Archiv für September, 2013

Bis einschließlich zum Dritten

Die Wendung bis einschließlich hat es anscheinend in sich. Ich halte sie eigentlich eher für überflüssig (siehe hier, zum Ersten), aber Sie sind natürlich nicht alle damit einverstanden und möchten sie trotzdem verwenden. Dabei kommt es manchmal zu Fragen zum Kasus, der bei bis einschließlich steht (vgl. hier, zum Zweiten). Und wie so oft bei Problemfällen spielt unser aller Lieblingskasus Genitiv eine Rolle – oder eben keine Rolle. Deshalb hier: bis einschließlich zum Dritten:

Frage

Ist in der folgenden Formulierung der Dativ oder der Genitiv richtig?

– bis einschließlich dem 6. Oktober 2013
– bis einschließlich des 6. Oktobers 2013

Ich tendiere wegen „einschließlich“ zum Genitiv.

Antwort

Guten Tag H.,

die Präposition einschließlich verlangt tatsächlich den Genitiv. Nach den Angaben in Wörterbüchern u. Ä. ist einschließlich in dieser Bedeutung aber keine Präposition, sondern ein Adverb. Als Adverb hat es keinen Einfluss auf den Fall der nachfolgenden Wortgruppe, das heißt, es steht hier kein Genitiv. Fallbestimmend ist bis, das allein stehend bei Zeitangaben den Akkusativ verlangt:

bis nächsten Sonntag → bis einschließlich nächsten Sonntag
bis diesen Freitag → bis einschließlich diesen Freitag
bis nächste Woche → bis einschließlich nächste Woche
vom zehnten bis fünfzehnten Oktober → vom zehnten bis einschließlich fünfzehnten Oktober.

Und entsprechend mit oder häufiger ohne Artikel:

bis einschließlich den 6. Oktober 2013
bis einschließlich 6. Oktober 2013 (= bis einschließlich sechsten Oktober 2013)

Man kann sämtliche Fallprobleme übrigens umgehen, indem man das Adverb einschließlich nachstellt:

bis zum sechsten Oktober 2013 einschließlich
bis 6. Oktober einschließlich (= bis sechsten Oktober einschließlich)

So viel zur „grammatisch korrekten“ Antwort. Die Formulierung

bis einschließlich dem 6. Oktober

kommt nämlich trotz des oben Gesagten sehr häufig vor. Sie lässt sich dadurch erklären, dass bis vor einschließlich gleich behandelt wird wie bis zu. Nach bis zu steht der Dativ:

bis zum 6. Oktober → bis zu einschließlich dem 6. Oktober → bis einschließlich dem 6. Oktober

Diese Formulierung kommt bei Datumsangaben so häufig vor, dass man sie eigentlich kaum als falsch bezeichnen kann. Aber vielleicht sollte man sich ohnehin überlegen, ob dieses ziemlich schwerfällig klingende einschließlich nicht besser einfach weggelassen werden kann:

bis zum 6. Oktober 2013

Nach allgemeinem Verständnis ist hier der 6. Okober einbegriffen, auch wenn weder davor noch dahinter einschließlich steht. Aber ich fange an mich zu wiederholen …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Irgendwohin gehen oder irgendwo hingehen

Frage

Schon lange bin ich auf der Suche, was richtig ist. Es geht um folgende Wörter: „irgendwo hingehen“ oder „irgendwohin gehen“ bzw. „nirgendwo“, „überallhin“.

Ich denke, es heißt „irgendwohin gehen“. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es „irgendwo hingehen“ auch gibt.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

in „einwandfreiem“ Standarddeutsch schreiben Sie:

irgendwohin gehen

Die Richtungsadverbien woher und wohin werden allerdings in der gesprochenen Alltagssprache häufig durch die getrennte Variante wo … her und wo … hin ersetzt. Ein paar Beispiele:

Standard: (Gesprochene) Alltagssprache auch:
Woher kommst du? Wo kommst du her?
Wohin gehst du? Wo gehst du hin?
Ich weiß nicht, wohin er gegangen ist. Ich weiß nicht, wo er hingegangen ist.
Ich weiß nicht, woher sie kommt. Ich weiß nicht, wo sie herkommt.
Entsprechend:
Sie sind irgendwohin gegangen. Sie sind irgendwo hingegangen.
Sie könnten überallher kommen. Sie könnten überall herkommen.

Die getrennten Formen kommen häufig vor, aber sie sollten in der geschriebenen Standardsprache vermieden werden (heißt es in den meisten Grammatiken, Stilbüchern usw.).

Auch bei den Formen irgendwohin/irgendwo hin, nirgendwohin/nirgendwo hin, überallhin/überall hin, irgendwoher/irgendwo her usw. sollten entsprechend die zusammengeschriebenen Formen vorgezogen werden. Die folgende Diskussion kommt Eltern von Nachwuchs, der das Kleinkindalter hinter sich gelassen hat, eventuell bekannt vor:

– Ich will irgendwo hingehen.
– Du gehst heute Abend nirgendwo hin!
– Ich kann überall hingehen, wo ich hinwill!
– Ich weiß nicht, wo du diese Ideen herhast.
– Ich werde sie schon irgendwo herhaben.
– Ob sie nun überall oder nirgendwo herkommen, du bleibst hier!

In schriftlicher Standardsprache geben Sie diesen „Gedankenaustausch“ also besser so wieder:

– Ich will irgendwohin gehen.
– Du gehst heute Abend nirgendwohin!
– Ich kann überallhin gehen, wohin ich will!
– Ich weiß nicht, woher du diese Ideen hast.
– Ich werde sie schon irgendwoher haben.
– Ob sie nun überall- oder nirgendwoher kommen, du bleibst hier!.

Ich befürchte allerdings, dass die korrekte Schreibweise in diesem Fall für den Ausgang des Abends völlig irrelevant ist oder, falls sie unvorsichtigerweise erwähnt wird, die Wirkung von ins Feuer gegossenem Öl hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Canoonet-App und iOS 7

Wenn Sie auf Ihrem iPhone oder iPad unbedingt das neue iOS 7 installieren wollen, aber auf keinen Fall auf die Canoonet-App verzichten möchten, kommt hier die „erlösende“ Nachricht: Es funktioniert. Die Version 3.2 der Canoonet-App läuft auch unter iOS 7 problemlos. Auf dem iPad ist die Darstellung sogar besser geworden.

Canoonet offline

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Herbst Moto Cross

Heute ist Sonntag. Der Sonntag ist normalerweise auch für mich ein Ruhetag. Da hier aber heute von Ruhe keine Rede sein kann, greife ich doch kurz zur Tastatur.

Ganz in der Nähe des Wochenendhäuschens findet heute eine alljährliche Veranstaltung statt, bei der Männer – ja, es sind hier nur Männer – auf Motorrädern über Hügel springen und durch Mulden rasen. Das ist natürlich mit viel Lärm verbunden, der dank der in diesem Sinne ungünstigen Windrichtung ausgezeichnet zu hören ist. Das ist nicht weiter schlimm, denn hin und wieder müssen die Männer ihren Spaß haben – und wir gehen heute für den ersten Herbstspaziergang dieses Jahres einfach in die andere Richtung. So ist auch diese Situation ohne Ärger, Proteste und Petitionen gut zu meistern.

Motocross

Damit nun die deutsche Sprache und Rechtschreibung auch noch kurz zum Zuge kommen, sei noch dies erwähnt: Ich werde mich bei den Veranstaltern auch nicht darüber beschweren (es wäre ebenso kleinlich wie sinnlos), dass man nicht

Herbst Moto Cross

schreibt – auch nicht auf Ankündigungen und Ähnlichem – sondern

Herbst-Moto-Cross

oder

Herbst-Motocross

Nach der amtl. Regelung schreibt man nämlich Motocross oder Moto-Cross, und Herbst sollte nicht ganz „ungebunden“ alleine vorangestellt, sondern zumindest mit einem Bindestrich als zur Zusammensetzung gehörig gekennzeichnet werden. Dass die gänzliche Zusammenschreibung Herbstmotocross zwar möglich, aber in diesem Zusammenhang für die meisten der „Betroffenen“ wohl etwas zu viel der Guten wäre, verstehe auch ich. Und Sie haben mittlerweile sicher verstanden, dass ich kein echter Motocross-Fan bin.

Ich wünsche einen schönen ersten Herbstsonntag

Dr. Bopp

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Lass es mich, lass es mir, lass mich mir …

Frage

Heißt es:

a) Lass es mich den ganzen Tag bewusst sein, dass …
b) Lass es mir den ganzen Tag bewusst sein, dass …

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

es hat ein Weilchen gedauert, bis ich sicher war, welche Variante richtig ist. Ein noch etwas längeres Weilchen hat es gedauert, bis mir klar war, weshalb. Nun denn, richtig ist:

Lass es mir den ganzen Tag bewusst sein, dass …

Es folgt nun noch eine Erklärung, die etwas länger und komplizierter ausfällt: Es geht um eine Konstruktion, die Akkusativ mit Infinitiv genannt wird. Sie kommt wie hier bei lassen vor, aber auch bei den Verben hören, sehen, fühlen, spüren und heißen (= befehlen). Das Hauptverb lassen wird mit dem Infinitiv bewusst sein verbunden. Dabei ist der vom Hauptverb abhängige Akkusativ es auch das zum Infinitiv gehörende Subjekt. Die restlichen Satzteile mir und den ganzen Tag gehören zum Infinitivsatz. Also:

Lass es mir den ganzen Tag bewusst sein, dass …
= Lasse zu/Veranlasse, dass es mir den ganzen Tag bewusst ist, dass …

Weitere Beispiele mit dieser besonderen Konstruktion:

Ich arbeite heute zu Hause.
Lass mich heute zu Hause arbeiten.

Er antwortet mir sofort.
Lass ihn mir sofort antworten.

Und dann noch einmal Ihr Satz in einer anderen Form:

Ich bin mir den ganzen Tag bewusst, dass …
Lass mich mir den ganzen Tag bewusst sein, dass…

Das mich, das die Verunsicherung verursacht, hat sich wohl aus dieser Konstruktion eingeschlichen. Zwei ganz ähnliche Formulierungen:

a) Es ist mir bewusst, dass, …
b) Ich bin mir bewusst, dass …

führen zu einem ähnlichen Resultat, wenn sie in einen Akkusativ mit Infinitiv umgewandelt werden:

a) Lass es mir bewusst sein, dass …
b) Lass mich mir bewusst sein, dass …

Die Formulierung mit mich mir finde ich übrigens kein stilistisches Meisterwerk. Allgemein vermieden werden sollten zwei aufeinanderfolgende mich:

Ich freue mich auf das Wochenende.
Lass mich mich auf das Wochenende freuen.

Wie wir gesehen haben, ist das doppelte mich aus rein grammatischer Sicht korrekt. Es ist aber verwirrend und trägt nicht gerade zu einem guten Verständnis bei. Man endet also besser nicht mit einem Akkusativ mit Infinitiv wie diesem:

Lassen Sie mich mich mit freundlichen Grüßen von Ihnen verabschieden

Dr. Bopp

PS: Mehr zum Akkusativ mit Infinitiv und Beispiele mit anderen Hauptverben finden Sie in der Canoonet-Grammatik.

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In kariert, in Kariert oder einach kariert

Wieder einmal eine ganz einfache Frage zur Rechtschreibung, die sich nicht ganz so einfach beantworten lässt:

Frage

Werden folgende Farbbezeichnungen groß- oder kleingeschrieben?

– Die Sofadecke gibt es in Kariert, in Gestreift und in Gemustert.
– Die Sofadecke gibt es in kariert, in gestreift und in gemustert.

kariert gestreift gemustert

Antwort

Guten Tag H.,

auf die Gefahr hin, kleinkariert zu wirken [Verzeihung, ich konnte es einfach nicht lassen], zuerst diese Bemerkung: Das in sollten Sie weglassen:

Die Sofadecke gibt es kariert, gestreift und gemustert.

Das in wird üblicherweise bei Farbbezeichnungen verwendet. Die Adjektive (oder adjektivisch verwendeten Partizipien) kariert, gestreift und gemustert sind keine Farbbezeichnungen. Endungslose Farbadjektive werden häufiger als Substantive verwendet:

ein schönes Blau
dieses Gelb
in einem knalligen Rot
in Grün

Das gilt nicht für die folgenden Adjektive. Es heißt normalerweise nicht:

*ein schönes Kariert
*dieses Gestreift
*in einem bunten Gemustert

(Ich weiß nicht, ob solche Wendungen in der Mode- und Designerbranche vorkommen – diese Bemerkung zeigt, dass ich es mir vorstellen könnte –, aber sie gehören nicht zum allgemeinen Sprachgebrauch.)

Ich kann nicht mit Gewissheit sagen, ob Sie korrekt in gemustert oder in Gemustert schreiben müssen, weil die Formulierung meiner Meinung nach eigentlich nicht richtig ist. Wenn Sie nicht damit einverstanden sind und Sie trotzdem in verwenden wollen oder müssen, würde ich für die Kleinschreibung in kariert, in gestreift, in gemustert plädieren. Die Begründung für die Großschreibung von zum Beispiel in Rot und auf Deutsch ist die amtlichen Regelung § 58 E2:

»Substantivierungen, die auch ohne Präposition üblich sind, werden nach § 57(1) auch dann großgeschrieben, wenn sie mit einer Präposition verbunden werden«

Wie oben gesagt, ist es nicht gebräuchlich, die Adjektive kariert, gestreift und gemustert als Substantivierungen zu verwenden. Sie fallen also nicht unter diese Regel und werden nicht großgeschrieben. Sie sind eher Verbindungen wie gegen bar, von fern oder von privat, die gemäß § 58.3.1 kleingeschrieben werden (vgl. hier). 

Man kann allerdings auch argumentieren, dass die Adjektive in Ihrem Beispiel (ausnahmsweise) wie Farbbezeichnungen verwendet werden und deshalb analog großgeschrieben werden sollten. Auch wenn ich die Kleinschreibung aus den genannten Gründen vorziehe, halte ich diese Argumentation nicht für grundsätzlich falsch.

Eine eindeutige Antwort – außer dass Sie hier in besser weglassen – kann ich Ihnen also nicht geben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Inselfrage

Aus irgendeinem Grund wird Deutschlernenden immer wieder gerne die Verwendung der Präpositionen bei Inselnamen vorgelegt; meist in etwas gar vereinfachter Form. Ganz so eindeutig und einfach, wie viele es gerne hätten, ist es nämlich nicht. Es kommt deshalb immer wieder zu Fragen – und gelegentlich sogar zu erhitzten Diskussionen.

Frage

Ich habe gelernt, dass ich die Präposition „aus“ verwenden muss, wenn ich nach meinem Heimatland gefragt werde: „Ich komme aus Kolumbien, aus Deutschland, aus den USA, aus der Schweiz, usw.“ Aber jetzt sagt jemand, dass nicht die Präposition „aus“, sondern die Präposition „von“ verwenden muss, wenn ich in den Kanarischen Inseln oder in den Philippinen geboren wurde: Ich komme von den Philippinen, von den Kanarischen Inseln. Stimmt es und warum?

Insel

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

die unterschiedliche Wahl der Präpositionen hat damit zu tun, dass man bei Ländern im Allgemeinen das Bild hat, dass man sich innerhalb von ihnen befindet. Bei Inseln hingegen ist das Bild, dass man sich oben auf ihnen befindet:

Wo?
Ich bin in Deutschland / in Österreich / in Spanien.
Ich bin in der Schweiz / in der Türkei / in den Niederlanden.

Ich bin auf Sardinien / auf Sylt.
Ich bin auf der Mainau / auf den Kanarischen Inseln.

Bei Richtungsangaben wird es komplizierter. Hier muss man zwischen Namen mit Artikel und Namen ohne Artikel unterscheiden:

Wohin?
Ich fahre nach Deutschland / nach Österreich / nach Spanien.
Ich fahre in die Schweiz / in die Türkei / in die Niederlande.
Ich fahre in das schöne Österreich.

Ich fliege nach Sardinien/ nach Kreta.
Ich fahre auf die Mainau / auf die Kanarischen Inseln.
Ich fliege auf das schöne Sardinien.

Bei Herkunftsangaben machen die Grammatiken keine Angaben mehr.  Entsprechend(?) ist die Unterscheidung nicht mehr so streng. Es gilt im Allgmeinen:

Woher?
Ich komme aus Deutschland / aus Österreich / aus Spanien.
Ich komme aus der Schweiz / aus der Türkei / aus den Niederlanden.

Ich komme aus Sardinien / aus Kreta / aus dem schönen Sardinien.**
Ich komme von/(aus) den Antillen / von/(aus) den Kanarischen Inseln.

Die „Grundregel“ ist also schon recht kompliziert. Es halten sich auch lange nicht alle immer daran, und nicht immer sind dies einfach „Leute, die kein Deutsch können“. Wenn eine Insel nämlich als Land oder größere Verwaltungseinheit gesehen wird, können die Präpositionen wie bei Ländern auf dem Festland verwendet werden, ohne dass man gleich von einem Regelverstoß sprechen muss. Es geht dann weniger um die geografische Gestalt als um die politische Verwaltungseinheit. Zum Beispiel:

die Menschenrechtssituation auf Jamaika oder in Jamaika
arbeitslos auf Grönland oder in Grönland

Autofahren auf den Philippinen oder in den Philippinen
von den Philippinen kommen oder aus den Philippinen kommen

Wenn eine Insel ein ganzer Kontinent ist, verschwindet das „Inselgefühl“ sogar ganz. Es heißt immer

in Australien
nach Australien
aus Australien

Ich hätte es gerne einfacher gehalten, aber ganz so eindeutig, wie einige es behaupten, ist die Situation in dieser Inselfrage leider(?) nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Je kleiner und deutscher die Insel, desto stärker offenbar die Tendenz, hier von zu verwenden:

Ich komme von/(aus) Sylt

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So, da wären wir

Es ist nicht erstaunlich, dass Deutschlernende sich bei einer Aussage wie derjenigen im Titel wundern, weshalb die Konjunktivform wären steht. Erstaunlich ist eigentlich eher, dass Muttersprachige sich nicht darüber wundern.

Frage

Why is Konjunktiv II preferred in this sentence: „Da wären wir“? This is the statement of someone who arrives at his/her destination, for instance in a taxi on the way home.

Warum wird in diesem Satz der Konjunktiv II bevorzugt: „Da wären wir“? Es ist die Aussage einer Person, die an ihrem Ziel angekommen ist, zum Beispiel in einem Taxi auf dem Weg nach Hause. [Antwort unten nur auf Deutsch]

Antwort

Sehr geehrte Frau E.,

in diesem Satz steht tatsächlich der Konjunktiv II:

So, da wären wir.

Es ist aber auch möglich, den Indikativ zu verwenden, ohne dass sich die Grundaussage wesentlich ändert:

So, da sind wir.

Die Hauptfunktion des Konjunktivs II ist es, mögliche, angenommene, nur gedachte, aber nicht reale Sachverhalte auszudrücken. Zum Beispiel:

Es wäre schön, wenn es so wäre.
An deiner Stelle wäre ich vorsichtig.
Wenn wir nur schon dort wären!

Im Satz, den Sie zitieren, ist der Sachverhalt aber nicht irreal, sondern ganz wirklich: „Wir“ sind tatsächlich am Zielort angekommen. Es geht hier um eine Verwendung des Konjunktivs II in Sätzen, die ein Resultat ausdrücken, das man meist mit einiger Mühe erreicht hat. Dieser besondere Konjunktiv II wird also nur bei Feststellung der folgenden Art verwendet (vgl. hier):

Da wären wir.
Das wäre geschafft!
Das hätten wir (endlich)!
Damit wäre die Lieferung komplett.

Die Sätze könnten auch im Indikativ stehen, es würde ihnen aber etwas fehlen: Je nach Betonung klingt hier mit dem Konjunktiv II ein kleiner Seufzer der Erleichterung oder ein zufriedenes Aufschnaufen durch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Es kann einem auch ohne es kalt sein

Frage

Meine Bekannte, eine Germanistin von der […], behauptet, richtig sei nur „Es ist mir kalt“ oder „Mir ist es kalt“. „Mir ist kalt“ lehnt Sie eindeutig ab, aber viele sprechen doch so. Wie sehen Sie das?

Antwort

Seht geehrter Herr E.,

es gibt eine Art Grundregel, die sagt, dass ein deutscher Aussagesatz ein Subjekt hat. Wenn man diese Regel anwendet, ist die Formulierung

Mir ist kalt.

falsch, weil sie kein Subjekt hat, noch nicht einmal ein rein formales. Die Sätze

Mir ist es kalt.
Es ist mir kalt.

hingegen verstoßen nicht gegen diese Regel, denn sie haben ja das formale Subjekt es. Ich vermute, dass Ihre Bekannte den ersten Satz aus diesem Grund ablehnt.

So weit, so gut. Es gibt natürlich keine Regel ohne Ausnahme. Einige Verben und verbale Wendungen, die ein unangenehmes Empfinden bezeichnen, können ohne dieses unpersönliche es, das heißt ohne Subjekt verwendet werden. Zum Beispiel:

Mich friert schon den ganzen Tag.
Ihm graute vor der Prüfung.
Mir schaudert vor den Konsequenzen.
Bei diesem Anblick wurde ihr übel.
Mir ist/wird ganz schlecht.
Mir ist kalt/warm.
Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt.

In all diesen Sätzen kann ein unpersönliches es als formales Subjekt eingesetzt werden, es muss aber nicht eingesetzt werden. Beispielsätze wie mir ist kalt, ihr ist kalt finden sich auch in vielen Wörterbüchern (zum Beispiel: Duden, DWDS, Wahrig, Pons).

Weiter kommen subjektlose Sätze bei Passivkonstruktionen mit intransitiven Verben mit einem Objekt vor. Das klingt ziemlich kompliziert. Zwei, drei Beispiele können hier deshalb sicher erhellend sein:

Dem Manne kann geholfen werden.
Auf deine Hilfe wird gerechnet.
Der Opfer wurde in der Kirche gedacht.

Ebenfalls ohne Subjekt:

Mit ihm ist nicht zu spaßen.
Dir ist nicht mehr zu helfen.

Subjektlose Sätze kommen im Deutschen also vor. Sie sind zwar eine Ausnahme, aber es gibt keinen Grund, die weit verbreitete Formulierung Mir ist kalt als falsch zu bezeichnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Von Krieg zu Wortgefecht: Duell

Aus aktuellem Anlass: Duell. Während Frau Merkel und Herr Steinbrück einander bei einem Anlass gegenüberstehen, der als TV-Duell angekündigt wurde, habe ich mich gefragt, woher das Wort Duell kommt. Wenn das sehr politisch uninteressiert klingt, liegt das vor allem daran, dass ich ohne Pass mit Bundesadler natürlich nicht an den Bundestagswahlen teilnehmen kann. So interessant das Duell auch ist – oder nicht ist –, ich muss mir keine Meinung bilden, wem ich meine Stimme geben soll. Ich erlaube mir deshalb, kurz die wortgeschichtliche Neugier vorgehen zu lassen.

Woher kommt also Duell? Ganz einfach: Wie so viele Wörter, haben wir auch dieses aus dem Französischen übernommen. Sein Ursprung ist lateinisch, frühlateinisch sogar. Duellum ist ein altes lateinisches Wort für Krieg. Es ist ein Vorläufer von bellum, dem klassischen Wort für Krieg, und blieb lange als Nebenform bestehen. Bereits in spätlateinischer Zeit wurde seine Bedeutung dann in Anlehnung an duo = zwei volksetymologisch zu Zweikampf umgedeutet. In diesem Sinne kennen wir es vor allem im Zusammenhang mit sich duellierenden Edelleuten in historischen Romanen und Kostümfilmen und natürlich von den Westernhelden und -bösewichten, die sich in entsprechendem Dekor zum Duell treffen. Daneben hat sich in heutiger Zeit auch die übertragene Bedeutung Wortgefecht herausgebildet. Heute Abend wird also im besagten Programm nicht Krieg geführt, es werden keine Degen gekreuzt und es wird nicht mit Pistolen aufeinander geschossen. Es geht „nur“ um Worte. Und das ist gut so.

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