Archiv für Mai, 2013

Urlaub

Dr. Bopp ist im Urlaub.

Ich kann Ihre Fragen zu Sprache und Rechtschreibung deshalb leider nicht beantworten. Nach dem 9. Juni geht es aber wieder wie gewohnt weiter.

Das heißt natürlich nicht, dass CanooNet bis dann einfach stillliegt. Unser Team wird dafür sorgen, dass die unter www.canoo.net verfügbaren Sprachdienste wie immer vierundzwanzig Stunden am Tag online verfügbar sind.

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Der Unterschied zwischen Christoph Kolumbus und George Clooney

Außer dass Kolumbus und Clooney beide Männer sind, die außerdem etwas mit Amerika zu tun haben – der eine hat es für die Europäer (wieder)entdeckt und der andere wurde dort geboren –, gibt es wohl vor allem Unterschiede. Hier geht es darum, dass wir im Deutschen sehr unterschiedlich mit den anderssprachigen Namen der beiden Herren umgehen.

Frage

Eigennamen werden ja allgemein nicht an die Sprache angepasst. Somit sind Sie auch in New York Mr. Bopp, und Mr. Clooney ist auch in Italien Sig. Clooney.  Dennoch schreibt man bspw. Aristoteles, Platon oder Kolumbus im Englischen anders (Aristotle, Plato, Columbus). Warum ist das so? Und gibt es hierfür eine Regel, die ich nicht erkennen kann?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

eine Regel gibt es nicht, eine Erklärung aber schon: Der Unterschied liegt darin, dass Namen aus anderen Sprachen, insbesondere Namen historischer Persönlichkeiten, früher an die eigene Sprache angepasst wurden, dies aber heute bei Personen „jüngeren Datums“ nicht mehr geschieht. Früher war der Umgang mit Namen aus anderen Sprachen also freier als heute.

Anhand der Beispiele, die Sie anführen, lässt sich gut zeigen, dass dies nicht nur im Deutschen, sondern auch in anderen Sprachen so war und ist:

de: Aristoteles
en: Aristotle
fr: Aristote
it: Aristotele
sp: Aristóteles
pl: Arystoteles

Bei Aristoteles kommt hinzu, dass der Name ursprünglich mit griechischen Buchstaben geschrieben wurde: Αριστοτέλης. Bei der Übertragung vom griechischen ins lateinischen Alphabet haben verschiedene Sprachen verschiedene Methoden entwickelt. Beim ursprünglich italienischen Entdecker der Neuen Welt spielt das allerdings keine Rolle:

it: Cristoforo Colombo
de: Christoph Kolumbus
en: Christopher Columbus
fr: Christophe Colomb
sp: Cristóbal Colón
pl: Krzysztof Kolumb

Im Gegensatz dazu werden neuere Namen in allen Sprachen (mit lateinischem Alphabet) gleich geschrieben:

George Clooney
Margaret Thatcher
Jeanne Moreau
Giuseppe Verdi

Zwei Ausnahmen gibt es auch hier: Namen von Herrschern und original nicht mit lateinischen Buchstaben geschriebene Namen werden ebenfalls meist an die eigene Sprache angepasst.

it: Vittorio Emanuele III (1869-1947)
de: Viktor Emanuel III.
en: Victor Emmanuel III
fr: Victor-Emmanuel III
sp: Víctor Manuel III
pl: Wiktor Emanuel III

Bei den aus anderen Schriftsystemen übernommenen Namen geht es eigentlich „nur“ um die lautliche Wiedergabe des ursprünglichen Namens. Es geht also weniger um eine wirkliche Anpassung des Namens an die eigene Sprache als um die Wiedergabe des Namens in der eigenen Schrift:

ru: Михаил Горбачёв
de: Michail Gorbatschow
en: Mikhail Gorbachev
fr: Mikhaïl Gorbatchev
sp: Mijaíl Gorbachov
pl: Michaił Gorbaczow

Abgesehen davon, dass die historische Bedeutung von George Clooney etwas geringer ist (und voraussichtlich auch bleiben wird) als diejenige von Christoph Kolumbus, ist es vor allem die Tatsache, dass er aus unserer eigenen Epoche stammt, dass er hierzulande nicht zu Georg Kluhni wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Personalabteilung als Businesspartner(in)

Frage

Muss in „die Personalabteilung als Business-Partner“ das Wort „Business-Partner“ zwingend in „Business-Partnerin“ geändert werden?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

im Allgemeinen gilt, dass bei Bezug auf eine Institution mit weiblichem Genus sowohl die männliche als auch die weibliche Form verwendet werden kann:

die Personalabteilung als Businesspartner
die Personalabteilung als Businesspartnerin

die Universität als Antragssteller
die Universität als Antragstellerin

Lieferant ist die Firma B.
Lieferantin ist die Firma B.

Siehe auch hier.

Es ist aber im Rahmen der Verwendung geschlechtergerechter Sprache zunehmend üblich, hier nur die weibliche Form zu benutzten. Theoretisch ist das zwar auch aus geschlechtergerechter Sicht nicht notwendig, da diese Bezeichnungen sich ja nicht auf Männer oder Frauen beziehen. Das Umgekehrte ist aber nicht üblich:

*der Staat als Businesspartnerin
*Lieferantin ist der Betrieb B.

Die Verwendung der männlichen Form bei Institutionen mit weiblichem Genus ist also eine Art generisches Maskulinum, und gerade das soll ja in der geschlechtergerechten Sprache vermieden werden. Wohl deshalb schreibt zum Beispiel der Leitfaden zum geschlechtergerechten Formulieren im Deutschen der Schweizerischen Bundeskanzlei vor, dass hier im amtlichen Sprachgebrauch die weibliche Form zu verwenden sei (Abs. 7.48, S. 127).

Im Prinzip muss also in Ihrem Beispiel Businesspartner nicht in Businesspartnerin geändert werden. Es ist vielleicht anzuraten, aber nicht zwingend. Wenn Sie allerdings an einen Leitfaden wie zum Beispiel den gerade genannten gebunden sind, ist die Verwendung der weiblichen Form zwingend.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Gurgelbacher gegen die Mönche

Das Einzige, was ich als Sportmuffel erster Klasse zum morgigen Duell in London beitragen kann, ist ein wenig Namenkunde:

Bayern

Wo die Bayern herkommen ist ungeklärt. Lange Zeit wurde angenommen, dass sie im 5. Jahrhundert aus Böhmen eingewandert waren und sich mit ein paar Germanen und der verbleibenden römisch-keltischen Bevölkerung vermischt hatten. Der Name Bayern wäre demnach über Bajuwaren aus einem alten Wort mit der ungefähren Bedeutung Männer aus Böhmen entstanden. Neuere Forschungen zeigen aber, dass dies nicht so sein kann, werfen damit aber mehr Fragen auf, als sie beantworten.* Sicher und recht bekannt ist, dass die heutige Schreibung mit y auf einen Beschluss König Ludwigs I. im Jahre 1825 zurückgeht. Bevor der große Verehrer der antiken Griechen das griechische Ypsilon einführte, war die Schreibung Baiern üblich.

*Die Anfänge Bayerns, Von Raetien und Noricum zur frühmittelalterlichen Baiovaria, hrsg. von Hubert Fehr und Irmtraut Heitmeier, EOS Verlag, 2012

Borussia

Mit einer klassischen Sprache hat auch dieser Name zu tun. Borussia ist die neulateinische Bezeichnung für Preußen. In der Zeit, als man wichtige Texte noch in lateinischer Sprache abfasste, wurden auch die Ortsbezeichnungen latinisiert. So wurde zum Beispiel Hessen in lateinischen Texten zu Hassia, Leipzig zu Lipsia, Bayern zu Bavaria und Preußen zu Borussia. Der Fußballclub wurde aber – so will es zumindest die Legende – nicht direkt nach Preußen, sondern nach einer Brauerei mit dem Namen Borussia benannt.

Dortmund

Dieser Name ist wahrscheinlich germanischen Ursprungs. Die älteste Nennung von Dortmund stammt aus dem Jahr 889: Throtmanni. Darüber, wo dieser Name herkommt, herrscht – wie könnte es anders sein – Uneinigkeit. Der erste Teil des Namens könnte auf das altgermanische Wort throt (Kehle, Gurgel, Schlund, Hals) zurückgehen, das heute noch im englischen throat fortlebt. Der zweite Teil könnte vom altsächsischen Wort manni (Gewässer) oder einer altgermanischen Form *munt (Berg, Hügel, Anhöhe) kommen. Dortmund bedeutete dann also Gurgelbach oder Berg mit einem Einschnitt o. Ä. Problematisch ist allerdings, dass nicht nachgewiesen werden kann, dass es dort einen Gurgelbach oder einen Hügel mit Einschnitt gegeben hat. Eine weitere Theorie meint dann auch, dass Dortmund ursprünglich einem Mann namens Throtmann gehört haben könnte. Der neulateinische Name ist übrigens Tremonia, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

München

Der Name München wird üblicherweise aus bei den Mönchen hergeleitet. Im Jahr ihrer Gründung, 1158, wurde die Stadt in einem Dokument apud Munichen genannt (apud = lateinisch bei, munich = althochdeutsch Mönch). Auf dem dortigen Petersbergl gab es schon seit dem 8. Jahrhundert eine Siedlung von Mönchen. Der Mönch im Stadtwappen sowie der neulateinische Name Monacum o. Monachum (lat. monachus = Mönch) gehen auf diese Erklärung zurück.

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Den eingefleischten Fans mag dies alles ganz egal sein, Hauptsache, ihre Mannschaft gewinnt. Ich meine dazu ganz diplomatisch: Ob es nun die Gurgelbacher oder die Mönche sind, möge die bessere Mannschaft gewinnen!

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Das teure Hotel und der Gegenwartsbezug

Frage

Es geht darum, zwei Sätze zu verbinden: „Ihr wart in einem Hotel in New York“ und „Das Hotel ist/war teuer“.  Nun ist die Frage, ob es da zwei Möglichkeiten gibt oder die eine besser als die andere ist?

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer ist.

Oder heißt es am Ende:

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer war.

Ich meine, dass beide Lösungen i. O. sind. Und was meinen Sie?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

Ihre Frage zielt eigentlich darauf, ob es eine obligatorische Zeitenfolge gibt. Zuerst die allgemein Antwort, die für Liebhaber und Liebhaberinnen strenger Regeln enttäuschend, aber für „Freiheitsliebende“ eher erfreuliche sein mag: Im Gegensatz zu anderen Sprachen kennt das Deutsche keine streng geregelte Folge der Zeiten. In längeren geschriebenen Texten herrscht zwar gewöhnlich das Präsens oder das Präteritum vor, aber es gibt keine obligatorische Zeitenabfolge in aufeinanderfolgenden Sätzen (Consecutio Temporum; wenn Satz a im Tempus x, dann Satz b „zwangsläufig“ im Tempus y). Nur bei Nebensätzen und den ihnen übergeordneten Sätzen gibt es gewisse Tendenzen, die hier angedeutet werden.

In Ihrem Beispielsatz haben wir es mit zwei möglichen Sehensweisen oder Aspekten zu tun, die bei der Wahl der Verbform zu einem unterschiedlichen Resultat führen. Damit meine ich eigentlich nur: Auch ich finde beide Formulierungen richtig.

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer ist.

Bei der Verwendung der Präsensformt ist wird davon ausgegangen, dass es das Hotel zum Sprechzeitpunkt noch gibt und dass es immer noch teuer ist. Es gibt einen deutlichen Gegenwartsbezug. Eine mögliche Gesprächssituation wäre, dass jemand ebenfalls an Hotels in New York interessiert ist.

Es erstaunt mich nicht, dass das Hotel, in dem ihr in New York wart, sehr teuer war.

Bei der Verwendung der Präteritumsform war wird nichts über den gegenwärtigen Zustand des Hotels gesagt. Es gibt keinen direkten Gegenwartsbezug. Das Hotel kann noch bestehen und immer noch teuer sein, es kann aber auch geschlossen oder ausgesprochen billig geworden sein. Die Formulierung bleibt innerhalb der Schilderung von etwas Vergangenem. Sie könnte zum Beispiel ein interessierter oder höflicher Kommentar zu einem Reisebericht sein.

Die Wahl der Zeitform hängt also vom weiteren Kontext ab. Wichtig ist hier nicht ein zeitliches Verhältnis zwischen zwei Teilsätzen (z.B. Gleichzeitigkeit oder Nachzeitigkeit), sondern die Frage, ob in einem Teilsatz ein Bezug zur Gegenwart besteht. Das ist auch in den folgenden, „selbstgestrickten“ Beispielsätzen der Fall:

Ohne direkten Gegenwartsbezug:

Ich traf dort eine Frau, die im Zirkus arbeitete.
Er sang ein Lied, das mir gut gefiel.
Ich wusste, dass er in Salzburg wohnte.

Mit Bezug auf die Gegenwart:

Ich traf dort eine Frau, die im Zirkus arbeitet.
Er sang ein Lied, das mir gut gefällt.
Ich wusste, dass er in Salzburg wohnt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Trotzdem dennoch wie obwohl?

Frage

Wie unterscheiden sich die Konjunktionen „trotzdem“, „dennoch“ und „obwohl“?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

das Wort obwohl ist eine Konjunktion, die einen Einräumungssatz (Konzessivsatz) einleitet. In einem Einräumungssatz wird eine Situation, eine Ursache geschildert, die nicht die zu erwartende oder gewünschte Wirkung hat:

Obwohl es stark regnete, fuhr sie mit dem Fahrrad zu Schule.
Sie fuhr mit dem Fahrrad zur Schule, obwohl es stark regnete.

In einem Satz mit dem Wort dennoch, wird die nicht gewünschte oder nicht zu erwartende Folge angegeben:

Es regnete stark und dennoch fuhr sie mit dem Fahrrad zur Schule.
Selbst wenn es stark regnete, fuhr sie dennoch mit dem Fahrrad zur Schule.

Dabei ist das Wort dennoch keine Konjunktion, sondern ein sogenanntes Konjunktionaladverb. Wie eine Konjunktion verbindet es zwei Sätze miteinander, es hat aber die Wortstellung eines Adverbs. Es ist ein Satzglied und kann als solches allein vor der konjugierten Verbform oder im Satzinnern stehen:

Dennoch fuhr sie mit dem Fahrrad zur Schule.
Sie fuhr dennoch mit dem Fahrrad zur Schule.

Zum Vergleich: Mit der Konjunktion obwohl ist dies nicht möglich:

nicht: *Obwohl regnete es stark …
nicht: *Es regnete obwohl stark …

(Vgl. auch Unterschied zwischen Konjunktionaladverbien und Konjunktionen.)

Ein spezieller Fall ist trotzdem. In der Standardsprache ist es wie dennoch ein Konjunktionaladverb. Es hat auch ungefähr die gleiche Bedeutung:

Es regnete stark und trotzdem fuhr sie mit dem Fahrrad zur Schule.
Selbst wenn es stark regnete, fuhr sie trotzdem mit dem Fahrrad zur Schule.

Manchmal wird trotzdem aber auch wie obwohl als Konjunktion verwendet. Es hat dann die gleiche Bedeutung wie obwohl:

Trotzdem es regnete, fuhr sie mit dem Fahrrad zur Schule.
Sie fuhr mit dem Fahrrad zur Schule, trotzdem es regnete.

Diese Verwendung von trotzdem ist aus der Formulierung trotz dem, dass entstanden.

Aber: Nicht alle finden trotzdem im Sinne von obwohl standardsprachlich korrekt. Vorsichtige unter Ihnen verwenden trotzdem deshalb besser nur mit der Bedeutung dennoch. Wenn Sie aber kein Problem mit trotzdem im Sinne von obwohl haben und die eventuelle Kritik, es sei umgangssprachlich, Sie nicht stört, können Sie trotzdem auch als konzessive Konjunktion verwenden. Sie verwenden dann also trotzdem dennoch wie obwohl.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie antichambrieren zum i kam

Heute geht es um ein etwas altmodisches Wort: antichambrieren. Es bedeutete früher, dass man im Vorzimmer, dem Antichambre, einer wichtigen Persönlichkeit wartete, um vorgelassen zu werden. Außer in historischen Büchern und Filmen bedeutet es heute – wenn es überhaupt noch verwendet wird – bei einer Person oder Instanz um Gunst betteln, katzbuckeln (vgl. hier).

Frage

Ein Kollege beharrt, dass man „antechambrieren“ schreiben müsse (weil das die logische Schreibung aufgrund der lateinischen/franzözischen Herkunft sei). Die (korrekte) Schreibung „antichambrieren“ sei völlig widersinnig. Können Sie erklären, warum die Schreibung mit i trotzdem die einzig korrekte zu sein scheint?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

Ihr Kollege hat insofern recht, als das griechische anti im Allgemeinen für gegen steht: antibakteriell, antimilitarisch, Antifaschismus, Antimaterie. Das im Deutschen nur sehr selten vorkommende lateinische Präfix ante hingegen bedeutet vor: antedatieren, antediluvianisch (vorsintflutlich), antezedieren (vorhergehen). Man würde deshalb bei der Bedeutung Vorzimmer tatsächlich eher die Vorsilbe ante als anti erwarten.

Trotzdem heißt es antichambrieren und nicht antechambrieren. Der „Fehler“ ist in Italien zu suchen. Wir haben das Wort antichambrieren aus dem Französischen übernommen. Die Franzosen wiederum haben das Wort antichambre (mit i) im 16. Jahrhundert nach dem italienischen Muster anticamera gebildet. Das i stammt also aus dem Italienischen. Im volkstümlichen Italienisch war die lateinische Vorsilbe ante zu anti geworden und fiel lautlich mit dem aus dem griechischen stammenden anti zusammen. Man findet dieses anti im Sinne von vor in zum Beispiel:

antidiluviano (vorsintflutlich)
anitmeridiano (vormittäglich)
antipasto (Vorgericht)
antibagno (Badezimmervorraum)
anticamera (Vorzimmer)

Die Vorsilbe ante hat übrigens im Italienischen vor allem in eher „gelehrten“ Wörtern ebenfalls überlebt: antefatto (Vorgeschichte), anteporre (voranstellen, vorziehen), anteguerra (Vorkriegszeit).

Das i in antichambrieren stammt also nicht aus dem Lateinischen oder dem Französischen, sondern aus dem Italienischen, wo ante teilweise zu anti geworden ist. Wie man sieht, kann uns die klassische Bildung manchmal auch auf die falsche Fährte bringen.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

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Neue Version der Canoonet-App für das iPhone

Falls Sie ein iPhone besitzen und noch nicht wussten, dass es eine Canoonet-App gibt: Es gibt im App-Store eine Canoonet-App für das iPhone, die es ermöglicht, unsere Wörterbücher und die Grammatik auch offline zu nutzen. Mehr Informationen zur App finden Sie bei Canoo. Sie können die App auch direkt bei iTunes beziehen.

Falls Sie ein iPhone besitzen und die Canoonet-App bereits benutzen: Im App-Store ist jetzt die neue Version 3.2. erhältlich. Neu ist:

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Mehr Informationen zur App bei Canoo.
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Kompositorisches zum Muttertag

Es gibt viele, die davon ausgehen, dass man bei einem zusammengesetzten Wort genauere Angaben über die Bedeutung der Verbindung zwischen den beiden Elementen machen kann. Das ist natürlich gut möglich, aber erst wenn man weiß, was das Wort bedeutet. Wenn wir einem zusammengesetztes Wort wie Muttertag zum ersten Mal begegnen und sonst keine weiteren Informationen zur Verwendung erhalten, können wir nur sagen, dass es sich um einen Tag handeln muss, der in irgendeiner Weise etwas mit einer Mutter oder mit Müttern zu tun hat. Wie das genaue Verhältnis zwischen Tag und Mutter ist, lässt sich nicht sagen, das heißt, die genaue Bedeutung des Wortes lässt sich nicht an der isolierten Form Muttertag ablesen. Ist es der Tag, an dem wir unsere Mutter besuchen,  der Tag an dem eine Frau Mutter wird, der erste oder wichtigste Tag in einer Reihe von Tagen oder ein den Müttern gewidmeter Tag? Nur der Kontext und unsere Kenntnis der „Welt“ sagen uns, dass die letztgenannte Bedeutung die allgemein übliche ist.

Das ist nicht weiter tragisch und führt zu keinem großem Verständigungschaos, denn Wörter kommen nur sehr selten ohne jeglichen Kontext vor. Auch bei Zusammensetzungen, die wir zum allerersten  Mal hören oder lesen, ist dank des Kontextes, in dem sie erscheinen, meistens schnell deutlich was sie (ungefähr) bedeuten.

Anhand von Zusammensetzungen mit dem Wort Mutter an erster Stelle, soll hier kurz gezeigt werden, wie unterschiedlich die Bedeutungsverhältnisse innerhalb von Komposita sein können:

Eine große Gruppe von Zusammensetzungen mit Mutter hat die Bedeutung der/die/das Mutter ist:

Mutterbaum. Mutterpflanze, Muttersau, Mutterschaft, Mutterschwein, Mutterstute, Muttertier, Muttervieh, Mutterwild

Oft ist damit Mutter in einem übertragenen Sinne gemeint:

Mutterboden, Muttererde, Muttergarbe, Muttergesellschaft, Mutterhaus, Mutterkonzern, Muttergestein, Muttergewebe, Mutterhaus, Mutterkirche, Mutterland*, Mutterlauge, Mutterpartei, Mutterschlüssel, Mutterpflanze

Eine weitere große Gruppe sind Komposita, die im weitesten Sinne ein Besitzverhältnis angeben (einer Mutter gehörend). Hier sind auch einige eher verhüllende Verwendungen von Mutter im Sinne von Gebärmutter zu finden:

Mutterbrust, Mutterfreuden, Muttergefühl, Mutterfreude, Mutterherz, Mutterkuchen, Mutterleib, Mutterliebe, Muttermilch, Muttermund, Mutterpflicht, Mutterschoß, Mutterschwester, Muttersöhnchen, Muttertrompete

Und dann kommt eine ganze Reihe von verschiedenen Arten von Bedeutungsverhältnissen:

von der Mutter / über die Mutter
Mutterbild

von der Mutter (erhalten)
Muttermal, Muttersprache, Mutterwitz

mit der Mutter
Mutterbindung

durch die Mutter
Mutterherrschaft

für (anstelle) die Mutter
Mutterersatz, Mutterstelle

für (zum Vorteil) die Mutter
Mutterkreuz, Muttertag, Mutterschutz

in Bezug auf die Mutter
Mutterkomplex, Mutterkult, Muttermord, Mutterrecht

bei der Behandlung von Müttern verwendet
Mutterkorn, Mutterkraut

Allzu strikt ist diese Einteilung übrigens nicht zu verstehen. Sie soll nur zeigen, wie flexibel die Wortzusammensetzung im Deutschen auf der Bedeutungsebene verwendet wird. Ich wünsche allen Müttern, aber auch allen Vätern, Söhnen und Töchtern einen schönen Tag!

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Unter blaustem Himmel wird der Wald immer grüner

Eine häufig diskutierte Frage: die Steigerung von Farbadjektiven.

Frage

Können Farben gesteigert werden?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

Farbadjektive bezeichnen außerhalb von physikalischen und ähnlichen Fachtexten keine absoluten Größen. Farben können eine höhere oder eine niedrigere Intensität haben. Sie können mehr oder weniger der Farbe entsprechen, die wir als „Basisrot“, „Basisblau“, „Basisgrün“ usw. empfinden. Farbadjektive können deshalb in vielen Fällen problemlos gesteigert werden.

Der Himmel wirkt heute noch blauer als in den letzten Tagen.
Der Wald wird jetzt jeden Tag grüner.
Mit einem Quarzgehalt von 99,7% ist es der weißeste Sand der Welt!

Dies gilt auch bei der Verwendung von Farbadjektiven mit übertragener Bedeutung:

der schwärzeste Tag ihres Lebens
H. war einer der braunsten Politiker des Landes.

Nicht gesteigert werden aber in der Regel zusammengesetzte Farbadjektive wie „hellblau“, „flaschengrün“, „graublau“.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Frühlingstag mit blaustem Himmel und strahlendstem Sonnenschein!

Dr. Bopp

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