Veilchen, Bratschen und Violen

Nachdem sich der Herbst in den letzten Tagen definitiv nicht nur als Tagedieb, sondern auch als Regenwetterlieferant eingenistet hat, habe ich dieses Wochenende die Balkonbegrünung der Jahreszeit angepasst: Blauweiße Stiefmütterchen zieren die Blumentöpfe.

Nach den Angaben des Gartencenters handelt es sich bei diesen Blumen um Vertreterinnen der Familie Viola cornuta. Sie gehören also zur Gattung Viola, das heißt zu den Veilchen. Immer wenn mir der wissenschaftlichen Name der Veilchen begegnet, wundere ich mich, was diese Pflanzen mit Saiteninstrumenten wie der Geige (Violine) und der Bratsche* (Viola) zu tun haben.

Für mich war der Zusammenhang bis jetzt relativ klar: die Form. Schließlich haben die Blumen und die Musikinstrumente, mit etwas Phantasie betrachtet, eine ähnliche Form:

Bevor ich diese äußerst interessante Erkenntnis mit Ihnen teilen konnte, wollte ich nur kurz prüfen, ob sie auch wirklich zutrifft. Ich musste feststellen, dass ich mir hier meine eigene „volksetymologische“ Erklärung zusammengebastelt hatte. Die blumigen Violen haben nämlich nichts mit den musikalischen Violen zu tun.

Der Blumenname Viola kommt direkt aus dem Lateinischen, wo er für Blumen verschiedener Art verwendet wurde. Die Gelehrten nehmen an, dass er aus einer alten, unbekannten Mittelmeersprache stammt. Auch das Wort Veilchen geht auf dieses Viola zurück. Über Formen wie fiol, viol(e) und viel(e) kam es zu veil und veile. Seit dem 17. Jahrhundert wird praktisch nur noch die Verkleinerungsform Veilchen verwendet (vgl. hier).

Das Wort Viola für das Musikinstrument kommt aus dem Italienischen. Das Italienische hat es wahrscheinlich aus dem Altprovenzalischen übernommen. Die Liebeslyrik der provenzalischen Minnesänger soll zur Verbreitung dieses Namens in den romanischen Sprachen gesorgt haben. Danach – oder besser davor – ist die Geschichte unklar. Es gibt unterschiedliche nicht bestätigte Theorien (vgl. z. B. hier). Es könnte sogar sein, dass Viola über ein paar Ecken mit Fiedel verwandt ist.

Außer der klanglichen Übereinstimmung ihres fremdwörtlichen Namens und einer gewissen äußerlichen Ähnlichkeit haben die Veilchen und die Bratschen, anders als ich meinte, nichts miteinander zu tun. Es lohnt sich also immer, in etymologischen Wörterbüchern nachzuschlagen, bevor man seine selbstgestrickten wortgeschichtlichen Befindungen publik macht. Auch ein Linguist ist nicht gegen Trugschlüsse dieser Art gefeit.

*Bratsche kommt vom italienischen viola da braccio = Armgeige (braccio = Arm).

2 Kommentare

  1. Antonius Reyntjes schreibt:

    Oktober 16, 2012 um 23:36

    Und, so ein Poet – natürlich Mörike:
    „(…) Veilchen träumen schon,
    Wollen balde kommen. (…).“

    Mörike wusste von den Träumen, kurz vor dem Erwachen. Ohne etwas von „Rapid-Eye-Movements“ zu wissen. Es war häufig seine (Mörikes) stärkste Stimmungsphase.

    Pädagogische Frühlingarbeit (contra Herbststimmung?)
    http://www.medienwerkstatt-online.de/lws_wissen/index.php?level=3&kategorie_1=Jahreszeiten&kategorie_2=Die+Jahreszeit+Fr%FChling&kategorie_3=Arbeit+mit+Fr%FChlingsgedichten

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Oktober 19, 2012 um 14:09

    Schön, die Dichter und das Frühlingsveilchen! Bei der Balkonbepflanzung halte ich mich aber lieber an Gärtnerei und Gartencenter. Sie empfehlen für einen blumigen Herbst:

    Gärtnerei Schulze-Eckel
    Gärtnerei Frings
    Bonner Amt für Stadtgrün