Archiv für September, 2008

Altweibersommer

In der Ecke, in der ich weile, konnte man am vergangenen Wochenende prächtigstes Nachsommerwetter genießen: sonnig und warm, ohne dass man ins Schwitzen käme. Ein richtiger Altweibersommer. Ich mag nicht nur diesen Wettertyp, sondern auch das Wort: Altweibersommer.

Ich dachte immer, dass der Altweibersommer so genannt wird, weil er ideal ist für ältere Damen (früher nicht  allzu abschätzig gemeint alte Weiber genannt), die sonst über den Kreislauf belastende Hitze oder Gelenkschmerzen fördernde Nasskälte zu klagen haben. Das würde auch erklären, weshalb ich dieses Wetter mag, denn zu der Katogorie gehöre ich ja auch schon bald. Ich bin zwar keine Dame, aber doch schon etwas älter und hin und wieder über die Gesundheit klagend. Über Gesundheitsprobleme und die aktuelle Wetterlage zu klagen ist bekanntlich nicht nur dem weiblichen Geschlecht eigen. Wie dem auch sei, meine Ideen zur Wortherkunft stimmen nicht. Es gibt nämlich eine poetischere Erklärung:

Der Altweibersommer verdankt seinen Namen den Spinnenfäden, die im Herbst durch den Wind davongetragen werden. Ob diese Spinnenfäden mit den grauen Haaren alter Frauen verglichen wurden? Sie haben auf jeden Fall noch andere schöne Namen wie Marienseide, Marienfäden oder Herbstfäden. Es könnte auch sein, dass weib nicht mit dem alten Wort für Frau, sondern mit weiben, einem alten Wort für weben, zu tun hat. Wie sich die Herkunft des Wortes Altweibersommer genau erklären lässt, ist also nicht völlig geklärt.

Auch wenn es vielleicht nicht ganz stimmt, gehe ich doch noch davon aus, dass Altweibersommer eine Zusammensetzung ist, die aus einem Adjektiv und zwei Substantiven besteht. Dieser Wortbildungstyp kommt relativ häufig vor, insbesondere mit Zahlwörtern an erster Stelle. Er bildet Wörter wie Achtfamilienhaus, Fünfsternehotel, Vielvölkerstaat und Mehrparteiensystem, aber eben auch so schöne Wortschöpfungen wie Dreitagebart, Hinterzungenvokal, Schwarzfersenantilope, Sechstagerennen, Siebenmeilenstiefel, Weißwangengans, Weitstreckenwagen, Zwölfprophetenbuch und (vielleicht) Altweibersommer.

Weitere Beispiele finden Sie auf dieser Seite.

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Die Polizei, dein(e) Freund(in) und Helfer(in)

Frage

Weshalb heißt es nicht: Die Polizei, deine Freundin und Helferin? Die scheint mir ein weiblicher Artikel.

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

die Polizei ist tatsächlich ein weibliches Wort. Trotzdem kann mit der männlichen Bezeichnung Freund und Helfer auf sie verwiesen werden. Wenn eine Personenbezeichnung wie hier Freund und Helfer sich auf eine weibliche Sache, Institution usw. (hier: Polizei) bezieht, kann im Deutschen sowohl die weibliche als auch die männliche Personenbezeichnung gewählt werden. Zum Beispiel:

Die Firma XY ist Lieferantin dieses Produktes. oder
Die Firma XY ist Lieferant dieses Produktes.

die Stadtverwaltung als Arbeitgeberin oder
die Stadtverwaltung als Arbeitgeber

Man könnte also auch sagen: Die Polizei, deine Freundin und Helferin. Der Slogan ist aber nicht mehr ganz taufrisch. Er stammt aus einer Zeit, in der es noch weniger Polizistinnen gab und die Polizei noch mehr eine Männerdomäne war als heute. Es gab noch keine Kommissarin. Sie kam erst lange nach dem Alten und Derrik – vom übermännlichen Schimanski ganz zu schweigen. Damals fand man wohl, dass Freundin und Helferin einfach zu wenig männlich, stramm und schnurrbärtig klang. Ob man heute eher die weibliche Form wählen würde? Sie kommt zwar manchmal vor, aber wenn sie nicht in einem feministischen Umfeld verwendet wird, ist sie doch meist ironisch bis zynisch gemeint.

Zu diesem Thema gibt es übrigens einen früheren Blogeintrag.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Viel Kommas um wenig Text

Frage

Ich bin grade bei einer schriftlichen Ausarbeitung über meinen eigenen Satz gestolpert, der etwa Was mich fasziniert, ist, dass … lautet. Ist die Kommasetzung hier tatsächlich richtig und wenn ja, wie kommt so etwas zustande?

Antwort

Sehr geehrter Her H.,

ja, Sie müssen tatsächlich so viele Kommas setzen. Nebensätze werden bekanntlich durch Kommas abgetrennt. Wenn man Ihren Satz, der fast nur aus Nebensätzen besteht, umformuliert, sehen Sie, wie die einzelnen Kommas zu erklären sind:

Komma vor ist:

Was mich fasziniert, ist die Kommasetzung.

Komma nach ist:

Faszinierend ist, dass man die Kommas so setzen muss.

Wenn sie diese beiden Sätze ineinanderschieben, erhalten sie:

Was mich fasziniert, ist, dass man die Kommas so setzen muss.

Das sieht tatsächlich so aus, als ob es etwas viel des Guten wäre, aber die wohlwollende Leserschaft liest meistens darüber hinweg, ohne dass ihr etwas auffällt. Wenn Sie diese Kommahäufung trotzdem stört, sind andere, stilistisch oft noch etwas bessere Formulierungen möglich. Zum Beispiel:

Besonders faszinierend finde ich, dass …
Mich fasziniert vor allem, dass…

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Blanc de Noirs im Genitiv

Frage

Heute bekamen wir Infopost einer Kellerei. Im Anschreiben heißt es da: Aufgrund des großen Erfolgs unseres Blanc de Noirs haben wir beschlossen…

Nun frage ich mich: Ist das s der Genitiv-Angleichung bei diesem französischen Wort richtig? […] Nach meinem Sprachgefühl werden fremdsprachliche Wörter im Deutschen nicht dekliniert, darum stolperte ich beim Lesen über das angehängte s.

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

es ist nicht grundsätzlich falsch, bei Fremdwörtern ein Genitiv-s zu verwenden. Oft sind sowohl Formen mit als auch ohne s üblich. Zwei Beispiele aus dem gleichen Bereich:

der Chianti – des Chianti oder des Chiantis
der Muscadet – des Muscadet oder des Muscadets
der Armagnac – des Armagnac oder des Armagnacs

Bei Blanc de Noirs spielt aber etwas anderes eine Rolle: In Ihrem Zitat ist es zwar eine Genitivform, aber das s hinter Noir ist kein Genitiv-s. Es geht hier um eine Art Weißwein (Blanc), der aus roten Trauben hergestellt wird (de Noirs). Das s ist also eine französische Pluralendung, die übrigens auch im Deutschen nicht ausgesprochen wird. Die im Deutschen übliche Schreibweise ist deshalb:

der Blanc de Noirs
des Blanc de Noirs
die Blancs de Noirs

Das s im Schreiben der Kellerei ist also richtig. Das Gleiche gilt auch für die Weißweine aus weißen Trauben:

der Blanc de Blancs
des Blanc de Blancs
die Blancs de Blancs

Im Genitiv sind solche fremdwörtlichen Wendungen in der Regel wie die oben stehenden Beispiele endungslos. In einigen wenigen Fällen gibt es allerdings Formen mit einem Genitiv-s. Die Genitivendung steht dann am gleichen Ort wie die Pluralendung:

der Chef de Cuisine
des Chefs de Cuisine oder des Chef des Cuisine
die Chefs de Cuisine

So kompliziert das alles klingt, etwas ist wenigstens ganz einfach: Ein Genitiv-s schreibt man auch bei Fremdwörtern nur dann, wenn man es auch ausspricht. Beim Plural-s ist das allerdings schon wieder viel komplizierter …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die goldene Hochzeit

Am heutigen 20. September 2008 habe ich etwas ganz Besonderes, wenn auch wieder einmal eher Persönliches zu melden: Ich gratuliere meinen Eltern ganz herzlich zur goldenen Hochzeit! Schon fünfzig Jahre ist die Hochzeit her und immer noch sind sie ein Ehepaar. Das ist doch bestimmt erwähnenswert!

Damit auch die Sprach- und Rechtschreibfanaten unter Ihnen etwas davon haben: Warum man die goldene und nicht die Goldene Hochzeit schreibt, sehen Sie hier und hier.

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Gelenkschmerzen oder Gelenksschmerzen?

Heute geht es wieder einmal um regionale Unterschiede, die es überall und in allen Bereichen der Sprache gibt. Diesmal ist weder die Rechtschreibung noch die Schweiz betroffen. Wir bleiben allerdings im Süden:

Frage

Wie schreibt man zusammengesetzte Wörter mit dem Wort Gelenk als Teil, wie z.B. Gelenk(s)arthroskopie, Gelenk(s)kapsel, Gelenk(s)kollaps, Gelenk(s)knorpel etc. – mit oder ohne Fugen-s? Ich bin aus Österreich. Kann es sein, dass es da Unterschiede zu Deutschland gibt?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

Ihre Vermutung ist richtig. Im Allgemeinen werden Zusammensetzungen mit Gelenk an erster Stelle ohne Fugen-s gebildet:

Gelenkentzündung
Gelenkkapsel
Gelenkschmerzen
usw.

In Österreich sind aber auch die Formen mit Fugen-s üblich:

Gelenksentzündung
Gelenkskapsel
Gelenksschmerzen
usw.

Die letzten Worte richten sich an eingefleischte Teutonen: Die Formen mit Fugen-s sind in Österreich nicht nur üblich, sondern auch korrekt! Regionale Unterschiede gibt es eben auch im Bereich der Wortbildung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn Banken Bankrott … oder bankrott …?

Heute wieder einmal etwas Aktuelles: die Bankenkrise. Keine Angst, ich werde sie weder genauestens analysieren, noch haarfein darlegen, wer die Schuld daran trägt und wie sie hätte vermieden werden können. Auch Prognosen über Dauer, Ausmaß und mögliche weitere „Opfer“ dürfen Sie von mir nicht erwarten. Das überlasse ich Finanzexperten und anderen Wahrsagern. Nein, da ich Sprachler bin (und über keine nennenswerten risikovollen Finanzanlagen verfüge), ist mir beim Lesen der Zeitung heute Morgen das folgende Wort aufgefallen: Bankrott.

Warum Bankrott? – Weil es auch bankrott gibt und ich mich an seine Entstehungsgeschichte erinnerte. Doch der Reihe nach: Neben dem großgeschriebenen Substantiv Bankrott gibt es auch das kleinzuschreibende Adjektiv bankrott. Das führt vorerst zu keinen größeren Schwierigkeiten:

Die Bank steht vor dem Bankrott.
Sie mussten den Bankrott anmelden.
Er wird des betrügerischen Bankrotts beschuldigt.

Die Bank ist bankrott.
Diese Politik wird das Geschäftsleben noch bankrott machen.
Der bankrotte Giftmüllbetrieb gefährdet das Grundwasser.

Nun gibt es aber auch feste Wendungen, bei denen man tief nachdenken muss, ob man nun ein großes B oder ein kleine b schreiben muss. Bankrott gilt in den folgenden Wendungen als Substantiv:

Bankrott machen
Bankrott anmelden
seinen Bankrott erklären.

Und in diesen Wendungen ist es ein Adjektiv:

bankrott sein
sich bankrott erklären
sich für bankrott erklären

Das ist aber noch nicht alles: In Verbindung mit gehen muss bankrott klein- und wo nötig mit dem Verb zusammengeschrieben werden:

bankrottgehen
Die Bank ging bankrott.
Sie spekulierten so lange, bis sie bankrottgingen.
Das Geschäft ist bankrottgegangen.
Der Konzern drohte bankrottzugehen.

Wenn Sie einen Artikel über Zahlungsunfähigkeit schreiben wollen, wissen Sie nun, wann Sie Bankrott und wann bankrott schreiben müssen. Und wenn Sie bei dieser Variantenfülle wie ich nach spätestens einer Viertelstunde den Bankrott Ihres Erinnerungsvermögens anmelden müssen, dann gibt es zum Glück noch Canoo.net. Sehen Sie hier.

Viel wichtiger als die Groß- und Kleinschreibung ist natürlich, dass in nächster Zeit nicht allzu viele Banken bankrott machen, bankrottgehen oder Bankrott anmelden müssen.

Nun noch kurz zur Herkunft des Wortes: Wie das Wort Bank für das Finanzinstitut kommt auch Bankrott aus dem Italienischen: banco rotto = gebrochene Bank. Die Bank war früher vor allem in Italien ein Tisch auf dem Markt, auf dem die ersten Bankiers ihr Geld ausliehen, ihre Wechsel schrieben usw. Wenn ein solcher Banker nun zahlungsunfähig war, wurde sein Tisch gebrochen (ob buchstäblich oder in irgendeinem übertragenen Sinne, das konnte ich leider nicht herausfinden), um anzugeben, dass er nicht mehr in der Lage war, seine Geschäfte zu führen.

Ich wiederhole es in entsprechend historisierenden Worten: Es ist zu hoffen, dass in näherer Zukunft nicht allzu viele Bänke gebrochen werden.

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Der angekommene Urlaub und die beschwipste Konsulin

Es gibt seit kurzem die Möglichkeit, Fragen auch mit Hilfe eines Kontaktformulars zu stellen. Diese Fragen kann ich aber nur dann beantworten, wenn Sie Ihre korrekte E-Mail-Adresse angeben. Alle Fragesteller und Fragestellerinnen erhalten nämlich immer eine persönlich an sie gerichtete Antwort. Canoo.net verspricht Ihnen, dass wir Ihren Namen und Ihre E-Mail-Adresse weder veröffentlichen noch an Dritte weitergeben. Wie belästigen Sie noch nicht einmal mit Post von uns.

Diese Einleitung richtet sich auch an Frau H., deren Frage ich wegen einer wahrscheinlich falsch eingegebenen E-Mail-Adresse nicht beantworten konnte. Hier dann also ausnahmsweise eine „unpersönliche“ Antwort direkt im Blog:

Frage:

Wie ist die Kommasetzung bei diesem Satz:

In Kuba angekommen, beginnt sein Urlaub.

Oder:

In Kuba angekommen beginnt sein Urlaub.

Antwort

Guten Tag Frau H.,

der Satz kann sowohl mit als auch ohne Komma geschrieben werden. In Kuba angekommen ist eine Partizipgruppe (Partizipialkonstruktion), die zur Verdeutlichung oder zur Hervorhebung durch ein Komma abgetrennt werden kann.

Es gibt aber ein anderes Problem: Partizipialkonstruktionen haben kein Subjekt. Normalerweise ist das Subjekt des Partizips dasselbe wie das Subjekt des Hauptsatzes. Das bedeutet – wenn man streng sein will –, dass in Ihrem Beispiel nicht er, sondern sein Urlaub in Kuba angekommen ist. Das Subjekt des Hauptsatzes ist nämlich sein Urlaub (Wer oder was begann?).

Am besten formulieren Sie deshalb den Satz wie folgt um:

In Kuba angekommen beginnt er seinen Urlaub.

Oder mit Komma:

In Kuba angekommen, beginnt er seinen Urlaub.

In dieser Weise ist das Subjekt zu angekommen identisch mit dem Subjekt des Hauptsatzes, nämlich er.

Ein vielleicht noch aussagekräftigereres Beispiel ist das folgende:

Mit Wein gefüllt[,] überreichte die Konsulin ihrem Gatten das Glas.

Hier wird nicht, wie es wahrscheinlich beabsichtigt ist, ausgedrückt, dass das Glas mit Wein gefüllt war. Wegen der oben beschriebenen Subjektigleichheit unterstellt dieser Satz vielmehr, dass die Konsulin schon ziemlich beschwipst gewesen sein muss.

Hier noch die Angaben zu den entsprechenden Regeln:
Rechtschreibung
Grammatik

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Frau Weiß und Herr Strauß in der Schweiz

Herr M. hatte noch eine Ergänzungsfrage zu seiner gestrigen Frage zum Eszett in der Schweiz:

Frage

In meinem Nachnamen steckt auch ein ß. Wird ein ß im Nachnamen einer in der Schweiz lebenden Person auch „eingeschweizt“?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

auch Ihr Name wird in der Schweiz orthographisch „eingebürgert“. Auf Schweizer Tastaturen (ja, das gibt es!) ist das Eszett nämlich schlichtweg nicht vorhanden. Da man den Buchstaben im Schreibunterricht auf der Schule nicht lernt, fließt er auch von Hand geschrieben – wenn überhaupt – nur ganz harzig und ungewohnt aus Feder, Kugelschreiber oder sonstigem Schreibinstrument. Deshalb wird in der Regel das ß auch in Eigennamen zu einem doppelten s.

Leider weiß ich aber nicht, wie das ß amtlich gehandhabt wird, wenn eine Frau Weiß oder ein Herr Strauß sich bei einer schweizerischen Gemeinde als Einwohner anmeldet oder gar den roten Pass mit dem weißen Kreuz erhält. Ich vermute, dass sie dann als Frau Weiss und Herr Strauss durchs amtliche Leben gehen. Es ist auch nicht völlig unmöglich, dass das ganz föderalistisch von Gemeinde zu Gemeinde oder von Kanton zu Kanton unterschiedlich geregelt ist. Wenn zufällig eine in der Schweiz wohnhafte Frau Weiß, ein zum Schweizer gewordener Herr Strauß oder sonst jemand, der damit zu tun hat(te), diesen Beitrag liest: Erlösen Sie uns bitte von dieser Ungewissheit.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Maße und die Masse in der Schweiz

Frage

Wie unterscheidet ein Schweizer die Worte Masse und Maße?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

die Schweizer unterscheiden Masse und Maße tatsächlich nicht im Schriftbild, aber dadurch entstehen keine Probleme. Normalerweise gibt nämlich schon der direkte Satzzusammenhang an, was gemeint ist (N.B.: Schweizer Leser sind sich im Gegensatz zu anderen Lesern von vornherein gewöhnt, dass ein Vokal vor ss kurz ODER lang ausgesprochen werden kann):

die idealE Masse eines Atoms
die idealEN Masse eines Models
Die Masse IST eineS der Masse, die …
Die Masse SIND nicht bekannt.

Auch wenn die Beugung der umstehenden Wörter nicht angibt, welches der beiden Wörter gemeint ist, gibt der weitere Satzzusammenhang Aufschluss: Man spricht selten von der Masse eines Mannequins und ebenso selten von den Maßen eines Atoms. Wenn es zu Wartezeiten kommt, weil die Menschen in Massen zuströmen, ist recht eindeutig, dass damit nicht in Maßen gemeint ist. In den äußerst seltenen Fällen, in denen auch das nichts hilft, kann man immer noch zu anderen Mitteln greifen. Zum Beispiel:

Masse (in cm) = Maße
Masse (Länge x Breite x Höhe) = Maße
Masse (in kg) = Masse
in grossen Massen = in Massen
mit (statt in) Massen geniessen = in Maßen (mit Massen genießen = unwahrscheinlich)

Das Gleiche gilt auch für Busse-Buße und Russen-Rußen. So außergewöhnlich ist dieser Fall übrigens nicht. Der Rest der Deutsch schreibenden Welt geht nämlich auch problemlos mit Fällen wie den folgenden um:

das Heroin – die Heroin
das Band – die Band
der Gang – die Gang
modern (Verb) – modern (Adjektiv)
die Gründung (das Gründen) – der Gründung (Grün-Dung)
die Hochzeit (Trauung) – die Hochzeit (Blütezeit)
umfahren – umfahren
der anhaltende Zug (stoppt) – der anhaltende Regen (stoppt nicht!!)

Die menschliche Sprache ist viel zu robust, als dass sie sich schon wegen einer kleinen Zweideutigkeit aus der Bahn werfen ließe. Es lassen sich natürlich immer mehr oder weniger theoretische Fälle konstruieren, in denen diese Zweideutigkeit tatsächlich zu Verständigungsproblemen führen kann, aber dann muss man halt ein anderes Wort wählen oder ein kurze Erläuterung mitliefern. Nicht einmal im Physikunterricht an Schweizer Schulen oder in schweizerischen Patentbüros, wo man sich regelmäßig sowohl mit Massen als auch mit Maßen abgibt, hat das Fehlen des Buchstabens ß je zu größeren Problemen geführt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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