Archiv für April, 2013

Der König und die Krone

Neben Fußballmeisterschaften und Songfestivals scheinen die Einwohner von Republiken auch große Ereignisse in fremden Königshäusern faszinierend zu finden. Wem es dennoch entgangen sein sollte, dass uns morgen wieder ein solches Ereignis bevorsteht: In den Niederlanden dankt die Königin ab und übernimmt ihr Sohn als König das Szepter in Königshaus und Land.

Zu diesem Anlass kam mir eine Frage in den Sinn, die Frau M. vor einiger Zeit in einem anderen Zusammenhang gestellt hatte. Sie wollte wissen, ob die Wörter König und Krönung wortgeschichtlich etwas miteinander zu tun haben.

Eine Krönung im eigentlichen Sinne wird in Amsterdam offenbar nicht stattfinden. Es ist offiziell eine Amtseinsetzung. Aber auch wenn Willem-Alexander keine Krone aufs Haupt gesetzt wird, so gehört die Krone doch zu einem König wie der Cowboyhut zu einem Texaner: Wenn man einen zeichnen muss, geht es nicht ohne die typische Kopfbedeckung.

Gibt es nun einen wortgeschichtlichen Zusammenhang zwischen König und Krone? Die Antwort lautet nein.

Das Wort König ist altgermanischen Ursprungs. Es bedeutete ursprünglich ungefähr Mann, der aus einem vornehmen Geschlecht stammt. Der Stamm kun/kün ist heute noch zum Beispiel im englischen Wort kin = Familie, Sippe zu finden (vgl. auch next of kin = Verwandte). Diese Bezeichnung gab es früher auch im Deutschen. Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm kommt noch das Wort Künne vor mit der Umschreibung: „Geschlecht, ein altes edles Wort“. Ganz weit hinten ist König über diesen Wortstamm auch mit dem lateinischen genus verwandt und über sieben Ecken mit dem Wort Kind, das ja auch etwas mit Familie und Geschlecht zu tun hat.

Das Wort Krone hingegen ist ein altes Lehnwort aus dem Lateinischen: corona = Kranz, Krone. Das lateinische Wort geht auf das griechische Wort für Ring, Kranz (korone) und gekrümmt (koronos) zurück.

Außer dass sie entfernt ähnlich klingen, sind die beiden Wörter also nur im Bedeutungsfeld, in das sie gehören, miteinander verwandt: Ein König trägt eine Krone – zumindest ein prototypischer König. Gemeinsame wortgeschichtliche Vorfahren haben sie nicht.

Ob mit oder ohne Krone: Möge der neue König Willem-Alexander lang und weise regieren – oder was man einem König halt so wünscht, wenn er seinen Job anfängt.

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Beredte Beamte

Frage

Gibt es eine Erklärung dafür, warum bei „beredt“ im Gegensatz zu „bedienstet“ oder „behemdet“ trotz d im Stammauslaut kein e eingeschoben wird? Gibt es noch andere solcher Beispiele?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

in beredt ist das unbetonte e der Endung weggefallen. Die volle Form wäre ja beredet wie zum Beispiel geredet, befreundet, vergoldet usw. (vgl. e-Erweiterung). Die Tilgung von unbetonten Vokalen zwischen zwei Konsonanten, auch Synkope genannt, kommt relativ häufig vor. Manchmal ist sie obligatorisch:

regnen (Regen), atmen (Atem), zeichnen (Zeichen)
edle (edel), noble (nobel), integre (integer)

Manchmal ist sie fakultativ:

goldne (goldene), silbrig (silberig), andre (andere), Münchner (Münchener)

Das unbetonte e kann aber nicht überall wegfallen. Es geschieht vor allem bei Wortstämmen, die auf unbetontes el, en und er enden (vgl. Beispiele oben). Früher konnte das e auch bei Partizipien und ähnlichen Wörtern der Form …det und …tet getilgt werden. Ein paar Beispiele aus der Dichtersprache, in der die Synkope zur Wahrung des Versmaßes häufig verwendet wurde und wird:

Ein Weib das mit dem Manne scherzet / Wie ein gebildter Marmorstein  / Das ohne Glut und Reiz ihn herzet / Das kann kein gutes sein.
[G.E. Lessing, Die schlimmste Frau]

Niemand mehr, der ihn gekannt / Der befreundt ihm war / Dem er Bruder war genannt / Oder Liebster gar?
[F. Rückert, Die goldne Hochzeit]

Über die vergoldten Zinnen / Trat der Monden eben vor / »Holla ho! ist niemand drinnen?« / Fest verriegelt ist das Tor.
[J. von Eichendorff, Heimkehr]

Diese Art der Synkope ist heute nicht mehr üblich. Wir verwenden nur noch die Formen mit e: gebildeter, befreundet, vergoldeten. Bis in unsere Zeit gelangt sind nur beredt und – ein viel häufiger vorkommendes Wort – der Beamte (statt der Beamtete).

Die Wörter beredt und Beamter sind also Überbleibsel aus älteren Zeiten, die wir heute noch verwenden. Wären diese Formen nicht in der verkürzten Form erhalten geblieben, benötigten beredte Beamte zwei Silben mehr, um sich selbst zu charakterisieren. Gerade das würde allerdings beredeten Beamteten nicht allzu viel Mühe bereiten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist der Abstand zweijährig oder zweijährlich?

Frage

Heißt es: „Kontrollen in zweijährigem Abstand“ oder „Konstrollen in zweijährlichem Abstand“?

Antwort

Sehr geehrte Frau N.,

im Prinzip es ganz einfach, …jährlich von …jährig zu unterscheiden. In diesem Fall hätte ich Ihnen aber ganz spontan beinah eine falsche Antwort geschickt. Es wäre bestimmt nicht das erste Mal gewesen, dass ich im Eifer des Gefechts einen Schnellschuss mit falschem Inhalt abgegeben hätte. Bei so nahe beieinanderliegenden Formen lohnt es sich immer, ein zweites Mal hinzuschauen, bevor man auf den Senden-Knopf klickt.

Mit …jährig wird ein Alter oder ein Zeitdauer angegeben:

ein zweijähriges Kind = ein zwei Jahre altes Kind
eine zweijährige Ausbildung = eine zwei Jahre dauernde Ausbildung

Mit …jährlich wird angegeben, nach welcher Zeitspanne sich etwas regelmäßig wiederholt:

eine zweijährliche Veranstaltung = eine alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung
zweijährliche Kontrollen = alle zwei Jahre stattfindende Kontrollen

Und nun kommen wir zum Abstand. Er ist zwar auch regelmäßig wiederkehrend (das hat uns wohl ins Zweifeln gebracht), gemeint ist aber seine Dauer. Es heißt deshalb:

Kontrollen in zweijährigem Abstand (= in zwei Jahre dauerndem Abstand)

Die Kontrollen sind also zweijährlich, der Abstand dazwischen ist zweijährig. Kein Wunder, dass die Formen schnell einmal durcheinandergeraten, wenn wir nicht aufpassen.

Dasselbe gilt übrigens auch bei anderen zeitlichen Angaben. Ein paar Beispiele:

eine dreiminütige Ansprache (= drei Minuten dauernd)
der dreiminütliche Ruf „Mama, zudecken!“ (= alle drei Minuten stattfindend)

der zweistündige Dokumentarfilm (= zwei Stunden dauernd)
die zweistündliche Aussendung des Webefilms (= alle zwei Stunden erfolgend)

ein vierzehntägiger Urlaub (= vierzehn Tage dauernd)
die vierzehntägliche Ausgabe (= alle vierzehn Tage erscheinend)

ein zweiwöchiger Besuch (= zwei Wochen dauernd)
ein zweiwöchentlicher Besuch (= alle zwei Wochen stattfindend)

ein viermonatiges Kalb (vier Monate alt)
ein viermonatliches Arbeitstreffen (alle vier Monate stattfindend)

So schnell die Formen auch durcheinandergeraten können, der Unterschied ist manchmal beträchtlich. So scheinen mir Eltern von Neugeborenen froh zu sein, wenn nicht vierstündiges Stillen angesagt ist, denn vierstündliches Stillen ist anstrengend genug. Ich fände es auch ungemein wichtig, genau zu wissen, ob jemand einen vierzehntägigen oder einen vierzehntäglichen Besuch androht. Und der Bauer verliert auf die Dauer mehr Zeit mit Wiedereinfangen, wenn ihm zweimonatlich ein Kalb wegläuft als wenn ihm ein zweimonatiges Kalb entwischt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Vorgegenwart in der Zukunft: Sie haben es gleich geschafft

Eine Frage, die vielen bekannt vorkommen wird, die mit fortgeschritteneren Deutschlernenden zu tun haben. Sie zeigt, dass unsere Verbzeiten manchmal wenig mit der realen Zeit zu tun zu haben scheinen.

Frage

Hier sind zwei Fragen eines Schülers, der Deutsch als Fremdsprache lernt:

1. […]

2. Eine aktuelle Werbung von Macdonalds lautet: „Sie haben es gleich geschafft“. Warum wird hier das Perfekt verwendet, obwohl es um die Zukunft geht?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

die Verbzeiten haben im Deutschen nur bedingt etwas mit den realen Zeitabläufen zu tun. Das ist auch hier der Fall. Obwohl das Perfekt den (etwas zu) viel sagenden deutschen Namen „Vorgegenwart“ trägt, wird mit ihm im Werbespruch, den Sie zitieren, ein Geschehen ausgedrückt, das erst in der Zukunft abgeschlossen sein wird. Diese Verwendung des Perfekts kann Perfekt des Zukünftigen genannt werden. Es kommt relativ selten vor:

Sie haben es gleich geschafft.
Halt durch, du hast die Aufgabe bald erledigt!
Spätestens nächsten Sommer haben wir den Umbau vollendet.

Das Perfekt kann diese Funktion nur dann haben, wenn im Satz eine Zeitangabe steht, die ausdrücklich angibt, dass es um etwas Zukünftiges geht (hier: gleich, bald, spätestens nächsten Sommer).

Ganz ähnlich ist die viel häufiger vorkommende Verwendung des Präsens für etwas Zukünftiges. Wenn der Kontext oder eine explizite Zeitangabe schon angibt, dass eine Aussage über ein zukünftiges Geschehen gemacht wird, reicht es, das Präsens zu verwenden. Der Aspekt des Zukünftigen muss nicht auch noch durch das werden des Futurs ausgedrückt werden (vgl. Präsens des Zukünftigen):

Ich fahre morgen nach Basel.
Wir reden noch einmal darüber, wenn wir mehr Zeit haben.
Nächstes Jahr feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

Beim Perfekt des Zukünftigen hat das Perfekt die Funktion, den Aspekt des Abgeschlossenseins anzugeben. Wenn der Aspekt des Zukünftigen durch ein anderes Element als das Verb angegeben wird, muss er nicht noch einmal durch das werden des Futurs II ausgedrückt werden:

Sie werden es dann geschafft haben.
Sie haben es bald geschafft.

Man kann also das Hilfsverb werden der Zeiten des Futurs einsparen, wenn das Zukünftige durch ein anderes Element ausgedrückt wird. (NB: kann, nicht muss).

Dass Verbzeiten nicht das ausdrücken, was man ihrem Namen nach von ihnen erwartet, kommt auch sonst häufiger vor. So können wir eine Erzählung, die in der Vergangenheit spielt, durch das sogenannte historische Präsens lebendiger gestalten. Ein Geschehen in der Vergangenheit wird in der Zeit der Gegenwart ausgedrückt (historisches Präsens):

Und plötzlich steht Hannibal mit seinem Heer vor den Toren Roms.
Die Künstlerin verbringt die Zeit bis zu ihrem Tod im Jahr 1923 in Nizza.

Ein anderes bekanntes Beispiel ist das Futur, wenn es keine Zukunft, sondern eine Vermutung über etwas Gegenwärtiges oder etwas Vergangenes ausdrückt:

Ich weiß nicht wo er ist. Er wird zu Hause sein.
Sie liegt noch im Bett. Sie wird gestern Abend wieder zu viel getrunken haben.

Die Namen der Verbzeiten geben wieder, was ihre Hauptfunktion ist. Wir verwenden die Zeiten aber häufig auch ganz anders!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Den Dingen ihre Läufe lassen?

Frage

Ich habe ein Problem, bei dem mir partout keine Lösung sinnvoll erscheint: „Ich lasse dem literarischen Erguss seinen Lauf.“ Aber wie ist es bei mehreren Vorträgen: „Ich lasse den Ergüssen ihre Läufe.“ Oder doch nur: „Ich lasse den Ergüssen seinen Lauf.“

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

die Redewendung lautet:

einer Sache ihren (freien) Lauf lassen

Gemeint ist, dass etwas nicht gehemmt oder eingeschränkt wird, dass nichts unternommen wird, um es zurückzuhalten. Das Possessivpronomen stimmt dabei mit dem Substantiv überein, dem dieser (freie) Lauf zugestanden wird:

Ich lasse dem Zorn seinen Lauf.
Ich lasse der Fantasie ihren freien Lauf.
Ich lasse den Dingen ihren Lauf.

Das Substantiv Lauf steht immer im Singular. Theoretisch wäre der Plural auch möglich (jedem einzelnen Ding seinen individuellen eigenen Lauf lassen →  *den Dingen ihre Läufe lassen). Trotzdem ist bei dieser Wendung nur der Singular Lauf üblich. Das Abstraktum Lauf im Sinne von Verlauf, den etwas nimmt eignet sich auch nicht besonders gut für eine Verwendung im Plural.

Es heißt hier also:

Ich lasse den literarischen Ergüssen ihren Lauf.

Mehr zum Thema Singular oder Plural in solchen und ähnliche Fällen steht übrigens in einem älteren Blogeintrag, der Sie vielleicht auch interessieren könnte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Eine besondere Konstruktion: Wer sagen die Leute, dass ich sei?

Heute wieder einmal etwas aus den „Randbezirken“ der Grammatik:

Frage

In seiner Übersetzung des Evangeliums nach Markus (Kapitel 8, Verse 27 und 29) lässt Martin Luther Jesus folgende Fragen an seine Jünger richten: „Wer sagen die Leute, dass ich sei? […] Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei?“ Ich frage mich, was das in grammatischer Hinsicht ist. Was sagen Sie, dass derartige Fragen in grammatischer Hinsicht sind? […]

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

es handelt sich hier um ein eher spärlich beschriebenes Phänomen der deutschen Sprache. Das liegt wohl daran, dass es ziemlich komplex ist, aber auch daran, dass diese Konstruktion je nach Verb sehr unterschiedlich bewertet wird. Nicht alle finden solche Konstruktionen standardsprachlich korrekt.

Es handelt sich um eine Gruppe von Verben, manchmal „Brückenverben“ genannt, bei denen ein zum Nebensatz (o. zur Infinitivkonstruktion) gehörender Teil im übergeordneten Satz steht. Zu diesen Verben gehören Verben des Denkens und Sagens (sagen, behaupten, glauben, meinen, denken) aber auch versuchen.

Wer bin ich?
Wer, glaubst du, bin ich.
Wer glaubst du, dass ich bin.

Sie sagen, dass ich X sei.
Wer, sagen sie, sei ich?
Wer sagen sie, dass ich sei?

Ich habe ihr den Wagen verkauft.
Wem, sagst du, hast du den Wagen verkauft?
Wem sagst du, dass du den Wagen verkauft hast?

Er fährt nach Basel.
Wohin, denkst du, fährt er?
Wohin denkst du, dass er fährt?

Hier wird eine komplizierte Struktur mit doppelter Inversion (glaubst du, bin ich) mittels eines dass-Satzes aufgelöst (nach dem Muster: Ich denke/glaube/sage, dass …). Dabei entsteht ein Fragesatz, in dem nicht ein Satzteil des Hauptsatzes erfragt wird, sondern ein zum Nebensatz gehörender Satzteil. Der erfragte Satzteil wird dabei aus dem Nebensatz nach links in den Hauptsatz verschoben. So ist das Fragwort wohin im letzten Beispiel nicht von denken abhängig (nicht: wohin denken?) sondern von fahren (wohin fahren?)

Der dass-Satz ist ein Objektsatz, das heißt, er hat im Gesamtsatz die Funktion eines Akkusativobjekts. Das Besondere daran ist aber, dass ein Teil dieses Objektsatzes als Fragewort im übergeordneten Satz steht.

Bei versuchen kann etwas ganz Ähnliches geschehen:

Ich versuche, ihr meinen Wagen zu verkaufen.
Wem versuchst du deinen Wagen zu verkaufen?
Welchen Wagen versuchst du ihr zu verkaufen?

Hier wird nach einem Satzteil gefragt, der zur Infinitivkonstruktion gehört. Dabei wird das Erfragte auch hier aus der Infinitivkonstruktion gelöst und in den übergeordneten Satz verschoben: Wem resp. Welchen Wagen ist nicht von versuchen, sondern von verkaufen abhängig.

Diese Verschiebung eines Satzteils aus dem untergeordneten Satz in den übergeordneten Satz ist nur bei einer kleinen Gruppe von Verben möglich. Weiter halten nicht alle überall solche Formulierungen für standardsprachlich wirklich korrekt. Es gäbe auch sonst noch viel zu erläutern und zu präzisieren. Ich finde es aber auch so schon erstaunlich, wie sich bei genauerer Analyse erweisen kann, dass augenscheinlich recht gewöhnliche Sätze eine sehr ungewöhnliche Struktur haben. Doch wen glaube ich damit beeindrucken zu können?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Schicksalhaftigkeit und andere „fehlende“ Wörter

Frage

Ich wüsste gerne, ob das Wort „Schicksalhaftigkeit“ korrekt ist. Bei den mit -igkeit endenden Wörtern auf Canoonet finde ich es leider nicht.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Wort Schicksalhaftigkeit ist korrekt. Wenn eine Sache schicksalhaft ist, kann man von deren Schicksalhaftigkeit sprechen.

Die Wahlbeteiligung für den Reichstag lag bei etwa 84 Prozent und trug der von allen Seiten beschworenen »Schicksalhaftigkeit« Rechnung.
Er ist überzeugt von der Schicksalhaftigkeit dieser großen Liebe und sagt: „Mit Michaela war es schon vor 19 Jahren Liebe auf den ersten Blick.“
Es scheint mir wichtig, dass man die Gestaltbarkeit des Lebens mit der Schicksalhaftigkeit des Alters kombiniert.
Beispielsätze aus: Wortschatz-Portal der Universität Leibzig

Im Prinzip kann von allen Adjektiven auf …haft ein Substantiv der Form …haftigkeit gebildet werden. Lange nicht alle diese möglichen Bildungen sind in Wörterbüchern verzeichnet. Weitere Beispiele von nicht in (allen) Wörterbüchern verzeichneten Substantiven dieser Form:

Amateurhaftigkeit
Bruchstückhaftigkeit
Engelhaftigkeit
Fieberhaftigkeit
Frühlingshaftigkeit [endlich!]
Heldenhaftigkeit
Instinkthaftigkeit
Zwanghaftigkeit
usw.

Ich möchte hier wieder einmal erwähnen, dass Wörterbücher nicht alle möglichen Wörter auflisten können. So sind auch bei Weitem nicht alle möglichen Zusammensetzungen von Substantiven oder alle Verbableitungen mit …bar und …ung in Wörterbüchern zu finden.

Das Umgekehrte muss deshalb immer wieder betont werden: Wenn ein Wort nicht im Wörterbuch steht, heißt das keineswegs zwangsläufig, dass es ein Wort nicht gibt. Die Wortbildungskraft unserer Sprache ist viel zu lebendig und zu mächtig, als dass sie sich in ein Wörterbuch – und sei es noch so groß und digital – packen ließe. Die Regel, dass ein Wort nur dann „gültig“ ist, wenn es im Wörterbuch steht, kann deshalb höchstens beim Scrabble-Spielen angewandt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie schreibst du denn, man/Mann!

Frage

Dass z. B. „Was redest du, Mann?“, „Was redet ihr, Mann?“ die richtige Schreibweise ist, ist ja bewiesen. Wie erklären Sie sich jedoch das Phänomen, dass es im alltäglichen Gebrauch (SMS/Chat/Internet-Foren) ausschließlich nur mit einem „n“ geschrieben wird ? Als Neologismus in dem Sinne kann man dies ja nicht bezeichnen,  da „man“ als Pronomen schon existiert. Aber wie kommt es, dass es eben v. a. unter Jugendlichen bei einem „n“ bleibt, auch wenn sich die meisten bewusst sind, dass „der Mann“ so geschrieben wird? […] Kann man also „man“ […] als schlichtweg komplett falsch bezeichnen, auch wenn es im Gebrauch deutlich überwiegt ?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

die Schreibung man statt Mann für die Interjektion ist tatsächlich kein Neologismus, sondern eher ein „Neographismus“ (eine Neuschreibung). Warum so viele im Internet diese Schreibung wählen, kann ich natürlich ohne genauere Untersuchungen nicht mit Sicherheit sagen. Es mag daran liegen, dass das Nomen Mann im Prinzip eine männliche Person in der Einzahl bezeichnet, während die Interjektion Mann auch an eine weibliche Person oder an mehrere Personen gerichtet sein kann. Das „klemmt“ irgendwie und deshalb wird auf die Schreibung man ausgewichen. Dies Schreibung man „klemmt“ allerdings auch, denn die Interjektion hat ja auch nicht die gleiche Funktion und Bedeutung wie das unbestimmte Personalpronomen man.

In der Umgangssprache im Internet werden nicht alle grammatischen und orthografischen Regeln eingehalten, die für die „normale“ schriftliche Standardsprache gelten. Und das ist auch nicht weiter schlimm. Der Ausruf Mann wird ohnehin höchst selten in einem Kontext verwendet, in dem eine regelkonforme Rechtschreibung wirklich wichtig wäre. Im informellen Internetgebrauch scheint die Schreibung man üblich zu sein, auch wenn nach der amtlichen Rechtschreibregelung Mann geschrieben werden sollte. In informellen Mails, Chats, SMS usw. gibt es gegen diese Form man nicht viel einzuwenden. Die Schreibung Mann! würde dort wahrscheinlich oft sogar als ziemlich antiquiert und unpassend empfunden werden. Im formelleren schriftlichen Verkehr gilt diese Schreibung aber (noch?) als falsch (sofern die Interjektion Mann dort überhaupt vorkommt). Wie man redet und schreibt, hängt in starkem Maße auch vom Kontext, der Umgebung und dem Medium ab. Es gelten nicht immer und überall die gleichen Standards.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Weder Drachche noch Sprahche oder Spraache

Frage

Warum reimt sich „Sprache“ nicht auf „Drache“, wie mir beim Vorlesen eines Kinderbuchs aufgefallen ist? Und warum drückt sich der Unterschied nicht in der Schreibweise aus?

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau N.,

Die beiden Wörter reimen sich tatsächlich nicht: Sprache wird mit einem langen a gesprochen, Drache hingegen mit einem kurzen a. Das sieht man allerdings nicht an der Schreibweise. Das liegt daran, dass das Deutsche nur bedingt eine Sprache ist, bei der die Schrift die Aussprache eins zu eins wiedergibt. Allgemeine Regeln zur Laut-Buchstaben-Zuordnung werden aus verschiedenen Gründen häufig nicht konsequent umgesetzt (z. B. Respektierung gefestigter Schreibweisen, Stammprinzip, Fremdwörter). Es gibt also viele Ausnahmen.

Nach der allgemeinen Regel wird ein einzelner Konsonant nach einem kurzen betonten Vokal verdoppelt. Zum Beispiel:

Ebbe, Paddel, Affe, Egge, Backe (ck=kk), Galle, Stamm, Panne, Kappe, Knarre, Nuss, Platte, Tatze (tz=zz)

Ausnahmen sind (abgesehen von Fremdwörtern) zum Beispiel

an, bis, mit, man, bin, hat

Ein ch wird nicht verdoppelt. Es entspricht in der gesprochenen Sprache zwar einem einzelnen Laut, geschrieben sind es dann aber doch zwei Buchstaben. Deshalb schreibt man Drache und nicht *Drachche.

Der kurze Vokal wird hier also nicht besonders gekennzeichnet. Wie steht es nun mit dem langen Vokal von Sprache? Ein langer Vokal kann durch ein h oder durch Verdoppelung gekennzeichnet werden (Regel).

Das Dehnungs-h kommt aber vor allem dann vor, wenn kein Konsonant oder ein l, m, n oder r folgt:

nah, fähig, zäh, froh, Kuh
lahm, ahnen, Kohle, Möhre

Das ist aber auch dann nicht immer der Fall:

säen, Böe
Tal, Name, Ton, Hure

Das Dehnungs-h kommt auch vor einem ch im Stamm nicht vor. Man schreibt also Sprache und nicht *Sprahche. Ein weiterer Grund mag sein, dass Sprache zur Vergangenheitsform sprach von sprechen gehört. All diese Formen werden ohne h nach dem Stammvokal geschrieben.

Die Verdopplung des Vokals kommt nur bei einer kleinen Anzahl heimischer Wörtern vor (z. B. Aal, Haar, See, Teer, Boot, Moos). Das Wort Sprache gehört nicht dazu, u. a. vielleicht weil es, wie bereits gesagt, zu sprechen/sprach gehört. Wir schreiben also auch nicht *Spraache.

Vor einem ch sind die Schreibungen für einen kurzen und für einen langen Vokal also gleich:

lang – kurz
Sprache – Rache, Drache, Sache, mache, Wache
brach – flach, Dach, Krach
hoch – Koch
Maloche – Woche
Tuch, such! – Spruch, huch!

Kurz oder lang ausgeprochen wird das a in Lache (Pfütze):

Lache – Lache

Ganz kurz zusammengefasst:

Drache, nicht Drachche
Sprache, nicht Sprahche, Spraache

Die deutsche Rechtschreibung hat also auch im Bereich der Laut-Buchstaben-Zuordnung ihre Tücken. Ganz so arg wie die Franzosen und die Engländer treiben wir es aber doch nicht. Zum Beispiel:

Die folgenden französischen Wortformen werden alle gleich ausgesprochen:

mer, mère, maire (= Meer, Mutter, Bürgermeister)
parler, parlez, parlai, parlé, parlée, parlés, parlées (= versch. gebeugte Formen des Verbs parler)

Das Englische treibt es  mit seiner historischen Orthografie ja zum Teil noch viel bunter. Ein bekanntes, nicht allzu seriös zu nehmendes Beispiel:

ghoti = fish
das gh von enough (inaf)
das o von women (wimen)
das ti von nation (neischen)

Unser Drache-Sprache-Phänomen ist also vergleichsweise harmlos.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das K-Wort und sein falscher C-Freund

Man könnte es schon beinahe das K-Wort nennen. Es dauert nun schon so lange, dass man kaum noch zu sagen wagt: „Es ist kalt!“

Das Wetter soll hier aber nicht das Thema sein. Im Zusammenhang mit diesem „K-Wort“ ist mir wieder einmal einer der Missverständnisse verursachenden Unterschiede zwischen den germanischen und den romanischen Sprachen eingefallen. Wenn die „Germanischsprechenden“ kalt, cold, koud, kall, kald, kold sagen, reden sie von tiefen Temperaturen. Wenn die „Romanischsprachigen“ caldo, chaud, caliente, calent, caud, cald sagen, klingt das zwar sehr ähnlich, aber sie meinen genau das Gegenteil, nämlich warme Temperaturen.

Wenn Sie in verschiedenen Ländern Wasserhähne bedient haben, dann erkennen Sie bestimmt Folgendes: Bei Wasserhähnen mit einem roten und einem blauen Punkt, ist es einfach, je nach Wunsch kaltes oder warmes Wasser fließen zu lassen. Wenn die Wasserhähne in keiner Weise markiert sind und Sie wie ich nie sicher sind, ob nun tatsächlich links warm und rechts kalt sein muss, dann bleibt nur vorsichtiges Ausprobieren. Richtig „problematisch“ wird es, wenn auf einem der beiden Hähne ein C steht. In angelsächsischer Umgebung, wo man diesbezüglich selten mit einer anderen als der Landessprache konfrontiert wird, ist dann in der Regel klar, dass damit cold = kalt gemeint ist. In allen anderen Ländern ist eine komplizierte Abwägung verschiedener Kriterien notwendig: Welcher Sprachfamilie gehört die Landessprache an und – weit wichtiger – hat die Innenarchitektin oder der Installateur ein am Englischen oder ein am Französischen inspiriertes Modell gewählt? Im ersten Fall ist C kalt, im zweiten Fall ist C warm. Dann hilft nur ein Blick auf den anderen Hahn: Steht dort ein F, dann muss C warm sein, steht dort ein H, dann muss C kalt sein. Viel einfacher ist es dann auch in diesem Fall, einmal kurz an einem Hahn zu drehen und abzuwarten, was kommt.

Die Verwechslungsgefahr rührt daher, dass die beiden Sprachfamilien hier auf zwei ganz unterschiedliche Wörter zurückgreifen, die einander in den modernen Sprachformen sehr ähnlich geworden sind.

Vorfahre der romanischen Wörter für warm ist das lateinische cal[i]dus mit derselben Bedeutung. Vorfahre der germanischen Wörter für kalt ist ein altes Verb kala (frieren), genauer genommen eine Partizipform davon. Auch unser Wort kühl geht auf dieses Verb zurück. (Ganz weit hinten ist dieses Verb übrigens auch mit dem Vorfahren der romanischen Wörter geler, gelare, helar usw. = [ge]frieren verwandt …)

Zwei nicht miteinander verwandte Basiswörter haben sich also in verschiedenen Sprachen zu lautlich sehr ähnlichen Wörtern entwickelt. Das kommt häufiger vor und ist eine der Ursachen für die Entstehung von sogenannten falschen Freunden (faux-amis, false friends). Ein paar Beispiele von falschen Freunden dieser Art:

en. mist (Nebel) – dt. Mist
en. angel (Engel) – dt. Angel
frz. hier (gestern) – dt. hier
nl. gekocht (gekauft) – dt. gekocht
it. alto (hoch) – dt. alt
it. ente (Amt) – dt. Ente
se. öl (Bier) – dt. Öl

nl. worst (Wurst) – en. worst (schlechteste)
en. ape (Affe) – it. ape (Biene)
it. burro (Butter) – sp. burro (Esel)

u. v. a. m.

Das „K-Wort“ soll gemäß Wetterberichten nicht mehr so lange aktuell bleiben. Werden wir schon bald wieder über das „H-Wort“ klagen? Schön wär’s!

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