Rutschen

Das neue Jahr ist nun gut eine Woche alt. Wenn ein „Wort der ersten Woche im Jahr 2010“ gekürt werden müsste, fiele meine Wahl auf rutschen. Warum? – Zuerst einmal wegen der zum Jahreswechsel oft gehörten Wendungen „Guten Rutsch ins neue Jahr!“, „Rutschen Sie gut rüber!“ und allen anderen Variationen zu diesem Thema, dann aber auch wegen der aktuellen Wetterlage in weiten Teilen Europas.

Ich gehöre zu den Glücklichen, die die täglichen Staus nur von den Verkehrsmeldungen im Rundfunk kennen. Die meisten im Alltag notwendigen Ortsveränderungen kann ich nämlich mit dem Fahrrad unternehmen. Das tue ich bei fast jedem Wetter, auch wenn es nass und kalt ist. Diese Woche aber habe ich das Rad zu Hause stehen lassen und auf gutes Schuhwerk und die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen müssen. Schnee und Glätte einerseits und das Fahrrad andererseits sind nämlich eine sehr ungünstige Kombination. Auf zwei Rädern rutscht es sich so leicht. Geradeaus geht es ja noch, aber Kurven, Steigungen und nur schon leichtes Gefälle sind jedes Mal ein Abenteuer, auf dessen guten Ablauf man nur hoffen kann. Wenn es nicht gut abläuft, liegt man – rutsch! – auf dem Boden. Das kann im Straßenverkehr nicht ganz ungefährlich sein.

Rutschen ist also „das Wort der Woche“. Es ist wieder einmal eines dieser schönen Wörter, deren Klang gut zur Bedeutung passt: rutsch! Wie es im Deutschen bei Bewegungsverben üblich ist, kann man rutschen auch so schön mit vielen verschiedenen Partikeln kombinieren, je nachdem wie oder wohin man rutscht. Zum Beispiel: abrutschen, abwärtsrutschen, ausrutschen, durchrutschen, herumrutschen, herunterrutschen, umherrutschen, wegrutschen, weiterrutschen, zurückrutschen; verrutschen.

Weitere Kombinationsmöglichkeiten gibt es, wenn im übertragenen Sinne gerutscht wird: Man kann hoffentlich gut ins neue Jahr hinüberrutschen, ungewollt in eine Sache hineinrutschen oder etwas kann einem dummerweise einfach so herausrutschen. Obwohl man eigentlich nicht hinaufrutschen kann (das widerspricht irgendwie der Bewegungsart, die rutschen beschreibt), gibt es sogar ein Verb, das nach oben rutschen bedeutet: Ein knapp sitzender Rock oder eine zu enge Jacke können immer wieder hochrutschen.

Ich schweife wieder einmal ab. Ich wollte eigentlich nur wissen, woher das Wort kommt. Die Antworten, die ich finden konnte, sind aber nicht gerade befriedigend. Das Verb rutschen taucht erst relativ spät (im 15. Jahrhundert) als rütschen auf. Eine andere, ältere Form ist rützen. Die weitere Herkunft ist ungeklärt. Es handle sich wahrscheinlich um ein lautmalerisches, das heißt den Klang nachahmendes Wort. Ich finde also nicht als Einziger, dass der Klang des Verbs recht gut seine Bedeutung wiedergibt.

Vielerorts scheint das Streusalz knapp zu werden. Seien Sie also vorsichtig und passen Sie gut auf, dass Sie nicht ausrutschen!

Dr. Bopp

4 Kommentare

  1. Mülsch schreibt:

    Januar 8, 2010 um 13:22

    http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3569286

  2. Pat schreibt:

    Januar 15, 2010 um 00:51

    „Guten Rutsch ins neue Jahr!“ – wie bildhaft und was für ein Spaß! Als Deutschlernender habe ich mir eine Vorstellung gemacht, dass man – bildlich gesprochen – auf einer riesigen Rutschbahn von einem alten Jahr in ein neues rutschen würde. Aber auf wissen.de behauptet man, dieses schöne Bild stimmt leider nicht und \’guter Rutsch\‘ hat einen ganz anderen Ursprung:

    Aus: BERTELSMANN Wörterbuch:
    „ Der Ausdruck für eine gleitende Bewegung (besonders von Stein- und Erdmassen: Bergrutsch, Erdrutsch) wird seit dem 17. Jahrhundert umgangssprachlich auch in der Bedeutung von ?kurze Reise“ oder ?Ausflug“ gebraucht. Der gute Rutsch, den man zum neuen Jahr wünscht, hat allerdings nichts damit und auch nichts mit Hinüberrutschen in dieses Jahr oder Ausrutschen auf Schnee oder Eis zu tun, sondern kommt aus dem Jiddischen. Rosh ha-Shana (wörtlich: ?Anfang, Beginn des Lebens“) heißt das jüdische Neujahrsfest, der erste Tag im jüdischen Kalender. Aus diesem rosh wurde im Jiddischen und im Deutschen Rutsch. Der Wunsch für einen guten Rutsch drückt also ursprünglich den Wunsch für ein gutes Neujahrsfest bzw. einen guten Anfang aus. Diese Redewendung findet sich seit zirka 1900 im Deutschen. “

  3. Dr. Bopp schreibt:

    Januar 15, 2010 um 11:08

    Es gibt tatsächlich zwei Theorien: Rutsch = Reise und Rutsch = Anfang. Wer sich dafür interessiert, findet in Wikipedia eine Zusammenfassung der beiden Herkunftserklärungen und weiterführende Links.

    Es mag sein, dass die Wendung über einen bis zwei Schritte etwas mit dem hebräischen Wort für Anfang (rosch) zu tun hat, aber das Wort wurde im Volksmund zu Rutsch umgedeutet. Ob dies nun über die übertragene Bedeutung Reise oder direkt geschah, macht eigentlich nicht so viel aus. Auf jeden Fall sagt man Rutsch ins neue Jahr, wie es zu Rutsch und Reise passt und nicht etwas etwa Rutsch im neuen Jahr, wie es bei der Bedeutung Anfang lauten müsste.

    Welche Theorie auch die richtige sein mag, im heutigen Sprachgebrauch sind die Bedeutungen Anfang und/oder Reise vollständig in den Hintergrund getreten. Sie müssen also das schöne Bild der großen Rutschbahn ins neue Jahr nicht aufgeben. Es passt zu dem, was man heutzutage meint, wenn man einen guten Rutsch wünscht.

  4. Guten Rutsch! Bedeutung von 'guter Rutsch' schreibt:

    Dezember 31, 2014 um 13:42

    […] Dr. Bopp spricht sich zwar nicht allein für diese Variante aus, lässt aber folgendes Argument für diese These fallen: „Auf jeden Fall sagt man Rutsch ins neue Jahr, wie es zu Rutsch und Reise passt und nicht etwas [sic!] Rutsch im neuen Jahr, wie es bei der Bedeutung Anfang lauten müsste“. Auch die im südlichen Sprachraum vorkommende Variation rutsch gut (r)über(e) spricht eher für die Reise- als die Anfangsanalogie: „zugrunde liegt die Vorstellung des langsamen, fast unmerklichen Hinübergleitens (seit 1900)“ (Lutz Röhrich: „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“). Und wer erinnert sich noch an das Kinderlied „Ri, Ra, Rutsch – wir fahren mit der Kutsch“? […]