Ist die Beamtin eine Vergewaltigung der deutschen Sprache?

Frage

Eine Frage quält mich schon lange: Einmal las ich, warum die „Beamtin“ nicht Deutsch ist, sondern eine Vergewaltigung unserer Sprache darstellt. Richtig müsse die weibliche Form des Beamten „die Beamte“ lauten. Nun wird von Amts wegen aber „die Beamtin“ verwendet. Ich brauche nicht auszuführen, daß dies in meinen Ohren grausam klingt. Über den Artikel „Mord an Polizeibeamten“ in Ihrem Blog wundere ich mich aber:

Im öffentlichen Dienst tätige Frauen machen uns das Leben hier übrigens wieder einmal viel einfacher: Die Beugung des Wortes Beamtin/Beamtinnen bietet keine größeren Schwierigkeiten.
http://canoo.net/blog/2012/01/06/mord-an-polizeibeamten/

Im Deutschen Wörterbuch http://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemma=beamte gibt es eine saubere Herleitung von (der) Beamte. Salopp gesagt ist es die verkürzte Form von „der Beamtete“, also jemand der mit einem Amt versehen ist. Logischerweise müßte dann das weibliche Wesen eben „die Beamte“ heißen. Die beamtete Frau. Die Beamte.

Die Beamte, der Beamten, der Beamten, die Beamte.

Analog müßte man sonst auch von einer Gelehrtin, Versiertin,  Gereiftin oder Verrücktin sprechen. Oder wie sehen Sie das? Nur weil man heute von einer Friseurin, Beamtin etc. spricht. Davon kann die Normierung ja wohl nicht ausgehen.

Antwort

Sehr geehrter Herr N.,

die weibliche Form zu der Beamte lautet die Beamtin. Das gilt nicht nur „von Amts wegen“, sondern entspricht dem allgemein akzeptierten Sprachgebrauch. Letzteres könnte eigentlich schon als Begründung genügen, aber es ist natürlich besser, noch ein paar erläuternde Worte hinzuzufügen:

Es ist richtig, dass Beamter wie ein Adjektiv gebeugt wird. Es ist auch richtig, dass weibliche Entsprechungen zu adjektivisch gebeugten männlichen Personenbezeichnungen ebenfalls adjektivisch gebeugt werden:

der Angestellte – die Angestellte
der Gelehrte – die Gelehrte
der Versierte – die Versierte
ein Verrückter – eine Verrückte

Wie so oft gibt es aber auch bei dieser „Regel“ eine Ausnahme:

der Beamte – die Beamtin

Die Entstehung der Ausnahmebildung die Beamtin lässt sich wohl dadurch erklären, dass der Beamte trotz adjektivischer Beugung nicht mehr als substantiviertes Adjektiv ersichtlich ist, weil es das entsprechende Adjektiv *beamt gar nicht (mehr) gibt. Als nicht mehr nur Männer Beamte werden durften, wurde die weibliche Form deshalb durch Anhängen der Endung -in gebildet, wie es bei „normalen“ Substantiven üblich ist.

Wenn es keine Ausnahmen geben dürfte, könnte auch das Wort der Beamte nicht verwenden werden: Es ist eine Verkürzung, die es im Deutschen sonst nicht gibt (der Beamtete wird der Beamte, aber nur der Bedienstete, der Erleuchtete, der Verhaftete und nicht *der Bedienste, *der Erleuchte, *der Verhafte). Wenn man, wie Sie es für die weibliche Form von der Beamte fordern, nur nach gewissen allgemeinen Regeln gebildete Wörter verwenden dürfte, wäre der Beamte also nicht Deutsch, sondern „eine Vergewaltigung unserer Sprache“. Es müsste dann konsequenterweise heißen:

der Beamtete – die Beamtete

Allgemein gebräuchlich und akzeptiert* sind aber die Formen:

der Beamte – die Beamtin

Unsere Sprache hält sich nicht immer an die Regeln, die wir in ihr erkennen oder zu erkennen glauben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Die weibliche, adjektivisch gebeugte Form die Beamte kommt gelegentlich auch vor. Während Duden sie als falsch bezeichnet, wird sie in zum Beispiel DWDS neben der männlichen Form aufgeführt. Beamtin steht allerdings ebenfalls im DWDS. Viele Wörterbücher geben wie Canoonet nur Beamtin als weibliche Personenbezeichnung an.

Duden – Richtiges und gutes Deutsch, 7. Aufl. Mannheim 2011 [CD-ROM]
DWDS: BeamteDWDS: Beamtin

4 Kommentare

  1. Gitte Härter schreibt:

    Oktober 29, 2012 um 14:32

    Hallo zusammen,

    viel gruseliger war die „Amtmännin“, die es tatsächlich offiziell gab (mit Anfang 20 habe ich in der Verwaltung der bayer. Polizei gearbeitet). Anscheinend ist das inzwischen abgeschafft. Aber was für eine Idee: Männin! 🙂

    Schöne Grüße
    Gitte Härter

  2. Antonius Reyntjes schreibt:

    Oktober 29, 2012 um 22:44

    Von Beamten und Beamtinnen (schön traditionell in dieser Abfolge):
    Wer auf Sprachgeschichte als ein logisch-traditionelles, nicht mehr veränderbares System von Wortbildungen sich beruft, „vergewaltigt“ wohl die Sprache als entwicklungsfähigen, von menschlichen (sozialen, politischen … und wirtschaftlichen… und genderösen) Bedürfnissen und Intuitionen geprägten Sprachprozess.
    Der „beamtete“, also die „beamtete Person“, läßt sich natürlich auch als weibliche Form vermuten: „die „beamtete“, also die „beamtete Person“.
    Der Beamte und die Beamtin .. sind die einfachere, eindeutige, also nicht missverständliche Differenzierung de Aufgabenbereich von Mann und Frau in einem „Amt“. Ob öffentlich „beamtet“ oder im Prager Geschäftshaushalt des Hermann Kafka:

    Franz Kafka schreibt 1919:
    „Ein im Zusammenhang des Ganzen lehrreiches Beispiel Deiner erzieherischen Wirkung war Irma. Einerseits war sie doch eine Fremde, kam schon erwachsen in Dein Geschäft, hatte mit Dir hauptsächlich als ihrem Chef zu tun, war also nur zum Teil und in einem schon widerstandsfähigen Alter Deinem Einfluß ausgesetzt; andererseits aber war sie doch auch eine Blutsverwandte, verehrte in Dir den Bruder ihres Vaters, und Du hattest über sie viel mehr als die bloße Macht eines Chefs. Und trotzdem ist sie, die in ihrem schwachen Körper so tüchtig, klug, fleißig, bescheiden, vertrauenswürdig, uneigennützig, treu war, die Dich als Onkel liebte und als Chef bewunderte, die in anderen Posten vorher und nachher sich bewährte, Dir keine sehr gute Beamtin gewesen.“
    Hier meint Kafka die „Beamtin“ eine mit einem Amt beauftragte Frau in der väterlichen Großhandlung für Galanteriewaren.
    Franz Kafka: Brief an den Vater (1919; zuerst veröffentlicht posthum 1952. In „Die neue Rundschau“, 63. Jahrgang, Zweites Heft)
    *
    An anderen Stellen benutzt Kafka das Nomen „die Beamtin“ für eine in staatlichen Diensten stehende weibliche Person, ganz wie uns noch bekannt, bevor die Genderverwaltung zuschlug und den Begriff entsorgen wollte.
    *
    Und Karl Kraus, der Böse, Bittere, immer zu einer satirischen Wörtergrube Fähige, der schrieb noch früher als Kafka von „Beamtinnen“:

    „Es ist eine traurige Thatsache: Wir haben es jetzt mit einem scheu gewordenen Amtsschimmel zu thun. Sie alle schildern die drollige Suche nach der 1 Heller-Marke, diesem herzigen Neugeborenen des Fiscus, und beklagen die beispiellose Confusion, die unter den armen Beamten und Beamtinnen platzgegriffen hat. Wie oft mag man in diesen Tagen an den Schaltern den Ruf » Echt österreichisch! Vernommen haben, – auch aus dem Munde von k.k Beamten!“ KK in „Antworten des Herausgebers. Zahlreichen Einsendern“ (…).
    In: Die Fackel („Anfang Jänner 1900“) Nr. 28, S. 32. – KK ging darauf ein, dass der k.k. Fiscus bei der „Einführung der Kronenwährung in den postalischen Verkehr“ ein „Chaos“ hervorgerufen hatte.

    Ob KK die so angeführten „Beamten und Beamtinnen“, in dieser Reihenfolge, ironisch zitierte?
    Jo mei! – Schon „Mitte Jänner 1900“ schrieb KK von den “Collegen und Colleginnen“ im Heft 29 der Fackel. S. 28.
    Die Reihenfolge der Genera spricht dafür, dass er es beiden recht tun wollte, in der amtlich „geregelten Aufeinanderfolge“.

    Allgemeines zum Amt und den Beamteten oder Beamten:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Beamtentum#cite_note-3

    Wie man, wie dorten kundig, ein keltisches Lemma für “Amt“ gefunden haben will, wo es keine schriftlichen Belege der keltischen Sprache gibt, soll der Etymologe Pfeifer (nein, nicht der mit drei „f“ mit ins Grab genommen haben.

    Aber, es gibt sicherlich Beamte, die sich nach Wiki darauf berufen mögen. Auch Beamtinnen.

  3. mitm schreibt:

    Juni 6, 2014 um 07:39

    „Es ist richtig, dass Beamter wie ein Adjektiv gebeugt wird.“ – deswegen benutzt auch jeder, der nicht gerne Ausnahmen sammelt, die Standardregel und deswegen wird diese Form kaum auszurotten sein.

    „Die Entstehung der Ausnahmebildung die Beamtin lässt sich wohl …“ am ehesten als Sprach-Engineering im Rahmen des Gender Mainstreaming der 1980er Jahre erklären (wenn wir schon mit häßlichen Wörtern arbeiten wollen).

    „die weibliche Form zu der Beamte lautet die Beamtin.“
    basta. Hoch lebe die Rechtschreibreform.

  4. Dr. Bopp schreibt:

    Juni 11, 2014 um 12:06

    @mitm: Ich versteht leider nicht, was Sie mit Ihrem Kommentar sagen wollen. So ist mir zum Beispiel nicht klar, welches denn nun die Form ist, die Ihrer Meinung nach »ausgerottet« werden sollte?

    Dennoch ein paar Bemerkungen:

    Die weibliche Form Beamtin kam bereits zu Anfang des 20. Jahrhunderts auf, als allmählich auch Frauen den Beamtenstatus erhielten. Es ist also kein Produkt des – wie Sie es nennen – Sprach-Engineerings der 1980er Jahre. Im Gegenteil: Die weibliche Form „die Beamte“ ist für geschlechtergerechte Formulierung viel geeigneter, weil sie das Problem der Doppelnennung zumindest im Plural elegant löst:

    der Beamte – die Beamten
    die Beamte – die Beamten

    Sie schreiben weiter:

    “die weibliche Form zu der Beamte lautet die Beamtin.”
    basta. Hoch lebe die Rechtschreibreform.

    Ob man die Beamtin oder die Beamte sagt und schreibt, hat nichts mit der Rechtschreibung oder deren Reform zu tun. Die Rechtschreibung regelt nur, wie man eine Wortform schreibt, nicht, welche Wortform man wählt.

    »basta« – Eben nicht basta. Der ersten Feststellung »Die weibliche Form zu der Beamte lautet die Beamtin« folgt ja ein Artikel, der diese Aussage zu erklären und zu relativieren versucht. Haben Sie ihn gelesen?