Offenes Kaminfeuer und Feuer im offenen Kamin

Frage

Ist der Begriff „offenes Kaminfeuer“ korrekt? Im Grunde ist es doch ein Feuer in einem offenen Kamin. Gibt es ein offenes Feuer?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

gegen die Formulierung offenes Kaminfeuer ist nichts einzuwenden. Ein offenes Feuer ist ein Feuer, das nicht von allen Seiten umschlossen, nicht verdeckt und in diesem Sinne frei zugänglich ist. Man kann ein weiteres Holzscheit, kompromittierenden Unterlagen, Fotos untreuer Exgeliebter, die Wurst, die man nicht mag, oder was immer man sonst verbrennen möchte, einfach in die Flammen werfen. Bei kleinen Kindern und offenem Feuer sollte man vorsichtig sein, damit sie weder sich selbst noch Teile der Einrichtung, von denen man sich noch nicht trennen möchte, ein Opfer der Flammen werden lassen. Umgekehrt können bei einem offenen Feuer Funken unkontrolliert die Feuerstelle verlassen. Unter anderem deshalb ist in trockenen Sommern offenes Feuer im Wald nicht gestattet, und auch bei Tankstellen sollte man Rauchen und offenes Feuer vermeiden.

Es gibt übrigens auch offenes Licht:

Die Bedeutung dieses Schildes wird im Allgemeinen wie folgt umschrieben: „Feuer, offenes Licht und Rauchen verboten“. Damit ist Licht von Kerzen, Petroleum, Benzin, Karbid usw. gemeint. Ausgenommen sind luftdicht verschlossene Brennelemente wie Glüh- oder Bergwerkslampen.

Offen bedeutet nicht nur nicht geschlossen (Türen, Geschäfte, Hemdkragen, Kamine usw.) sondern auch unverdeckt, frei zugänglich (z. B. Gelände, Wunden, Licht, Feuer). Wenn an kalten Winterabenden je nach romantischer Veranlagung und Geldbeutel in einer bescheidenen Skihütte oder einem großen Landhaus ein Feuer im Kamin angezündet wird, kann man dieses also ein Feuer in einem offenen Kamin, ein offenes Feuer in einem Kamin oder eben ein offenes Kaminfeuer nennen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

3 Kommentare

  1. Yoav Sapir schreibt:

    Februar 20, 2011 um 20:16

    Okay, aber wie steht es mit der grundsätzlichen Frage nach diesem „Verschiebungsphänomen“, bei dem ein sich auf den „Kern“ beziehende Adjektiv bei der Bildung eines Kompositums plötzlich auf den „Kopf“ bezogen wird?

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Februar 20, 2011 um 23:15

    „Okay“,aber was meinen Sie denn genau? Ich bin nicht sicher, ob ich verstehe, worauf Ihre Frage genau zielt. Ein Beispiel ist meist hilfreich. Grundsätzlich gilt, dass in Blogeinträgen keine grundsätzlichen Grammatikfragen ausführlich behandelt werden (können).

    Ich nehme einmal an, dass Sie Fälle wie ein gutes Glas Wein und ein neues Paar Schuhe meinen. Wenn Maßangabe und Gemessenes als eine Einheit gesehen werden, kann das eigentlich zum Gemessenen gehörende Adjektiv vor der ganzen Wendung stehen. Dies ist aber nicht immer möglich. Bereits ein weißes Glas Wein oder eine schwarze Tasse Kaffee statt ein Glas weißer Wein und eine Tasse schwarzer Kaffee sind nicht mehr korrekt. Unmöglich sind auch Wendungen wie kleines Kindergeschrei statt Geschrei kleiner Kinder und der angewandte Professor für Mathematik statt der Professor für angewandte Mathematik. Bis auf die oben genannten Ausnahmen kann das zum Bestimmungswort einer Wendung gehörende Adjektiv normalerweise nicht vor dem Kern der Wendung stehen.

    Bei offen spielt allerdings etwas anderes eine Rolle. Das Adjektiv bedeutet nicht nur nicht geschlossen, nicht zu (Türen, Geschäfte, Hemdkragen, Kamine usw.), sonder manchmal auch nicht eingeschlossen, nicht verdeckt (z. B. Gelände, Wunden, Licht, Feuer). Mit der ersten Bedeutung kann es sich auf Kamin beziehen, mit der zweiten auf Feuer. Deshalb sind im Fall von Kaminfeuer zwei Formulierungen möglich: Man kann sowohl ein Feuer in einem offenen Kamin als auch ein offenes Feuer in einem Kamin sagen. Die zweite Formulierung kann zu ein offenes Kaminfeuer zusammengezogen werden. Auf dieser Ebene findet also keine Verschiebung des Bezugs vom Bestimmungwort auf den Kern statt.

  3. Yoav Sapir schreibt:

    Februar 21, 2011 um 00:28

    Ich meinte eben das mit dem „kleinen Kindergeschrei“. Also zum Beispiel: „die US-amerikanischen Regierungsbeschlüsse“ (nicht die Beschlüsse, sondern die Regierung ist US-amerikanisch), „die diesjährigen Festivalbesucher“ (die Besucher existierten wohl auch letztes Jahr…) usw. usf.

    Es ist ein sehr häufig vorkommendes Phänomen.