Warum das Konklave nicht weiblich ist

Nein, es geht nicht um die Frage, warum derzeit in Vatikanstadt lauter Männer darüber entscheiden, wer von ihnen der neue „oberste Brückenbauer“ wird. Das wäre sicher ein, zwei (oder mehr!) Worte wert, aber nicht an dieser Stelle. Hier geht es nur um das grammatische Geschlecht des Wortes Konklave.

Frage

Im wetterbedingten Verkehrsstau stehend, habe ich verschiedene Radioberichte zur bevorstehenden Papstwahl gehört. Dabei irritierte mich, dass sämtliche Moderatoren dem Wort „Konklave“ einen sächlichen Artikel zugeordnet haben, also „das Konklave“. Meinem spontanen Sprachempfinden nach hätte ich aber „die Konklave“ benutzt […] Gibt es eine Regel, welches Geschlecht solche Wörter mit lateinischem Ursprung haben? Oder ist meine Irritation da völlig unbegründet?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

nicht nur in den Radioberichten, sondern auch in den Wörterbücher ist Konklave ein sächliches Wort: das Konklave.

Es gibt Endungen, aus denen sich das Genus eines Wortes ableiten lässt. So sind zum Beispiel Fremdwörter auf age, tion, ität weiblich, auf ismus, or männlich und auf um, ment sächlich. Mehr zum Thema Vorhersagbarkeit des Genus anhand von Wortausgängen finden Sie hier.

Es gibt aber keine Regel, welches Genus Wörter der Form –ave haben. Die Mehrzahl ist weiblich (zum Beispiel Agave, Enklave, Kassave, Oktave). Auch viele andere auf e endende Fremdwörter sind weiblich (Sonate, Konstante, Neurose, Konfitüre u. v. a. m.). Ihre Irritation ist also nicht völlig unbegründet. Es gibt aber auch der Sklave, der Soave und eben das Konklave, alle mit einer eigenen Geschichte, die das Genus „erklärt“.

Das Wort Konklave ist deshalb sächlich, weil es zuerst eine Bezeichnung für ein abschließbares Gemach, Zimmer ist (lat. cum clave = mit dem Schlüssel). Es heißt das Konklave wie das Gemach/Zimmer. Danach bezeichnet Konklave auch eine Versammlung, die in einem solchen Gemach stattfindet. Die Versammlung ist also nach dem Versammlungsort benannt. Bei der Sixtinischen Kapelle, in der das Konklave heute stattfindet, von einem Gemach oder gar einem Zimmer zu sprechen, wäre natürlich eine grobe Untertreibung, aber das Wort Konklave hat sich nun einmal als sächliches Wort im Deutschen etabliert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

18 Kommentare

  1. Dominik schreibt:

    März 13, 2013 um 19:54

    Konklave ist aber vom Lateinischen cum clave abgeleitet, was ‚mit Schluessel‘ heisst.
    Clavis (Schluessel) ist aber feminin also sollte es Die Konklave heissen.

  2. Dr. Bopp schreibt:

    März 13, 2013 um 22:05

    Das lateinische Wort clavis ist tatsächlich weiblich. Das Wort conclave war aber im Lateinischen schon ein Neutrum. Das liegt daran, dass clave nicht der eigentliche Wortkern ist. Conclave geht wohl auf cubiculum (nt.) cum clave (Zimmer mit Schlüssel, also abschließbares Zimmer) zurück. Auch wenn man auf das lateinische Genus zurückgreift, muss es also das Konklave heißen.

  3. Oliver schreibt:

    März 17, 2013 um 13:18

    Warum heißt es dann aber „Die Enklave“ und „Die Exklave“? Kommt doch auch beides vom Schlüssel.

  4. Thomas R. schreibt:

    März 17, 2013 um 13:39

    Obwohl mir jede Expertise fehlt, an sprachwissenschaftlichen Diskussionen teilzunehmen, möchte ich doch darauf hinweisen, dass das Wort „Konklave“ in der fiktionalen Literatur, in Filmen und Computerspielen recht weit verbreitet ist und dort nach meinem Empfinden geradezu ausschließlich als „die Konklave“ verwendet wird.

    Hier könnte ein Fall vorliegen, wo der „alltägliche“ Sprachgebrauch sich über die Jahrtausende verändert hat.

  5. Blanca schreibt:

    März 17, 2013 um 17:12

    Auf der Internetseite belleslettres.eu, die ich übrigens großartig finde, gibt es einen Artikel mit der Überschrift „Der, die oder das Konklave?“

    Ich zitiere: Das Neutrum „das Konklave“ ist ungrammatisch und gründet allein auf dem Irrtum, es würde sich um ein lateinisches Wort handeln, dessen Originalgenus getreu dem Original zu übernehmen sei.

    Deutsch „Konklave“ wurde nicht aus dem Lateinischen, sondern aus dem Italienischen ins Deutsche entlehnt. Da es im Italienischen kein Neutrum gibt, sind alle Begründungen, „das Konklave“ habe das Genus aus der Ursprungssprache übernommen, hinfällig. Außerdem ist das Genus in der Ursprungssprache für das Genus im Deutschen grundsätzlich unerheblich.

    Fazit: die Konklave

    Meine Meinung: Der Artikel ist stellenweise schwer zu verstehen, enthält auch den einen oder anderen Rechtschreibfehler, aber die Argumentation ist dennoch ernst zu nehmen.

  6. Dr. Bopp schreibt:

    März 17, 2013 um 19:10

    Beim Geschlecht von Fremdwörtern spielen im Deutschen verschiedene, einander häufig widersprechende Prinzipien eine Rolle (vgl. hier). Drei dieser Prinzipien können in diesem Fall eine Rolle spielen:

    – „Analogieprinzip“: Angleichung an Wörter mit dem gleichen Wortausgang:

    Wie im Artikel gesagt wird, gibt es viele Fremdwörter auf -e, die weiblich sind, und die Mehrzahl der Wörter auf -ave ist weiblich, insbesondere natürlich Enklave und Exklave.
    => die Konklave

    – „Übersetzungsprinzip“: Übernehmen des Genus der deutschen Übersetzung:

    das Gemach, das Zimmer => das Konklave
    die geschlossene Versammlung => die Konklave

    – „Ursprungsprinzip“: Das Fremdwort hat das gleiche Geschlecht wie in der Ursprungssprache:

    So kommt das Wort Enklave aus dem Französischen, wo es weiblich ist. Es ist deshalb(?) auch im Deutschen weiblich. Die Exklave ist übrigens eine spätere Analogiebildung zu Enklave und entsprechend ebenfalls weiblich.

    Das Wort Konklave kommt aus dem Lateinischen, wo es sächlich ist.
    => das Konklave

    Der von Blanca zitierte Artikel von Belleslettres sagt, dass Konklave nicht aus dem Lateinischen, sonder aus dem Italienischen stammen müsse:

    Deutsch Kon­klave wurde nicht aus dem Latei­nischen, das um 1500 längst aus­gestor­ben oder zu den ro­mani­schen Spra­chen ge­wor­den war, son­dern aus dem Ita­lieni­schen ins Deut­sche ent­lehnt.

    Das stimmt nicht: Als Muttersprache ist Latein tatsächlich schon lange durch die romanischen Sprachen abgelöst worden. Latein war aber bis Anfang des 19. Jahrhunderts die Sprache der Wissenschaft und ist bis heute die Sprache der katholischen Kirche. So begrüßte Franziskus I. die Welt zwar mit dem italienischen buona sera, aber Benedikt XVI. hatte zuvor seinen Rücktritt in lateinischer Sprache bekanntgegeben. Konklave ist ein Wort, das eng mit der katholischen Kirche verbunden ist. Es gibt also keinen Grund, auszuschließen, dass es direkt aus dem Lateinischen stammt.

    Der Rest des „Beweises“ dafür, dass das Konklave „ungrammatisch“ sei, ist dann eigentlich irrelevant.

    Zusammengefasst: Es gibt für sowohl die Konklave als auch für das Konklave eine akzeptable Begründung. Im (gehobenen) standardsprachlichen Gebrauch und in den Wörterbüchern hat das „Ursprungsprinzip“ gewonnen (das Konklave). In der Alltagssprache kommt aber, wie Thomas R. richtig sagt, häufig auch die Konklave vor. Hier hat also das „Analogieprinzip“ die besseren Karten. Die Zeit wird zeigen, inwieweit sich das Analogieprinzip gegen das Ursprungsprinzip durchsetzen wird.

  7. Claudia Cardinalia schreibt:

    April 10, 2013 um 15:22

    Also für mich ist Konklave eindeutig männlich: Der Konklave. Bedauerlich nur, dass niemand, aber auch wirklich niemand auf mich hört. Außer die Italiener und die Spanier, aber dort gibt es praktisch kein sächliches „das“. Es sollte auch nicht KonKLAve, sonder KONklave betont werden. Im Gegensatz zu EnKLAve und ExKLAve.
    Nebenbei: Die Argumentation, wonach aus „das Gemach, das Zimmer => das Konklave“ sich ergibt, ist so schlüssig wie „die Eisenbahn => der Zug“.

  8. Blanca schreibt:

    April 10, 2013 um 16:56

    Im Spanischen und Italienischen ist Konklave männlich:

    el cónclave (Spanisch)
    il conclave (Italienisch)

    Sogar im Französischen:

    le conclave

  9. Dr. Bopp schreibt:

    April 10, 2013 um 22:49

    Ja, das Wort Konklave ist im Italienischen, Spanischen, Französischen und übrigens auch im Portugiesischen und Katalanischen männlich. Daraus zu schließen, dass es im Deutschen auch männlich sein muss, bedeutet, dass auch zum Beispiel Museum, Kolosseum, Drama und Problem männlich sein müssen. All diese Wörter sind in all diesen Sprachen ja auch männlich. Dennoch sind sie im Deutschen sächlich. Der Unterschied liegt darin, dass die genannten romanischen Sprachen kein sächliches Genus kennen und dass aus dem Lateinischen und Griechischen übernommene sächliche Substantive dort dann in der Regel männlich sind. Das sind sie im Deutschen aber nicht. Museum, Kolosseum, Drama und Problem sind sächlich, wie sie es auch im Lateinischen resp. Griechischen sind.

    Dass Konklave nicht aus dem Italienischen, sondern aus der Sprache der katholischen Kirche, dem Lateinischen, ins Deutsche übernommen worden ist, habe ich oben bereits gesagt. Im Lateinischen ist das Substantiv conclave sächlich. Als sächliches lateinisches Wort wird es in den oben genannten romanischen Sprachen männlich, es bleibt aber im Deutschen wie Museum und Drama sächlich.

    Da Konklave zuerst nicht Versammlung, Zusammenkunft, sondern Gemach, in dem die Versammlung stattfindet bezeichnet, gibt es keinen zwingenden Grund, es nach der übersetzten deutschen Entsprechung weiblich sein zu lassen. Es kann im Gegenteil wie Gemach, Zimmer sächlich bleiben (Übersetzungsprinzip; vgl. la star wie la stella gegenüber der Star wie der Stern).

    Es bleibt noch die Form auf –ave. Da andere Wörter auf –ave weiblich sind (Konklave, Exklave siehe oben), ist es für viele analog auch weiblich. Nach dem oben in einem Kommentar erwähnten Analogieprinzip wäre das ebenfalls richtig. Es ist aber so, dass im heutigen Standarddeutschen nach dem Ursprungs- und dem Übersetzungsprinzip (vorläufig noch?) nur die sächliche Form als richtig gilt.

    Zur Betonung: Im Deutschen werden neuere Bildungen von Personenbezeichnungen auf Kon- beton (Kónrektor, Kónautor), sonst trägt Kon- nicht den Hauptakzent (Konflíkt, konfórm, Konfráter, Kongréss, konkrét, Konséns, Konsérve usw.). So auch Konkláve.

  10. Blanca schreibt:

    April 11, 2013 um 12:10

    Es gibt im Spanischen zwar kein Substantiv mit dem neutralen Genus, aber den neutralen Artikel kennt diese wunderschöne Sprache dennoch.

    Das Neutrum „lo“ wird verwendet, um Adjektive, Partizipien, Possessivpronomen, Adverbien und Ordnungszahlen zu substantivieren.

    lo primero (das Erste)
    lo bueno (das Gute)
    lo bonito (das Schöne)
    lo tuyo (das Deine)
    cumplir lo prometido (das Versprochene/das Versprechen halten)

    Es gibt im Spanischen also – anders als im Französischen und Italienischen – drei Artikel: el, la und lo.

  11. Christian schreibt:

    Mai 1, 2013 um 21:41

    Vielleicht sind nicht immer alle grammatikalischen Fragen mit Logik lösbar. Ein Beispiel, das mir immer wieder ein kurzes Zögern bereitet:

    Der übliche Gebrauch des Wortes „Erkenntnis“ ist weiblich (die Erkenntnis) – warum auch immer. Ausgenommen, es handelt sich um eine Aussage unseres (österreichischen) Verfassungsgerichtshofes. Dann ist es nämlich ein Erkenntnis, und zwar sächlich, also „das Erkenntnis“. Was soll’s. Juristen haben eben ihre (sprachlichen) Besonderheiten.

    @ Blanca/Alexandria: Ach übrigens, sind Sie Juristin? Wollte nur mal so fragen, weil manche Ihrer Postings so klingen, als ob Leben und Tod von einer allgemein- und ewiggültigen Antwort irgendeiner sprachlichen Besonderheit abhängen.

  12. Dr. Bopp schreibt:

    Mai 4, 2013 um 10:53

    Das Problem mit der Logik und der Grammatik ist oft, dass auf ein bestimmtes Phänomen mehr als nur eine „Logik“ angewandt werden kann. Das Geschlecht von Konklave ist so ein Fall. Es gibt keine zwingende Logik, die bestimmt, dass hier das Ursprungssprinzip (das Konklave) stärker sein muss als das Analogieprinzip (die Konklave). Es ist bei einem lateinischen Bildungswort wie diesem nur wahrscheinlicher, dass das Ursprungsprinzip gewinnt. Bei zum Beispiel die Garage stört uns ja keineswegs, dass das Wort in der Ursprungssprache, dem Französischen, männlich ist (le garage).

  13. Blanca schreibt:

    Mai 9, 2013 um 19:55

    Wenn ich wie besessen nach der richtigen Antwort suche und mich an gefühlte hundert Stellen wende, dann fühlt es sich tatsächlich so an, als hingen Leben und Tod davon ab.
    Und was ist so schlimm daran, Christian? Ich sage es Ihnen: Nichts!
    Ihre Reaktion ist mir nicht fremd. Meistens höre ich Kommentare wie „Wenn man keine anderen Probleme hat.“. Nein, ich habe keine anderen Probleme – und dafür danke ich dem Herrn jeden Tag. Und solange das so ist, werde ich immer wieder auf der Suche nach dieser einen richtigen Anwort sein.

    Mit schönen Grüßen

    Blanca Alexandria D.

  14. Christian schreibt:

    Mai 10, 2013 um 21:42

    Liebe Bianca Alexandria,

    ich gebe es zu, ich wollte Sie mit meinem Kommentar aus der Reserve locken. Ich hatte geglaubt, dass Sie aus Wut und Ärger diesem Blog den Rücken kehren wollten.

    Mein jüngster Enkel sagt manchmal, wenn er sich sehr ärgert: „Opa, du bist nicht mehr mein Freund!“ Das trifft mich sehr, denn ich weiß darauf keine Antwort. Zum Glück ist das aber nicht im Wortsinne gemeint. Und unsere Freundschaft ist nach wie vor beidseitig und hält auch Meinungsverschiedenheiten locker aus.

    Ich bin weder Linguist, noch Lehrer, noch Philologe und schon gar nicht Journalist, sondern folge diesem Blog rein nur aus Interesse und Spaß an der Vielfalt von Sprache und Formulierung.

    Darum freue ich mich, dass Sie weiterhin dabei sind.

    Herzliche Grüße, Christian

  15. Blanca Alexandria schreibt:

    Mai 11, 2013 um 21:21

    Guten Tag, Christian!

    Vielen Dank für Ihre schönen Zeilen. Ich habe mich sehr darüber gefreut.

    Nein, ich würde diesem Blog niemals den Rücken kehren, denn er bedeutet mir sehr viel. Ich bin zurzeit mal wieder damit beschäftigt, die alten Blogeinträge zu studieren. In den letzten Jahren haben sich ja unglaublich viele angesammelt, und ich habe mir vorgenommen, jeden einzelnen durchzugehen. Und solange es diesen Blog gibt, werde ich ihn auch verfolgen. Nur zwei Dinge haben sich geändert: Ich stelle Herrn Dr. Bopp keine Fragen mehr und ich habe das Kommentieren der Blogeinträge eingestellt. Aber beides wird wohl kaum jemandem fehlen.

    Ich habe heute Folgendes gelesen:

    „Wer nie Deutsch gelernt hat, macht sich keinen Begriff, wie verwirrend diese Sprache ist. Es gibt ganz gewiss keine andere Sprache, die so unordentlich und systemlos daherkommt und dermaßen jedem Zugriff entschlüpft. Aufs Hilfloseste wird man in ihr hin und her geschwemmt, und wenn man glaubt, man habe endlich eine Regel zu fassen bekommen, die festen Boden zum Verschnaufen im tosenden Aufruhr der zehn Wortarten verspricht, blättert man um und liest: ‚Der Lernende merke sich die folgenden Ausnahmen.‘ Man überfliegt die Liste und stellt fest, dass es mehr Ausnahmen als Beispiel für diese Regel gibt. Also springt man abermals über Bord, um nach einem neuen Ararat zu suchen, und was man findet, ist neuer Treibsand.“

    Das hat Mark Twain über die „schreckliche deutsche Sprache“ geschrieben.

    Und das hier ist auch von ihm:

    „Es gibt zehn Wortarten, und alle machen Ärger. Ein durchschnittlicher Satz in einer deutschen Zeitung ist eine erhaben, eindrucksvolle Kuriosität; er nimmt ein Viertel einer Spalte ein; er enthält sämtliche zehn Wortarten – nicht in ordentlicher Reihenfolge, sondern durcheinander; er besteht hauptsächlich aus zusammengesetzten Wörtern, die der Verfasser an Ort und Stelle gebildet hat, sodass sie in keinem Wörterbuch zu finden sind – sechs oder sieben Wörter zu einem zusammengepackt, und zwar ohne Gelenk und Naht, das heißt: ohne Bindestriche; er behandelt vierzehn oder fünfzehn verschiedene Themen, von denen jedes in seine eigene Parenthese eingeschlossen ist, und jeweils drei oder vier dieser Parenthesen werden hier und dort durch eine zusätzliche Parenthese abermals eingeschlossen, sodass Pferche innerhalb von Pferchen entstehen; schließlich werden alle diese Parenthesen und Überparenthesen in einer Hauptparenthese zusammengefasst, die in der ersten Zeile des majestätischen Satzes anfängt und in der Mitte seiner letzten Zeile aufhört – und danach kommt das Verb, und man erfährt zum ersten Mal, wovon die ganze Zeit die Rede war; und nach dem Verb hängt der Verfasser noch „haben sind gewesen gehabt haben geworden sein“ oder etwas dergleichen an – rein zur Verzierung, soweit ich das ergründen konnte -, und das Monument ist fertig. Ich nehme an, dieses abschließende Hurra ist so etwas wie der Schnörkel an einer Unterschrift – nicht notwendig, aber hübsch. Deutsche Bücher sind recht einfach zu lesen, wenn man sie vor einen Spiegel hält oder sich auf den Kopf stellt, um die Konstruktion herumzudrehen, aber eine deutsche Zeitung zu lesen und zu verstehen wird für den Ausländer wohl immer eine Unmöglichkeit bleiben.“

    Quelle: alvit.de
    Die schreckliche deutsche Sprache
    „… oder warum Mark Twain die deutsche Sprache hasste …“

    Ich schließe mich Twains Meinung zwar nicht an, aber ich finde es herrlich geschrieben.

    Mit lieben Grüßen

    Blanca

  16. Christian schreibt:

    Mai 12, 2013 um 20:21

    Liebe Blanca Alexandria,

    ich bin ein großer Freund von Mark Twain. Den von Ihnen angeführten berühmten Essay habe ich allerdings als humoristische Satire verstanden, siehe auch

    http://usa.usembassy.de/classroom/Mark%20Twain/Mark%20Twain%20Awful%20Broschuere.pdf

    Mark Twain hat ja nicht nur oft und gerne Deutschland besucht, sondern auch über eineinhalb Jahre – von 28. September 1897 bis 27. Mai 1899 – in Österreich gelebt, und zudem jahrelang Lesungen (auf Deutsch) seiner Werke in Deutschland, der Schweiz und Österreich gehalten.

    Das Thema seines Essays hat er übrigens später noch einmal verwendet, für einen Vortrag „über die Schrecken der deutschen Sprache“, den er als gefeierter Humorist (und Mitglied der Wiener „Society“) am 31. Oktober 1897 im Wiener Presseclub Concordia gehalten hat.

    Dass ihn bei seinem öffentlichen Auftreten manchmal der Schalk geritten haben könnte, zeigt auch sein köstliches „Interview“. Leider habe ich den Text im Internet nicht auf Deutsch gefunden, aber hier ist ein Link auf das englische Original:

    http://twain.lib.virginia.edu/wilson/enconter.html

    Ich selbst besitze eine deutsche Übersetzung im MOEWIG Band 2530 (herausgegeben 1978 vom Verlag MOEWIG, Rastatt), der noch zahlreiche weitere herrliche Satiren Mark Twains enthält. Darum ist es bei mir genau umgekehrt. Ich glaube, dass er seine Rede über die deutsche Sprache mit einem Augenzwinkern geschrieben hat, dass sie aber einen riesengroßen Sack voller Körnchen Wahrheit enthält.

    Ich würde mich freuen, wenn Sie Deutsch auch ein bisschen mit Mark Twains Augen sehen können. 🙂

    Liebe Grüße

    Christian

  17. Blanca Alexandria schreibt:

    Mai 13, 2013 um 13:26

    Guten Tag, Christian!

    Mir kam schon während des Lesens der Gedanke, dass der Essay sicher als unterhaltsame Lektüre gedacht ist, schließlich konnte ich kaum aufhören zu lachen, so amüsant fand ich ihn, das meinte ich auch mit „herrlich geschrieben“. Allerdings dachte ich auch, dass Mark Twain tatsächlich eine Abneigung gegenüber der deutschen Sprache hatte und versuchte dies, auf eine humorvolle Art und Weise zu vermitteln. Dank Ihres ersten Links weiß ich jetzt aber, dass der Essay Twains Liebe zur deutschen Sprache zum Ausdruck bringen soll.

    Das Interview finde ich herrlich komisch. Mark Twain muss ein sehr humorvoller Mensch gewesen sein.

    Ich habe mir übrigens bei buch24.de Mark Twains „Bummel durch Europa“ bestellt. Ich freue mich auf diese hochkomische Lektüre.

    Vielen Dank, Christian, für die Informationen und für die beiden Links.

    Mit lieben Grüßen

    Blanca

  18. Christian schreibt:

    November 17, 2013 um 21:20

    „Nur zwei Dinge haben sich geändert: Ich stelle Herrn Dr. Bopp keine Fragen mehr und ich habe das Kommentieren der Blogeinträge eingestellt. Aber beides wird wohl kaum jemandem fehlen.“

    Hallo Blanca, Sie haben das offensichtlich ernst gemeint und auch Ernst gemacht.

    Ich bin zerknirscht und betroffen. Ich habe Ihre Kommentare sehr gerne gelesen und (das gebe ich ehrlich zu) mich über das Kreuzen feiner Klingen sehr gefreut. Im Internet ist vieles sonst leider nur laut, plakativ und präpotent und die leiseren, melodischen und harmonischen Töne gehen oft unter.

    Ich würde jedenfalls gerne wieder einmal etwas von Ihnen lesen.

    Christian