Wenn Sockenpuppen Trolle füttern

Ihre Fragen zu Sprache und Rechtschreibung beantworte ich über das Internet und ich schreibe an dieser Stelle regelmäßig Blogberichte. Ich bin also kein absoluter digitaler Analphabet. Dass ich aber nicht gerade an der vordersten Front der digitalen Avantgarde mitmarschiere, zeigt sich wieder einmal daran, dass ich in der vergangenen Woche freudig etwas Neues entdeckt habe, was anderen schon seit langem bekannt ist. Ich kann es deshalb nicht als sprachliche Neuentdeckung, sondern nur als Beispiel für die Entstehung neuer Wortbedeutungen präsentieren.

Im Zusammenhang mit unflätigen und aggressiven Beiträgen eines wenig diskussionsbereiten Teilnehmers in einem Internetforum, in das ich hin und wieder hineinsehe, stieß ich auf den Vorwurf, der genannte Störenfried sei ein Troll. Ich habe ziemlich gut verstanden, was damit gemeint ist, auch wenn ich Trolle bis dahin nur als bösartige, gewalttätige und Schaden verursachende Wesen aus der nordischen Mythologie und aus Tolkiens Ring-Trilogie gekannt hatte. Entscheidend für die Übertragung von der Mythologie (oder Tolkien) auf die Kommunikation im Internet sind natürlich die Eigenschaften bösartig und schädigend. Ein Troll ist – wie viele von Ihnen wahrscheinlich schon wissen – jemand der in Diskussionen oder Foren mit seinen Beiträgen provoziert und stört, und zwar um des Provozierens und Störens willen.

Das Wort Troll ist ein schönes Beispiel dafür, wie in der Sprache Bezeichnungen für neue Erscheinungen entstehen können. Es werden fast nie völlig neue Wörter erfunden. In diesem Fall verwendet man ein bestehendes Wort in bildlichem, übertragenem Sinne. Verbindendes Element sind typische Eigenschaften, die der ursprüngliche Begriff und der mit dem gleichen Wort neu benannte Begriff gemeinsam haben. Hier sind das, wie gesagt, u. a. die Eigenschaften bösartig und Schaden verursachend. Eine solche übertragene Verwendung eines Wortes kann einmalig sein, sie kann aber auch in den festen Wortschatz einer Sprache übergehen (vgl. zum Beispiel die Schlange vor der Kasse, die Maus am Computer oder die Schwalbe in Akrobatik und Fußball).

Ich habe weiter erfahren, dass man Trolle nicht füttern soll. Man soll also keine Antworten oder Reaktionen auf ihre Beiträge schreiben, die ihnen die Möglichkeit bieten, weiter störend aufzutreten. Auch das Wort füttern wird hier metaphorisch, das heißt in übertragenem Sinne verwendet.

Und nun zu meiner Lieblingsmetapher in diesem Bereich: Wenn ein Troll bemerkt, dass er nicht mehr gefüttert wird, aber trotzdem weiter sein Unwesen treiben möchte, kann er einen einfachen Trick anwenden: Er greift zur Sockenpuppe. Man erstellt ein neues Benutzerprofil unter einem anderen Namen. Mit Hilfe eines solchen Zweit- oder Drittprofils kann man sich dann als Troll selbst füttern, das heißt, man schreibt die Antworten, auf die man danach wieder trollenderweise reagieren kann, einfach selbst. Das Bild, das dahintersteckt, ist der Bauchredner, der sich mit seiner aus einer Socke angefertigten Handpuppe „unterhält“.

Ein Troll, der sich mit Hilfe einer Sockenpuppe selbst füttert, ist in der digitalen Kommunikation äußerst unangenehm, sprachlich aber zeigt sich dabei sehr schön, wie alte Wörter neue Bedeutungen erhalten und wie neue Begriffe zu ihrem Namen kommen können. Mögen Ihnen in Ihrer digitalen Kommunikationswelt Trolle und Sockenpuppen erspart bleiben! Ihre Bezeichnungen klingen amüsant, sie selbst sind aber nur ärgerlich.

10 Kommentare

  1. Susa schreibt:

    Dezember 12, 2010 um 13:54

    Herzlichen Dank für diese Erläuterung, Herr Dr. Bopp! Ich bin schon auf vielen Foren Gast gewesen und betreibe seit knapp zwei Jahren auch ein eigenes Forum, aber diese Begriffe sind mir dort noch nicht begegnet. Wie gut, dass ich im Fall des Falles nun mit der nötigen Information ausgestattet bin!

  2. Sinnkope schreibt:

    Dezember 12, 2010 um 19:17

    Könnten Sie, lieber Doktor, nicht einmal alle Wörter aufzählen, die durch die Computertechnologie eine neue oder mehrere neue Bedeutungen dazugewonnen haben, so wie außer Troll Fenster, Schreibtisch, aufzählen? Oder wüßten Sie, wie man die über die Suchfunktion im Wörterbuch finden könnte? Und setzt sich nicht der gesamte mit dieser Technologie verbundene Wortschatz aus solchen Wörtern und Neologismen und Fremdwörtern zusammen? Und wie würden Sie das Einschätzen, was wir im Laufe der letzten, sagen wir, dreißig Jahre sprachlich erlebt haben, da ja praktisch alles in der IT neu war und einen Namen oder Begriff hat bekommen müssen? Ich frage das, da ich selbst viel zu spät den Computer für mich entdeckt habe und immer das Gefühl hatte, ich würde beim Aneignen dieser neuen Instrumente scheitern. Jede Gebrauchsanweisung, Anleitung, Einführung setzte immer schon die Kenntnis von nahezu der Hälfte der in diesen vorkommenden neuen Wörter voraus. Es waren im Rückblick doch recht frustrierende Jahre. Und natürlich entdecke ich auch jetzt noch dauernd neue Wörter oder eben auch nur neue Bedeutungen, genau wie Sie es so schön am Beispiel des Trolls geschildert haben, wobei das Entdecken einer neuen Bedeutung ja viel schwieriger ist, da ich nicht immer sofort darauf komme, daß überhaupt eine solche vorliegt, und also mit der altbekannten Bedeutung zu verstehen suche.
    Schöne Dank und Grüße

  3. Sinnkope schreibt:

    Dezember 12, 2010 um 19:40

    Gerade eben ist mir eins der Wörter über den Weg gelaufen, bei dem ich nichtmal wüßte, ob es ein Fremdwort, ein Neologismus oder bloß ein mir bisher unbekanntes Wort, das eine neue Bedeutung hinzugewonnen hat. Ich meine das Wort, das eine von Sadisten erfundene Sache bezeichnet: Captcha

  4. Dr. Bopp schreibt:

    Dezember 13, 2010 um 13:13

    Guten Tag Sinnkope,

    eine so differenzierte Suchfunktion können wir leider nicht anbieten. Es führte auch zu weit, wenn ich an dieser Stelle die Entwicklungen in der Computer- und Internetterminologie der letzten dreißig Jahren kommentieren würde. Das Thema ist mir hier etwas „zu groß“. Die meisten neue Wörter sind in diesen Bereichen entweder durch direkte Entlehnung aus dem Englischen (Computer, Account, downloaden) oder durch Übersetzung von englischen Begriffen (Maus, Benutzerkonto, herunterladen) in den deutschen Wortschatz gelangt. Diese Entwicklung geht so schnell, dass traditionellere Wörterbücher wie Duden, Wahrig, Pons usw. oft nicht Schritt halten können. Für neuere Begriffe kann ich Sie deshalb nur auf spezialisierte Online-Lexika wie die z.B. die folgenden verweisen:
    http://www.computer-woerterbuch.de/?id=woerterbuch
    http://www.at-mix.de/lexikon-0000.htm

    Aber auch Wikipedia ist ein gutes Hilfsmittel, da neue Begriffe meistens schnell aufgenommen werden. Die Definitionen sind vielleicht nicht ganz immer hundertprozentig einwandfrei, aber man gewinnt in der Regel einen guten Eindruck, worum es geht. So auch bei zum Beispiel bei Captcha.

    Dieses Wort ist übrigens ein Beispiel für eine weitere Art der Bildung neuer Wörter: Man nimmt die Anfangsbuchstaben von anderen Wörtern und bildet daraus ein neues Wort:

    Captcha = Completely Automated Public Turing test to tell Computers and Humans Apart

    Solche Neubildungen werden Akronyme genannt. Die Übersetzung und die Erklärung des Begriffs Captcha finden Sie im genannten Wikipedia-Artikel.

    Mit freundlichem Gruß

    Dr. Bopp

  5. Philip Newton schreibt:

    Dezember 14, 2010 um 11:50

    Und ich dachte, das käme von der Bedeutung „to fish for or in with a moving line, working the line up or down with a rod, as in fishing for pike, or trailing the line behind a slow-moving boat“ von „troll“: also jemand, der nach Reaktionen „fischt“.

  6. Dr. Bopp schreibt:

    Dezember 14, 2010 um 16:58

    Vielen Dank für diese Präzisierung! Im Englischen wird der Ausdruck tatsächlich auf trolling (Schleppangelfischen) zurückgeführt; oder eigentlich auf die übertragene Bedeutung „nach etwas fischen“. Beim Substantiv troll ist aber auch im Englischen die Assoziation mit dem skandinavischen Troll wichtig, wie man gut erkennen kann, wenn man sich grafisch ausgestaltete Warnschilder mit dem Text „Do Not Feed The Troll“ ansieht. Wie so viele Ausdrücke in diesem Bereich sind sowohl die Sockenpuppe als auch der Troll aus dem Englischen übernommen worden. Erstere in wörtlicher Übersetzung (sock puppet), Letzterer in unveränderter Form zusammen mit dem Bild des skandinavischen Bösewichts. Im Deutschen wirkt das Bild des Trolls sofort, während das englische trolling wohl nur wenigen bekannt sein dürfte. Deshalb kann im rein deutschen Sprachgebrauch der Internet-Troll direkt mit dem skandinavischen Troll assoziiert werden. Es ist aber gut, zu präzisieren, dass das englische Wort eine andere Etymologie hat („fischen“), die später aufgrund lautlicher Übereinstimmung mit Bedeutunsgelementen von „Troll“ kombiniert wurde. (Die Beiträge werden dann allerdings so lang …)

  7. Sinnkope schreibt:

    Dezember 17, 2010 um 06:08

    Seien Sie herzlich für Ihre Antwort bedankt. Auch wenn es ein zu großes oder weites Feld sein sollte, so ist es doch interessant zu sehen, wie ein ebenso großer und völlig neuer Gegenstandsbereich zu seinen Bezeichnungen, zu seinen Wörtern kommt. Und ich frage mich, was denn ökonomischer sei, gänzlich neue Wörter in die Sprache einzuführen oder bestehende mit neuer Bedeutung zu versehen.
    Inzwischen ist mir auch aufgefallen, daß auch Sie ein Captcha einfordern. Nun, die, die ich auf Anhieb lösen kann, so wie Ihres, finde ich nicht sadistisch.
    Schönen Gruß

  8. Fragen Sie Dr. Bopp! » Es wird getwittert und gefacebookt schreibt:

    Dezember 20, 2010 um 18:13

    […] Schon wieder geht es darum, wie neue Wörter entstehen: […]

  9. Gernot Back schreibt:

    Januar 5, 2011 um 14:28

    Eigentlich bezeichnet „Troll“ ja den Beitrag in einem Forum, den jemand dort absondert, um Unfrieden zu stiften. Derjenige, der so etwas macht, wird „Elch“ genannt. Leider unterscheidet das aber auch Wikipedia in seinem Artikel „Troll (Netzkultur)“ nicht (mehr) richtig.

    Dass der Sprachgebrauch tatsächlich, zumindest vor einigen Jahren, noch in dieser Weise differenziert war, können Sie auch aus einem Thread im SELFHTML-Forum, dem größten deutschsprachigen Webentwickler-Fachforum ersehen, an dem auch ich mich damals beteiligt habe.

    http://forum.de.selfhtml.org/archiv/2004/7/t84660/#m498140
    http://einklich.net/usenet/begriffe.htm#troll

  10. Fragen Sie Dr. Bopp! » Zweckentfremdete Ökosysteme schreibt:

    März 26, 2011 um 12:07

    […] Man kann diese Verwendung von Ökosystem als „Zweckentfremdung“ eines Wortes sehen. Die bildliche Verwendung von Begriffen ist aber einer der wichtigen Mechanismen bei der Benennung von Neuem. Bekannte Beispiele für den übertragenen Gebrauch von bestehenden Wörtern sind in diesem Bereich Netz und Web (Gewebe, Spinnennetz). Ob sich neue Verwendungen von bestehenden Wörtern durchsetzen oder ob sie eher Eintagsfliegen bleiben, kann nur die Zeit zeigen. (Vgl. auch diesen Beitrag.) […]