Archiv für August, 2008

eins Komma fünf, eineinhalb und anderthalb

Im letzten Beitrag ging es um eine Wendung mit Ordnungszahlen (zu viert). Dazu kommt mir heute noch etwas nicht so Wichtiges, aber doch nicht ganz Uninteressantes in den Sinn, auf das ich letzthin gestoßen bin: das Wort anderthalb.

Es ist leicht zu verstehen, dass man für 1½ eineinhalb oder einundeinhalb sagt. Daneben gibt es aber auch noch anderthalb. Persönlich finde ich, dass eineinhalb und anderthalb nicht ganz das Gleiche bedeuten. Wenn man eineinhalb Stunden hat warten müssen, dann hat man ziemlich genau 90 Minuten gewartet. Hat man anderthalb Stunden gewartet, betrug die Wartezeit eher eine Stunde und dann noch ungefähr eine halbe. In anderen Worten: Es gibt das mathematisch genaue eins Komma fünf, das etwas lockerer zu nehmende eineinhalb und dann noch anderthalb, das aus der Zeit stammt, in der es noch keine Stoppuhren und Präzisionswaagen gab und man diese wahrscheinlich auch gar nicht vermisste. Wenn ich so darüber nachdenke, wird mir das Wort so richtig sympathisch.

Doch woher kommt es? Hier sind wir dann endlich bei den eingangs erwähnten Ordnungszahlen angelangt: Der Teil ander… ist nichts anderes als das Wort andere, das früher auch die Bedeutung zweite hatte. Im Schwedischen (andra), Norwegischen (annen) und Dänischen (anden) verwendet man auch heute noch das gleiche Wort für andere und zweite. Das Wort bedeutete also eigentlich so etwas wie zweithalb. Und genau so konnte man früher im Deutschen Zahlenangaben machen:

anderthalb (*zweithalb) = eineinhalb
dritthalb = zweieinhalb
vierthalb = dreieinhalb
fünfthalb = viereinhalb
usw.

Man zählte also nicht zwei und ein Halbes zusammen, sondern gab an, dass das Dritte nur zur Hälfte mitgerechnet werden durfte. So kann übrigens auch das t erklärt werden: Weil ander in der Bedeutung zweit nicht mehr so gebräuchlich war, wurde das t in Anologie mit den Ordnungszahlen (viert…, fünft… usw.) eingefügt. So erklärt es zumindest das renommierte historische Wörterbuch der Gebrüder Grimm.

Kommentare (9)

Ein Eis zu viert

Frage

Ich möchte eine kleine Zeitungsanzeige schalten und würde gerne wissen, ob so alles richtig geschrieben ist – insbesondere das zu Viert. Gekürzte Version:

Hallo! Wir haben uns im Tiergarten gesehen. Du warst mit deiner Tochter da, ich mit meiner. Lust auf ein Eis zu Viert? Oder seid ihr schon vergeben?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

bis auf das Wort, bei dem Sie schon zweifelten, ist Ihre Anzeige richtig geschrieben. Die endungslosen Formen der Ordnungszahlen kommen nur in Verbindung mit zu vor und werden dann kleingeschrieben: zu zweit, zu dritt usw. Richtig ist also:

Lust auf ein Eis zu viert?

Sehen Sie hierzu auch diese Seite.

Viel Glück beim Eisessen und freundliche Grüße

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Okay: all correct oder Otto Kowalski?

Frage

Woher kommt eigentlich der Ausdruck o. k.?

Antwort

Auf diese Frage gibt es viele Antworten, denn niemand scheint es genau zu wissen. Der Duden zum Beispiel beschränkt sich auf ein einfaches H. u. (Herkunft unbekannt). Das ist gut verständlich, denn die große Anzahl der Theorien lässt sich kaum in einem Wörterbuchartikel zusammenfassen.

Da es sich um einen Ausdruck aus dem amerikanischen Englisch handelt, habe ich auch in DEM amerikanischen Online-Wörterbuch, dem Merriam-Webster, nachgeschaut. Es soll sich bei O.K. um eine absichtlich falsch geschriebene Abkürzung für all correct handeln. Das ist plausibel, denn man spricht das ja ungefähr als ool korrekt aus, so dass o. k. sicher als gesprochene Abkürzung viel besser passt als a. c. Außerdem soll es in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Boston und Umgebung Mode sein gewesen, solche falsch oder phonetisch geschriebenen Abkürzungen zu verwenden. Der Ausdruck kommt dann auch zum ersten Mal im Frühjahr 1839 in der Boston Morning Post“ nachweislich in gedruckter Form vor.

Viel interessanter und zum Teil lustiger sind aber andere Erklärungen und Erklärungsversuche. Hier ein Griff aus der Wundertüte:

Eine Erklärung greift auf das Griechische zurück: o. k. soll auf ‚olos kalos (alles gut) zurückgehen. Eine andere These besagt, dass okay von den Siedlern aus der Sprache der Choctaw-Indianer übernommen worden sei. Dort bedeutet der Begriffe okeh so viel wie in der Tat.

Aus der Armeewelt stammt die Erklärung, es sei eine Abkürzung für den Ausdruck order known, mit dem ein Befehl quittiert wurde, oder eine Abkürzung für zero killed (0k, keiner tot), was man wirklich als äußerst okay ansehen darf.

Am besten gefallen mir aber die Erklärungen, die mit Initialen zu tun haben. Zum Teil sind sie nur schon deshalb nicht plausibel, weil sie die Entstehung der Abkürzung auf eine Zeitpunkt nach 1839 festlegen. Hier eine kurze Auswahl:

  • Orrin Kendall & Sons, ein Biskuithersteller, der während des amerikanischen Bürgerkrieges Kekse an die Armee lieferte. Ob diese Kekse so gut waren?
  • Oswald Kowalski (oder Otto Kaiser, Otto Krause u.a.), der Leiter der Qualitätssicherung bei den Ford-Werken in Detroit. Jedes Auto, das das Band verließ, hatte ein Prüfzertifikat, das er mit dem Kürzel OK unterzeichnete.
  • Oskar Keller, ein Kartoffelzüchter, der auf jede Kiste seine Initialen stempelte und immer gleichbleibend hohe Qualität geliefert haben soll.

Noch mehr Theorien finden Sie auf Wikipedia oder zum Beispiel auch hier.

Und weil ich es wieder einmal nicht lassen kann, hier noch etwas zur Rechtschreibung: Man schreibt den ausgeschriebenen Ausdruck als Adjektiv und Adverb klein und als Substantiv groß. Bei der Abkürzung hat man etwas mehr Freiheit:

Alles ist okay.
sein Okay geben

Alles ist o. k. oder O. K.
sein O. K. geben

Kommentare (1)

Wenig zufriedens-tellende Silbentrennung

Frage

Mein Word 2007 trennt mir mit der automatischen Silbentrennung das Wort zufriedenstellend immer zufriedens-tellend. Ich weiß, dass man mit der neuen Rechtschreibung st trennen darf (Fens-ter usw.), aber in diesem Fall macht das doch überhaupt keinen Sinn, oder? Ist es trotzdem korrekt?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

richtig trennt man zufrieden-stellend. Man darf st zwar trennen, aber nicht an dieser Stelle. Die hier geltende Trennregel lautet nämlich, dass bei zusammengesetzten Wörtern zwischen den Teilen der Zusammensetzung getrennt wird: zufrieden-stellend. Erst dann wird innerhalb der Einzelteile getrennt: zu-frie-den-stel-lend. Ebenso:

Abend-stern nicht Abends-tern
Dach-stube nicht Dachs-tube
ein-streichen nicht einst-reichen

Die entsprechende Rechtschreibregel finden Sie hier.

Dann folgen ganz ungefragt ein paar „erbauliche Worte von Dr. Bopp“: Es fällt mir immer wieder auf, dass viele Leute eigentlich viel ungezwungener mit den automatischen Korrekturhilfen umgehen sollten. Diese Programme können nämlich viel, aber nicht alles. Hier kennt das Programm offenbar das Wort zufriedenstellend nicht und es kann auch dessen Zusammenstellung nicht analysieren. Deshalb trennt es falsch, nämlich wie wenn zufriedenstellend ein nicht zusammengesetztes Wort wäre. Wenn Sie also finden, dass ein Korrekturprogramm wie hier einen unsinnigen Vorschlag macht, sollten Sie sich einfach darüber hinwegsetzen. Die Verwendung von Korrekturprogrammen ist zwar sehr nützlich, aber es hilft, wenn man selber auch noch ein bisschen etwas von der Rechtschreibung weiß und dem Programm dann ein wenig selbstbewusster „gegenübertritt“. Die wichtigsten Regeln kennen wir nämlich auch nach der Reform besser, als viele von uns meinen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Man kann zufriedenstellend übrigens auch getrennt schreiben: zufrieden stellend.

Kommentare (3)

Türkische Birnen statt Quitten

Heute wieder einmal etwas Persönlicheres: Dr. Bopp kocht – nicht etwa bei Canoo, sondern ganz privat zu Hause. Dieses Wochenende soll es sogar etwas Ausländisches“ mit Lammfleisch, Pflaumen und Quitten geben. Da stellt man sich gleich drei Fragen: Wann haben Quitten Saison, wo kauft man sie und wie kommen sie zu ihrem Namen? Da dies nicht in eine Kochrubrik ausarten soll, beschäftige ich mich hier mit der dritten Frage. Regelmäßigere Besucherinnen und Besucher dieses Blogs wird es kaum wundern: Bei einem mit Q beginnenden Wort will man als Sprachler“ einfach wissen, woher es kommt.

Dieser Frage nachzugehen war diesmal ganz einfach: Das Wort Quitte geht über verschiedene Schritte wie vulgärlateinisch quidonea und lateinisch cydonia auf das griechische kydonia mela zurück. Das wiederum heißt Apfel aus Kydonia. Kydonia war eine antike Hafenstadt im Nordosten Kretas. Heute heißt die Stadt übrigens Chania. Wenn sie einmal in der Gegend sind, ist die etwas gar touristische griechische Hafenstadt mit ihren vielen venezianischen Einflüssen einen Besuch mehr als wert. Ob ich dort auf dem Markt Quitten gefunden hätte?

Ich konnte nämlich keine Quitten finden. Ich habe mir sagen lassen, dass ihre Saison wie diejenige der zur gleichen Familie gehörenden Äpfel und Birnen erst im September beginne. Ich habe dann halt beim türkischen Gemüsehändler türkische Birnen gekauft. Das sind zwar keine Quitten, aber es sind immerhin ebenfalls gelbe Früchte und sie kommen aus etwa der gleichen geographischen Ecke wie ursprünglich der kydonische Apfel“. (Weshalb gibt es schon türkische Birnen, aber noch keine türkischen Quitten? Das hätte ich den Gemüsehändler fragen müssen!)

Zum Schluss noch eine kleine, fast schon hämische Bemerkung: Bei Quitte, Quittung, Quelle, quasi, quer und Querulant hat die Rechtschreibreform eine ausgezeichnete Möglichkeit verpasst, weiteres äußerst empörtes Aufschreien zu provozieren. Man hätte ja einfach Kwitte, Kwittung, Kwelle, kwasi, kwer und Kwerulant schreiben können. Mich persönlich hätte das übrigens gar nicht so furchtbar gestört, außer dass der arme Buchstabe q im Deutschen ein Außenseiterdasein hätte fristen müssen, da er dann eigentlich nur noch in fremdsprachigen Zitaten vorgekommen wäre.

Kommentare (4)

Das Praktikumszeugnis, das Korrekturprogramm und das Fugen-s

Frage

Bei einer Bewerbung hat mein Word-Rechtschreibprogramm mir das Wort Praktikumszeugnis in Praktikumzeugnis korrigiert. Auf allen Zeugnissen, die ich aus Praktika erhalten habe, steht aber Praktikumszeugnis. Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

das s ist ein sogenanntes Fugenelement. Es entsprach früher dem s des Genitivs. Zum Beispiel:

Essenszeit = Zeit des Essens
Gesprächsleitung = Leitung des Gesprächs

Diese Funktion hat es aber im Laufe der Sprachgeschichte verloren. So kann es zum Beispiel bei weiblichen Wörtern gar kein Genitiv-s sein, weil diese Wörter kein Genitiv-s haben:

Heiratsanzeige
Flüchtigkeitsfehler
Mitternachtsmahl

Im heutigen Deutschen gibt es einfach nur an, dass zwei Wörter zusammengesetzt sind. Nach bestimmten Endungen (z.B. -heit, -keit, -tum, -ion) MUSS es stehen. Bei anderen Gruppen von Wörtern KANN es stehen. Mehr Angaben dazu finden Sie auf dieser und dieser Grammatikseite.

Wenn man nun zweifelt und ein Wort – wie hier Praktikum(s)zeugnis – nicht im Wörterbuch steht, kann man die folgende grobe Faustregel anwenden: Schauen Sie bei anderen Zusammensetzungen mit dem gleichen Wort an erster Stelle nach, ob sie mit oder ohne Fugenelement gebildet werden, und machen Sie es dann gleich.

In unserem Wörterbuch stehen zwei zusammengesetzte Wörter mit Praktikum an erster Stelle:

Praktikumsplatz
Praktikumsstelle

Sie haben beide ein Fugen-s. Demnach heißt es also tatsächlich auch:

Praktikumszeugnis

Diese Methode funktioniert nicht zu hundert Prozent, sie ist aber im Allgemeinen eine gute Faustregel bei Unsicherheiten.

Man kann natürlich auch mit Hilfe von Webbrowsern das Internet absuchen. Diese Methode ist aber mit sehr großer Vorsicht zu genießen, da vor allem bei einer geringen Anzahl Fundstellen eine ganze Reihe von störenden Faktoren eine Rolle spielen kann. Hier ist die Bilanz aber sehr deutlich: über 40.000 Fundstellen für „Praktikumszeugnis“ gegenüber nur etwas mehr als 400 für „Praktikumzeugnis“. Man kann also davon ausgehen, dass die Form Praktikumszeugnis eindeutig die im Deutschen übliche Form ist.

Am besten verlassen Sie sich in solchen Fällen ganz einfach auf Ihr Sprachgefühl und darauf, was Sie in Ihrer sprachlichen Umgebung als allgemein üblich wahrnehmen. Ein Rechtschreibprogramm erfüllt die Kontrolle der Fugenelemente nämlich oft nur (sehr) unvollständig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Wenn es buchstäblich Bindfäden regnet

Gestern las ich in einem Ferienbericht aus den Azoren, dass es dort einen Tag lang buchstäblich Bindfäden geregnet habe. Ich kann mir zwar vorstellen, dass es ausgiebig, sehr stark, heftig, sintflutartig oder eben Bindfäden regnet, aber auch auf den Azoren wird es wohl kaum je buchstäblich Bindfäden regnen. Darüber hätte man gerade im Sommerloch sicher in der Zeitung oder im Wetterbericht nach den Abendnachrichten etwas erfahren. Und was hätten die armen Azorer mit all den Bindfäden anfangen müssen?

Es geht um das Wort buchstäblich, das so viel wie im wahrsten Sinne des Wortes, regelrecht, ohne zu übertreiben bedeutet. Beispiele sind:

Er hat den Zirkus buchstäblich aus dem Nichts erschaffen.
Bei Rettungseinsätzen zählt buchstäblich jede Sekunde.

Weiter kann buchstäblich angeben, dass das nachfolgend Gesagte wörtlich und nicht etwa in einem übertragenen Sinne gemeint ist:

Schokolade ist buchstäblich in aller Munde.
Mit dauernd gekippten Fenstern heizen Sie buchstäblich zum Fenster hinaus.
Madonna hebt buchstäblich ab. (Sie plant einen Flug ins All …)
LOrfeo“ war buchstäblich atemberaubend. (Ein paar Zuschauer waren während der Vorstellung ohnmächtig geworden.)
Schreiender Junge erschreckt Hühner buchstäblich zu Tode. (Die Hühner sind vor Stress tatsächlich tot umgefallen.)

Vergleichen Sie nun die folgenden Sätze, bei denen eine gut gelungene einer weniger empfehlenswerten Verwendung von buchstäblich gegenübergestellt wird:

Teppiche werden schließlich buchstäblich mit Füßen getreten.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Die Frage ist aber, wie Folgendes buchstäblich geschehen kann:

Menschenrechte werden hier buchstäblich mit Füßen getreten.

Zwei weitere Beispiele:

Sie haben mir den Müllcontainer buchstäblich vor die Haustüre gestellt.
In Aachen liegt die niederländische Sprache buchstäblich vor der Haustür.

Wie die niederländische Sprache, so seltsam sie manchmal klingen mag, im wörtlichen Sinne vor Aachener Haustüren liegen soll, ist mir ein Rätsel.

Eine Frau, die einmal spät abends nach Hause kam, wurde von einem Bären, der aus dem Hauseingang flüchtete, buchstäblich überrannt.
Die Zwerge wurden von Orks – der Höllenbrut Mordors und Isengards – buchstäblich überrannt.

Von Bären und Orks kann man, wenn man Pech hat, tatsächlich buchstäblich überrannt werden. Bei den nächsten zwei Sätzen mag man aber wieder hoffen, dass das Überrennen nicht ganz so buchstäblich erfolgte:

Einzige Medienfakultät Deutschlands wurde buchstäblich überrannt.
Dennoch wird die Kursleitung von Anmeldungen buchstäblich überrannt.

Ich könnte noch lange so weitermachen. Es geht mir nicht darum, dass buchstäblich nur buchstäblich verstanden werden könnte. Es ist ein Wort, das auch mit einer rein verstärkende Funktion verwendet werden darf. Die Beispiele sollen nur aufzeigen, dass man vorsichtig sein sollte, wenn man buchstäblich vor in übertragenem Sinne verwendete Ausdrücke stellt. Man riskiert dann nämlich, unfreiwillig humorvoll zu sein. Achten Sie darauf, wenn Sie einmal meinen, es regne schon so lange buchstäblich Bindfäden, dass Ihnen bald buchstäblich der Himmel auf den Kopf falle.

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Die Zeit mit Singen, Spielen, Tanzen und Lesen verbringen.

Frage

Werden die Verben im folgenden Satz groß- oder kleingeschrieben?

Ich verbringe viel Zeit mit singen, spielen, tanzen und lesen.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

viele von uns wissen, dass man Verben großschreiben muss, wenn sie als Substantive verwendet werden. Oft sind solche substantivierten Verben relativ leicht daran zu erkennen, dass ein Artikel (das, ein) oder ein anderes Artikelwort (zum Beispiel alles, kein, dieses, jedes, sein) vor ihnen steht:

Das Schwimmen ist hier verboten.
Ich finde das nicht zum Lachen.
Dort war nur ein Flüstern zu hören.
Alles Bitten war vergeblich, kein Betteln half.
Dieses Ausbleiben jeglichen Kommentars erstaunt mich.
Was findest du von seinem Schweigen?
(siehe aber unten unter ***)

Wie steht es jetzt mit dem Beispielsatz in der obenstehenden Frage? Wie schreibt man ein Verb, wenn es direkt nach einer Präposition wie mit, in, auf usw. steht? Ehrlich gesagt musste ich das sicherheitshalber auch nachschauen, damit ich Ihnen sicher nichts Falsches erzähle. Die Antwort lautet: Auch dann wird großgeschrieben. Das Verb gilt dann als „kasusbestimmter Satzteil“ und als solches ist es wie ein Substantiv zu behandeln. Das hat sogar etwas für sich, denn die Präpositionen bestimmen ja in der Regel den Fall des Wortes, das von ihnen abhängig ist, und „echte“ Verben haben keinen Fall. Richtig ist also:

Ich verbringe viel Zeit mit Singen, Spielen, Tanzen und Lesen

Vergleichen Sie hierzu:

Ich verbringe viel Zeit mit Musik, Fußball, Ballett und Büchern.

Ich wollte eigentlich weitere Beispiele in eine kleine Erzählung einflechten. So etwas wie: „Er wollte auf Biegen und Brechen durch Joggen und Schwimmen abnehmen. Aber wegen Ausbleiben jeglichen Erfolges brach er wider Erwarten in Weinen aus.“ Doch wie Sie sehen, gelingt mir das heute (noch) weniger gut als sonst. Es klingt alles viel zu forciert. Deshalb hier nur eine kurze, langweilige Liste mit weiteren Beispielen:

auf Biegen und Brechen
durch Joggen, Schwimmen und gesündere Ernährung
in Weinen ausbrechen
mit Hoffen und Bangen
ohne Zaudern
trotz intensiven Suchens oder intensivem Suchen
wegen Ausbleiben(s) des Angeklagten
wider Erwarten

Die Regeln finden Sie in § 57 und § 57.2 der amtlichen Rechtschreibregelung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

***
Die Großschreibung gilt natürlich nur, wenn diese Wörter auch wirklich als Artikelwörter verwendet werden. In anderen Fällen schreibt man klein:

Ich müsste das wissen.
Du kannst mich um alles bitten.
Solange dies ausbleiben wird, …

Kommentare (2)

Ähnlich dem Genitiv hat es der Dativ manchmal schwer

Frage

Bitte helfen Sie mir bei folgendem Problem: Für jede Bewegung benötigt der Muskel Energie, ähnlich einem Motor. Ist dieser Satz so richtig oder müsste es …ähnlich eines Motors heißen?

Antwort

Sehr geehrter Herr N.,

ähnlich wird mit dem Dativ verwendet:

jemandem/einer Sache ähnlich sein

Dies gilt auch dann, wenn ähnlich wie eine Präposition verwendet wird:

Einem Insekt ähnlich fliegt dieses Fluggerät in alle Richtungen.
Ähnlich einem Insekt fliegt dieses Fluggerät in alle Richtungen.
Dieses Fluggerät fliegt einem Insekt ähnlich in alle Richtungen.
Dieses Fluggerät fliegt in alle Richtungen, ähnlich einem Insekt.

Richtig ist also:

Für jede Bewegung benötigt der Muskel Energie, ähnlich einem Motor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachtrag

Wenn man es richtig machen will, wird man manchmal ganz unsicher. Das gilt auch bei der Frage, ob man den Dativ oder den Genitiv verwenden muss. Ersterer soll ja gemäß einer populären Meinung des Letzeren Untergang sein. Wenn einem auch im südlichen deutschen Sprachraum wegen dem schlechten Wetter oder manchmal sogar trotz dem schlechten Wetter als falsch angestrichen wird, weil es unbedingt Genitiv sein müsse, dann ist die Gefahr der Übergeneralisierung groß. So liest man oft gemäß eines Berichtes und entsprechend Ihres Auftrags statt richtig gemäß einem Bericht und entsprechend Ihrem Auftrag. Der Genitiv klingt eben irgendwie gebildeter – und irgendwie auch richtiger“. Man hört und liest schließlich viel häufiger etwas über falsch verwendete Dative als über nicht korrekte Genitive. Dann ist es nicht mehr weit bis zum Motto: Besser einen Genitiv zu viel als einen zu wenig“. Das Wörtchen ähnlich steht aber trotzdem mit dem Dativ.

Kommentare (6)

China, Peking und Beijing

Pünktlich zur Eröffnung der Olympischen Spielen 2008 ein paar kleine sprachliche Hintergrundinformationen: Woher kommt der Name China und was hat es mit Peking und Beijing auf sich?

Wieso heißt China eigentlich China? Die Chinesen selber nennen ihr Land Zh?ngguó (auf Deutsch: Reich der Mitte). Von diesem Namen aus kommt man auch mit noch so viel Zungenfertigkeit – oder Mangel an Zungenfertigkeit – nicht auf China, ganz gleich ob man das Ch am am Anfang als ich-Laut oder als k ausspricht.

Der in den westlichen Sprachen übliche Name China geht auf nur einen Teil des heutigen Chinas zurück: Qin (ausgesprochen ungefähr tschin). Dieser Staat im Nordosten Chinas umfasste „nur“ etwa einen Viertel der heutigen Staatsfläche. Seine Geschichte ist eng mit derjenigen der Qin-Dynastie (221-206 v.Chr.) verknüpft. Sie wurde von einem gewissen Yíng Zhèng gegründet, der sich – dies sei nur nebenbei erwähnt – ganz unbescheiden Qin Shihuangdi nannte, was so viel wie erster erhabener Gottkaiser von Qin bedeutet. Der Name des Landes Qin gelangte im Laufe der Geschichte über Südostasien zu den europäischen Seefahrern, die ihn in die westliche Welt zurücknahmen.

Nun zur Hauptstadt: Je mehr die Olympischen Spiele 2008 in Blickfeld rücken, desto mehr erhält der Name Peking Konkurrenz von der Bezeichnung Beijing. Der chinesische Name Beijing bedeutet Nördliche Hauptstadt (bei = Norden, jing = Hauptstadt). Aber wenn die Chinesen Beijing sagen, wieso sagen wir dann Peking?

Der Name soll auf französische Missionare zurückgehen, die ihn im 17. Jahrhundert nach Europa gebracht haben sollen. Vielleicht waren es ja auch nicht französische Jesuiten, aber auf jeden Fall gelangte der Name zu uns, bevor ein bestimmter chinesischer Lautwandel stattfand. Während der Qing-Dynastie (1644-1911) veränderte die Aussprache des k vor einem i in etwas Ähnliches wie ein dsch (geschrieben j). Dehalb heißt die Stadt im modernen Chinesisch Beijing.

Der im Deutschen nach wie vor üblichere Name ist Peking. So steht er zum Beispiel auch im Länderverzeichnis für den amtlichen Gebrauch in der Bundesrepublik Deutschland. Ob das wohl nach den Spielen immer noch so sein wird?

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.