Die Reihenfolge der Kasus in Canoonet

Eine Frage, die immer wieder auftaucht, bezieht sich auf die Reihenfolge der Kasus. In den Tabellen in Canoonet stehen die Fälle nämlich in einer anderen Reihenfolge (Nom. – Akk. – Dat. – Gen.), als wir es aus der klassischen Grammatik kennen (Nom. – Gen. – Dat. – Akk.) Das ist für viele ungewohnt und führt begreiflicherweise immer wieder zu Fragen. Es ist also an der Zeit, diese Frage wieder einmal kurz im Blog zu behandeln. Das Ende des Jahres ist ja ein guter Moment, Liegengebliebenes abzuarbeiten:

Frage

Mir ist aufgefallen, dass der Akkusativ bei Ihnen der zweite Fall ist. Das finde ich nur bei Canoonet so. An allen anderen Stellen ist es der vierte Fall und so habe ich es auch in der Schule gelernt. Warum ist das so? Wenn ich Canoonet auch für die beste Seite halte zum Thema Rechtschreibung, so besuche ich doch meistens auch andere Anbieter. Das mit dem Akkusativ ist wirklich sehr gewöhnungsbedürftig. Aber vielleicht gibt es ja einen guten Grund?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

Sie sind nicht der Einzige, der sich darüber wundert, dass in Canonet die Reihenfolge der Kasus wie folgt angegeben wird: Nominativ – Akkusativ – Dativ – Genitiv. Wir verwenden also nicht die aus der klassischen lateinischen Grammatiktradition stammende Reihenfolge Nominativ – Genitiv – Dativ – Akkusativ. Eine kurze Begründung habe ich in einem älteren Blogeintrag schon einmal gegeben. Sie finden ihn hier. Da dieser Eintrag schon einige Jährchen alt ist, möchte ich hier ergänzend zwei Zitate etwas jüngeren Datums anführen:

Duden, „Die Grammatik“, 8. Auflage, 2009, Randnummer 199:

In Listen und Tabellen werden in der vorliegenden Grammatik die Kasusmerkmale in der folgenden Anordnung gezeigt:

Nominativ -> Akkusativ -> Dativ -> Genitiv

Diese Abfolge hat die folgenden Vorteile:

(i) Als formaler Grund lässt sich der Formenzusammenfall (Synkretismus) bei bestimmten Paradigmen nennen […]. Nominativ und Akkusativ fallen bei Paradigmen mit den Merkmalen Neutrum, Femininum oder Plural immer zusammen; ein Unterschied besteht nur in der 1. und 2. Person des Personalpronomens bei einem Teil der Maskulina im Singular.
(ii) Als funktionaler Grund lassen sich die Regeln für die Kasusvergabe beim Verb nennen […]:
(a) Wenn ein Verb nur 1 nominales Satzglied verlangt, steht dieses im Nominativ, zum Beispiel: Der Hund bellt.
(b) Wein ein Verb 2 nominale Satzglieder verlangt, steht dasjenige mit der aktiveren semantischen Rolle im Nominativ, das andere im Akkusativ, zum Beispiel: Der Hund sucht den Knochen.
(c) Wenn ein Verb 3 nominale Satzglieder verlangt, steht dasjenige mit der aktivsten semantischen Rolle im Nominativ, das mit der am wenigsten aktiven Rolle im Akkusativ und das dritte im Dativ, zum Beispiel: Der Hund bringt dem Herrchen den Ball.
(d) Verben mit Genitivobjekten sind Sonderfälle, zum Beispiel: Der Hund bemächtigt sich des Knochens.

Wahrig, „Richtiges Deutsch leicht gemacht“, 2009, S. 209:

Nominativ
Akkusativ
Dativ
Genitiv

Während in älteren Grammatiken meist die Kasus der traditionellen Lateingrammatik entsprechend in der Reihenfolge Nominativ – Genitiv – Dativ – Akkusativ aufgelistet werden, werden sie heute zunehmend in der hier gewählten Reihenfolge präsentiert. Dabei spielt vor allem die abnehmende Ähnlichkeit mit dem Nominativ eine Rolle.

Die Reihenfolge Nominativ – Akkusativ – Dativ – Genitiv kommt also nicht nur in Canoonet, sondern auch in anderen neueren Grammatiken vor. Auch im Sprachunterricht, insbesondere im Fremdsprachenunterricht (Deutsch für Fremdsprachige), begegnet man ihr häufiger. Sie hat sich aber in den Flexionstabellen der online abrufbaren Wörterbücher tatsächlich (noch?) nicht durchgesetzt. Die meisten von ihnen verwenden die klassische Darstellung.

Ich möchte hier noch hinzufügen, dass die Reihenfolge der Kasus in Tabellen eigentlich gar nicht so wichtig ist. Ob es nun der Hund – den Hund – dem Hund – des Hundes oder der Hund – des Hundes – dem Hund – den Hund ist, eine andere Reihenfolge ist höchstens etwas gewöhnungsbedürftig. Hauptsache, die Information stimmt und wird einigermaßen konsequent angeboten. Ganz so einfach ist es vielleicht nicht, aber ich hoffe, dass es niemanden allzu sehr stört, wenn wir in Canoonet eine andere Reihenfolge der Kasus anbieten, als er oder sie gewohnt ist – oder war.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

2 Kommentare

  1. Bilge Ersen schreibt:

    Dezember 24, 2013 um 07:43

    Das ist ein guter Beitrag, der uns zeigt, dass die klassische Reihenfolge der Kasus nicht unumstößlich ist und dass man die alte Reihenfolge nicht unbedingt auch bei Fremdsprachen erwarten sollte.

  2. Holger schreibt:

    Januar 4, 2014 um 22:46

    Ich bin mit dem alten System aufgewachsen, erkläre heute das neue meinen Lernern.
    Es ist für Deutschlerner wirklich praktischer: man kann so oft Nominativ und Akkusativ zusammenfallen lassen, erst ab dem Dativ wird es von der Endung her interessant.