Archiv für Juni, 2013

Unbeständige Temporaladverbien: Sie sagte gestern, dass sie morgen zahlen werde.

Frage

Diesmal geht es um die indirekte Rede. Temporaladverbien (gestern, heute usw.) werden ja geändert:

Er sagt: „Ich bin gestern nicht in Köln gewesen.“
Er sagt, er sei am Tag zuvor nicht in Köln gewesen.

Wäre es falsch, auch in der indirekten Rede „gestern“ zu schreiben? Mich hätte das absolut nicht gestört…

Antwort

Sehr geehrte Frau I.,

es gibt praktisch keine Regel, die uneingeschränkt gilt. So auch hier. Zeitangaben, die sich unmittelbar auf den Sprechzeitpunkt beziehen, müssen in der indirekten Rede tatsächlich geändert werden – aber nur dann, wenn sie zum Sprechzeitpunkt nicht mehr aktuell sind:

Er sagte am 25. Januar: „Ich bin gestern nicht in Köln gewesen.“
Er sagte am 25. Januar, er sei am Tag zuvor nicht in Köln gewesen.“

Sie hat vor einigen Tagen gesagt: „Ich zahle morgen.“
Sie hat vor einigen Tagen gesagt, dass sie am Tag danach zahle.

Das liegt daran, dass es bei einem Zitat in direkter Rede zwei Sprechzeitpunkte gibt: den Zeitpunkt, an dem zitiert wird, und den Zeitpunkt, an dem das Zitierte gesagt wird. Wenn nun die direkte Rede in die indirekte Rede umgewandelt wird, verliert das Zitierte sozusagen seinen Sprechzeitpunkt. Es gibt nur noch den Sprechzeitpunkt des Zitierens.

Zeitangaben wie gestern, heute und morgen beziehen sich immer unmittelbar auf den Sprechzeitpunkt. Wenn bei der Umsetzung von der direkten in die indirekte Rede ein Sprechzeitpunkt verschoben wird, geschieht es häufig, dass dieser Bezug nicht mehr stimmt. Das morgen am Tag X ist ein paar Tage später nicht mehr morgen, sondern der Tag nach X. Deshalb müssen oben das gestern und das morgen der direkten Rede in der indirekten Rede durch z. B. am Tag zuvor und am Tag darauf ersetzt werden.

Wenn nun aber gestern in der zitierten Aussage der gleiche Tag ist wie gestern zum Zeitpunkt des Zitierens, kann es auch in der indirekten Rede stehen bleiben. Der Sprechzeitpunkt der direkten Rede wird zwar durch den Sprechzeitpunkt des einleitenden Satzes ersetzt, der Tag und somit die zeitlichen Bezüge von heute, gestern und morgen bleiben aber dieselben:

Er hat heute Morgen gesagt: „Ich bin gestern nicht in Köln gewesen.“
Er hat heute Morgen gesagt, er sei gestern nicht in Köln gewesen.

Sie hat heute gesagt: „Ich zahle morgen.“
Sie hat heute gesagt, dass sie morgen zahle.

Temporaladverbien wie heute, gestern, morgen beziehen sich also immer auf den Sprechzeitpunkt, das heißt auf den Zeitpunkt, an dem die Aussage gemacht wird. Manchmal sind der Sprechzeitpunkt der Zitateinleitung und der Zeitpunkt der Zitataussage wie oben fast identisch. Dann muss auch in der indirekten Rede nichts angepasst werden. In allen anderen Fällen ist eine Anpassung der Adverbien notwendig.

So kann es umgekehrt auch vorkommen, dass gestern, heute oder morgen in der indirekten Rede erscheinen, obwohl sie in der direkten Rede gar nie vorkamen. Ich kann zum Beispiel am 25. Juni (und nur an diesem Tag) sagen:

Er hat vor ein paar Tagen gesagt: „Ich werde am 26. Juni kommen.“
Er hat vor ein paar Tagen gesagt, dass er morgen kommen werde.

Ein anderes Beispiel:

Sie sagte gestern:  „Übermorgen werde ich zahlen.“
Sie sagte gestern, dass sie morgen zahlen werde.

Das klingt alles ziemlich kompliziert. Es lässt sich jedenfalls nicht mit einer für alle Fälle geltenden einfachen Regel beschreiben. Solche Bezüge stellen wir zum Glück aber meistens automatisch her, ohne dass wir uns den Kopf über sich verschiebende Sprechzeitpunkte zerbrechen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Zum Unterschied zwischen der Totale und der Illustrierten

Frage

Ich hätte mal wieder eine Frage, die mir Google leider nicht eindeutig beantworten kann. Es geht um die Totale als Einstellungsgröße beim Film. Beispiel: Die Kamera filmt die Begegnung in einer durchgehenden, statischen Totale(n). In dieser Form scheint kein Konsens zu bestehen, ob ein „n“ an die Totale gehängt wird; eine Regel hierzu ist mir leider nicht bekannt.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Wort die Totale als Bezeichnung einer Einstellungsgröße beim Film wird in der Regel wie ein „gewöhnliches“ Substantiv gebeugt. Es heißt also:

die Totale / in einer durchgehenden, statischen Totale

wie zum Beispiel:

die Straße / in einer durchgehenden Straße
die Aufnahme / in einer statischen Aufnahme

Die Beugung in einer … Totalen kommt allerdings auch vor. Das ist nicht einfach dumm und  falsch, sondern wie folgt zu erklären:

Weibliche Substantive, die auf e enden und abgesehen von der Großschreibung mit einem Adjektiv identisch sind, können zwei verschiedenen Beugungsklasse angehören:

Einerseits gibt es mit  -e von einem Adjektiv abgeleiteten Substantive, die wie andere weibliche Substantive gebeugt werden. Zum Beispiel:

die Breite / in der Breite / die Breiten, zwei Breiten
die Ebene / in einer Ebene / die Ebenen, zwei Ebenen
die Kontroverse / in einer Kontroverse / die Kontroversen, zwei Kontroversen
die Zentrale / in einer Zentrale / die Zentralen, zwei Zentralen

Anderseits gibt es substantivierte Adjektive, die auch als Substantive noch wie ein Adjektiv dekliniert werden. Zum Beispiel:

die Illustrierte / in einer Illustrierten / die Illustrierten, zwei Illustrierte
die Krachlederne / in einer Krachledernen / die Krachledernen, zwei Krachlederne

und natürlich viele weibliche Personenbezeichnungen:

die Angestellte / mit einer Angestellten / die Angestellten, zwei Angestellte
die Verdächtige / mit einer Verdächtigen / die Verdächtigen, zwei Verdächtige

Manchmal gibt es beide Beugungen nebeneinander:

das Interesse an der Fremde (an fernen Ländern)
das Interesse an der Fremden (an der fremden Frau)

die Vorteile einer Alternative (einer anderen Lösung)
die Meinung einer Alternativen (einer Frau, die einer Alternativbewegung angehört)

Größere Schwierigkeiten bereitet manchmal eine Gruppe von (meist) Fachwörtern, bei denen der Gebrauch zwischen substantivischer und adjektivischer Beugung schwankt:

a: die Diagonale / mit einer Diagonalen / die Diagonalen, zwei Diagonale
s: die Diagonale / mit einer Diagonale / die Diagonalen, zwei Diagonalen

a: die Parallele / mit einer Parallelen / die Parallelen, zwei Parallele
s: die Parallele / mit einer Parallele / die Parallelen, zwei Parallelen

(Gleiches oder Ähnliches gilt für zum Beispiel: die Horizontale, die Vertikale, die Waagrechte, die Senkrechte, die Variable.)

Es gibt hier also eine gewisse Unsicherheit, weil weibliche Substantive dieser Art zum Teil substantivisch und zum Teil adjektivisch gebeugt werden – und einige sogar nach beiden Deklinationsmustern. Ein Wort wie Totale könnte zu beiden Gruppen gehören, sollte aber (zumindest nach den Angaben in den Wörterbüchern) wie ein Substantiv gebeugt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Vom Glanz und der Pracht, vom Anbieter und vom Abonnenten

Frage

Ich habe eine Frage zum Thema Verschmelzung von Präpositionen und Artikeln […]

Laut Duden können

von einer Verschmelzung […] korrekterweise nur dann mehrere Nominalausdrücke abhängen, wenn diese die gleiche flektierte Artikelform haben:

Man sprach vom (= von dem) Leben und [vom (= von dem)] Erfolg der Ministerin.

Mehrere Nominalausdrücke, deren flektierte Artikelformen unterschiedlich sind, können nicht von einer Verschmelzung abhängen. In diesen Fällen wird die Präposition wiederholt.

Nicht korrekt: Man sprach vom Erfolg der Ministerin und den weiteren Plänen. Richtig: Man sprach vom Erfolg der Ministerin und von den weiteren Plänen. Nicht korrekt: Sie war vom Glanz und der Pracht des Festes wie betäubt. Richtig: Sie war vom Glanz und von der Pracht des Festes wie betäubt.

[Duden, Richtiges und gutes Deutsch, 7. Aufl. Mannheim 2011 (CD-ROM)]

Was aber ist mit Formulierungen wie der folgenden?

Diese wurden vom Anbieter und dem Abonnenten ausdrücklich für richtig erklärt.

Ist das erlaubt?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

hier muss ich etwas weiter ausholen: Die Dudenregel, die sich auf die verschmolzenen Formen bezieht, ist nämlich viel zu strikt formuliert. Es gibt aus meiner Sicht nichts gegen die folgende Formulierung einzuwenden:

vom Glanz und der Pracht (des Festes wie betäubt)

Sie kommt viel häufiger vor als:

vom Glanz und von der Pracht

Ich halte auch die folgenden Formulierungen für richtig:

vom Minister und der Regierung festgelegte Ziele
vom Bund und den Ländern finanziert
vom Bundesrat und der Geschäftspüfungskommission in Auftrag gegeben
die Geschichte vom Hasen und den Ostereiern

Diese Art der Zusammenziehung ist aber nicht immer zu empfehlen. Sie scheint hauptsächlich bei vom üblich zu sein, und zwar dann, wenn die beiden Begriffe relativ eng miteinander verbunden sind. Letzteres ist beim anderen Beispiel im Duden nicht der Fall. Der Erfolg der Ministerin und die weiteren Pläne sind zwei separate Gesprächsthemen. Deshalb besser:

Man sprach vom Erfolg der Ministerin und von den weiteren Plänen.

Bei anderen Präpositionen kommt diese Art der Zusammenziehung weniger vor:

am Rand und an der Seite
besser nicht: am Rand und der Seite

beim Essen und bei der Kleidung
eher nicht(?): beim Essen und der Kleidung

im Kindergarten und in der Schule
besser nicht: im Kindergarten und der Schule

ins Haus oder in den Garten
eher nicht(?): ins Haus oder den Garten

aus Liebe zur Kirche und zu den Menschen
besser nicht: zur Kirche und den Menschen

Die Duden-Regel, die Zusammenziehungen dieser Art grundsätzlich zu verbieten scheint, ist meiner Meinung nach zu stark und zu verallgemeinernd formuliert. Die Situation ist hier viel komplexer. (Ich müsste weiter untersuchen, um wirklich fundierte Aussagen machen zu können.) Die Regel hat allerdings den großen Vorteil, dass man immer richtig formuliert, wenn man sie anwendet.

Es ist auch nicht üblich, die Präposition wegzulassen und nur den Artikel zu nennen, wenn es eine verschmolzene Form gibt:

der Weg führt zum Museum und zur Kirche
besser nicht: zum Museum und der Kirche

der Weg führt zur Kirche und zum Museum
besser nicht: zur Kirche und dem Museum

die Liebe zur Musik und zur Technik
besser nicht: die Liebe zur Musik und der Technik

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich würde in Ihrem Beispielsatz zweimal vom empfehlen, und zwar deshalb, weil auch im zweiten Teil eine verschmolzene Form vorhanden ist:

Diese wurden vom Anbieter und vom Abonnenten ausdrücklich für richtig erklärt.

Ich ginge aber nicht so weit, vom Anbieter und dem Abonnenten als grundsätzlich falsch anzustreichen. Es geht in diesem Bereich oft nicht um „richtig“ und „nicht korrekt“, sondern um „besser“ und „eher nicht“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Schwierigkeiten beim Infinitivgruppenschreiben und beim Infinitivgruppen-richtig-Schreiben

Da es für komplexere Fragen viel zu warm ist (endlich!), gibt es heute wieder einmal ein einfacheres, aber bei vielen häufig eine gewisse Schreibunsicherheit verursachendes Thema: die substantivierte Infinitivgruppe.

Frage

Meine Frage betrifft die Schreibweise von als Substantiv verwendeten Wortgruppen. Wenn sich jemand zum Beispiel ansehen lässt, und man diese Eigenschaft im Satz mit einem vorangestelltem Artikel verwendet, heißt es dann „das Sich-ansehen-Lassen“ oder „das Sich-Ansehen-Lassen“? Das erste Wort dürfte aufgrund der substantivischen Verwendung großgeschrieben werden. Das letzte Wort vermutlich auch. Wie sieht es mit dem Wort in der Mitte aus?

Antwort

Sehrt geehrter Herr S.,

bei substantivierten Infinitivgruppen gilt diese Faustregel: Besteht sie aus nur zwei Teilen, schreibt man zusammen:

das Teetrinken
gemütliches Spaghettiessen
zum Schwimmengehen
beim Schnellfahren
des Sichanpassens

Besteht die substantivierte Infinitivgruppe aus mehr als zwei Teilen, verwendet man Bindestriche*:

das Miteinander-Tee-Trinken
das Nicht-mehr-Weiterwissen
zum Aus-der-Haut-Fahren
des Sich-zu-sehr-anpassen-Wollens

Dabei gilt für die Groß- und Kleinschreibung – und damit sind wir endlich bei Ihrer eigentlichen Frage –, dass die folgenden Teile der Verbindung großgeschrieben werden:

  • das erste Wort der Gruppe
  • der (letzte) Infinitiv
  • ggf. Wörter, die auch sonst großgeschrieben werden (z.B. Substantive)

Bei Ihrem Beispiel ist somit der erste Vorschlag, den Sie machen, korrekt:

das Sich-ansehen-Lassen

So einfach ist es im Prinzip. Die Regeln finden Sie hier und hier. Eine älterer Blogbeitrag zum Thema der substantivierten Infinitivgruppen steht hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Natürlich geht es nicht ohne Ausnahmen. Es hat der Rechtschreibkommission nämlich (unter Zwang?) „behagt“, diese wunderbar einfache Grundregel etwas schwammiger zu formulieren (§ 43 E): „Dies [die Schreibung mit Bindestrich] gilt nicht für übersichtliche Zusammensetzungen mit Infinitiv“. Als dreiteiliges Beispiel wird dort das Inkrafttreten angeführt. Laut Duden ist auch das Zuspätkommen eine solche zusammenzuschreibende Ausnahme.

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Ganz kann ganz schwierig sein

„Das hast du ganz gut gemacht.“ Heißt das nun, dass ich es wirklich sehr gut gemacht habe, oder heißt es, dass ich es nur einigermaßen gut gemacht habe? Für Muttersprachige ist in der Regel sofort klar, welche dieser beiden Interpretationen im konkreten Fall gemeint ist. Für Deutschlernende kann dies aber ziemlich verwirrend sein.

Frage

Ich bin ziemlich fortgeschrittene DaF-Lernerin, habe aber manchmal Fragen zu einigen Feinheiten der deutschen Sprache. Ich wurde mal angewiesen, dass das Wort „ganz“ in der Kombination „ganz gut“ eine andere Bedeutung hat als mit anderen Wörtern (ganz schön, ganz früh etc.). Das bedeute nicht „sehr, sehr gut“ sondern werde eher ironisch gemeint und als „nicht besonders gut“ verstanden. Stimmt es oder nicht?

Antwort

Sehr geehrte Frau Z.,

es stimmt, dass das Adverb ganz nicht nur eine verstärkende Bedeutung, sondern auch eine einschränkende Bedeutung haben kann. Diese recht widersprüchlichen Bedeutungen kann ganz bei allen Adjektiven haben, nicht nur bei zum Beispiel gut. Welches die gemeinte Bedeutung ist, merken geübte Sprecher und Sprecherinnen am Kontext und an der Betonung.

Wenn ganz verstärkend gemeint ist (= sehr, besonders), ist es betont:

Das hast du gánz gut gemacht!
Ich finde das Bild gánz schön, weil die Farben so leuchten.
Wir mussten gánz früh aufstehen, um die Delphine sehen zu können.

Wenn ganz einschränkend gemeint ist (= ziemlich, relativ, eingermaßen), ist es unbetont. Es wird dann häufig von einer einschränkenden Angabe begleitet:

Das hast du ganz gút gemacht, aber du warst auch schon besser.
Dafür dass das Bild eigentlich nicht meinen Geschmack trifft, finde ich es ganz schön.
Ich habe nicht viel Neues gelernt, aber es war doch ganz interessánt.

In der gesprochenen Sprache hilft die Betonung (betont = sehr, unbetont = ziemlich). In der geschriebenen Sprache ist es nicht immer so einfach. Oft hilft dann erst der weitere Satzzusammenhang beim Verständnis, welche Bedeutung von ganz gemeint ist. Und manchmal hilft auch das nichts: Die Interpretation von ganz kann manchmal ganz schwierig sein.*

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Dann hilft beim Schreiben nur das Ausweichen auf eine andere Formulierung, also je nachdem was gesagt werden soll:

Die Interpretation von ganz kann manchmal sehr/wirklich schwierig sein.
Die Interpretation von ganz kann manchmal recht/ziemlich schwierig sein.

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Kein Komma vor „und“?

Das Komma ist eines der komplexesten Phänomene der deutschen Rechtschreibung und bereitet uns entsprechend hin und wieder einiges Kopfzerbrechen. Noch nicht einmal auf eine so einfache Regel wie »Kein Komma vor und« darf man sich blind verlassen. Es ist dann auch nicht erstaunlich, dass immer wieder Fragen zu diesem Thema gestellt werden.

Frage

Hier habe ich zwei Beispielsätze, anhand derer ich ein Kommafrage klären möchte. Ich dachte immer, dass prinzipiell kein Komma vor und steht, aber nun habe ich Zweifel.

1) Mein Vater hatte das Talent, gut zu schreiben[,| und die Fähigkeit, Verlagshäuser davon zu überzeugen.
2) Er ist seit vielen Jahren krank[,] und er muss immer wieder ins Krankenhaus aufgenommen werden.

Antwort

Sehr geehrte Frau N.,

wir haben gelernt, dass vor und im Prinzip kein Komma steht. Das ist aber nicht immer der Fall.

Kein Komma vor und

Die Grundregel gilt auch bei längeren Aufzählungen sowie vor usw. und etc.:

nicht: Sie erhielt ein einen kleinen Globus, eine große Nussschokolade, zwei T-Shirts, ein Etui für ihr Tablet, ein Paar Ohrringe, und das lang ersehnte Hündchen.
sondern: Sie erhielt ein einen kleinen Globus, eine große Nussschokolade, zwei T-Shirts, ein Etui für ihr Tablet, ein Paar Ohrringe und das lang ersehnte Hündchen.

nicht: Er kaufte Tomaten, Zucchini, Auberginen, usw.
sondern: Er kaufte Tomaten, Zucchini, Auberginen usw.

Man trifft des Öfteren Texte an, in denen bei solchen Aufzählungen ein Komma vor und oder usw. steht. Dieses Komma könnte durch die englische Interpunktion beeinflusst sein. Im Deutschen ist es nicht korrekt.

Abschließendes Komma vor und:

Das heißt jetzt aber nicht, dass im Deutschen nie ein Komma vor und stehen darf oder muss. (Das wäre ja viel zu einfach!) Die Regeln sagen nämlich: Zu Nebensätzen, Infintivgruppen, Appositionen und Nachträgen gehörende Kommas müssen auch vor und gesetzt werden. Das klingt umständlich, ist aber relativ einfach, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Eingeschobener Nebensatz:

Sie schaute sich um, ob sie jemanden kannte, und ging wieder weg.
vgl. Sie schaute sich um und ging wieder weg.

Wir hoffen, dass wir die Augabe zu Ihrer Zufriedenheit ausgeführt haben, und wir freuen uns auf einen neuen Auftrag.
vgl. Wir hoffen und wir freuen uns

Eingeschobene Infinitivgruppe:

Mein Vater hatte das Talent, gut zu schreiben, und die Fähigkeit, Verlagshäuser davon zu überzeugen.
vgl. Mein Vater hatte das Talent und die Fähigkeit

Wir sind davon überzeugt, Ihren Kunden interessante Alternativen anbieten zu können, und freuen uns auf ein Gespräch mit Ihnen.
vgl. Wir sind davon überzeugt und freuen uns

Apposition

Ich habe Äpfel, meine Lieblingsfrüchte, und Bananen gekauft.
vgl. Ich habe Äpfel und Bananen gekauft.

Wir grüßen Alois, unseren lieben Freund aus Klagenfurt, und auch seine Frau und Kinder.
vgl. Wir grüßen Alois und auch seine Frau und Kinder.

Selbstständige Sätze:

Ihr zweiter Beispielsatz ist ein anderer Fall. Es handelt sich um die Verbindung von zwei selbstständigen Sätzen. Dabei steht normalerweise kein Komma vor und, es kann aber zur Verdeutlichung des Gesamtsatzes gesetzt werden (Regel):

Er ist seit vielen Jahren krank und er muss immer wieder ins Krankenhaus aufgenommen werden.
Er ist seit vielen Jahren krank, und er muss immer wieder ins Krankenhaus aufgenommen werden.

Er aß nur das Brot und den Kuchen ließ er stehen.
Er aß nur das Brot, und den Kuchen ließ er stehen.

Komma vor und zwar, und das, und dies

Das ist noch nicht alles: Vor ergänzendem und zwar, und das, und dies muss ein Komma stehen:

Die Arbeit muss nächste Woche abgegeben werden, und zwar spätestens am Donnerstag.
Das ist bares Geld wert, und zwar viel.
Sie hat uns sofort geholfen, und das/dies an einem Sonntagmorgen.

—-

Im Prinzip steht vor und kein Komma. Die Beispiele zeigen aber, dass es Gründe gibt, auch vor und (oder, bzw., sowie, als auch) einen Beistrich zu setzen. Wenn Sie das Wichtigste in einer kürzeren Zusammenfassung sehen möchten, ist das möglich, und zwar hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Calvados: kahle Rücken oder Armadaschiff

Im Urlaub schauen viele gerne einmal über die Grenze. So sind auch wir für ein paar Tage über Landes- und Sprachgrenze nach Frankreich gezogen. Dort stand ich vorgestern noch auf dem (oder der) Pont de Normandie, einer eleganten Brücke, die die Mündung der Seine zwischen Le Havre und Honfleur überspannt. Auf einem knapp zwei Meter breiten Trottoir, nur durch einen wenige Zentimeter hohen Betonrand vom mit 90 km/h vorbeirasenden Verkehr getrennt, kann man diese Brücke begehen. Das haben wir uns nicht zweimal sagen lassen. Wenn man irgendwo hinaufsteigen und hinunterschauen kann, ganz egal ob Kirchturm, Leuchtturm, Aussichtsturm, Wolkenkratzer oder eben in diesem Fall eine Brücke, dann muss ich hinauf. Dort stand ich also mehr als fünfzig Meter über der Seine, hielt meine Mütze fest (merke: auf einer hohen Brücke an der Küste ist es nicht windstill!), schaute um und unter mich und dachte: „Mann, ist das hoch!“ Wenn Sie einmal in der Gegend sind und keine Höhenangst haben: Der Pont de Normandie ist das Begehen wert.

In der Mitte der Brücke zeigten Tafeln an, dass wir auf der Grenze zwischen den Departements Calvados und Seine-Maritime standen. Und plötzlich schlug wieder einmal die Berufsdeformation zu: Woher kommt der Name Calvados? Er sieht ja eher spanisch als französisch aus.

Calvados-Schild
Foto Wikipedia Foto P.v.B.

Der Name Calvados, den Liebhaber und Liebhaberinnen destillierter Wässer ja auch als Bezeichnung für den berühmten Apfelbranntwein aus dieser Region kennen, ist nicht typisch für die Normandie. Der Name Normandie geht auf das altfränkische nortman oder das altnordische nordmaðr zurück, die beide Nordmann bedeuten. Es kam im mittelalterlichen Latein ab dem 9. Jahrhundert vor und bezeichnete also das Gebiet der Nordmänner. Die Normandie war von einem Mischvolk besiedelt, das aus vom Norden eingedrungenen Skandinaviern und den ansässigen Franken entstanden war. Natürlich ist wie immer alles viel komplizierter, aber der Name Calvados kam bestimmt nicht mit den Wikingern in diese Region.

Es gibt zwei Erklärungen für den Ursprung des Namens: eine eher realistische und eine eher romantische. Nach der realistischeren, allgemein als wahrscheinlich anerkannten Erklärung stammt der Name von alten Seekarten. Mit dem lateinischen calva dorsa (kahle Rücken) sollen sie von See aus sichtbare kahle, also baumlose Hügel der Gegend angegeben haben. Die romantischere Erklärung sagt, dass der Name von Salvador komme. Salvador war der Name eines Schiffes, das zur „Unbesiegbaren Armada“ gehörte, der Kriegsflotte, die 1588 auf Befehl des spanischen Königs Philipp II. ausfuhr, um England zu erobern. England wurde nicht erobert und die Salvador strandete auf einem Felsen vor der Küste des heutigen Calvados. Über ein paar abenteuerliche Lautverschiebungen soll das Schiff dann Namensgeberin der Gegend geworden sein.

Vom Pont de Normandie aus habe ich beides gesehen: mehr oder weniger baumlose Hügel und einige Schiffe. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet könnten also beide Erklärungen zutreffen, aber auch mir scheint die erste Erklärung (calva dorsa) die wahrscheinlichere zu sein.

Pont de Normandie

So weit der Blick über die Grenze. Die nächsten Beiträge werden sich dann wieder mit „deutscheren“ Themen befassen.

 

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