Archiv für Januar, 2011

Nicht alles was liegt, ist gelegt worden

Frage

Wir rätseln gerade, was genau eigentlich der Unterschied zwischen „werfen“ und „legen“ ist. Ich gehe davon aus, dass bei einem Wurf das geworfene Objekt beide Hände verlässt, beim Legen jedoch nicht. Mein Freund dagegen meint, man könne ein Objekt auch durch einen Wurf hinlegen, es käme also nur auf den Zustand an, den das Objekt am Schluss hat.

Anwort

Guten Tag S.,

wenn man etwas legt, bringt man es an eine bestimmten Stelle und hinterlässt es dort in liegender Lage. Dabei ist man mit dem Gelegten in Kontakt, bis es sich an dieser Stelle befindet. Wenn man ein Buch auf den Tisch legt, lässt man es erst los, wenn es dort liegt. Die letzte „Bedingung“ ist bei werfen nicht erfüllt. Wenn ein schmollender Sohn oder eine trotzige Tochter auf die Bitte, ein Buch auf den Tisch zu legen, dieses auf den Tisch wirft, liegt es danach zwar auf dem Tisch, aber ein elterlicher Kommentar könnte dann zu Recht lauten: „Ich habe ‚legen‘ gesagt, nicht ,werfen‘!“ Ob der Kommentar dem Hausfrieden zuträglich wäre, wage ich zu bezweifeln, doch was die Wortbedeutung betrifft, wäre er zutreffend. Legen und Werfen können zum gleichen Resultat führen (etwas liegt), aber man kann etwas nicht legen, indem man es wirft.

Wenn man etwas wirft, schleudert man es mit einer Hand- und Armbewegung mehr oder weniger kräftig irgendwohin. Das Loslassen des Geworfenen unterscheidet dabei, wie gesagt, das Werfen vom Legen. Aber nicht nur das: Über die Lage des Geworfenen am Ende der Bewegung sagt das Verb werfen im Gegensatz zu legen nichts aus. Wenn man ein Buch auf den Tisch wirft, fliegt es durch die Luft und landet auf dem Tisch. Nur das Wissen über Bücher und Tische lässt einen dann annehmen, dass es danach wahrscheinlich auf dem Tisch liegt und nicht steht. Durch Zufall oder eine hervorragende Wurftechnik könnte ein dickeres Buch danach auch auf dem Tisch stehen.

Was man legt, liegt danach. Doch nicht alles, was liegt, ist gelegt worden. Es kann zum Beispiel auch gefallen sein, auf den Boden gesunken sein, herbeigeschwebt sein, geworfen worden sein oder sich ganz einfach materialisiert haben – Letzteres allerdings meist nur in Kontexten wie Star Trek oder Harry Potter.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Eine placebokontrollierte Studie

Frage

Wie schreibt man: eine Placebo-kontrollierte, placebokontrollierte oder Placebo kontrollierte Studie?

Antwort

Sehr geehrte Frau I.,

man schreibt

eine placebokontrollierte Studie

Wenn in einer Verbindung von einem Substantiv und einem Adjektiv das Substantiv für eine Wortgruppe steht, schreibt man es mit dem Adjektiv (bzw. dem adjektivisch verwendeten Partizip) zusammen. Hier steht Placebo für so etwas wie mithilfe von Placebos:

eine placebokontrollierte Studie = eine mit Hilfe von Placebos kontrollierte Studie

Weitere Beispiele sind:

luftdichte Verpackung = in Bezug auf Luft dichte Verpackung
mineralstoffreiche Getränke = an Mineralstoffen reiche Getränke
die Apps benutzerfreundlich gestalten = für den Benutzer freundlich gestalten
ein efeugrüner Baumelf = ein wie Efeu (so) grüner Baumelf

luftgefüllte Reifen = mit Luft gefüllte Reifen
ein abendfüllendes Programm = ein den Abend füllendes Programm
genmanipulierter Mais = auf der Ebene der Gene manipulierter Mais
das handgeschaltete Sportcoupé = das von Hand geschaltete Sportcoupé

Die entsprechende Rechtschreibregel finden Sie hier. Zur Verdeutlichung könnten Sie übrigens auch ein Bindestrich verwenden:

eine Placebo-kontrollierte Studie
die Apps Benutzer-freundlich gestalten

Die Verwendung des Bindestrichs ist hier aber meiner Meinung nach nicht notwendig. Die bindestrichfreie Schreibung ist oft mindestens ebenso leserfreundlich wie die „bindestrichgeschmückte“. (Vgl. Die Bindestrich-freie Schreibung ist oft mindestens ebenso Leser-freundlich wie die „Bindestrich-geschmückte“.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

bindestrichfrei = von Bindestrichen frei
bindestrichgeschmückt = mit Bindestrich(en) geschmückt
leserfreundlich = freundlich für den Leser – und die Leserin!

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Gäbe wie wäre und hätte

Eine Frage, die immer wieder auftaucht, ist die Unterscheidung zwischen gebe und gäbe. Da die gleiche Frage bei sei und wäre oder habe und hätte bei weitem nicht so oft gestellt wird, können diese Formen herangezogen werden, wenn dringlich Soforthilfe benötigt wird.

Frage

Gelegentlich werde ich beruflich dazu angehalten, über Sitzungen Protokoll zu führen. Ich verfasse diese im Konjunktiv („XY bestätigt, dass dies richtig sei.“). Nun begegne ich aber immer wieder dem Problem, wann es denn nun richtig ist, „gebe“ oder „gäbe“ zu verwenden. Beispiele:

XY erklärt, es gebe/gäbe Überlegungen…
Bezüglich xy gebe/gäbe es einige Änderungen.
XY berichtet, dass es keine eindeutige Richtlinie gebe/gäbe.

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

theoretisch ist es ganz einfach: Die Form gebe steht im Konjunktiv I, die Form gäbe im Konjunktiv II. Doch wer weiß schon immer genau, wann man welchen Konjunktiv verwenden kann, muss oder darf? Deshalb werde ich hier ausnahmsweise auf grammatikalische Betrachtungen verzichten und Ihnen einfach eine Eselsbrücke angeben, die für die meisten** ganz gut funktioniert:

gebe wie sei und habe
gäbe wie wäre und hätte

Man schreibt gebe, wenn man an gleicher Stelle für das Verb sein die Form sei oder für haben die Form habe verwenden würde. Man schreibt gäbe, wenn man für sein oder haben auch die Form mit ä nehmen würde (wäre, hätte).

Für Ihre Beispiele gilt also:

XY erklärt, es gebe Überlegungen
vgl. es sei überlegenswert

Bezüglich xy gebe es einige Änderungen
vgl. bezüglich XY sei einiges geändert worden

XY berichtet, dass es keine eindeutigen Richtlinien gebe
vgl. dass man keine eindeutigen Richtlinien habe

Der Vollständigkeit halber noch zwei Beispiele für gäbe:

XY sagt, dass es eine bessere Lösung gäbe, wenn man mehr Zeit hätte.
vgl. dass eine bessere Lösungen möglich wäre, wenn man …

Wenn er nur endlich Ruhe gäbe!
vgl. Wenn er nur endlich ruhig wäre!

Ganz ohne Grammatikalisches will ich hier doch nicht enden: In der indirekten Rede verwendet man im Prinzip (aber nicht immer …) den Konjunktiv I. Wenn also jemand gibt gesagt oder geschrieben hat, erscheint das in der indirekten Rede als gebe. Falls Sie doch noch mehr zur Verwendung des Konjunktivs wissen möchten, finden Sie auf dieser Grammatikseite allgemeine Angaben und weiterführende Links.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Diese Eselsbrücke funktioniert auch für diejenigen (hauptsächlich Norddeutsche), die es hier besonders schwer haben, weil sie ein langes ä wie ein langes e aussprechen. Wenn man Säle gleich wie Seele und wäre gleich wie Wehre ausspricht, klingt gäbe auch genau gleich wie gebe.

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Der unpassende Name der Schmetterlinge

Im Zusammenhang mit  Schmant und Schmand fand ich nebenbei zufällig die Antwort auf eine Frage, die ich mir schon öfter gestellt hatte: Warum haben Schmetterlinge einen so schlecht passenden Namen? Wenn einmal das Wort gekürt würde, dessen Klang am wenigsten mit seiner Bedeutung übereinstimmt, wäre mein Vorschlag Schmetterling.

Wie kann man ein buntes, luftiges, geräuschlos von Blume zu Blume flatterndes, sich zwischendurch auf einem leicht im Winde wiegenden Blatt ausruhendes Wesen Schmetterling nennen?! Der Klang von schmetter passt zu Vasen, die während Wutanfällen an Wänden zerbrechen; zu Türen, die bei effektvollen Abgängen ins Schloss knallen; zu Tennisbällen, die Roger Federer kraftvoll über das Netz schlägt; von mir aus auch zum Trompetengeschall, das erklingt, wenn Kleopatra in einem pompösen Kostümfilm in Rom einzieht – zu einem kleinen, feinen Insekt wie dem Schmetterling passen die beiden Silben schmetter eindeutig nicht. Da rettet auch die Endung –ling nichts mehr. Der vor allem in Schweizer Mundarten übliche Name Sommervogel trifft es doch besser. Er stimmt zoologisch gesehen zwar nicht ganz, aber er hat wenigstens etwas Poetisches.

Wie kommen also die Schmetterlinge zu ihrer auf den ersten Blick so unpassenden Bezeichnung. Wie immer sind sich die Gelehrten nicht ganz einig. Einige assoziieren den Namen wegen des Flügelschlags der Falter einfach mit dem Verb schmettern. Weiter verbreitet und auch schöner ist die Erklärung, dass Schmetterling mit dem Wort Schmetten verwandt ist. Schmetten ist ein im Ostmitteldeutschen verwendetes Wort für Sahne, das vom tschechischen Wort smetana herkommt (wie gemäß einer Erklärung Schmant/Schmand). Aus einer ebendieser ostmitteldeutschen Mundarten, dem Sächsischen, stammt ursprünglich auch das Wort Schmetterling. Weitere Indizien sind alte oder regionale Namen für Schmetterling: Neben zum Beispiel Sommervogel, Meienvogel, Tagvogel, Müllermaler und Raupenscheißer heißen oder hießen die Schmetterlinge auch Buttervogel, Butterfliege (vgl. englisch butterfly), Schmantlecker oder Molkendieb.

Den Zusammenhang zwischen den Schmetterlingen und den Milchprodukten erklärt das Deutsche Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Es handelt sich hierbei um dieselben Gebrüder Grimm, die man von den Märchen kennt. In Sachen Volksglauben dürften es sich also um Experten handeln:

eine alte vorstellung des volksglaubens liegt hier zu grunde, dasz hexen die gestalt von schmetterlingen annehmen und in dieser verhüllung einem ihrer hauptgeschäfte, dem verderben der milch- und buttervorräte nachgehen.
(DWB Grimm: Schmetterling)

Nachdem ich dies nun weiß, missfällt mir die Bezeichnung Schmetterling schon viel weniger. Sie hat ja doch etwas Poetisches! Wenn ich in der wärmeren Jahreszeit wieder einmal einen Schmetterling unschuldig durch die Lüfte gaukeln sehe, werde ich daran denken, dass diese Unschuld nur vorgegaukelt ist – und sofort mein Milch- und Buttervorräte in Sicherheit bringen.

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Professionals, Fachleute und Professionelle

Frage

In erziehungswissenschaftlichen Debatten, egal ob schriftlich in Veröffentlichungen oder mündlich in Vorträgen, hat sich der Begriff „Professionelle“ etabliert, um die Arbeit und die Entwicklung von ausgebildeten Pädagogen zu beschreiben. Niemand scheint an die eigentliche Bedeutung dieses Begriffs, einer Prostituierten, erinnert zu werden, so mein Eindruck.

Nun suche ich schon lange ein Wort, dass den „professional“ im Deutschen bezeichnet und nicht so doppeldeutig wie „Professionelle“ ist.

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

wenn Sie Professionelle und den Anglizismus Professional vermeiden möchten, wäre das Wort Fachleute (m. Fachmann, w. Fachfrau) ein guter Ersatzkandidat. Auch das vor allem in der Schweiz verwendete Wort Berufsleute könnte man verwenden. Ich befürchte aber, dass man Ihnen entgegenhalten wird, dass Fachleute nicht das Gleiche ausdrücke wie Professionelle. Ob dies zu Recht oder zu Unrecht behauptet wird, sei hier dahingestellt. Da sich der Begriff Professionelle, wie Sie sagen, bereits etabliert hat, ist es wahrscheinlich am besten, ihn als gegeben zu akzeptieren. Es ist nämlich sehr schwierig, Begriffe wieder zu ändern, wenn sie einmal eingebürgert sind.

Die Bedeutung Prostituierte hat Professionelle nur in bestimmten Zusammenhängen, so dass es in der Regel zu keinerlei Verwechslungen kommen dürfte. Eventuellen „Witzen“ auf pubertärem Niveau sollte in einem professionellen Umfeld ein sehr kurzes Leben beschieden sein. Sie sind im Übrigen auch bei zum Beispiel Fachfrau nicht völlig auszuschließen. Mich persönlich würde diese Nebenbedeutung nicht stören. So nenne ich zum Beispiel die Einwohnerinnen und Einwohner der französischen Hauptstadt ohne zu zögern Pariserinnen und Pariser und auch bei Adressen wie Pariser Platz und Pariser Straße denke ich nicht gleich an ein Kondom. Je etablierter ein Begriff ist, desto weniger wichtig sind irgendwelche Nebenbedeutungen.

Wenn Sie sich dennoch nicht an den Begriff Professionelle gewöhnen können oder möchten, könnten Sie, wie gesagt, Fachleute oder vielleicht doch das englische Professionals verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Rabatte von bis zu 20 Prozent

Frage

Mir ist zum ersten Mal in der Radiowerbung aufgefallen, dass man dort gern die Wortgruppe „von bis zu“ verwendet, zum Beispiel in: „ Rabatte von bis zu 20 Prozent“. Auch bei Google erhält man beim Suchen nach dieser Wortgruppe unzählige Treffer. Klingt diese Formulierung nur für mich nach schlechtem Deutsch, oder würden Sie auch eher zu Alternativen raten?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

ob es stilistisch eine gute Formulierung ist, darüber ließe sich diskutieren. Es ist allerdings richtiges Deutsch. Die Wendung bis zu ist hier eine adverbiale Wendung, die mit einer Obergrenze von ausdrückt. Sie wird wie zum Beispiel maximal, höchstens oder nicht weniger als verwendet und kann auch nach einer Präposition wie von stehen. Zum Beispiel:

in Süd[ost]asien heimisches bis zu 20 cm langes Säugetier
Pro Bundesland können bis zu 50 Soldaten auf freiwilliger Basis … beigestellt werden
den Schadstoffausstoß um bis zu 25 Prozent verringern
die Werte können um bis zu 20 Prozent variieren
strahlen mit bis zu 80 Becquerel pro Kilogramm
Kurzvers: ein Vers mit bis zu vier Hebungen
Freiheitsstrafen von bis zu 15 Jahren
Serien von bis zu fünf Bildern in der Sekunde

All diese Beispiele habe ich nicht im Internet, sondern in einem bekannten „Großen Wörterbuch der deutschen Sprache“ gefunden. Man muss entsprechend auch Rabatte von bis zu 20 Prozent als richtiges Deutsch ansehen. Ich bin heute in Geschäften mit grellen Sale-Plakaten sogar Rabatten von bis zu 70 Prozent begegnet! Wie gesagt, über den stilistischen Aspekt ließe sich diskutieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Heute: Schmant und Schmand

Auf der Webseite heute.de des ZDF steht ein Artikel mit dem Titel »Dem Fehlerteufel online auf der Spur. Welche Online-Wörterbücher wirklich nützlich sind«. Darin werden unter anderem das Wörterbuch und die Grammatik von Canoonet erwähnt. Sogar der Dr.-Bopp-Blog wird genannt. Der abschließende Satz des Beitrages lautet: Warum aus »Schmant« nun wieder »Schmand« wird, hat Dr. Bopp noch nicht geklärt. Die Frage wurde ihm bis jetzt auch nicht gestellt. Das kann ich natürlich nicht einfach so im Raum stehen lassen. Wirklich klären kann ich diese Frage allerdings auch nicht.

Für alle, denen Schmand oder Schmant nichts sagt, sei dies vorausgeschickt: Mit diesem Wort wird in vielen Regionen Deutschlands u. a. Sahne oder saure Sahne respektive Rahm oder Sauerrahm bezeichnet. Das „Problem“ der Schreibung entsteht dadurch, dass im Deutschen ein d am Wort- oder Silbenende genau gleich ausgesprochen wird wie ein t (Auslautverhärtung). Deshalb klingt Rad genau gleich wie Rat und Schmand genau gleich wie Schmant. Erst wenn man Rades und Räder beziehungsweise Rates und Räte sagt, also wenn d und t nicht mehr am Wortende stehen, hört man den Unterschied. Ein d wird dann nämlich so ausgesprochen, wie man es von einem d eigentlich erwartet.

Weil man in vielen Gegenden offenbar des Schmandes und schmandig und in anderen des Schmantes und schmantig sagt, kam entsprechend neben Schmant auch die Schreibweise Schmand vor. Aus irgendeinem Grund haben dann die Zusammensteller der zur amtlichen Rechtschreibregelung gehörenden Wörterliste 1) das Wort Schmant aufgenommen, und zwar 2) ohne die Variante Schmand zu vermelden. Ersteres ist mir nach wie vor ein Rätsel, Letzteres hat eventuell mit der Herkunft des Wortes zu tun. Man vermutet, dass es mit dem tschechischen Wort smetana (Sahne, Rahm) verwandt sein könnte. Das würde das t erklären. Nach einer anderen Erklärung kommt Schmand/Schmant allerdings über das alte Wort smand von einem noch älteren Adjektiv mit der Bedeutung weich, glatt und wäre dann indirekt mit dem englischen Adjektiv smooth verwandt.

Was auch immer der Grund gewesen sein mag, warum nur noch Schmant richtig sein sollte, es stand und steht so in der amtlichen Liste und ist somit offiziell die einzig richtige Schreibweise. Wie die verschiedenen Wörterbücher mit dieser Entscheidung umgegangen sind, ist eine andere, recht komplexe Geschichte, die ich hier nicht aufzeichnen möchte. Es ist nämlich so, dass die meisten Schmantverbraucher, -produzenten und -verkäufer diese Vorschrift einfach missachten und ganz undeutsch regelwidrig Schmand schreiben. Das hat viele Wörterbücher dazu gebracht, die Version Schmand doch in irgendeiner Weise zu vermelden.

Ich kann nicht mit Gewissheit sagen, warum der Rechtschreibrat nun vorschlägt, die Schreibung Schmand in Zukunft wieder zuzulassen. Liegt es daran, dass man die „Alleinherrschaft“ von Schmant nicht ausreichend begründen kann, oder daran, dass ein großer Teil der Schreibenden die t-Variante einfach nicht benutzen will? Wahrscheinlich beides – und offiziell wohl vor allem das Zweite. Tatsache ist, dass die von den meisten verwendete Variante Schmand wahrscheinlich wieder amtlich gutgeheißen werden wird. (Siehe Bericht über die Arbeit des Rats für deutsche Rechtschreibung von März 2006 bis Oktober 2010 [pdf]).

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Aus Freude oder vor Freude? – Wenn die Freude einen hüpfen lässt

Frage

Welcher Unterschied besteht zwischen den kausalen Präpositionen „aus“ und „vor“? Wann sage ich : „aus Freude“ oder „vor lauter Angst“?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

die Wörterbücher helfen einem bei dieser Frage leider nicht viel weiter. Sie vermelden bei beiden Präpositionen, dass sie bei dieser Verwendung einen Grund, einen Beweggrund oder eine Ursache angeben. Außerdem steht im Duden, dass vor nur in festen Wendungen vorkomme. Ich denke, dass die Wahl zwischen aus und vor tatsächlich oft etwas mit festen Wendungen und Ausdrücken zu tun hat. Ich glaube aber doch, einen gewissen Unterschied erkennen zu können:

  • Mit aus wird der Grund angeben, der zu einer kontrollierten, willkürlichen (vom eigenen Willen gesteuerten) Handlung führt:

aus Freude hüpfen
aus Leidenschaft morden
aus Zorn etwas demolieren
aus Angst nicht zum Zahnarzt gehen
aus Überzeugung handeln

  • Mit vor wird die Ursache eines unkontrollierten, unwillkürlichen (nicht vom eigenen Willen gesteuerten) Geschehens angegeben:

vor Freude zittern
vor Leidenschaft vergehen
vor Zorn erröten
vor Angst nicht klar denken können
vor Anstrengung schwitzen

Dabei können eigentlich willkürliche Handlungen im übertragenen Sinne unwillkürlich werden: So kann man zum Beispiel sagen, dass man vor Freude hüpft, obwohl das Hüpfen in der Regel eine durch den eigenen Willen gesteuerte Handlung ist. Man ruft dann das Bild auf, dass die Freude einen hüpfen lässt, ob man nun hüpfen will oder nicht. Wenn man aus Freude hüpft, hüpft man sozusagen auf eigene Veranlassung, weil man sich freut. Das Ergebnis ist dasselbe: Jemand hüpft erfreut herum. Bei vor lauter Angst wegrennen und aus lauter Angst wegrennen besteht der gleiche Unterschied zwischen bildlichem und wörtlichem „Träger“ der Handlung.

In Fällen wie diesen sind sowohl aus als auch vor möglich. Ich würde den genannten Unterschied bei der Verwendung von aus und vor deshalb nicht eine strenge Regel, sondern eine mehr oder weniger starke Tendenz nennen, die nicht in allen Fällen und nicht von allen in gleicher Weise befolgt wird.

Ich finde, dass diese Erklärung recht einleuchtend klingt. (Das ist nicht erstaunlich, denn ich habe sie ja soeben selbst verfasst.) Sie ist aber mit einiger Vorsicht zu genießen. Um wirklich fundierte Aussagen machen zu können, müsste man genauere Untersuchungen anhand einer großen Anzahl von Textbeispielen anstellen. Bis es vielleicht einmal so weit ist – und eigentlich auch danach –, folgen Sie am besten Ihrem Sprachgefühl.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Heide in Heidenangst

Frage

Kommt Heidenangst von Heide? Wo liegt da der inhaltliche Zusammenhang? Ebenso: Heidenspaß, Heidenlärm.

Antwort

Guten Tag M.,

die Verstärkung Heiden- kommt tatsächlich von Heide, allerdings nicht vom weiblichen Substantiv die Heide. Die Heide könnte man zwar nachts als beängstigend erfahren, aber wirklich gruselig sind oder waren landschaftlich gesehen doch eher dunkle Wälder, abgrundtiefe Schluchten, faulig riechende Sümpfe und von Nebelschwaden durchzogene Moore.

Es gab auch keine Frau namens Heide (kurz für Adelheid = von edlem Wesen), die so furchterregend gewesen wäre oder sich einmal so fürchterlich gefürchtet hätte, dass man ihren Namen allgemein benutzte, um eine besonders große Angst zu benennen.

Heiden- ist also auf das männliche Wort der Heide (der Ungläubige) zurückzuführen. Man empfand die Heiden früher als angsteinflößend, grauenvoll, maßlos, ausschweifend und was es sonst noch alles an negativen Qualifikationen dieser Art gibt. Die Angst vor den Heiden war groß. Diese wörtliche Heidenangst hat sich heute wohl gelegt (und vielfach anderen Ängsten Platz gemacht), aber man sagt immer noch Heidenangst, Heidenarbeit, Heidengeld, Heidenlärm, heidenmäßig, Heidenrespekt, Heidenspaß usw. In dieser Weise ist Heiden- ähnlich wie Riesen- zu einem verstärkenden Wortbildungselement geworden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn nach „für“ der Dativ steht

Dass Anderssprachige es mit der deutschen Sprache und ihren Fällen nicht immer einfach haben, wusste ich schon. Aber manchmal wundere ich mich immer noch, mit welchen Tücken sich Deutschlernende herumschlagen müssen. Man lernt die einfache Regel, dass nach für immer der Akkusativ steht (für wen oder was?), freut sich über seine Grammatikkenntnisse und dann begegnen einem plötzlich Sätze, in denen nach für ein Nominativ oder ein Dativ steht! In den letzten Tagen erreichten mich gleich zwei Fragen zu diesem Thema.

Fragen

  • „Was für ein fauler Tag!“ Warum steht hier nach „für“ ein Nominativ und nicht ein Akkusativ?
  • Wie kann man erklären, dass nach „für“ in dem Ausdruck „was für“ kein Akkusativ steht? Wieso heißt es: „Was für ein schöner Tag!“, und nicht: „Was für einen schönen Tag!“?

Antwort

Die Präposition für verlangt tatsächlich den Akkusativ: für wen oder was? Hier geht es aber nicht um die allein stehende Präposition für, sondern um die Wendung was für (ein). Sie leitet eine Frage oder einen Ausruf ein und kann mit allen vier Fällen stehen:

Was für ein schöner Tag!
Was für einen Eindruck macht er?
In was für einem Land leben wir eigentlich?
Anhand was für eines Beispiels lässt sich das Problem am besten beschreiben?

Das ist noch nicht alles, was man zu was für ein lernen muss: Mit was für ein fragt man nach einer Beschaffenheit, einer Eigenschaft, einem Merkmal usw.:

Mit was für einem Wagen fährt sie weg? – Mit einem Sportwagen.
Was für einen Pullover trug er? – Einen roten.

Dadurch unterscheidet sich was für ein von welcher, das eine „auswählende“ Bedeutung hat. Mit welcher fragt man nach einem einzelnen Wesen, einem einzelnen Ding aus einer Gruppe, einer Klasse, einer Gattung usw

Mit welchem Wagen fährt sie weg? – Mit dem Sportwagen.
Welchen Pullover trug er? – Den  roten.

Die Beispielsätze in den Fragen zeigen weiter, dass was für ein auch einen Ausruf einleiten kann:

Was für ein schöner Tag!
Was für ein Dummkopf!

Und wenn Sie nun denken, das sei schon alles, lesen Sie auf dieser Seite, dass man das ein in gewissen Fällen weglässt:

Was für Papier brauchst du?
Mit was für Leuten verkehrt er?

und dass man besser nicht sagt:

Was für welches Papier brauchst du?
Mit was für welchen Leuten verkehrt er?

An dieser Stelle möchte ich nämlich nichts mehr dazu schreiben, damit nicht auch noch die wenigen geduldigen Leser und Leserinnen, die bis hierher durchgedrungen sind, folgenden Stoßseufzer von sich geben:

Was für ein langweiliger Blogeintrag!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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