Der Adverbialgenitiv

Lassen Sie sich durch den ziemlich fachsprachlichen Titel nicht abschrecken! Wieder einmal hat mich eine Frage eines Nicht-Muttersprachigen auf eine Eigenheit des Deutschen hingewiesen, durch die unsere Sprache zwar nicht einfacher, aber dafür oft ein bisschen schöner wird.

Frage

Ich habe eine Frage zu diesem Satz: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, …“ Warum heißt es dort „eines Morgens“? Ich habe gesehen, dass es in vielen literarischen Texten eine ähnliche Struktur im Genitiv gibt. Warum ist das so?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

es handelt sich bei eines Morgens um eine im Genitiv stehende feste Wendung. Sie ist eine unbestimmte Zeitangabe und hat als solche die Funktion einer Adverbialbestimmung. Der Genitiv wird nicht durch ein Verb oder durch ein anderes Wort im Satz bestimmt. Solche im Genitiv stehenden Adverbialbestimmungen werden Adverbialgenitive genannt (vgl. hier und hier). Adverbialgenitive sind häufig wie in Ihrem Beispiel unbestimmte Zeitangaben, sie können aber auch andere Bedeutungen haben. Weitere Beispiele:

Eines Tages wirst du es verstehen.

Der Kriminalkommissar erhielt eines späten Abends telefonisch einen anonymen Hinweis.

Letzen Endes zählt nicht, was war, sondern was ist.

Die Rohstoffpreise bleiben unseres Erachtens auf einem hohen Niveau.

Das Zitat stammt meines Wissens von Max Liebermann.

Er war aufgebrochen, um um Hilfe zu bitten, kehrte jedoch unverrichteter Dinge zurück.

Dem stimme ich leichten Herzens zu.

Welche Fische kann man ruhigen Gewissens essen?

Beleidigt drehte er sich auf dem Absatz um und verließ schnellen Schrittes das Motel.

Selbst als der Kaiser stolzen Hauptes splitternackt durch die Straßen schreitet, hört man lauter Ahs und Ohs.

Es gibt noch viel mehr Adverbialgenitive, für die wie für die obenstehenden Beispiele gilt: Gezielt eingesetzt können sie sehr schön sein, aber an der falschen Stelle und übermäßig verwendet drohen sie zu papierdeutschen Klischees zu werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

3 Kommentare »

  1. Laurenzius schreibt:

    15. September 2010 um 09:38

    Sehr geehrter Herr Dr. Bopp,

    wieso schreiben Sie “morgens”, “abends”, … groß? Ich dachte, man schreibe diese Wörter klein. Bsp.: Wir gehen sonntags in die Kirche. Mein Vater kommt abends nach Hause. Aber: Wir gehen am Sonntag in die Kirche. Mein Vater kommt am Abend nach Hause.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ihr Laurenzius

  2. Ivan Panchenko schreibt:

    15. September 2010 um 14:44

    Weil Dr. Bopp mit “Morgens” usw. den Genitiv des Substantivs “Morgen” meint und nicht den Adverb “morgens”.

  3. Dr. Bopp schreibt:

    15. September 2010 um 15:50

    Genau so ist es. Das Adverb morgens, das man kleinschreibt, hat die Bedeutung an jedem Morgen, jeweils am Morgen. Es kann nicht durch einen Artikel oder ein Adjektive bestimmt werden. Das s ist nicht ein Genitiv-s, sondern eine Endung, die man häufiger bei Adverbien antrifft. Zum Beispiel:

    anfangs = zu Anfang
    halbtags = den halben Tag über
    teils = zum Teil, teiweise
    wochentags = an Wochentagen

    Bei eines Morgens geht es um den Genitiv des Substantivs der Morgen (des Morgens). Das Substantiv steht mit einem Artikel und kann auch durch Adjektive näher bestimmt werden (z.B. eines schönen Morgens, eines kalten Morgens im Februar). Als Substantiv schreibt man es dann groß.

    Sehen Sie auch die Rechtschreibangaben in Canoonet.

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