Schwierigkeiten beim Infinitivgruppenschreiben und beim Infinitivgruppen-richtig-Schreiben

Da es für komplexere Fragen viel zu warm ist (endlich!), gibt es heute wieder einmal ein einfacheres, aber bei vielen häufig eine gewisse Schreibunsicherheit verursachendes Thema: die substantivierte Infinitivgruppe.

Frage

Meine Frage betrifft die Schreibweise von als Substantiv verwendeten Wortgruppen. Wenn sich jemand zum Beispiel ansehen lässt, und man diese Eigenschaft im Satz mit einem vorangestelltem Artikel verwendet, heißt es dann „das Sich-ansehen-Lassen“ oder „das Sich-Ansehen-Lassen“? Das erste Wort dürfte aufgrund der substantivischen Verwendung großgeschrieben werden. Das letzte Wort vermutlich auch. Wie sieht es mit dem Wort in der Mitte aus?

Antwort

Sehrt geehrter Herr S.,

bei substantivierten Infinitivgruppen gilt diese Faustregel: Besteht sie aus nur zwei Teilen, schreibt man zusammen:

das Teetrinken
gemütliches Spaghettiessen
zum Schwimmengehen
beim Schnellfahren
des Sichanpassens

Besteht die substantivierte Infinitivgruppe aus mehr als zwei Teilen, verwendet man Bindestriche*:

das Miteinander-Tee-Trinken
das Nicht-mehr-Weiterwissen
zum Aus-der-Haut-Fahren
des Sich-zu-sehr-anpassen-Wollens

Dabei gilt für die Groß- und Kleinschreibung – und damit sind wir endlich bei Ihrer eigentlichen Frage –, dass die folgenden Teile der Verbindung großgeschrieben werden:

  • das erste Wort der Gruppe
  • der (letzte) Infinitiv
  • ggf. Wörter, die auch sonst großgeschrieben werden (z.B. Substantive)

Bei Ihrem Beispiel ist somit der erste Vorschlag, den Sie machen, korrekt:

das Sich-ansehen-Lassen

So einfach ist es im Prinzip. Die Regeln finden Sie hier und hier. Eine älterer Blogbeitrag zum Thema der substantivierten Infinitivgruppen steht hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Natürlich geht es nicht ohne Ausnahmen. Es hat der Rechtschreibkommission nämlich (unter Zwang?) „behagt“, diese wunderbar einfache Grundregel etwas schwammiger zu formulieren (§ 43 E): „Dies [die Schreibung mit Bindestrich] gilt nicht für übersichtliche Zusammensetzungen mit Infinitiv“. Als dreiteiliges Beispiel wird dort das Inkrafttreten angeführt. Laut Duden ist auch das Zuspätkommen eine solche zusammenzuschreibende Ausnahme.

3 Kommentare

  1. Gerald Fix schreibt:

    Juni 20, 2013 um 17:14

    Diese Ausnahmen scheint es auch umgekehrt zu geben, oder nicht?

    Ein Wort wie „Sicheinlassen“ schreit in meinen Augen danach, „Sich-Einlassen“ geschrieben zu werden. Wenn man es schon schreiben muss …

    Die Leipziger liefern für die beiden Versionen ein 2:2, aber meine Stimme hat das Unentschieden nicht.

  2. Ekatarina schreibt:

    Juni 21, 2013 um 13:16

    Ich bin in den Amtlichen Regeln (Schreibung mit Bindestrich § 43) auf dieses Beispiel gestoßen: das In-den-Tag-Hineinträumen.
    Meines Erachtens ist diese Schreibung nicht ganz richtig, da man in diesem Fall „hinein träumen“ getrennt schreibt: in den Tag hinein träumen.
    Demzufolge muss die Substantivierung so aussehen: das In-den-Tag-hinein-Träumen.

    Mir ist auch in diesem Blogeintrag etwas aufgefallen: das Nicht-mehr-weiter-Wissen.
    Da man laut Duden „weiterwissen“ zusammenschreibt, würde ich die Substantivierung folgendermaßen schreiben: das Nicht-mehr-Weiterwissen.

  3. Dr. Bopp schreibt:

    Juni 22, 2013 um 09:50

    Bei Sicheinlassen handelt es sich um eine zweiteilige Zusammensetzung, die im Prinzip zusammengeschrieben wird. Dies gilt auch für zum Beispiel das Sichausweinen (Duden, Canoonet) oder Sicheinfügen, Sicheinfühlen, Sicheinkapseln, Sicheinkaufen u.a.m. (Duden, bei Definition von Einfügung, Einfühlung, Einkapselung, Einkauf). Der Bindestrich in Sich-Einlassen ist der überaus beliebte »verdeutlichende Bindestrich«, der dann verwendet werden kann, wenn unübersichtliche Wortzusammensetzungen deutlicher gestaltet werden sollen. Dieser Bindestrich wird meiner Meinung nach heute von vielen zu oft verwendet, als falsch bezeichnen würde ich ihn aber nicht.

    Bei weiterwissen / weiter wissen und hineinträumen / hinein träumen geht es um eine ganz andere Frage: das schwierige Thema der Zusammen- und Getrenntschreibung bei Verbverbindungen. Ich bin einverstanden, dass man in der isolierten Formulierung nicht mehr weiterwissen die Verbverbindung weiterwissen am besten zusammenschreibt. Das Beispiel habe ich deshalb oben angepasst. Vielen Dank für den Hinweis! Bei in den Tag hineinträumen würde ich im Zweifelsfall (und das ist es) den Angaben der amtlichen Regelung folgen.