Beredte Beamte

Frage

Gibt es eine Erklärung dafür, warum bei „beredt“ im Gegensatz zu „bedienstet“ oder „behemdet“ trotz d im Stammauslaut kein e eingeschoben wird? Gibt es noch andere solcher Beispiele?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

in beredt ist das unbetonte e der Endung weggefallen. Die volle Form wäre ja beredet wie zum Beispiel geredet, befreundet, vergoldet usw. (vgl. e-Erweiterung). Die Tilgung von unbetonten Vokalen zwischen zwei Konsonanten, auch Synkope genannt, kommt relativ häufig vor. Manchmal ist sie obligatorisch:

regnen (Regen), atmen (Atem), zeichnen (Zeichen)
edle (edel), noble (nobel), integre (integer)

Manchmal ist sie fakultativ:

goldne (goldene), silbrig (silberig), andre (andere), Münchner (Münchener)

Das unbetonte e kann aber nicht überall wegfallen. Es geschieht vor allem bei Wortstämmen, die auf unbetontes el, en und er enden (vgl. Beispiele oben). Früher konnte das e auch bei Partizipien und ähnlichen Wörtern der Form …det und …tet getilgt werden. Ein paar Beispiele aus der Dichtersprache, in der die Synkope zur Wahrung des Versmaßes häufig verwendet wurde und wird:

Ein Weib das mit dem Manne scherzet / Wie ein gebildter Marmorstein  / Das ohne Glut und Reiz ihn herzet / Das kann kein gutes sein.
[G.E. Lessing, Die schlimmste Frau]

Niemand mehr, der ihn gekannt / Der befreundt ihm war / Dem er Bruder war genannt / Oder Liebster gar?
[F. Rückert, Die goldne Hochzeit]

Über die vergoldten Zinnen / Trat der Monden eben vor / »Holla ho! ist niemand drinnen?« / Fest verriegelt ist das Tor.
[J. von Eichendorff, Heimkehr]

Diese Art der Synkope ist heute nicht mehr üblich. Wir verwenden nur noch die Formen mit e: gebildeter, befreundet, vergoldeten. Bis in unsere Zeit gelangt sind nur beredt und – ein viel häufiger vorkommendes Wort – der Beamte (statt der Beamtete).

Die Wörter beredt und Beamter sind also Überbleibsel aus älteren Zeiten, die wir heute noch verwenden. Wären diese Formen nicht in der verkürzten Form erhalten geblieben, benötigten beredte Beamte zwei Silben mehr, um sich selbst zu charakterisieren. Gerade das würde allerdings beredeten Beamteten nicht allzu viel Mühe bereiten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

K.