Archiv für April, 2012

Der Mai und die Entlehnung von Wörtern

Wir haben vieles, auch viele Wörter, von den Römern übernommen. In Fachsprachen gibt es unzählige lateinische Wörter und Wortelemente, aber auch in der Allgemeinsprache kommen wir nicht ohne sie aus. Latinismen sind überall in unterschiedlicher Form zu finden:

Bei den Wochentagen schöpfen wir, außer am Samstag, aus dem eigenen Wort- und Götterfundus: zum Beispiel Sonne und Mond bei Sonn- und Montag, die Gottheiten Donar und Freya bei Donnerstag und Freitag, und der Mittwoch erklärt sich zumindest auf der Wortebene von selbst. Die Namen der Wochentage waren aber stark durch lateinische Begriffe beeinflusst. So wurden zum Beispiel der dies Solis (Tag der Sonne) zum Sonntag, der dies Lunae (Tag des Mondes) zum Montag und Iovis dies (Jupiters Tag) zum Donnerstag (Donars Tag). Wir haben also einfach lateinische Bezeichnungen für die Wochentage ins Germanische übersetzt.

Bei den Monaten hingegen haben wir alles von den Lateinern übernommen: Von Januar (Ianuarius) bis Dezember (December) gehen alle Monatsnamen direkt auf die Bezeichnungen zurück, die die Römer verwendeten. Wir haben im Laufe der Jahrhunderte nur ein paar Endungen weggelassen (-ius, -is) und an verschiedenen Stellen das Schriftbild mithilfe der Buchstaben J, ä, k und z etwas „entlatinisiert“.

Wie man sieht, gab es im Bereich der Latinisimen (mindestens) zwei verschiedene Übernahmearten: die mehr oder weniger wörtliche Übersetzung wie bei den Wochentagen und die direkte Entlehnung wie bei den Monatsnamen. Wir waren also schon lange vor dem „Zeitalter der Anglizismen“ nicht allzu konsequent bei der Übernahme von Begriffen aus anderen Sprachen.

Heute, an einem Brückentag zwischen dem Sonntag und dem für viele arbeitsfreien Tag der Arbeit, kam beim mir die Frage auf, woher der Monatsname Mai genau stammt. An dieser Stelle wollte ich eigentlich etwas ausholen und eine schöne Wortgeschichte erzählen. Der Monat Mai gibt aber diesbezüglich nicht viel her: Die Römer nannten den Monat Maius und taten dies wahrscheinlich nach einer alten italischen Gottheit des Wachstums (Maius oder Maia). Viel mehr gibt es darüber nicht zu sagen, außer dass die Namen Maius und Maia mit magnus (groß) verwandt sind.

Ich wünsche allen einen schönen Ersten Mai!

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In dieser Weise und auf diese Weise

Frage

Ich habe eine Frage zu folgendem Satz: „Man könne sehen, in welcher Weise alles miteinander verbunden ist.“ Wie muss man sich das r in „in welcher Weise“ erklären? Man schreibt doch „auf diese Weise“ und nicht „auf dieser Weise“.

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

eine schöne, rundum schließende Erklärung für den Unterschied zwischen in dieser Weise und auf diese Weise muss ich Ihnen schuldig bleiben. Das r in dieser gehört zur weiblichen Dativendung er. Nach in steht dieser Weise im Dativ und nach auf steht diese Weise im Akkusativ:

auf diese Weise; auf welche Weise; auf meine Weise; auf eine bestimmte Weise; auf keine andere Weise
in dieser Weise; in welcher Weise; in meiner Weise; in einer bestimmten Weise; in keiner anderen Weise

Das erklärt aber noch nicht viel. Schließlich können sowohl in also auch auf mit dem Dativ oder dem Akkusativ stehen. Es sind sogenannte Wechselpräpositionen. Bei einer Richtungsangabe (wohin?) stehen sie mit dem Akkusativ, bei einer statischen Ortsangabe (wo?) mit dem Dativ:

Sie steigt auf den Berg. ­– Sie wohnt auf dem Berg.
Sie steigt in den Wagen. – Sie sitzt im Wagen.

Bei Ihrer Frage geht es aber nicht um eine konkrete räumliche Verwendung von in und auf. Warum man bei nicht räumlicher Verwendung einer Wechselpräposition einen bestimmten Fall wählt, ist oft nicht oder nicht einfach zu erklären.

Nach auf steht bei einer nicht räumlichen Verwendung meistens der Akkusativ (auf keinen Fall, auf den Cent genau; siehe hier). Dies gilt auch für auf eine bestimmte Weise.

Nach in steht bei nicht räumlicher und nicht zeitlicher Verwendung der Akkusativ, wenn die Bedeutung „dynamisch“ ist (ins Gespräch kommen, in einen Frosch verwandeln), und der Dativ, wenn die Bedeutung „statisch“ ist (im Gespräch sein, im Notfall; siehe hier). In übertragenem Sinne tut man etwas nicht in eine bestimmte Weise hinein, sondern innerhalb einer bestimmten Weise. Deshalb sagt man in einer bestimmen Weise.

Bei der Wechselpräposition in hat der Unterschied zwischen statisch und dynamisch also bei nicht räumlicher Verwendung einen größeren Einfluss auf die Wahl des Falles als bei auf.

Warum dies so ist, weiß ich nicht. Das bisher Gesagte taugt noch nicht einmal als strenge Regel. Schwierig ist hier nämlich, dass es keine genaue Grenze zwischen räumlicher und nicht räumlicher Verwendung gibt. In den folgenden Redewendungen ist das räumliche Bild nämlich noch so gut erkennbar, dass auch nach auf der Unterschied zwischen dynamisch und statisch durch den Kasus angegeben wird:

auf großem Fuß leben
jemanden auf die Folter spannen

Deutschlernenden bleibt also nichts anderes übrig, als sich dies mühsam zu erarbeiten. Muttersprachige sollten sich entsprechend darüber freuen, dass ihnen meist nicht einmal auffällt, dass hier etwas schwierig sein könnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Regelmässig trennen

Wenn Sie denken, im Titel einen Fehler entdeckt zu haben, stimmt das nur bedingt.  Es geht heute um eine Frage, die mich hin und wieder aus der Schweiz erreicht. In der schweizerischen Rechtschreibung gibt es das ß (Eszett) ja nicht. Man verwendet immer ss. Manchmal stellt sich dann am Zeilenende die Frage, wie dieses anstelle von ß verwendete ss zu trennen ist. Wie also trennt man regelmäßig, wenn man regelmässig schreibt?

Frage

Können Sie mir bitte die korrekte Trennung von „regelmässig“ sagen. Im Duden finde ich nur die deutsche Schreibweise.

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

wenn man ss statt ß schreibt, trennt man ss gleich wie andere Doppelkonsonanten:

re-gel-mäs-sig (re-gel-mä-ßig)
schweis-sen (schwei-ßen)
Straus-sen-fe-der (Strau-ßen-fe-der)
gros-se Füs-se (gro-ße Fü-ße)

und

schweiss-te (schweiß-te)
scheuss-lich (scheuß-lich)
Fleiss-ar-beit (Fleiß-ar-beit)
klei-ne Füss-chen (kleine Füß-chen)

Die entsprechende Regel finden Sie hier (unter „x, ss und ß“).

Das war früher, das heißt vor der Rechtschreibreform, übrigens anders. Damals war man „offiziell“ gehalten, für ß stehendes ss gemeinsam abzutrennen (re-gel-mä-ssig). Wahrscheinlich haben sich aber nur wenige an diese Regel gehalten – sofern sie überhaupt bekannt war. Die mit der Reform eingeführte Änderung ist kaum jemandem aufgefallen, geschweige denn, dass es zu Protesten gekommen wäre. Man trennt in der Schweiz heute also nicht nur in der Praxis, sondern auch mit offzieller „Genehmigung“ der Rechtschreibregelung re-gel-mäs-sig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

NS: Leser und Leserinnen, die diese schweizerische Schreibgewohnheit nicht kennen, und sich nun vielleicht fragen, wie man überhaupt ohne ß auskommen kann, verweise ich auf den schon etwas älteren Blogeintrag „Die Maße und die Masse in der Schweiz“.

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Mit frischem Bärlauch

Passend zur Saison (oder ist sie schon wieder vorbei?) gibt es heute eine Bärlauchfrage:

Frage

Wie heißt es richtig: „Frischkäsecreme mit frischem Bärlauch“ oder „Frischkäsecreme mit frischen Bärlauchblättern“? Bitte bedenken Sie, dass in die Frischkäsecreme mehrere Bärlauchblätter reinkommen 🙂

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

richtig ist beides, häufiger kommt vor:

Frischkäsecreme mit frischem Bärlauch

Man kann Bärlauch als Stoffbezeichnung wie zum Beispiel Kaffee, Weizen, Kohlrabi, Feldsalat, Spinat, Brunnenkresse usw. verwenden. Es steht dann in der Einzahl und hier ohne Artikel. Ob Sie die Frischkäsecreme mit einem halben, einem ganzen oder mehreren Bärlauchblättern zubereiten, spielt dabei keine Rolle. Letzteres gilt natürlich nur für die sprachliche Formulierung, nicht für den Geschmack!

Ihre Frage bringt mich auf die Idee, dieses Wochenende wieder einmal etwas mit Bärlauch zu essen. Mir gefällt der Knoblauchgeschmack der jungen Bärlauchblätter auch zum Beispiel im Salat zusammen mit jungem Spinat, an einer Vinaigrette, dazu frisches Brot – ich komme ganz vom Thema ab … Vielen Dank für diese Frage!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Blogspektrogramm 12

Das Blogspektrogramm wird ein Jahr alt! Die zwölfte Ausgabe des Blogspektrogramms finden Sie diesen Monat in Kristins Sprachlog [ʃplɔk].

Auch diesmal wird wieder auf Interessantes und Lesenwertes zur deutschen Sprache hingewiesen. Mehr dazu, wie bereits gesagt, bei [ʃplɔk]. Viel Spaß beim Lesen!

Frühere Ausgaben:
Blogspektrogramm 11
Blogspektrogramm 10
Blogspektrogramm 9
Blogspektrogramm 8
Blogspektrogramm 7
Blogspektrogramm 6

Blogspektrogramm 5
Blogspektrogramm 4
Blogspektrogramm 3
Blogspektrogramm 2
Blogspektrogramm 1

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Niederländischer Tag der deutschen Sprache

Am heutigen 19. April findet in den Niederlanden der erste Dag van de Duitse taal (Tag der deutschen Sprache) statt. Deutsch steht im Mittelpunkt zahlreicher Aktionen in Schulen, Universitäten und Betrieben. Bei über hundert Schulen im ganzen Land werden sogar Luftballons in den Farben der deutschen Flagge steigen gelassen.

Der Tag soll die Attraktivität des Deutschen, der Sprache des größten Nachbars und größten Handelspartners, erhöhen. Mehr Menschen sollen Deutsch lernen, weil sich dies – die Niederlande sind nun einmal eine Handelsnation – wirtschaftlich positiv auswirke. Daneben wird aber auch das Deutsche als Kultur- und Literatursprache nicht vergessen. Schirmherren des Tages sind der niederländische Kronprinz Willem-Alexander und der deutsche Bundestagspräsident Norbert Lammert.

Die Actiegroep Duits – Mach mit! hat verschiedene niederländische Vertreterinnen und Vertreter des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens nach ihrem deutschen Lieblingswort gefragt. Dabei hat sich die folgende Liste ergeben, die ich hier (fast) kommentarlos wiedergebe:

Weltschmerz (Sängerin)
Streichholzschächtelchen (TV-Präsentatorin; Linda, nicht Sylvie)
schmusen (Sänger)
Anschlusstreffer (Fußballtrainer)
Fernweh (Unternehmerverbandsvorsitzende)
Zusammenarbeit (Unternehmer)
fabelhaft (Bankdirektor)
tadellos (Hafendirektor)
Erfolg (Sportler)
Leidenschaft (Parlamentarier)
Sehnsucht (Journalistin)
Laufpensum (Sportkommentator)
Wiedergutmachung (Botschafter)
Freude (Unternehmer)
Begeisterung (Unternehmerverbandsvorsitzender)
Haushaltsdiziplin (Trendwatcher)

Weltschmerz, schmusen, tadellos, Streichholzschächtelchen: die Palette ist breit. Mir fällt das letzte Wort auf: Haushaltsdisziplin. Dass man dieses Wort als besonders „deutsch“ ansieht, mag nicht allzu sehr erstaunen. Ich hätte aber nicht erwartet, dass jemand es als Lieblingswort wählt. Vor allem dass es das deutsche Lieblingswort eines Trendwatchers ist, gibt zu denken. Es kommt offenbar noch Einiges an Sparmaßnahmen auf uns zu.

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Siehe und sieh!

Frage

In unserem Arbeitsalltag als technische Übersetzer stolpern wir oft über Querverweise auf Abbildungen, Tabellen usw. mit dem kleinen Wörtchen „siehe“. Wird dieses groß- oder kleingeschrieben oder gibt es keine wirkliche Konvention. Zum Beispiel: „Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels (siehe/Siehe Abbildung 3 auf Seite 7).“ Und wie verhält es sich mit den Punkten?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

eine allgemeingültige Regelung gibt es meines Wissens nicht, aber die folgenden Schreibweisen kommen häufig vor und sind recht praktisch:

Der Verweis wird oft in Klammern gesetzt. Man schreibt siehe dann klein und verwendet direkt nach dem Verweis keinen Punkt:

Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels (siehe Abbildung 3, Seite 7). Sie wird mit Schalter C bedient.
Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels (siehe Abbildung 3, Seite 7) und wird mit Schalter C bedient.
Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels (siehe Abbildung 3, Seite 7), wo auch der Schalter C zu finden ist.

Man kann dem Verweis auch etwas mehr Gewicht geben, indem man ihn nicht in Klammern setzt, sondern nach einem Punkt separat aufführt. Auch dann verwendet man üblicherweise kein Ausrufezeichen, obwohl es sich bei siehe um eine Art Befehlsform des Verbs sehen handelt.

Die Warnleuchte befindet sich auf der Rückseite des Deckels. Siehe Abbildung 3 auf Seite 7.

Weiter gibt es noch die folgende Art des Verweises. Man beachte, dass hier zwischen dem eigentlichen Verweis und demjenigen, wozu der Verweis angegeben wird, kein Komma steht (nein, auch nicht vor siehe im ersten Beispiel!):

Für die Montage der Warnleuchte siehe Anleitung B auf Seite 7.
Siehe Anleitung B auf Seite 7 für die Montage der Warnleuchte.

Dies sind nicht die einzig möglichen Schreibweisen, aber mit diesen einfachen „Regeln“ bin ich bis jetzt immer gut gefahren.

Wenn wir schon dabei sind, hier noch ein paar Worte zur Form: siehe mit e steht nur in Verweisen und Ausrufen:

Siehe Seite 7.
Siehe da, es funktioniert!
Und siehe, ein Engel des Herrn erschien.

Die „gewöhnliche“ Befehlsform von sehen ist sieh ohne e:

Sieh mich bitte an!
Sieh dir den Text noch einmal an!
Sieh her und sei ruhig!

Noch eine allerletzte Bemerkung und dann werde ich wirklich ruhig sein: Auch wenn die Befehlsform sieh! kein e am Schluss hat, kommt sie ganz ohne Apostroph aus!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Loszählen

Eine Iranerin, die Deutsch studiert hat, beschäftigt sich mit einem älteren deutschen Text und kommt beim Wort loszählen nicht mehr weiter. Hätten Sie auf Anhieb gewusst, was dieses Verb im unten zitierten Text bedeutet? Gemeint ist jedenfalls nicht anfangen zu zählen …

Frage

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir sagen, ob in dem unten stehen Satz los zum Verb zählen gehört. Ich möchte auch gerne wissen, ob ihrer Bürgerschaft Genitiv ist und ob des Friedens Geiseln Genitiv zu ihrer Bürgschaft ist.

Der Krieg zählt ihrer Bürgschaft los des Friedens Geiseln*
[Franz Grillparzer, Weh dem der lügt, 1. Akt]

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

Grillparzers Lustspiel Weh dem der lügt ist ein Text, der auch für „unvorbereitete“ Muttersprachige nicht immer leicht verständlich ist.

Der Krieg zählt ihrer Bürgschaft los des Friedens Geiseln*

Das Nachdenken beginnt hier beim Verb loszählen, das heute nicht mehr gebräuchlich ist (auch ledig zählen, vgl. Grimm, zählen, Bedeutung 5). Seine Bedeutung ist jemanden von etwas lösen, befreien. Zum Beispiel:

Gefangene wurden, wenn sie Glück hatten, losgezählt („seines gefengnus loszzuzcelen „)

Jemand konnte mit den Worten „du bist hiermit losgezehlet, und die sache ist dir vergeben“ von einem Bann befreit werden.

Es war einer Frau nicht erlaubt, sich „anderweit“ zu verloben, „ehe sie von ihrem ersten breutgam … ordentlicher weyse loßgezehlet“.

Manchmal konnten auch Dinge losgezählt werden: „eigenhändige privattestamente sind von allen förmlichkeiten losgezählt“

(Beispiele aus dem Deutschen Rechtswörterbuch, Stichwort loszählen)

Wie die Beispiele zeigen wurde loszählen meist mit von verbunden. Man konnte aber auch einer Sache losgezählt werden. Grillparzer verwendet die Konstruktion mit dem Genitiv:

Der Kriegt zählt sie ihrer Bürgschaft los.

Es steht noch ein weiterer Genitiv in diesem Satz: des Friedens. Es handelt sich dabei um ein Genitivattribut, das dem Bezugswort Geiseln vorangestellt ist:

des Friedens Geiseln = die Geiseln des Friedens

In modernerem Deutsch und ohne das Versmaß zu beachten lassen sich Grillparzers Worte ungefähr so umschreiben:

Der Krieg befreit die Geiseln des Friedens aus ihrer Bürgschaft.

Gemeint ist – wenn ich es richtig verstehe –, dass zu Friedenszeiten gestellte Geiseln freigelassen werden müssen, wenn der Krieg ausbricht. Dies wurde so kunstvoll mit zwei Genitiven und einem inzwischen veralteten Verb in Jamben gegossen, dass man sich heute gut konzentrieren muss, wenn man den Satz verstehen will.

Diese Art zu formulieren gehörte auch zu Grillparzers Zeiten nicht dem alltagsprachlichen Repertoire an. So sprach wohl niemand. Sie zeigt aber trotzdem, dass die deutsche Sprache sich seit 1840 sehr verändert hat. Auch in einem sehr literarisch gemeinten Text würde man heute eine solche Formulierung nicht mehr antreffen. Es ist also kaum erstaunlich, dass ein Text wie dieser Ihnen Schwierigkeiten bereitet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Kontext: Bischof Gregors Neffe Atalus wurde als Geisel gestellt, um Frieden zu schließen. Nun ist doch wieder Krieg ausgebrochen und Gregor spricht mit der Küchenhilfe Leon über Atalus’ Flucht oder Befreiung:

Leon:
Hm, das begreift sich. – Doch wenn Atalus
Ersäh‘ den Vorteil, seiner Haft entspränge?
Gregor:
Er möcht‘ es ohne Sünde, denn der Krieg
Zählt ihrer Bürgschaft los des Friedens Geiseln
,
Und nur mit Unrecht hält man ihn zurück.
[Franz Grillparzer, Weh dem der lügt, 1840, 1. Akt]

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Der Gitarrist, der ein Tuch in die Saiten einflicht

Frage

Keine Frage – ob einem die Musik nun gefällt oder nicht – dieser Mann hat es drauf! […] Aber ist der Typ, der ein Tuch in seine Saiten eingeflochten hat, jemand, der ein Tuch in seine Saiten einflicht, oder jemand, der ein Tuch in die Saiten einflichtet?

Antwort

Guten Tag K.,

standardsprachlich heißt es, dass jemand ein Tuch in die Saiten einflicht. Das Verb einflechten ist also auch im Indikativ Präsens unregelmäßig:

ich flechte ein, du flichtst ein, er/sie/es flicht ein

Alle Wortformen dieses Verbs finden Sie hier.

Obwohl die Form flicht auf ein t endet, wird nicht wie zum Beispiel bei sie rettet, er betet oder es redet ein e eingeschoben. Das tut man nämlich bei unregelmäßigen Verben mit einem Umlaut oder Ablaut in der zweiten und dritten Person Einzahl nicht (vgl. hier)

braten – brät
halten – hält
laden – lädt
gelten – gilt
treten – tritt
und eben
flechten – flicht (nicht flichtet)

Im Indikativ Präsens kommen übrigens daneben die regelmäßig gebeugten Formen du flechtest, er/sie/es flechtet vor. Auch der Befehlsform flechte! begegnet man hin und wieder. Diese Formen sind aber umgangssprachlich und gelten standardsprachlich nicht als korrekt. Es heißt also nicht:

Wie *flechtet man einen Korb?
Wann *flechtest du dir Zöpfe?
*Flechte dir endlich die Haare!

sondern

Wie flicht man einen Korb?
Wann flichtst du dir Zöpfe?
Flicht dir endlich die Haare!

Ich muss allerdings zugeben, dass mir die Formen mit i irgendwie altmodisch und gewöhnungsbedürftig vorkommen. Das liegt vielleicht daran, dass in meiner (sprachlichen) Umgebung nicht mehr oft Zöpfe und noch viel seltener Körbe geflochten werden. So stammt der letzte Beispielsatz nur insofern aus der realen Sprachwelt, als er immer dann auftaucht, wenn die Befehlsformen dieser Art unregelmäßiger Verben aufgezeigt werden. Auch entflochten und eingeflochten wird nur noch selten in einer Personalform des Singulars (entflichst, entflicht; einflichst, einflicht). Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass diese Wortformen des Öfteren fälschlich regelmäßig (mit e) gebeugt werden, wenn sie einem einmal in die Tastatur geraten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Bindestrich beim Golfen

Frage

Ich schlage mich gerade mit Golfvokabular herum und bin etwas erstaunt, wie wenig davon in gängigen Nachschlagewerken zur deutschen Sprache zu finden ist. So gerate ich bereits bei Schreibungen von „Hole-in-one“ oder „Driving-Range“ ins Grübeln, was hier denn korrekt wäre. Ich bin hier nicht sicher, ob „driving“ als Partizip einzustufen ist oder nicht […]. Können Sie mir weiterhelfen? Auch anspruchsvolle Zeitungen sind sich hier leider nicht immer einig …

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

es gibt kaum einen Bereich in der Rechtschreibung, bei dem durch die Rechtschreibregelung vorgeschriebene Schreibungen und wirklich vorkommende Schreibungen so häufig nicht übereinstimmen: Mehrwortbegriffe aus dem Englischen. Es kann deshalb vorkommen, dass man gewisse Begriffe sehr viel öfter in nicht standardgemäßer als in „korrekter“ Schreibung antrifft.

Wenn die Golfbegriffe nicht als Zitatwörter aus dem Englischen gemeint sind (dies ist eigentlich schon eine Art ein „Gummiparagraph“), müssen Sie wie folgt geschrieben werden:

Hole-in-one
Driving-Range oder Drivingrange

Man kann driving nicht als adjektivisch verwendetes Partizip ansehen, weil es sich hier nicht um eine „drivende Range“, sondern um eine „Range für das Driven“ handelt (engl. nicht so etwas wie range that is driving, sondern range for [the] driving). Man sollte deshalb wie zum Beispiel bei Swimmingpool, Shoppingcenter und Chewinggum zusammen- oder mit einem verdeutlichenden Bindestrich schreiben. Das gilt auch für zum Beispiel die folgenden Golfbegriffe:

Putting-Green oder. Puttinggreen resp. Putting-Grün oder Puttinggrün
Pitching-Green oder Pitchinggreen resp. Pitching-Grün oder Pitchinggrün

Siehe die Regel für die Zusammenschreibung und die Regel für die Schreibung mit Bindestrich.

Soweit also die nach der Rechtschreibregelung korrekten Schreibweisen. Wundern Sie sich aber nicht, wenn Sie – wie eingangs gesagt – sehr häufig andere, sich mehr nach dem englischen Original richtende Schreibungen antreffen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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