Vergönnen war nicht immer gleich vergönnen

Frage

In der NZZ (und in andern Zeitungen) stand zu lesen:

Im Gegensatz zu B. blieb K. und M. in den Finals über 60 Meter der Sprung aufs Podest vergönnt.

Im Walliser Boten und in den Freiburger Nachrichten stand fast dieselbe Nachricht:

Im Gegensatz zu B. blieb K. und M. in den Finals über 60 m der Sprung aufs Podest nicht vergönnt.

War der Sprung nun vergönnt oder nicht vergönnt? Wer hat recht?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

wer recht hat, hängt davon ab, wer tatsächlich auf dem Podest stand und wer nicht. Wenn Sie für vergönnen die fast gleichbedeutenden Verben gewähren oder gönnen einsetzen, wird es vielleicht etwas deutlicher.

Gemäß der NZZ standen K. und M. auf dem Podest. Ihnen blieb im Gegensatz zu B. der Sprung aufs Podest gewährt, gegönnt oder eben vergönnt.

Nach den anderen beiden Zeitungen hingegen stand B. auf dem Podest. Den Konkurrenten K. und M. blieb der Sprung aufs Podium nicht gewährt, nicht gegönnt oder eben nicht vergönnt.

Ich vermute, dass der NZZ eine dialektale Bedeutung von vergönnen in die Tastatur gerutscht ist. In einigen Dialekten bedeutet vergönnen nämlich nicht gönnen, gewähren, sondern im Gegenteil nicht gönnen, missgönnen.

Vielleicht meinten die Autoren aber einfach fälschlich, dass vergönnen das Gegenteil von gönnen sei. Damit haben oder hätten sie nur im heutigen Deutsch falschgelegen. In früheren Zeiten konnte das ver- in vergönnen nämlich neben der heutigen Bedeutung auch eine negative Bedeutung haben: missgönnen. Als Luther in „Colloquia oder Tischreden und andere sehr erbauliche Gespräche“ unter „Sünde in den heiligen Geist“ zitierte:

Seinem Bruder Gottes Gnade vergönnen

war nicht gemein, es sei eine Sünde, seinem Bruder Gottes Gnade zu gönnen. Gemeint war vielmehr, es sei sündig, seinem Mitmenschen Gottes Gnaden zu missgönnen. (Mehr zur Geschichte von vergönnen z. B. in Grimm.)

Im heutigen Deutsch hat aber außer in einigen Dialekten nur vergönnen mit einem verstärkenden ver- überlebt: gönnen, gewähren. Deshalb stehen heute diejenigen auf dem Siegerpodest, denen der Sprung darauf vergönnt war, und diejenigen daneben, denen dieser Sprung nicht vergönnt war.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

3 Kommentare

  1. Tom schreibt:

    April 30, 2015 um 12:03

    Interessant! Ich (aus dem Südwesten kommend) kannte nur die Variante „vergönnen = nicht gönnen“.

  2. Holger schreibt:

    April 30, 2015 um 20:25

    Vielleicht hat man auch einfach »vergönnt« und »verwehrt« verwechselt? Nach dem »blieb« hatte ich am Ende eher Letzteres erwartet.

  3. Blogspektrogramm 20/2015 – Sprachlog schreibt:

    Mai 10, 2015 um 14:30

    […] kann vergönnen zwei völlig gegensätzliche Dinge bezeichnen? FRAGEN SIE DR. BOPP weiß die Antwort: »Ich vermute, dass der NZZ eine dialektale Bedeutung von vergönnen in die Tastatur gerutscht […]