Von Mauer, Wall und Wand

Das Wort Mauer, das man dieser Tage sehr häufig hört und liest, stammt von den Römern, denn von ihnen lernte man nördlich der Alpen das Mauern mit Steinen. Es ist ein in den (west)europäischen Sprachen weitverbreitetes Wort. In den romanischen Sprachen findet man es fast überall in der Form mur, muro oder muru (z. B. Französisch, Italienisch, Okzitanisch, Portugiesisch, Rätoromanisch, Spanisch). Die meisten germanischen Sprachen haben es in der Form mur, muur, muorre, Mauer o. Ä als Lehnwort übernommen (z. B. Dänisch, Deutsch, Friesisch, Niederländisch, Norwegisch, Schwedisch). Auch außerhalb dieser beiden Sprachfamilien (z. B. Polnisch, Finnisch) hat das Lateinische murus Nachkommen.

Ein auffallender Außenseiter ist hier das Englische. Obwohl es mit den germanischen Sprachen verwandt ist und einen großen Teil seines Wortschatzes aus der romanischen Sprache Französisch übernommen hat, verwendet man jenseits des Ärmelkanals ein anderes Wort für Mauer: wall. Dieses Wort ist natürlich mit unserem Wall verwandt. Bevor Sie nun aber denken, dass hier urgermanische Wortsubstanz überlebt hat: Wall stammt ebenfalls aus dem Lateinischen. Mit vallum wurde die Gesamtheit der Palisaden auf einem Schanzwall bezeichnet, der ein Lager umgab (zu vallus = Pfahl). Während wir im Deutschen vallum in der Form Wall heute für den unteren Teil dieser Konstruktion, die Erdaufschüttung, verwenden, hat das Englischen den Mauercharakter des oberen Teils, der Palisaden, übernommen und weitergeführt.

Bei murus hingegen ist kaum eine Bedeutungsveränderung festzustellen. Die Römer bezeichneten mit diesem Wort eine Mauer aus Steinen und das tun wir in all den genannten Sprachen auch heute noch. In vielen Sprachen hat es auch die Bedeutung Wand im Sinne von „senkrechte Abgrenzung eines Gebäudes oder Gebäudeteils“ erhalten. Das bringt mich zu Wand, dem Wort, das mich hier am meisten erstaunt hat. Ich hatte mich nämlich noch nie gefragt, woher es kommt. Das liegt vielleicht daran, dass die Antwort gleichzeitig so nah und doch ziemlich weit entfernt liegt. Es ist direkt mit dem Verb winden (wand, gewunden) verwandt. So viel zur Nähe. Für die Antwort darauf, wie es mit winden verwandt ist, müssen wir etwas weiter zurückgreifen: In der Zeit, bevor die Germanischsprechenden Mauern bauten, wurden Wände aus Zweigen gewunden oder geflochten und dann mit Lehm bestrichen.

Mauer und Wall stammen also von den Römern, Wand aus dem Germanischen. Wichtiger als die Herkunft dieser Wörter ist aber, dass Wände, Wälle und Mauern vor allem schützen statt einsperren oder ausgrenzen sollten.

1 Kommentar

  1. Langenberg schreibt:

    November 13, 2014 um 23:18

    Ohne Etymologie(en) zu treiben, hat Erwin Strittmatter (ein wichtiger DDR-Repräsentant…)die urtümlichen Lebens- und Wohnsituationen festgehalten:
    „Das Fenster ist ein zivilisiertes Loch, der Stuhl ein zivilisierter Stein und der Schrank ist eine zivilisierte Vertiefung im Gefels. Der Teller ist die Nachbildung der Hand, die Schüssel eine Nachbildung zweier aneinandergehaltener Hände, und auch die Gabel ist eine stilisierte Hand mit gespreizten Fingern. (…) Aus E. Str.s Tagebüchern, zuerst gedruckt 1981 in „Ermunterungen“ (einer TeilausWahl der damals noch ungedruckten Tagebücher]. S. 60f.) – Der heutige, so heftig technisierte Mensch beFindet sich so schnell unterWegs und für neue Ziele und in ergänzenden Beziehungen, dass er (gerne?) die UrTümlichkeiten vergisst.
    Aber jeder muss für sich und seine soziale(n) Einheit(en) selbst Etymologien und ErInnereungen und/oder Zivilsationen oder kulturelle Standards erarbeiten… (Et cetera…)