Wie aufgebläht ist vorprogrammiert?

Kein neues Thema, aber nun hat es auch „Dr. Bopp“ erreicht: vorprogrammieren.

Frage

Ist das Wort „vorprogrammieren“ eigentlich korrekt? Die Vorsilbe „pro“ bedeutet ja schon „vor“. Oder gibt es einen semantischen Unterschied zwischen „programmieren“ und „vorprogrammieren“?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

programmiert wird immer vorher. Ein Programm gibt ja an, wie etwas verlaufen soll. So gesehen ist es also überflüssig, noch ein vor- vor das Verb zu stellen. Es gab und gibt dann auch verschiedene „Sprachpfleger“ und Stilbücher, die vorprogrammieren unter anderem als „überflüssiges Blähwort“ verdammen. Wenn vorprogrammieren die Bedeutung (den Ablauf) in einem Programm festlegen hat, sollte man tatsächlich auch einfach programmieren verwenden. Dennoch weiß sich vorprogrammieren im deutschen Wortschatz zu behaupten, und dies meiner Meinung nach ganz zu Recht.

Mit vorprogrammiert ist oft gemeint, dass etwas einer Sache innewohnt, dass es unausweichlich ist:

Damit ist ein Streit zwischen den beiden schon vorprogrammiert.
Das Fehlen eines Parkkonzepts programmiert ein Parkplatzproblem bereits vor.

Bei dieser Verwendung von vorprogrammieren verdeutlicht vor-, dass im Unterschied zu programmieren nicht eine bewusste, gewollte Handlung gemeint ist.

Mit vorprogrammieren kann auch unterstrichen werden, dass etwas programmiert wird, bevor man selbst dazu kommt, es zu programmieren:

Die Bildeinstellung wurde vom Hersteller vorprogrammiert.
Sein ganzes Leben war vorprogrammiert.

Das vor- ist also mehr als nur eine Verdopplung. Es fügt weitere Bedeutungselemente hinzu. Diese Art der Verdopplung ist bei Verben keinswegs ungebräuchlich. Im Deutschen haben wir nämlich die Neigung, mit Vorsilben nachdrücklich anzugeben, was gemeint ist – manchmal sogar ohne hinzukommende Bedeutungselemente. Ein paar Beispiele:

vom Tisch herunterfallen
aus dem Fenster hinausblicken
den Drachen im Wind aufsteigen lassen
Mehl in Säcke einfüllen
alte Möbel aufpimpen (pimpen heißt schon aufmotzen)
im nachfolgenden Text
mit aufgeblähten Segeln
ohne Vorankündigung

Ganz allein steht das Wort vorprogrammieren mit seiner „Verdopplung“ also nicht im deutschen Wortschatz – und bei Weitem nicht all diese „Verdopplungen“ sind einfach nur aufgebläht.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

8 Kommentare

  1. Antonius Reyntjes schreibt:

    Januar 9, 2013 um 16:45

    „(…)ohne Vorankündigung“.

    Ja, schöne Beispiel für die Bedeutungserweiterungen durch Vorsilben, nicht nur durch Adjektive und Adverbien!

    Egon Friedell in seiner „Kulturgeschichte des Abenlandes“ (ein Zufallslesefund von gestern Abend):
    „Die Priesterschaft von Delphoi, die nicht immer sehr patriotisch, aber fast immer sehr weise und vorausblickend dachte, ( …)“ – Wie weitblickend, mit dem Auge oder den Augen auf die Ferne aus-gerichtet:
    Man kann im Deutschen voraus-blickend denken.

  2. Julian von Heyl schreibt:

    Januar 9, 2013 um 20:53

    Zu den diesbezüglichen Klassikern zählt auch „aufoktroyieren“, welches die Grundform „oktroyieren“ (= aufzwingen) schon weitgehend verdrängt hat.

  3. Thomas schreibt:

    Januar 12, 2013 um 20:45

    Zu nennen wären auch „bestimmt“ vs. „vorbestimmt“ und „prädestiniert“. Alles konventionelle Wörter, die dem Wortursprung nach doppeltgemoppelt sind. Würden die „vorprogrammiert“-Kritiker auch die letzten beiden als Blähwort bezeichnen?!

  4. Kristin schreibt:

    Januar 17, 2013 um 12:05

    Aber gibt es vorprogrammieren als Verb in der Bedeutung ‚einer Sache unausweichlich innewohnen‘ überhaupt? Vielleicht stehe ich grade total auf dem Schlauch, aber mir fällt nur das Partizip II vorprogrammiert ein, und dann immer adjektivisch gebraucht. Kann mir semantisch auch irgendwie keine verbale Verwendung vorstellen.

  5. Dr. Bopp schreibt:

    Januar 17, 2013 um 15:34

    Gebräuchlich ist tatsächlich vor allem das Partizip vorprogrammiert. Im Artikel habe ich mich auf Angaben im Duden gestützt, der unter dem Stichwort vorprogrammieren das folgende Zitat anführt:

    große Fensterfronten programmieren hšöhere Heizkosten bereits vor;
    Duden – Deutsches Universalwöšrterbuch, 7. Aufl. Mannheim 2011 [CD-ROM]

    Im Internet habe ich bei einer völlig unsystematischen Suche in aller Eile diese Beispiele entdeckt:

    Die Vorschläge der Staatsregierung hierzu sind halbherzig und programmieren Streit und Kompetenzgerangel vor.
    Derart widersprüchliche Vorschriften programmieren Ärger vor und …

    Ich gebe zu, dass das eine eher magere Ausbeute ist. Doch auch wenn wir davon ausgehen, dass es im gennanten Sinne nur das Partizip II gibt: Die Einwände gegen vorprogrammiert und meine Argumentation für dieses Wort bleiben gleich.

  6. Fragen Sie Dr. Bopp! » In den Bus einsteigen – unsere Vorliebe für die Vorsilbe schreibt:

    Dezember 2, 2013 um 15:54

    […] Siehe auch einen ähnlichen Blogartikel zum […]

  7. Häufige Rechtschreibfehler: Was wir falsch schreiben - Sprachschach.de schreibt:

    April 17, 2014 um 12:51

    […] wirklich? Wer das mit ja beantwortet, sollte ab jetzt folgende Worte nicht mehr benutzen: vorprogrammieren, vorankündigen, nachfolgend, herunterfallen, hinausblicken, einfüllen, aufsteigen, aufpimpen, […]

  8. Eliane Peters schreibt:

    Oktober 22, 2014 um 18:09

    An Sprachschach.de

    (…)wirklich? Wer das mit ja beantwortet, sollte ab jetzt folgende W O R T E nicht mehr benutzen: Der Plural eines einzelnen Wortes lautet W Ö R T E R, wie Wörterbuch.
    Im Unterschied zu Worten von Goethe, bei denen ein Zusammenhang besteht.