Tot, toter, toteste

Hier ist sie wieder einmal, die regelmäßig auftauchende Frage nach „unerlaubten“ Steigerungsformen:

Frage

Ist eine Steigerung von tot nicht etwas problematisch? Kann man (auch) toter als tot sein?

Antwort

Sehr geehrter Herr I.,

die Frage nach der Steigerung der sogenannten absoluten Adjektive wird recht häufig gestellt. Ich erlaube mir hier deshalb, statt einer ausführlichen Erklärung zwei Hinweise auf die Seiten von Canoonet zu anzugeben:

Steigerungsformen kommen auch bei „absoluten“ Adjektiven vor, wenn sie in einem übertragenen Sinne oder bewusst verstärkend verwendet werden. Sie haben natürlich Recht, dass tot in seiner Grundbedeutung ein absolutes Adjektiv ist, das nicht gesteigert werden kann. Wir gehen aber wie gesagt davon aus, dass „absolute“ Adjektive nicht immer ganz so absolut sind, das heißt, dass sie manchmal auch gesteigert werden können. Das gilt selbst für tot. Hier ein paar (Internet-)Zitate, die ich – es sei gleich vorweggenommen – für richig formuliert halte:

Vor dreißig Jahren hat ein Toter einem noch Toteren die Hand in den Hosenstall gesteckt.
(Anne Enright, „Das Familientreffen“, übersetzt von Hans-Christian Oeser)

Auf dem Schiff werden uns wilde Geschichten von toten Schiffspassagieren auf dem Grund des Königssees und noch toteren Bergsteigern in der Ostwand erzählt.

Ich habe Lebende gesehen, die einen toteren Eindruck gemacht haben als du.

… man spricht heutigentages übrigens gerade da am meisten vom Leben und vom Übergehen ins Leben, wo man in dem totesten Stoffe und in den totesten Gedanken versiert
(Hegel, „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, 3. Teil, 2. Abschnitt, B, a)

Den Rest des Jahres herrscht kulturell toteste Hose.

Irgendwann müssen Menschen begriffen haben, dass aus dem totesten Material, das wir uns denken können, aus toten Steinen, lebendiges flammendes Feuer zu gewinnen war, indem man sie aneinanderschlug, bis der Funke sprühte.
(Aus einer Predigt zur Karwoche)

Die Steigerungsformen von tot grundsätzlich zu verbieten bedeutet der Sprache zu enge Zügel anzulegen. Es ist tatsächlich wenig sinnvoll, das Adjektiv tot in der Grundbedeutung von nicht lebend zu steigern. Ein friedlich der Altersschwäche erlegenes Huhn ist nicht toter oder weniger tot als ein im Backofen brutzelndes Hähnchen. Die ethischen Fragen rund um den klinischen und den biologischen Tod sind u. a. deshalb so schwierig, weil wir nicht in den Begriffen mehr oder weniger tot, sondern lebend oder tot denken. Die obenstehenden Beispiele zeigen aber, dass das Wort tot nicht nur in diesem absoluten Sinne verwendet wird und dass es dann manchmal sogar Steigerungsformen hat.

Wenn diese Beispielsätze falsches oder schlechtes Deutsch wären, dann wären sie dies nicht, weil es die Steigerungsformen nicht geben könnte, sondern nur, weil es sie nicht geben dürfte. Wenn es toter und toteste wirklich nicht geben dürfte, müsste wohl auch die Wendung mehr tot als lebendig als unzulässige Vergleichsform rot angestrichen werden. Das Deutsche würde dadurch vielleicht etwas „präziser“, aber bestimmt nicht lebendiger.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

6 Kommentare

  1. Stephan Maroschek schreibt:

    Dezember 12, 2012 um 21:46

    …wie ist das dann noch? Stirbt ein Tier oder verendet es, wie stehts mit der Definition von Umbringen, Schlachten, Töten, Morden, Totschlagen. Mein Sprachgefühl sagt mir ein Pferd verendet nach einem Unfall, es stirbt der Jockey der sich das Genick dabei brach. Gedanken zu tot und toter mit jedem Schritt in den kalten Winter hinein.

  2. Blanca schreibt:

    Dezember 12, 2012 um 22:11

    Meines Erachtens sind Steigerungsformen wie „toter“, „optimalste“ oder „aktuellste“ Sprachmüll, der die deutsche Sprache verschmutzt. Es gibt Adjektive, die gesteigert werden können, und Adjektive ohne Steigerungsformen, warum halten wir uns nicht einfach daran?

    Neulich habe ich Folgendes im Fernsehen gehört: der bestbezahlteste Fußballer. Noch so eine schreckliche Steigerungsform.

    Schöne Grüße

    Blanca

  3. töter als ein toter « lexikographieblog schreibt:

    Dezember 13, 2012 um 09:49

    […] Bopp hat gerade die Frage beantwortet, ob man das Adjektiv tot steigern kann oder nicht. Die Antwort ist: man kann. An dieser Antwort habe ich auch gar nichts auszusetzen; trotzdem ist […]

  4. Dr. Bopp schreibt:

    Dezember 13, 2012 um 10:43

    Soeben hat Michael Mann in seinem Lexikographieblog die Frage der Steigerbarkeit von tot aufgegriffen. Interessierte finden dort unter anderem noch andere, ältere Fundstellen von gesteigerten Formen dieses Adjektivs. Der Lexikographieblog zeigt weiter, dass wir uns bei Canoonet ernsthaft überlegen müssen, ob neben toter und toteste nicht auch die umgelauteten Formen töter und töteste bei den Flexionsformen aufgenommen werden sollten (wie bei rot, roter/röter, roteste/röteste). Mehr dazu im Lexikographieblog.

    Ich bedanke mich bei Michael Mann auch für zwei Fundstellen, die mir gar nicht aufgefallen waren, obwohl ich dort natürlich besonders genau hätte hinsehen müssen: Duden, Das große Wörterbuch der deutschen Sprache (meine Ausgabe ist von 1999) führt beim Stichwort tot diese beiden Zitate auf:

    Es gibt nichts was toter sein könnte als ein toter Filmschauspieler (Spiegel 14, 1978, 108)

    Die Ergänzungsabgabe ist tot, töter geht es nicht (Welt 19. 8. 81, 1)

    Auch Duden trägt also mit derartigen Zitaten zur Verschmutzung der deutschen Sprache durch Sprachmüll bei …

    Ganz anderer Art sind Steigerungsformen wie bestbezahlteste. Hier stellt sich nämlich nicht die Frage, ob gutbezahlt gesteigert werden kann (das ist zweifellos möglich), sondern nur, ob die Steigerungsform richtig gebildet ist. Das ist auch meiner Meinung nach nicht der Fall. Siehe hier. Ich würde aber bestbezahlteste trotzdem einfach als Fehler oder als schlecht formuliert bezeichnen und nicht die wenig subtile Qualifikation Sprachmüll dafür verwenden.

  5. Blogspektrogramm 50/2012 – Sprachlog schreibt:

    Dezember 16, 2012 um 12:46

    […] Gedanken treiben DR. BOPP und davon angesteckt auch Michael Mann im LEXIKOGRAPHIEBLOG um: kann jemand toter als tot sein? […]

  6. foster schreibt:

    Dezember 16, 2012 um 21:42

    Man könnte etwas erbsenzählerisch argumentieren, dass „Komparativ“ ja vom lat. Wort für „vergleichen“ kommt. Er ist also genau genommen die Vergleichsform, nicht (zwingend) die Steigerungsform.

    Das führt dann bei den absoluten Adjektiven u.U. dazu, dass der Komparativ sozusagen abgeschwächter ist als der Positiv. Wenn ich mich bspw. bemühe, eine „optimalere“ Problemlösung zu finden als beim letzten mal, dann eine, die näher an der „optimalen“ ist. Der Positiv hat dann also Eigenschaften, die bei nicht-absoluten Adjektiven der Superlativ hat. Mit Letzterem („am optimalsten“) hab ich dann allerdings – rein vom Sprachgefühl her – bei absoluten Adjektive so meine Schwierigkeiten.