es gab Diskussionen zu folgendem Satz: Das sind dem Ralf seine Eltern. Mein Opa sagte, dieser Satz sei falsch. Richtig müsse es heißen: Das sind Ralfs Eltern. Ist denn der erste Satz so falsch?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

wenn es um das Hoch- oder Standarddeutsche geht, hat Ihr Opa recht. Man sagt und schreibt:

Das sind Ralfs Eltern.
Das ist Tante Annas Auto.

Formulierungen wie die folgenden gelten im Standarddeutschen als nicht korrekt:

Das sind dem Ralf seine Eltern.
Das ist der Tante Anna ihr Auto

Diese Wendungen gelten als umgangssprachlich oder mundartlich. Woher stammen sie? In vielen Dialekten, vor allem im südlichen deutschen Sprachraum, gibt es (fast) keinen Genitiv. Standardsprachliche Formulierungen wie Ralfs Eltern sind dort also gar nicht möglich, denn Ralfs ist ja eine Genitivform. Besitzverhältnisse im weiteren Sinne werden deshalb mit von+Dativ oder eben dem … sein … bzw. der … ihr … ausgedrückt. Hinzu kommt, dass ebenfalls vor allem in den Dialekten des südlichen deutschen Sprachraums Personennamen in der Regel nur mit Artikel verwendet werden:

der Ralf
die Tante Anna
usw.

Das Fehlen des Genitivs und die Verwendung des Artikels bei Eigennamen führen zu Formulierungen wie dem Ralf seine Eltern. In den jeweiligen Dialekten und Varianten der Umgangssprache sind solche Formulierungen deshalb grammatisch richtig. Sätze mit dem Genitiv wie Wessen Auto ist das? – Das ist Tante Annas Auto (statt Wem sein Auto ist das? – Das ist der Tante Anna ihr Auto) sind dort falsch oder führen zumindest zu hochgezogenen Augenbrauen im Sinne von Was ist denn mit dem/der los? Wenn Sie zum Beispiel bayrisch, schwäbisch oder schweizerdeutsch reden, ist somit gegen dem Ralf seine Eltern gar nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil! Wenn Sie aber danach auf Hochdeutsch umschalten, gilt wie gesagt nur Ralfs Eltern als korrekt.

Sehen Sie hierzu auch diese Grammatikseite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

3 Kommentare

  1. Andreas schreibt:

    Juli 2, 2008 um 18:43

    „Gib der Tante Anna ihre Handtasche zurück!“ kann man aber von zwei Seiten sehen. Je nachdem man ihre Handtasche einfach nur (irgendjemandem) zurückgibt, oder tatsächlich der Tante Anna persönlich.

    Eine Frage noch: Sprechen (wir) Österreicher eigentlich bayrisch, oder schweizerdeutsch (zB in Vorarlberg), oder einfach österreichisch?

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Juli 3, 2008 um 00:18

    Solche Zweideutigkeiten kommen schon hin und wieder vor – auch in der Hochsprache und besonders mit besitzanzeigenden Fürwörtern.

    „Petras Mutter stellt die Nachbarin ihrer Tochter vor“.

    Macht nun die Mutter die Nachbarin mit Petra bekannt oder stellt sie Petras Nachbarin jemand anderem vor? Normalerweise klärt der Satzzusammenhang, was gemeint ist. Wenn dem nicht so ist, muss der Sprecher oder Schreiber den Satz anders formulieren oder eine Erläuterung „nachliefern“. Dies gilt auch für „der Tante Anna ihre Handtasche“ und wer sie nun zurückerhält.

    Bitte um Entschuldigung dafür, dass ich oben bei den Beispielen keinen österreichischen Dialekt genannt habe. Grob gesagt gehören die österreichischen Dialekte wie viele in Bayern gesprochenen Dialekte zu den bairischen Dialekten. In Vorarlberg spricht man wie in der Schweiz einen allemannischen Dialekt. Die Bezeichnung Schweizerdeutsch bezieht sich aber normalerweise nur auf die in der Deutschschweiz gesprochenen Dialekte. Präzisere Angaben hierzu finden Sie u.a. in Wikipedia:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Bairische_Dialekte
    http://de.wikipedia.org/wiki/Alemannische_Dialekte

  3. Moni schreibt:

    Juni 4, 2009 um 16:27

    Als Münchnerin kenne neben der hochdeutschen Variante mit dem Genitiv auch noch „die Eltern vom Ralf“ und „das Auto von der Tante Anna“.

    Hier in Ost-Westfalen höre ich immer wieder eine Variante, über die ich jedesmal aufs Neue staune: „Anna sein Auto“.