Archiv für August, 2013

Für Babys wie mich

Frage

Wir haben eine Frage zur aktuellen Milupa-Werbung. Dort heißt es wörtlich: „Für lebhafte Babys, wie mich, oder mich, ist Muttermilch …“. Dabei sieht man Babys, die die jeweiligen Satzteile oder Wortfolgen als Schilder vor sich halten. Ich bin der Meinung, ohne eine korrekte Begründung dafür nennen zu können, dass „wie mich“ im Zusammenhang mit der Darstellung hier falsch ist. Ich denke, dass die Babys „wie ich“ auf ihren Tafeln halten müssten […].

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

die Formulierung wie mich in der Werbung des Babynahrungsherstellers ist nicht falsch. Ein mit wie eingeleitetes Attribut (Attribut = nähere Bestimmung) steht im Prinzip im gleichen Fall wie die Wortgruppe, auf die es sich bezieht (vgl. hier):

ein Mensch wie du
ein Baby wie ich
Babys wie ich

für einen Menschen wie dich
für ein Baby wie mich
für Babys wie mich

mit einem Menschen wie dir
mit einem Baby wie mir
mit Babys wie mir

Wenn man nun die einzelnen Schilder zu einem Satz zuzsammenfügt, sieht man, dass die Werbung ganz korrekt formuliert:

Für lebhafte Babys wie mich ist Muttermilch …
Für lebhafte Babys wie mich – oder mich – ist Muttermilch …

Es wäre auch möglich, hier wie ich zu verwenden. Die wie-Gruppe wird dann als verkürzter Vergleichssatz interpretiert (vgl. hier):

Für lebhafte Babys wie ich ist Muttermilch …
= Für lebhafte Babys, wie ich eines bin, ist Muttermilch …

In der Standardsprache wird die Übereinstimmung im Fall (für Babys wie mich) im Allgemeinen vorgezogen. Auch wenn der Werbebranche oft – und manchmal zu Recht – vorgeworfen wird, sie „verhunze“ die Sprache, ist also gegen die Texte dieser süßen schildertragenden Babys zumindest grammatisch nichts einzuwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der Dativus Judicantis

Heute einmal keine Grammatikhürde und keine orthografische Finesse, sondern ein lateinischer Fachbegriff, den Sie auch gleich wieder vergessen können, ohne dass Ihre Deutschkenntnisse darunter leiden: der Dativus Judicantis (oder Dativus Iudicantis).

Frage

Steht der Dativus iudicantis wirklich nur in Verbindung mit Gradpartikeln? Beispiel: „Grammatik lernen ist mir angenehm.“ Oder ist MIR in diesem Fall gar kein D. iudicantis?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

der Dativus Judicantis ist auf Deutsch der Dativ der beurteilenden Person. Er bezeichnet die Person, die ein Urteil abgibt:

Du fährst mir viel zu schnell. = Nach meinem Urteil fährst du viel zu schnell.

Als Dativus Judicantis wird im Allgemeinen nur ein Dativ bezeichnet, der im Zusammenhang mit Gradpartikeln wie zu und genug steht. Weshalb diese Sonderbehandlung? ­– Sätze mit einem Dativus Judicantis haben die besondere Eigenschaft, dass sie nicht mehr grammatisch sind, wenn die Gradpartikel weggelassen wird:

Du fährst mir zu schnell.
nicht: *Du fährst mir schnell.

Das Wasser war den meisten Urlaubern noch nicht warm genug.
nicht: *Das Wasser war den meisten Urlaubern noch nicht warm.

Die Musik war ihm zu laut.
nicht: *Die Musik war ihm laut.

Er war ihr nicht unternehmungslustig genug.
nicht: *Er war ihr nicht unternehmungslustig.

Nur solche „beurteilende Dative“ sind in der Regel gemeint. Es geht also nicht um jeden Dativ, der (im weitesten Sinne) eine berurteilende Person bezeichnet. Im Beispiel Grammatik lernen ist mir angenehm ist mir kein freier Dativ, sondern ein vom Adjektiv angenehm resp. vom verbalen Ausdruck angenehm sein abhängiges fakultatives Dativobjekt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So weit die Antwort an Herrn H. Wenn der Begriff Dativus Judicantis Ihnen (Dativobjekt) nichts sagt, weil er Ihnen (freier Dativ: Dativus Judicantis) zu fachchinesisch klingt, ist mir (Dativobjekt) das alles andere als unbegreiflich. Dieser Satz allein schon zeigt es! Ich hätte aber meinen Beruf verfehlt, wenn ich es nicht doch interessant fände.

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Rund ein Dutzend und ein rundes Dutzend

 Frage

„… präsentierte die Geschäftsführung einem runden Dutzend Vertretern …“

Müsste es nicht heißen: „… rund einem Dutzend …“?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das hängt davon ab, was im Text, den Sie zitieren, genau gesagt werden soll. Beide Formulierungen sind möglich, es gibt aber einen kleinen Bedeutungsunterschied:

rund ein Dutzend = ungefähr/etwa ein Dutzend
ein rundes Dutzend = ein ganzes/volles Dutzend

Ebenso zum Beispiel:

Rund eine Woche ist vergangen = ungefähr eine Woche
Eine runde Woche ist vergangen = eine volle Woche

Sie hat damit rund eine Million verdient = etwa eine Million
Sie hat damit eine runde Million verdient = eine ganze Million

Es hängt also davon ab, ob ein ganzes Dutzend oder ungefähr ein Dutzend gemeint ist, welche der beiden Formulierungen in Ihrem Text stehen sollte.

In vielen Fällen ist das aber gar nicht so wichtig. Ob sie nun ungefähr eine Million oder eine ganze Million verdient hat, macht nicht viel aus; der Nachdruck liegt in einer solchen Aussage gewöhnlich auf eine Million. Ob ich nun eine runde Stunde oder rund eine Stunde über diesem Text gebrütet habe, ist nicht so interessant; eine Stunde ist so oder so (zu) lang.

Das erklärt auch, warum der Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Wendungen beim Formulieren nicht immer streng eingehalten wird und umgekehrt für das Verständnis häufig gar nicht relevant ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn ich du wäre – wenn ich dich wäre

Frage

„Wenn ich du wäre …“
„Wenn ich dich wäre …“

Die Menschen hier in Süddeutschland verwenden letztere Variante mit Vorliebe. Würden Sie bitte, bitte die Freundlichkeit haben und ihnen erklären, weshalb jene nicht richtig ist? Ich wäre Ihnen wirklich unsäglich dankbar – man glaubt mir einfach nicht (das Problem ist eben, daß ich keine grammatikalische Regel „aufsagen“ kann).

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

im südlichen deutschen Sprachraum heißt es umgangssprachlich korrekt:

wenn ich dich wäre

Mit diesem etwas provokativen Anfang möchte ich Sie nur darauf hinweisen, dass es mehr als eine Variante der deutschen Sprache gibt. Worum es Ihnen geht, ist die als Standardsprache bezeichnete Variante – und dann haben Sie recht. Auf gut Standarddeutsch heißt es nur und ausschließlich:

wenn ich du wäre

Das du ist ein prädikativer Nominativ (siehe Prädikativ zum Subjekt). Es heißt ja auch:

wenn ich wer wäre? (nicht: *wenn ich wen wäre?)
wenn ich dein Bruder wäre. (nicht: *wenn ich deinen Bruder wäre)

Analog steht standardsprachlich auch bei den Personalpronomen der Nominativ und nicht der Akkusativ:

wenn ich du wäre
wenn du ich wärst
wenn ich er wäre

Dennoch ist hier in vielen Dialekten und Regionalsprachen der Akkusativ gebräuchlich:

wenn ich dich wäre
wenn du mich wärst
wenn ich ihn wäre

In der Umgangssprache dieser Regionen ist dies eine mindestens gleichwertige, wenn nicht sogar die „richtigere“ Variante. Ich würde deshalb empfehlen, die Leute dort nur dann zu korrigieren, wenn Sie als Lehrerin, Korrektorin, Lektorin oder in einer ähnlichen Funktion auftreten oder wenn Sie gefragt werden, was standardsprachlich als korrekt gilt. Wenn es standardsprachlich wirklich einwandfrei sein soll, heißt es ohnehin besser:

an deiner Stelle

Interessant finde ich weiter, dass die Regionalsprachen mit diesem „Fehler“ nicht allein dastehen. Auch im Englischen heißt es:

if you were me

Die Verwendung des Nominativs I ist ebenfalls möglich, aber if you were I scheint für die meisten Englischsprachigen eher gestelzt zu klingen. Auch in anderen germanischen Sprachen kann Ähnliches beobachtet werden. In zum Beispiel dem Niederländischen und dem Norwegischen steht das Personalpronomen bei dieser Formulierung auch im Akkusativ statt im Nominativ:

als ik jou was
als jij mij was

hvis jeg var deg.
hvis du var meg.

Warum es eine Tendenz gibt, hier den Akkusativ zu verwenden, weiß ich leider nicht. Ich konnte keine Erklärung finden. Es zeigt aber, dass die deutschsprachigen dich-Sagenden nicht die einzigen sind.

Und damit mir nun niemand vorwerfen kann, ich propagiere falsches Deutsch, sei noch einmal gesagt, dass im Standarddeutschen nur der Nominativ als korrekt gilt:

wenn ich du wäre

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Urlaub ab 9. August in Worten

Frage

Ich möchte fragen, wie man diese Daten nur mit Buchstaben ausschreibt:

ab 1. Januar
ab 2. 4.

Es klingt so, als ob man „ab ersten“ sagen würde, aber „ab“ geht mit Dativ, nicht wahr?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

diese Daten könne auf Deutsch in verschiedener Weise in Worten ausgedrückt werden:

Am besten gefällt mir die Variante, bei der man den bestimmten Artikel einfügt und dann den Dativ verwendet:

ab 1. Januar = ab dem ersten Januar
ab 2. 4. = ab dem zweiten Vierten

Es ist aber auch möglich, das Datum ohne Artikel zu verwenden. Dann kann sowohl der Dativ als auch – wie Sie gehört haben – der Akkusativ stehen:

ab 1. Januar = ab erstem Januar / ab ersten Januar
ab 2. 4. = ab zweitem Vierten / ab zweiten Vierten

Mehr zu dieser Verwendung von ab finden Sie in Canoonet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nachtrag

Wenn ich schreibe, dass ich ab 9. August zehn Tage Urlaub habe, können Sie das also auf verschiedene Arten lesen:

Er hat
– ab dem neunten August
– ab neuntem August
– ab neunten August
zehn Tage Urlaub.

Ab 19. August bin ich dann wieder ganz für Sie da.

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Notenbankchefs und Bindestrich-Haarspaltereien

Frage

Eine kurze Frage:

1) US-Notenbank-Chef oder
2) US-Notenbankchef

Ist beides zulässig? Ich bevorzuge Variante 1).

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

wie viele Bindestriche hier benötigt werden, hängt davon ab, was genau gesagt werden soll. Eine dreiteilige Zusammensetzung wie diese (US + Notenbank + Chef) kann auf mehr als eine Art interpretiert werden:

1) der US-Notenbank-Chef = der Chef der amerikanischen Notenbank
2) der US-Notenbankchef = der amerikanische Notenbankchef

Wenn man die Struktur der Zusammensetzung mit Hilfe von Klammern darstellt:

1) [[US-Notenbank]-Chef]
2) [US-[Notenbankchef]]

Auch bei zum Beispiel seinem britischen Amtskollegen sind beide Formulierungen möglich:

1) Mark Carney, der Chef der britischen Notenbank
2) Mark Carney, der britische Notenbankchef

Im ersten Fall wird ein Wort mit einem Bindestrich (US-Notenbank) mit einem weiteren Wort (Chef) kombiniert. Dann schreibt man nach der Regel zwischen allen Teilen der Zusammensetzung einen Bindestrich (US-Notenbank-Chef).

Im zweiten Fall wird eine Abkürzung (US) mit einem weiteren Wort (Notenbankchef) kombiniert. Dann reicht nach der Regel ein Bindestrich (US-Notenbankchef).

Als „allgemeine Berufsbezeichnung“ würde auch ich 1) vorziehen. Das ist aber eine subjektive Einschätzung und die Variante 2) ist keineswegs falsch. Eine präzise Unterscheidung machen zu wollen würde nämlich zu einem ziemlich haarspalterischen Unternehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Dunkle Materie und Dunkelmaterie

Frage

In Physikerkreisen gibt es die Auffassung, es sei besser von „Dunkelmaterie“ zu reden als von „Dunkler Materie“. „Dunkle Materie“ sei im Grunde eine Art ungeschickte Übersetzung von englisch „dark matter“, auf Deutsch müsse nämlich in solchen festen Konstruktionen das Adjektiv mit dem Bezugswort kombiniert werden, siehe „Dunkelwolke“ oder „Dunkelkammer“. Nun heißt es aber auch „Weißer Zwerg“, „Roter Riese“ und „helle Sauce“. Gibt es einen Bedeutungsunterschied zwischen beiden Formen, der erklären würde, wann die Regel (so sie denn existiert) zur Anwendung kommt?

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

es gibt keine Regel, nach der entschieden werden kann, ob es dunkle Materie oder Dunkelmaterie heißen muss. Das Einzige, was mit einiger Sicherheit gesagt werden kann, ist, dass es sich bei Zusammensetzungen von einem Adjektiv und einem Nomen meist um einen festen Begriff handelt. Ein paar Beispiele:

Altbundeskanzler
Dunkelkammer
Fertigprodukt
Gebrauchtwagen
Hochbahn
Normalbenzin

Das Umgekehrte gilt aber nicht: Aus einem Adjektiv und einem Nomen bestehende feste Begriffe müssen nicht als Komposita zusammengeschrieben werden. Einige Beispiele haben Sie selbst schon aufgezählt, andere sind:

der graue Star
das schwarze Schaf,
der goldene Schnitt
Rote Beete
die schwache Deklination
die doppelte Buchführung
die eustachische Röhre
das sekundäre Bewusstsein
das schwarze Loch

Manchmal sind ohne wesentliche Bedeutungsunterschiede beide Formulierungen üblich:

ein direkter Flug –  ein Direktflug
feste Kosten  – Festkosten
der hohe Adel – der Hochadel
die Kommunalwahlen – die kommunalen Wahlen

Der  Ausdruck dunkle Materie ist auch keine grundsätzlich falsche oder „ungeschickte“ Übersetzung aus dem Englischen. Englische Adjektiv-Nomen-Verbindungen können im Prinzip immer auf zwei Arten ins Deutsche übertragen werden. Im Englischen werden Wortgruppen und Komposita, die sich aus einem Adjektiv und einem Nomen zusammensetzen, in der Regel gleich geschrieben: Man schreibt getrennt und das Adjektiv ist zwangsläufig ungebeugt:

Wortgruppe: direkter Flug = direct flight
Kompositum: Direktflug = direct flight

Anhand der Form der englischen Bezeichnung lässt sich also nicht entscheiden, ob im Deutschen eine Wortgruppe oder ein Kompositum vorliegt.

Entscheidend ist also keine grammatische oder orthografische Regel, sondern der Gebrauch. Das englische dark matter wird im Deutschen allgemein als dunkle Materie bezeichnet (fachsprachlich oft auch Dunkle Materie geschrieben, siehe hier). Da dies, wie gesagt, gegen keine Regel verstößt, gibt es keinen zwingenden Grund, dunkle Materie durch das Kompositum Dunkelmaterie zu ersetzen.

Das Wort Dunkelmaterie ist übrigens auch nicht falsch, es ist nur weniger üblich und wird deshalb vielleicht nicht immer auf Anhieb verstanden. Ich persönlich würde deshalb den gebräuchlicheren Begriff dunkle Materie (oder evtl. Dunkle Materie) verwenden. Wenn die Physik aber lieber Dunkelmaterie zum offiziellen Fachwort kürt, ist das natürlich genauso angebracht. Jedes Fach bestimmt seine Terminologie selbst. „Relaxte“ Physikerinnen und Physiker lassen beide Ausdrücke nebeneinander bestehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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