Archiv für April, 2009

Die Verben andenken und aufoktroyieren

Frage

In der letzten Zeit höre ich des Öfteren, dass dieses oder jenes  Thema  bereits „angedacht“ sei. Meines Erachtens kann es doch nur heißen, dass man über etwas nachgedacht habe, oder? Ebenso finde ich in vielen Diskussionen, dass man jemandem etwas „aufoktroyiert“ hat. Ich meine, dass es sich hier um eine Tautologie handelt und einzig und alleine oktroyiert korrekt wäre.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Wort andenken hat nicht die gleiche Bedeutung wie nachdenken:

über etwas nachdenken = sich über etwas Gedanken machen
etwas andenken =  beginnen, sich über etwas Gedanken zu machen

Mit Hilfe der Vorsilbe an wird angegeben, dass der Prozess des Nachdenkens erst angefangen hat bzw. noch nicht abgeschlossen ist.

In der deutschen Sprache gibt es eine starke Tendenz, gewisse Aspekte der Verbhandlung mit Hilfe von Vorsilben wie an und nach anzugeben oder zu betonen. Andere solche Vorsilben oder Partikeln sind aus, auf, ein, hinunter, über u.v.a.m. Dabei kann es oft zu mehr oder weniger tautologischen Aussagen kommen. [Das eher fachsprachliche Wort tautologisch bedeutet ungefähr doppelt ausgedrückt, „doppelt gemoppelt“. Ein Beispiel für eine tautologische Wendung ist das bemerkenswerterweise in der Frage verwendete einzig und alleine.] In den folgenden, korrekten Beispielen steht jeweils ein Verb mit einer Vorsilbe, obwohl das einfache Verb ohne Vorsilbe im Prinzip auch schon ausreichen würde:

auf den Turm hinaufsteigen – auf den Turm steigen
in ein Zimmer hineingehen – in ein Zimmer gehen
gegen den Schlaf ankämpfen – gegen den Schlaf kämpfen
eine Farbe auswählen – eine Farbe wählen
den ganzen Kuchen aufessen – den ganzen Kuchen essen

Manchmal verdrängen die komplexen Formen sogar das entsprechende einfache Verb: Während es früher Brauch war, Gäste zum Essen zu laden, ist es heute üblich, sie zum Essen einzuladen. Ein heutiger Schiller ließe wohl nicht mehr einen Fischerknaben singen: „Es lächelt der See, er ladet zum Bade.“ (Wilhelm Tell I,1) Es ist wahrscheinlicher, dass er einer jungen Hilfskraft bei der Tretbootvermietung eine literarisch ausgefeilte Variante von „Der See lädt zum Baden ein“ in den Mund legen würde (oder etwas Gerapptes mit Fun im Lake, chillen usw.).

Die Tendenz, Verbbedeutungen mit Vorsilben zu verdeutlichen oder zu betonten, ist, wie bereits erwähnt, im Deutschen sehr stark. Sie wirkt auch beim Wort oktroyieren. Es bedeutet jemandem etwas aufzwingen, aufdrängen, auferlegen. Was dem Verb oktroyieren sozusagen fehlt, ist das auf, das bei den deutschen Entsprechungen so bildlich den zwingenden, drängenden Aspekt der Verbhandlung angibt. Das ist der Grund, weshalb auf häufig vor oktroyieren verwendet wird, auch wenn dies sinngemäß gar nicht mehr nötig wäre. Da solche tautologischen Formulierungen im Bereich der deutschen Verben häufig sind, ist die Frage nicht, ob aufoktroyieren grammatisch korrekt ist, sondern höchstens, ob es stilistisch gut gewählt ist.

Der langen Rede kurzer Sinn: Die beiden Verben andenken und aufoktroyieren sind im heutigen Deutschen gebräuchliche, in vielen Wörterbüchern verzeichnete Verben, gegen die grammatisch nichts einzuwenden ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Stassage?

Für die Beantwortung dieser Frage war einiges detektivische Gespür notwendig. Ich war dann auch sehr mit mir zufrieden, als ich die Antwort gefunden hatte. Zum Ehrentitel Dr. Sherlock Bopp reicht es allerdings noch nicht.

Frage

In einem Text ist das Wort Stassage aufgetaucht. Keiner kann mir sagen was dieses Wort bedeutet. Ich finde es auch in keinem Wörterbuch oder Lexikon. Vielleicht können sie mir weiterhelfen.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

auch ich kenne das Wort Stassage nicht. Es scheint der Name eines FORTRAN-Programms für Geowissenschaftler zu sein. Ich vermute allerdings eher, dass es sich um einen Fehler handelt. Weshalb?

Bis ungefähr zum Zweiten Weltkrieg wurden deutsche Texte in Frakturschrift gedruckt. Danach setzte sich die heute verwendete Antiquaschrift durch. Eine der Schwierigkeiten der Frakturschrift ist für uns Antiqua-gewöhnten Leser die Unterscheidung zwischen den Buchstaben s und f im Wortinnern. Diese beiden Buchstaben sehen in Fraktur nämlich fast gleich aus. Sehen Sie hier Staffage – Stassage in Fraktur:

Könnte es sein, dass der Text, in dem sie das Wort gefunden haben, bereits älter ist? Dann ist es möglich, dass jemand bei der Umsetzung von Fraktur zu Antiqua das Wort Staffage fälschlich als Stassage wiedergegeben hat. Das Wort Staffage gibt es nämlich. Ich zitiere aus Wahrig: „(schmückendes) Beiwerk, Nebensächliches, zusätzliche Ausstattung“.  Es wurde vom Verb staffieren abgeleitet, das wir vor allem noch in ausstaffieren kennen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Informationen zur Frakturschrift finden Sie u.a. in Wikipedia.

Nachtrag

Wie mir Herr G. freundlicherweise mitteilte, hatte ich mit meiner Vermutung recht. Es ging im Text um Personen, die in einem Bild nicht das Hauptmotiv, sondern nur Staffage sind. Wie bereits gesagt: Zum Sherlock Holmes reicht es nicht, aber fast jeder fängt einmal klein an.

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