Archiv für Januar, 2010

Schraubenzieher und Schraubendreher, Glühbirnen und Glühlampen, Geranien und Pelargonien

Gestern bin ich wieder einmal über die häufig geführte Diskussion gestolpert, ob man Schraubendreher oder Schraubenzieher sagen müsse. Die Verfechter der ausschließlichen Verwendung von Schraubendreher haben zwei Hauptargumente: 1) Mit diesem Werkzeug zieht man Schrauben nicht, man dreht sie. 2) Nach der Deutschen Industrienorm (DIN) gibt es seit einigen Jahrzehnten nur noch Schraubendreher. Ergo: Schraubenzieher ist falsch.

Das erste Argument ließe sich damit entkräften, dass die Erfinder und anfänglichen Verwender des Schraubenziehers – wie wir auch heute noch – diesen verwendeten um Schrauben an- oder festzuziehen. Deshalb nannten sie ihn auch Schraubenzieher. Doch eigentlich geht es mir vor allem um das zweite Argument.

Hier zeigt sich nämlich der Unterschied zwischen Fachsprache und Allgemeinsprache. Es ist allen klar, dass Kaffeefilter und Kopfschmerzen allgemeinsprachliche Wörter sind, während Hämofiltration und Enzephalitis vor allem in der Fachsprache verwendet werden. Bei solchen Begriffen kann es zu keinen linguistischen Grabenkriegen kommen. Anders sieht es bei fachsprachlichen Ausdrücken aus, die uns weniger fremd sind.

Irgendwann einmal in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurde beschlossen, dass es nach DIN nur noch Schraubendreher gebe. Seither wird in der Fachsprache zumindest offiziell nicht mehr von Schraubenziehern gesprochen. Das mag in fachlich-technischer Hinsicht sogar gerechtfertigt sein – ich bin ja nur ein „Sprachler“, der hin und wieder ein lockeres Schräubchen anziehen oder festdrehen muss. Diese fachsprachliche Festlegung des Begriffes heißt aber noch lange nicht, dass sich die Allgemeinsprache unbedingt danach zu richten hat und nun auch nur noch Schraubendreher sagen darf. Schraubenzieher ist ein gebräuchliches, allen verständliches, „natürlich“ entstandenes Wort, das bei sprachlichen Normalverbrauchern zu keinerlei Unfällen, stilistischen Unschönheiten oder anderen Problemen führt.

Ich sage hier mit so vielen Worten, dass die Allgemeinsprache sich nicht unbedingt nach fachsprachlichen Definitionen richten muss. Fachsprachliche Definitionen dienen dazu, die in einem Fachbereich notwendige Präzision bei der Formulierung zu ermöglichen. In der Allgemeinsprache ist diese Präzision in den meisten Fällen gar nicht notwendig. Es ist einem Normalsterblichen auch kaum möglich, sie immer und überall zu erreichen. Wussten Sie zum Beispiel das Folgende:

  • Fachsprachlich gibt es keine Glühbirnen, nur Glühlampen. Weiter sind das, was man allgemeinsprachlich Lampen nennt, fachsprachlich Leuchten.
  • Fachsprachlich zieren im Sommer nicht Geranien, sondern Pelargonien Fenster und Balkone. Geranium nennt die Fachsprache nämlich die Blume, die in der Allgemeinsprache Storchenschnabel heißt.
  • Fachsprachlich sind Tomaten, Gurken, Zucchini, Auberginen und Paprikas Früchte, nicht Gemüse. Trotzdem findet man sie nirgendwo in der Obstabteilung.
  • Fachsprachlich liegen Sie falsch, wenn Sie im Park von Enten, Gänsen und Schwänen sprechen. Sie müssten eigentlich von Enten, Echten Gänsen und Schwänen sprechen. Schwäne gehören nämlich zur Unterfamilie der Gänse, zu der übrigens die Pfeifgänse wieder nicht gehören.
  • Fachsprachlich sind Spermien keine Samen, denn Samen sind bereits befruchtet und enthalten den Embryo einer Pflanze.
  • Fachsprachlich kann man nur Tote bergen. Verletzte müssen gerettet werden.
  • In der rechtlichen Fachsprache können Sie der stolze Besitzer oder die stolze Besitzerin einer Sache sein, auch wenn diese nicht Ihr Eigentum ist. Das geht so weit, dass juristisch gesehen ein Dieb nach einem Diebstahl Ihr Eigentum in seinem Besitz hat. In der Allgemeinsprache werden die beiden Begriffe mehr oder weniger mit der gleichen Bedeutung verwendet.
  • Holländisch ist nur eine Dialektgruppe des Niederländischen, wie auch Holland und Holländer nur einen Teil der Niederlande bzw. der Niederländer bezeichnen.

Die Liste ließe sich beliebig weiterführen. Sie soll hier aufzeigen, dass man sich als Kenner einer Fachsprache davor hüten sollte, der Allgemeinsprache seine Begriffe und Definitionen aufdrängen zu wollen. Niemand kennt alle Definitionen aller Begriffe in allen Fachsprachen. Das ist auch nicht notwendig, denn in der Alltagssprache versteht man sich ausgezeichnet, ohne immer den genau definierten, vorgeschriebenen Begriff zu verwenden. Deshalb sind fachsprachliche Definitionen keine Begründung und kein „Beweis“ dafür, dass ein allgemeinsprachlich übliches Wort falsch ist!

Wenn dem doch so wäre, wenn also Schraubenzieher falsch ist, weil die DIN Schraubendreher vorschreibt, dann

  • schrauben Sie nur noch Leuchten, also keine Lampen, an die Decke;
  • müssten wir eigentlich Tomaten und Zucchini beim Obst und nicht beim Gemüse suchen;
  • sollten die Bibelübersetzungen dahingehend umgeschrieben werden, dass Onan nicht seinen Samen, sondern seine Spermien auf den Boden fallen lässt;
  • bestimmen Sie vorher immer genau die rechtlichen Verhältnisse, bevor Sie vom Besitzer einer Wohnung oder von der Eigentümerin eines Fahrzeuges sprechen;
  • behaupten Sie nur noch, dass die Niederländer eigentlich nicht Fußball spielen können und dass es für Automobilisten nichts Schlimmeres gibt, als einen Alpenpass hinter einem niederländischen Wohnwagen überqueren zu müssen, auch wenn solche Klischees mit Holländer und holländisch einfach besser klingen.

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Herzlich willkommen und das kleine w

Heute wieder einmal ein Dauerbrenner im Bereich der Groß- und Kleinschreibung:

Frage

Schreibt man: herzlich willkommen oder herzlich Willkommen?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

auch wenn man es sehr oft und vielerorts anders liest, sollte man immer und überall schreiben:

Herzlich willkommen!

Diese Formulierung steht nämlich für: „Seien Sie herzlich willkommen!“ Das Wort willkommen ist hier ein Adjektiv, das man entsprechend kleinschreibt. Vergleichen Sie die folgenden Sätze.

Sie sind ein willkommener Gast.
Seien Sie herzlich willkommen!
Herzlich willkommen!

Die Großschreibung ist aber nicht völlig ausgeschlossen. Wenn willkommen als Substantiv verwendet wird, schreibt man es groß:

Ein herzliches Willkommen!

Mehr zum Wort willkommen finden Sie auf dieser Rechtschreibseite und in einem älteren Blogeintrag.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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„Was frägst du?“, frug er

Frage

Gibt es die Wortform frägt von fragen in der dritten Person Einzahl?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

in der heutigen Standardsprache sind beim Verb fragen nur die regelmäßigen Formen du fragst und er fragt gebräuchlich. Dasselbe gilt für die Vergangenheitsform fragte. Die Formen frägst und frägt sowie in der Vergangenheit frug und früge gelten als veraltet oder regionalsprachlich.

Die unregelmäßigen Formen traten anfänglich im Niederdeutschen auf, wahrscheinlich unter dem Einfluss der starken Formen von tragen (trägt, trug usw.). Luther schrieb noch ausschließlich fragt und fragte. Bei Goethe und Schiller kamen dann neben fragt und fragte schon einige frägt und frug vor. Die Hochzeit der unregelmäßigen Formen war das 19. Jahrhundert: Georg Büchner, Friedrich Engels, Theodor Fontane, Heinrich Heine, E.T.A. Hoffmann, Karl May, C.F. Meyer, Eduard Mörike: sie alle verwendeten (auch) die starken Formen.

Später wurden aber frägt und frug im Standarddeutschen wieder weniger verwendet. Heute gelten sie standardsprachlich als veraltet. Die deutsche Sprache hatte also schon früher ihre Modeerscheinungen – in diesem Fall sogar eine „hausgemachte“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Es schneit

Es schneit wieder einmal. In den vergangenen Jahren wurde die kalte Jahreszeit vor allem in tieferen Lagen ihrem Namen oft nicht gerecht, aber nun wintert es richtig, wie es sich gehört. Wenn Sie nun vermuten, dass ich beim heutigen Schneefall etwas über Skirennen, globale Erwärmung oder verspätete Züge schreibe, täuschen Sie sich. Mir ist das Wörtchen es aufgefallen. Es geht also um das es in zum Beispiel:

Es schneit.
Es wintert.
Es geht also um …

Wahrscheinlich wissen viele, dass dieses es ein sogenanntes unpersönliches es ist. Es gibt nichts und niemanden, der oder das schneien, wintern oder in diesem Sinne um etwas gehen würde. Dieses es hat also weder Inhalt noch Bedeutung. Wozu dient es denn, wenn es nichts bedeutet?

Das unpersönliche es hat mit dem Satzbau des Deutschen zu tun. Es gibt verschiedene Regeln, wie ein grammatisch korrekter deutscher Satz auszusehen hat. Einige dieser Regeln sind sehr stark, andere wiederum sind eher schwache Tendenzen. Eine sehr starke Regel lautet, dass ein Satz ein konjugiertes Verb und ein Subjekt haben muss, nach dem sich die Verbform richtet. Diese Regel ist so stark, dass wir ein völlig inhaltsleeres Wörtchen benutzen müssen, nur damit sie eingehalten wird. Auch wenn wir beim besten Willen nicht bestimmen können, wer oder was schneit, können wir nicht einfach das Subjekt weglassen. Nein, wir müssen ein es einfügen, weil es nun einmal keine subjektlosen Sätze geben darf.

Nun könnte man meinen, dass dies wieder so etwas typisch Deutsches sei: eine Regel, die so streng gehandhabt wird, dass man sogar Wörter für nicht Bestehendes bemüht, nur um sie einhalten zu können. Das Klischee stimmt aber insofern nicht, als das Deutsche hier unter den europäischen Sprachen nicht allein steht. Während zum Beispiel das Italienische und Spanische ohne die Nennung eines Subjekts auskommen,

Nevica.
Está nevando.

muss man z. B. im Englischen, Französischen, Niederländischen und Schwedischen wie im Deutschen ein unpersönliches Wörtchen für das Subjekt verwenden:

It is snowing.
Il neige.
Het sneeuwt.
Det snöar.

Im Weiteren gibt es „sogar“ im Deutschen Ausnahmen zu dieser Muss-Regel: Wenn man gewisse intransitive Verben im Passiv verwendet, stehen sie manchmal ganz ohne Subjekt. Nicht einmal ein es ist in ihnen zu finden:

Dem Manne kann geholfen werden.
Überall wird gelacht und gesungen.

Hier zeigt sich wieder einmal mehr, dass das Deutsche gar nicht so streng und strikt ist: keine Regel ohne Ausnahme. Mehr zum Wörtchen es finden Sie hier. Ich werde jetzt geeignetes Schuhwerk für einen Spaziergang durch den Schnee anziehen. Inzwischen hat es nämlich aufgehört zu schneien.

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Das Schwarze-Loch-Paar? Wenn schwarze Löcher in Paaren auftreten

Frage

Ich habe immer wieder ein Problem, wenn es um gewisse zusammengesetzte Begriffe geht. Zum Beispiel: Ein Paar von zwei schwarzen Löchern nennt man ein Schwarzes-Loch-Paar? (Gemeint sind die extrem dichten Himmelskörper.) Oder ist es das Schwarze-Loch-Paar? Wenn man einem Schwarzen-Loch-Paar zu nahe kommt, wird man eingesaugt. Oder heißt es: wenn man einem Schwarze-Loch-Paar zu nahe kommt? Die Anziehung des Schwarzen-Loch-Paares oder des Schwarze-Loch-Paares?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

es ist nicht unmöglich, ein solches Paar von schwarzen Löchern im Deutschen Schwarze(s)-Loch-Paar zu nennen, aber üblich ist es nicht. Das ist auch der Grund, weshalb Ihnen (und mir) die Beugung dieser Wortbildung Schwierigkeiten bereitet. Man spricht zum Beispiel auch selten von einem Schwarze-Pferde-Gespann, der Rote-Meer-Küste oder der Dritte-Zähne-Reinigung, sondern vielmehr von einem Gespann schwarzer Pferde, der Küste des Roten Meeres oder der Reinigung der dritten Zähne. So schreiben Sie auch hier am besten:

ein Paar schwarze Löcher
ein Paar schwarzer Löcher
ein Paar von schwarzen Löchern
ein doppeltes schwarzes Loch

Natürlich gibt es – wie sollte es auch anders sein – auch Ausnahmen wie zum Beispiel Dritte-Welt-Laden oder Erste[r]-Klasse-Abteil. Im Allgemeinen sollte man solche Zusammensetzungen aber vermeiden, insbesondere wenn ein männlicher oder sächlicher Ausdruck in der Einzahl an erster Stelle steht. Solche Erstglieder führen nämlich zu großen Unsicherheiten bei der Beugung. Heißt es Schwarzes-Loch-Paar oder Schwarze-Loch-Paar oder beides, je nachdem ob ein oder das davorsteht?

Ebenfalls nicht grundsätzlich ausgeschlossen wäre das Schwarze-Löcher-Paar. Zu empfehlen ist aber auch diese Wortbildung nicht. Was im Englischen einfach durch eine Zusammensetzung wie black hole pair beschrieben werden kann, muss im Deutschen manchmal durch eine Wortgruppe ausgedrückt werden. Wir sind eben doch nicht die absolut unschlagbaren Wortzusammensetzungsweltmeister (auch wenn dieses letzte Wort schon fast das Gegenteil vermuten ließe).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Warum „darüberhinaus“ nicht im Wörterbuch steht

Frage

Das Wort „darüberhinaus“ fehlt in CanooNet und ich denke, es sollte wohl drin sein. In der Kombination „darüberhinausgehend“ ist es zu finden. Einfach zu Ihrer Information.

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

vielen Dank für Ihren Hinweis! In diesem Fall sind unsere Angaben allerdings richtig.

Das Wort darüberhinaus kommt nicht in unserem Wörterbuch vor, weil man hier nach der amtlichen Rechtschreibregelung getrennt schreiben muss: darüber hinaus. Zum Beispiel:

bis in die Unendlichkeit und darüber hinaus
Darüber hinaus finden Sie hier Informationen zu weiteren Veranstaltungen.
Angaben, die darüber hinausgehen
alles, was darüber hinausführt

Sehen Sie auch die Rechtschreibangaben zum Wort darüber.

Bei darüberhinausgehend handelt es sich nicht um eine Kombination von darüberhinaus und gehend, sondern von darüber und hinausgehend. Man kann es getrennt oder zusammenschreiben:

darüber hinausgehende Angaben
darüberhinausgehende Angaben

(Sehen Sie auch darüberhinaus und die entsprechende Rechtschreibregel)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Parabel, das Symbol und der Teufel

Zufällig bin ich letzte Woche auf einen historischen Wortzusammenhang gestoßen, der mich überrascht hat: Die Wörter Parabel, Symbol und Teufel haben alle eine gemeinsame Wurzel: werfen.

Die Parabel, eine gleichnishafte Erzählung, geht auf das gleichbedeutende griechische Wort parabolé zurück. Seine wörtliche Bedeutung ist das Danebenwerfen. Es gehört zum Verb parabállein = danebenwerfen, vergleichen (para = entlang, neben; bállein = werfen).

Auch das Wort Symbol lässt sich auf werfen zurückführen: Das griechische Wort sýmbolon bedeutete Kennzeichen oder wörtlicher Zusammengefügtes. Es war ein von zwei verschiedenen Parteien festgelegtes Erkennungszeichen. Dazu wurde ein Tonstück, ein Ring oder etwas Ähnliches zerbrochen und jede Partei erhielt ein Bruchstück. Wenn sich dann später Vertreter der beiden Parteien trafen, konnten die Bruchstücke zusammengefügt werden und so die Rechtmäßigkeit der Vertretung überprüft werden. Das Wort sýmbolon gehört zum Verb symbállein = zusammenwerfen; zusammenfügen (sýn = zusammen, bállein = werfen)

Genau das Gegenteil von Zusammenwerfen treffen wir bei Teufel an. Das Wort geht über Formen wie  tiuvel, tievel, tiufal auf das kirchenlateinische diabolus zurück, das vom griechischen Wort diábolos = Verleumder kommt. Das Verb diabállein bedeutete verleumden, entzweien, verfeinden oder ganz wörtlich auseinanderwerfen (dia = durch, auseinander; bállein = werfen).

Natürlich lassen sich die Bedeutungen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser drei Wörter heute kaum mehr mit danebenwerfen, zusammenwerfen und auseinanderwerfen umschreiben oder erklären. Dafür haben sich die jeweiligen Bedeutungen zu sehr von der ursprünglichen wörtlichen Bedeutung entfernt. Aber eine kleine Meldung in der Rubrik „Verschiedenes“ der Wochenendbeilage finde ich diese „Entdeckung“ doch wert.

Es gibt übrigens noch weitere Wörter, bei denen man das griechische Wort für werfen antrifft. Dazu gehören das Anabolikum (Präparat zum Aufbau von Muskeln), die Diskobolie (ein sehr gelehrtes Wort für Diskuswerfen) und der Ball im Sinne von Tanzfest.

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Eines Abends, eines Nachts

Heute geht es wieder einmal im eine Frage, bei der ich mich wundere, dass ich sie mir nie selbst gestellt habe.

Frage

Warum sagt man eines Nachts, obwohl das Nomen Nacht weiblich ist?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

es ist tatsächlich erstaunlich, dass ein weibliches Wort wie Nacht plötzlich wie ein männliches oder sächliches Wort daherkommt. Weibliche Nomen haben (außer als Eingennamen) kein s im Genitiv. In einigen festen Wendungen stehen weibliche Wörter trotzdem mit einem Genitiv-s und manchmal sogar mit einem männlich/sächlichen Artikelwort. Eher veraltet:

von Obrigkeits wegen
an Zahlungs statt

Noch springlebendig, aber etwas gehoben:

eines Nachts

Diese eigentlich sehr sonderbaren Formen wurden schon vor langer Zeit in Analogie mit männlichen und sächlichen Wörtern gebildet, die in vergleichbaren festen Wendungen vorkommen:

von Amts wegen, von Staats wegen
an Kindes statt, an Eides statt
eines Tages, eines Morgens, eines Abends

Nach und nach haben sich diese weiblichen s-Genitive so sehr eingebürgert, dass sie uns heute gar nicht mehr sonderbar vorkommen. Sie sind auch standardsprachlich richtig, obwohl sie ihre Laufbahn streng genommen als „falsche Analogie“ angefangen haben.

Wortformen wie Zahlungs, Obrigkeits und Nachts kommen nur in diesen festen adverbialen Wendungen vor. Das erwähne ich hier auch zur Beruhigung von Deutschlernenden, die nach viel Arbeit und Mühe die Endungen der deutschen Nomendeklination endlich im Griff haben und dann plötzlich weiblichen Substantiven wie Nacht mit einem Genitiv-s begegnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

NS: Auch das Adverb nachts (z. B. um drei Uhr nachts) ist ursprünglich eine Analogiebildung zu tags.

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Was „ein Buch geschenkt bekommen“ mit „eine geklebt kriegen“ zu tun hat

Gestern fiel mir in einem älteren Film eine Drohung auf, die ich schon länger nicht mehr gehört hatte: „Gleich kriegst du eine geklebt!“ Sie hat mich an eine Frage erinnert, die M. schon vor einiger Zeit gestellt hatte:

Frage

Ich lese soeben von dem sogenannten Dativpassiv: etwas geschenkt bekommen oder geholfen bekommen. Letzteres klingt total falsch. Ersteres ist meinen Ohren gar nicht mal so suspekt […] Ist Ihnen das Dativpassiv ein Begriff?

Antwort

Guten Tag M.,

den Begriff Dativpassiv kenne ich eher als bekommen-Passiv. Ich habe mich aber nie eingehend damit beschäftig. Ich kenne das bekommen-Passiv im Zusammenhang mit Alternativen zum „normalen“ Passiv. Es kann mit bekommen, erhalten und kriegen gebildet werden.

Ich habe ein Buch geschenkt bekommen.
Sie erhalten das Formular per Post zugeschickt.
Du kriegst gleich eine geklebt!

Normalerweise muss das Hauptverb mit einem Dativ und einem Akkusativ verbunden sein, wobei der Dativ eine Person und der Akkusativ eine Sache bezeichnet. Dies ist bei Ich bekomme ein Buch geschenkt der Fall: jemandem (Dativ) etwas (Akkusativ) schenken. Die Formulierung kommt Ihnen deshalb auch vertraut vor. Die gleiche Verteilung von Dativ und Akkusativ findet sich auch bei jemandem etwas zuschicken und jemandem eine kleben.

Anders sieht es bei geholfen bekommen aus. Das Verb helfen hat zwar einen Dativ der Person, aber der Akkusativ fehlt (jemandem helfen). Die Formulierung Ich bekomme geholfen klingt deshalb auch in meinen Ohren falsch. Hier kann man nur das werden-Passiv verwenden: Mir wird geholfen.

Das bekommen-Passiv gilt bis auf wenige Ausnahmen wie etwas geschenkt bekommen und ein Schreiben zugeschickt erhalten als umgangs- oder regionalsprachlich. So sind zum Beispiel Er hat sein Auto repariert bekommen und Du kriegst gleich eine geklebt nur umgangssprachlich akzeptabel.

Sehen Sie hierzu auch diese Angaben in der CanooNet-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Rutschen

Das neue Jahr ist nun gut eine Woche alt. Wenn ein „Wort der ersten Woche im Jahr 2010“ gekürt werden müsste, fiele meine Wahl auf rutschen. Warum? – Zuerst einmal wegen der zum Jahreswechsel oft gehörten Wendungen „Guten Rutsch ins neue Jahr!“, „Rutschen Sie gut rüber!“ und allen anderen Variationen zu diesem Thema, dann aber auch wegen der aktuellen Wetterlage in weiten Teilen Europas.

Ich gehöre zu den Glücklichen, die die täglichen Staus nur von den Verkehrsmeldungen im Rundfunk kennen. Die meisten im Alltag notwendigen Ortsveränderungen kann ich nämlich mit dem Fahrrad unternehmen. Das tue ich bei fast jedem Wetter, auch wenn es nass und kalt ist. Diese Woche aber habe ich das Rad zu Hause stehen lassen und auf gutes Schuhwerk und die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen müssen. Schnee und Glätte einerseits und das Fahrrad andererseits sind nämlich eine sehr ungünstige Kombination. Auf zwei Rädern rutscht es sich so leicht. Geradeaus geht es ja noch, aber Kurven, Steigungen und nur schon leichtes Gefälle sind jedes Mal ein Abenteuer, auf dessen guten Ablauf man nur hoffen kann. Wenn es nicht gut abläuft, liegt man – rutsch! – auf dem Boden. Das kann im Straßenverkehr nicht ganz ungefährlich sein.

Rutschen ist also „das Wort der Woche“. Es ist wieder einmal eines dieser schönen Wörter, deren Klang gut zur Bedeutung passt: rutsch! Wie es im Deutschen bei Bewegungsverben üblich ist, kann man rutschen auch so schön mit vielen verschiedenen Partikeln kombinieren, je nachdem wie oder wohin man rutscht. Zum Beispiel: abrutschen, abwärtsrutschen, ausrutschen, durchrutschen, herumrutschen, herunterrutschen, umherrutschen, wegrutschen, weiterrutschen, zurückrutschen; verrutschen.

Weitere Kombinationsmöglichkeiten gibt es, wenn im übertragenen Sinne gerutscht wird: Man kann hoffentlich gut ins neue Jahr hinüberrutschen, ungewollt in eine Sache hineinrutschen oder etwas kann einem dummerweise einfach so herausrutschen. Obwohl man eigentlich nicht hinaufrutschen kann (das widerspricht irgendwie der Bewegungsart, die rutschen beschreibt), gibt es sogar ein Verb, das nach oben rutschen bedeutet: Ein knapp sitzender Rock oder eine zu enge Jacke können immer wieder hochrutschen.

Ich schweife wieder einmal ab. Ich wollte eigentlich nur wissen, woher das Wort kommt. Die Antworten, die ich finden konnte, sind aber nicht gerade befriedigend. Das Verb rutschen taucht erst relativ spät (im 15. Jahrhundert) als rütschen auf. Eine andere, ältere Form ist rützen. Die weitere Herkunft ist ungeklärt. Es handle sich wahrscheinlich um ein lautmalerisches, das heißt den Klang nachahmendes Wort. Ich finde also nicht als Einziger, dass der Klang des Verbs recht gut seine Bedeutung wiedergibt.

Vielerorts scheint das Streusalz knapp zu werden. Seien Sie also vorsichtig und passen Sie gut auf, dass Sie nicht ausrutschen!

Dr. Bopp

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