Jemanden anrufen und zurückrufen

Frage

Gestört hat mich schon lange die Beendigung eines Gesprächs: „Tschüss, ich rufe dich zurück.“ Heute hört man diese Formulierung sogar bei gebildeten Moderatoren im deutschen Fernsehen. Seit 60 Jahren verwende ich und alle meine Kollegen die Formulierung: „Ich rufe zurück.“ Die oben genannte Formulierung bedeutet meiner Ansicht nach: Ich entferne mich (körperlich) von einem Menschen und er ruft mich zurück, ich soll wieder zurück kommen. Ist meine Ansicht richtig?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

auch wenn man die Formulierung jemanden zurückrufen im Sinne von einen Telefonanruf durch einen Rückruf beantworten sehr oft hört, gilt sie (noch?) als umgangssprachlich oder regionalsprachlich. Wenn man es standardsprachlich ganz richtig machen will, sagt man, wie Sie es tun, besser: „Ich rufe zurück.“

Es stimmt, dass jemanden zurückrufen bedeutet, dass man eine Person, die im Begriff ist wegzugehen, durch Rufen auffordert zurückzukommen. Die umgangssprachliche Verwendung von zurückrufen im Zusammenhang mit dem Telefonieren ist deshalb aber nicht zwangsläufig ausgeschlossen. Wörter haben oft mehr als eine Bedeutung. Man konnte schon jemanden anrufen, bevor es Telefone gab:

jemanden durch Rufen auf sich aufmerksam machen: einen Bekannten auf der Straße anrufen
jemanden bitten, helfend einzugreifen: das Verfassungsgericht anrufen, Gottes Hilfe anrufen

Diese bereits bestehenden Bedeutungen haben nicht verhindert, dass anrufen auch die Bedeutung telefonisch mit jemandem Kontakt aufnehmen erhalten hat. In gleicher Weise ist es nicht grundsätzlich ausgeschlossen, dass jemanden zurückrufen auch eine neue, „telefonische“ Bedeutung erhält. In der Umgangssprache hat das Verb diese Bedeutung schon.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

6 Kommentare

  1. Nightstallion schreibt:

    November 16, 2012 um 22:08

    In Österreich ist das BTW Standardsprache, steht so auch im DWDS.

  2. Michael Kuhlmann schreibt:

    November 19, 2012 um 12:30

    Wenn es nur um die doppelte Bedeutung des Wortes ginge, dürfte „ich rufe zurück“ auch nicht gültig sein, denn zurückrufen kann ich auch, wenn ich auf der Straße angerufen werde oder wenn ich ein Echo spiele.

    „Ich rufe dich zurück“ gefällt mir sogar besser, weil der Adressat persönlich angesprochen wird. Das unpersönlichere „Ich rufe zurück“ würde ich eher verwenden, wenn ich allgemein mein Telefonverhalten gegenüber einer größeren, relativ anonymen Gruppe beschreiben möchte, z.B.: „Privatgespräche darf ich leider nicht annehmen, ich rufe aber später zurück.“

  3. Blanca schreibt:

    November 19, 2012 um 14:42

    Ich wohne seit ein paar Jahren in Hessen, und hier gibt es eine Formulierung, die ich persönlich unglaublich schrecklich finde: Ich rufe dir/ihr/ihm an. Man verwendet also den Dativ. Zum Glück hört man diese „sprachliche Katastrophe“, wenn ich sie mal so nennen darf, nicht oft, üblicher ist dann doch der Akkusativ.

    Ich vermute, dass die Formulierung mit dem Dativ ganz schlimme Umgangssprache ist. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass man das in einem Grammatikbuch findet.

    Schöne Grüße

    Blanca

  4. Dr. Bopp schreibt:

    November 20, 2012 um 17:42

    Die Formulierung jemandem anrufen gilt tatsächlich als umgangssprachlich. Ob sie »ganz schlimm« ist, möchte ich hier dahingestellt sein lassen. Mit dem Dativ stehen auch andere umgangssprachliche Varianten wie jemandem telefonieren und jemandem anläuten. Diese Dativkonstruktionen scheinen vor allem in der südwestlichen Ecke des deutschen Sprachgebietes beliebt zu sein. Es empfiehlt sich aber, sie standardsprachlich auch in diesen Regionen eher zu vermeiden.

  5. Peter Krautwedel schreibt:

    Januar 16, 2013 um 15:19

    Sehr geehrter Herr Dr. Bopp,

    einige Fragen zum Thema „Jemanden anrufen und zurückrufen“ haben Sie im November 2012 beantwortet. Gelten Ihre Antworten sinngemäß auch für die Formulierung „ins Gedächtnis zurückrufen“? (Zu meiner Schulzeit vor 60 Jahren hätte sich diese Frage für mich noch nicht gestellt …).

    Mit freundlichem Gruß

    Peter Krautwedel

  6. Dr. Bopp schreibt:

    Januar 17, 2013 um 11:40

    Gegen ins Gedächtnis zurückrufen habe ich ebenfalls wenig einzuwenden. Stärker als rufen in etwas ins Gedächtnis rufen gibt zurückrufen an, dass etwas aus dem Bewusstsein verschwunden war und nun wieder neu aufgerufen wird. Sehen Sie auch den zweiten Teil des Artikels zu vorprogrammieren, in dem die verstärkende Funktion von Vorsilben bei Verben erwähnt wird.