Archiv für November, 2011

Die nächste und die näheste Tankstelle

Frage

Mich fragte ein Student neulich, was es mit dem Komparativ und Superlativ von „nah“ auf sich hat.

nah – näher – am nächsten

Gibt es nicht auch im Volksmund den Begriff „am nähesten“ und ist das eine legitime Alternative?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

das Adjektiv nah oder nahe hat nach den Angaben aller Grammatiken, Lehrbücher und Wörterbücher die folgenden Steigerungsformen:

nah(e) – näher – am nächsten

Dies sind die standardsprachlich akzeptierten Formen. Daneben trifft man aber auch die Superlativform am nähesten an. Sie gilt standardsprachlich als nicht korrekt, aber sie ist nicht einfach nur „dumm“. Sie lässt sich wahrscheinlich wie folgt erklären:

Die Form näheste folgt einem regelmäßigen Steigerungsmuster:

nah – näher – am nähesten

wie zum Beispiel:

froh – froher – am frohesten
lang – länger – am längsten

Wichtiger als diesen formalen Aspekt finde ich, dass diese Steigerungsform dem offenbar bei einigen bestehenden Bedürfnis entgegenkommt, nächste im Sinne von a) unmittelbar folgende und nächste im Sinne von b) am wenigsten weit entfernte voneinander zu unterscheiden:

a)
am nächsten Morgen
Wir halten nicht bei dieser Tankstelle, sondern erst bei der nächsten.

b)
Dieses Zimmer liegt am *nähesten beim Ausgang.
Ich muss tanken. Wo ist die *näheste Tankstelle?

Die Form näheste kommt nur für nächste im Sinne b) vor. Äußerungen wie am *nähesten Morgen oder Wir halten nicht bei dieser Tankstelle, sondern erst bei der *nähesten hört man nicht. Die Form näheste hat also neben nächste eine unterscheidende Funktion. Dabei steht sie als die formal regelmäßigere Form für die auch sinngemäß regelmäßigere Steigerung von nahe.

Dass diese Unterscheidung nicht an den Haaren herbeigezogen ist, zeigt ein Vergleich mit anderen Sprachen, in denen die Bedeutungen a) und b) durch verschiedene Wörter ausgedrückt werden:

unmittelbar folgend am wenigsten weit entfernt
en the next service station the nearest service station
fr la prochaine station-service la station-service la plus proche
it la prossima stazione di servizio la stazione di servizio più vicina
nl de volgende benzinepomp de dichtstbijzijnde benzinpomp
Zum Vergleich:
de die nächste Tankstelle die nächste Tankstelle

Das Deutsche ist hier nicht gerade ein Paradebeispiel für Präzision. Es gäbe also gute Gründe dafür, neben nächste auch eine Form näheste zu haben!

Bevor man mich nun aber beschuldigt, dass ich hier falsche Formen doziere, wiederhole ich noch einmal: Die Form näheste ist in der deutschen Standadsprache nicht akzeptiert. Wenn einmal eine Unterscheidung oder Verdeutlichung notwendig sein sollte, drückt man dies standardsprachlich nicht mit näheste, sondern mit zum Beispiel nächstgelegene aus. Ich möchte hier nur zeigen, dass eine Form wie näheste oft nicht einfach nur ein dummer Fehler ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Bis zu und die Fälle

Frage

Welcher Fall steht nach der Präposition „bis zu“? Zum Beispiel:

Sie können bis zu 20 Bücher(n) aussuchen.
Das Projekt kann bis zu 2 Jahre(n) dauern.

Was bestimmt in diesen Beispielen den Fall?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

die Wendung bis zu ist in Ihren Beispielen nicht als Präposition zu verstehen, die den Fall bestimmt. Man muss bis zu hier mit einem Adverb wie höchstens vergleichen. Den Fall bestimmt also nicht bis zu, sondern die weitere Satzkonstruktion. Konkret gesagt bedeutet dies: Wenn bis zu weggelassen oder durch höchstens ersetzt werden kann, steht der gleiche Fall, wie wenn nichts steht oder höchstens eingesetzt wird. Zum Beispiel:

Sie können bis zu 20 Bücher aussuchen.
Vgl. Sie können (höchstens) 20 Bücher aussuchen.

Sie können aus bis zu 20 Büchern auswählen.
Vgl. Sie können aus (höchstens) 20 Büchern auswählen.

Das Projekt kann bis zu zwei Jahre dauern.
Vgl. Das Projekt kann (höchstens) zwei Jahre dauern.

eine Verspätung von bis zu 2 Jahren
eine Verspätung von (höchstens) 2 Jahren

Die Teilnehmer sind bis zu 50 Jahre alt.
Die Teilnehmer sind (höchsten) 50 Jahre alt.

Wenn bis zu nicht weggelassen und nicht durch höchstens ersetzt werden kann, steht wie nach einfachem zu der Dativ:

Teilnehmen können Jugendliche bis zu 18 Jahren.
Gemeinden bis zu 5 000 Einwohnern

Hier wird das zu wird gelegentlich weggelassen. Dann steht nach bis der Akkusativ:

Teilnehmen können Jugendliche bis 18 Jahre.

Das klingt alles komplizierter als es ist. Je nachdem ob bis zu als Präposition oder wie ein Adverb verwendet wird, bestimmt es den Fall oder eben nicht. Und wenn Sie wieder einmal unsicher werden sollten, können Sie alles hier nachlesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Joghurt und Joga

Wenn man am Sonntagmorgen bei Mü(e)sli mit Joghurt in einem Artikel das Wort Joga liest, fragt man sich aus Versehen plötzlich, ob man nicht wieder einmal etwas Gesundes für Leib uns Seele tun sollte und ob eventuell Joga eine geeignete Lösung dafür sein könnte. Wenn man dann wie ich keine Lust hat, sich schon mit solch schwerwiegenden Fragen zu beschäftigen, bringt die Berufsdeformation die Rettung: Joghurt – Joga, beides ist gesund und klingt sehr ähnlich. Es gibt hier bestimmt einen wortgeschichtlichen Zusammenhang!

Bevor die Spannung nun ins Unerträgliche steigt, sei es gleich verraten: Außer der lautlichen Ähnlichkeit gibt es keinen Zusammenhang zwischen den beiden Wörtern. Sie kommen sogar aus zwei verschiedenen Sprachfamilien.

Das Wort Joghurt (auch Jogurt geschrieben) haben wir aus dem Türkischen übernommen. Dort bedeutet yoğurt „dicke Milch“ und eben „Joghurt“. Es gehört in die gleiche Wortfamilie wie yoğun „dicht, dick, kompakt“ und yoğmak „gerinnen, dick werden“.

Das Türkische gehört zu den altaischen Sprachen. Das Deutsche hingegen gehört zu den indoeuropäischen Sprachen, und das Wort Joga (auch Yoga geschrieben) hat indoeuropäische Wurzeln. Es ist ein altindisches Wort, das ursprünglich die Bedeutung „Verbindung, Vereinigung“ hatte und mit einem ganz anderen Wort als Joghurt verwandt ist, das man auch heute noch kennt. Über ein altindisches Verb, das „verbinden, anschirren“ bedeutet, kann es mit dem Vorfahren des Wortes Joch in Verbindung gebracht werden.

Feinheiten und philosophischen Hintergründe außer Acht lassend könnte man also den folgenden Schluss ziehen: Joga – Joch, Entspannung durch Anspannung. Ich werde es heute jedenfalls beim Joghurt bleiben lassen.

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Schreiben S’ hier einen Apostroph

Eine Frage, die man sich zum Beispiel dann stellen kann, wenn man wie Frau G. einen ungezwungenen Gesprächston aus südöstlichen deutschsprachigen Gefilden schriftlich wiedergeben möchte:

Frage

In einem Interview sagte ein Künstler Folgendes: „Lassen s das sein!“ Gemeint ist: „Lassen Sie das sein!“ Wie wird dies aufgeschrieben?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

bei umgangssprachlichen Verkürzungen von Wörtern kann man zur Verdeutlichung einen Apostroph verwenden:

So ’n Angeber!
So n Angeber!

Willst du ’ne Banane oder ’nen Apfel?
Willst du ne Banane oder nen Apfel?

Bei verkürztem Sie ist die Verwendung des Apostrophs üblich:

Lassen S’ das sein!
Wann kommen S’ denn wieder zurück?
Sie, gehen S’ weg da, ich seh ja gar nix!

Es ist hier nicht möglich, das s (mit oder ohne Apostroph) mit dem vorhergehenden Wort zusammenzuschreiben. Das ist nach den Rechtschreibregeln nur bei verkürztem es möglich (vgl. hier):

Wissen Sie, wie es funktioniert?
Wissen S’, wie’s funktionier?
Wissen S’, wies funktioniert?

Wie wollen Sie es denn haben?
Wie wollen S’ es denn haben?
Wie wollen Sie’s/Sies denn haben?

Allerdings nicht:

Wie wollen S’’s denn haben?

Man sollte es auch beim Verkürzen nicht übertreiben. Mehr zum Apostroph bei Auslassungen finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn mindestens, zumindest und zum mindesten nicht genügen

Ein Dauerbrenner in vielen Fragenrubriken zur deutschen Sprache:

Frage

Heute geht es um das gute, alte „zumindest“. Zumindest war ich bislang der Meinung, dass man so sagt. Nun höre ich aber immer häufiger, selbst in Fernsehnachrichten oder seriösen Reportagen, dass stattdessen „zumindestens“ gesagt wird. […] Seit nun eben auch noch die automatische Rechtschreibhilfe meines Schreibprogrammes diese Wendung vorschlug, bin ich reif für Ihre Hilfe!

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

das Standarddeutsche stellt uns drei ähnlich klingende Ausdrücke zur Verfügung, wenn wir „wenigsten, auf jeden Fall“ sagen möchten:

mindestens
zumindest
zum mindesten / zum Mindesten

Drei sind aber offenbar nicht genug, denn man hört tatsächlich häufiger auch die aus zumindest und mindestens zusammengebastelte vierte Form zumindestens. Man nennt eine solche Zusammenziehung zweier Wörter oder Wendungen eine Kontamination.

Kontaminationen sind nicht immer grundsätzlich falsch, aber das Wort zumindestens gilt (vorläufig noch?) als umgangssprachlich. Es sollte deshalb ähnlich wie zum Beispiel antelefonieren, berechtfertigen und meines Erachtens nach in der Standardsprache vermieden werden. Ihre Rechtschreibhilfe ist mit dem Vorschlag zumindestens ihrer Zeit zumindest ein paar Jährchen voraus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Nicht nur für Murgtäler und Friedrichstalerinnen

Frage

Ich komme aus einem Ort im Murgtal  im Schwarzwald und es ist üblich wenn man zu mir (zu uns) sagt: „Du bist ein (Ihr seid) Murgtäler.“ Jetzt wohne ich in Friedrichstal bei Karlsruhe. Viele bestehen hier darauf als Friedrichstaler und nicht als Friedrichstäler angesprochen zu werden. Was ist grammatikalisch korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau M.,

bei Einwohnernamen sollte man vor allem auf die Einwohner und Einwohnerinnen hören. Rein grammatikalisch sind nämlich beide Formen richtig. Wenn man geographische Adjektive und Einwohnernamen mit -er bildet, kann das Grundwort umgelautet werden. Es muss aber nicht umgelautet werden. Zum Beispiel:

Rom – Römer
Elsass – Elsässer
Schwarzwald – Schwarzwälder
Mühlhausen – Mühlhäuser (Thüringen)

Bonn – Bonner
Stuttgart – Stuttgarter
Greifswald – Greifswalder
Mühlhausen – Mühlhaus[en]er (Elsass)

Korrekt sind also theoretisch sowohl:

Murgtäler
Friedrichstäler

als auch:

Murgtaler
Friedrichstaler

Entscheidend ist aber, was am Ort oder in der Region üblich ist:

Murgtäler
Friedrichstaler

Sie sind also ein Murgtäler oder eine Murgtälerin und wohnen nun zwischen den Friedrichstalern und Friedrichstalerinnen. Bei Ortsnamen auf -tal kommt die Form ohne Umlaut übrigens häufiger vor (z.B. Wuppertaler, Emmentaler, Zillertaler). Das heißt aber nicht, dass Murgtäler in irgendeiner Weise falsch oder weniger gut wäre. Es ist die Form, die im Murgtal verwendet wird, und somit ist es die richtige Form.

Das gilt ganz allgemein. Auch wenn fast alle Orte mit einem Namen auf –stadt Einwohner auf –städter haben (Darmstädter, Ingolstädter, Eisenstädter) nennen sich die Einwohner und Einwohnerinnen von Schifferstadt ganz richtig und ganz zu Recht Schifferstadter und Schifferstadterinnen. Auch wenn gemäß den Wörterbüchern das Adjektiv und der Einwohnername zu Basel auch Baseler lauten soll und es in verschiedenen deutschen Städten tatsächlich eine Baseler Straße gibt, käme es in Basel (und dem Rest der deutschsprachigen Schweiz) kaum jemandem in den Sinn, von der Baseler Firma Canoo zu reden. Es heißt hier immer nur: die Basler Firma Canoo.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Gluten wie zehn oder wie sputen?

Im heutigen Beitrag spielen nicht etwa glühende Kohlen oder gar feurige Leidenschaft die Hauptrolle, sondern das Gluten, ein klebriger, zäher Eiweißstoff, der in den Körnern gewisser Getreidearten vorkommt. Gluten ist offenbar beim Backen eines schönen Brotlaibs wichtig, es kann aber auch – wie einige wahrscheinlich besser wissen, als ihnen lieb ist – zu allergischen Reaktionen führen (Glutenintoleranz). Es geht hier allerdings nicht um so praktische Inhalte wie Tipps für das Brotbacken oder glutenfreie Ernährung, sondern rein um die Form: Wie spricht man Gluten aus?

 

Frage

In Ernährungsabhandlungen wird öfters das Wort „Gluten“ benutzt,  auch in der Verbindung „glutenfrei“. Allerdings erfolgt die Aussprache in zweierlei Weise: einmal „glú-ten“ mit Betonung von „glut“, das andere Mal „glu-tén“ mit betontem langem „ten“. Welche Betonung ist richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Wort Gluten wird heute meist auf dem e der zweiten Silbe betont, wobei das e lang gesprochen wird. Dies geschieht in Anlehnung an die Namen chemischer Verbindungen mit der Endung -en wie zum Beispiel Äthylen, Propen. Die Betonung auf dem u kommt ebenfalls vor. Sie orientiert sich an der Herkunft des Wortes, das heißt dem lateinischen Wort für Leim: gluten (Genitiv: glutinis). Das lateinische Wort hat einen langen Vokal (ū), der im Deutschen in dieser Position normalerweise die Hauptbetonung erhält (vgl. volūmen, volūminis – Volúmen; nōmen, nōminis – Nómen; imāgō, imāginis – Imágo)

Dieses „Herkunftsprinzip“ bei der Betonung kann man auch in anderen Sprachen beobachten:

en: gluten vs ethylene, propene
nl: gluten vs ethyleen, propeen
it: glutine vs etliene, propene

Trotzdem ist heute im Deutschen, wie gesagt, die Betonung auf dem e üblicher. Die Betonung auf dem u der ersten Silbe ist aber nicht als falsch anzusehen. Gluten reimt sich also heute meist „modern“ auf zehn, aber manchmal auch noch „klassisch“ auf sputen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Blogspektrogramm 7

Die siebte Ausgabe des Blogspektrogramms wird diesen Monat in Michael Manns Lexikographieblog vorgestellt:

Auch diesmal gibt es viel Interessantes zu lesen, nämlich:

  • wie man früher beim Drucken mit Fremdwörtern umging,
  • was „Irland auf Ramschniveau“ mit Metonymie zu tun hat,
  • was „Busen“ denn nun wirklich bedeutet,
  • dass ähnlich Aussehendes sehr Unterschiedliches bezeichnen kann,
  • inwieweit das deutsche Buchstabieralphabet antiquiert ist,
  • wie man „am Lachen sein“ schreiben sollte und schreiben könnte.

Viel Spaß beim Lesen!

Blogspektrogramm 7
Blogspektrogramm 6

Blogspektrogramm 5
Blogspektrogramm 4
Blogspektrogramm 3
Blogspektrogramm 2
Blogspektrogramm 1

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Zwei Köpfe Kopfsalat

Frage

Ist „Kopfsalat“ eigentlich eine Sortenbezeichnung oder ist „Kopf“ eine Stückangabe, so dass es getrennt geschrieben werden muss?  Zum Beispiel „zwei Kopf (oder Köpfe) Salat“?

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

beides ist zutreffend:

  • Kopf wird unter anderem für Gemüse verwendet, das einen runden Körper bildet, der etwa der Größe eines Kopfes entspricht. Dieses Wort Kopf wird auch als Mengenangabe verwendet:
  • ein Kopf Salat
    ein Kopf Blumenkohl
    zwei Köpfe Eisbergsalat (selten zwei Kopf …)

  • Kopfsalat ist eine bestimmte Salatsorte mit hellgrünen Blättern, die einen solchen Kopf bilden. Der wissenschaftliche Name lautet Lactuca sativa var. capitata. Das lateinische Adjektiv capitatus, capitata bedeutet hier übrigens so etwas wie mit einem Kopf, einen Kopf habend.
  • ein Kopfsalat
    zwei Kopfsalate

Wenn Sie auf dem Markt, beim Bauern oder in einer der wenigen noch bestehenden „bemenschten“ Gemüseabteilungen eines Lebensmittelgeschäftes zwei Exemplare dieser Salatsorte kaufen möchten, können Sie also zwei Kopfsalate oder zwei Köpfe Kopfsalat verlangen.

Zwei Köpfe Kopfsalat habe ich noch nie gesagt, aber ich werde es mir beim nächsten Salateinkauf wohl kaum verkneifen können. Nur schon deshalb lohnt es sich, wieder einmal Kopfsalat zu essen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Befehle Er/Sie heute nicht mehr so!

Frage

Es geht um die etwas altertümliche Anrede „er“. Benutzt man hierbei bei einem Befehl den Imperativ oder den Konjunktiv? Heißt es also beispielsweise „Gib Er mir das Buch!“ oder „Gebe Er mir das Buch!“? Ich bin auf Beispiele gestoßen, die beide Möglichkeiten nahelegen, aber eine eindeutige Aussage habe ich nicht gefunden.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

diese Form der Anrede und Aufforderung ist nicht nur etwas altertümlich, sondern hoffnungslos veraltet. Ob Sie jemanden nun mit „Nehme Er Platz!“ oder „Nimm Er Platz!“ auffordern sich zu setzen, die zu erwartenden Reaktionen sind verwundertes Kopfschütteln, beleidigtes Schnauben,  nicht verstehendes „Wie bitte?“ oder einfach amüsiertes Lächeln. Die Anrede „Er“ für einen Mann oder „Sie“ für eine Frau wurde gegenüber Untergebenen und Standesniedrigeren verwendet.

Johann, melde Er der Gräfin meine Ankunft!
Frau Wirtin, hat Sie guten Wein im Hause?

Das ist ein weiterer Grund, weshalb man diese Anrede heute nur noch scherzhaft oder in Kostümfilmen und historischen Romanen verwenden sollte.

Eine Aufforderung in der dritten Person steht im Prinzip im Konjunktiv I. Dies ist uns aber nicht bewusst, weil die Formen des Indikativs und des Konjunktivs in der dritten Person Plural (Sie)  identisch sind:

Geben Sie mir ein Glas Wasser!
Nehmen Sie Platz!

Der Konjunktiv ist nur noch beim Verb sein ersichtlich:

Seien Sie still!

In den veralteten Befehlsformen der dritten Person Einzahl (Er, Sie) steht ebenfalls der Konjunktiv I. Er ist meistens identisch mit dem Imperativ der zweiten Person Einzahl:

Hole Sie ein Glas Wasser!
Sei er still!
Führe Sie die Kinder hinaus!

Dabei konnte wie im Imperativ die Endung e wegfallen:

Schweig[e] Er!

Nur bei den Verben, die im Imperativ Singular einen Ablaut haben, ist der Unterschied ersichtlich:

Gebe Er mir ein Glas Wasser! (nicht Gib Er …!)
Helfe Er mir auf das Pferd! (nicht Hilf Er …!)
Nehme Sie sich der Kinder an! (nicht Nimm Sie …!)
Trete Sie näher! (nicht Tritt Sie …!)

Man verwendet hier also nicht die Imperativformen der zweiten (!) Person Singular, sondern die Konjunktiv-I-Formen der dritten Person Singular. Bei so viel Formengleichheit ist es allerdnigs nicht erstaunlich, dass sich nicht immer alle an diese Regel halten und gehalten haben.

Dr. Bopp

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