Archiv für Dezember, 2012

Wie antiquiert sind Widernisse?

Hinweis

Das vielleicht etwas antiquiert wirkende, aber immer noch gebräuchliche Wort „Widernis“ fehlt mir in Ihrer hilfreichen Datenbank.

Reaktion

Sehr geehrter Herr B.,

vielen Dank für den Hinweis! Zuerst habe ich mich ein bisschen gewundert, dass das Wort Widernis nicht in Canoonet zu finden ist. Schließlich kommt mir vor allem der Plural Widernisse recht bekannt vor. Es ist zwar kein Wort, das mir täglich mindestens fünfmal begegnet, aber auch kein äußerst seltenes lexikalisches Unikum. Mein Erstaunen wuchs, als ich feststellte, dass das Wort auch in keinem anderen der mir zur Verfügung stehenden Wörterbücher steht. Nur das Wörterbuch der Gebrüder Grimm erwähnt es 1960, allerdings mit der Bemerkung:

in hist. wbb. nicht gebucht und auch literar. nur selten bezeugt

Widernis stand also 1960 nicht in historischen Wörterbüchern und in literarischen Texten war es offenbar nur selten zu finden. Das Wort scheint früher nicht allzu populär gewesen zu sein.

Der Ngram Viewer von Google erlaubt es, größere Mengen von Büchern und Zeitschriften nach einem bestimmten Wort zu durchsuchen. Ich habe dies einmal für Widernisse und die Dativform Widernissen für die Zeitspanne 1850 bis 2000 getan:

So beliebt war das Wort also früher gar nicht. Es kommt in der gemessenen Zeitspanne erst ab ca. 1875 ein paarmal vor. Wenn man dem Graphen weiter glauben darf, erlebte Widernisse(n) Ende der Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts einen bescheidenen Höhepunkt, ging seine Verwendung danach ein paar Jahrzehnte zurück und wird es seit den Neunzigerjahren wieder relativ häufig verwendet.

Könnte es sein, dass Widernisse nur antiquiert wirkt, es aber im Gegenteil gar nicht ist? Wir werden auf jeden Fall genauer prüfen müssen, ob das Wort es nicht doch verdient, in Canoonet aufgenommen zu werden. Vor allem der Plural Widernisse scheint ja „neuerdings“ vergleichsweise häufig vorzukommen.

Ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr, das möglichst frei von Widernissen sein möge!

Dr. Bopp

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Von X-mas zu Chi-Rho

In Sachen englische Lehnwörter bin ich ziemlich mild. Wer zu viele davon braucht, macht sich lächerlich oder unbeliebt und ist entsprechend selbst schuld. Was genau „zu viel“ ist, kann ich nicht entscheiden. Das ist von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation verschieden. Die deutsche Sprache wird die „Anglizismenflut“ schon überleben. Darüber mache ich mir nicht viel mehr Sorgen als um den Weltuntergang (heute ist der 21.12.2012!). Um das Für und Wider englischer Wörter soll es hier dann auch nicht gehen.

Na ja, es soll fast nicht darum gehen. Ein englisches Wort stört mich nämlich alljährlich wieder ein bisschen: X-mas, auch Xmas geschrieben. Weshalb es genau dieses Wort ist, weiß ich eigentlich nicht. Vielleicht liegt es ja nur daran, dass ich nicht einmal weiß, wie ich es gemäß den deutschsprachigen Schreiberlingen aussprechen soll. Soll ich nun iksmes, eksmeskristmes oder krismes sagen? Oder doch einfach Weihnachten? Auf jeden Fall treffe ich auch dieses Jahr wieder auf X-mas Specials, X-mas-Geschenke oder X-mas Gifts, und TV Spielfilm sowie ELLE stellen die Frage: „Welcher X-mas-Typ sind Sie?“

Es soll hier aber nicht um meine persönlichen Abneigung gegen dieses Wort gehen. Ich wollte nur kurz fragen, ob Sie wissen, woher das X in X-mas eigentlich kommt. Richtig: Es ist der Griechische Buchstabe Chi, der wie unser ch ausgesprochen wird. Das X in X-mas steht für die Silbe Christ in Christmas (Weihnachten), dies in Anlehnung an das griechische Wort Χριστός (in Großbuchstaben: ΧΡΙΣΤΟΣ).

Dieses Chi findet man auch oft in Kirchen, Kapellen usw. Zusammen mit dem griechischen Buchstaben Rho, der wie unser P aussieht, bildet es das Christusmonogramm XP (Chi-Rho).

Chi-Rho

Als Symbol für Christus und das Christentum soll dieses Zeichen sogar älter sein als das Kreuz. Das Chi-Rho ist nichts anderes als eine Kombination der ersten beiden Buchstaben des griechischen ΧΡΙΣΤΟΣ. Wegen der Ähnlichkeit mit den lateinischen Buchstaben P und X wurde und wird es aber häufig auch als Verkürzung des lateinischen Wortes pax (Frieden) interpretiert. Diese Interpretation entspricht zwar nicht dem Ursprung des Symbols, sie passt aber gut zum bevorstehenden Weihnachtsfest.

Ich wünsche Ihnen allen eine schöne Weihnachtszeit!

Dr. Bopp

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Lichter und Lichte

Ein schönes Adventsthema: die Lichte und die Lichter.

Frage

Ich sehe häufig im Zusammenhang mit Kerzen die Pluralform „Lichte“. Wie kommt es zu dieser Variante und ist sie korrekt?

Kerzen

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

die Lichte ist eine veraltete dichterische Pluralform. Sie steht für die Mehrzahl von Licht im Sinne von Wachskerze.

Die Form ist zwar veraltet, aber nicht die älteste. Bis ins 16. Jahrhundert hinein war der Plural von Licht unveränderlich: die liecht leschen, zwei liecht. Im 15. Jahrhundert kam allgemein die Pluralform Lichter auf. Der Plural Lichte ist eine spätere Variante, vor allem bei Licht mit der Bedeutung Kerze. (Dies alles ist bei Grimm nachzulesen.)

In Zusammensetzungen erscheint die Form Lichte heute noch allgemein in Teelichte und (nach dem oben Gesagten erstaunlicherweise) in Oberlichte. Daneben kommen auch die Pluralformen Teelichter und Oberlichter vor. Auch wenn einige eher konservative Sprachliebhaber und -liebhaberinnen darauf pochen, dass der Plural ausschließlich Teelichte laute, gilt der Plural Teelichter im Allgemeinen auch als richtig (sagen zumindest fast alle meine Wörterbücher). Genau genommen ist der Plural auf –er sogar die ältere Form. Ich vermute allerdings, dass es zu Luthers Zeiten noch keine Stövchen im heutigen Sinne und auch keine Teelichte[r] gab. Insofern ist das Argument des „höheren Dienstalters“ wie so oft bei solchen Fragen eher schwach.

Je nachdem wie modern oder altmodisch-dichterisch sie es sprachlich und „weihnachtsdekorationsmäßig“ mögen, können Sie also bald am Weihnachtsbaum die Lämpchen einschalten, die Kerzen anzünden oder die Lichte entzünden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Wörter des Jahres 2012

Fast alle haben darüber berichtet. Ich kann es deshalb auch nicht unerwähnt lassen, obwohl mir die Wahl des Wortes des Jahres eigentlich wenig sagt. Nun denn:

Gestern hat die Gesellschaft für deutsche Sprache das deutsche Wort des Jahres 2012 bekanntgegeben:

Rettungsroutine

Auf große Begeisterung stößt die Wahl dieses Wortes allerdings nicht. Es scheint in der deutschen Sprachrealiät kaum verwendet zu werden. Die GfdS schreibt auf ihren Seiten dann auch vorsichtig: „Es geht nicht um Worthäufigkeiten.“ Mehr dazu finden Sie zum Beispiel im Spiegel, in der FAZ, im Sprachlog oder im Lexikographieblog.

Das Jugendwort des Jahres ist für Deutschland schon etwas länger bekannt:

YOLO (You only live once; Nutze die Gelegenheit!).

Mehr dazu hier und hier. Das Unwort des Jahres muss in Deutschland noch gewählt werden.

Einen etwas größeren Unterhaltungswert haben die österreichischen Wörter des Jahres 2012, die bereits am Nikolaustag bekannt geworden sind:

1. Rettungsgasse
2. Schulschwänzbeauftragter
3. präfrustriert

Die Unwörter des Jahres sind:

1. Unschuldsvermuteter
2. Pleitegriechen
3. Anfütterungsverbot

Zum Jugendwort wurde gekürt:

leider geil

Am besten gefällt mir der österreichische Ausspruch des Jahres 2012, nämlich die Aussage der Grünen-Abgeordneten Gabriela Moser, die anlässlich ihres Rücktritts, wenn man es denn so nennen darf, sagte:

Ich trete nicht zurück, ich mache den Weg frei.

Diese gesichtsverlustbeschränkenden Worte verdienen von mir aus tatsächlich einen Schönheitspreis. Mehr zur österreichischen Wahl finden Sie zum Beispiel hier und hier.

Ebenfalls bereits am 6. Dezember wurde das schweizerische Wort des Jahres 2012 bekanntgegeben:

Shitstorm

Das Wort  war übrigens bereits der Anglizismus des Jahres 2011 in Deutschland. In der Schweiz dauert es eben manchmal etwas länger als anderswo.

Vor allem Supermarktketten bemühen sich krampfhaft darum, ein möglichst „grünes“ und „nachhaltiges“ Image aufzubauen und gehen entsprechend den Konsumentinnen und Konsumenten mit dem Unwort des Jahres auf die Nerven:

Bio

Wäre das nicht auch ein Unwort-Kandidat für Deutschland?

Der Satz des Jahres ist weder deutsch noch englisch, sondern italienisch:

Vada a bordo, cazzo! (Gehen Sie an Bord, verdammt nochmal!)

Es sind die an den Kapitän der auf Grund gelaufenen Costa Concordia gerichteten Worte, als er sich weigerte auf sein Schiff zurückzukehren. (In diesem Zusammenhang kommt mir noch ein Kandidat für das [Un-]Wort des Jahres in den Sinn: Unglückskapitän.)

Interessant ist das Jugendwort des Jahres:

Shaz

Es ist weder aus dem Persischen übernommen noch ein Anglizismus, sondern nichts anders als eine SMS-geeignete Schreibweise des klassischen Kosewortes Schatz. Wir haben es hier mit einer ganz besonderen Art der „Fremdwortentlehnung“ zu tun: ein urdeutsches Wort, das nach fremdländischer Orthographie geschrieben wird.

Zum liechtensteinischen Wort des Jahres 2012 konnte ich noch keine Informationen finden.

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Tot, toter, toteste

Hier ist sie wieder einmal, die regelmäßig auftauchende Frage nach „unerlaubten“ Steigerungsformen:

Frage

Ist eine Steigerung von tot nicht etwas problematisch? Kann man (auch) toter als tot sein?

Antwort

Sehr geehrter Herr I.,

die Frage nach der Steigerung der sogenannten absoluten Adjektive wird recht häufig gestellt. Ich erlaube mir hier deshalb, statt einer ausführlichen Erklärung zwei Hinweise auf die Seiten von Canoonet zu anzugeben:

Steigerungsformen kommen auch bei „absoluten“ Adjektiven vor, wenn sie in einem übertragenen Sinne oder bewusst verstärkend verwendet werden. Sie haben natürlich Recht, dass tot in seiner Grundbedeutung ein absolutes Adjektiv ist, das nicht gesteigert werden kann. Wir gehen aber wie gesagt davon aus, dass „absolute“ Adjektive nicht immer ganz so absolut sind, das heißt, dass sie manchmal auch gesteigert werden können. Das gilt selbst für tot. Hier ein paar (Internet-)Zitate, die ich – es sei gleich vorweggenommen – für richig formuliert halte:

Vor dreißig Jahren hat ein Toter einem noch Toteren die Hand in den Hosenstall gesteckt.
(Anne Enright, „Das Familientreffen“, übersetzt von Hans-Christian Oeser)

Auf dem Schiff werden uns wilde Geschichten von toten Schiffspassagieren auf dem Grund des Königssees und noch toteren Bergsteigern in der Ostwand erzählt.

Ich habe Lebende gesehen, die einen toteren Eindruck gemacht haben als du.

… man spricht heutigentages übrigens gerade da am meisten vom Leben und vom Übergehen ins Leben, wo man in dem totesten Stoffe und in den totesten Gedanken versiert
(Hegel, „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, 3. Teil, 2. Abschnitt, B, a)

Den Rest des Jahres herrscht kulturell toteste Hose.

Irgendwann müssen Menschen begriffen haben, dass aus dem totesten Material, das wir uns denken können, aus toten Steinen, lebendiges flammendes Feuer zu gewinnen war, indem man sie aneinanderschlug, bis der Funke sprühte.
(Aus einer Predigt zur Karwoche)

Die Steigerungsformen von tot grundsätzlich zu verbieten bedeutet der Sprache zu enge Zügel anzulegen. Es ist tatsächlich wenig sinnvoll, das Adjektiv tot in der Grundbedeutung von nicht lebend zu steigern. Ein friedlich der Altersschwäche erlegenes Huhn ist nicht toter oder weniger tot als ein im Backofen brutzelndes Hähnchen. Die ethischen Fragen rund um den klinischen und den biologischen Tod sind u. a. deshalb so schwierig, weil wir nicht in den Begriffen mehr oder weniger tot, sondern lebend oder tot denken. Die obenstehenden Beispiele zeigen aber, dass das Wort tot nicht nur in diesem absoluten Sinne verwendet wird und dass es dann manchmal sogar Steigerungsformen hat.

Wenn diese Beispielsätze falsches oder schlechtes Deutsch wären, dann wären sie dies nicht, weil es die Steigerungsformen nicht geben könnte, sondern nur, weil es sie nicht geben dürfte. Wenn es toter und toteste wirklich nicht geben dürfte, müsste wohl auch die Wendung mehr tot als lebendig als unzulässige Vergleichsform rot angestrichen werden. Das Deutsche würde dadurch vielleicht etwas „präziser“, aber bestimmt nicht lebendiger.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn Temperaturen und Schneefallgrenzen fallen

Eine nicht allzu wichtige Frage, die aber gut zum Winteranfang passt. Es geht um sinkenden Temperaturen und Schneefallgrenzen:

Frage

Meteorologen stellen mir manchmal Fragen, die anderen Menschen selten in den Sinn kommen. Da ich mich überfragt fühle, leite ich die folgende Fragen weiter:

Angabe schwankender Werten (auch im mündlichen Vortrag -> Wetterbericht): Gibt es überhaupt eine Vorgabe für die Reihenfolge? Von klein nach groß und bei fallenden Werten nach Logik von groß nach klein?

Die Schneefallgrenze steigt / fällt auf 800 bis 1000 Meter / 1000 bis 800 Meter.
Die Temperaturen fallen auf drei bis acht Grad / acht bis drei Grad

Und wie sieht das Ganze bei Minuswerten aus – anders als bei Pluswerten? Orientiert man sich an der Null als Ausgangspunkt? Oder am absoluten Nullpunkt? Oder kann das jeder machen, wie er will?

Die Temperaturen fallen auf minus drei bis minus acht Grad / minus acht bis minus drei Grad.
Die Temperatur steigt auf minus fünf bis minus zwei Grad.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

unverrückbar festliegende Regeln gibt es wie so oft auch hier nicht. Es gibt aber mehr oder weniger Übliches:

Bei steigen wird immer die niedrigere Zahl zuerst genannt, wenn ein Bereich angegeben wird:

Die Schneefallgrenze steigt auf 800 bis 1000 Meter.
Die Temperatur steigt auf 10 bis 15 Grad.
Die Temperatur steigt auf minus 5 bis minus 3 Grad.

Bei fallen oder sinken kommen beide Reihenfolgen vor:

Die Schneefallgrenze sinkt auf 800 bis 1000 Meter.
Die Schneefallgrenze sinkt auf 1000 bis 800 Meter.

Die Temperatur sinkt auf 5 bis 1 Grad.
Die Temperatur sinkt auf 1 bis 5 Grad. (seltener)

Bei Minuswerten:

Die Temperatur sinkt auf minus 3 bis minus 5 Grad.
Die Temperatur sinkt auf minus 5 bis minus 3 Grad. (seltener)

Eine feste Reihenfolge gibt es also nur bei steigen. Bei sinken sind beide Reihenfolgen möglich. Dabei wird mit der Reihenfolge niedrig–hoch die allgemein übliche Art der Angabe eines Bereiches übernommen. Bei der Reihenfolge hoch–niedrig wird die Richtung des Sinkens in die Angabe des Bereiches einbezogen. Beides ist grammatikalisch, logisch und auch sonst gut vertretbar. Möge die Schneefallgrenze für begeisterte Skifahrer möglichst bald tief genug sinken und für wenig abenteuerlustig eingestellte Autofahrer wie mich möglichst lange hoch genug bleiben!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Was soll denn das! Wo ist das Fragezeichen geblieben?

Während man die korrekte Verwendung des Kommas im Deutschen zweifellos zu den mittleren Katastrophen rechnen kann, gibt es zum Glück auch einfachere Satzzeichen: das Fragezeichen und das Ausrufezeichen. Ein Fragezeichen schließt eine Frage ab und ein Ausrufezeichen steht nach Ausrufen und Befehlen. Viel komplizierter ist es wirklich nicht. Unsere Rechtschreibung wäre aber nicht unsere Rechtschreibung, wenn es nicht doch ein paar Zweifelsfälle gäbe. Einen davon nennt Frau D. ganz zu Recht in der folgenden Frage :

Frage

Welches Satzzeichen setzt man nach folgendem Satz?

Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?/!

Das Fragezeichen oder das Ausrufezeichen?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

bei Ausrufen, die wie eine Frage formuliert sind, aber nicht als Frage gemeint sind, steht ein Ausrufezeichen:

Was soll denn das!
Kannst du nicht endlich damit aufhören!
Wie lange soll das denn noch dauern!
Bist du von allen guten Geistern verlassen!

Hier wird keine Antwort auf die Frage im wörtlichen Sinne erwartet. Solche „Fragen“ dienen z. B. dazu, seinem Unmut Luft zu machen.

Es ist auch möglich, Fragezeichen und Ausrufezeichen zu verbinden. Wenn auf eine Frage eine Antwort erwartet wird, sie aber wie oben auch ein Ausruf ist, kann dem Fragezeichen noch ein Ausrufezeichen folgen:

Gehst du schon wieder weg?!
Warum ausgerechnet ich?!
Wer hat die denn eingeladen?!

Weiter kann man mit der Wahl zwischen dem Fragezeichen und dem Ausrufezeichen in gewissen Fällen angeben, ob etwas als höfliche Frage oder eher als strenge Aufforderung gemeint ist. Das Fragezeichen entspricht dabei einem freundlichen Ton, das Ausrufezeichen einem eher bestimmten Ton in der gesprochenen Sprache:

Könntest du bitte still sein?
Könntest du bitte still sein!

Würden Sie bitte zur Seite treten?
Würden Sie bitte zur Seite treten!

Die auf den ersten Blick widersprüchlichen Kombinationen von Satzart und Satzzeichen sind dadurch begründbar, dass wir Fragen, Ausrufe und Aufforderungen nicht immer in Frage-, Ausrufe- und Aufforderungssätze gießen (vgl. hier). Ob ein Fragesatz als Frage, als Aufforderung oder als Ausruf gemeint ist, merken gute Zuhörer und Zuhörerinnen am Ton. In der Schrift können die Satzzeichen den Lesern und Leserinnen helfen, die richtige Nuance zu erfassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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An und zu Weihnachten

Mit „an und zu Weihnachten“ ist nicht der adlige Nachname des Weihnachtsmannes gemeint, sondern eine immer wieder auftauchende Frage, die zu Beginn der Adventszeit auch mich erreicht hat:

Frage

Anlässlich der meisten Festtage rege ich mich über die Formulierung der Radiomoderatoren (u. Ä.) auf, wenn sie zeitnah zum jeweiligen Fest von „an Ostern“, „an Weihnachten“ usw. sprechen. Für mich ist das „an“ eine Ortsbestimmung (an die Wand gestellt und zu Weihnachten wieder in die Stube). Was gibt es von Ihrer Seite dazu für eine Meinung?

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

wenn an immer eine Ortsbestimmung anführte, würde auch mit den folgenden Aussagen etwas nicht stimmen:

am Mittwoch
an einem schönen Sommerabend
an diesem 4. Dezember

Das kann also nicht der Grund sein. Bei an und zu spielt in diesem Fall etwas anderes eine Rolle: Die Zeitangaben an Weihnachten und zu Weihnachten (ebenso Ostern, Pfingsten) sind regional bestimmt. Im Norden und Osten Deutschlands sowie in Österreich ist zu Weihnachten verbreitet. Im Westen und Süden Deutschlands und in der Schweiz heißt es in der Regel an Weihnachten. Daneben gibt es auch noch Menschen, die keine Präposition verwenden. Es gibt im Deutschen mehr als eine Formulierung, von denen auch standardsprachlich keine die „Alleinherrschaft“ beanspruchen kann:

Was machst du zu Weihnachten?
Was machst du an Weihnachten?
Was machst du Weihnachten?

Die genauere geografische Verteilung der Varianten finden Sie im Atlas der deutschen Alltagssprache der Uni Augsburg.

Sie ärgern sich also zu Unrecht über eine falsche Formulierung. Die Radiomoderatoren (u. Ä.), die Sie meinen, kommen einfach aus der „an-Region“, während Sie offensichtlich aus der „zu-Region“ stammen.

Bei Geschenken anlässlich des Weihnachtsfestes verwenden übrigens auch die „an-Sager“ und „an-Sagerinnen“ meistens zu:

jemandem etwas zu Weihnachten schenken

Hier ist nicht der Zeitpunkt gemeint, sondern zu welchem Zweck, zu welchem Anlass das Geschenk gegeben wird.

Wenn Sie also in den nächsten Tagen jemand fragt, was Sie zu oder an Weihnachten tun werden, finden Sie in der Frage einen kleinen Anhaltspunkt, woher der Fragesteller oder die Fragestellerin kommen könnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Blogspektrogramm 48/2012

Nach einer Ruhepause ist eine neue Version des Blogspektrogramms im neu gestalteten Sprachlog erschienen. Es wird wieder auf lesenswerte Blogbeiträge zum Thema Sprache hingewiesen. Das neue Blogspektrogramm wird wöchentlich erscheinen. Schauen Sie es sich doch einfach einmal an:

Blogspektrogramm 48/2012

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