Archiv für Juni, 2015

Von Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll zu Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer

Keine Angst, ich werde keine gesellschaftskritische Kolumne beginnen! Es geht auch hier um Grammatik: Ein nicht mehr ganz taufrisches Zitat wirft Kongruenzfragen auf.

Frage

„Wann genau ist aus Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll eigentlich Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer geworden?“ Muss es nicht „sind“ heißen?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

die Einzahl ist ist hier richtig. Wenn mit und verbundene Subjektteile als eine Einheit aufgefasst werden, kann das Verb entgegen der Grundregel auch in der Einzahl stehen (vgl. hier). Häufig stehen die Substantive dann wie hier ohne Artikel.

Das Subjekt ist hier „Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer“. Es wird mit  „Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“ in Verbindung gebracht und wie dieses als ein Motto oder eine Lebenseinstellung aufgefasst:

„Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“ war das Motto. Heute ist das Motto „Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer“.

Wann genau ist aus Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll eigentlich Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer geworden?

Die Mehrzahl sind ist nicht grundsätzlich ausgeschlossen, ich fände sie hier aber stilistisch weniger gut. Ähnliche Formulierungen:

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit war die Losung der Französischen Revolution.
Brot und Spiele funktioniert auch heute noch.
Jung und Alt kann hiervon profitieren.

Und wenn Sie sich immer noch nicht ganz mit der Einzahl anfreunden können, helfen in Ihrem Beispiel vielleicht Anführungszeichen dabei, das ist etwas leichter verdaulich zu machen:

Wann genau ist aus „Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“ eigentlich „Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer“ geworden?

Die Antwort auf diese Frage muss ich Ihnen übrigens schuldig bleiben. Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll war nie mein Lebensmotto und andererseits esse ich Fleisch, vertrage ich zum Glück Milch und bin ich, wenn ich wählen kann, doch eher für Rock ’n’ Roll als Helene Fischers Schlager.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Noch einmal: Es wäre schön, wenn der Traum erfüllt …

Häufig ruft eine Frage eine weitere auf. Deshalb heute gleich noch einmal das Thema des Traumes, der hoffentlich in Erfüllung geht: Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird(?).

Frage

Meine Frage schließt an die an, in der gefragt wurde, ob es heißt: „Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.“ Immer öfter hört und liest man, dass geschrieben und gesagt wird: „Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird“, also in einer anderen Form. Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

es ist standardsprachlich üblich, in Konstruktionen dieser Art (d. h. in irrealen Bedingungsätzen) in beiden Teilsätzen den Konjunktiv zu verwenden:

Es wäre schön, wenn du auch kommen würdest.
Es wäre schön, wenn wir alle fliegen könnten.

Nun ist es aber tatsächlich so, dass man im wenn-Satz manchmal auch dem Indikativ begegnet:

Es wäre schön, wenn du auch kommst.
Es wäre schön, wenn ihr uns beim Aufräumen helft.
(statt standardsprachlich:
Es wäre schön, wenn du auch kämest / kommen würdest.
Es wäre schön, wenn ihr uns beim Aufräumen helfen würdet.)

Diese Art der Formulierung im Indikativ ist eher als umgangssprachlich anzusehen. Sie kommt dann vor, wenn etwas ausgedrückt wird, das tatsächlich möglich und wahrscheinlich ist: Die Möglichkeit, dass du kommst, besteht. Man hält es für realistisch, dass beim Aufräumen geholfen wird.

Der Indikativ erscheint aber auch in der Umgangssprache kaum, wenn etwas Unmögliches oder Unwahrscheinliches ausgedrückt wird:

nicht: *Es wäre schön, wenn wir alle fliegen können.
nicht: *Es wäre schön, wenn ich dann Urlaub habe, aber das ist leider nicht so.

Während also standardsprachlich kein Unterschied zwischen wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Sachverhalten gemacht wird, kann dieser Unterschied umgangssprachlich durch die Verwendung des Konjunktivs resp. Indikativs aufgedrückt werden:

Umgangssprachlich:
a) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird.
b) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.

In Satz a) wird die Erfüllung des Traumes für möglich gehalten. In Satz b) hingegen kann die Erfüllung auch unmöglich oder unwahrscheinlich sein.

Standardsprachlich in beiden Fällen:
a), b) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.

Meine Antwort ist etwas lang ausgefallen; deshalb zusammenfassend hier noch eine kurze Antwort auf Ihre Frage: In korrektem Standarddeutsch gilt nur die Formulierung mit dem Konjunktiv in beiden Teilsätzen als richtig. Die mehr umgangssprachliche Verwendung des Indikativs im wenn-Satz ist aber nicht einfach nur ein unerklärlicher dummer Fehler, sondern sie folgt einer eigenen Regel und Präzisierungsmöglichkeit, die die Standardsprache (noch?) nicht kennt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Diese Befindungen basieren nur auf meinen eigenen Beobachtungen. Als wissenschaftlich fundierte Aussagen können sie deshalb nicht gelten. Es wäre inbesondere zu prüfen, ob es regionale und textsortengebundene Unterschiede bei der Verwendung des Indikativs im wenn-Satz gibt und ob und wie sich dieses Phänomen im Laufe der Zeit entwickelt hat.

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Wenn der Traum erfüllt würde – oder erfüllt werden würde?

Frage

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir sagen könnten, welcher von diesen zwei Sätzen richtig ist (es handelt sich um einen Passivsatz im Konjunktiv II):

Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.
Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt werden würde.

Man kann es natürlich umformulieren („Es wäre so schön, wenn dieser Traum in Erfüllung gehen könnte / ginge“), aber ich würde gern wissen, ob dieses „werden würde“ richtig ist.

Antwort

Sehr geehrte Frau C.,

der Unterschied zwischen erfüllt würde und erfüllt werden würde besteht darin, dass die erste Form ein Präsens und die zweite Form ein Futur ist. Da im Deutschen etwas Zukünftiges häufig im Präsens ausgedrückt wird (Ich fahre morgen weg = Ich werde morgen wegfahren; vgl. hier), sind beide Sätze richtig. Beginnen wir der Einfachheit halber im Indikativ. Die folgenden Sätze haben ungefähr dieselbe Bedeutung:

Ich hoffe, dass dieser Traum erfüllt wird.
Ich hoffe, dass dieser Traum erfüllt werden wird.

Wenn wir diesen Gedanken nun als sogenannten irrealen Bedingungssatz im Konjunktiv II formulieren, ergeben sich entsprechend zwei Formulierungsmöglichkeiten, die ebenfalls mehr oder weniger dasselbe ausdrücken:

Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.
Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt werden würde.

Im Passiv wird häufig das Präsens gewählt, wenn etwas Zukünftiges gemeint ist. Damit kann man das etwas schwerfällige doppelte Auftreten des Hilfsverbs werden – einmal für das Passiv und einmal für das Futur – vermeiden. Formen wie werden wird und werden würde sind aber keineswegs falsch oder grundsätzlich „schlechter“ als die einfachen Formen!

Manchmal gibt es kaum einen Unterschied:

Das Haus wird morgen abgebrochen werden.
Das Haus wird morgen abgebrochen.

Manchmal sind die „langen“ Formen wirklich etwas zu schwerfällig:

Mülltonnen, die am Donnerstag geleert werden würden, werden bereits am Mittwoch abgeholt werden.
Mülltonnen, die am Donnerstag geleert würden, werden bereits am Mittwoch abgeholt.

Umgekehrt drücken die „kurzen“ Formen manchmal den Aspekt des Zukünftigen nicht deutlich genug aus. Die erste der beiden folgenden Formulierungen gibt deutlicher an, dass das Problem nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft nicht gelöst werden wird:

ein Problem, das niemand lösen will und das deshalb nie gelöst werden wird
ein Problem, das niemand lösen will und das deshalb nie gelöst wird

Ob man in einem Satz zweimal das Hilfsverb werden verwendet oder es einmal fallen lässt, ob Sie also erfüllt würde oder erfüllt werden würde wählen, ist somit vielmehr eine stilistische als eine grammatische Entscheidung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wer glauben will, ist glauben wollend

Frage

Schreibt man:

ein glauben wollender Mensch
ein glauben-wollender Mensch
ein glaubenwollender Mensch

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

Sie ahnten es sicher schon, denn wohl nicht ganz zufällig ist Ihr erster Vorschlag richtig:

ein glauben wollender Mensch

Partizigruppen werden gleich geschrieben, wie die zugrundeliegende Verbgruppe, auch wenn das Partizip wie ein Adjektiv vor einem Substantiv steht. Zum Beispiel:

sich verändern
die sich verändernde Umwelt

miteinander spielen
die miteinander spielenden Kinder

in der Stadt wohnen
die in der Stadt wohnenden Leute

bei jedem Windhauch quietschen
ein bei jedem Windhauch quietschender Fensterladen

sich an nichts mehr erinnern können
eine sich an nichts mehr erinnern könnende Zeugin

Und ebenso:

glauben wollen
ein glauben wollender Mensch

Eine weitere Rechtschreibhürde kann sich ergeben, wenn solche Partizipgruppen substantiviert werden. Es kommt auch dann weder zu Bindestrichen noch zur Zusammenschreibung. Nur das Partizip, der Kern der Wortgruppe, wird dann großgeschrieben, der Rest bleibt gleich:

das sich Verändernde
die in der Stadt Wohnenden
die sich an nichts mehr erinnern Könnenden
die glauben Wollenden

Das sieht manchmal etwas gewöhnungsbedürftig aus (für mich zum Beispiel mit sich), ist aber so korrekt geschrieben. Mehr Überlegungen zu diesem nicht nur Sie Verwirrenden, das heißt zu dieser nicht nur Sie verwirrenden Frage, finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Hallo alle!

Frage

Ist die Begrüßung „hallo alle“ richtiges und gutes Deutsch?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

ob hallo alle richtiges und gutes Deutsch ist, hängt davon ab, was Sie darunter verstehen. Als Begrüßung ist es standardsprachlich nicht üblich und in einer formelleren Umgebung auch nicht zu empfehlen. In einer informellen Situation unter Freunden und guten Bekannten gibt es meiner Meinung nach nichts dagegen einzuwenden.

Rein grammatisch folgt nach hallo die Angabe der oder des Begrüßten, und zwar im Nominativ. Zum Beispiel:

Hallo, liebe Nachbarinnen und Nachbarn!
Hallo, mein lieber Schatz!
Hallo, du kleiner Stinker!

Wenn man bei der Begrüßung alle meint, ist also hallo alle grammatisch gesehen korrekt:

Hallo[,] alle!

Oder auch zum Beispiel:

Hallo, alle zusammen!
Hallo allerseits!

Ob diese Begrüßung üblich und passend ist, hängt wie oben bereits gesagt von der Situation und den beteiligten Personen ab. Was an einem Ort problemlos möglich ist, kann an anderer Stelle äußerst unpassend sein. Ob etwas richtiges und gutes Deutsch ist, hat oft nicht nur mit Grammatik, sondern auch mit Fingerspitzengefühl und Gewandtheit im gesellschaftlichen Umgang zu tun.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Deodorants, Deodorante – und Deodorantien?

Frage

Der Plural von „Antitranspirant“ ist gemäß dem Wörterbuch „Antitranspirants“. Ich finde aber in der Literatur immer wieder den Begriff „Antitranspirantien“ (oder auch „Deodorant – Deodorantien“). Kann man diesen so stehen lassen?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

die Wörter Antitranspirant und Deodorant (Desodorant) kommen aus dem Englischen und werden im Plural wie dort mit s gebildet. Daneben kommt auch die deutsche Pluralendung e vor:

das Antitranspirant – die Antitranspirants, auch die Antitranspirante
das Deodorant – die Deodorants,  auch die Deodorante

Der übergroße Teil der Substantive auf –ant ist männlich und wird schwach gebeugt (zum Beispiel Informant – Informanten, Lieferant – Lieferanten, Konsonant – Konsonanten). Sie sollen uns hier nicht weiter interessieren, denn Antitranspirant und Deodorant sind sächlich. Es gibt nur wenige sächliche Substantive dieser Form, und wenn sie nicht wie diese beiden aus dem Englischen stammen, kommen sie häufig aus dem Französischen (zum Beispiel Restaurant – Restaurants, Pendant – Pendants, Fondant – Fondants).

Woher kommen nun die Pluralformen Deodorantien und Antitranspirantien, die Sie ebenfalls entdeckt haben. Aus dem Englischen oder Französischen stammen sie ja nicht. Sie klingen sehr fachsprachlich, ich weiß aber nicht, ob sie nicht einfach pseudofachsprachlich sind. Sie gehören eigentlich zu einer latinisierenden Singularform Deodorans und Antitranspirans, werden aber (fälschlich?) nicht nur bei dieser Singularform verwendet.

das Antitranspirans – die Antitranspirantien (o. Antitranspiranzien)
das Deodorans – die Deodorantien (o. Deodoranzien)

Weitere sächliche Substantive dieser Form mit einem Plural auf –antien, -anzien oder –antia:

Adjuvans (unterstützender Bestandteil)
Antioxidans (Autoxidation verhindernder Zusatz)
Koagulans (Blutgerinnung förderndes Mittel)
Laxans (Abführmittel)
Relaxans (Muskeln entspannendes Arzneimittel)
Roborans (Stärkungsmittel)
Stimulans (stimulierendes Mittel)

Meine Empfehlung für Deodorant und Antitranspirant: Verwenden Sie insbesondere in allgemeinen Texten nur die Singularformen auf -ant und die Pluralformen auf -ants oder -ante. Wer dennoch nicht auf den Plural Antitranspirantien und Deodorantien verzichten will, sollte erwägen, auch im Singular die latinisierten Formen Antitranspirans und Deodorans zu gebrauchen. Wenn es schon wissenschaftlich klingen soll, dann auch auf der ganzen Linie.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Hier steht ein Komma, oder?

Frage

Auf der Suche nach verständlich erklärten Kommaregeln habe ich die Seite von canoo.net gefunden – und bin begeistert! Alle Regeln auf einen Blick. Eine Frage habe ich aber trotzdem. Die Regeln zum Thema „Komma vor und/oder“ verstehe ich nun ganz gut. Wie ist es aber, wenn am Ende eines Satzes ein „oder“ steht, also das Gesagte in Zweifel gezogen wird – steht dann ein Komma vor dem „oder“?

Du kommst doch morgen(,) oder?

Antwort

Sehr geehrte Frau S.,

dieses eher umgangssprachliche „oder“ ist eine Art nachgestellte Stellungnahme. Sie sollte durch ein Komma abgetrennt werden:

Du kommst doch morgen, oder?

Dies gilt auch für andere mehr oder weniger umgangssprachliche oder standardsprachliche Vergewisserungsfragen u. Ä.:

Du benimmst dich anständig, gell(e)!
Sie bleiben hier, ja?
Das war schön, nicht?
Herr Boulanger war schon einmal hier, nicht wahr?
Sie hat dir bestimmt geholfen, oder etwa nicht?

Es wäre schön, wenn es immer so einfach wäre, nicht wahr?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Zweimal verneint ist nicht doppelt verneint

Frage

Heute möchte ich mich mit einem für mich nicht ganz eindeutigen Fall der Verneinung an Sie wenden. Der Satz lautet:

Sie blieben auch dann bei ihrer Meinung, als keiner mehr daran glaubte, weder hier noch in anderen Ländern.

oder

Sie blieben auch dann bei ihrer Meinung, als keiner mehr daran glaubte, sowohl hier als auch in anderen Ländern.

Da im Deutschen im Gegensatz zu einigen anderen Sprachen ja die doppelte Verneinung eigentlich eine Bejahung bedeutet, sollte eigentlich die zweite Variante für die Aussage zutreffen, dass weder im In- noch im Ausland jemand daran glaubte. Mir scheint aber auch die erste Variante nicht abwegig.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

es stimmt, dass im Deutschen – zumindest in seiner Standardvariante – die doppelte Verneinung zu einer bejahten Aussage führt:

Ich habe nie nichts gesagt.
= Ich habe immer etwas gesagt.

Sie haben niemandem nichts geglaubt.
= Sie haben allen etwas geglaubt.

Weder im In- noch im Ausland glaubte keiner daran.
= Sowohl im In- als auch im Ausland glaubte jemand daran.

Man formuliert deshalb korrekt ohne doppelte Verneinung:

Sie blieben auch dann bei ihrer Meinung, als weder hier noch in anderen Ländern noch jemand daran glaubte.

oder

Sie blieben auch dann bei ihrer Meinung, als sowohl hier als auch in anderen Ländern keiner mehr daran glaubte.

Und trotzdem bin ich bei Ihrem Beispiel für die erste Variante:

Sie blieben auch dann bei ihrer Meinung, als keiner mehr daran glaubte, weder hier noch in anderen Ländern.

Das liegt nicht daran, dass ich mich plötzlich zur doppelten Verneinung bekehrt hätte. Nein, ich bin einfach der Meinung, dass hier keine doppelte Verneinung vorliegt, weil die Wortgruppe weder… noch… als Nachtrag sozusagen aus dem Satz ausgelagert wird. Die Verneinung im Satz hat deshalb keinen Einfluss mehr auf den Nachtrag. Der Nachtrag gehört nicht zu ihrem Wirkungsbereich, so dass die Verneinung im Satz und die Verneinung im Nachtrag einander nicht aufheben.

Ich weiß, dass dies keine wissenschaftlich fundierte Argumentation ist, aber so scheint es im Deutschen zu funktionieren: Nachträge zu etwas Verneintem gehören nicht mehr zum Wirkungsbereich der Verneinung und müssen deshalb ggf. ebenfalls verneint werden. Weitere Beispielpaare a) ohne Nachtrag und b) mit einem Nachtrag:

a) Sie hatte weder im Haus noch im Garten jemanden gesehen.
b) Sie hatte niemanden gesehen, weder im Haus noch im Garten.

a) Ich habe auch zu Hause nie geraucht.
b) Ich habe nie geraucht, auch nicht zu Hause.

a) Sie können nirgendwo jemanden für diese Aufgabe finden.
b) Sie können niemanden für diese Aufgabe finden, wirklich nirgendwo.

Ich hoffe, dass dies dazu beitragen kann, Ihre Zweifel an der Variante zu beseitigen, die Sie zu Recht für nicht abwegig halten. Es ist die richtige, weil ein Nachtrag separat verneint sein will. Zweimal verneint ist nicht immer doppelt verneint.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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