Archiv für April, 2011

Mitarbeitende haben nach alle ein n

Frage

Meine Beispielsätze, um die es sich heute dreht:

Alle Mitarbeitende unterstehen der obligatorischen Versicherung.
Die Firma versichert alle Mitarbeitende bei einer Versicherung.

Wäre nicht in beiden Sätzen „alle Mitarbeitenden“ richtig? Warum ist es bei „Mitarbeitende“ so knifflig, während die Endungen bei „Angestellte“ so viel einfacher sind?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

warum einem alle Mitarbeitenden nicht so zügig aus der Tastatur fließen will wie alle Angestellten, weiß ich nicht. Es könnte damit zu tun haben, dass man viel häufiger das Wort Angestellte gehört und gelesen hat und deshalb besser an seine Formen gewöhnt ist. Es ist jedenfalls so, dass Mitarbeitende wie Angestellte ein sogenanntes substantiviertes Partizip ist, das in der Regel genau gleich wie ein Adjektiv gebeugt wird:

Alle mitarbeitenden Menschen unterstehen …
Alle Mitarbeitenden unterstehen …

Die Firma versichert alle angestellten Leute.
Die Firma versichert alle Angestellten

Mitarbeitende Menschen dürfen mitreden.
Mitarbeitende dürfen mitreden.

Angestellte Leute sind versichert.
Angestellte sind versichert.

Am 1. Mai feiert unser ältester mitarbeitender Kollege sein 40. Dienstjubiläum.
Am 1. Mai feiert unser ältester Mitarbeitender sein 40. Dienstjubiläum.

Am 1. Mai feiert unsere älteste mitarbeitende Kollegin ihr 40. Dienstjubiläum.
Am 1. Mai feiert unsere älteste Mitarbeitende ihr 40. Dienstjubiläum.

Das klingt alles komplizierter als es (für Muttersprachige!) normalerweise ist. Man macht es meistens spontan richtig und zweifelt erst, wenn man anfängt, darüber nachzudenken. Wenn Sie bei den Endungen von Angestellte sicher sind, ist die Sache sowieso ganz einfach: Mitarbeitende funktioniert genau gleich.

Dasselbe gilt übrigens für Wortgruppen wie zum Beispiel: der Angeklagte, ein Angeklagter; alle Anwesenden, zwei Anwesende; die lieben Studierenden, liebe Studierende; motivierte Unterrichtende, diese motivierten Unterrichtenden; unser Vorsitzender, unsere Vorsitzende usw. usf. Siehe auch „Liebe Auszubildende“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Word und -bar

Frage

Beispiel: „Insbesondere haftet die Firma nicht für kundeninterne, nicht ohne Weiteres klärbare und bereinigbare Meinungsdifferenzen.“ Warum akzeptiert Word „klärbare“ und „bereinigbare“ nicht? „Verrechenbare Spesen“ will Word in „errechenbare“ oder „berechenbare“ ändern. Wir meinen aber diejenigen Spesen, die wir dem Kunden verrechnen können … also „verrechenbar“.

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

die Formen klärbare, bereinigbare und verrechenbare sind korrekt. Man kann von sehr vielen transitiven Verben ein Adjektiv auf –bar bilden. Wenn etwas x-bar ist, kann es ge-x-t werden: essbar, trinkbar, verschiebbar, aufklappbar, abschließbar, erklärbar usw. usw. Mehr dazu finden Sie hier. Es gibt so viele Verben, für die man ein Adjektiv auf –bar bilden kann, und deren Bedeutung ist in der Regel so durchsichtig, dass es kein Wörterbuch gibt, die sie alle auflistet – auch Canoonet nicht.

Warum Ihr Word klärbar, bereinigbar und verrechenbar nicht akzeptiert, weiß ich nicht genau. (Meine Version von Word stört sich übrigens nur an den ersten beiden Wörtern, verrechenbar „rutscht“ problemlos durch die Kontrolle.) Die nicht akzeptieren Wörter stehen wohl nicht im Wörterbuch des Korrekturprogramms. Es verfügt offensichtlich auch nicht über eine Regel, die solche Formen analysieren und erkennen kann. Wenn ein Wort nicht in der Basiswörterliste steht und nicht aufgrund einer Regel erkannt werden kann, muss es wohl falsch sein ­– sagt Word.

Aus diesem Grund darf man Korrekturprogrammen nicht blind vertrauen. Nicht alles, was sie korrigieren, ist tatsächlich falsch. Erst recht gilt übrigens umgekehrt, dass nicht alles, was sie unkorrigiert stehen lassen, auch richtig geschrieben ist! Trotz guter Kontrollprogramme muss – und darf! – man auch selbst noch ein wenig nachdenken.

Nicht alle komplexen Wörter, die einen Verbstamm an erster Stelle haben und auf -bar enden, sind im Übrigen Adjektive: Ist Musik nicht tanzbar, hört man sie selten in der Tanzbar, und wer nicht animierbar ist, dem hilft auch keine Animierbar. Diese Beispiele sind zwar ziemlich forciert, sie zeigen aber, was ein Grund dafür sein könnte, warum ein Korrekturprogramm mit unbekannten Wörtern auf –bar so seine Schwierigkeiten hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Osterflaute

Mit „Osterflaute“ ist hier nicht das Gegenteil von „Westerwelle“ gemeint. Diesem eher flauen Witz bin ich auf dem Internet begegnet, als ich googelnd das im Titel dieses Beitrags stehende Wort als Suchbegriff eintippte. Man verzeihe mir bitte, dass ich es einfach nicht lassen konnte, ihn hier zu erwähnen!

Mit „Osterflaute“ meine ich die stark zurückgehenden Besucherzahlen auf Canoonet und das fast vollständige Ausbleiben von Fragen an „Dr. Bopp“. Es ist ein jährlich wiederkehrendes Phänomen: Wenn die Osterglocken (ver)blühen und die Kohlmeisen den Nistkasten an unserem Haus beziehen, weiß ich, dass Sie mich wieder in großer Zahl im Stich lassen werden. Das nehme ich Ihnen natürlich nicht übel, schon gar nicht bei dem Osterwetter, das für einen großen Teil des deutschsprachigen Raumes vorhergesagt wird. Wen kümmern schon Sprach- und Rechtschreibfragen, wenn man ein paar Tage frei hat und das Wetter fast nichts zu wünschen übrig lässt?

Ich wünsche Ihnen jedenfall ganz schöne Ostertage und hoffe, dass Sie sich danach wieder zahlreich Canoonet und „Dr. Bopp“ besuchen werden.

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Wundert es jemand, wenn man niemand ohne Endung begegnet?

Frage

Was ist richtig: „Sicher gibt es in Ihrem Bekanntenkreis jemand oder jemanden, der noch nicht … ist.“

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

beide Formulierungen sind möglich. Sowohl die endungslose als auch die Form mit Endung gelten hier als richtig:

Sicher gibt es in Ihrem Bekanntenkreis jemanden, der …
Sicher gibt es in Ihrem Bekanntenkreis jemand, der …

Das gilt nicht nur für den Akkusativ, sondern auch für den Dativ:

Reden Sie mit jemandem darüber, der …
Reden Sie mit jemand darüber, der …

… und für niemand:

Es gibt in meinem Bekanntenkreis niemanden, der …
Es gibt in meinem Bekanntenkreis niemand, der …
Ich möchte mit niemandem darüber reden.
Ich möchte mit niemand darüber reden.

Bevor Sie sich nun aber allzu sehr über so viel Freiheit freuen oder sich leicht irritiert fragen, ob denn heutzutage alles erlaubt sei, hier noch zwei Einschränkungen: Es ist nicht richtig, im Dativ die Endung –en zu verwenden:

Nicht: Man kann hier niemanden vertrauen.
Sondern: Man kann hier niemandem/niemand vertrauen.

Und den schicken Genitiv trifft man natürlich nie ohne seine Endung an:

Wie kann man jemandes (jemands) Charakter beurteilen?
Das ist in niemandes (niemands) Interesse.

Falls Sie alles noch einmal in der Grammatik nachlesen möchten, können Sie das hier tun.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Schneewittchens tausendundeinfache Schönheit

Literaturzitate sind hier in der Regel nicht zu erwarten – oder zu befürchten. Heute mache ich eine  Ausnahme. Das Wort „Literaturzitat“ ist allerdings etwas hoch gegriffen:

Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönste im ganzen Land.

Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
aber Schneewittchen
über den Bergen
bei den sieben Zwergen
ist noch tausendmal schöner als Ihr.

Frage

Ich habe eine Meinungsverschiedenheit mit dem Chef. Er ist der Meinung, „viermal mehr“ und „viermal soviel“ sei dasselbe, nämlich das Vierfache einer Zahl. Ich hingegen bin der Meinung, „viermal mehr“ sei das Fünffache.

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

bei dieser Frage kann man die Sprachgemeinschaft grob in zwei Gruppen einteilen: Die Mathematiker (mit und ohne entsprechenden Abschluss) und den Rest der Welt. Die Mathematiker wissen, dass viermal so viel der vierfachen Menge und viermal mehr der fünffachen Menge entspricht. Letzteres wird oft mit einem „ganz einfachen“ Beweis erklärt, den ich zwar meistens nachvollziehen kann, aber immer gleich wieder vergesse. Für alle anderen gibt es keinen Bedeutungsunterschied zwischen viermal so viel und viermal mehr.

Sie, Herr H., gehören zur ersten Gruppe, welche die „offiziell“ als korrekt geltende Meinung vertritt. Der Chef gehört wie ich der zweiten Gruppe an, die die Wendung  x-mal mehr eigentlich „falsch“ verwendet. Dass so viele Menschen viermal so viel und vier mal mehr gleich verwenden, liegt vielleicht unter anderem daran, dass auch bei nicht direkt Zähl- oder Meßbarem oft die Wendung x-mal + erste Steigerungsstufe verwendet wird:

  • Sie kann das zehnmal besser als du (= elfmal so gut?)
  • Ein Ingenieur ist heute hundertmal schneller als früher (= 101-fache Schnelligkeit?)
  • Schnewittchen ist tausendmal schöner als Ihr (= 1001-mal so schön?)

„Offiziell“ haben Sie aber, wie bereits gesagt, trotzdem recht. Beim tausendundeinmal so schönen Schneewittchen hat die „mathematische“ Interpretation sogar etwas Poetisches!

Wenn Sie irgendwo x-mal mehr hören oder lesen und wenn die genaue Anzahl wichtig ist, würde ich Ihnen aber dennoch empfehlen nachzufragen, was genau gemeint ist. Vor allem bei niedrigen Zahlen kann der Unterschied ja beträchtlich sein. Aus dem gleichen Grund würde ich umgekehrt fünfmal so viel anstatt viermal mehr verwenden, wenn es wichtig ist. Die Wendung fünfmal so viel verstehen nämlich alle gleich, selbst mathematisch weniger Begabte wie ich. Vielleicht hilft mir von nun an Schneewittchens tausendundeinfache Schönheit als Eselsbrücke dabei, es richtig zu machen. Ich würde allerdings nicht allzu viel darauf verwetten …

MIt freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wer und wo, who and where – ein Missverständnis?

Frage

Ich bin ein „Hobbyetymologe“, den schon seit geraumer Zeit die folgende Frage beschäftigt: Bei den Fragepronomen wer (engl. who) und wo (engl. where) muss doch eine der beiden Sprachgruppen – die deutsche oder die englische – die andere Sprachgruppe missverstanden haben. Wer hat hier wen missverstanden?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

wenn man nur nach Äußerlichkeiten urteilen würde, müssten tatsächlich wer und where resp. wo und who miteinander verwandt sein. Die Bedeutung dieser Fragewörter lässt aber zu Recht ein anderes Verwandtschaftsverhältnis vermuten:

Das deutsche Fragewort wo geht über mittelhochdeutsches wa auf das althochdeutsche (h)war zurück. Es bedeutete eigentlich an was (für einem Ort). Das entsprechende englische Fragewort where geht auf altenglisches hwær zurück, das – Sie erraten es vielleicht schon – mit dem althochdeutschen (h)war verwandt ist. Die Fragewörter wo und where haben also grob gesagt den gleichen Ursprung. Sie haben aber nicht den gleichen Lautwandel durchlaufen.

Ebenfalls mit wo und where sind zum Beispiel verwandt: niederländisch waar, friesisch wêr, schwedisch var und dänisch hvor.

Das deutsche Fragewort wer geht auf das althochdeutsche (h)wer zurück. Seine englische Entsprechung who ist über altenglisches hwa ebenfalls mit dem althochdeutschen (h)wer verwandt. Auch hier gilt: gleicher Ursprung, aber andere Lautentwicklung.

Vergleichen Sie auch zum Beispiel friesisch wa, schwedisch vem, dänisch hvem und niederländisch wie (sic!).

Die Englischsprachigen und die Deutschsprachigen haben einander also (in diesem Fall) nicht missverstanden. Die verwirrenden Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen wer und who und wo und where sind vor allem dadurch entstanden, dass die beiden Sprachgruppen im Laufe der Jahrhunderte ihre Fragewörter nicht in gleicher Weise „schlampig“ ausgesprochen haben. So sieht man wieder einmal: Gäbe es keine Sprachentwicklung, müsste man auch keine Fremdsprachen lernen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Worin verwandelt sich die Kröte?

Frage

Gestern wurde bei Günter Jauch in „Wer wird Millionär“ folgende Frage gestellt: „Worin verwandelt sich die Kröte durch Versetzen eines Buchstabens?“ Die möglichen Antworten, nur der Vollständigkeit halber: Hund, Katze, Maus, Märchenprinz.

Was mich an der Frage doch sehr verwundert, ist das Fragewort „worin“. Ich würde „in was“ vorziehen.

Antwort

Guten Tag M.,

Ihre Frage hat auch mich stutzen lassen. Ich finde nämlich wie Sie, dass Worin verwandelt sich eine Kröte … falsch klingt. Aber weshalb?

Im Allgemeinen gilt, dass man in der Standardsprache nicht mit einer Präposition und was fragt, sondern mit der entsprechende Form wo(r)-. Zum Beispiel:

Umgangssprachlich:
Mit was reparierst du das?
Über was redet ihr?
Von was hast du geträumt?

Standardsprachlich:
Womit reparierst du das?
Worüber redet ihr?
Wovon hast du geträumt?

Deshalb hat man sich bei der Quizsendung wohl dazu entschieden, nicht umgangssprachlich in was, sondern worin zu verwenden, wie es sich standardsprachlich zu gehören scheint. Ganz so einfach geht das aber leider nicht. Man kann im Prinzip auch in was besser durch worin ausdrücken. Das ist aber nur dann richtig, wenn mit in wörtlich oder figürlich ein Standort angegeben wird (in mit Dativ):

Worin soll ich das Geld aufbewahren?
Worin besteht der Unterschied?

Man kann worin nicht verwenden, wenn in wörtlich oder figürlich eine Richtung angibt (in mit Akkusativ). Es muss dann worein heißen:

Worein hast du das Geld gelegt?
Worein sollte ich mich weiter vertiefen?

Entsprechend hieße es theoretisch auch:

Worein verwandelt sich die Kröte durch Versetzen eines Buchstabens?

Dieses worein ist aber veraltet, das heißt, kaum jemand verwendet es noch. Wenn man hier in was vermeiden will und worein einem zu archaisch klingt, bleibt einem nichts anderes übrig, als eine andere Formulierung zu wählen.

In diesem Fall ist es gar nicht so einfach, eine andere Formulierung zu finden. Das Verb verwandeln soll einen ja in Verbindung mit der Antwortmöglichkeit Märchenprinz auf eine falsche Fährte führen. Man soll an das Märchen „Der Froschkönig“ denken, damit man nicht gleich auf die Idee kommt, den zweiten Buchstaben der Kröte an die letzte Stelle zu schieben. Das Verb verwandeln ist deshalb für die Fragestellung sehr wichtig. Und dieses Verb verlangt nun einmal die Präposition in mit Akkusativ.

Ich hätte den Quizredakteurinnen und –redakteuren deshalb empfohlen, den Standard für einmal Standard sein zu lassen und zu fragen: In was verwandelt sich die Kröte durch Versetzen eines Buchstabens? Besser eine Formulierung, die als umgangssprachlich angesehen wird, als eine falsche Formulierung. Worin verwandelt sich die Kröte? wäre höchstens dann eine passende Frage, wenn man eine Antwort wie im Schlossbrunnen oder im Schlafgemach der Prinzessin erwarten würde.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Springende Kühe

Es gibt Wörter, die nicht richtig zusammenpassen, die man aber trotzdem manchmal zusammen verwenden kann. Das war heute bei schönstem Frühlingswetter, Kaffe und Kuchen auf dem Bauernhof der Fall. Nach einem langen Winter im Stall durften die Kühe zum ersten Mal wieder auf die Weide. Das Tor geht auf, die ersten Kühe kommen vorsichtig aus dem Stall, schauen zuerst ein paar Augenblicke herum und fangen dann an, ein paar Meter zu rennen. So weit kommt die Beschreibung ganz ohne ungewöhnliche Wortkombinationen aus. Kühe schauen ständig mit ihren schönen, großen Augen aufs Gras oder sonst irgendwohin. Rennende Kühe hat man auch schon des Öfteren gesehen, auch wenn die Damen es im Allgemeinen lieber gemächlich nehmen. Doch dann beginnt die erste Kuh auf einmal herumzuspringen: richtige Bocksprünge, bei denen das Tier mit allen vieren vom Boden loskommt. Kaum hat die erste Kuh ihren ersten Sprung vollbracht, folgen viele ihrer Stallgenossinnen mit ähnlichen Kapriolen. So etwas gehört sich vielleicht für spielende Kälber oder texanische Rodeokühe, aber doch nicht für erwachsene Milchkühe!

„Springende Kühe“ ist eine ungewohnte Wortverbindung und ein mindestens ebenso ungewohnter Anblick. Der Bauer nannte die ausgelassen springende Tiere übrigens „tanzende Kühe“. Das ist eine noch ungewöhnlichere Verbindung, aber sie passt doch eher zu Trickfilmkühen. Für mich müssten die echten Kühe noch etwas an der Eleganz ihrer Sprünge arbeiten, bevor ich es „tanzen“ nennen würde. Wie dem auch sei, es war ein herrlicher Anblick an einem herrlichen Tag!

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Neues mit klassischer Endung: Nova, Novä, Novum, Nova

Frage

Die Anwendungen und Aussprachen der Mehrzahl in der deutschen Sprache haben sich ja oft verändert. So heißt die Mehrzahl von Atlas eigentlich Atlanten, aber ich glaube, es ist auch erlaubt, Atlasse zu sagen. Nun aber die für mich nicht nachzuvollziehende Mehrzahl von Supernova: Ich habe gerade wieder einen Bericht gesehen und immer wieder spricht man hier in der Mehrzahl von Supernovae. Ist das richtig und in irgendeiner Art und Weise nachzuvollziehen?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

man darf zum Entsetzen einiger Traditionsbewusster heute tatsächlich nicht nur Atlanten, sondern auch Atlasse sagen und schreiben. Bei Supernova hingegen ist die Welt auch für Liebhaber klassisch beeinflusster Wortformen noch in Ordnung: Der Plural lautet Supernovae oder Supernovä. Woher kommt diese im Deutschen ungewöhnliche Endung?

Nova bezeichnete ursprünglich einen Himmelskörper, der vorher nicht sichtbar gewesen war. (Heute ist die Definition etwas komplizierter.) Eine Supernova ist eine besonders starke Nova. Das Wort Nova kommt aus dem Lateinischen: stella nova = neuer Stern. Die Form stella nova ist weiblich und steht im Singular. Die entsprechende Form ist im Nominativ Plural stellae novae. Deshalb lautet der Plural auch im Deutschen Novae oder Novä und Supernovae oder Supernovä.

Vom gleichen lateinischen Adjektiv novus (neu) kommt auch das Wort das Novum = die Neuheit, die neue Tatsache. Hier verwenden wir die sächliche Form novum. Der dazugehörende Nominativ Plural ist nova. Entsprechend lautet der selten vorkommende Plural von das Novum auch im Deutschen die Nova.

Die Nova trägt ihren Namen, weil sie gewissermaßen ein Novum ist. Mehrere Novä sind also Nova. Die Nova in der Einzahl und die Nova in der Mehrzahl könnten einem so glatt durcheinandergeraten. Glücklicherweise gibt der Kontext in der Regel an, ob von einem astronomischen Phänomen oder von Neuheiten die Rede ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Warum das 25-jährige Jubiläum nicht so alt ist

Frage

Bei uns wird wieder eine Frage heiß diskutiert. Es wird hier gesagt: „Zum 25-jährigen Jubiläum kann man nicht gratulieren, da -jährig immer eine Dauer bezeichnet.“ Klingt logisch. Kann ich aber stattdessen zum 25-jährigen Bestehen gratulieren?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

wenn man es ganz genau nimmt, kann man tatsächlich nicht zum 25-jährigen Jubiläum gratulieren. Damit wird eigentlich gesagt, dass das Jubiläum fünfundzwanzig Jahre alt wird oder fünfundzwanzig Jahre dauert.

Aber:

Die Ausdrucksweise x-jähriges Jubiläum ist auch standardsprachlich so allgemein üblich und eingebürgert, dass man sie nicht als falsch bezeichnen kann. Man könnte dagegenhalten, dass etwas nicht richtig wird, „nur“ weil alle es falsch machen. In der Sprache gilt aber, dass etwas richtig ist, wenn alle es so machen. Wörter wie zehnjährig, fünfundzwanzigjährig usw. haben also nicht zwei, sondern drei Bedeutungen:

  • x Jahre alt (ein zehnjähriges Kind, ein tausendjähriger Baum)
  • x Jahre dauernd (das zehnjährige Bestehen, der Dreißigjährige Krieg)

und in Verbindung mit Jubiläum:

  • anlässlich des x-ten Jahrestages (das zehnjährige Jubiläum)

Es ist  deshalb nicht falsch, zum 25-jährigen Jubiläum zu gratulieren, auch wenn die Jubiläum nur einen Tag und nicht etwa fünfundzwanzig Jahre dauert. Es gibt aber immer Leute, die diese Sichtweise nicht als richtig akzeptieren. Wenn Sie also ganz sicher sein wollen, dass niemand Ihnen einen Fehler vorwirft, sagen Sie, dass Sie zum 25-jährigen Bestehen oder zum Jubiläum des 25-jährigen Bestehens gratulieren.

Etwas Vergleichbares habe ich in einem älteren Blogeintrag für das Wort Geburtstag beschrieben: Wenn man fünfundzwanzig Jahre alt wird, feiert man eigentlich seinen sechsundzwanzigsten Geburtstag. Es gibt zumindest Leute, die das behaupten. Das ist aber nicht richtig, weil Geburtstag im allgemeinen Sprachgebrauch nicht eine, sondern zwei Bedeutungen hat: Tag der Geburt (selten) und Jahrestag der Geburt. Wenn man fünfundzwanzig wird, feiert man also seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag und meint damit immer die zweite Bedeutung des Wortes.

Im Gegensatz zu mathematischen Begriffen, haben Sprachbegriffe sehr oft mehr als eine Bedeutung. Und diese Bedeutungen können sich im Laufe der Zeit auch noch verändern …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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