Das »fert« in »fertig«

Die Frage ist schon etwas älteren Datums, aber sie kam mir heute beim Anblick des Wortes fertig wieder in den Sinn. Es ist ein unauffälliges und auf den ersten Blick kaum weiter erwähnenswertes Wort. Wenn man aber genauer hinsieht, ist es ein Beweis dafür, dass die Sprachentwicklung ursprünglich leicht Durchschaubares im Laufe der Zeit vollständig undurchsichtig werden lassen kann.

Frage

Vielleicht einfach aber dennoch diskutiert: „fertig“ = Wortstamm „fert“ und Endung „ig“? Oder gibt es eine andere Erklärung, da „fert“ als Wort nicht existiert und alle zusammengesetzten Wörter „fertig“ als Bestandteil haben.

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

beim Wort fertig ist tatsächlich die Endung ig zu erkennen, mit der häufig Adjektive gebildet werden. Zum Beispiel:

ehrgeizig, bärtig, rutschig, abhängig, faulig, sofortig

Im Gegensatz zu Ehrgeiz, Bart, rutschen, abhängen, faul und sofort gibt es das Grundwort fert aber nicht – oder besser gesagt: nicht mehr. Das Wort fertig gab es bereits im Althochdeutschen als fartîc, fertîc. Ursprünglich hatte es die Bedeutung zur Fahrt bereit. Wenn man abfahrtbereit war, war man also fährtig. Damals war alles noch deutlich durchschaubar. Dann haben sich die Wörter Fahrt und fertig aber durch die Jahrhunderte hinweg selbstständig weiterentwickelt, und zwar so, dass der Zusammenhang zwischen ihnen heute nicht mehr ersichtlich ist. Die Sprachentwicklung hat den Ursprung des Wortes fertig undurchsichtig gemacht. Nur die Endung ig zeigt noch, dass es einmal ein abgeleitetes Wort war.

Wenn man sich etwas tiefer mit der Wortbildung beschäftigt, trifft man auf allen Ebenen auf solche halbwegs bis ganz „verdüsterte“ Wortbildungen. Hier nur ein paar Beispiele:

emsig: zu veraltet Emse „Ameise“
fähig: zu mittelhochdt. vahen, einer alten Form von fangen
scheußlich: mittelhochdt. schiuzlich, zu schiuzen „Abscheu empfinden“
schleunig(st): mittelhochdt. sliunec, zu sliune „eilig“ und sliunen „beeilen“.
berüchtigt: Partizip von berüchtigen „ins Gerede bringen“, vgl. ruchbar „öffentlich bekannt“
erlaucht: mittelhochdt. (mitteldt.) erluht, Partizip von erluhten „erleuchten“

Auch bei den Substantiven gibt es solche undurchsichtigen Bildungen. So muss Unflat (widerlicher Schmutz, Dreck) verneinter *Flat sein, aber das Grundwort vlat (Schönheit, Zierlichkeit) kennen wir nicht mehr. Die Himbeere war wahrscheinlich eine Beere der Hinde, hintberi, die wir klanglich abgeschliffen haben. Und die Nachtigall war einmal eine Zusammensetzung von Nacht und einem angenommenen germanischen Verb *galan (singen), also eine Nachtsängerin.

Bei vielen solchen undurchsichtigen Wörtern machen wir uns weiter keine Gedanken. Manchmal aber wollen wir doch wieder Ordnung in die Sache bringen. Dann interpretieren wir volksetymologisch um. Die Sintflut (große Flut) machen wir zur Sündflut oder das Eichhörnchen (aikurna) zu einer Zusammensetzung aus Eiche und einem kleinen Horn (mehr dazu hier). Doch beim Schmetterling geben es die meisten dann wieder auf. Das zarte Insekt kann einfach nichts mit schmettern zu tun haben (hat es auch nicht, siehe hier).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

2 Kommentare

  1. Blogspektrogramm 8/2014 – Sprachlog schreibt:

    Februar 23, 2014 um 09:41

    […] BOPP erklärt, woher das Adjektiv fertig kommt: »… beim Wort fertig ist tatsächlich die Endung ig zu erkennen, mit der häufig Adjektive […]

  2. Christian schreibt:

    März 21, 2014 um 10:36

    fähig – vahen – fangen:

    Jetzt weiß ich, woher unser Dialektwort „fochen“ stammt.

    Zwei Beispiele:

    Das „Höttinger Vogelfocher“ – Lied. http://www.ingeb.org/Lieder/allebuam.html
    „Fochalatz“ – das „Fangenspiel“ der Kinder.

    (Tiroler [Inntaler] Dialekt)

    Pfiat enk…
    Christian