Archiv für Mai, 2011

Beinah Unaussprechbares: röntgen

Vor langer Zeit habe ich einmal Deutsch für Fremdsprachige unterrichtet. Ich kann mich noch gut an eine spanische Dame erinnern, die im Anfängerunterricht das Wortpaar gut und schlecht vorlesen sollte: gut ging gut, aber dann seufzte sie verzweifelt, dass es ihr nie, aber auch gar nie gelingen werde, ein Wort mit so vielen Konsonanten und nur einem e auszusprechen. Als ihr klar wurde, dass sch und ch nur für je einen Laut stehen, beruhigte sie sich ein wenig. Mir kam damals gleich das Wort Zwetschge in den Sinn. Das habe ich aber wohlweislich für mich behalten. Mit welchem Wort ich die arme Kursistin wirklich hätte erbleichen lassen können, wusste ich damals noch nicht.

Frage

Schreibt man  „Der Knochen wurde geröntgt“ oder „wurde geröntget“ oder existieren beide Formen. Wenn ich google, finde ich beide Formen.

Antwort

Sehr geehrte Frau V.,

man schreibt:

Der Knochen wurde geröntgt.

Bei der Beugung des Verbs röntgen wird kein e eingeschoben, wenn der Verbstamm von t oder s gefolgt wird. Also:

du röntgst
er/sie/es röntgt
er röntgte
geröntgt
Siehe auch Canoonet.

So viel zur Schreibung, die einfach der allgemeinen Regel folgt: Man hängt die Endungen direkt an den Verbstamm röntg-. Schwieriger wird es bei der Aussprache. Während einem bei Formen wie röntgt und geröntgt das /ntkt/ am Wortende mit etwas Mühe noch einigermaßen gelingen will, weigert sich mein Artikulationsapparat entschieden, die Wortform röntgst nach der „offiziellen“ Aussprache auf /ntkst/ enden zu lassen. Nur mit äußerster Konzentration und nicht allzu trockenem Mund gelingt es mir beim dritten Anlauf, diese fünf Konsonanten nacheinander auszusprechen.

Es ist deshalb kein Wunder, dass bei der Aussprache oft „geschummelt“ wird. Statt /geröntkt/ sagt man je nach Region zum Beispiel /geröncht/ oder /gerönkt/ und statt /röntkst/ hört man /rönchst/ oder /rönkst/. Die Aussprache /geröntget/, die die Schreibung geröntget rechtfertigen würde, kenne ich übrigens nicht.

Wenn man dieses Verb also nach der Standardaussprache beugen will, bleibt einem nur der Trost, dass man mit etwas Mühe und Konzentration geröntgt gerade noch schaffen kann und dass die Form du röntgst nur selten vorkommt. Nur wenige duzen den Röntgenassistenten oder die Röntgenärztin, wenn es ums Röntgen geht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Einmilliardengrenze

Frage

Was ist korrekt: jenseits der Ein-Milliarden-Grenze oder jenseits der Eine-Milliarden-Grenze?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

es heißt:

jenseits der Einmilliardengrenze

Millliarde ist ein Zahlwort, aber es ist wie Million oder Dutzend ein Substantiv. Es hat ein Geschlecht (die Milliarde), hat Einzahl- und Mehrzahlformen (Milliarde – Milliarden) und wird entsprechend großgeschrieben. Auch bei der Wortzusammensetzung verhält es sich wie ein Substantiv. Das Wort Einmilliardengrenze hat den gleichen Aufbau wie zum Beispiel:

Einfamilienhaus, Einparteienstaat, Einpersonenhaushalt, Einschienenbahn, Zweiparteiensystem, Mehrfamilienhaus usw.

Die Zusammensetzung Einmilliardengrenze entspricht also einer im Deutschen üblichen Wortbildungsart.

Wenn man „unbedingt“ will, kann man Bindestriche verwenden:

jenseits der Ein-Milliarden-Grenze

Diese Bindestriche sollen der Verdeutlichung dienen. Ich finde aber, dass sie hier im Gegenteil eher verwirren als verdeutlichen. Ist es nicht so, dass Ihre Frage vor allem dann aufkommt, wenn man die einzelnen Elemente der Zusammensetzung durch Bindestriche voneinander trennt? Erst dann fällt so richtig auf, dass die ungebeugte Form ein vor der Form Milliarden steht, die man so isoliert und mit großem M als Pluralform interpretiert:

Ein-Milliarden?Es heißt doch eine Milliarde oder mehrere Milliarden!

Milliarden entspricht zwar formal einer Pluralform, hat aber in einer Zusammensetzung wie Einmilliardengrenze nicht mehr diese Funktion (vgl. Fugenelmente). Und wie zum Beispiel Einfamilienhaus zeigt, verwendet man in Zusammensetzungen die ungebeugte Form ein auch dann, wenn ein weibliches Wort folgt. Zusammensetzungen „funktionieren“ anders als nebeneinanderstehende Wörter in einem Satz. Ich empfehle hier deshalb die Schreibung ohne Bindestriche:

Einmilliardengrenze
Einmillionenstadt
Einfamilienhaus

Und wenn Ihnen das Wort weder mit Bindestrichen noch ohne sie wirklich gefallen will, können Sie natürlich auch einfach jenseits der Grenze von einer Milliarde sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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An und auf der Stelle

Frage

Darf ich sowohl „Auf deiner Stelle würde ich …“  als auch „An deiner Stelle würde ich …“ schreiben?

Antwort

Guten Tag J.,

die Redewendung lautet üblicherweise:

An deiner Stelle würde ich …

Etwas steht, liegt, ist, befindet sich, ruht usw. an einer Stelle. Auch in der übertragenen Bedeutung wenn ich an deiner Stelle stünde verwendet man an:

Was würdest du an meiner Stelle tun.
An deiner Stelle würde ich sofort damit aufhören.
Er behauptete, dass er an ihrer Stelle schneller reagiert hätte.

Es heißt also in der Regel an einer/deiner Stelle, nicht auf einer/deiner Stelle. Damit es aber für zum Beispiel Deutschlernende nicht allzu einfach wird, sagt man manchmal doch auf der Stelle. Es handelt sich dann aber um eine andere feste Wendung:

auf der Stelle = sofort
Der Führerschein wurde ihr auf der Stelle entzogen.
An deiner Stelle würde ich auf der Stelle damit aufhören.

Ebenfalls mit auf steht der folgende, eher umgangssprachliche Ausdruck:

auf der Stelle treten = nicht vorwärts kommen; keine Fortschritte machen
Ich habe das Gefühl, dass ich beruflich schon lange auf der Stelle trete.

So viel zu an und auf der Stelle.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Urlaubsphotos und Filosofie*

Frage

Man darf gemäß neuer Rechtschreibung zum Beispiel Geografie, Typografie etc. schreiben. Aber zum Beispiel bei Philosophie bleibt man beim ph. Grafie (graphos) kommt doch wie philos und sophos aus dem Griechischen. Warum ist man dann nicht konsequent und schreibt überall f anstelle von ph? Gibt es eine grammatikalische Erklärung oder ist es einfach eine subjektive Entscheidung? Filosofie: okay, gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie schön.

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

Grammatik und Rechtschreibung haben oft wenig bis nichts miteinander zu tun. Es gibt keinen grammatischen Grund, den Laut f durch ph wiederzugeben, wenn ein Wort griechische Wurzeln hat. Die Schreibung ph ist rein historisch-kulturell bestimmt. Ob sie sinnvoll, nützlich, schön oder überflüssig ist, sei hier dahingestellt.

Ganz willkürlich ist die Entscheidung der Rechtschreibkommission nicht. Die aus dem Griechischen stammenden Wortbildungselemente graph, phot und zum Beispiel auch phon kommen nicht nur in „gelehrten“, sondern auch in ganz allgemeinsprachlichen Wörtern vor: Foto, fotografieren, Telefon. Solche durch und durch deutsch gewordenen Wörter sollen wie andere deutsche Wörter mit f geschrieben werden. Das ist gut vertretbar – und das taten die meisten sowieso schon.

Man wollte (besser gesagt: durfte) aber nicht so weit gehen, alle ph abzuschaffen. Insbesondere „gelehrte“ Wörter sollten davon verschont bleiben. Dadurch entstand das Problem der Bestimmung der Grenze zwischen allgemeinen Wörtern mit f und gelehrten Wörtern mit ph. Da sich diese Grenze nicht eindeutig feststellen lässt, sind für die meisten Wörter mit graph, phon und phot beide Schreibweisen möglich gemacht worden. Das erklärt, warum man sowohl Geografie und Typografie als auch Geographie und Typographie schreiben kann. Bei Wörtern wie Philosophie und Strophe hat der Rechtschreibrat (oder jemand im Auftrag des Rechtschreibrates) beschlossen, dass sie nur gelehrte Elemente enthalten, die ausschließlich mit ph geschrieben werden sollen.

Das ist ziemlich inkonsequent. Solange man aber nicht zu telephonieren und Urlaubsphotos zurückkehrt oder andererseits dazu übergeht, Filosofie und Strofe zu schreiben, gibt es keine konsequent anwendbare Lösung. Es geht hier um die letztlich nicht eindeutig beantwortbare Frage, wann genau man die Schreibung welcher Fremdwörter in welcher Weise eindeutscht.

Es gab übrigens Bestrebungen, ph, th, rh und andere „gelehrten“ Schreibungen einzudeutschen. Solche Vorschläge lösten aber zum Teil derart heftige Reaktionen aus, dass man hätte meinen können, Schreibungen wie Filosofie, retorisch und Fysik (oder gar Füsik) seien Ausdruck unaussprechlicher Ignoranz und würden den Untergang der deutschen Sprache, wenn nicht gar der gesamten abendländischen Kultur deutscher Prägung auslösen**. Ganz so schlimm wäre das natürlich nicht, denn in einigen anderen Kultursprachen wie dem Italienischen und Spanischen schreibt man problemlos filsofia und fisica resp. filsofía und física, im Niederländischen filosofie und fysica, im Dänischen filosofi und fysik, im Polnischen filozofia und fizyka u. a. m.

Die Unterschiede bei der amtlichen Schreibung von Foto, Fotografie/Photographie und Philosophie sind also nicht grammatisch begründet, sonder das Resultat eines Kompromisses zwischen Anpassen und Bewahren. Ob es der bestmögliche Kompromiss ist – wenn es so etwas überhaupt gibt –, weiß ich nicht. Ich bin mir aber sicher, dass jede andere Lösung ebenfalls Anlass zur Kritik gäbe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Damit ich auch ganz bestimmt keine Zweifel säe: Nach der amtlichen Rechtschreibregelung schreibt man Urlaubsfotos und Philosophie.

** Diese leicht übertreibenden Formulierungen sind nicht von mir. Sie gefallen mir aber so gut, dass ich das Klauen nicht lassen konnte. Nach all den Plagiatsvorwürfen, von denen man in letzter Zeit hört, gibt man so etwas am besten sofort zu.

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Warum geschlechtig fehlt

Frage

Im Biologieheft meines Sohnes finde ich die Ausdrücke „eingeschlechtig“ und „zweigeschlechtig“ in Verbindung mit Blüten. Mir war bisher nur „geschlechtlich“ bekannt. In canoonet finde ich kein „geschlechtig“, aber im Wahrig stehen beide Ausdrücke. Warum hat canoonet diesen Ausdruck bisher nicht aufgenommen?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

Sie kannten das Wort geschlechtig nicht, weil geschlechtig im Deutschen nicht als allein stehendes Wort verwendet wird. Es kommt nur in Verbindung mit einem anderen Wort vor. Zum Beispiel:

eingeschlechtig
zweigeschlechtig
getrenntgeschlechtig

Das steht eigentlich auch in (meinem) Wahrig: „geschlechtig, in Fügungen, z. B. getrenntgeschlechtig“. Damit ist gemeint, dass geschlechtig nur in zusammengesetzten Wörtern wie zum Beispiel getrenntgeschlechtig vorkommt. Das ist auch der Grund, weshalb Sie das Wort geschlechtig nicht als separaten Eintrag im Canoonet-Wörterbuch finden. Sie finden aber Zusammensetzungen der Form …geschlechtig:

doppelgeschlechtig, eingeschlechtig, getrenntgeschlechtig, gleichgeschlechtig, ungleichgeschlechtig, zweigeschlechtig

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch diese Ansicht.

Neben geschlechtig gibt es noch viele andere Formen, die in gleicher Weise nur in Zusammensetzungen, nicht aber allein stehend vorkommen. Zum Beispiel:

-armig: achtarmig, beidarmig, langarmig
-äugig: blauäugig, großäugig, scharfäugig
-monatig: einmonatig, dreimonatig, mehrmonatig
-prozentig: hundertprozentig, hochprozentig
-randig: breitrandig, glattrandig, schmalrandig
-sprachig: dreisprachig, mehrsprachig, deutschsprachig

Dann noch kurz zur Bedeutung: Die Form -geschlechtig bedeutet ein Geschlecht habend. Die Form -geschlechtlich bedeutet auf das Geschlecht bezogen, sexuell. Zum Beispiel:

eingeschlechtig = ein Geschlecht habend
gleichgeschlechtig = das gleiche Geschlecht habend
gleichgeschlechtlich = auf das gleiche Geschlecht bezogen

Dieser Bedeutungsunterschied zwischen -geschlechtig und -geschlechtlich wird allerdings nicht immer von allen streng eingehalten.

Sie werden natürlich immer wieder Wörtern begegnen, die Sie nicht im Wörterbuch finden. Es gibt sehr, sehr viele und immer wieder neue Wörter, so dass kein Wörterbuch sie alle auflisten kann. Die Form geschlechtig zeigt aber, dass das „Fehlen“ eines Wortes manchmal auch daran liegen kann, dass das Wort in dieser Form gar nicht verwendet wird. Es gibt zwar eingeschlechtige und zweigeschlechtige Blüten, das Wort geschlechtig gibt es aber trotzdem nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Blogspektrogram

Gerne mache ich Sie auf das

aufmerksam. Auch wenn oder vielleicht gerade weil die Farben des Logos nicht so gut zu den eher antiquierten Farben des Dr.-Bopp-Blogs passen, lohnt es sich, einmal darauf zu klicken.

Anatol Stefanowitsch vom Sprachblog hat die Initiative ergriffen und verschiedene bloggende „Sprachlerinnen“ und „Sprachler“ eingeladen, ihren besten oder interessantesten Beitrag des letzten Monats anzugeben. Er hat diese Angaben in einem Artikel zusammengefasst, den Sie hier finden. Das Blogspektrogramm erlaubt es Sprachinteressierten schnell einen Eindruck davon zu erhalten, was sich im deutschsprachigen Sprachblogland so tut. Es soll zu einem monatlich wiederkehrenden Ereignis werden, das jeweils in einem der beteiligten Blogs veröffentlicht wird. Alles Weitere lesen Sie in Anatol Stefanowitschs Sprachlog.

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Italien und Aserbaidschan

Wenn gestern Abend in Düsseldorf der italienische Beitrag das Finale des Eurovisonsfestivals gewonnen hätte, wäre ich in unserem Wohnzimmertippspiel trotzdem Letzter geworden. Ich hatte die Iren auf den ersten Platz gesetzt, die Gewinner auf dem vierten Platz vorhergesehen und, den Geschmack des gesamteuropäischen Publikums völlig unterschätzend, den zweitplatzierten, ausgezeichneten italienischen Beitrag unter „ferner liefen“ eingeteilt. Doch was hat dies alles mit Sprache oder Rechtschreibung zu tun? – Nichts. Ich schweife nur wieder einmal ab.

Wenn also gestern Abend in Düsseldorf der italienische Beitrag gewonnen hätte, gäbe es für die schreibenden Kommentatoren und Kommentatorinnen nächstes Jahr höchstens das Problem, dass man die italienischen Organisatoren und nicht die Italienischen Organisatoren schreibt.  Wie man Italien, italienisch, Italiener, Italienerin und zum Beispiel Rom, Mailand oder Venedig schreibt, müsste man als allgemein bekannt voraussetzen können. Sanremo ist ebenfalls einfach, denn auch San Remo ist richtig. Probleme auf der Ebene der Schreibung gäbe es wohl erst, wenn die Italiener das Festival in zum Beispiel Civitavecchia, Giugliano in Campania oder Chioggia veranstalten würden.

Anders sieht es beim gestrigen Gewinnerland aus. Wie schreibt man Aserbaidschan offiziell auf Deutsch? Genau so: Aserbaidschan, nicht (mehr?) Aserbeidschan und auch nicht wie im Englischen Azerbaijan. Das wusste ich natürlich auch nicht. Ich musste es in den offiziellen Länderlisten nachschlagen. Die Einwohner sind Aserbaidschaner und Aserbaidschanerinnen und das Adjektiv ist aserbaidschanisch (vgl. hier). Die auf i endende Form Azerbaijani oder Aserbaidschani, die irgendwie so klingt, als kenne man sich gut aus, ist englisch (resp. wahrscheinlich durch das Englische inspiriert). Dies sind, wie gesagt, die offiziellen Namen und deren Schreibung. Wie so oft bei „exotischeren“ geographischen Namen, trifft man auf der freien Sprachwildbahn auch andere Schreibweisen an (z. B. Aserbaidjan). Am meisten viel fiel mir übrigens auf, dass man die Hauptstadt Aserbaidschans genau so schreibt, wie man sie ausspricht: Baku; nicht Bhaku, Bakhu oder Bakou, nein, einfach Baku. Das ist so einfach, dass man es kaum glauben will, und in dieser Hinsicht schon fast wieder ein Problem.

Wer also nächstes Jahr etwas über das Songfestival schreiben will, weiß nun, wie man all diese Namen schreibt. Ich befürchte allerdings, dass dieses Wissen bis zum nächsten Mai nicht mehr bei allen ganz präsent sein wird. Aber wer weiß, vielleicht schreibt ja vor dem großen, fröhlichen Liederfest noch jemand etwas über zum Beispiel den wenig demokratischen Charakter des dortigen politischen Systems.

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Nichts für Liebhaber unverrückbarer Regeln: etwas, was/das

Frage

Heißt es „etwas, das …“ oder „etwas, was …“?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

es heißt üblicherweise

etwas, was
Sie sagte etwas, was mich sehr erstaunt hat.

Man hört und liest aber auch häufig:

etwas, das
Sie sagte etwas, das mich sehr erstaunt hat.

Ich vermute, dass Liebhaber und Liebhaberinnen einfacher, eindeutiger Regeln diese Antwort nicht mögen. Es handelt sich nämlich um eine Ausnahme zu einer Ausnahmeregel. Die erste Regel, die man lernt, lautet, dass man standardsprachlich in Relativsätzen das und nicht was verwendet:

nicht: das Buch, was ich gerade lese
sondern: das Buch, das ich gerade lese
nicht: das schöne Leben, was er führt
sondern: das schöne Leben, das er führt

Das bringt einige Eifrige dazu, einem einen Fehler anzustreichen, wenn man etwas, was sagt oder schreibt. Diese Verbesserer mögen es gut meinen, aber sie haben nicht gelernt oder einfach übersehen, dass die Regel nur dann gilt, wenn sich das Relativpronomen auf ein sächliches Substantiv (hier Buch und Leben) bezieht. In anderen Fällen ist standardsprachlich gerade was üblich, nämlich nach substantivierten sächlichen Superlativen (das klingt komplizierter als es ist) und nach hinweisenden und unbestimmten Pronomen:

Das ist das Beste, was du tun konntest.
Das ist das Schönste, was ich je erlebt habe.

Das, was du hier siehst, ist ein Frosch.
Ich habe alles, was ich mir wünschen kann.
Es gibt noch einiges, was ich dich fragen möchte.
Es gibt noch etwas, was ich nicht verstehe.

Auch dies ist aber keine Regel, die man blindlings anwenden kann. Wenn jemand sagt:

Es gibt noch etwas, das ich nicht verstehe.

macht diese Person nicht gleich einen unverzeihlichen Fehler. Wenn mit etwas nicht etwas Unbestimmtes, sondern etwas Bestimmtes, Einzelnes gemeint ist, kann auch standardsprachlich das gesetzt werden. Manche mögen auch einfach die Wiederholung von was nicht und verwenden deshalb nach etwas lieber das. Sehen Sie hierzu auch diese Grammatikseite (ganz unten).

Regeln sind hilfreich. Es gibt aber meistens auch Ausnahmen. Das ist etwas, was/das man nicht vergessen sollte!

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Alle seine(r) Schüler

Vorwarnung: Heute gibt es wieder einmal etwas für Liebhaber und Liebhaberinnen grammatischer Erklärungen.

Frage

Was ist richtig: „Alle seine Schüler sind begeistert“ oder „Alle seiner Schüler sind begeistert“?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

beide Formulierungen sind korrekt:

Alle seine Schüler sind begeistert.
Alle seiner Schüler sind begeistert.

Falls Sie an der Grammatik interessiert sind, können Sie weiterlesen. Falls Grammatisches Ihnen nicht so viel sagt, erfreuen Sie sich einfach der Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten, die uns die deutschen Sprache bietet, und klicken Sie weiter!

Warum kann seine(r) Schüler hier sowohl im Nominativ als auch im Genitiv stehen? Das liegt daran, dass alle sowohl als Artikelwort als auch als Indefinitpronomen verwendet werden kann. Als Artikelwort bestimmt es seine Schüler. Als Indefinitpronomen folgt ihm das Genitivattribut seiner Schüler.

Artikelwort alle:

Alle Schüler sind begeistert.

Als Artikelwort kann alle mit anderen Artikelwörtern wie diese, jene und seine kombiniert werden:

Alle seine Schüler sind begeistert.

Das Subjekt des Satzes ist hier eine Nomengruppe mit dem Kern Schüler. Der Kern wird durch die Artikelwörter seine und alle erweitert.

Indefinitipronomen alle:

Alle sind begeistert.

Als Indefinitpronomen kann alle wie ein Nomen durch ein Genitivattribut erweitert werden:

Alle seiner Schüler sind begeistert.

Das Subjekt des Satzes ist hier eine Pronomengruppe mit dem Kern alle. Der Kern wird durch das Genitivattribut seiner Schüler erweitert.

Je nachdem, ob man alle hier als Artikelwort oder als Pronomen verwendet, steht alle seine Schüler oder alle seiner Schüler. Ich sehe keinen wesentlichen Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Formulierungen. Mehr dazu finden Sie hier, hier und hier.

Dieses Beispiel zeigt, dass oft gleichberechtigt verschiedene grammatische Mittel angewandt werden können, um etwas auszudrücken. Hier ist die aus nur drei Wörtern bestehende Wortgruppe, die das Subjekt des Satzes bildet, ganz unterschiedlich strukturiert. Erstaunlicherweise sieht man dies an der Oberfläche nur an einem kleinen r.

Nachtrag:

Ganz so gleichberechtigt, wie ich es gerne hätte, sind die Formen allerdings nicht. Nach den strengeren Grammatikern gilt die Verwendung von alle mit einem Genitiv dieser Art aus irgendeinem Grund als „umgangssprachlich“ oder gar „falsch“. Wundern Sie sich also nicht, wenn nicht alle mit der Formulierung alle seiner Schüler einverstanden sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Vermischtes über Vögel

Zu Hause brüten die Kohlmeisen. Das habe ich Ihnen schon erzählt. Hier im Ferienhäuschen gab mir ein anderer Vogel zu denken. An das Hausamselpärchen, das um das Haus herum Regenwürmer sammelt, hatte ich mich schon gewöhnt (und sie sich an mich). Letzthin sah ich aber einen anderen, etwas kleineren, braunen Vogel mit hellem Bauch und Tupfen und Streifen, der ebenfalls im Garten Würmer und anderes, was solche Vögel mögen, aufpickte. Das gefiel den Amseln nicht besonders gut, aber ihre Vertreibungsversuche waren wohl nicht allzu erfolgreich. Ich sehe den Vogel seither regelmäßig im Garten herumtrippeln. Da meine ornithologischen Kenntnisse nicht viel weiter reichen als bis zum Erkennen von Kohlmeisen, Amseln, Stadttauben, Spatzen und Flamingos, wusste ich nicht, um was für einen Vogel es sich handelt. Der Nachbar brachte Klarheit: „Das ist eine Lerche.“

Von Lerchen wusste ich bis anhin wenig, außer dass eine Vertreterin dieser Vogelart Romeo und Julia den Tag ankündigte und dass man sie im Gegensatz zum Lärche genannten Baum mit e schreiben muss. Den Unterschied Lerche = Vogel und Lärche = Baum musste ich auswendig lernen. Welche Eselsbrücke ich auch ausprobierte, es gab immer auch einen Baum mit e oder einen Vogel mit a oder ä, der mir das neu erdachte Brücklein gleich wieder einstürzen ließ. Geblieben ist nur das wenig überzeugende „Lerche wie Vogel und Lärche wie Baum.“

Nachdem ich nun zum ersten Mal bewusst eine Lerche gesehen hatte, nahm mich wunder, ob vielleicht die Wortherkunft als Stütze dienen kann. Der Name des Vogels ist ein altes germanisches Wort, dessen althochdeutsche Form lerahha sich zum heutigen Lerche entwickelt hat. Der Name des Baumes (das klingt fast wie ein Roman eines Eco-Nachahmers) geht auf die lateinische Bezeichnung larix zurück, die über die Formen larche und lerche zur heutigen Lärche wurde. Wenn man nicht des Althochdeutschen mächtig ist und einem die lateinischen Bezeichnungen von Bäumen auch nicht allzu geläufig sind, hilft einem die Wortherkunft also nicht viel weiter. Das ist aber nicht sehr tragisch. Es gibt Schwierigeres in der Rechtschreibung und Wichtigeres im Leben als den Unterschied zwischen Lerche und Lärche. Und in „Notfällen“ hilft Canoonet weiter.

Während des Schreibens höre ich, wie die Amselmännchen in der Umgebung sich sehr melodiös fast die Lungen aus dem Leibe singen. Dabei stellt sich mir plötzlich eine ganz andere Frage: Warum treten in Literatur und Dichtung eigentlich immer die Nachtigallen und Lerchen auf, wenn in der Vogelwelt schön gesungen wird? Die Amseln haben doch auch ein großes Repertoire, das sie in sehr verdienstvoller Weise zu Gehör bringen!

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