Archiv für Oktober, 2012

Die Genitivendung des modernen Mitteleuropa(s)

Frage

Ich kann mich nicht entscheiden, ob in folgendem Beispiel das Genitiv-s stehen muss oder nicht:

Bildband des kulturellen Mitteleuropa(s)

Was ist richtig? Vielleicht ist beides möglich? Im heutigen Sprachgebrauch ist ja zu beobachten, dass das Genitiv-s in vielen Fällen nicht mehr gesprochen oder geschrieben wird.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

beides ist möglich:

Bildband des kulturellen Mitteleuropas
Bildband des kulturellen Mitteleuropa

Grundsätzlich haben geografische Namen, die ohne Artikel verwendet werden, im Genitiv die Endung s:

Mitteleuropas Kultur
Abu Dhabis Erdölreserven
Hausbootferien auf Mecklenburgs Seen
Canoo, Basels beste Firma

Das gilt auch dann, wenn der Name nachgestellt ist:

die Kultur Mitteleuropas
die Erdölreserven Abu Dhabis
Hausbootferien auf den Seen Mecklenburgs
Canoo, die beste Firma Basels

Geografische Namen dieser Art werden mit Artikel verwendet, wenn sie eine nähere Bestimmung haben. Im Genitiv fällt die Endung s dann häufig weg:

ein Bildband des modernen Europa o. des modernen Europas
die Wirtschaft des erdölreichen Abu Dhabi o. (selten) des erdölreichen Abu Dhabis
im Herzen des ländlichen Mecklenburg o. des ländlichen Mecklenburgs
eine Karte des mittelalterlichen Basel o. des mittelalterlichen Basels

Siehe auch hier.

Dann noch eine Nebenbemerkung: Wenn Sie einmal ganz, ganz sicher sein wollen, dass niemand, aber auch wirklich niemand Ihnen einen Fehler ankreidet, können Sie die Version mit s verwenden. Seit häufiger geklagt wird, dass der Genitiv bedroht sei, gibt es immer wieder Leute, die alle endungslosen Formen im Genitiv verurteilen, auch wenn diese wie hier wirklich nicht falsch sind. Und sonst nehmen Sie einfach die Form, die Ihnen am meisten zusagt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist die Beamtin eine Vergewaltigung der deutschen Sprache?

Frage

Eine Frage quält mich schon lange: Einmal las ich, warum die „Beamtin“ nicht Deutsch ist, sondern eine Vergewaltigung unserer Sprache darstellt. Richtig müsse die weibliche Form des Beamten „die Beamte“ lauten. Nun wird von Amts wegen aber „die Beamtin“ verwendet. Ich brauche nicht auszuführen, daß dies in meinen Ohren grausam klingt. Über den Artikel „Mord an Polizeibeamten“ in Ihrem Blog wundere ich mich aber:

Im öffentlichen Dienst tätige Frauen machen uns das Leben hier übrigens wieder einmal viel einfacher: Die Beugung des Wortes Beamtin/Beamtinnen bietet keine größeren Schwierigkeiten.
http://canoo.net/blog/2012/01/06/mord-an-polizeibeamten/

Im Deutschen Wörterbuch http://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemma=beamte gibt es eine saubere Herleitung von (der) Beamte. Salopp gesagt ist es die verkürzte Form von „der Beamtete“, also jemand der mit einem Amt versehen ist. Logischerweise müßte dann das weibliche Wesen eben „die Beamte“ heißen. Die beamtete Frau. Die Beamte.

Die Beamte, der Beamten, der Beamten, die Beamte.

Analog müßte man sonst auch von einer Gelehrtin, Versiertin,  Gereiftin oder Verrücktin sprechen. Oder wie sehen Sie das? Nur weil man heute von einer Friseurin, Beamtin etc. spricht. Davon kann die Normierung ja wohl nicht ausgehen.

Antwort

Sehr geehrter Herr N.,

die weibliche Form zu der Beamte lautet die Beamtin. Das gilt nicht nur „von Amts wegen“, sondern entspricht dem allgemein akzeptierten Sprachgebrauch. Letzteres könnte eigentlich schon als Begründung genügen, aber es ist natürlich besser, noch ein paar erläuternde Worte hinzuzufügen:

Es ist richtig, dass Beamter wie ein Adjektiv gebeugt wird. Es ist auch richtig, dass weibliche Entsprechungen zu adjektivisch gebeugten männlichen Personenbezeichnungen ebenfalls adjektivisch gebeugt werden:

der Angestellte – die Angestellte
der Gelehrte – die Gelehrte
der Versierte – die Versierte
ein Verrückter – eine Verrückte

Wie so oft gibt es aber auch bei dieser „Regel“ eine Ausnahme:

der Beamte – die Beamtin

Die Entstehung der Ausnahmebildung die Beamtin lässt sich wohl dadurch erklären, dass der Beamte trotz adjektivischer Beugung nicht mehr als substantiviertes Adjektiv ersichtlich ist, weil es das entsprechende Adjektiv *beamt gar nicht (mehr) gibt. Als nicht mehr nur Männer Beamte werden durften, wurde die weibliche Form deshalb durch Anhängen der Endung -in gebildet, wie es bei „normalen“ Substantiven üblich ist.

Wenn es keine Ausnahmen geben dürfte, könnte auch das Wort der Beamte nicht verwenden werden: Es ist eine Verkürzung, die es im Deutschen sonst nicht gibt (der Beamtete wird der Beamte, aber nur der Bedienstete, der Erleuchtete, der Verhaftete und nicht *der Bedienste, *der Erleuchte, *der Verhafte). Wenn man, wie Sie es für die weibliche Form von der Beamte fordern, nur nach gewissen allgemeinen Regeln gebildete Wörter verwenden dürfte, wäre der Beamte also nicht Deutsch, sondern „eine Vergewaltigung unserer Sprache“. Es müsste dann konsequenterweise heißen:

der Beamtete – die Beamtete

Allgemein gebräuchlich und akzeptiert* sind aber die Formen:

der Beamte – die Beamtin

Unsere Sprache hält sich nicht immer an die Regeln, die wir in ihr erkennen oder zu erkennen glauben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Die weibliche, adjektivisch gebeugte Form die Beamte kommt gelegentlich auch vor. Während Duden sie als falsch bezeichnet, wird sie in zum Beispiel DWDS neben der männlichen Form aufgeführt. Beamtin steht allerdings ebenfalls im DWDS. Viele Wörterbücher geben wie Canoonet nur Beamtin als weibliche Personenbezeichnung an.

Duden – Richtiges und gutes Deutsch, 7. Aufl. Mannheim 2011 [CD-ROM]
DWDS: BeamteDWDS: Beamtin

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Vom Tour-de-France-Gewinner über die Berg-und-Tal-Bahn zum iPhone-5-Verkauf

Auch wenn normalerweise Ende Oktober niemand mehr vom Tour-de-France-Fieber geplagt wird, taucht die Königin der Radrennen diesen Herbst „dank“ Dopingskandalen doch in den Schlagzeilen auf. Ich kann den Radrennsport im Allgemeinen und Herrn Armstrong im Besonderen natürlich nicht mit guten Ratschlägen welcher Art auch immer unterstützen. Das ist nicht der Grund, weshalb ich die Tour erwähne. Es geht hier ganz banal um die Bindestriche, die auch im Zusammenhang mit der Tour de France immer wieder Anlass zu orthografischen Unsicherheiten geben.

Frage

Laut Wörterbuch schreibt man „die Tour de France“, „das Eau de Cologne“ – also ohne Bindestrich. Wie ist es aber mit Kompositen: „der Tour de France-Sieger“ oder „der Tour-de-France-Sieger“; „die Eau de Cologne-Flasche“ oder „die Eau-de-Cologne-Flasche“? Man findet beide Schreibungen im Web – aber das will nicht viel sagen.

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

Zusammensetzungen dieser Art werden mit Bindestrichen geschrieben:

der Tour-de-France-Sieger
die Eau-de-Cologne-Flasche
die Law-and-Order-Politik
das Spaghetti-bolognese-Rezept

Wenn eine Zusammensetzung eine Wortgruppe enthält, setzt man zwischen alle Teile der Zusammensetzung einen Bindestrich:

Tour de France + Sieger → der Tour-de-France-Sieger
Eau de Cologne + Flasche → die Eau-de-Cologne-Flasche

Wie die Beispiele oben zeigen, kommt dieser Fall oft bei Zusammensetzungen mit fremdsprachlichen Ausdrücken vor. Die gleiche Regel gilt aber auch für Zusammensetzungen mit heimischen Wortgruppen:

Berg und Tal + Bahn → die Berg-und-Tal-Bahn
Mund zu Mund + Beatmung → die Mund-zu-Mund-Beatmung
Erste Hilfe + Kurs → der Erste-Hilfe-Kurs
Vitamin C + -haltig → Vitamin-C-haltig

Auch im Zusammenhang mit mehrteiligen Namen aller Art kommen diese Bindestriche vor:

Heinrich von Kleist + Bibliothek → die Heinrich-von-Kleist-Bibliothek
New Orleans + Jazz → der New-Orleans-Jazz
Alfa Romeo + Fahrerin → die Alfa-Romeo-Fahrerin
iPhone 5 + Verkauf → der iPhone-5-Verkauf

Die Regeln finden Sie hier (allgemein), hier (Fremdwörter) und hier (Eigennamen).

So viel zu den Bindestrichen, die – wenn überhaupt – nur gerade für die Rechtschreibung interessant sind. Als Lance Armstrong erfuhr, dass er die sieben Tour-de-France-Titel verlieren würde, waren die Bindestriche in der deutschen Rechtschreibung wohl die geringste seiner Sorgen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Erstmalig aufführen oder nicht?

Frage

Auf der Seite www.korrekturen.de wird behauptet, dass das Adjektiv „erstmalig“ nicht adverbial gebraucht werden könne.

Das Adjektiv erstmalig kann nicht adverbial verwendet werden, so kann man zwar von einer „erstmaligen Aufführung“ sprechen, es heißt aber nur „Das Stück wurde erstmals aufgeführt“ und nicht „Das Stück wurde erstmalig aufgeführt“.

Ich halte diese Aussage für falsch. Meines Wissens kann man jedes Adjektiv adverbial verwenden (eben, wie oben, durch Weglassen der Flexionsendung). Was sagen Sie?

Antwort

Guten Tag S.,

die Angabe, die Sie zitieren, ist nicht falsch. Ich finde nur, dass sie etwas zu streng formuliert ist. Man hört und liest zwar häufiger wurde erstmalig aufgeführt, aber standardsprachlich kann man diese Formulierung besser vermeiden. Warum?

Das Adjektiv erstmalig gehört zu einer Gruppe von Adjektiven, die üblicherweise nicht adverbial verwendet werden, weil sie selbst schon von Adverbien abgeleitet sind. Sie stehen sehr häufig vor Substantiven, die von Verben abgeleitet sind:

heute besuchen → der heutige Besuch
den Vertrag bald abschließen → der baldige Vertragsabschluss
oben erwähnen → die obige Erwähnung
einmal zahlen → einmalige Zahlung
erstmals aufführen → die erstmalige Aufführung

Man verwendet diese Gruppe von Adjektiven also dann, wenn in einem Satz „etwas Verbales“ durch ein Substantiv ausgedrückt wird. Ein Adverb, das ein Verb begleitet, wird zu einem Adjektiv, das ein entsprechendes Substantiv begleitet. Diese Aufgabe übernehmen, wie die Beispiele oben zeigen, u. a. mit ig gebildete Ableitungen (z. B. heute → heutig, ersmals → ersmalig).

Wenn wir nun wieder den umgekehrten Weg gehen, wird das Adjektiv, das beim Substantiv steht, wieder zu einem das Verb begleitenden Adverb. Dabei wird bei dieser Gruppe von Adjektiven nicht wie bei gewöhnlichen Adjektiven die endungslose Form gewählt, sondern das ursprüngliche Adverb, von dem das Adjektiv ja abgeleitet wurde:

der heutige Besuch → heute besuchen (nicht: heutig besuchen)
der baldige Vertragsabschluss → den Vertrag bald abschließen (nicht: baldig abschließen)
die obige Erwähnung → oben erwähnen (nicht: obig erwähnen)
die einmalige Zahlung → [nur] einmal / ein Mal zahlen (besser nicht: einmalig zahlen)
die erstmalige Aufführung → erstmals / zum ersten Mal aufführen (besser nicht: erstmalig aufführen)

Adjektive auf –malig wie einmalig, erstmalig und letztmalig werden zwar relativ häufig auch adverbial verwendet, aber stilistisch gesehen ist es besser, auf  zum Beispiel einmal, erstmals, letztmals oder zum ersten/letzten Mal zurückzugreifen.

Man kann also nicht sagen, dass ausnahmslos alle attributiv verwendeten Adjektive auch adverbial verwendet werden. Es gibt, wie man sieht, ein paar Ausnahmen. Sehen Sie hierzu auch diese und diese Seite in Canoonet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Warum Gewerbetreibende immer Gewerbetreibende sind, Arbeitsuchende aber auch Arbeit Suchende sein können

Eine des Öftern auftauchende Frage im Zusammenhang mit der Zusammen- und Getrenntschreibung:

Frage

Könnten Sie mir bitte mitteilen, weshalb „arbeitsuchend“ auch getrennt „Arbeit suchend“ geschrieben werden kann, während „gewerbetreibend“ zusammengeschrieben werden muss? Oder geht auch die Schreibweise „Gewerbe treibend“?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

Verbindungen von einem Substantiv und einem Partizip müssen nach den Rechtschreibregeln zusammengeschrieben werden, wenn das erste Wort für eine Wortgruppe steht:

computergesteuert = von einem Computer gesteuert
abendfüllend = den Abend füllend
gewerbetreibend = ein Gewerbe treibend

Verbindungen mit einem Partizip können getrennt oder zusammengeschrieben werden, wenn ihnen als Ganzes eine Wortgruppe zugrunde liegen kann:

sogenannt = so genannt
erdölexpotierend = Erdöl exportierend
arbeitsuchend = Arbeit suchend

Der Unterschied liegt anders gesagt darin, dass man im ersten Fall etwas hinzufügen muss, um eine vollständige Infinitivgruppe zu erhalten, während dies im zweiten Fall nicht notwendig ist:

EIN Gewerbe treiben
Die Leute treiben EIN Gewerbe. (nicht: *Die Leute treiben Gewerbe.)
die gewerbetreibenden Leute

Arbeit suchen
Die Leute suchen Arbeit.
die Arbeit suchenden Leute / die arbeitsuchenden Leute.

Was hier zur Getrennt- und Zusammenschreibung gesagt wurde, gilt auch bei Substantivierungen:

die Gewerbetreibenden
die Arbeit Suchenden / die Arbeitsuchenden

Das ist jetzt etwas gar kurz und bündig. Für die entsprechenden Regeln und weitere Beispiele verweise ich Sie deshalb auf diese und diese Stelle in Canoonet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Veilchen, Bratschen und Violen

Nachdem sich der Herbst in den letzten Tagen definitiv nicht nur als Tagedieb, sondern auch als Regenwetterlieferant eingenistet hat, habe ich dieses Wochenende die Balkonbegrünung der Jahreszeit angepasst: Blauweiße Stiefmütterchen zieren die Blumentöpfe.

Nach den Angaben des Gartencenters handelt es sich bei diesen Blumen um Vertreterinnen der Familie Viola cornuta. Sie gehören also zur Gattung Viola, das heißt zu den Veilchen. Immer wenn mir der wissenschaftlichen Name der Veilchen begegnet, wundere ich mich, was diese Pflanzen mit Saiteninstrumenten wie der Geige (Violine) und der Bratsche* (Viola) zu tun haben.

Für mich war der Zusammenhang bis jetzt relativ klar: die Form. Schließlich haben die Blumen und die Musikinstrumente, mit etwas Phantasie betrachtet, eine ähnliche Form:

Bevor ich diese äußerst interessante Erkenntnis mit Ihnen teilen konnte, wollte ich nur kurz prüfen, ob sie auch wirklich zutrifft. Ich musste feststellen, dass ich mir hier meine eigene „volksetymologische“ Erklärung zusammengebastelt hatte. Die blumigen Violen haben nämlich nichts mit den musikalischen Violen zu tun.

Der Blumenname Viola kommt direkt aus dem Lateinischen, wo er für Blumen verschiedener Art verwendet wurde. Die Gelehrten nehmen an, dass er aus einer alten, unbekannten Mittelmeersprache stammt. Auch das Wort Veilchen geht auf dieses Viola zurück. Über Formen wie fiol, viol(e) und viel(e) kam es zu veil und veile. Seit dem 17. Jahrhundert wird praktisch nur noch die Verkleinerungsform Veilchen verwendet (vgl. hier).

Das Wort Viola für das Musikinstrument kommt aus dem Italienischen. Das Italienische hat es wahrscheinlich aus dem Altprovenzalischen übernommen. Die Liebeslyrik der provenzalischen Minnesänger soll zur Verbreitung dieses Namens in den romanischen Sprachen gesorgt haben. Danach – oder besser davor – ist die Geschichte unklar. Es gibt unterschiedliche nicht bestätigte Theorien (vgl. z. B. hier). Es könnte sogar sein, dass Viola über ein paar Ecken mit Fiedel verwandt ist.

Außer der klanglichen Übereinstimmung ihres fremdwörtlichen Namens und einer gewissen äußerlichen Ähnlichkeit haben die Veilchen und die Bratschen, anders als ich meinte, nichts miteinander zu tun. Es lohnt sich also immer, in etymologischen Wörterbüchern nachzuschlagen, bevor man seine selbstgestrickten wortgeschichtlichen Befindungen publik macht. Auch ein Linguist ist nicht gegen Trugschlüsse dieser Art gefeit.

*Bratsche kommt vom italienischen viola da braccio = Armgeige (braccio = Arm).

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Baldmöglich, baldmöglichst, möglichst bald

Frage

Gibt es das Wort „baldmöglich“ überhaupt? Muss es nicht korrekt „baldmöglichst“ heißen?

Antwort

Sehr geehrte Frau F.,

wenn man es rein statistisch anschaut, gibt es das Wort baldmöglich. Ein kurzer Google-Blick ins Netz zeigt nämlich, dass baldmöglich sehr häufig vorzukommen scheint (über 90 000 Treffer). Google-Zahlen sollten mit großer Vorsicht behandelt werden, sie zeigen hier aber immerhin, dass baldmöglich eine des Öfteren aus Tastaturen fließende Wortform ist. Trotzdem ist in zweierlei Hinsicht etwas nicht ganz in Ordnung.

Zuerst die Form:

Sie haben recht, dass es eigentlich baldmöglichst heißt. Der Ausdruck ist nicht mit so bald wie möglich, sondern mit möglichst bald verbunden. Es ist die Form, die man in den Wörterbüchern findet und die Google (man beachte wiederum den Bitte-mit-Vorsicht-genießen-Zeigefinger) mit über einer Million Treffern auch „statistisch“ unterstützt. Die im Deutschen übliche Form ist baldmöglichst.

Dann der Stil:

Die „korrekte“ Form baldmöglichst vermag allerdings nur mäßig zu überzeugen. Sie gilt im Allgemeinen als stilistisch unschöne, papierdeutsche Formulierung, die man besser vermeidet. Wenn Sie in einem Brief oder einer Mail versprechen wollen, eine Anfrage baldmöglichst zu behandeln, sollten Sie sich also überlegen, ob Sie die Anfrage nicht vielleicht viel eleganter so bald wie möglich oder möglichst bald behandeln möchten.

Das Wort baldmöglich gibt es in diesem Sinne nicht. Auch die übliche Form baldmöglichst sollte aus stilistischen Gründen vermieden werden. Letzteres ist allerdings, wie immer bei Stilistischem, vor allem eine Frage des Geschmacks.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Entbiehrt, entbahr, entbohren

Frage

Auf Wiktionary finde ich beim Verb „entbehren“ auch die Präteritumformen „entbahr, entbahrst usw.“, die Partizip II-Form „entbohren“ sowie die Konjunktiv II-Formen „entbähre, entbährest usw.“. Ähnliche Ausführungen finde ich auf http//verben.texttheater.net/Rote_Liste. Sind das obsolete oder nur (noch) regional gebrauchte Formen?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das Verb entbehren wird im heutigen Standarddeutsch schwach gebeugt.

entbehren; entbehrst, entbehrt; entbehrte, hat entbehrt

Das entnehme ich u. a. den Wörterbüchern Canoonet, Duden, Pons und Wahrig. Bei Grimm steht u. a., dass die schwachen Formen im 17. Jahrhundert aufkamen. Ob es Regionalsprachen oder Dialekte gibt, in denen die sonst nicht mehr üblichen starken Formen entbiehrst, entbahr, entbähre, entbohren noch verwendet werden, weiß ich leider nicht.

Ihre Frage rief bei mir die Frage auf, woher entbehren überhaupt kommt. Das Verb entbehren geht auf die althochdeutsche Form inberan zurück. Sie bedeutete nicht (bei sich) tragen. Den Verbstamm ber von beran = tragen finden wir heute übrigens noch in verschiedener Form in anderen Wörtern: Bahre, Bürde, Eimer (über Eimbar = einhenkliges Gefäß), Gebärde und gebären. Beim Verb gebären sind die starken Formen bis heute erhalten geblieben: gebierst, gebar, gebäre, geboren. Bei entbehren hingegen haben die schwachen Formen, wie gesagt, die starken Formen verdrängt.

Ich weiß nicht, weshalb Wiktionary die starken Formen noch aufführt. Sie werden auch in der gehobenen Schriftsprache nicht mehr verwendet. In der „Roten Liste“, die Sie ebenfalls zitieren, werden die Formen zwar aufgeführt, sie sind aber mit einem Sternchen gekennzeichnet. Dieses Sternchen hat folgende Bedeutung:

Auch starke Formen, die es früher, in Dialekten oder anderweitig abseits der Hauptströmungen des Deutschen gab oder gibt, können hier – mit einem * gekennzeichnet – aufgenommen werden.

In dieser eher mit einem Augenzwinkern zu lesenden Liste stehen zum Beispiel auch die folgenden Präteritumsformen von beginnen:

begann, begonde*, begunde*, begonnte*, begunnte*, begünte*, begunste*

Als Referenz für das heutige Deutsch entbehrt diese Liste also einer gewissen Aussagekraft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das (nicht) wegfallende es

Grammatikalarm: Lesen Sie nicht weiter, wenn Grammatisches Sie nur mäßig interessiert! Zum Glück machen wir es mit dem es meistens richtig, ohne dass wir die Regeln kennen müssen.

Frage

Bei den Sätzen:

Es ist schön, dass du kommst.
Ich finde es schön, dass du kommst.

fällt das „es“ weg, wenn der Nebensatz an der ersten Stelle steht:

Dass du kommst, ist schön.
Dass du kommst, finde ich schön.

Aber mir ist nicht ganz klar, ob das auch bei Nebensätzen mit „wenn“ geschieht.

Es ist schön, wenn du kommst.
Ich finde es schön, wenn du kommst.

Welche Sätze sind richtig formuliert, wenn der Nebensatz an erster Stelle steht?

Wenn du kommst, ist es schön.
Wenn du kommst, finde ich es schön.

oder:

Wenn du kommst, ist schön.
Wenn du kommst, finde ich schön“.

Die letzten beiden Sätze scheinen mir falsch zu sein. Aber ich verstehe nicht warum „es“ bei dass-Sätzen weg bleibt und bei wenn-Sätzen nicht …

Antwort

Guten Tag L.,

wenn ein dass-Satz an die erste Stelle tritt, fällt das unpersönliche Platzhalter-es weg:

Es ist schön, dass du kommst.
Dass du kommst, ist schön.

Ich finde es schön, dass du kommst.
Dass du kommst, finde ich schön.

Wenn ein Temporalsatz an die erste Stelle tritt, fällt das unpersönliche es nicht weg:

Es ist schön, wenn du kommst.
Wenn du kommst, ist es schön.

Ich finde es schön, wenn du kommst.
Wenn du kommst, finde ich es schön.

Der Hauptunterschied liegt darin, dass die dass-Sätze und die wenn-Sätze im Gesamtsatz nicht die gleiche Funktion haben.

Der dass-Satz ist das Subjekt oder das Objekt des Gesamtsatzes. Das es ist der Platzhalter für den dass-Satz, wenn dieser nicht an erster Stelle steht.

Wer oder was ist schön?
Dass du kommst, ist schön.
Es ist schön, dass du kommst.

Wen oder was finde ich schön?
Dass du kommst, finde ich schön.
Ich finde es schön, dass du kommst

Das es kann bei Erststellung des dass-Satzes deshalb wegfallen, weil der Satz auch ohne diesen Platzhalter den benötigten Satzteil Subjekt resp. obligatorisches Akkusativobjekt hat, nämlich den dass-Satz.

Der wenn-Satz hingegen ist weder Subjekt noch Objekt, sondern eine Adverbialbestimmung. Das es ist das unpersönliche Subjekt zu schön sein resp. ein unpersönliches, von schön finden abhängiges Objekt. Es fällt auch dann nicht weg, wenn die Adverbialbestimmung an die erste Stelle tritt:

Wann ist es schön?
Wenn du kommst, ist es schön.
Es ist schön, wenn du kommst.

Wann finde ich es schön?
Wenn du kommst finde ich es schön.
Ich finde es schön, wenn du kommst.

Das es kann bei solchen Adverbialsätzen nicht wegfallen, weil dem Gesamtsatz ohne es ein Subjekt respektive ein obligatorisches Akkusativobjekt fehlen würde.

Damit ist aber nur die unterschiedliche Behandlung von es bei dass-Sätzen und wenn-Sätzen erklärt (und für weniger Grammatikinteressierte noch nicht einmal das). Warum wir überhaupt das unpersönliche es und das Platzhalter-es verwenden, ist ein ganz andere Frage, die ich an dieser Stelle nicht beantworten kann – und ehrlich gesagt auch nicht so schnell zu beantworten wüsste. Wenn man Deutsch lernen muss, macht es es einem sicher nicht einfach!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Falls Sie mehr dazu lesen möchten, hier einige Links:

Subjektsatz
Adverbialsatz
Platzhalter-es
es bei unpersönlichen Verben

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Der Abkürzungspunkt bleibt stehen

Wenn es um die Satzzeichen geht, ist das Komma zweifellos das größte Sorgenkind. Manchmal gibt aber auch der Punkt zu Fragen Anlass.

Frage

Folgt bei der Abkürzung eines Namens, wenn dieser lediglich mit einem Buchstaben geschrieben wird, also zum Beispiel „Herr K.“ oder “Frau F.“, ein Beistrich oder wird der Punkt weggelassen, wenn ein Beistrich folgt? Beispiel: 
“Manuel wartet inzwischen immer noch auf Post aus H., weil er denkt, dass Linda ihm doch noch antworten wird.“ Mein automatisches Wordkorrekturprogramm weist mir das als Fehler aus.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

der Abkürzungspunkt bleibt immer stehen. Die anderen Satzzeichen setzt man gleich, wie wenn ein nicht abgekürztes Wort steht. Sie werden auch nach einem Abkürzungspunkt geschrieben. Beispiele:

Manuel wartet auf Post aus H., weil er denkt, dass Linda …
Liebe Frau F., ich möchte Ihnen eine Frage stellen.
Rentnerin gewinnt 14 Mio.!
Kennst du Herrn K.?
Das Folgende sah ich in H.: das Kunstmuseum, das Rathaus und die Kathedrale.
Ich sorge für alles (Essen, Trinken, Geschirr usw.).
Die Salontür wurde aufgerissen auf und herein stürzte Lady L. …

Ausnahme: Unmittelbar nach einem Abkürzungspunkt wird kein Schlusspunkt gesetzt (vgl. hier):

Manuel wohnt in H. Er wurde auch dort geboren.
Die erste Frage stellte Frau F. Die Antwort gab Frau K.
Ich sorge für Essen, Trinken, Geschirr usw. Du kümmerst dich um die Musik.

Das automatische Korrekturprogramm hat also nicht immer recht, auch nicht das der Firma M.!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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