Archiv für März, 2013

Es wird das Platzhalter-es nicht immer verwendet

Frage

In der Süddeutschen Zeitung las ich den Satz „Es ist diese Sendung erst einmal nichts Besonderes“. Beim Lesen stockte ich; mir kam der Satz falsch vor. Allerdings weiß ich nicht genau, warum das so ist, denn „es“ kann ja durchaus als Platzhalter im Vorfeld stehen, beispielsweise bei „Es steht ein Schrank im Gang“, was ich bei Canoo nachlesen konnte. Haben Sie vielleicht eine Erklärung dafür, warum mir der Satz trotzdem ungrammatisch vorkommt?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

der Satz, den Sie zitieren, ist nicht grundsätzlich falsch. Im Prinzip ist die Formulierung mit einem Platzhalter-es fast immer möglich. Sie ist aber nicht immer gleichermaßen üblich. Ich konnte leider „auf die Schnelle“ keine fundierten Untersuchungen dazu finden oder gar selbst durchführen. Folgendes scheint der Fall zu sein:

Die Formulierung mit einen Platzhalter-es ist im heutigen Deutschen dann üblich, wenn eine Aussage über etwas Unbestimmtes gemacht wird (unbestimmt im Sinne von nicht vorher erwähnt, nicht bereits bekannt; oft an der Verwendung des unbestimmten Artikels oder des Nullartikels erkennbar). Die folgenden Beispiele sind ganz normale Sätze:

Es steht ein großer Schrank im Gang.
Es spielen Kinder im Garten.
Es wartet jemand auf Sie.
Es wurde eifrig getanzt.
Es wurde eine besondere Sendung ausgestrahlt.

Wenn aber eine Aussage über etwas Bestimmtes (vorher Erwähntes oder als bekannt Vorausgesetztes) gemacht wird, wirken Formulierungen mit einem Platzhalter-es ziemlich veraltet oder sehr poetisch:

Es steht der große Schrank im Gang.
Es spielen die Kinder im Garten.
Es wartet Ihre Tochter auf Sie.
Es tanzten die Gäste eifrig.
Es ist diese Sendung erst einmal nichts Besonderes.

Der Satz in der Süddeutschen Zeitung verstößt gegen diese „Regel“. Es wird eine Aussage über etwas Bestimmtes, im Kontext vorher Erwähntes gemacht, nämlich diese Sendung. Deshalb wirkt die Aussage ungewöhnlich und gestelzt oder veraltet. (Es ist möglich, dass der Autor oder die Autorin die Formulierung bewusst so gewählt und z. B. humoristisch oder ironisch gemeint hat.)

Es hat also mit Unbestimmtheit und Bestimmtheit zu tun, dass der erste der beiden folgenden Sätze im heutigen Deutschen natürlicher klingt als der zweite:

Es werden Ostereier im Garten versteckt.
Es werden die Ostereier aber im Schnee nicht mehr gefunden.

Die Form des zweiten Satzes ist nicht mehr aktuell. Möge sein Inhalt nicht aktuell werden!

Frohe Ostern!

Dr. Bopp

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Nicht zu haben eingeladen werden können?

Es gibt Fragen, die fast nur von Deutschlernenden gestellt werden, die Tabellen mögen und gerne systematisch vorgehen. Weniger systematisch vorgehenden Lernenden fällt das Problem nicht auf und die meisten Muttersprachigen wissen gar nicht, dass es diese Frage überhaupt geben könnte (außer wenn sie gerne mit möglichst vielen Verbformen jonglieren). Ich hatte sie mir jedenfalls bis jetzt noch nie gestellt.

Frage

Nehmen wir diesen Satz:

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen wird.

Er kann auch so geschrieben werden:

Peter bedauert es, nicht eingeladen zu werden.

Wie ist es bei diesem Satz:

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen werden konnte.

Kann ich hier auch „zu“ statt „dass“ verwenden?

Antwort

Guten Tag A.,

nach bedauern kann tatsächlich sowohl ein dass-Satz als auch eine Infinitivkonstruktion mit zu stehen. Die Infinitivkonstruktion kann dann stehen, wenn das Subjekt im dass-Satz mit dem Subjekt des Hauptsatzes identisch ist. Das geht aber – wie ich dank Ihrer Frage feststellen konnte – nicht ganz immer:

Peter bedauert es, dass er (= Peter) nicht eingeladen wird.
→ Peter bedauert es, nicht eingeladen zu werden.

Wenn der Nebensatz vorzeitig ist (Präteritum o. Perfekt):

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen wurde.
Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen worden ist.
→ Peter bedauert es, nicht eingeladen worden zu sein.

Auch mit einem Modalverb funktioniert das gut (Peter kann nicht eingeladen werden, weil er kein Clubmitglied ist):

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen werden kann.
→ Peter bedauert es, nicht eingeladen werden zu können.

Wenn wir aber die Vorzeitigkeit mit einem Modalverb kombinieren, wird es schwierig:

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen werden konnte.
Peter bedauert es, dass er nicht hat eingeladen werden können.

Die entsprechende Infinitivkonstruktion müsste wohl so aussehen:

→ (?) Peter bedauert es, nicht zu haben eingeladen werden können.
→ (??) Peter bedauert es, nicht eingeladen werden können zu haben.

Niemand verwendet aber Infinitivkonstruktionen wie diese. Sie sind rein theoretisch vielleicht möglich, werden aber nicht so realisiert. Während bei finiten (konjugierten) Verbgruppen Anhäufungen von Verbformen wie hat eingeladen werden können mit etwas Konzentration gerade noch zu meistern sind, wird uns dies bei Infinitivkonstruktionen offenbar doch etwas zu kompliziert. Nicht alles, was bei einer systematischen Betrachtungsweise theoretisch möglich sein müsste, ist es auch in der Praxis.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Top Drei, Top drei, top drei oder Topdrei?

Frage

Wie schreibt man „top drei“?  Zum Beispiel: „Unser Unternehmen zählt zu den top drei im Bereich X.“

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

die eindeutige Antwort muss ich Ihnen auch hier wieder einmal schuldig bleiben. Keine „offizielle“ Stelle macht Angaben hierzu. Aus den geltenden Regeln würde ich die folgende Schreibweise ableiten:

Unser Unternehmen zählt zu den top drei im Bereich X.

Ich sehe hier top als unveränderliches Adjektiv, das es auch in Top Ten sein muss. Die Wörterliste der amtlichen Rechtschreibregelung verweist nämlich beim Eintrag Top Ten auf § 37 E4, wo „aus dem Englischen stammende Bildungen aus Adjektiv + Substantiv“ behandelt werden. Dass es ein solches Adjektiv zumindest umgangssprachlich gibt, zeigen Äußerungen wie „Das ist top!“, „Das hast du top gemacht!“.

Ich schreibe deshalb top klein. Die Zahl drei wird ebenfalls kleingeschrieben:

zählt zu den top drei im Bereich X

genau so wie:

zählt zu den besten/bekanntesten/obersten drei im Bereich X

Es gibt allerdings ein kleines Problem: Beinahe niemand schreibt top drei so.

Eine weitere Variante ist:

zählt zu den Topdrei im Bereich X

Da im Ausdruck Top Ten die Kardinalzahl Ten orthografisch als Substantiv behandelt und großgeschrieben wird, können wir dies ausnahmsweise auch mit der deutschen Zahl tun. Verbindungen von Top- und einem deutschen Substantiv werden aber anders als bei Verbindungen aus dem Englischen zusammengeschrieben:

Topdrei  (wie z. B . Topform, Topmodell)

Neben einem kleineren Problem bei der Wortbetonung bleibt das Hauptproblem dasselbe wie oben: Fast niemand schreibt es so.

Am häufigsten kommen Top Drei und Top drei vor. Für keine der beiden Schreibungen kann ich eine regelkonforme Erklärung finden. Das Wort Top steht im Singular, der Artikel aber im Plural. Nicht Top, sondern drei muss also der Kern der Wortgruppe sein. Das macht es schwierig die Großschreibung Top in Kombination mit der Getrenntschreibung zu rechtfertigen. Diese Schreibvarianten orientieren sich mehr oder weniger direkt an der Schreibung des englischen Ausdrucks Top Ten. Das ist sonst nicht üblich. Vielleicht etabliert sich hier ja eine neue Ausnahme.

Schreiben Sie so, wie Sie es für richtig halten – nach der Schreibweise in Ihrer Frage zu Urteilen ist dies top drei – und rechnen Sie mit Kommentaren. Wenn Sie kommentarlos „davonkommen“ wollen oder müssen, ist Top Drei zu erwägen. Es stimmt zwar (vorläufig?) nicht ganz, aber fast niemand merkt’s. Und die besten drei geht natürlich auch immer.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wann genau ist nächsten Freitag?

Wenn ich am Dienstag sage, dass ich Sie am nächsten Freitag besuchen möchte, und Sie geneigt sind, mich zu empfangen, erwarten Sie mich dann in drei Tagen oder in zehn Tagen? Das ist eine Frage, die die deutsche Sprachgemeinschaft spaltet. Quer durch Regionen, Gesellschaftsgruppen, ja sogar Familien verläuft die Scheidungslinie. Fragen Sie doch probehalber einmal ein paar Leute in Ihrer Umgebung. Auch Herr J. und seine Frau sind sich nicht darüber einig. Klarheit schaffen kann übrigens auch ich nicht.

Frage

Ich bin eigentlich auf der Suche nach der Bedeutung von „nächsten Freitag“. […] Ist die Bedeutung „nächster Freitag“ eine allgemein übliche Redewendung in der deutschen Sprache für einen Tag in der nächsten Woche, oder kann er noch in dieser Woche stattfinden?
Wenn man im Netz sucht, dann sind die Meinungen recht gespalten. […]

Antwort

Sehr geehrter Herr J.,

Ihr Eindruck täuscht Sie nicht: Die deutsche Sprachgemeinschaft ist sich nicht darüber einig, was genau mit nächsten Freitag gemeint ist. Die einen meinen den erstkommenden Freitag, die anderen den Freitag der erstkommenden Woche. Das ist am Freitag und am Samstag kein Problem, denn dann sind der erstkommende Freitag und der Freitag der erstkommenden Woche ein und derselbe Tag. Am Sonntag wird es schon schwieriger, weil nicht allen immer klar ist, zu welcher Woche er eigentlich gehört, zur vorhergehenden oder zur kommenden.

Doch wer hat nun an einem Dienstag recht? Dauert es nur drei Tage oder volle zehn Tag bis zum nächsten Freitag? Obwohl schon viele Diskussionen und Debatten darüber geführt wurden – oder vielleicht gerade deshalb – kann diese Frage meiner Meinung nach nicht entschieden werden. Beide Interpretationen sind gebräuchlich und beide sind mehr oder weniger gleich „logisch“ (vgl. auch hier). Die einen nennen nun einmal diesen Freitag und nächsten Freitag, was die anderen als nächsten Freitag und übernächsten Freitag bezeichnen.

Eine Angabe wie nächsten Freitag kann also schnell einmal zu Missverständnissen führen. Wenn es wirklich wichtig ist, fragen Sie am besten sicherheitshalber nach, ob Ihr Gegenüber zur gleichen Gruppe „Nächsten-Freitag-Sager und -Sagerinnen“ gehört wie Sie. Sie können auch auf Formulierungen wie kommenden Freitag und nächste Woche Freitag ausweichen, die viel weniger missverständlich sind. Und wenn Sie der Sache einmal gar nicht trauen, gibt es immer noch die Angabe des Datums. Man kann glücklicherweise wenigstens davon ausgehen, dass ohne anderslautende Angaben alle immer das Datum nach dem gregorianischen Kalender meinen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das Geschlecht des/der Velosolex

Frage

Welches grammatikalische Geschlecht hat / soll haben: Velosolex (der oder das)? Ist noch nicht bei Ihnen erfasst.

Antwort

Sehr geehrter Herr R.,

das Wort Velosolex ist ein Markenname, der wie viele andere Markennamen nicht in unserem Wörterbuch steht. Es hat kein gefestigtes Geschlecht. In der Schweiz ist vor allem das Velosolex (= das Velo der Firma Solex) üblich. In Deutschland ist Velosolex wie die meisten motorisierten Zweiräder oft weiblich: die Velosolex. Meine spontane Antwort als Zürichdeutschsprecher wäre aber der Velosolex gewesen. Meine Großmutter hatte nämlich ein solches Gefährt und das war immer de Velosolex, nie s Velosolex. (Eigentlich nahm sie ja immer die Kurzform de Solex.)

Zusammengefasst kann ich Ihnen Folgendes empfehlen: Im schweizerischen Hochdeutsch verwenden Sie am besten das Velosolex. In Deutschland ist daneben auch die Velosolex üblich. Zur „Velosolexlage“ in Österreich ist mir leider nichts bekannt. Und im Dialekt behalten wir natürlich einfach das dort übliche Geschlecht bei.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Warum das Konklave nicht weiblich ist

Nein, es geht nicht um die Frage, warum derzeit in Vatikanstadt lauter Männer darüber entscheiden, wer von ihnen der neue „oberste Brückenbauer“ wird. Das wäre sicher ein, zwei (oder mehr!) Worte wert, aber nicht an dieser Stelle. Hier geht es nur um das grammatische Geschlecht des Wortes Konklave.

Frage

Im wetterbedingten Verkehrsstau stehend, habe ich verschiedene Radioberichte zur bevorstehenden Papstwahl gehört. Dabei irritierte mich, dass sämtliche Moderatoren dem Wort „Konklave“ einen sächlichen Artikel zugeordnet haben, also „das Konklave“. Meinem spontanen Sprachempfinden nach hätte ich aber „die Konklave“ benutzt […] Gibt es eine Regel, welches Geschlecht solche Wörter mit lateinischem Ursprung haben? Oder ist meine Irritation da völlig unbegründet?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

nicht nur in den Radioberichten, sondern auch in den Wörterbücher ist Konklave ein sächliches Wort: das Konklave.

Es gibt Endungen, aus denen sich das Genus eines Wortes ableiten lässt. So sind zum Beispiel Fremdwörter auf age, tion, ität weiblich, auf ismus, or männlich und auf um, ment sächlich. Mehr zum Thema Vorhersagbarkeit des Genus anhand von Wortausgängen finden Sie hier.

Es gibt aber keine Regel, welches Genus Wörter der Form –ave haben. Die Mehrzahl ist weiblich (zum Beispiel Agave, Enklave, Kassave, Oktave). Auch viele andere auf e endende Fremdwörter sind weiblich (Sonate, Konstante, Neurose, Konfitüre u. v. a. m.). Ihre Irritation ist also nicht völlig unbegründet. Es gibt aber auch der Sklave, der Soave und eben das Konklave, alle mit einer eigenen Geschichte, die das Genus „erklärt“.

Das Wort Konklave ist deshalb sächlich, weil es zuerst eine Bezeichnung für ein abschließbares Gemach, Zimmer ist (lat. cum clave = mit dem Schlüssel). Es heißt das Konklave wie das Gemach/Zimmer. Danach bezeichnet Konklave auch eine Versammlung, die in einem solchen Gemach stattfindet. Die Versammlung ist also nach dem Versammlungsort benannt. Bei der Sixtinischen Kapelle, in der das Konklave heute stattfindet, von einem Gemach oder gar einem Zimmer zu sprechen, wäre natürlich eine grobe Untertreibung, aber das Wort Konklave hat sich nun einmal als sächliches Wort im Deutschen etabliert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Was tut das Verb, wenn Neuschnee gemessen wird?

Neuschnee?! Milde Temperaturen ließen hier in den letzten Tagen auf den Frühlingsanfang hoffen, auch wenn die Narzissen sich noch gewaltig zieren und die Amseln ihre Stimme noch für das echte Frühlingskonzert schonen. Das tun sie nicht zu Unrecht: Heute Morgen war wieder alles weiß: fünf Zentimeter Neuschnee. Die folgende Frage passt dazu (auch wenn es hier zum Glück keine 20 cm sind):

Frage

Wie heißt es richtig: Es fiel / fielen 20 cm Neuschnee.

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

beide Formulierungen kommen vor:

Es fielen 20 cm Neuschnee.
Es fiel 20 cm Neuschnee.

Das es spielt dabei keine Rolle. Es ist nur ein Platzhalter, damit die Stelle vor dem Verb nicht leer bleibt. Es hat keinen Einfluss auf die Form des Verbs. Ohne es:

Heute fielen 20 cm Neuschnee.
Heute fiel 20 cm Neuschnee.

Das Subjekt ist hier eine Mengenangabe im Plural (20 cm) mit etwas Gemessenem im Singular (Neuschnee). Bei solchen Angaben hat das Verb zwei Möglichkeiten.

Es kann sich nach der Mengenangabe richten und im Plural stehen:

Es fielen 20 cm Neuschnee.
500 g Fleisch sind genug.
2 ml Impfstoff wurden gespritzt.

Dies ist die häufiger vorkommende Variante, die auch vor den strengsten Grammatikern Gnade findet.

Das Verb kann sich aber auch sinngemäß nach dem Gemessenen richten und im Singular stehen:

Es fiel 20 cm Neuschnee.
500 g Fleisch ist genug.
2 ml Impfstoff wurde gespritzt.

Die folgenden Beispiele sollen zeigen, dass auch der Singular nicht gänzlich abwegig ist:

Es fiel wenig / viel / 20 cm Neuschnee.
So viel / weniger / 500 g Fleisch ist genug.
Wie viel / aller / 2 ml Impfstoff wurde gespritzt.

Die Einzahl kommt nach den Angaben der Grammatiken aber weniger häufig vor und gilt bei den strengeren unter ihnen als nicht standardsprachlich oder sogar falsch. So weit würde ich nicht gehen, aber wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen, schreiben Sie also:

Es fielen 20 cm Neuschnee.

In dieser Zeit des Jahres wäre ich allerdings froh, wenn gar kein Neuschnee mehr fiele. Bei „Es fiel kein Neuschnee“ gibt es auch keine Unsicherheiten beim Numerus des Verbs!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Vgl. die Angaben in der Canoonet-Grammatik.

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Schwere und schwierige Aufgaben

Frage

Die deutsche Grammatik ist in gedruckter Form sicherlich recht SCHWER. Für manch einen ist sie auch SCHWIERIG. Wenn mir die Grammatik mal wieder Rätsel aufgibt, stehe ich dann vor einem SCHWEREN oder vor einem SCHWIERIGEN Problem? Das vor mir liegende Sudoku wird übrigens mit dem Schwierigkeitsgrad „schwer“ eingestuft. Ich find’s irgendwie schwierig.

Antwort

Sehr geehrte Frau Z.,

sie stehen vor einem schweren oder vor einem schwierigen Problem. Beides ist möglich. Das Wort schwer hat unter anderem die Bedeutung mit Schwierigkeiten verbunden, nicht leicht zu bewältigen. Es gibt vielleicht einen leichten Bedeutungsunterschied zwischen schwierig und schwer:

  • eine schwierige Aufgabe = eine komplexe, ein hohes Maß an Fähigkeit(en) verlangende Aufgabe
  • eine schwere Aufgabe = eine große Mühe bereitende Aufgabe

Diese Bedeutungen werden aber nicht streng voneinander getrennt  – nur schon deshalb, weil nur Genies und in Einzelbereichen auch gute Fachleute eine komplexe Aufgabe, die ein hohes Maß an Fähigkeiten verlangt, ohne allzu große Mühe bewältigen – und auch denen gelingt es nicht immer. Es ist deshalb oft nur eine Frage des persönlichen Stils, ob Deutsch schwer oder schwierig ist, ob man eine schwere oder eine schwierige Aufgabe vor sich hat und ob dies ein schweres oder ein schwieriges Problem ist. Nun ja, beim Problem finde ich es stilistisch eigentlich besser, von einem großen Problem zu reden.

Ganz ähnlich sieht es übrigens auch bei leicht und einfach aus. Eine Aufgabe, die keine Mühe kostet, kann sowohl leicht als auch einfach genannt werden. Deshalb können Sudokus als leicht-mittel-schwer oder einfach–mittel­–schwierig, aber auch als leicht–mittel–schwierig oder einfach–mittel–schwer eingestuft werden.

Dies alles gilt nur dann, wenn es um die Bedeutung viel/wenig Fähigkeiten erfordernd, mit viel/wenig Schwierigkeiten verbunden geht. Wenn es z. B. um das physische Gewicht geht, passen nur schwer und leicht, nicht aber schwierig und einfach. Das Folgende gilt allerdings „trotzdem“: Wer sich des Körpergewichts wegen auf Diät gesetzt hat, weiß, dass es einfach ist, schwerer zu werden, aber um einiges schwieriger, wieder leichter zu werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (1)

Crowdfunding

Seit gestern ist der Anglizismus des Jahres 2102 bekannt:

Wörterwolke: www.anglizismusdesjahres.de

Die Bekanntgabe des Gewinners finden Sie hier, eine Besprechung des Wortes hier.

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Wann, wenn und wann immer

Frage

Welche Varianten sind korrekt? Gibt es Bedeutungsunterschiede?

1) Damit Sie Ihre Abfälle dann vorbeibringen können, wenn es Ihnen am besten passt.
2) … wann es Ihnen am besten passt.

a) Wann immer Sie ein Abenteuer anpacken, denken Sie daran: …
b) Wenn immer Sie ein Abenteuer anpacken, denken Sie daran: …

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

richtig sind die folgenden beiden Formulierungen:

1) Damit Sie Ihre Abfälle dann vorbeibringen können, wenn es Ihnen am besten passt.
a) Wann immer Sie ein Abenteuer anpacken, denken Sie daran …

Die Wörter wann und wenn haben nicht die gleiche Funktion: Mit dem Fragewort wann wird eine (direkte oder indirekte) Ergänzungsfrage eingeleitet. Es wird nach einem Zeitpunkt gefragt (vgl. hier und hier):

Wann passt es Ihnen am besten?
Geben Sie bitte an, wann es Ihnen am besten passt.

Mit der Konjunktion wenn wird ein Temporalsatz eingeleitet. Es wird ein Zeitpunkt angegeben (vgl. u. a. hier)

Ich komme, wenn es mir am besten passt.
Sie können dann kommen, wenn es Ihnen am besten passt.

Also:

Frage: Wann kommst du?
Zeitangabe: Ich komme (dann), wenn

Die Verwendung von wann als Einleitewort eines Temporalsatzes kam früher übrigens häufiger vor:

Wann die Morgenlüfte blasen,
ist verweht der Elfen Spur.
Wo sie tanzten auf dem Rasen,
bleibt ein fahler Kringel nur.
[aus Die Königskerze von Friedrich Rückert, 1788-1866]

Sie gilt im heutigen Deutschen aber nicht mehr als standardsprachlich.

So weit, so gut. Das erklärt aber noch nicht die Verwendung von wann im obenstehenden Satz a).

Die Kombination von einem Fragewort und immer (und/oder auch) leitet keinen Fragesatz ein. Sie hat eine verallgemeinernde Bedeutung. Zum Beispiel:

Wer immer dafür verantwortlich ist, wird …
Du gibst das Geld zurück, von wem immer du es bekommen hast!
Ich glaube dir nicht, was du auch sagst.
Wo immer die beiden auch stecken mögen, ich werde sie finden.
Wie auch immer ihr es tut, Hauptsache ist, dass es rechtzeitig fertig ist.
Wir werden Sie unterstützen, wofür auch immer Sie sich entscheiden.

Wenn mit einer solchen Konstruktion ein unbestimmter Zeitpunkt angegeben wird, steht entsprechend das Fragewort wann, obwohl es sich nicht um eine Frage handelt:

Wann immer Sie ein Abenteuer anpacken, denken Sie daran …
Du kannst kommen, wann immer du willst.

Für manche Dialektsprecher und -sprecherinen ist diese Unterscheidung zwischen wann und wenn in der Standardsprache hin und wieder etwas schwieriger, weil es diesen Unterschied in einigen Dialekten und Regionalsprachen gar nicht gibt. Zumindest in meinem Dialekt heißt es immer wänn.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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