Archiv für November, 2013

Das frustrierende Eichhörnchen

Frustrierend sind Eichhörnchen nicht etwa als Tiere. Ich habe soeben wieder zwei dieser nervös-quirligen Kletterer im Garten beobachtet. Der Weg von der Ecke des Waldes, in dem sie wohnen, zum Nussbaum im Nachbargarten führt über den Zaun und die Hecke am Rande unseres Gartens. Bei uns heißt diese Strecke im Herbst „die Eichhörnchenroute“ und an besonders verkehrsintensiven Tagen „die Eichhörnchenschnellstraße“. Es ist immer wieder ein schöner, erheiternder Anblick. Nein, frustrierend sind diese Tierchen wirklich nicht (auch wenn ich zu meinem großen Erstaunen kürzlich herausgefunden habe, dass sie nicht nur Nüsse fressen, sondern – wie unpassend zum niedlichen Äußeren! – im Frühling auch Jungvögel nicht zu verschmähen scheinen).

Bild: Wikimedia

Frustrierend finde ich zurzeit gerade Eichhörnchen als Wort. Ich wollte nämlich herausfinden, woher es kommt. Wie wohl die meisten von uns bin ich davon ausgegangen, dass  Eich- vom Baum namens Eiche stammt. Mich interessierte also vor allem die Herkunft des zweiten Wortteils: Was haben die Nager mit Hörnchen zu tun? Vielleicht die spitzen Öhrchen, der gekrümmte Schwanz? Weit gefehlt! Die Antwort lautet: rein gar nichts.

Nach Kluge, „Etymologisches Wörterbuch der Deutschen Sprache“, 24. Auflage, 2002, kommt Eichhörnchen von germanisch „aikurna“. So weit, so gut. Dann wird es furchtbar kompliziert. So kompliziert, dass ich Ihnen den entsprechende Text für einmal nicht vorenthalten will:

Der vorausliegende nordeuropäische Name ist *woiwer-, wobei in der ersten Silbe auch ē oder ā erscheint. Morphologisch handelt es sich wohl um eine Intensiv-Reduplikation oder eine Vriddhi-Bildung zu einer einfachen nominalen Reduplikation(bei der i oder e denkbar wäre). Vgl. lit. vėverìs f., vaiveris m., voverìs f., aruss. věverica, kymr. gwiwer, nir. georog und mit leicht abweichender Bedeutung l. vīverra f. »Frettchen«. Das germanische Wort unterscheidet sich von diesen in einer auch sonst bezeugbaren Veränderung von inlautendem w zu g. k und im Fehlen des Anlauts w- (was möglicherweise mit nir. (reg.) iora eine Parallele hat. Vorauszusetzen ist also (ig.) *(w)oiwr-.

Am Anfang habe ich mir noch Mühe gegeben, aber spätestens bei „eine Vriddhi-Bildung“ ist bei mir dann Schluss mit Verstehen. Ganz am Ende wird es zum Glück aber wieder einfacher:

Weitere Herkunft unklar. Die sekundäre Umgestaltung im Deutschen zu -horn, -hörnchen (schon seit spätalthochdeutscher Zeit) hat in neuerer Zeit zu der Ablösung Hörnchen für die ganze Famile dieser Tiere geführt (Flughörnchen usw.).

Das Eichhörnchen hat also ursprünglich nichts mit Eiche und nichts mit Horn oder Hörnchen zu tun. Womit es sonst zu tun hat, weiß ich immer noch nicht: „Weitere Herkunft unklar.“ Frustrierend.

Lustig finde ich allerdings, dass sich der Volksmund so viel Unklarheit nicht gefallen ließ und einfach wie folgt uminterpretierte: Eichhorn = Eiche + Horn. Das führt zum halbwegs deutbaren und entsprechend einfacher zu hantierenden Namen Eichhörnchen und letztlich sogar zur Bezeichnung Hörnchen für eine ganze Tierfamilie. Als Beispiel für ein Phänomen, das man Volksetymologie nennt, ist Eichhörnchen also gar nicht so frustrierend.

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Angela Merkels Mobiltelefon im Genitiv

Frage

In einem Blogbeitrag von Kristin Kopf auf dem Sprachlog erwähnt sie kurz folgende Genitiv-Konstruktion, die in der Zeit abgedruckt worden war, und gab mir den Tipp, mich mit meinen Fragen an Sie zu wenden:

[sie] verlangte, die mutmaßliche Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons im Bundestag zu thematisieren.

Meine Frage dazu: Ist diese Konstruktion grammatikalisch korrekt? In der gesprochenen Sprache ist mir Vergleichbares bisher noch nicht begegnet. Warum nicht? Weil es unelegant klingt oder weil es wirklich formal falsch ist?

Antwort

Guten Tag A,,

diese Formulierung fällt nicht nur Ihnen auf. Warum? Es geht hier einerseits um das Sprachsystem und andererseits darum, was üblich ist. Nach dem Sprachsystem ist es nicht grundsätzlich ausgeschlossen, Genitive in dieser Weise anzuhäufen. Eine Wortgruppe mit einem vorangestellten Genitivattribut wie diese:

Angela Merkels Mobiltelefon

kann im Prinzip in den Genitiv gesetzt werden:

die Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons

Ebenso zum Beispiel:

Annas kleines Kaninchen
der Käfig Annas kleinen Kaninchens

Oder als Genitivobjekt:

Konsulin Müllers verstorbener Bruder
Sie gedachten Konsulin Müllers verstorbenen Bruders.

In der heutigen (Standard-)Sprache wird aber vermieden, Wortgruppen mit einem vorangestellten Genitivattribut im Genitiv zu verwenden. Solche Formulierungen sind wahrscheinlich etwas zu verschachtelt und zu „genitivlastig“. Sie entsprechen jedenfalls nicht dem heutigen Sprachgebrauch. Üblicher ist es, zum Beispiel wie folgt zu formulieren:

die Ausspähung des Mobiltelefons von Angela Merkel
die Ausspähung des Mobiltelefons der Bundeskanzlerin

der Käfig von Annas kleinem Kaninchen
der Käfig des kleinen Kaninchens von Anna

Sie gedachten des verstorbenen Bruders von Konsulin Müller.

Wenn ich doch noch irgendwo „Doppelgenitive“ dieser Art entdecke, denke ich immer, dass es dem Autor oder der Autorin vor allem darum ging, eine Formulierung mit von zu vermeiden. Es wird ja immer wieder gesagt, dass der Genitiv furchtbar bedroht sei und dass die Formulierung mit von anstelle des Genitivs furchtbar schlechtes umgangssprachliches Deutsch sei. Um eine vermeintlich schlechte Formulierung zu vermeiden, wird dann auf eine in meinen Augen wirklich schlechte ausgewichen. Ich glaube nicht, dass  Formulierungen wie Angela Merkels Mobiltelefons irgendjemandem spontan aus der Tastatur fließen.

Kurz zusammengefasst: Formulierungen wie diese sind nicht grundsätzlich falsch, aber nicht üblich.

Und weil es keine Ausnahme ohne Ausnahmen gibt, sei noch Folgendes erwähnt: Nach Präpositionen, die den Genitiv verlangen, kommt diese Art der Kombination von zwei Genitiven etwas häufiger vor:

während Angela Merkels morgendlicher Regierungserklärung
aufgrund Berlusconis enormen Reichtums
wegen Karls guter Figur

Es gäbe hierzu noch vieles zu sagen (wie immer, wenn es um den Genitiv geht), aber ich befürchte, dass Sie dann Dr. Bopps langen Kommentars überdrüssig würden. Nein, Dr. Bopps Kommentars überdrüssig werden kann zwar passieren, aber so formuliert klingt es mindestens ebenso sonderbar wie die Ausspähung Angela Merkels Mobiltelefons.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das hartnäckige »zu«

Sprachökonomie (≈ etwas mit möglichst wenig Aufwand sagen) heißt unter anderem, dass vieles weggelassen statt wiederholt wird. Vieles kann und sollte auch weggelassen werden, aber es ist nicht immer möglich. 

Frage

„Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und organisieren.“ Meines Erachtens müsste es heißen: „… zu koordinieren und zu organisieren.“ Was ist richtig und wie lässt sich das begründen?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

Sie haben recht. Das zweite zu darf nicht weggelassen werden. Wenn Wörter in einem Satz wiederholt werden, ist es oft möglich und auch anzuraten, sie einmal wegzulassen:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und die Veranstaltung zu organisieren.

Problemlos ist hier das Weglassen des Akkusativobjekts die Veranstaltung. Es ist nicht nur gut möglich, diese Wortgruppe wegzulassen, es ist stilistisch sogar viel besser, sie beim zweiten Verb nicht noch einmal zu nennen:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und zu organisieren,

Es ist viel ökonomischer, etwas nicht zwei- oder sogar dreimal zu erwähnen, wenn dies nicht notwendig ist. Wir lassen deshalb in unserem täglichen Sprachgebrauch andauernd Satzteile, Wörter und Wortteile weg. Zum Beispiel (Weglassbares in eckigen Klammern):

Mein Laptop ist alt und [mein Laptop] sollte ersetzt werden.
Die Firma bestellt [ihn] und bezahlt ihn.
Ich finde das eine gute Idee, die Firma [findet das] vielleicht eher nicht [eine gute Idee].
Ich muss mich einmal aufraffen und [ich muss einmal] nachfragen.

Vieles kann und wird also weggelassen. Es gibt aber ein paar Ausnahmen. Zu diesen nicht weglassbaren Wörtern gehört das zu, das bei einem Infinitiv steht. Wenn mehrere Infinitive in einem Satz vorkommen, muss das zu bei jedem Verb wiederholt werden:

Es begann zu stürmen und zu regnen.
Wie ist es, berühmt zu sein und viel Geld zu verdienen?
Nutzen Sie die Zeit, um das restliche Gemüse zu waschen, zu schälen und zu schneiden.

Und eben:

Die Firma wurde beauftragt, die Veranstaltung zu koordinieren und zu organisieren.

In all diesen Sätzen können die fett hervorgehobenen zu nicht weggelassen werden. Weitere Beispiele dazu, was nicht weggelassen werden kann, finden Sie in der Canoonet-Grammatik.

Warum genau dieses zu nicht wegfallen darf, weiß ich leider nicht. Viel mehr, als dass es offenbar ein hartnäckiges kleines Wörtchen ist, kann ich dazu nicht sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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In die oder in der Akte notieren

Schon wieder die Wechselpräpositionen! Wer sie im Griff hat, wundert sich vielleicht, aber sie geben häufig zu Fragen Anlass. Deshalb hier gleich noch eine Frage zu diesem Thema. Verben wie notieren in Frau W.s Frage lassen nämlich auch mich immer wieder zweifeln.

Frage

Ich bin mir gerade sehr unsicher, welche der folgenden Varianten richtig ist: „in die Akte notieren“ (wie „in die Akte schreiben“) oder „in der Akte notieren“ (wie „in der Akte vermerken/festhalten“)? Oder geht beides?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

die Antwort geben Sie bereits selbst: Beide Varianten sind möglich und richtig:

in der Akte notieren  – wo aufschreiben?
in die Akte notieren – wohin  schreiben?

Im Dativ (in der Akte) ist die Akte der Ort des Schreibens. Im Akkusativ (in die Akte) ist die Akte der Zielort des Geschriebenen. Oder so. Es ist immer schwierig, diese Unterschiede in eindeutige und leicht verständliche Worte zu fassen. Es gibt einen Bedeutungsunterschied, aber sehr oft sind beide Sehensweisen und somit sowohl der Dativ als auch der Akkusativ möglich. Zum Beispiel:

Ich notiere die Adresse schnell in meiner Agenda.
Ich notiere die Adresse schnell in meine Agenda.

Das Verb notieren ist übrigens bei Weitem nicht das einzige Verb, bei dem sowohl eine statische Ortsangabe im Dativ als auch eine dynamische Zielangabe im Akkusativ stehen können. Hier noch ein paar Beispiele, weil es so schön ist:

ein Schild an die Fassade anbringen
ein Schild an der Fassade anbringen

Rouge auf die Wangen auftragen
Rouge auf den Wangen auftragen

sich in ein neues Gebiet einarbeiten
sich in einem neuen Gebiet einarbeiten

die Stiefmütterchen in das Beet einpflanzen
die Stiefmütterchen im Beet einpflanzen

die Schnapsflasche in den Schrank einschließen
die Schnapsflasche im Schrank einschließen

das Bücherregal an die Wand montieren
das Bücherregal an der Wand montieren

sich auf den Sitzsack niederlassen
sich auf dem Sitzsack niederlassen

die Beute in große Kisten verpacken
die Beute in großen Kisten verpacken

ins Nichts verschwinden
im Nichts verschwinden

sich unter das Bett verstecken
sich unter dem Bett verstecken

u. a. m.

Nicht immer sind beide Fälle gleich üblich. Beim letzten Beispiel, verstecken, ist der Akkusativ zwar möglich, aber üblich ist vor allem der Dativ.

Nicht immer sind bei allen Bedeutungen eines Verbs beide Fälle möglich. So kann man sich auf einem oder auf einen Sitzsack niederlassen, aber in übertragenem Sinne kann man sich nur in einem Land niederlassen.

Nicht immer ist der Bedeutungsunterschied so gering wie anfangs gesagt. Ein schönes Beispiel ist verteilen:

Die Schüler verteilen sich in ihre Klassen (sie gehen in ihre jeweilige Klasse)
Die Schüler verteilen sich in ihren Klassen (sie setzen sich in ihrer jeweiligen Klasse auseinander)

Ganz so einfach, wie die Grundregel vermuten lässt, sind die Wechselpräpositionen also nicht. Vieles ist nicht über einfache Regeln ableitbar. Was das eigene Sprachgefühl nicht spontan eingibt, muss man sich ins Gedächtnis einprägen – oder etwa im Gedächtnis einprägen?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Im oder ins Restaurant essen gehen

Die sogenannten Wechselpräpositionen (Präpositionen, die mit dem Akkusativ und mit dem Dativ stehen können) haben es hin und wieder in sich. Manchmal sogar beim Restaurantbesuch. Was für Deutschlernende schwierig sein kann, ist für Muttersprachige meist problemlos – bis in gewissen Fällen eine einigermaßen einleuchtende Erklärung gefunden werden sollte. Hier wieder einmal ein Fall, in dem es mehr als eine korrekte Formulierung gibt:

Frage

Ich bin auf Zusammensetzung mit dem Verb „gehen“ gestoßen, die mir Schwierigkeiten bereitet. Hier zwei Beispiele, die ich gefunden habe:

essen gehen: Ich würde lieber abends in einem guten Restaurant essen gehen.
baden gehen: Nach der Arbeit gehen wir im See baden.

Meine Frage: Warum „in einem guten Restaurant“ und „im See“ und nicht „in ein gutes Restaurant“ und „in den See“? Für mich verlangt das Verb „gehen“ den Akkusativ und nicht den Dativ. Denkt man vielleicht bei dieser Konstruktion nicht an das Verb „gehen“, sondern an die Verben „essen“ und „baden“?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

bei Konstruktionen dieser Art sind sowohl der Dativ als auch der Akkusativ möglich. Welcher Fall in Ihren Beispielen steht, hängt davon ab, welche Konstruktion verwendet wird:

a) gehen, um irgendwo etwas zu tun:
Wo esse ich? – Ich esse im Restaurant.
Wo bade ich? – Ich bade im See.

b) irgendwohin gehen, um etwas zu tun
Wohin gehe ich? – Ich gehe ins Restaurant.
Wohin gehe ich? – Ich gehe in den See. (vgl. Bemerkung unten)

Sie haben den Unterschied also richtig erkannt. Im ersten Fall ist die mit in eingeleitete Wortgruppe von essen resp. baden abhängig. Im zweiten Fall ist sie von gehen abhängig.

Oft sind ohne größeren Bedeutungsunterschied beide Konstruktionen möglich:

a) Ich gehe in einem guten Restaurant essen.
b) Ich gehe in ein gutes Restaurant essen.

a) Wir gehen im See baden
b) Wir gehen in den See baden (meist eher: Wir gehen an den See baden).

Bei der Verwendung des Akkusativs (b) wird mehr betont, dass man sich irgendwohin begibt, um etwas zu tun. Bei der Verwendung des Dativs (a) wird der Ort, an dem etwas getan wird, stärker hervorgehoben. Sie können also – und hier folgt für alle, die es bereits vermisst haben, dás Standardbeispiel – sowohl im Supermarkt als auch in den Supermarkt einkaufen gehen. In beiden Fällen begehen Sie keinen Verstoß gegen die deutsche Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wie wird durchabfertigen konjugiert?

Herr P. hatte eine Frage zu einem Verb, das modernes Reisen erheblich vereinfacht – falls alles klappt: durchabfertigen (bei Umsteigen oder Unterbrechung der Reise bis zum Endziel abfertigen).

Frage

In einer Diskussion bin ich auf das Verb „durchabfertigen“ gestoßen. Es geht darum, wie es konjugiert wird: „ich durchabfertige“, „ich abfertige durch“ oder vielleicht „ich fertige durch ab“?

Wenn man das Wort mit Verben wie „wiederherstellen“ und „miteinbeziehen“ vergleicht, so ist „ich fertige durch ab“ naheliegend, ähnlich wie „ich stelle wieder her“ und „ich beziehe mit ein“. Allerdings klingt es in meinen Ohren doch falsch. […] Wie lässt sich dieser Unterschied erklären?  Warum ist „ich stelle wieder her“ akzeptabel, „ich fertige durch ab“ aber nicht (sofern nicht nur ich das so sehe)?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

das Verb durchabfertigen könnte als direkte Übersetzung von check through oder als Rückbildung von Durchabfertigung entstanden sein. Genaue Angaben dazu habe ich leider nicht. Entstanden ist jedenfalls ein sehr ungewöhnliches Verb mit zwei im Prinzip abtrennbaren Teilen: durch+ab+fertigen.

In Anlehnung an ähnliche Konstrukte wie miteinbeziehen (ich beziehe etwas mit ein) und wiederherstellen (ich stelle etwas wieder her), müssten die finiten Hauptsatzformen von durchabfertigen lauten: ich fertige etwas durch ab.

Diese Form kommt aber nicht nur Ihnen und mir äußerst seltsam vor, sondern offenbar allen Sprachbenutzern. Sie wird (vorläufig?) nicht gebraucht. Durch diese Unsicherheit beim Gebrauch gehört durchabfertigen zu den Verben, die nur im Infinitiv und im Partizip gebräuchlich sind:

durchabfertigen, durchabzufertigen
durchabgefertigt

sowie eventuell die zusammengeschriebenen Nebensatzformen:

Möchten Sie, dass ich Ihr Gepäck durchabfertige?

Damit steht durchabfertigen keineswegs alleine da. Von beispielsweise den folgenden Verben sind ebenfalls nur die zusammengeschriebenen Wortformen üblich: bergsteigen, gegensprechen, punktschweißen, rückerstatten, seiltanzen, weitspringen.

Ein Unterschied zwischen einerseits dúrchabfertigen und andererseits wiederhérstellen und mitéínbeziehen ist die Betonung (auf dem ersten bzw. dem zweiten Element). Wichtiger erscheint mir hier aber die Tatsache, dass mit und wieder im Gegensatz zu durch auch als selbstständige Adverbien verwendet werden, und zwar mit der gleichen Bedeutung wie das Verbelement. In getrennt geschriebener Hauptsatzstellung fallen sie also allein stehend weniger auf:

miteinbeziehen – ich beziehe es mit ein
vgl.

mit aufladen – ich lade es mit auf
mit dazugehören – das gehört mit dazu

wiederherstellen – ich stelle es wieder her
vgl.
wieder mitnehmen – ich nehme es wieder mit
wieder zurücklegen – ich lege es wieder zurück

Im Gegensatz dazu kann durch nicht mit der gleichen Bedeutung allein stehen, die es in durchabfertigen hat:

durchabfertigen – ??ich fertige durch ab
nicht: durch xyen

Dieser Unterschied zeigt sich indirekt auch darin, dass immer eine gewisse Unsicherheit besteht, ob man mit einbeziehen oder miteinbeziehen resp. wieder herstellen oder wiederherstellen schreiben soll. Diese Unsicherheit besteht bei durchabfertigen nicht, das heißt, die Schreibung durch abfertigen kommt gar nicht in Frage.

Die fehlende relative Selbstständigkeit des ersten Wortteils ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass die getrennten Wortformen von durchabfertigen nicht verwendet werden. Man könnte umgekehrt aber auch sagen, dass die getrennten Formen von miteinbeziehen und wiederherstellen nur dank der relativen Selbstständigkeit von mit und wieder möglich sind. Verben mit zwei abtrennbaren Präfixen sind nämlich in der deutschen Sprache große Ausnahmen, die eigentlich nicht oder eben nur schlecht in unsere Wortbildungs- und Konjugationsmuster passen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Dort vorn oder dort hinten?

Frage

„Vorn“ und „hinten“, ich frage mich schon seit langer Zeit, was nun eigentlich richtig ist. Zum Beispiel: Man wird am Sonntagmorgen von jemandem nach dem Weg gefragt, der wissen möchte, wo die Kirche in Kirchhausen steht. Glücklicherweise sieht man die Kirchturmspitze schon von weitem, deutet auf sie und sagt:

„Die Kirche sehen Sie dort vorne“ – oder vielleicht „dort hinten“?

Was stimmt? Oder kann man beides sagen ?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

man kann sowohl dort vorn als auch dort hinten sagen. Man kann außerdem auch dort drüben oder einfach dort sagen. Die Verwendung von Orts- und Richtungsadverbien ist stark vom sprachlichen Kontext und von der realen Umgebung abhängig. Wenn man auf die Kirche zeigt, lautet eine mehr oder weniger neutrale begleitende Aussage:

Die Kirche sehen Sie dort.
Die Kirche sehen Sie dort drüben.

Wenn vorn oder hinten verwendet wird, können verschiedene Aspekte eine Rolle spielen. Zum Beispiel:

Die Kirche sehen Sie dort vorn.
Die Kirche sehen Sie dort hinten.

  • in Fahrt- oder Gehrichtung → dort vorn
  • entgegen der Fahrt- oder Gehrichtung → dort hinten
  • in einem Tal Richtung Talausgang → dort vorn
  • in einem Tal Richtung oberes Talende → dort hinten
  • teilweise oder ganz durch andere Gebäude oder etwas anderes verdeckt → dort hinten
  • In vielen Ortschaften wissen die Leute „einfach“, wo vorn im Dorf und wo hinten im Dorf ist, weil es schließlich immer so war. Dabei können wiederum verschiedene Aspekte die Grundlage für die Unterscheidung sein. (Manchmal sind sich aber die Leute vorn im Dorf und hinten im Dorf nicht darüber einig, welcher Teil des Dorfes vorn und welcher hinten ist.)

Diese Aspekte sind oft nicht allzu klar. Es kann deshalb vorkommen, dass zwei Personen auf der Straße zwar in die gleiche Richtung zeigen, aber nicht die gleiche Wortwahl treffen. Die eine sagt dort vorn, die andere dort drüben. Deshalb ist das Zeigen viel wichtiger als der begleitende Text.

Im Gegensatz zu oben und unten sind vorn und hinten keine festliegenden Größen. In hügeligen und bergigen Gegenden hat man es deshalb meist einfacher: Die Kirche ist entweder dort oben oder dort unten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Sätze ohne Verb

Für heute ausnahmsweise einmal eine theoretische Frage:

Frage

Aus meinem privaten Umfeld wurde die Frage an mich herangetragen, ob Sätze notwendigerweise immer ein Verb enthalten müssen.  […] Wie sieht es zum Beispiel mit dem folgenden Beispiel von Frage und Antwort in wörtlicher Rede aus? Frage: „Wie geht es dir?“ – Antwort: „Gut.“  Ist diese elliptische Antwort satzwertig?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

der Begriff Satz wird meist so definiert, dass ein Satz aus einem Verb (Prädikat) und von ihm abhängigen Satzteilen besteht, die nach den Regeln der Syntax zusammengefügt werden. Eine Äußerung ohne Verb ist nach dieser Definition also kein Satz.

Dennoch gibt es eigenständige Äußerungen ohne ein Verb. Die Dudengrammatik zum Beispiel nennt sie „satzwertige Ausdrücke“. Sie können in zwei Gruppen eingeteilt werden:

1) Interjektionen (Ausrufe) und Anreden gelten als satzwertige Ausdrücke:

au! hallo, Achtung!; Holger!

2) Ellipsen sind Äußerungen, in denen Redeteile weggelassen werden. Sie können als satzwertige Ausdrücke bezeichnet werden, wenn sie allein stehen, obwohl sie kein Verb enthalten. Sie werden aber auch unvollständige Sätze genannt, weil das zugehörige Verb einfach weggelassen wird. Sie unterscheiden sich dadurch von Interjektionen und Anreden, dass ein Verb ergänzt werden kann und dass evtl. vorhandene flektierbare Wörter sich nach diesem weggelassenen Verb richten. Sie stehen in dem Fall, in dem sie auch stehen, wenn das Verb nicht weggelassen wird. Zum Beispiel:

a) Ist es ein großer Schrank? – Ja, ein ganz großer.
b) Willst du einen Kaffe? – Ja, einen ganz großen.
c) Bist du einem Elefanten begegnet? – Ja, einem ganz großen.

Die Form der Wortgruppe ein_ ganz groß_ richtet sich hier danach, ob sie a) Subjekt, b) Akkusativobjekt oder c) Dativobjekt zum weggelassenen Verb ist.

Weitere Beispiele von Ellipsen:

Ganz interessant, dieser Blogeintrag. [Er ist …]
Wer da? [… ist …]
Schönes Wochenende! [Ich wünsche dir ein …]
Ende gut, alles gut. [Ist das …, ist …]

Die Antwort gut auf die Frage Wie geht es dir? ist eine Ellipse (vgl. [Mir geht es] gut) und als solche satzwertig. Man kann sie also als Satz bezeichnen, sollte dann aber der Deutlichkeit halber ergänzen, dass es sich um einen elliptischen oder unvollständigen Satz handelt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Allerheiligen

Diesmal ein paar Bemerkungen zum heutigen kirchlichen Feiertag. Wie es sich für ein Sprachblog gehört, geht es dabei weder um Besinnliches noch um Religiöses, sondern nur um den Namen des Feiertages: Allerheiligen.

Allerheiligen

Es ist Ihnen bestimmt auch aufgefallen, aber ich sage es trotzdem noch einmal: Der Name Allerheiligen ist eigentlich ein Genitiv. Er ist eine Verkürzung von Allerheiligentag, also Tag aller Heiligen. Am 1. November wird in der katholischen Kirche aller Heiligen, der bekannten und der unbekannten, gedacht. Der auf Allerheiligen folgende Tag trägt einen in gleicher Weise geformten Namen: Allerseelen. Es ist der Tag, an dem der Seelen aller Verstorbenen gedacht wird. (Anfang November ist der Genitiv also keineswegs bedroht!)

Wenig erstaunlich für einen katholischen Feiertag ist, dass der Name lateinischen Ursprungs ist: Sollemnitas Omnium Sanctorum (wörtl. Feierlichkeit aller Heiligen). Ein wenig erstaunt hat mich dann aber doch, dass dieser Feiertag in allen Sprachen, für die ich es einigermaßen kontrollieren konnte, eine wörtliche Übersetzung aus dem Lateinischen ist. Das war zwar zu erwarten, aber ein bisschen mehr Eigensinnigkeit hätte ich mir bei der einen oder anderen Sprache doch erhofft. Bei zum Beispiel Weihnachten, Ostern und Pfingsten haben die verschiedenen Sprachen ja ein bisschen mehr Abwechslung zu bieten. Hier ein paar Beispiele:

Niederländisch: Allerheiligen (nur die Aussprache ist etwas anders als bei uns)
Dänisch: Allehelgensdag
Norwegisch: Allehelgensdag
Schwedisch: Alla helgons dag
Isländisch: Allraheilagramessa

Englisch: All Saints’ Day

Französisch: Toussaint
Italienisch: Ognissanti
Katalanisch: Tots Sants
Spanisch: Día de Todos los Santos
Portugiesisch: Dia de Todos-os-Santos

Polnisch: Wszystkich Świętych
Russisch: Всех святых
Tschechisch: Všech svatých
Kroatisch: Svi Sveti
Serbisch: Сви свети

Griechisch: Agioi Pantes ( Άγιοι Πάντες)

Mit Allerheiligen hat auch einer der schönsten Städtenamen zu tun, die ich kenne. Am 1. November 1501, also an Allerheiligen, „entdeckte“ der Florentiner Amerigo Vespucci für die Portugiesen an der Küste Südamerikas eine große Bucht, die er nach dem Tag der Entdeckung Bahia de Todos os Santos (Allerheiligenbucht) nannte. Knapp fünfzig Jahre später wurde an dieser Bucht eine Kolonie gegründet, die heutige Stadt Salvador da Bahia. Sie heißt mit vollem Namen São Salvador da Bahia de Todos os Santos (Heiliger Erlöser der Allerheiligenbucht). Für Adressangaben ist dieser Name zwar unpraktisch lang, aber São Salvador da Bahia de Todos os Santos klingt für meine germanischen Ohren einfach viel melodiöser und eindrücklicher als unsere zweisilbigen Namen wie Frankfurt, Leipzig, Salzburg oder Zürich.

Salvador

Den in vorwiegend katholischen Ländern und Kantonen Wohnenden wünsche ich einen schönen Feiertag, und für die anderen gilt: Nur noch ein Tag und dann ist Wochenende!

 

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