Archiv für September, 2009

Männliche Autos und weibliche Motorräder

Frage

Mich irritiert eine Sache ganz gewaltig: Wenn ich ein Auto z. B. der Marke BMW besitze, sage ich: „Ich fahre einen BMW.“ Habe ich aber ein BMW-Motorrad, sage ich: „Ich fahre eine BMW.“ Da sowohl das Motorrad als auch das Auto sächlich sind, muss der Ursprung für diese Ausdrucksweise ja zum Beispiel von Synonymen (welchen?) oder aber von importierten Möglichkeiten anderer Sprachen entstanden sein?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

bis auf wenige Ausnahmen sind Autos männlich und Motorräder weiblich. Zum Beispiel:

Autos:
der Alfa Romeo
der Audi
der Citroën
der Honda

Motorräder:
die Ducati
die Honda
die Harley
die Kawasaki

Den genauen Grund für die Wahl des männlichen und weiblichen Artikels kann ich nicht mir Sicherheit angeben. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass bei den Autos das männliche Wort der Wagen und bei den Motorrädern das weibliche Wort die Maschine eine entscheidende Rolle gespielt haben. Aber warum nicht einfach das? Hier muss ich raten: Wagen klingt eben vornehmer und teurer als Auto und Maschine macht einen schnelleren und sportlicheren Eindruck als Motorrad. Motorfahrzeuge haben ja für viele von uns nicht nur die Funktion, einen von A nach B zu bringen.

Den Einfluss anderer Sprachen kann man eigentlich ausschließen. Die heute einflussreichste Fremdsprache, das Englische, kennt ja außer bei Personen kein Wortgeschlecht. Ihre Vorgänger in Sachen Einfluss, das Französische und zum Teil auch das Italienische, können auch nicht „schuld“ sein. Aus Frankreich und Italien kommen zwar viele Autos, aber dort sind sie weiblich: la Renault, une Peugeot; la Fiat, una Ferrari. Grammatische Einflüsse dieser Art aus dem Japanischen und Koreanischen, also aus Sprachen weiterer Autoländer, kommen wohl ebenfalls nicht in Frage. Diese Sprachen sind dafür nicht nur geographisch etwas zu weit entfernt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Kanzler, Kanzlei, abkanzeln

Aus einem in diesem Fall nicht gerade unerfindlichen Grund kam bei mir dieses Wochenende die Frage auf, woher denn das Wort Kanzler(in) stammen könnte. Damit meine ich nicht die geschichtlichen oder gar staatsrechtlichen Hintergründe, warum man in Deutschland einen Reichskanzler hatte und zurzeit gerade eine Bundeskanzlerin eine nicht ganz unwichtige Rolle im politischen Leben dieses Landes spielt. Ich meine nur ganz einfach das Wort.

Das Wort Kanzler geht auf das spätlateinischen Wort cancellarius zurück.  Ein cancellarius war im Mittelalter ein hoher Beamter, der für die Ausfertigung wichtiger Urkunden zuständig war. Wie  man ganz genau von dieser Bedeutung zur heute in Deutschland und übrigens auch in Österreich gebräuchlichen Bedeutung des Wortes Bundeskanzler(in) kam, weiß ich nicht so genau. Man kann sich diesen Bedeutungswandel aber leicht vorstellen.

Die cancellarii hatten ihren Namen der Tatsache zu verdanken, dass sie ihre Tätigkeit in einem durch Schranken oder Gitter abgetrennten Raum ausübten: in der Kanzlei (von lateinisch cancelli = Gitter, Schranken). Auch die Kanzel, von der aus man manchmal abgekanzelt wurde und wird, hat den gleichen Ursprung. Wenn man ein, zwei Schritte weiter zurückgeht, trifft man sogar auf den Vorläufer des Wortes Kerker. Man sollte also froh sein, dass bei Wörtern, die historisch miteinander verwandt sind, in der gegenwärtigen Sprache oft nur noch sehr wenig von dieser Verwandtschaft übriggeblieben ist. Was immer man eventuell von Bundeskanzlern und -kanzlerinnen halten mag, als die Gemeinde abkanzelnde Kerkermeister(innen) kann man sie glücklicherweise nicht bezeichnen.

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An seinem wievielten Geburtstag wird man sechs?

Frage

Seit Tagen verwirrt mich eine Geburtstagseinladung, die meine Tochter kürzlich bekommen hat: „Endlich werde ich 6! Am […] möchte ich gerne meinen 7. Geburtstag feiern.“ Auf meine Frage erklärte mir die Mutter des Kindes, es sei kein Fehler, es sei richtig den Tag der Geburt mitzurechnen. Wenn man 6 Jahre alt werde, feiere man den 7. Geburtstag. Einige Leute, die die Diskussion mitbekamen, darunter eine Deutschlehrerin, bestätigten die Behauptung. Bitte klären Sie mich auf: Hat die Mutter recht?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

es ist nicht erstaunlich, dass diese Geburtstagseinladung Sie verwirrt hat. Im Allgemeinen feiert man nämlich, wenn man sechs Jahre alt wird, seinen sechsten Geburtstag. Auch die Tatsache, dass man 50 Jahre alt wird, feiert man an seinem fünfzigsten und nicht an seinem einundfünfzigsten Geburtstag. Die Volljährigkeit erreicht man in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht an seinem neunzehnten, sondern an seinem achtzehnten Geburtstag.

Das Wort Geburtstag hat nämlich zwei Bedeutungen. Nur in der Amtssprache wird es manchmal wörtlich als Tag der Geburt verwendet. In der Allgemeinsprache bedeutet es nicht Tag der Geburt, sondern Jahrestag der Geburt. Wenn man ein Jahr alt wird, feiert man den ersten Jahrestag seiner Geburt, also den ersten Geburtstag. Entsprechend feierte das Mädchen, das sechs Jahre alt wurde, seinen sechsten Geburtstag. Es handelte sich um den sechsten Jahrestag seiner Geburt und nicht um den siebten Tag seiner Geburt. Sie wurde ja – um es überspitzt auszudrücken – nicht zum siebten Mal geboren.

Die Mutter des Kindes, die Deutschlehrerin und andere machen den Fehler (scherzhaft oder unbewusst – das kann ich natürlich nicht beurteilen), die beiden Bedeutungen des Wortes Geburtstag gleichzusetzen. Das klingt vielleicht „logisch“, es ist im Deutschen aber nicht üblich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (1)

5:1 für Bayern – Wer hat denn jetzt gewonnen?

Frage

Neulich auf unserer Terrasse, wir hatten die Nachbarn zu Besuch, fragte ich nach dem Spielstand der Bayern. Als Antwort bekam ich: „Eins zu fünf für Bayern.“ Ich freute mich schon, sagte aber, dass ich traurig sei, dass Bayern verloren hätte. „Nein, nein“, war die Antwort, Bayern hätte auswärts gespielt und gewonnen. Darauf ich: „Wenn ich ohne Zusatzkenntnisse (Auswärtsspiel) das Resultat 1:5 für Bayern höre, dann hat Bayern für mich verloren.“ Wie ist es richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

wenn der Spielstand mit x:y für Bayern angegeben wird, hat Bayern gewonnen, ganz gleich, ob die Bayern nun auswärts oder zu Hause gespielt haben. Die Angabe für ist nämlich für Fußballunkundige wie mich gedacht, die nicht wissen, wer wann wo spielt und in welcher Reihenfolge die Spielstände üblicherweise angegeben werden. 5:1 für Bayern oder 1:5 für Bayern, in beiden Fällen haben die Bayern gewonnen. Das für bedeutet so viel wie zugunsten von und bezieht sich auf den ganzen Spielstand (1:5).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachschrift

Das war vorgestern. Ich war mir auch ganz sicher. Da ich aber wirklich ein Fußballbanause der ersten Güteklasse bin, frage ich mich jetzt, ob ich nicht vielleicht etwas übersehen habe, was für Kenner und Eingeweihte selbstverständlich ist. Lassen Sie es Herrn D. und mich bitte wissen, wenn dem so sein sollte.

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Eine Ost-West-Frage: Europa und der Atlantik

Frage

Auszug aus dem Geographieunterricht der Klasse 5 (Lückentext): „Europa und _____ grenzen im Osten an den _____ Ozean.“ Die Antwort des Lehrers lautet: „Europa und Afrika grenzen im Osten an den Atlantischen Ozean.“ Ist das richtig? Bezieht sich der Osten nun auf die genannten Erdteile oder den Ozean? Meiner Meinung nach grenzen Europa und Afrika im Westen an den Atlantischen Ozean.

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

wenn Eltern nicht mit den Lehrern und Lehrerinnen ihrer Kinder einverstanden sind, haben nach meiner Erfahrung oft die Lehrer(innen) recht. Nicht so in diesem Fall: Europa und Afrika grenzen im Westen an den Atlantischen Ozean. Man sagt auch nicht, dass Deutschland im Norden an die Schweiz und Österreich grenzt. Im Norden grenzt Deutschland an Dänemark, die Nord- und die Ostsee.

Die Sache mit den Himmelsrichtungen ist eben nicht ganz so einfach. Es kommt immer darauf an, worauf die Angabe sich im Satz genau bezieht. Achten Sie unter anderem auf die Stellung der Angabe der Himmelsrichtung in Bezug auf an:

Europa grenzt im Westen [d. h. in seinem Westen] an den Atlantischen Ozean.
Deutschland grenzt im Süden [d. h. in seinem Süden] an Österreich und die Schweiz.

Aber:

Europa grenzt an den Osten des Atlantischen Ozeans.
Deutschland grenzt an den Norden Österreichs und der Schweiz.

Der Lehrer (oder der Verfasser des Lückentextes) hat sich hier bei der Formulierung der Frage sozusagen in der Himmelsrichtung geirrt. Das kommt immer wieder einmal vor, denn Angaben von Himmelsrichtungen sind in gewissem Sinne relativ: Der Osten eines Gebietes grenzt an den Westen des Nachbargebietes. Der Süden einer Region liegt nördlich des Nordens der südlich angrenzenden Region. Da können einem die Himmelsrichtungen schon einmal durcheinanderkommen, wenn man sich nicht konzentriert.

Hinzu kommt, dass das Versehen auf den ersten Blick gar nicht so auffällt, weil Europa nur an einen einzigen Ozean grenzt. Die Antwort, die einem deshalb automatisch in den Sinn kommt, ist der Atlantische Ozean. Dabei achtet man gar nicht so sehr darauf, ob in der Frage Osten oder Westen steht, denn diese Angabe ist eigentlich überflüssig. Weiter liegt auf der gleichen Seite dieses Ozeans nur Afrika. Informationen, die man für das Verständnis nicht wirklich benötigt, lässt man oft außer Acht. Ich hätte den Lückentext spontan so ausgefüllt, wie der Lehrer es wollte. Erst durch Ihre Frage bin ich auf den Irrtum aufmerksam geworden. Gehen Sie also nicht allzu hart mit dem Lehrer ins Gericht!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Autos als Lebensinhalt und Deutschland als Weltmeisterin

Es geht hier nicht um die Frage, ob die Deutschen ihr Auto mehr lieben als der Rest der Welt.

Frage

Wie erklärt der Sprachwissenschafler das Besondere folgender Opel-Werbung: „Wir leben Autos“ (FAS 13.9.09)? Wodurch entsteht grammatikalisch die Wirkung? Und wie ist es bei der folgenden Mercedes-Werbung: „Deutschland ist Weltmeisterin“ (FAZ 12.9.09)?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

beide Werbesprüche haben das wichtigste Ziel erreicht: Sie fallen auf. Das beweisen nur schon Ihre Frage und meine Antwort. Doch wie fallen Sie auf? Am besten fällt man auf, indem man abweicht. In beiden Werbeslogans steht eine Formulierung, die vom normalen Sprachgebrauch abweicht.

Wir leben Autos

In der Opelwerbung fällt die Verwendung des Wortes Autos als Akkusativobjekt bei leben auf. Normalerweise sagt man einfach leben, gut leben, an einem Ort leben, für etwas leben, von etwas leben, mit etwas leben usw. usw. Man sagt praktisch nie etwas leben. Dies ist nur üblich, wenn es um Begriffe geht, die man durchleben, vorleben oder im Leben praktizieren kann. Zum Beispiel: ein einfaches Leben leben, Demokratie leben, seinen Glauben leben, seine eigene Geschichte leben u. Ä. Es geht also um abstrakte Begriffe. Autos hingegen sind konkrete Dinge, die man im Prinzip nicht leben kann. Durch den Werbeslogan wird etwas Konkretes wie Autos zu etwas Abstraktem, zu so etwas wie einer Weltanschauung, einem Lebensinhalt. Das fällt auf.

Deutschland ist Weltmeisterin

Der Mercedes-Slogan knüpft an den Weltmeistertitel der deutschen Fußballfrauen an. Mercedes-Benz war ja der Generalsponsor der deutschen Frauen-Fußballnationalelf. Hier fällt auf, dass die weibliche Form Weltmeisterin sich auf Deutschland bezieht. Man kann sich zwar mit weiblichen Personenbezeichnungen auf eine Sache, Institution usw. beziehen, aber das ist nur dann möglich, wenn es sich um ein weibliches Wort handelt:

Antragstellerin ist die Universität
Die Firma AX ist Lieferantin des Produktes.

Bei männlichen und sächlichen Wörtern ist dies im Prinzip nicht möglich. Trotzdem bezieht sich im Mercedes-Slogan die weibliche Personenbezeichnung Weltmeisterin auf das sächliche Wort Deutschland. Obwohl es Frauen waren, die den Weltmeister(innen)titel errungen haben, ist das grammatisch gesehen eigentlich falsch und fällt deshalb entsprechend auf.

Sehen Sie hierzu auch diesen und diesen älteren Blogeintrag.

Werbesprüche können also mit Hilfe „grammatischer Vergehen“ auffallen und dadurch wirkungsvoll sein. Bei Opel und Mercedes hat das jedenfalls insofern gut funktioniert, dass die Markennamen einige Male in diesem Blog genannt werden …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wo bist Du? – Ich bin einkaufen

Dank einer Frage von Frau D. habe ich eine neue Verbalkonstruktion entdeckt! Damit meine ich nicht, dass ich deren Entdecker bin. Diese Ehre kommt wahrscheinlich dem Linguisten Casper de Groot zu (s. u.). Neu ist die Konstruktion nur insofern, dass sie erst vor Kurzem beschrieben wurde und dass ich noch nie etwas über sie gelesen hatte. Es geht also nicht, wie Sie vielleicht vermuten könnten, um das Doppelperfekt (ich habe gesagt gehabt) oder das Doppelplusquamperfekt (ich hatte gesagt gehabt). Diese Formen sind ja fast so bekannt wie sie bei vielen verpönt sind. Nein, es geht um etwas anderes:

Frage

Schon seit vielen Jahren unterrichte ich Deutsch als Fremdsprache und heute hat mir eine Teilnehmerin eine Frage gestellt, auf die mir auch nach längerem Grübeln keine richtige Antwort einfiel. Was hat es mit der Form ich bin laufen gewesen auf sich? Wäre es ein Perfekt, müsste doch das Präsens logischerweise ich bin laufen heißen? Ist es vielleicht tatsächlich nur Umgangssprache und entbehrt einer grammatischen Grundlage? Mache ich einen Denkfehler?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

der Satz Ich bin laufen gewesen steht im Perfekt. Im Präsens müsste die Form also tatsächlich heißen: Ich bin laufen. Im Präsens klingt der Satz aber recht ungewohnt. Weshalb? – Weil er in der ersten Person steht. Eine etwas ausführlichere Erklärung ist hier sicher angebracht:

Es handelt sich hier um eine Konstruktion, die aus dem Verb sein und einem Infinitiv besteht. Beispiele:

Präs: Wo ist er? – Er ist einkaufen.
Perf: Wo ist sie gewesen? – Sie ist schwimmen gewesen.
Prät: Wo waren sie? – Sie waren Fußball spielen.

Diese Konstruktion kann, vereinfacht gesagt, bei den gleichen Verben verwendet werden, bei denen auch die Konstruktion gehen+Infinitiv verwendet wird:

Er geht einkaufen – Er ist einkaufen.
Sie ist schwimmen gegangen – Sie ist schwimmen gewesen.
Sie gingen Fußball spielen – Sie waren Fußball spielen.

Die Konstruktion sein+Infinitiv wird Absentiv genannt (absent = abwesend). Das Subjekt der Verbhandlung ist nämlich abwesend (und man erwartet, das dass die abwesende Person wieder zurückkehrt). Im Perfekt ist das auch in der ersten Person kein Problem:

Ich bin einkaufen gewesen.

Ich bin also abwesend gewesen, bevor ich diese sage. Im Präsens klingt die gleiche Wendung dann aber etwas ungewohnt.

Ich bin einkaufen.

Ich muss also abwesend sein, während ich dies sage. Der Satz klingt deshalb ohne jeden Kontext etwas sonderbar. Aus diesem Grund konnten Sie ich bin laufen auch nicht einordnen. In der heutigen Zeit ist aber dank moderner Kommunikationsmittel vieles möglich, auch ein Absentiv in der ersten Person im Präsens. Der Satz Ich bin einkaufen klingt als Antwort auf die Frage „Wo bist du?“ übers Handy ganz passabel. Während ich dies sage, bin ich im Normalfall für die Person am anderen Ende der Telefonverbindung abwesend. Hier sieht man, das technischer Fortschritt auch neue grammatische Möglichkeiten mit sich bringen kann.

Stilistisch ist diese Konstruktion eher der gesprochenen Umgangssprache zuzuordnen. Wie Sie sehen, entbehrt sie aber keineswegs einer grammatischen Grundlage. Sie hat sogar einen eigenen, richtig eindrücklich grammatisch klingenden Namen: Absentiv.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

de Groot, Casper. 2000. The absentive. In: Dahl, Östen (ed.) Tense and aspect in the languages of Europe. Berlin: Mouton de Gruyter. 641-667.

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Performant, gibt es das?

Frage

Existiert eigentlich das Wort performant im Deutschen? Ich lese das Wort bei „führenden“ technischen Online-Portalen […] und habe es selbst textlich ebenfalls schon verwendet.

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

wenn Sie das Wort verwenden und es auch in führenden Online-Publikationen zu finden ist, dann gibt es das Wort. Die Frage ist nur, ob performant ein „gutes“ deutsches Wort ist. So wie ich das auf die Schnelle beurteilen kann, ist es ein im IT-Bereich sehr übliches Fachwort, das sich lautlich und formal gut in den bestehenden Fremdwortschatz einfügt. Ich finde es deshalb ein „gutes“ Fachwort. In der Allgemeinsprache würde ich es aber nicht verwenden. Dort verwendet man vielleicht besser zum Beispiel leistungsfähig, leistungsstark oder je nachdem ein anderes, bekannteres Fremdwort wie effizient.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ich würde sagen …

Frage

„Spontan würde ich sagen, dass hier ein Komma stehen muss.“ Während des Schreibens dieses Satzes zwang sich mir eine Frage förmlich auf: Quizshowmoderatoren wie beispielsweise Günther Jauch hätten mich beim Hören dieses Satzes unter Umständen gefragt, ob ich das nur sagen würde oder auch sage, und mich darauf hingewiesen, dass sie keine Konjunktive als Antworten annehmen. Wie verhält es sich also mit der Verbindlichkeit dieser Aussage? Müsste ich, wenn ich tatsächlich eindeutig antworten möchte, auf diesen Konjunktiv verzichten und schreiben: „Spontan sage ich, dass hier ein Komma stehen muss“?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

wenn es sich nicht um wichtige, rechtlich verbindliche Vertragstexte oder Prozessakten handelt,  können Sie ohne Weiteres die würde-Form verwenden. Den Konjunktiv II oder die entsprechende würde-Form verwenden Sie in solchen Fällen nämlich, weil Sie als höflicher, zurückhaltender Mensch eine höfliche, unaufdringliche Aussage machen. Ich würde sagen klingt weniger schroff als ich sage. Mit der würde-Form gibt man hier an, dass man nicht ganz sicher ist oder dass man weiß, dass man sich täuschen könnte. Sehr forsch ausgesprochen kann der Indikativ nämlich den Eindruck erwecken, man sei sich seiner Sache sehr sicher und dulde keinen Widerspruch. Ganz so schwarzweiß ist die Verwendung des Konjunktivs und des Indikativs in solchen Fällen natürlich nicht. Vieles hängt davon ab, wer in welchem Ton was zu wem sagt.

Weitere Beispiele, in denen der Konjunktiv nicht etwas Irreales oder eine Möglichkeit ausdrückt, sondern vor allem der Höflichkeit halber verwendet wird:

Würden Sie bitte etwas zur Seite treten?
Dürfte ich Sie etwas fragen?
Ich würde Ihnen empfehlen vorher anzurufen.
Ich wüsste schon, was ihr tun könntet.

Sehen Sie hierzu auch diesen Abschnitt in der CanooNet-Grammatik.

Quizmoderatoren äußern ihre Forderung nach dem Indikativ wahrscheinlich aus verschiedenen Gründen:

  • Sie interpretieren den höflich gemeinten Konjunktiv absichtlich wörtlich als irrealen Bedingungssatz (Wenn dies und das so wäre, würde ich sagen). Das ist dann scherzhaft gemeint.
  • Die Forderung nach dem Indikativ dient dazu, einen allzu lange zögernden Kandidaten endlich zu einer Entscheidung zu bewegen.
  • Die Forderung nach einer „verbindlichen“ Aussage im Indikativ soll der ganzen Sache mehr Gewicht geben. Es gibt schließlich etwas zu gewinnen.
  • Die würde-Form gibt ihnen die Gelegenheit, etwas zu sagen. Das Erkennen und Benutzen solcher Momente ist eine Fähigkeit, die man als Quizmoderator unbedingt haben muss. Ich wüsste jedenfalls nicht, wie ich eine ganze Sendung vollreden müsste.

Wie dem auch sei, der Konjunktiv und die würde-Form spielen eine wichtige Rolle bei der Formulierung von höflichen Aufforderungen und Aussagen. Man kann ihre Verwendung übertrieben „säuselnd“ oder „alte Schule“ finden, aber ich persönlich höre und lese oft lieber „Könnte das falsch sein?“ als „Das ist falsch!“, ganz egal ob es sich tatsächlich um einen Fehler handelt oder nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Was hat der Herbst, was der Lenz nicht hat?

Zurzeit befinden wir uns in einem saisonalen Niemandsland oder, besser gesagt, einem jahreszeitlich doppelt besetzten Zeitraum. Das klingt ungewöhnlich, fast schon ein bisschen beunruhigend. Keine Angst, es hat nichts mit Klimawandel oder ähnlich Besorgniserregendem zu tun! Solche Perioden kommen jedes Jahr viermal vor. Das liegt schlicht und einfach am Unterschied zwischen den meteorologischen Jahreszeiten und den astronomischen Jahreszeiten. Die meteorologischen Jahreszeiten beginnen immer am ersten des Monats. Das scheint unter anderem die statistische Rechnerei zu vereinfachen. Die astronomischen Jahreszeiten hingegen richten sich nach den Sonnenhöchst- und -tiefstständen. Meteorologisch gesehen befinden wir uns deshalb schon seit dem 1. September im Herbst, während astronomisch gesehen der Sommer erst am 23. September endet. Solche „Doppelbesetzungen“ gibt es auch zwischen dem 1. und dem 21. Dezember, dem 1. und dem 21. März sowie dem 1. und dem 21. Juni.

Dies zeigt wieder einmal, das selbst Begriffe, die eigentlich ganz eindeutig sind, doch nicht immer ganz so eindeutig definiert sind. Und trotzdem gibt es selten Verständigungsschwierigkeiten, wenn es um Frühling, Sommer, Herbst und Winter geht.

Das Wort Herbst geht weit zurück. Es hat über ein paar Ecken auch mit dem lateinischen Wort für pflücken carpere und mit griechischen Wort für Frucht κα?πος zu tun und bedeutete ursprünglich Zeit der Ernte. Diese Bedeutung findet sich noch im englischen Wort für Ernte: harvest. Sein „Gegenspieler“, Lenz, ist ein ebenso altes Wort. Es ist mit lang verwandt und bezeichnete ursprünglich so etwas wie das Längerwerden der Tage.

Wofür ich keine Erklärung finden konnte, ist Folgendes: Herbst gehört auch heute noch zum allgemeinen Wortschatz. Lenz hingegen erscheint nur noch in Ausdrücken wie „zwanzig Lenze zählen“ (zwanzig Jahre alt sein) und „sich einen faulen Lenz machen“ (sehr wenig arbeiten) oder in wahren Perlen von Schlagertexten wie  „Veronika, der Lenz ist da. Die Mädchen singen tralala …“ Weshalb sagen wir heute Frühling oder Frühjahr statt Lenz, aber nur selten Spätjahr und nie Spätling anstelle von Herbst? Was hat der Herbst, was der Lenz nicht hat? Die Antwort auf diese Frage muss ich Ihnen und mir leider schuldig bleiben.

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