Entbiehrt, entbahr, entbohren

Frage

Auf Wiktionary finde ich beim Verb „entbehren“ auch die Präteritumformen „entbahr, entbahrst usw.“, die Partizip II-Form „entbohren“ sowie die Konjunktiv II-Formen „entbähre, entbährest usw.“. Ähnliche Ausführungen finde ich auf http//verben.texttheater.net/Rote_Liste. Sind das obsolete oder nur (noch) regional gebrauchte Formen?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das Verb entbehren wird im heutigen Standarddeutsch schwach gebeugt.

entbehren; entbehrst, entbehrt; entbehrte, hat entbehrt

Das entnehme ich u. a. den Wörterbüchern Canoonet, Duden, Pons und Wahrig. Bei Grimm steht u. a., dass die schwachen Formen im 17. Jahrhundert aufkamen. Ob es Regionalsprachen oder Dialekte gibt, in denen die sonst nicht mehr üblichen starken Formen entbiehrst, entbahr, entbähre, entbohren noch verwendet werden, weiß ich leider nicht.

Ihre Frage rief bei mir die Frage auf, woher entbehren überhaupt kommt. Das Verb entbehren geht auf die althochdeutsche Form inberan zurück. Sie bedeutete nicht (bei sich) tragen. Den Verbstamm ber von beran = tragen finden wir heute übrigens noch in verschiedener Form in anderen Wörtern: Bahre, Bürde, Eimer (über Eimbar = einhenkliges Gefäß), Gebärde und gebären. Beim Verb gebären sind die starken Formen bis heute erhalten geblieben: gebierst, gebar, gebäre, geboren. Bei entbehren hingegen haben die schwachen Formen, wie gesagt, die starken Formen verdrängt.

Ich weiß nicht, weshalb Wiktionary die starken Formen noch aufführt. Sie werden auch in der gehobenen Schriftsprache nicht mehr verwendet. In der „Roten Liste“, die Sie ebenfalls zitieren, werden die Formen zwar aufgeführt, sie sind aber mit einem Sternchen gekennzeichnet. Dieses Sternchen hat folgende Bedeutung:

Auch starke Formen, die es früher, in Dialekten oder anderweitig abseits der Hauptströmungen des Deutschen gab oder gibt, können hier – mit einem * gekennzeichnet – aufgenommen werden.

In dieser eher mit einem Augenzwinkern zu lesenden Liste stehen zum Beispiel auch die folgenden Präteritumsformen von beginnen:

begann, begonde*, begunde*, begonnte*, begunnte*, begünte*, begunste*

Als Referenz für das heutige Deutsch entbehrt diese Liste also einer gewissen Aussagekraft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

2 Kommentare

  1. Antonius Re. schreibt:

    Oktober 10, 2012 um 10:20

    Die „Rote Liste“, sowie die gesamte Arbeit der GSV (Gesellschaft zur Stärkung der Verben] ist ein satirisches Produkt von SpSp.s (Spach-Spezis).

    Ein Froginn dem Fingan: Zitat:
    „Die neutsche Sprache, die wir hier entwickeln, fristet bis dato ein relativ unbekonnenes Dasein. Dies kekünne sich bald ändern, denn Neutsch wird ab sofort an deutschen Schulen unterrichtet.“

    Dort bietet jede Seite neuen Nosinn, der sich hüfigst mit einer Portion Sprachgeweiß verknüpft.
    Wer sich also für das altneue „Neutsch“ interstelliert, erführt Vielstens:

    Dortens werden noch farbvielste Formen schönsten Sprahgebrauchs gelistelt; z.B. neue, mögendere Plurale, von Fremdelspezis auch „Pluralismen“ genannt:

    http://verben.texttheater.net/Sch%C3%B6nere_Plur%C3%A4le

    Ein frafrofreies Hiel dem Neutschen! Den Sprichhelden eine Hochgezeit.

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Oktober 11, 2012 um 15:32

    Die Rote Liste ist, wie gesagt, mit einem Augenzwinkern zu lesen. Das nimmt aber nicht weg, dass die starken Formen entbiehrst, entbahr und entbohren früher einmal üblich waren.