Archiv für Juni, 2009

Mause- bzw. Rattenfallen

Frage

Der Titel einer Broschüre heißt: „Ihr Erfolg durch Erbe- und Nachfolgeplanung“. Nun trat die Frage auf, ob es nicht richtiger wäre, ohne das e zu schreiben, da es ja auch Erbplanung heißt: „Ihr Erfolg durch Erb- und Nachfolgeplanung“. Was wäre aus Ihrer Sicht richtig?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

richtig ist:

Ihr Erfolg durch Erb- und Nachfolgeplanung

Ein Ergänzungsstrich steht für den Wortteil, der weggelassen wird. Der Wortteil, den man stehen lässt, bleibt unverändert. Das gilt auch dann, wenn er wie hier Erb allein stehend kein eigenes Wort ist:

Erbplanung und Nachfolgeplanung => Erb- und Nachfolgeplanung

Andere Beispiele:

Endbearbeitung und Nachbearbeitung => End- und Nachbearbeitung
Erdbeereis oder Vanilleeis => Erdbeer- oder Vanilleeis
Mausefallen bzw. Rattenfallen => Mause- bzw. Rattenfallen
Vergnügungsparks und Freizeitparks => Vergnügungs- und Freizeitparks
weder einladen noch ausladen => weder ein- noch ausladen

Mehr zum Ergänzungsstrich finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (7)

Dialekt und Grammatik

Frage

Wir haben derzeit angeregte Diskussionen zum Thema deutsche Grammatik und Dialekte – daher die folgenden Fragen:

Gelten Grammatikfehler im Hochdeutschen, z.B. wegen+Dativ statt wegen+Genitiv, auch als Grammatikfehler im Dialekt, z.B. im Schwäbischen? Oder gelten Dialekte sozusagen als „eigene“ Sprachen und sind dort solche Dinge dann möglicherweise richtig?

Wie steht es also mit dem schwäbischen Konstrukt die, wo oder kleiner wie? Ist und bleibt es falsch oder ist es im Dialekt richtig?

Und eine letzte Frage: unterscheiden sich die einzelnen deutschen Dialekte eigentlich bezüglich der Menge oder des Ausmaßes der Abweichungen zur deutschen Grammatik (z.B. Schwäbisch verglichen mit Sächsisch)?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

da ich kein Dialektologe bin und der Platz hier beschränkt ist, kann ich leider nur ein paar allgemeine Angaben machen:

Was in der Standardsprache als Fehler gilt, kann im Dialekt richtig sein. Vieles, was im Standarddeutschen als Grammatikfehler angemerkt wird, findet seinen Ursprung in den Dialekten. Ein Dialekt ist aber keine mehr oder weniger unorganisierte, mit „amüsanten“ Ausdrücken garnierte Ansammlung von Grammatik- und Aussprachefehlern, sondern ein eigenes Sprachsystem mit eigenen Regeln.

Jeder Dialekt hat seine eigene Grammatik. So ist es zum Beispiel in den schwäbischen Dialekten eigentlich falsch, wegen des schönen Wetters zu sagen. Im Schwäbischen (und vielen anderen südlichen Dialekten) steht wegen mit dem Dativ. Ein anderes Beispiel: In den Deutschschweizer Dialekten ist es nicht nur falsch, sondern unmöglich das Haus meines Onkels zu sagen. Dort ist nur (in Übersetzung) das Haus von meinem Onkel oder meinem Onkel sein Haus richtig. Auch in anderen Dialekten ist ein solcher Genitiv im Prinzip falsch und führt in einem Gespräch zwischen Dialektsprechenden zu gehobenen Augenbrauen und unterdrücktem „Wie redet den der/die?“

Ob die Formulierungen die, wo im Schwäbischen korrekt ist, weiß ich leider nicht. Es könnte aber gut sein, dass die Grammatik der schwäbischen Dialekte eine solche Formulierung zulässt oder sogar verlangt.

Was in der deutschen Standardsprache als richtig und falsch gilt, entscheidet nicht eine einzelne Instanz, auch nicht der Duden. Entscheidend sind der allgemeine Gebrauch, eine Übereinstimmung der Sprachbenutzer und die als Standardwerke akzeptierten Beschreibungen verschiedener Spezialisten. Diese Regeln sind aber nicht immer unumstritten! Dass die, wo im Standarddeutschen als falsch gilt, liegt daran, dass Grammatiken, Schulbücher, „gelehrte Häupter“ und tonangebende Schriftsteller sich an diese Regel halten und dass die meisten Leute diese Formulierung aus diesem Grund nicht verwenden, wenn sie Hochdeutsch sprechen und schreiben.

Man sollte also eigentlich nicht von richtig und falsch, sondern von üblich und unüblich oder gebräuchlich und nicht gebräuchlich sprechen. Und somit sind wir wieder zurück bei den Dialekten: Jeder Dialekt hat, wie bereits gesagt, seine eigenen Grammatik. Diese Grammatik muss nicht durch einen Duden und Schulbücher festgelegt sein. Ob etwas „richtig“ oder „falsch“ ist, sieht man daran, ob es in einem Dialekt üblich oder unüblich ist, ob die Dialektsprechenden es als Dialekt erfahren oder nicht.

Der Unterschied zwischen Standardsprache und Dialekt ist nicht bei allen Dialekten gleich groß. Die wenigsten Abweichungen vom Standarddeutschen sollen in den Thüringisch-Obersächsischen Dialekten, der Anhaltischen Mundart und den Ostfränkischen Dialekten zu finden sein. Dagegen unterscheiden sich zum Beispiel die alemannischen und bayrischen Dialekte stärker vom Standarddeutschen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Mehr Informationen zu den deutschen Dialekten und weiterführende Links finden Sie hier.

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Der Megastar und der Moonwalk

Wissen Sie, wann einen das Gefühl des Älterwerdens beschleicht? – Wenn man feststellt, dass die meisten Arbeitskollegen jünger sind, wenn die Lesebrille sich ankündigt und dann, wenn wie heute eine Ikone aus der Jugendzeit gestorben ist. Man kann von seiner Musik und seinem Lebensstil (oder was man darüber zu wissen glaubt) halten, was man will, über eines sind sich wohl die meisten einig: Michael Jackson war eine Popikone. Er hat, wie man heute überall hört und liest, Musikgeschichte geschrieben. Dieses Kapitel der Popgeschichte, das ich, obwohl ich nicht zu seinen größten Fans zähle, über die Jahre hinweg mitverfolgen konnte, ist nun abgeschlossen.

Michael Jackson hat keinen großen Einfluss auf unsere Sprache gehabt. Mir kommen dennoch spontan zwei Wörter in den Sinn: Megastar und Moonwalk. Wenn es das erste Wort nicht gegeben hätte, hätte man es für ihn erfinden müssen. Er war der Megastar schlechthin. So steht sein Name wohl ganz zu Recht in Dudens „Großem Wörterbuch der deutschen Sprache“ bei den Beispielen zum Stichwort Megastar. Auch bei Angaben zu den Kookkurenzen dieses Wortes, das heißt zu den Wörtern, die zusammen mit Megastar in Texten erscheinen, sind  Michael und Jackson prominent vertreten (siehe Wortschatzlexikon). Der Moonwalk ist offenbar ebenfalls keine Erfindung Michael Jacksons, aber er hat diesen Tanzschritt weltberühmt gemacht (siehe zum Beispiel YouTube).

Dies ist übrigens eine Situation, in der Anglizismen angebracht sind: Man könnte zwar sagen, dass der Mondgang durch die Megaberühmtheit und den König der populären Musik bekannt geworden ist, aber nur Moonwalk, Megastar und King of Pop sind zu Michael Jackson passende Begriffe. Ich werde mir heute wieder einmal „Billie Jean“ anhören.

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Der Sack als Mengenangabe

Frage

Wann verwendet man die Mehrzahl Sack, wann Säcke? Ich kaufe 2 Sack oder 2 Säcke Mehl?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

wenn eine Mengenbezeichnung ein „gewöhnliches“ männliches oder sächliches Wort wie Sack ist, kann oft sowohl die Einzahl also auch die Mehrzahl verwendet werden. Wenn die reine Mengenangabe gemeint ist, kann die Einzahl stehen:

Ich habe zwei Sack Kaninchenfutter bestellt.

Wenn der volle Begriff gemeint ist, das heißt, wenn mehrere einzelne Einheiten bezeichnet werden sollen, wird der Plural verwendet:

Ich habe im Stall soeben noch zwei Säcke Kaninchenfutter gesehen.

Da der Übergang fließend ist, kann bei Mengenangaben dieser Art meist sowohl die Einzahl als auch die Mehrzahl stehen:

Er hat drei Glas Wein getrunken.
Er hat drei Gläser Wein getrunken.

zwanzig Kasten Bier bestellen
zwanzig Kästen Bier bestellen

Sie hat drei Sack Mehl gekauft.
Sie hat drei Säcke Mehl gekauft.

Bei weiblichen Mengenbezeichnungen verwendet man bei mehr als einer Einheit immer den Plural:

acht Tonnen Weizen
sieben Kisten Sekt
zwei Prisen Salz

Mehr dazu finden Sie auf dieser Seite in Canoo.net, insbesondere hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wer hat im (T)raumschiff den Oberbefehl: der Captain, der Kapitän oder der Käpten?

Frage

Ich muss eine kleine Geschichte über ein Raumschiff schreiben und meine Frage ist: Welche der folgenden Formen ist korrekt?

Cepten, Ceptain, Capten, Captain, Cäpten, Cäptain,
Kepten, Keptain, Kapten, Kaptain, Käpten, Käptain

Mein Duden schlägt noch Kapitän vor, der allerdings ein Boot oder Schiff, aber kein Raumschiff dirigiert. Darauf komme ich, weil doch, egal ob „Star Trek“, „Raumschiff Enterprise“ oder „Traumschiff Surprise“, überall nach dem Cäpten und nicht nach dem Kapitän gerufen wird. Oder ist der Ausdruck Cäpten einfach nur Umgangssprache oder vielleicht sogar erfunden?

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

Sie finden den Titel, den Herr Kirk im Raumschiff Enterprise trägt, deshalb nicht in deutschen Wörterbüchern, weil es ein englischer Titel ist. Sehen Sie hierzu den folgenden Wikipedia-Artikel: Captain Kirk. Auch andere Figuren in dieser Raumschiffserie tragen englische Titel: zum Beispiel Commander Spock und Lieutenant Uhura.

Der Film „Traumschiff Surprise – Periode 1“ ist zwar eine deutsche Kinokomödie, aber die Handlung (soweit sie auf der Erde stattfindet) spielt in den Vereinigten Staaten. Außerdem wird dort der Oberbefehlshaber in einer der sehr vielen sehr gewollten Analogien mit dem Raumschiff Enterprise Captain Kork genannt (meist Käpt’n Kork geschrieben).

In der Fernsehserie „Das Traumschiff“ trägt der oberste Schiffsoffizier den deutschen Titel Kapitän. Es wird aber öfter mit dem norddeutschen umgangssprachlichen Ausdruck Käpten nach ihm gerufen. Käpten und Captain klingen aus deutschem Munde genau gleich. Auch die Schreibung Käpt’n Kork greift wohl auf diese norddeutsche Form zurück.

Ein Kapitän ist der Kommandant eines Schiffes oder eines Flugzeuges. Da man bei einem Raumschiff wie bei einem Schiff oder Flugzeug an Bord und von Bord geht, kann man dessen Kommandanten sicher auch Kapitän nennen.

Es gibt also verschieden Möglichkeiten, wie Sie den obersten Chef Ihres Raumschiffes nennen können: Captain W., Kapitän W., Kommandant W. Und wenn man etwas kumpelhaft nach ihm ruft (oder aus Ihrer Geschichte eine deutsche Kinokomödie macht …): Käpten W. oder Käpt’n W.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Fussball Club statt Fußballclub?

Frage

Ich habe eine Frage zum Wort Fußball . Die deutsche Rechtschreibung für das Wort Fußball ist eindeutig. Doch wenn das Wort Fußball für die Bezeichnung eines Fußballvereines verwendet wird, darf man dann das Wort sozusagen als Eigenname mit ss schreiben? Im konkreten Fall geht es um den Fußballverein Berliner Fussball Club Dynamo, die offizielle Abkürzung lautet BFC Dynamo.

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

schreiben dürfen Sie im Prinzip so, wie Sie wollen, außer an der Schule und bei staatlichen Stellen. Die Rechtschreibung ist nämlich, grob gesagt, nur in diesen beiden Bereichen verbindlich. Wenn man sich aber – wie auch ich es empfehle – an die Rechtschreibregeln hält, schreibt man Fußball, nicht Fussball.

Beim BFC Dynamo spielt, wie Sie richtig vermuten, etwas anderes eine Rolle. Die Schreibung Berliner Fussball Club Dynamo kommt im Logo des Clubs vor. Es ist sogar eine Schutzmarke (oder soll es werden). In diesem Bereich, dem Bereich der Eigennamen, gelten die Rechtschreibregeln nur bedingt: Man kann seinen Club, seine Firma usw. so nennen und schreiben, wie man will. Insofern „darf“ also dieser Berliner Fußballclub in seinem Clublogo die Schreibung Fussball verwenden. Das Logo enthält übrigens noch einen zweiten „Fehler“: Fußballclub schreibt man zusammen.

Ein anderes Beispiel (über das sich, so weit ich weiß, kaum jemand aufregt) für eine von der amtlichen Regelung abweichende Schreibung dieser Art ist die geschützte Handelsmarke Meissener Porzellan der Meißener Firma Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen GmbH.

Es könnte sein, dass mehr oder weniger international orientierte Institutionen lieber ein Logo mit ss als eines mit dem außerhalb des deutschen Sprachraums nicht ganz so bekannten ß verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Fahrradtürchen und Bergtürlein

Frage

Probleme bereitet mir die Diminutivform von Tour. Kürzlich las ich Türchen. Gibt es überhaupt ein Wort dafür?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

wenn man zu Tour eine Diminutivform bildet, lautet sie wohl Türchen oder Türlein. Diese Formen fallen lautlich und in der Schreibung mit den Verkleinerungsformen von Tür zusammen, aber das sollte normalerweise dank dem Satzzusammenhang zu keinerlei Verständigungsproblemen führen. Es ist also möglich, einen Diminutiv von Tour zu bilden und zu verwenden. Standardsprachlich sind diese Formen allerdings nicht üblich. Man spricht dann eher von einer kleinen Tour. Umgangssprachlich ist jedoch gar nichts dagegen einzuwenden, am Wochenende bei schönem Wetter je nach landschaftlicher Beschaffenheit der Umgebung ein erholsames Fahrradtürchen oder ein gemütliches Bergtürlein zu unternehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Was ich in der Bretagne über Großbritannien lernte

„Reisen bildet“, sagt man. So weiß ich jetzt zum Beispiel, dass man in der Bretagne bestens Austern, Muscheln und andere Meeresbewohner essen kann, dass es dort guten Cidre (Apfelwein) zu trinken gibt und dass die Crêpes in der bretonischen Küche erfunden worden sind. Auch „richtige“ Kultur findet man en masse: von frühgeschichtlichen Megalithen über mittelalterliche Bauten bis hin zu moderner Kunst. Ich habe außerdem gelernt, wo das groß in Großbritannien herkommt.

Zur Zeit der alten Römer hieß der römisch besetzte Teil Großbritanniens Brit(t)annia. Die Bretagne wurde Aremorica genannt. Letzteres kommt aus dem Keltischen und soll Land am Meer bedeuten. Nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches wanderten viele britannische Kelten von ihrer Insel nach Aremorica aus und verdrängten im Laufe der Zeit die dort herrschende, schon weitgehend romanisierte Kultur. So ersetzte auch der Name ihrer ursprünglichen Heimat den Namen Aremorica fast vollständig. Es gab also zwei Britannien: das ursprüngliche, große Britannien auf der Insel und das kleine Britannien auf dem Festland. Dies ist eine stark vereinfachte Darstellung der historischen Zusammenhänge, aber sie erklärt, wie Großbritannien zum Zusatz groß in seinem Namen kam. Viel besser sieht man diesen Zusammenhang im Französischen, wo man die Bretagne natürlich la Bretagne und Großbritannien la Grande-Bretagne nennt.

Interessant ist auch, dass die heutigen Bretonen zwar eine keltische Sprache sprechen, dass dies aber nicht die direkte Nachfolgerin der Sprache ist, in der sich Asterix, Obelix und andere Gallier unterhielten. Das gallische Keltisch war wahrscheinlich bereits ausgestorben, als die Keltisch sprechenden Britannier in die Bretagne einwanderten. Die heutigen Bretonen sind also zumindest kulturhistorisch gesehen keine Gallier, sondern vor langer Zeit eingewanderte Briten.

So viel über Kelten, Gallier, Britannier und Bretonen. Nach diesem urlaubsbedingten historischen Ausflug wende ich mich ab morgen wieder Fragen über die deutsche Sprache zu.

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