Archiv für Januar, 2014

Das Adjektiv nach keinerlei

Frage

Folgenden Satzanfang habe ich gebildet:

„Obschon keinerlei stichhaltige Hinweise existieren …“

„Stichhaltige Hinweise“ steht ja im Nominativ und für sich allein stehend könnte man ja auch danach fragen: – Wer oder was? – Stichhaltige Hinweise. Doch ein ominöses Gefühl sagt mir, dass es „stichhaltigen Hinweise“ heißen müsste, insofern „keinerlei“ dieselbe Funktion hätte wie der bestimmte Artikel „die“. Wie verhält es sich denn nun?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

nach dem unveränderlichen keinerlei muss ein Adjektiv stark gebeugt werden. Adjektive werden dann stark gebeugt, wenn kein Artikelwort vor ihnen steht, das Numerus, Kasus und Genus bereits ausdrückt. Richtig ist also:

Obschon keinerlei stichhaltige Hinweise existieren …
Ich habe keinerlei stichhaltige Hinweise gefunden
infolge vielerlei stichhaltiger Hinweise

Es wird also gleich gebeugt, wie wenn das Adjektiv allein steht:

Obschon stichhaltige Hinweise existieren
Ich habe stichhaltige Hinweise gefunden
infolge stichhaltiger Hinweise

und nicht wie zum Beispiel nach dem bestimmten Artikel, der ja veränderlich ist (vgl. schwache Beugung):

Obschon die stichhaltigen Hinweise existieren…
Ich habe die stichhaltigen Hinweise gefunden
infolge der stichhaltigen Hinweise

Wie eines der Beispiele oben zeigt, wird nicht nur nach keinerlei, sondern auch nach anderen unbestimmten Zahlwörtern auf –erlei stark gebeugt:

Variation von dreierlei französischem Käse
Gebeizter Lachs mit zweierlei Roter Bete
Hier lernte ich mancherlei Neues.
Allerlei sonderbare Dinge kamen zum Vorschein.
Wir haben vielerlei kleinere und größere Fehler gemacht.
Wer sich solcherlei schmutziger Methoden bedient …

Die unbestimmten Zahlwörter auf –erlei stehen meistens direkt vor dem Substantiv, das heißt, es folgt ihnen relativ selten ein Adjektiv. Zum Teil kommen sie auch ein bisschen veraltend daher. Das sind wohl die Gründe dafür, dass Adjektive nicht immer richtig gebeugt werden, wenn sie dann doch einmal nach –erlei stehen. Außer den armen Deutschlernenden kennen nämlich die meisten von uns die Regeln der Adjektivbeugung nicht bewusst, und bei solchen selteneren Fällen lässt uns dann die unbewusste Regelkenntnis manchmal im Stich. Es ist jedenfalls gut verständlich, dass Sie ein wenig unsicher geworden sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Anglizismus des Jahres 2013

Von allen Wörtern, Unwörtern, Jugendwörtern usw. des Jahres möchte ich hier nur den Anglizismus des Jahres 2013 erwähnen: Es ist nicht ein Wort, sondern ein Wortbildungselement geworden: -gate.

adj-wordcloud-2013-480

Mehr zum gestern gekürten Anglizismus des Jahres 2013 lesen Sie in der Pressemitteilung und im Sprachlog.

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Wie man auf ein Ungeheuer verweist

 Frage

Wie Sie auf Ihrer Website erklären, kann man sich mit einem Pronominaladverb nicht auf Lebewesen beziehen. Auch ist es nicht üblich, das Fürwort „es“ in Verbindung mit einer Präposition zu benutzen. Das bringt mich aber ganz schön in die Bredouille, wenn ich diesen Satz übersetzen will:

„[…] said the monster would be returning tonight, which means we have to wait for it.

Schreibe ich nun …

„[…] sagte, das Ungeheuer werde heute Nacht zurückkehren, was bedeutet, dass wir darauf warten müssen.“

oder

„[…] sagte, das Ungeheuer werde heute Nacht zurückkehren, was bedeutet, dass wir auf es warten müssen.“

Antwort

Sehr geehrter Herr V.,

es handelt sich tatsächlich um eine Art „Klemme“. Die Verwendung von darauf kommt eigentlich nicht in Frage (siehe hier unter „Gebrauch und Einschränkungen“). Sie könnten eventuell das ziemlich umgangssprachlich klingende auf es verwenden:

… was bedeutet, dass wir auf es warten müssen.

Stilistisch besser wäre es aber, diese Konstruktion zu vermeiden, indem Sie den Satz umformulieren. Zum Beispiel:

… das Ungeheuer werde heute Nacht zurückkehren, was bedeutet, dass wir auf das Monster/die Seeschlange/den Drachen/das Gespenst (oder welche Form das Ungeheuer auch haben möge) warten müssen.

… das Ungeheuer werde heute Nacht wiederkommen, was bedeutet, dass wir auf seine Rückkehr warten müssen.

… das Ungeheuer werde heute Nacht zurückkehren, was bedeutet, dass wir es hier erwarten müssen.

Zwei weitere Beispiele, in denen man sich in der gleichen Zwickmühle befindet:

Sie führte das Pferd in den Stall und legte Futter für das Tier bereit. (statt: dafür/für es)
Er merkte, dass das Kind hinter ihm her lief, und wartete auf sie/ihn. (statt: darauf, auf es)

Es gibt hier also eine Lücke im Verweissystem des Deutschen, die man am besten mit einer (kleinen) Umformulierung umgeht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn man täglich gölfe …

So schön der Umlaut in den Verbformen des Konjunktivs auch klingen mag (z. B. sähe, flösse, schlüge), er ist nur sehr beschränkt anwendbar.

Frage

Eine Kleinigkeit: Kann man im Konjunktiv Präsens auch sagen: „gölfe“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

der Konjunktiv Präsens des eher umgangssprachlichen Verbs golfen (Golf spielen) wird ausschließlich ohne Umlaut gebildet:

Sie sagte, dass sie täglich golfe.

Auch alle anderen Verben, selbst die unregelmäßigen, bilden die Formen des Konjunktivs Präsens (Konjunktiv I), ohne umzulauten. Umgelautet wird nur bei der Bildung der Formen des Konjunktivs Präteritum (Konjunktiv II) und dies nur bei gewissen unregelmäßigen Verben. Zum Beispiel:

essen – aß – äße
sprechen – sprach – spräche
fließen – floss – flösse
ziehen – zog – zöge
fahren – fuhr – führe
schlagen – schlug – schlüge

Bei einem einzigen regelmäßigen Verb sind umgelautete Formen im Konjunktiv II weit verbreitet (allerdings standardsprachlich nicht von allen akzeptiert):

brauchen – brauchte – brauchte/bräuchte
Was ich noch bräuchte, ist eine gute Idee.
(stand. besser: Was ich noch brauchte / brauchen würde …)

Die Form gölfe passt also nicht ins Konjugationssystem des Deutschen. Es gibt diese Form von golfen ebenso wenig wie zum Beispiel schäue zu schauen, löbe zu loben und flüche zu fluchen. Es heißt deshalb:

Konjunktiv I: Sie sagte, dass sie täglich golfe.
Konjunktiv II: Sein Handicap könnte tiefer sein, wenn er täglich golfte (o. golfen würde).

Wenn man täglich gölfe …; auch wenn es vielleicht lustig oder edel anmüte, es pässe einfach nicht in unser Verbsystem.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ein Wort auf Umwegen: Mannequin

Für diejenigen unter uns, die nicht mehr wissen, was ein Mannequin ist: „weibliche Person, die Modekollektionen, Modellkleider vorführt“. So definiert das gelbe Wörterbuch den Begriff. Ein Mannequin ist also eine Frau, die wie viele Ihrer Kolleginnen diese Woche an der Berliner Fashion Week viel zu tun hatte: ein Model. Vorgängerinnen von zum Beispiel Frau Schiffer und Frau Klum nannten sich so und wurden so genannt. Auch ich kann mich erinnern, dass Fashion Weeks noch Modewochen hießen und Mannequins und Dressmen statt Models über die Laufstege, pardon, die Catwalks schritten.

Wie alles, was früher etwas mit Mode zu tun hatte, kommt auch das Wort Mannequin aus Frankreich. Weshalb aber ist es ein „Wort auf Umwegen“? Weil es nicht aus Paris, sondern aus einer Gegend stammt, die auch heute nicht unbedingt für modische Eleganz und Raffinesse bekannt ist: aus den Niederlanden. Das mittelniederländische Wort manneken mit der Bedeutung Männchen [sic!] wurde unter anderem im Sinne von Puppe, Gliederpuppe ins Französische übernommen. Mit Mannequin ist ein niederländisches Wort über Frankreich zu uns gelangt.

MannequinAuch die heutige Bedeutung von Mannequin hatte ursprünglich mit Reisen zu tun. Der französische Hof war das Zentrum der Mode. Wer im Rest der (europäischen) Welt etwas auf sich gab und – auch damals nicht ganz unwichtig – wer es sich leisten konnte, wollte nach der französischen Mode gekleidet sein. Der ein- bis anderthalbtägige Einkaufsausflug in die Modemetropole kam erst mit Flugzeugen und Hochgeschwindigkeitszügen in Frage. Videos, Fotos oder Schnittmuster übers Internet zu verbreiten war ebenfalls noch nicht möglich. Man wusste sich aber auch damals schon zu helfen: Es wurden nach der neuesten Mode gekleidete kleine Puppen, Mannequins, durch die Welt geschickt, die den modebewussten Damen und Herren die aktuellen Pariser Modelle und Trends vorführten. Später nannte man auch diejenigen, die bei den Couturiers die neue Kreationen vorführten, Mannequins (im Französischen anfangs nur die Männer). Heute, da sich die französische Hauptstadt die modische Vorherrschaft schon lange mit Mailand, London und New York teilen muss, werden die Vertreterinnen und Vertreter dieser Berufsgattung, wie schon gesagt, meist Models genannt.

Auch das Wort Model ist übrigens „weitgereist“. Es hat allerdings eine Route genommen, die viele andere Wörter auch zurückgelegt haben. Es startete seine Karriere als Diminutiv modulus des lateinischen Wortes modus (Maß; Art, Weise). Sein italienischer Nachfahre modello gelangte dann als modelle (später modèle) nach Frankreich, von wo es als Modell direkt ins deutsche Sprachgebiet und als model nach England und später zu uns weiterwanderte.

Weder Mannequin noch Model oder Modell sind also deutschen Ursprungs. Wer lieber keine Fremwörter verwendet, muss hier also auf Vorführfrau und Vorführmann ausweichen. Wenn es nur darum geht, die Bedeutung wiederzugeben, eignen sich diese Wörter ausgezeichnet. Wenn es aber darum geht, auch das zur Mode gehörende Flair zu vermitteln, sind sie völlig ungeeignet.

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»Sowie« ist doch nicht ganz »und«

Die Konjunktion sowie wird in den Wörterbüchern u. a. mit und, und außerdem, und auch umschrieben. Sie dient dazu, die Glieder einer Aufzählung miteinander zu verbinden. Dieses sowie ist vor allem dann praktisch, wenn eine Häufung von und vermieden werden soll: Hans und Erna sowie meine Eltern waren da. Bis jetzt ging ich immer davon aus, dass – abgesehen von stilistischen Kriterien –  sowie immer für und stehen kann. Nach Frau B.s Frage bin ich aber nicht mehr ganz dieser Meinung.

Frage

Heute bin ich über einen Satz gestolpert, in dem „sowie“ als Aufzählung in einer längeren Phrase verwendet wird. Meiner Meinung nach ist diese Verwendung nicht richtig. […] Hier der Satz:

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Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

auch ich bin der Meinung, dass hier nicht sowie verwendet werden sollte. Bei der Begründung, warum dies so ist, muss ich allerdings ein bisschen spekulieren.

Ich denke, dass sowie trotz der Zusammenschreibung im Satz noch ähnlich wie ergänzendes ebenso wie behandelt wird:

Hans und Erna und meine Eltern waren da.
Hans und Erna sowie meine Eltern waren da.
Hans und Erna, ebenso wie meine Eltern, waren da.

Die Abeilungsleiterin und ihr Stellvertreter waren abwesend.
Die Abeilungsleiterin sowie ihr Stellvertreter waren/war abwesend.
Die Abeilungsleiterein, ebenso wie ihr Stellvertreter, war abwesend.

Dass hier bei der Aufzählung mit sowie auch der Singular war stehen kann, zeigt schon, dass es einen gewissen Unterschied zwischen und und sowie gibt (mehr zur Verbform bei sowie hier).

Auch bei der Aufzählung von Infinitivsätzen und Nebensätzen ist der Ersatz von und durch sowie (resp. ebenso wie) einfach:

Ich vergaß die Fenster zu schließen und die Gas- und Wasserzufuhr auszudrehen.
Ich vergaß die Fenster zu schließen sowie die Gas- und Wasserzufuhr auszudrehen.
Ich vergaß die Fenster zu schließen, ebenso wie die Gas- und Wasserzufuhr auszudrehen.

Ich hoffe, dass es dir und Peter gefallen hat und dass ihr bald wiederkommt.
Ich hoffe, dass es dir und Peter gefallen hat sowie dass ihr bald wiederkommt.
Ich hoffe, dass es dir und Peter gefallen hat, ebenso wie, dass ihr bald wiederkommt.

Wenn aber Hauptsätze miteinander verbunden werden sollen, „klemmt“ es. Die Wortstellung ist nämlich nach dem nebenordnenden und anders als nach unterordnendem ebenso wie:

Er hat sie eingeladen und sie haben die Einladung angenommen.
Er hat sie eingeladen, ebenso wie sie die Einladung angenommen haben.

Verhält sich sowie nun wie und oder wie ebenso wie? Wenn wir in den Beispielsätzen und resp. ebenso wie durch sowie ersetzen, erhalten wird Folgendes:

*Er hat sie eingeladen sowie sie haben die Einladung angenommen.
Er hat sie eingeladen, sowie sie die Einladung angenommen haben.

Der erste Satz ist m. E. schlichtweg falsch. Der Einfluss von ebenso wie ist wohl noch so stark, dass die Hauptsatzwortstellung nach sowie nicht möglich ist. Der zweite Satz ist nicht falsch, aber er wird anders verstanden: sowie bedeutet als Nebensatzeinleitung sobald.

Die Konjunktion sowie weigert sich sozusagen, Hauptsätze in einer Aufzählung miteinander zu verbinden. Auch die folgenden Sätze sind demnach falsch formuliert:

*Er ist hellbraun und gräulich sowie er hat Schlappohren.
*Sie müssen die Ware nicht einpacken sowie Sie müssen nicht Schlange stehen.

Auch in Ihrem Satz kann und nicht durch sowie ersetzt werden, weil in ihm zwei Hauptsätze, in diesem Fall Befehlssätze, miteinander verbunden werden. Es ist deshalb besser, hier nicht sowie zu verwenden. Besser zum Beispiel:

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Man könnte also zusammenfassend sagen, dass aufzählendes sowie trotz der Bedeutung und auch immer noch eine unterordnende Konjunktion ist, der allerdings bei der Aufzählung von Sätzen die Bedeutung sowie = sobald im Wege steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das ziemlich altertümliche »derselben«

Ein etwas verstaubt klingendes und wohl gerade deshalb gehoben anmutendes Wort ist derselben, wenn damit nicht der Gleichen gemeint ist. Wie wird es verwendet?

Frage

Darf man „derselben“ synonym für „deren“ verwenden? Zum Beispiel

eine Wohnung, deren Eigentümer sich in Frankreich aufhält
eine Wohnung, derselben Eigentümer sich in Frankreich aufhält

Ob es eigentümlich klingt, spielt keine Rolle, lediglich, inwiefern es grammatikalisch noch zu akzeptieren wäre.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Demonstrativpronomen der-/die-/dasselbe wird nicht als Relativpronomen verwendet. Es heißt also nicht:

*eine Wohnung, derselben Eigentümer sich in Frankreich aufhält

Hier sollte die Genitivform deren stehen:

eine Wohnung, deren Eigentümer sich in Frankreich aufhält

Der-/die-/dasselbe wird also nicht als Relativpronomen verwendet. Es kann sich aber als Demonstrativpronomen auf etwas vorher Genanntes beziehen:

Er brachte einen großen Krug und setzte denselben auf den Tisch.
[denselben = ihn/diesen]
Dann öffnete er eine Schublade und entnahm derselben einen Brief.
[derselben = ihr/dieser]
Füllen Sie das Formular aus und senden Sie dasselbe an unten stehende Adresse.
[dasselbe = es/dieses]

Als Genitivattribut wird derselben resp. desselben in der Regel dem Wort nachgestellt, das es bestimmt:

Es geht um die Wohnung im dritten Stock. Der Eigentümer derselben hält sich in Frankreich auf.
[der Eigentümer derselben = ihr/deren Eigentümer] 
Er brachte einen großen Krug und goss den Inhalt desselben in die Becher.
 [den Inhalt desselben = seinen/dessen Inhalt]
Der geneigte Leser dieser Seiten mag mir nach der Lektüre derselben eine gewisse Blauäugigkeit vorwerfen.
[nach der Lektüre derselben = nach ihrer/deren Lektüre]

Je nach Geschmack klingen solche Formulierungen etwas verstaubt, gehoben oder beides. Die Verwendung von der-/die-/dasselbe als verweisendes Wort gilt dann auch als veraltend – auch im Genitiv! Mehr zu diesem Pronomen finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Zweimal em: die parallele Beugung

Ein „alter Hut“, der aber immer wieder auftaucht, ist die Beugung von aufeinanderfolgenden Adjektiven mit der Endung em. Da diese Frage doch noch vielen zu schaffen macht, soll das Thema gleich zu Anfang des Jahres wieder einmal kurz aufgegriffen werden (und dann bis mindestens 2015 nicht mehr im Blog erscheinen):

Frage

Darf ich fragen, was richtig ist:

Mit nochmaligem bestem Dank     oder
Mit nochmaligem besten Dank

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

beides kommt vor und beides gilt als richtig. In der heutigen Standardsprache wird die parallele Beugung (Parallelflexion), also zweimal em, bevorzugt. Früher war das allerdings anders: Die Wechselflexion (also em – en) galt als Regel oder zumindest als stilistisch besser. Doch schon vor dreißig Jahren (1984) schrieb die Dudengrammatik zu diesem Thema:

Die frühere Regel, daß in diesem Falle beim Dativ Singular und Genitiv Plural das zweite der artikellosen Adjektive nach Typ II (schwach) gebeugt werden müsse, gilt nicht mehr.

Siehe auch die Angaben zur Beugung von aufeinanderfolgenden Adjektiven in Canoonet. Und falls Sie dann noch Zeit und Lust haben: Es gibt es auch noch einen älteren Blogeintrag zu diesem Thema.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Epiphanie und Epiphanias

Frage

Anlässlich des Dreikönigstags wollte ich herausfinden, wie sich denn seine griech.-lat. Bezeichnung „Epiphanie“ korrekt ausspricht. „Epiphany“ im Englischen klingt schon recht entzückend. Auf Deutsch zeigt die (Aus)sprachwelt aber Uneinigkeit, denn in den von mir gefundenen Tondokumenten spricht jeder/jede der Sprecher/innen das Wort anders aus (Leo, Babla, Ponds, …). Könnten Sie nicht „Erleuchtung“ in die Sache bringen und über die richtige Aussprache schreiben […]?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

die Aussprachebeispiele auf den verschiedenen Seiten, die Sie erwähnen, sind tatsächlich verwirrend. Eine sehr zuverlässige Quelle ist diesbezüglich das DWDS. Nur steht Epiphanie leider nicht im DWDS.

Epiphanie ist über das Lateinische aus dem Griechischen zu uns gelangt. Es bezeichnete die Erscheinung einer Gottheit unter den Menschen und wird bei uns vor allem für die Erscheinung Christi verwendet. Nach den Ausspracheangaben in verschiedenen Wörterbüchern (Duden, Wahrig, Pons u. a. m.) wird Epiphanie wie folgt ausgesprochen: E-pi-pha-nie. Der Hauptakzent liegt auf dem ie der letzen Silbe, das als langes i ausgesprochen wird. Epiphanie gehört also zu den Wörtern, in denen das ie am Wortende für ein betontes langes i steht und nicht für unbetontes, separat ausgesprochenes i-e. Es folgt somit dem gleichen Betonungsmuster wie viele andere griechisch-lateinische Wortbildungen, die wir aus dem Lateinischen übernommen haben: Analogie, Demokratie, Geografie u. v. a. m.

Epiphanie reimt sich also nicht mit Geranie und Kastanie. Das wäre übrigens insofern nicht abwegig, als Epiphanias, der direkt aus dem Griechischen stammende Name für das Dreikönigsfest, anders ausgesprochen wird. Dort liegt die Hauptbetonung nämlich doch auf der Silbe pha. Siehe resp. höre die Ausspracheangabe im DWDS (einfach auf den Pfeil neben Aussprache klicken und hoffen, dass Ihr Gerät dann anfängt zu reden).

Es ist also „offiziell“ Epiphanie und Epiphanias.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Dreikönigstag

Dr. Bopp

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Lehnwörter von der Datumsgrenze: Polynesisches im Deutschen

Im westlichen Teil Polynesiens war es schon einen halben Tag früher 2014 als bei uns. Im östlichen Teil musste man einen halben Tag länger auf das neue Jahr warten als wir. Das hat – wir haben es im Geographieunterricht gelernt – mit der Kugelform der Erde und der Datumsgrenze zu tun, die auf der uns gegenüberliegenden Seite der Kugel quer durch Polynesien verläuft. Was wissen wir noch mehr von dieser Inselwelt? Die Meuterei auf der Bounty fand dort statt, Gaugin hat auf Tahiti gemalt, Barak Obama wurde auf Hawaii geboren, Inseln, Palmen, Atolle und ganz viel Ozean. Viel mehr wissen die meisten von uns nicht über diesen Teil der Erde. Auch sprachlich gibt es kaum Verbindungen zwischen Polynesien und dem deutschsprachigen Teil der Welt. Nur zwei, drei Wörter aus polynesischen Sprachen haben es in die deutsche Alltagssprache geschafft:

Das Wort kanaka bedeutet in einer polynesischen Sprache Mensch. Es wurde zuerst durch Seeleute entlehnt und in der Form Kanake zu einer Bezeichnung für Polynesier und Südseeinsulaner. Ich weiß nicht, inwieweit es früher „neutral“ verwendet werden konnte (ich habe gewisse Zweifel). Heute ist jedenfalls wegen der Verwendung von Kanake als Schimpfwort für Migranten große Vorsicht geboten, wenn man dieses Wort benutzt. Es ist vor allem mit dieser negativen Bedeutung bekannt.

Dies ist eine fast zu schöne Überleitung zum folgenden Wort: tabu, Tabu. Es stammt aus der polynesischen Sprache Tonga, wo es ungefähr geheiligt bedeutet. Es wurde zuerst in der Völkerkunde für Lebewesen oder Objekte verwendet, die so heilig sind, dass man sie nicht berühren oder nicht einmal anschauen darf. Aus der Fachsprache ist es dann in die Allgemeinsprache durchgedrungen, meist als Charakterisierung von etwas, über das man nicht reden darf (Tabuthema).

Das dritte Wort  kann in meiner Erfahrung bei vielen Eltern mit heranwachsenden Söhnen und Töchtern zu einem solchen Tabuthema werden: Tatoo oder Tätowierung. Es kommt vom tahitianischen Wort tatau für Zeichen. Tätowierungen sind in den letzten Jahren so populär geworden – und nicht nur, wie das Klischee es wollte, bei Knastbrüdern, Prostituierten und Seeleuten –, dass viele Eltern viele verschiedene Taktiken anwenden, um den Nachwuchs ganz oder wenigstens möglichst lange davon abzuhalten, ins Tattoostudio zu gehen: „Nein, auch kein kleines, geschmackvolles, das man kaum sieht!“ Versuchen Sie es einfach einmal und lassen Sie das Stichwort Tätowierung in einer Familie mit pubertierendem Nachwuchs fallen. Wenn Sie mehr für das Harmonie- als für das Konfliktmodell sind, sollten Sie es allerdings besser bleiben lassen.

Kanake, Tabu und Tätowierung sind die drei bekanntesten Wörter polynesischen Ursprungs. Wenn wir den Kreis etwas größer machen, kommen noch weitere Wörter aus der „gleichen“ Region: Bumerang, Digdgeridoo, Dingo, Känguru und Koala sind Beispiele von Wörtern, die wir – Sie haben es bestimmt erkannt – aus australischen Sprachen übernommen haben.

Umgekehrt kommen auch nur wenige (aber immerhin ein paar!) deutsche Lehnwörter in den Sprachen der Südsee vor. Mehr dazu lesen Sie in einem Artikel von Stefan Engelberg mit dem Titel „Kaisa, Kumi, Karmoból – Deutsche Lehnwörter in den Sprachen des Südpazifiks“ (in „Sprachreport“, 4/2006, Institut für deutsche Sprache IDS).

Ab nächster Woche geht es dann wieder wie gewohnt mit interessanten Fragen von Ihnen weiter.

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