Archiv für November, 2014

Von »guten Mutes« über »jedes/jeden Kommentars« zu »dieses Jahres«

Frage

Heißt es „sich jedes Kommentars enthalten“ oder „sich jeden Kommentars enthalten“?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

Zweifelsfälle sind oft deshalb Zweifelsfälle, weil es mehr als eine korrekte Formulierung gibt. Das ist auch hier so, denn beides ist möglich (vgl. hier):

Sie wurden gebeten, sich jeden Kommentars zu enthalten.
Sie wurden gebeten, sich jedes Kommentars zu enthalten.

Vor männlichen und sächlichen Substantiven kann das Indefinitpronomen jeder sowohl mit der Endung es als auch mit der schwachen Endung en stehen. Dies gilt aber nur dann, wenn das Substantiv die Genitivendung es oder s hat:

sich jedes/jeden Kommentars enthalten
im Leben jedes/jeden Mannes
die Erfüllung jedes/jeden Wunsches

aber nur

im Leben jedes Menschen
das Mandat jeder und jedes Abgeordneten

Nach eines steht dahingegen immer jeden:

im Leben eines jeden Mannes
das Mandat einer und eines jeden Abgeordneten

Hier zeigt sich eine interessante Tendenz in der deutschen Sprache: Bei den Endungen sind wir sparsam. Es reicht im Prinzip, den Genitiv nur einmal anzugeben. Deshalb wird dann, wenn schon ein s-Genitiv (Genitivendung es oder s) steht, häufig auf die schwache Endung en ausgewichen.

im Leben jeden Mannes
im Leben eines jeden Menschen

Der Genitiv muss aber einmal angegeben werden. Wenn sonst kein s-Genitiv vorhanden ist, muss die Endung es verwendet werden:

im Leben jedes Menschen

Dieser Ersatz der Endung es ist bei den Adjektiven am weitesten fortgeschritten: Sie haben die Genitivendung es im heutigen Deutsch aufgegeben. Während man früher noch voll süßes Weines (Luther), gutes Muthes und heutiges Tages sagte, heißt es heute nur noch voll süßen Weines, guten Mutes und heutigen Tages.

Gegenpol sind hier der bestimmte und der unbestimmte Artikel, bei denen der Ersatz von es auch heute noch unmöglich ist:

im Leben des/eines Mannes
sich des/eines Kommentars enthalten.

Zwischen den Adjektiven und den Artikeln stehen die Pronomen. Viele von ihnen haben Merkmale beider Wortklassen, das heißt, manche verhalten sie sich eher wie Artikelwörter und manche eher wie Adjektive. Das zeigt sich auch in diesem Fall: Einige Pronomen lassen wie die Adjektive den Ersatz von es im Genitiv zu, bei anderen ist dies wie bei den Artikeln (noch) nicht möglich. Die folgende Aufstellung soll diese Situation anhand einiger Beispiele aufzeigen:

Adjektive nur mit en

guten Mutes sein
eine Quelle großen Vergnügens

Pronomen nur mit en

die Ursache solchen Unbehagens
im Leben desselben Mannes (das es versteckt sich allerdings in des…)

Pronomen mit en oder es (vgl. hier)

die Ursache allen Übels
das Schicksal alles Menschlichen

Im Leben jedes/jeden Mannes
im Leben jedes Menschen

die Lösung manchen Rätsels
ein großer Wunsch manches Menschen

die Eltern welches/welchen Kindes
die Abenteuer welches Helden

Pronomen nur mit es

am Ende meines Lebens
Anfang dieses Monats
am Ende jenes Sommers

Artikel nur mit es

die Eltern des Kindes
im Leben eines Mannes

Es gibt also eine Tendenz, die Endung es dort aufzugeben, wo bereits ein s-Genitiv steht. Während dies bei den Adjektiven durchgehend der Fall ist, leisten die Artikel noch erfolgreich Widerstand. Die Pronomen stehen irgendwo dazwischen.

Ganz schön zeigt sich diese Entwicklung beim bekannten Beispiel dieses Jahres. Vor allem bei Zeitangaben setzt sich immer mehr diesen und jenen statt dieses und jenes durch:

Anfang diesen Monats wie z. B. Anfang nächsten Monats
am Ende jenen Jahres wie z. B. am Ende manchen Jahres

Statt standardsprachlich richtig:

Anfang dieses Monats
am Ende jenes Jahres

Wie man oben sieht, sind die Formen diesen Monats und jenen Jahres nicht einfach unerklärliche Nachlässigkeiten, sondern die Folge einer Entwicklung, die offenbar noch nicht abgeschlossen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Die Waise: Elternlose Kinder sind heute alle weiblich

Damit soll nicht etwa gesagt werden, dass heute alle Waisen Mädchen sind. Das Schicksal, keine Eltern mehr zu haben, trifft auch heute noch Mädchen genauso wie Jungen. Es geht hier nur um das grammatische Geschlecht.

Frage

Heute interessiert mich, ob man das Wort „Waise“ mit dem männlichen Artikel „der“ benutzen kann. Gestern hat mich nämlich im Kurs ein Schüler danach gefragt und ich hab spontan geantwortet, dass es möglich sei. Heute Morgen hab ich im Wörterbuch nachgeschlagen und hier sehe ich „die“ Waise. Ist das ein fataler Fehler oder könnte man auch „der Waise“ benutzen – vielleicht, wenn es sich um einen Jungen handelt?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

im heutigen Standarddeutschen ist das Wort Waise immer weiblich, also auch dann, wenn es um männliche Personen geht:

Der Junge ist eine Waise.
Dank der Adoption blieb ihm das Schicksal einer Waise erspart.
Von der Revolution vertrieben und zur Waise geworden, gelangt er über Polen nach Belgien [NZZ über den Maler Nicolas de Staël]
Früh zur Waise geworden, geht der Millionenerbe und Unternehmer mit allerlei Hightechausrüstung nachts auf Verbrecherjagd. [TV Digital über den Superhelden Batman]

Der Fehler ist aber nicht unbegreiflich und schon gar nicht „fatal“. Das Wort gleicht schließlich sehr stark dem substantivierten Adjektiv der/die Weise (der/die Kluge) und bezeichnet ebenfalls eine Person. Die Schreibung mit ai erklärt sich auch dadurch, dass der Unterschied zwischen Waise und Weise in der Schrift gekennzeichnet wurde und auch nach der letzten Rechtschreibreform geblieben ist. Es ist also nicht verwunderlich, dass Waise häufiger wie Weise behandelt wird.

Das ist aber noch nicht alles: Als nicht korrekt gilt die männliche Form der Waise nur in der heutigen Sprache. Die althochdeutsche Form weiso war nur männlich. Auch das mittelhochdeutsche weise war meistens männlich, auch dann, wenn eine weibliche Person bezeichnet wurde. Langsam kam dann auch die weibliche Form auf, aber sie hat sich „erst“ seit dem 18. Jahrhundert ganz durchgesetzt, und zwar so gründlich, dass heute nur noch die Waise als korrekt gilt.

Mich würde auch interessieren, weshalb die weibliche Form die männliche ersetzt hat. Doch dazu habe ich leider keine Angaben gefunden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (1)

Wann sind Substantive verblasst?

Warnung: Die Antwort ist eher unbefriedigend.

Frage

ich stolperte unlängst über die Regel K54 im Duden, in der von „verblassten Substantiven“ die Rede ist. Ist dieses Erkennen von „verblassten“ Substantiven ein Bauchgefühl, also letztendlich eine Erkennungskompetenz, oder gibt es eine echte Regel, nach der man „verblasste Substantive“ erkennen und identifizieren kann?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

verblasste Substantive sind wahrscheinlich ein Gräuel für diejenigen, die exakte Regeln mögen. Eine eindeutige Regel, wann ein Substantiv als verblasst angesehen und kleingeschrieben resp. mit einem Verb zusammengeschrieben werden muss, gibt es nämlich nicht. Allgemein wird gesagt, dass verblasste Substantive ihre selbstständigen Worteigenschaften verloren haben oder nicht mehr als Substantive erfahren werden. Ein paar (vage) Indizien:

  • Sie stehen immer ohne Artikel oder andere Begleitwörter.
  • Sie haben in bestimmten Wendungen nicht die gleiche Bedeutung, wie bei „normaler“ Verwendung.
  • Die Verbindung mit einem verblassten Substantiv hat eine andere Bedeutung als die „Summe der Bedeutungen ihrer Elemente“.

Zum Beispiel: Mit heimgehen ist nicht das/ein Heim gehen gemeint. Bei teilnehmen ist die Bedeutung nicht den/einen Teil nehmen, sondern (einen) Anteil nehmen (vgl. die Schreibung Anteil nehmen). Wenn man pleite ist, ist man nicht die Pleite, sondern hat man (die) Pleite gemacht.

Andere Beispiele:

kopfrechnen
standhalten – Wie lange halten sie noch stand?
wundernehmen – Es nimmt mich wunder, was genau passiert ist.

Das Buch ist klasse/spitze.
Wer ist schuld daran?
Das ist mir wurst.

Der Gong wird abends um sechs Uhr geläutet.
Es ging anfangs noch ganz gut.
Wer kann mir notfalls helfen?

Sie bereute es zeit ihres Lebens.
dank deiner finanziellen Hilfe

Es waren nur ein paar Leute da.
Ich finde es ein bisschen schwierig.

Vgl. auch hier und hier.

Wie die oben stehenden, wenig präzisen Anhaltspunkte schon vermuten lassen, ist der Übergang von selbstständig zu „verblasst“ fließend. Entsprechend muss auch ich bei solchen Wörtern regelmäßig nachschauen, ob sie nun offiziell groß- oder kleingeschrieben werden. Diesen Übergang gibt es sogar „offiziell“. So sind bei den folgenden Verbindungen beide Schreibungen korrekt, weil sie als Zusammensetzung mit einem verblassten Substantiv, aber auch als Verbindung mit einem selbstständigen Substantiv gesehen werden können:

Acht geben / achtgeben
Acht haben / achthaben
Halt machen / haltmachen
Maß halten / maßhalten

Da es keine eindeutige Regel gibt (und geben kann), bleibt eigentlich nur, auf seine Intuition zu vertrauen, sich die schwierigeren Fälle zu merken und notfalls im Wörterbuch nachzuschlagen. Einfacher kann ich es leider auch nicht machen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (1)

Der Redefluss der Schildkröte und die Anführungszeichen

Frage

Meine 11-jährige Tochter schreibt immer wieder Geschichten, in denen Personen mehrere Sätze hintereinander in wörtlicher Rede sprechen. Kann man das wie folgt schreiben:

„Du musst mir helfen. Sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr“, sagte die Schildkröte.

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

dieser Fall ist unüblich, das heißt, es kommt selten vor, dass der Begleitsatz einer wörtlichen Wiedergabe folgt, die aus mehreren Sätzen besteht. Es ist dann meistens besser, den Begleitsatz vor die wörtliche Wiedergabe zu stellen oder sie nach dem ersten Satz oder einem Teil davon einzufügen. Zum Beispiel:

Begleitsatz vorangestellt:
Die Schildkröte sagte: „Du musst mir helfen. Sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr.“
Die Schildkröte sagte: „Du musst mir helfen, sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr!“

Begleitsatz eingebettet:
„Du musst mir helfen“, sagte die Schildkröte. „Sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr.“
„Du musst mir helfen“, sagte die Schildkröte, „sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr!“

Wenn man aber trotzdem mehr als einen Satz vor den Begleitsatz stellen will (z. B. um zu unterstreichen, wie gehetzt der Redefluss der Schildkröte ist), sollten die Satzzeichen so gesetzt werden, wie Sie es in Ihrem Beispiel tun:

Begleitsatz nachgestellt:
„Du musst mir helfen. Sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr“, sagte die Schildkröte.
„Du musst mir helfen, sonst bin ich verloren. Ich kann nicht mehr!“, sagte die Schildkröte.

Man könnte die Beschreibung noch verfeinern, aber das ginge mir hier etwas zu weit. Viel wichtiger als eine auch in Sonderfällen bis ins Detail geregelte Interpunktion finde ich, dass Ihre Tochter Geschichten schreibt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Die allgemeinen Regen für die Anführungszeichen finden Sie hier.

Kommentare (5)

Anglizismus des Jahres und (ausnahmsweise) Wort der Woche

Die Zeit der Wörter des Jahres ist wieder angebrochen. Auch dieses Jahr weise ich nur auf einen dieser Beautycontests hin: Die Wahl des Anglizismus des Jahres ist (schon seit einem Weilchen) eröffnet. Bis zum 21. Dezember können auch Sie Ihre Kandidaten hier vorschlagen.

Bei Canoonet gibt es keine Wörter des Jahres. Ich möchte aber ausnahmsweise einmal mein persönliches Wort der Woche vorstellen, weil ich es so schön finde und weil es zeigt, wie flexibel die deutsche Wortbildung sein kann. Das Wort der Woche ist:

kühlschrankgroß

Überall wurde in den Nachrichten und in den Zeitungen berichtet, dass die kühlschrankgroße Landesonde oder der kühlschrankgroßen Kometenlander Philae auf einem Kometen gelandet ist, der den nur für erfahrene Präsentatoren und Präsentatorinnen nach mehrmaligem vorherigem Üben aussprechbaren Namen Tschurjumow-Gerassimenko trägt (ein guter Kandidat für den Namen der Woche, wenn es den denn gäbe).

Das Wort ist nicht neu – als zum Beispiel die Handys immer kleiner wurden, nannte man ältere Modelle gerne einmal kühlschrankgroß –, aber es zeigt schön die Flexibilität der deutschen Wortbildung. Wenn etwas so groß wie ein Kühlschrank ist, dann ist es kurz gesagt kühlschrankgroß. Und jedes Mal, wenn man den Kühlschrank als Vergleichsgröße benötigt, kann man dieses Wort wieder neu bilden, ganz gleich ob es jemals im Wörterbuch gestanden hat oder stehen wird.

Wenn wir schon dabei sind, hier noch weitere Beispiele:

erbsengroß – so groß wie eine Erbst
bärenstark – so stark wie ein Bär
fingerlang – so lang wie ein Finger
papierdünn – so dünn wie Papier

Der Flexibilität sind übrigens kaum Grenzen gesetzt, denn solche Zusammensetzungen bedeuten bei Weitem nicht immer „so x wie Y“:

schulterlang – lang bis auf die Schultern
ideenreich – reich an Ideen
tränennass – nass von Tränen
wasserdicht – dicht in Bezug auf Wasser
bettreif – reif fürs Bett
idiotensicher – so sicher, dass auch Idioten risikolos damit umgehen können
usw. usw. usw.

Und damit auch der „Dr. Bopp“ in mir noch zum Zuge kommt: Vergessen Sie nicht, dass solche Bildungen klein- und zusammengeschrieben werden!

Kommentare (3)

So viele Konjunktive!?

Frage

Was hat es mit dem Konjunktiv Plusquamperfekt auf sich? Ich bin da über ein Beispiel gestolpert (der Satz ist nicht von mir):

Hätte ich die Wäsche bügeln können, wenn du sie aufgehängt hättest?

„Hätte ich die Wäsche bügeln können“ wird als Konjunktiv Plusquamperfekt bezeichnet. Für mich ist das nichts anderes als ein ganz normaler Konjunktiv 2 (mit Modalverb in diesem Fall). Ich verstehe nicht, warum das Konjunktiv Plusquamperfekt sein soll.

Antwort

Sehr geehrte Frau I.,

bei den Namen für grammatische Phänomene ist vieles oft nicht ganz so klar, wie wir es gerne hätten. Das ist auch bei etwas – auf den ersten Blick – so Einfachem wie den Namen für die Konjunktivformen des Verbs der Fall: Es werden mehr Namen verwendet, als es Formen gibt.

Einerseits gibt es die „klassischen“ Namen, die sich rein an der Form orientieren und oft wenig bis nichts mit der eigentlichen Verwendung der Formen zu tun haben. Dazu gehört der Name Konjunktiv Plusquamperfekt. Daneben gibt es die Begriffe Konjunktiv I und Konjunktiv II. Sie umfassen jeweils eine bestimmte Gruppe von Verbformen, die in bestimmten Zusammenhängen und Satzarten verwendet werden: der Konjunktiv I zum Beispiel in der indirekten Rede, der Konjunktiv II zum Ausdruck von allerlei „Irrealem“ (siehe hier).

Man kann die „klassischen“ Namen wie folgt über die Begriffe Konjunktiv I und II verteilen:

Konjunktiv I
Konjunktiv (I) Präsens: er gehe / er spreche
Konjunktiv (I) Perfekt: er sei gegangen / er habe gesprochen
Konjunktiv I Futur I: er werde gehen / er werde sprechen
Konjunktiv I Futur II: er werde gegangen sein / er werde geprochen haben

Konjunktiv II
Konjunktiv (II) Präteritum: er ginge / er spräche
Konjunktiv (II) Plusquamperfekt: er wäre gegangen / er hätte gesprochen
würde-Formen

Konjunktiv II Futur I: er würde gehen / er würde sprechen
Konjunktiv II Futur II: er würde gegangen sein / er würde gesprochen haben

Wenn keine weiteren Angaben gemacht werden, ist übrigens mit Konjunktiv I häufig einfach der Konjunktiv Präsens (er gehe) und mit Konjunktiv II einfach der Konjunktiv Präteritum (er ginge) gemeint.

Eine andere Art, die Zeitformen zu benennen, die im Unterricht häufiger verwendet wird, ist diese:

Konjunktiv I Gegenwart: er gehe / er spreche
(= Konjunktiv Präsens)
Konjunktiv I Vergangenheit: er sei gegangen / er habe gesprochen
(= Konjunktiv Perfekt)
Konjunktiv I Zukunft: er werde gehen / er werde sprechen
(= Konjunktiv I Futur I)

Konjunktiv II Gegenwart: er ginge / er spräche
(= Konjunktiv Präteritum)
Konjunktiv II Vergangenheit: er wäre gegangen / er hätte gesprochen
(= Konjunktiv Plusquamperfekt)

Ersatzformen mit „würde“
würde-Form Gegenwart: er würde gehen / er würde sprechen
(= Konjunktiv II Futur I)
würde-Form Vergangenheit: er würde gegangen sein / er würde gesprochen haben
(= Konjunktiv II Futur II)

Die würde-Formen sind meist Ersatzformen für die „eigentlichen“ Konjunktiv-II-Formen. Sie werden im heutigen Deutschen immer häufiger verwendet und einige bezeichnen sie bereits als Konjunktiv III.

So viele Namen und so viele Formen! Viel einfacher kann ich es leider auch nicht machen, aber wenn man sich nicht allzu sehr durch die Vielfalt der Namen beeindrucken lässt, ist es gar nicht so kompliziert. Ein ganz anderes Kapitel ist natürlich die Verwendung des Konjunktivs. Doch davon soll hier nicht auch noch die Rede sein, denn dann wird es wirklich kompliziert!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.

Von Mauer, Wall und Wand

Das Wort Mauer, das man dieser Tage sehr häufig hört und liest, stammt von den Römern, denn von ihnen lernte man nördlich der Alpen das Mauern mit Steinen. Es ist ein in den (west)europäischen Sprachen weitverbreitetes Wort. In den romanischen Sprachen findet man es fast überall in der Form mur, muro oder muru (z. B. Französisch, Italienisch, Okzitanisch, Portugiesisch, Rätoromanisch, Spanisch). Die meisten germanischen Sprachen haben es in der Form mur, muur, muorre, Mauer o. Ä als Lehnwort übernommen (z. B. Dänisch, Deutsch, Friesisch, Niederländisch, Norwegisch, Schwedisch). Auch außerhalb dieser beiden Sprachfamilien (z. B. Polnisch, Finnisch) hat das Lateinische murus Nachkommen.

Ein auffallender Außenseiter ist hier das Englische. Obwohl es mit den germanischen Sprachen verwandt ist und einen großen Teil seines Wortschatzes aus der romanischen Sprache Französisch übernommen hat, verwendet man jenseits des Ärmelkanals ein anderes Wort für Mauer: wall. Dieses Wort ist natürlich mit unserem Wall verwandt. Bevor Sie nun aber denken, dass hier urgermanische Wortsubstanz überlebt hat: Wall stammt ebenfalls aus dem Lateinischen. Mit vallum wurde die Gesamtheit der Palisaden auf einem Schanzwall bezeichnet, der ein Lager umgab (zu vallus = Pfahl). Während wir im Deutschen vallum in der Form Wall heute für den unteren Teil dieser Konstruktion, die Erdaufschüttung, verwenden, hat das Englischen den Mauercharakter des oberen Teils, der Palisaden, übernommen und weitergeführt.

Bei murus hingegen ist kaum eine Bedeutungsveränderung festzustellen. Die Römer bezeichneten mit diesem Wort eine Mauer aus Steinen und das tun wir in all den genannten Sprachen auch heute noch. In vielen Sprachen hat es auch die Bedeutung Wand im Sinne von „senkrechte Abgrenzung eines Gebäudes oder Gebäudeteils“ erhalten. Das bringt mich zu Wand, dem Wort, das mich hier am meisten erstaunt hat. Ich hatte mich nämlich noch nie gefragt, woher es kommt. Das liegt vielleicht daran, dass die Antwort gleichzeitig so nah und doch ziemlich weit entfernt liegt. Es ist direkt mit dem Verb winden (wand, gewunden) verwandt. So viel zur Nähe. Für die Antwort darauf, wie es mit winden verwandt ist, müssen wir etwas weiter zurückgreifen: In der Zeit, bevor die Germanischsprechenden Mauern bauten, wurden Wände aus Zweigen gewunden oder geflochten und dann mit Lehm bestrichen.

Mauer und Wall stammen also von den Römern, Wand aus dem Germanischen. Wichtiger als die Herkunft dieser Wörter ist aber, dass Wände, Wälle und Mauern vor allem schützen statt einsperren oder ausgrenzen sollten.

Kommentare (1)

Ein Grenzfall der Konjugation: Wenn ich oder mein Kind krank …

Wenn ein Satz ein mehrteiliges Subjekt hat und die Subjektteile mit oder verbunden sind, wird es oft ziemlich holprig. Das findet auch Frau G.

Frage

Wer kann mir weiterhelfen, wie ich folgenden Nebensatz richtig formuliere?

Wenn ich oder mein Kind krank ist …

Mich stört hier das Verb „ist“, würde in diesem Fall auch „sind“ passen?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

die Form sind ist hier nicht üblich. Sie steht dann, wenn die beiden Teile des Subjekts mit und verbunden sind:

Wenn ich und mein Kind (= wir) krank sind …

Wenn die Subjekteile mit oder verbunden sind, ist diese Zusammenziehung zu wir nicht möglich.

Möglich ist die Form ist:

Wenn ich oder mein Kind krank ist …

Bei einer solchen Verbindung mit oder richtet sich das Verb in der Regel nämlich nach dem Subjektteil, der ihm am nächsten steht. Weitere Beispiele:

Wenn deine Schwester oder du etwas gesagt hättest …
Wenn du oder deine Schwester etwas gesagt hätte …

Sie oder Ihr Rechtsvertreter wird rechtzeitig informiert.
Ihr Rechtsvertreter oder Sie werden rechtzeitig informiert.

Solche Sätze klingen aber oft ziemlich seltsam oder unnatürlich. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Verbform ist des Beispielsatzes in Ihrer Frage Sie stört. Aus diesem Grund ist es oft besser, auf eine andere Formulierung auszuweichen. Zum Beispiel:

Wenn jemand von uns – ich oder mein Kind – krank ist …
Wenn ich krank bin oder mein Kind es ist …

Wenn eine von euch, du oder deine Schwester, etwas gesagt hätte …
Wenn du und deine Schwester nicht geschwiegen hätten …

Man wird Sie oder Ihren Rechtsvertreter rechtzeitig informieren.
Wir informieren Sie oder Ihren Rechtsvertreter rechtzeitig.

Siehe auch diese Seite unter „Zwei verschiedene Personen mit oder“.

Manchmal stößt man in der Grammatik an die Grenzen des Möglichen. Die Regel kennen ist dann gut, flexibel und einfallsreich formulieren aber besser!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kommentar-Funktion für diesen Beitrag ist zur Zeit ausgeschaltet.